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Älter werden – Familienbilder

Von Claudia Kilian

„Ohne Kinder zu leben, habe ich über Jahrzehnte geübt und gelernt. (Mir fallen gerade keine besseren Worte dafür ein.) Nicht gerechnet habe ich damit, wie sehr ich ausgeschlossen werde, in der nachfolgenden Generation.“

„Die Tante ist eine Rolle, die die heutige Gesellschaft gerade noch zulässt. In der nachfolgenden Generation – als Großtante – bleibt keine Rolle übrig.“

Ich habe das tatsächlich geschrieben. Getwittert und auf Facebook in die Welt hinaus gepostet. Impulsiv, und trotzdem ist es etwas, das mich schon lange beschäftigt.

Ein Gefühl, eine Emotion, die mich umtreibt. Ja! Ich weiß, dass mich niemand bewusst ausschließt. Ich weiß, dass da etwas in mir rumort, das tiefer geht. Ganz tief. Ich weiß, dass es sinnlos ist, es zu ignorieren, denn es wird weiterbrodeln, wenn ich mich nicht damit beschäftige. Es wird aus mir einen unruhigen Geist machen, ein Gespenst, das es nicht lassen kann, in anderen Leben rumzuspuken. Das will ich nicht.

Noch ehe ich mich versehe, werden mir im Netz Fragen gestellt, Denk-Impulse gegeben und Ratschläge erteilt. Ich taste mich langsam vor und verstehe, dass ich wirklich analysieren muss, was in mir vorgeht. Denn etwas rational zu analysieren und zu strukturieren, das mich in große Gefühlverwirrungen bringt, war immer mein Weg, Lebenserfahrungen zu verarbeiten.

Also worum geht es genau? Es geht um das Älter werden. Es geht darum, eine Rolle zu finden. Es geht um Familie. Es geht um Glück. Es scheint, als ginge es um das ganze Leben. Damit es nicht so umfangreich wird und der Artikel nicht wie der Berliner Flughafen an seiner eigenen Komplexität scheitert, nehme ich mir zunächst das Thema Familie sprich Verwandtschaft vor.

Familien sind kompliziert. Das ist allgemein bekannt. Die Familien der Kriegskinder haben ihre eigene Kompliziertheit. Aber es spielt wahrscheinlich gar keine so große Rolle, woher die Kompliziertheit herrührt. Wichtig ist eher, was sie mit uns macht.

Manch eine bricht mit ihrer Familie und geht eigene Wege. Baut sich ein selbst gewähltes Netzwerk an freundlichen Menschen auf. Das ist ein Weg, den ich gut nachvollziehen kann. Aber es gibt eben auch noch andere Aspekte.

Bei mir sind es die Bindungen, die Beziehungen, die in der Kindheit gelegt wurden, die sehr sehr stark ausgeprägt sind. Jetzt stehe ich kurz vor meinem 60. Lebensjahr und schaue viel zurück und auch nach vorne. Ich möchte mich meiner familiären Verantwortung stellen.

In der Eltern-Generation gab es dazu keine Vorbilder. Familie und Verwandtschaft war ein Quell der Konflikte, der Spannungen und der Aggressionen. Da wurde auf den Putz gehauen, gewirbelt und gestritten. Das Talent zur Versöhnung schien nicht in den Genen meiner Vorfahren zu liegen.

Meine Geschwister haben sich aufgemacht und neue Familien gegründet. Sie haben es sich nicht leicht gemacht, um Verantwortung und stabile soziale Beziehungen innerhalb der Verwandtschaft zu entwickeln. Es war eine große Aufgabe, ein Weg, der Schritt für Schritt gefunden werden musste. Dazu mussten verschiedene Rollen gefunden werden, für die es noch keine Vorbilder gab.

Ich bin die einzige Person in dieser Generation ohne Kinder. Deshalb gehe ich in diesem Großfamilien-Gefüge immer einen getrennten Weg. Die einzige zu sein, heißt auch immer, außerhalb der Rolle zu leben.

Ich bin an einer Abzweigung angelangt. Dieses Gefühl der Ausgeschlossenheit ist eine Warnung an mich. Ein Hinweis, dass ich mein Weltbild und mein Rollenverständnis ändern muss, wenn ich meine Beziehung zur nachfolgenden Generation stärken will. Ich möchte ungern die skurrile Tante abgeben. Ich will meinen Platz in der sich verändernden Familiengeschichte finden.

Autorin: Claudia Kilian
Eingestellt am: 08.11.2019
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Petra Mannig sagt:

    Ja, ja, ja….. mir geht es in der Familie ganz genauso. Ich würde sehr gerne weiter damit spazieren gehen und die Familien und Gesellschaft damit konfrontieren.

    Danke für deinen Beitrag.

    Petra Mannig 61 Jahre, keine Kinder

  • Omama sagt:

    Tatsächlich geht es mir als Mutter und Oma auch ein bisschen so, dass ich mich von den nachfolgenden Generationen ausgeschlossen fühle. Ich tue viel dafür, den Kontakt zu beiden Töchtern zu halten und den zu den drei Enkeln auf zu bauen. Und frage mich dabei, ob das in früheren Zeiten wirklich alles von alleine passierte.

  • Danke für das Lob!

    Konfrontation ist nicht mein Anliegen.
    Kommunikation schon eher.

    Mir scheint, ich bin da über einen Graben gestolpert, dessen Abgrund mir nicht bewusst war.

  • christine sagt:

    Ich hatte eine Großtante und einen Großonkel,
    die hatten miteinander ein Kind. Dieser Sohn heiratete und zog weit weg. Die Enkelkinder waren Enkelkinder. Weit weg, mit ihren eigenen jeweiligen Sorgen und Bedürfnissen beschäftigt.
    Großtante und Großonkel kamen zu uns öfters auf Besuch – zum Stefanietag immer, ab und zu – für mich als Kind überraschend, aber eventuell angemeldet – auch sonntags. Nach dem Tod des Großonkels und ihrer Pensionierung blieb das so. Sie kam zu den den Hochzeiten meiner Geschwister, wurde wie eine enge Verwandte sofort besucht, wenn sie ins Krankenhaus kam, und kam jemand in ihrer Wohnstadt vorbei, war es selbstverständlich bei Pepitante vorbeizuschauen. Sie wurde eingeladen, besucht und geliebt. Ja, geliebt. Für mich war es schwer, meinen Mann zu erklären, warum sie mir als Großtante so wichtig war. Aber er checkte schnell, dass sie einfach dazu gehört.
    Als vor kurzem ihre Wohnung geräumt wurde, rettete ich alles an noch vorhandenen, persönlichen Unterlagen von ihr. Ich staunte sehr, als ich feststellen musste, dass seit meinen ersten Urlauben jedesmal auch eine Karte an sie ging. Von meinen Geschwistern lassen sich fast alle Urlaube damit eruieren. Auch andere Nichten und Neffen, Großnichten und Großneffen schrieben.
    Warum? Ich weiß es nicht. Immer wieder da sein, mitfeiern, keine Urteile abgeben, sich freuen beim Sehen, interessiert sein ohne Neugier, gutes Verhältnis zu den Eltern haben? Ich weiß es nicht. Aber Großtante und Großonkel wohnen noch immer in mir, ganz tief drin.

  • @ Omama: Das ist eine Situation, die nicht nur dich trifft. Im wahrsten Sinn des Wortes: denn es trifft uns ins Herz. Aber es ist ein Problem, das sich tief in der Generationenverteilung – auch da muss ich passen und finde kein geeigneteteres Wort – verwurzelt hat.
    Familie ist mehr als nur das, was wir daraus machen.

  • Du beschreibst uns eine wunderschöne Großtanten-Rolle.
    Schön, dass sie es in Deinem /euren Leben gab.

    Wir – die Großtanten und Großmütter unserer Generation werden unsere eigenen Wege gehen müssen, wenn wir Spuren hinterlassen wollen.

  • Guten Tag Frau Kilian
    und herzlichen für das Teilen Ihres Gedankengutes.
    Ich kann Sie verstehen, mir geht es ähnlich.
    Verwandt zu sein bedeutet nicht unbedingt zur Familie zu gehören. Diese Gefühle habe ich in den letzten JAhren auch durchlebt. Geschwister und Kusinen mit welchen ich immer sehr verbunden war und das Leben geteilt habe, sie leben jetzt ihre eigenen Leben mit Enkeln und die kennen mich kaum mehr. Ich gehöre nicht mehr dazu. Die einzigen welche das wirklich nachvollziehen könne, sind ein Cousin und seine Frau welche auch keine Kinder haben und sich auch ein eigenes Netz aufgebaut haben.
    Dummerweise bin ich vor 13 Jahren auch weg gezogen, zwar nur 120 km, aber ins Ausland… und ich reise weniger in die alte Heimat und dann ist meine Familien auch noch über halb Europa verteilt.
    Nachdem einige eigenartigen Aussagen gefallen waren und ich einige Tiefs und viel Trauer durchwatet habe führte ich paar sehr wichtige Gespräche mit wichtigen Personen aus diesem Familiengefüge. Ich bin gestärkt daraus heraus gekommen. Im Moment belastet es mich nicht. Ich werde die skurile Tante und vielleicht dann halt auch Grosstante oder „Grosscousinentante“ sein, nicht fassbar, taucht auf wann sie will – und ist schon wieder weg.
    Es war mir aber sehr wertvoll zu lesen, dass es anderen ebenso geht. Frau fühlt sich so beschämt mit diesen Gedanken die lange nicht wirklich fassbar sind. Nun freue ich mich wieder aufs älter werden.
    Herzliche Grüsse
    Madelaine Balmer
    8.11.2019

  • MAdelaine Balmer sagt:

    @ christine
    welche wunderbare Familienrolle diese Grossonkel und Grosstante hatten!
    Meine Stiefmutter hatte solch eine Rolle bei ihren vielen Neffen, Nichten und auch deren Kindern. Du schreibst:
    „Immer wieder da sein, mitfeiern, keine Urteile abgeben, sich freuen beim Sehen, interessiert sein ohne Neugier“, dass ist wohl ganz der Zauberspruch. So ähnlich habe ich meine Stiefmutter erlebt in ihrer Familie aber auch mir gegenüber

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Claudia, ich liebe deine Gedankensprache!

  • @Fidi: Danke! Dieses Lob bedeutet mir viel.

  • Johanna Helen Schier sagt:

    Das Familienproblem ist — was soll ich sagen,
    sehr speziell. Mit dieser besonderen Problematik und
    Bedeutung des Großtantenansatzes habe ich mich noch nicht befasst und bin überrascht, wie vielfältig er sich
    ausdrückt.

  • @Madelaine Balmer: Es tut mir gut zu lesen, was Sie schreiben, denn daran merke ich, wie viele Aspekte und Perspektiven es dabei gibt. Auch unterschiedliche Wege damit umzugehen.

    @Johanna Helen Schier: ich verstehe nicht ganz, ob mit „das Familienproblem“ nur meine geschilderte Erfahrung gemeint ist, oder ob es sich auf die verschiedenen Familienbilder und Familienprobleme bezieht.

  • Johanna Helen Schier sagt:

    Es scheint ein bisher vernachlässigtes Forschungsgebiet zu sein. Die Familie endet nicht bei den Großeltern
    und verwandschaftliche Beziehungen über die Kleinfamilie hinaus, zum Beispiel zu den Großtanten, haben in Zukunft
    vielleicht eine wachsende gesellschaftspolitische Bedeutung?

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