beziehungsweise – weiterdenken

Forum für Philosophie und Politik

Rubrik denken

Mithilfe feministischer Science Fiction neue Welten denkbar machen

Von Anne Newball Duke

Der erste Teil dieses Aufsatzes erschien unter dem Titel „Utopisch denken! Plädoyer für das Ende eines Tabus“.   

Zum wissenschaftlichen Umgang mit literarischen Utopien

Caspar Battegay definiert im Sinne der literarischen Utopie Erzählung folgendermaßen: „Das Mögliche kann neben dem Erfundenen immer auch als das bestimmt werden, von dem immer erzählt werden muss.“ (2018, 34) Ich erkenne in diesem Erzähltwerdenmüssen die unbedingte Sehnsucht des Menschen zu utopischem Denken. Das Erzählen bringt also mitnichten nur eine Sonderwelt neben der wirklichen Welt hervor, sondern sie wirkt – so Albrecht Koschorke – in die gesellschaftliche Praxis hinein und ist selbst ein bestimmendes Element dieser Praxis, was wiederum die Verbindung zwischen Erzähl- und Kulturtheorie stiftet (vgl. 2012, 25). Literatur als eine Erzählform ist somit integraler Bestandteil einer jeden Kultur. Zum richtigen Einordnen von literarischen Utopien und ihrem Wirken ist es fundamental wichtig zu verstehen, dass es sich hier um Literatur handelt (und nicht um gefährliche Gebrauchsanweisungen für Diktatoren und solche, die es werden wollen, wie ihnen gerne nachgesagt wird) und mit literatur- und kulturwissenschaftlichen Verfahrenstechniken analysiert werden muss. Und auch wenn dazu spezielle methodische Zugänge notwendig sind – jede Gattung und jedes Genre erfordert ja ein spezifisches Methodeninventar – können literarische Utopien genauso wie andere Literaturformen auf die Wirklichkeit zurückgebunden werden. Nicht im Sinne der Frage, die an (besonders gerne an weibliche) Schriftsteller*innen herangetragen wird: Wieviel Autobiografisches steckt in dem Roman? Sondern im Sinne von inwiefern und wie ist der fiktional vermöglichte Weltentwurf diskutierbar? Auf welchen Annahmen baut er auf? Wie wird Sprache eingesetzt, um beispielsweise die utopische Welt von der real-fiktiven zu unterscheiden? Das sind viel gewinnbringendere Fragen als jene Aussage (nicht einmal Frage!), die bisher so oft unproduktiverweise über die jeweilige literarische Utopie hereinbricht: Das ist ein Vorschlag zur Umsetzung. Diese bereits pauschal zuvor (!, das heißt, das Tabu wirkt bereits vor der Analyse, und das Ergebnis oder vielmehr das Urteil ist damit bereits zuvor gefällt) getroffene Aussage lässt natürlich die „normalen“ Leser*innen nur mit Angst und Abwehr reagieren und mit der Realisierbarkeits-, Realitätsferne- und Gefahrenkeule um sich hauen. Genau hier wird jegliches utopische Denken, das mit der speziellen literarischen Utopie hätte angeregt werden können, im Keim erstickt. Das soll nicht heißen, dass sich Sozial- und Politikwissenschaftler*innen gar nicht mit der literarischen Utopie beschäftigen dürfen; es wäre allerdings gewinnbringend, wenn beispielsweise gerade die Fragen zum komplexen und vielschichtigen Zusammenspiel der triadischen Beziehung des Realen, Imaginären und Fiktiven zuvor von der Literaturwissenschaft einigermaßen beantwortet worden sind. Erst dann, also aufbauend auf den literaturwissenschaftlichen Analysen, sollten Forschungen der Politikwissenschaften komplementär andocken.

Zur adäquaten Erforschung von literarischen Utopien gehört, wie ich finde, auch die Analyse ihrer Wirkung und Wirkungsgeschichte. Hier müsste nicht nur die Rezeptionsästhetik, sondern auch die Kognitionswissenschaften, vor allem die Neurowissenschaften hinzugezogen werden. So hat Siri Hustvedt in ihrer in diesem Jahr herausgegebenen Essaysammlung Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen Forschungsergebnisse der Neurowissenschaften auf höchst spannende Art und Weise diskutiert, die sich mit der Wirkung des Romanlesens auf die Lesenden beschäftigen.

Literarische Utopien stellen mehr als jede andere Literaturform ganz konkret und prioritär die Fragen an die realen jetzt-lesenden Menschen: Was ist dran an dem von Zukunftsmenschen und Aliens gezeichneten Menschenbild? Inwiefern können sich die Menschen in dem jeweiligen Roman ändern und wie geschieht dies? Und sie werfen uns Leser*innen auf unser ganz konkret gelebtes Leben und Menschsein zurück und fragen indirekt: Wollen wir wirklich die Katastrophe riskieren? Und wenn nicht: Was wollen wir dann? Wie wollen wir leben? In welchen Beziehungsweisen wollen wir leben? Die Fragen, die literarische Utopien in mir aufrühren, haben unglaublich aktivierendes Potenzial. Mit ihnen ist das Begehren gewachsen, die „Wahrheit essen zu können“, wie PeterLicht im Chipslied singt.

Utopische Ideen in Bewegung

Es ist enorm wichtig, so wie Julia Fritzsche es ihrem Buch Tiefrot und radikal bunt (2019) tut und wie auch Alexander Neupert-Doppler es fordert, nach schon bestehenden utopischen Ideen in Bewegung Ausschau zu halten, aber es reicht meines Erachtens nicht aus; ich möchte zumindest ein neues Mosaiksteinchen hinzufügen. Denn die patriarchal-kapitalistische Gesellschaftsordnung ist stark und flexibel. Sie zerbricht, was ihr nicht in den Kram passt, früher oder später. So war es bisher. Nur innerhalb ihres Rahmens kam und kommt es in unterschiedlichen Orten dieser Welt zu unterschiedlichen Veränderungen (zumeist, wenn wir genauer hinschauen, nur zu Verschiebungen). „Viel guter Wille, wenig Fortschritte“, bringt es der Titel eines Artikels in der E&W  (Erziehung und Wissenschaft. Zeitschrift der Bildungsgewerkschaft GEW) mit dem Ausgabe-Schwerpunkt auf nachhaltige Entwicklung, der gerade aufgeschlagen auf meinem Sofatisch liegt, ziemlich gut auf den Punkt. Wir hier weit im Westen glauben uns schon weit vorangeschritten in Sachen Emanzipation und Frieden. Dabei vergessen wir oft, dass das für den Großteil der Menschheit nicht zutrifft. Auch hier sei Greta Thunberg zitiert: wir sind – zumindest bisher noch – die „lucky ones“. Dieses „Glück“ haben wir nur, weil wir größtenteils auf der Sonnenseite des Kapital_ismus[1] leben. Es kommt so sehr in jeder Faser unseres Seins und Denkens vor, dass wir oftmals eigene Unfreiheiten gar nicht mehr als solche erkennen oder leicht verdrängen können; vor allem wenn wir unser Leben vergleichen mit dem Leben jener, die in den Krisenregionen dieser Welt leben oder sich auf der Flucht befinden.

Narrative – so Albrecht Koschorke – sind sozial und politisch gesehen enorm mächtig. Gerade durch ihre Irrealität verfassen sie die Wirklichkeit und entfalten Bindungs- und Identifizierungskraft, z.B. in der Form von Mythen oder heiligen Texten. So könnten meines Erachtens auch literarische Utopien mächtige Erzählformationen hervorbringen. Denn gerade wenn die Fakten gar nicht so klar vor Augen liegen – und so ist es doch immer, wenn wir von der Zukunft reden – bedarf es zur Deutung von wissenschaftlichen Erkenntnissen und ihren Prognosen geradezu eines so machtvollen Mittels wie der Erzählung.

Spannung – gerade im reflektierenden Abgleich zwischen Realem, Möglichem und Erfundenem durch die Lesenden – entsteht, eben weil literarische Utopien auf die Wirklichkeit hinzielen, ‚als ob‘ sie diese verändern könnten. Und ich denke, hier entsteht der Glaube an die „Gefahr“ der literarischen Utopie, denn sie hat womöglich ein viel größeres transformatorisches Potenzial, als wir bisher annehmen. Was ist, wenn von der literarischen Utopie, vor deren Kreieren auch bis heute alle Utopieforscher*innen eindringlich warnen, nur die Gefahr für diese aktuelle Gesellschaftsordnung ausgeht? Was, wenn gerade positive literarische Utopien vielmehr Chancen und Ideen für neue Formen des Miteinanderlebens auf dieser Welt bergen, und sie also nur so lange „unzeitgemäß“ waren, wie wir uns pudelwohl und gut in dieser bestehenden Ordnung gefühlt haben und dafür das leise, aber stetige Knirschen, das wir sicherlich alle mehr oder weniger stetig fühlen und spüren, gut verdrängen konnten?

Feministische Science Fiction hilft und regt das Nachdenken über unser Jetzt-Sein und -Wirken gerade durch den radikalen Außenblick von Lebewesen ferner und fremder Zeiten, Welten und Galaxien auf unser dann schon vergangenes Sein und Wirken an. Wenn wir nur öfter eine solche Außenperspektive einnähmen, würden wir vielleicht weniger fatalistisch oder lethargisch und – Verzeihung – treudoof zukunftsoptimistisch sein im Sinne von: Das wird schon irgendwie. Wir schaffen es sicher noch rechtzeitig, das Ruder rumzureißen. Technologien und so. Wie nun können wir einen solchen Außenblick entwickeln, ihn schulen, ihn regelmäßig praktizieren? Denn ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass wir gar keine andere Wahl haben, als uns diesen anzueignen. Das Knirschen muss sich nicht erst in eine lebensbedrohliche Krise auswachsen; ob es sich nun auf individueller Ebene um eine sozial- und politikinduzierte Depression oder auf gesellschaftlicher Ebene um das Sterben von Menschen im Krieg, im Mittelmeer oder dem Sterben aller möglichen Lebewesen durch die bereits existierende Klimakatastrophe handelt

Feministische Science Fiction nährt in den Leser*innen philosophische Fragestellungen

Fragen, die sich mir auch aus der Lektüre feministischer Science Fiction ergeben, sind in höchstem Maße philosophisch, beginnen wieder ganz am Anfang, beginnen wieder bei den allgemeingültigen Prinzipien, die sowohl das Sein als auch das Denken regeln. Was macht unser Menschsein eigentlich aus? Welche menschlichen Fähigkeiten und Möglichkeiten führen dazu, ein gutes Leben für alle Lebewesen dieser Welt zu erreichen? Weitere spannende utopische und spekulative Fragen schließen sich an. Was würde beispielsweise ein gegenseitiges und wahrhaftes Vertrauenkönnen auslösen, das einzig auf der Prämisse aufbaut, dass jeder einzelne Mensch das gute Leben für alle Lebewesen will? Wie utopisch meine Fragen auch sein mögen: Fakt ist, dass die synaptische Plastizität, also die Lernfähigkeit von Hirnsystemen, ein angeborenes Merkmal eines jeden Menschen ist. Die Frage ist nun, für welche Lernprozesse wir dieses Merkmal nutzen. Wichtig zu verstehen ist: Wir sind keine Immer-so-weiter-Wesen, es ist nur bequem (für uns momentan noch!), das zu glauben. Schauen wir uns beispielsweise an, welche Veränderungen wir schon immer einfach so an uns selbst und an anderen akzeptieren: Wenn eine Literaturwissenschaftlerin mit idealistischen Zielen an ihr Studium gegangen ist, nämlich um die Welt durch Literatur verstehen zu lernen mit der Hoffnung, mit diesem Wissen die Welt ein bisschen besser machen zu können, und „am Ende eines langen Abends“ (wieder PeterLicht) in der Marketingabteilung einer großen Automobilfirma mit guten Texten dafür sorgt, dass möglichst viele das Auto dieser Firma kaufen, dann ist das für mich eine sehr radikale Veränderung. Was macht das mit dem Begehren dieses Menschen, frage ich mich. Aber auch: Wenn eine solche Veränderung möglich ist (weil sie notwendig ist, um in dieser Gesellschaft auf einer gewissen Hierarchieebene überleben zu können), warum soll eine Veränderung nicht auch einsetzbar sein für ein Streben nach einem guten Leben für alle Lebewesen dieser Welt?

Fotos: Anne Newball Duke; aus: Suzy McKee Charnas: Tochter der Apokalypse

Dabei ist mir durchaus bewusst, dass Veränderungen auch in diese positive Richtung bereits im Gange sind: ehemalige Investmentbanker*innen stürzen sich ins Abenteuer Bauernhof oder in die Entwicklungshilfe, ins Sabbatjahr etcpp. Meine Frage ist aber: Warum geraten so viele gute Ideen und Ansätze, viele Bewegungen und Menschen, gerade Frauen, gerade Feministinnen, immer wieder in Vergessenheit? Reicht es, sie immer und immer wieder sichtbar zu machen? Und ist die Gefahr geringer geworden, dass sie auch ein zweites oder drittes oder viertes Mal vergessen werden? Ein ganz aktuelles Beispiel: In der Kulturzeit am 18.11.2019 wird über bisher wenig rezipierte und wahrgenommene Frauen der Münchner Frauenbewegung um 1890 berichtet – so u.a. Anita Augspurg, Sophia Goudstikker und Gabriele Reuter –, deren Leben und Wirken (viele von ihnen waren Schriftstellerinnen) jetzt mit Ingvild Richardsens „Leidenschaftliche Herzen, feurige Seelen“: Wie Frauen die Welt veränderten (Fischer 2019) erneut ans Licht geholt und damit erinnert wird. In dem Kulturzeit-Beitrag sagt Richardsen: „Wenn es für nirgendeine dieser Frauen eine Erinnerungstafel gibt, finde ich das sehr bedenklich.“ Diese „Bedenklichkeit“ nun spinne ich weiter: Woran liegt also das (wiederholte und das auch heute mögliche Wieder-) Vergessen und wer profitiert davon? Das utopische Denktabu ist meines Erachtens nicht nur ein möglicher Zügler des Auskostens von utopischem Denkvermögen, sondern eben auch ein Werkzeug des Vergessens von Menschen mit utopischem Denkvermögen und von utopisch ausgerichteten Projekten – und hier eben fast ausschließlich solcher – oh Wunder –, die die patriarchal-kapitalistische Gesellschaftsordnung in Frage stellen oder zu überwinden suchen. Also ergibt sich daraus wiederum die Frage: Wie stellen wir sicher, dass alles, was wir erarbeiten – in diesem Forum und darüber hinaus – nicht wieder in Vergessenheit gerät? In Suzy McKee Charnas‘ Tochter der Apokalypse (Walk to the End of the World, 1974) ist alles zivilisierte Wissen nach der Katastrophe gelöscht; einzig eine Legende schafft es in die nachapokalyptische Gesellschaft: die Frauen – nein, „Weiber“ sind es! – sind an allem schuld, und deswegen ist ihre totale Unterjochung notwendig für den Erhalt der Menschheit. Eine ähnlich gelagerte Dystopie zeichnet ja auch Margaret Atwood in Report der Magd. Nur dass McKee Charnas darüber hinausgeht und in einem zweiten Band Alldera und die Amazonen (Motherlines, 1978) fernab der grausamen Männerwelt wiederum eine Gesellschaft, oder besser, zwei Gemeinschaftsformen – einmal jene der „freien Weiber“, denen die Flucht gelang, und zum Anderen jene der Amazonen (die sich eigentlich größtenteils nur „Frauen“ nennen) – auspinselt, in denen sie unterschiedlichen weiblichen Freiheitsvorstellungen und -möglichkeiten nachgeht. Eine weitere Frage, die sich bei der Lektüre stellt, ist: Was bleibt eigentlich, wenn heute oder morgen alle Technik zusammenbräche und das jahrtausendealte kulturelle Erbe in Form von Büchern etcpp. nicht mehr zugänglich wäre? Woran würden wir uns erinnern? Wenn es beispielsweise diese Plattform beziehungsweise – weiterdenken nicht mehr gäbe, wenn sie unwiderruflich gelöscht würde, wer erinnert sich dann der Frauen, die hier geschrieben haben und derer hier erinnert wird, ihrer Praktiken und Selbstverständnisse usw. usf.? Was also bleibt? Rettet uns dann dystopisches Denken (, in welchem wir äußerst geschult sind, denn Apokalypsen gibt es zuhauf in Kino, Serien und Büchern; und einziges Ziel der Held*innen ist es dann eigentlich immer oder zumindest vorrangig, die alte zerstörte Ordnung wiederherzustellen) oder vielmehr utopisches Denken?

Kooperationswille, Empathievermögen, dialektische Methode, Begehren: utopisches Denken hat viele Helfer

Für Letzteres haben wir so viele Anknüpfungspunkte. Denn Fakt ist, dass wir Menschen gern kooperieren, dass wir solidarisch miteinander sein möchten, viel mehr, als wir es momentan sein können. Und wer will schon gern, dass das Ökosystem kollabiert? Niemand verschließt doch gern die Augen vor dem seit Wochen brennenden Amazonas. Die meisten wollen ein gutes Leben für alle, und die meisten wünschen sich mehr freie Zeit, um über das eigene Leben und vielleicht auch über unser Leben und Wirken auf diesem Planeten nachzudenken. Wenn wir uns nun auf das konzentrieren und fokussieren, was wir sein wollen, wie wir leben wollen, ist das ein erster Schritt hinaus aus der momentan alles beherrschenden Ordnung. Die Lektüre feministischer Science Fiction kann durch das in ihr angelegte ganzheitliche Denken wesentliche Impulse für ein solches Denken geben, sodass die nächsten Diskussionen über die Zukunft nicht mehr von gähnender Leere oder apokalyptischen Mutmaßungen, die jegliches wahrhaft fortschrittliche Denken sofort abwürgen, geprägt sind, sondern von mutigen Vorschlägen und Ideen, welche wiederum das Nachdenken und dialektische Sprechen darüber anregen, in welchen Beziehungsweisen wir uns eigentlich am liebsten sehen würden. Die dialektische Methode anzuwenden bedeutet dabei – so wie ich sie momentan verstehe, ich befinde mich aber auch noch mitten im Verstehensprozess, man möge mir daher etwaige Unsicherheiten noch verzeihen –, sich zunächst einmal dessen bewusst zu sein, dass das „Denken und sein Gegenstand nicht miteinander zusammenfallen“ (Adorno [1958] 2017, S. 16). Gerade deswegen ist es aber zumindest die Aufgabe der Menschen, nicht von diesem Versuch abzulassen, das, was ist und passiert und also in Bewegung ist, in Worte zu kleiden; und zwar durch ein stetiges Hin- und Herlavieren zwischen dem, was ist und passiert und somit in Bewegung ist, und dem, was wir als Wirklichkeit begreifen und versprachlichen. Die auftauchenden Widersprüche und Widerstände wiederum müssten in Worte gefasst und auf ein vorläufiges synthetisches Ganzes hin reflektiert werden. Und zwar nicht, um die Welt finalistisch und positivistisch zu beschreiben, sondern um mögliche nächste Handlungsoptionen diskutierbar und verhandelbar zu machen. Der Erhalt des planetarischen Ökosystems in der Form, in welcher es sich als Mensch gut und im Einklang mit den anderen Lebewesen leben lässt, ist dabei die einzige Vorgabe. Die dialektische Methode führt also im besten Falle dazu zu fragen, warum menschengemachtes Vergangenes wann wie gedeutet wurde, aber auch, zu welchen gesellschaftlichen Entwürfen biologische Tatsachen wie das Schwangerwerdenkönnen (siehe erster Teil des Artikels) geführt haben und sodann als durchaus bewegliche Geschichten in welcher Version von wem zu welchem Zeitpunkt weitertradiert wurden, und was bei den jeweiligen Versionen – manchmal unwiederbringlich – verlorenging. Und diese Bewegung des Näherns und Prüfens, des Gegen-den-Strich-Bürstens, sollte von unserem Begehren geleitet werden, „ein[em] Begehren in großem Stil, das den Sinn für den Mangel schärft und all denjenigen, die es entsprechend aufrechterhalten, sensible Antennen verleiht“, so Luisa Muraro in Vom Glück, eine Frau zu sein (S.40). Dabei entstehende neue Ordnungen zu versprachlichen bringt dabei wiederum mit sich, Sprache neu und anders zu verwenden, es bedeutet, Gefühle und Sinneseindrücke und eben auch die Lust an utopisch aufgeladenem Denken nicht wegzudrücken, sondern all das durch Versprachlichung für das philosophische und politische Denken relevant zu machen. Es ist zumindest ein Weg, durch Miteinander-Kommunizieren und -Weiterdenken die Diskrepanz zwischen Wirklichkeit und Begehren aufzuheben. (Aber wem sage ich das auf dieser Plattform. ;) Und zum Glück muss das Rad nicht komplett neu erfunden werden, denn auch die dialektischen Bewegungen der hier Lesenden und Schreibenden können von der Lektüre feministischer Science Fiction nochmal ordentlich in Schwung gebracht werden: Es gibt geniale Vordenker*innen – im wahrsten Sinne des Wortes! Samuel R. Delany ist ein solcher. In seinem Roman Triton unterhalten sich zwei (menschliche) Bewohner*innen von unterschiedlichen Monden. Die eine ist die Spike, eine Frau, geboren auf den Eisfeldern des Jupitermondes Ganymed, die als Creative Director – so würde es wohl heute genannt werden – einer nomadischen Theatergruppe zwischen Monden, Satelliten und Welten lebt. Der andere ist Bron, der momentan auf dem Neptunmond Triton lebt, aber auf dem Mars geboren wurde. Die Spike reflektiert über die Erdbewohner, während Bron und sie sich für einen kurzen Moment auf eben dieser Erde aufhalten:

„Sie nehmen einen Gegenstand auf, und irgendwie scheinen sie ihn nicht wirklich zu erfassen. Sie sagen etwas, und ihre Worte kleiden niemals richtig ihre Vorstellungen ein. Weißt du, was ich meine?“ Er verschluckte ein paar dazupassende [sic] M’s. Die Spike lachte. „Vermutlich ist es nicht die beste Art, die interplanetarische Verständigung zu fördern und den gegenseitigen guten Willen, nicht wahr? Vermutlich muss man gar nicht wirklich denken auf einer Welt, wo alles so selbstverständlich aus dem Meer, dem Boden und dem Himmel herauskommt wie hier. […]“ (S. 229f., Hervorh i.O.)

Ich finde die Idee einfach genial und faszinierend, dass wir Erdbewohner*innen mit dem Denken noch gar nicht richtig begonnen haben. Es ist zwar traurig, dass die Menschen erst jetzt und immer noch viel zu langsam begreifen, was sie eigentlich schon immer wussten, nämlich dass eben nicht „alles so selbstverständlich aus dem Meer, dem Boden und dem Himmel herauskommt“, wenn sie genau diese „Selbstverständlichkeit“ immer mehr verbrauchen und zerstören. Egal wie spät es nun schon ist; es ist eben auch eine unglaublich große Chance, nicht nur in einer Bubble wie dieser Plattform, sondern auch darüber hinaus das „wirkliche Denken“ zu beginnen. Lassen wir uns dabei von feministischer Science Fiction anregen, setzen wir sie unserer Intelligenz als delikate Hauptspeise vor, denn Wahrheit – sei sie noch so fiktiv – können wir essen. Das ist die gute Nachricht.

Literatur:

Adorno, Theodor W.: Einführung in die Dialektik. Suhrkamp [1958] 2017.

Battegay, Caspar: Geschichte der Möglichkeit: Utopie, Diaspora und die „jüdische Frage“. Wallstein 2018.

Butler E., Octavia: – Dawn. Xenogenesis I. (1987) / Dämmerung. Erster Roman der Xenogenesis-Trilogie. Übersetzung von Barbara Heidkamp. Heyne Science Fiction & Fantasy 1991.

  • Adulthood Rites. Xenogenesis II. (1988) / Rituale. Zweiter Roman der Xenogenesis-Trilogie. Übersetzung von Barbara Heidkamp. Heyne Science Fiction & Fantasy 1991.
  • Imago. Xenogenesis III. (1989) / Imago. Dritter Roman der Xenogenesis-Trilogie. Übersetzung von Barbara Heidkamp. Heyne Science Fiction & Fantasy 1993.

Delany, Samuel R.: Triton, auch Trouble on Triton (1976) / Triton. Übersetzung von Bodo Baumann. Bastei Lübbe 1981.

Firestone, Shulamith: The Dialectic of Sex (1970) / Frauenbefreiung und sexuelle Revolution. Übersetzung von Gesine Strempel-Frohner. Fischer 1975.

Glaser, Norbert: „Viel guter Wille, wenig Fortschritte“. In: E&W. Erziehung und Wissenschaft. Bildung für nachhaltige Entwicklung. Zeitschrift der Bildungsgewerkschaft GEW 10/2019, S. 12f.

Heyer, Andreas: Der Stand der aktuellen Utopieforschung. Band 1,2 und 3. Verlag Dr. Kovač 2008-2010.

Hustvedt, Siri: Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen. Essays über Kunst, Geschlecht und Geist. Übersetzung von Uli Aumüller und Grete Osterwald. Rowohlt 2019.

Koschorke, Albrecht: Wahrheit und Erfindung. Grundzüge einer allgemeinen Erzähltheorie. S. Fischer Verlag 2012.

McKee Charnas, Suzy: Walk to the End oft he World (1974) / Tochter der Apokalypse. Übersetzung von Thomas Ziegler. Knaur 1983.

  • Motherlines (1978) / Alldera und die Amazonen. Übersetzung von Thomas Ziegler. Knaur 1984.

Muraro, Luisa: Vom Glück, eine Frau zu sein. Übersetzung von Traudel Sattler. Christel Göttert Verlag 2019.

Neupert-Doppler, Alexander: Utopie. Vom Roman zur Denkfigur. Schmetterling Verlag 2015.

Piercy, Marge: Woman on the Edge of Time (1976) / Frau am Abgrund der Zeit. Übersetzung von Karsta Frank auf Grundlage der  1986 bei Heye erschienenen Übersetzung von Norbert Werner und Hertha Zidek, Argument-Verlag 1996 (Zweite Reihe 2015).


[1] Die Idee mit dem Unterstrich entleihe ich von Lothar Galow-Bergemann. Er möchte mit dieser Kennzeichnung die Betonung auf den vorderen Teil der Wortzusammensetzung verschieben, also auf „Kapital“, welcher gerne einfach verschluckt und oft nicht so analysiert wird, wie es erforderlich wäre, um diesen _ismus in seinem Aufbau und Wirken zu verstehen.

Der erste Teils des Artikels lautete: Utopisch denken! Plädoyer für das Ende eines Tabus.   

Autorin: Anne Newball Duke
Redakteurin: Juliane Brumberg
Eingestellt am: 29.11.2019
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Ute Plass sagt:

    „Die auftauchenden Widersprüche und Widerstände wiederum müssten in Worte gefasst und auf ein vorläufiges synthetisches Ganzes hin reflektiert werden. Und zwar nicht, um die Welt finalistisch und positivistisch zu beschreiben, sondern um mögliche nächste Handlungsoptionen diskutierbar und verhandelbar zu machen. Der Erhalt des planetarischen Ökosystems in der Form, in welcher es sich als Mensch gut und im Einklang mit den anderen Lebewesen leben lässt, ist dabei die einzige Vorgabe.“

    Ja, eine wahrhaft komplexe und alles andere als immer leichte Aufgabe. Bleiben wir dran…. ✨

  • Danke für den Artikel und insbesondere auch für den Hinweis auf Delany, den ich schon länger mal lesen wollte. Die Idee, dass Menschen noch gar nicht denken, ist sehr klasse, weil es natürlich sofort Phantasien darüber auslöst, was alles möglich wäre, wenn wir mal damit anfangen würden!

    Übrigens hat gerade auch die Zeitschrift Wir Frauen ein Heft zum Thema Utopien gemacht – https://wirfrauen.de/ – ich habe es aber noch nicht gelesen. Der Hauptartikel handelt aber wohl von Dystopien.

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