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Rubrik denken

Utopisch denken! Plädoyer für das Ende eines Tabus.

Von Anne Newball Duke

Dreh- und Angelpunkt meines Nachdenkens ist die These, dass in jedem Menschen utopisches Denkvermögen als Möglichkeit angelegt ist. Vielleicht klingt das für einige gar nicht mehr so neu und provokant – schon gar nicht den Leser*innen auf dieser Plattform; und es erscheint auch nicht mehr so provokant wie noch vor gut einem Jahr, als ich mit der Arbeit an diesem Thema begann. Seitdem mehren sich nämlich die Aufrufe zum Entwerfen von Utopien. Gemeint sind aber häufig noch immer nur halbherzig gemeinte und nur in partielle Lebensbereiche hineinreichende Utopien.

Bei der Frage nach dem utopischen Denkvermögen gehe ich von meinem eigenen Begehren aus, neue freiheitliche Gesellschaftsordnungen jenseits der patriarchal-kapitalistischen Gesellschaftsordnung zu imaginieren. Viele Jahre suchte ich vergeblich nach solchen Entwürfen, die meinem Denken Futter hätten geben können. Erst mit der Entdeckung der französischen, aber vor allem der US-amerikanischen feministischen Science Fiction der 1970er bis weit hinein in die 1990er Jahre, fühlte ich ein Ende der Melancholie und der Einsamkeit nahen. Bis dahin dachte ich wirklich, ich sei die Einzige auf dieser Welt, die die Mär vom „Ende der Geschichte“ nicht glaubte. Als ich die ersten Werke von Monique Wittig, Joanna Russ, Marge Piercy, Ursula K. LeGuin, Samuel R. Delany, Suzy McKee Charnas, Octavia E. Butler und vielen anderen las, wurde mir klar, dass fast nichts, was ich bisher über literarische Utopien[1] gelesen hatte, stimmte. Sie waren weder statisch noch starr, schon gar nicht langweilig oder dogmatisch. Ganz im Gegenteil: Gehirn, Herz und Bauch vibrierten wieder im Einklang. Endlich.

Die Wirkung des Bilderverbotes

Diskussionen über die Zukunft verknüpfe ich seitdem mit Zitaten aus den Büchern; und jede Diskussion nimmt von da an neue, ungeahnte Richtungen an. Menschen, die ich mit Gedanken aus den Büchern beträufle, werden sich ihres utopischen Denkvermögens gewahr und aktivieren es. Etwas scheint wie ein lästiger schwerer Schleier von ihnen zu fallen, und ich beobachte gern, wie er fällt: als wenn hinter ihm eine Form von Freiheit schlummerte. Bei dem Schleier handelt es sich um das Bilderverbot, das gerade im deutschsprachigen Raum von konservativer (Saage, Popper etcpp.) und von linker (Adorno, sogar Bloch) Seite über Jahrzehnte propagiert wurde: Denke ruhig utopisch, aber denke irgendwie dann doch nicht ZU utopisch, denn das ist gefährlich, pinsle NIEMALS zukünftige Gesellschaftsformen aus! ‚Wo ist dann die Grenze zwischen erlaubt und verboten, das ist ja echt anstrengend zu wissen, also lasse ich es gleich‘, war vielleicht bei vielen Rezipient*innen, die eventuell utopische Impulse in sich spürten, die Reaktion. Und dann all die negativen Seiten der positiven Utopie – so vor allem die Utopieforscher Saage und Popper, an denen bis heute niemand vorbei kommt: Sie verfechte falsche Rationalität, unterliege trügerischem Denken, sei auf das Ende fixiert und somit sei ihr Gewalt inhärent. Alle, die da noch ein Funken und Glimmen, herrührend von utopischer Denklust, in sich verspürten, gossen spätestens jetzt endgültig kaltes Wasser drauf. Das schmerzte kurz, aber man hatte ja immer noch die Melancholie und den Sarkasmus, und zur allergrößten Not auch noch den Hass. Interessant bei dem Argument der „Fixiertheit auf das Ende“ ist, dass Fukuyamas „Ende der Geschichte“ hingegen jahrzehntelang positiv oder zumindest „neutral zustimmend“ besprochen wurde. Bedeutet das – im Angesichte der Vorwürfe an die literarische Utopie, dass diese unsere reale Gesellschaft keine Gewalt in sich trägt? Oder verbirgt sich hier nicht wieder einmal lediglich eine durch und durch patriarchal-kapitalistisch durchtränkte Deutungsmacht, für deren Profiteur*innen die real existierende Gewalt an Frauen und Minderheiten in der real existierenden Gesellschaft nicht spürbar und daher unsichtbar ist? Wie dem auch sei: Das Resultat dieses Denktabus war enorm: über Jahrzehnte projizierten Menschen Zukunft nur noch ins Private: wo sehe ich mich beruflich in fünf Jahren wann bauen wir ein Haus wann bekommen wir welches und wie viele Kinder wie werden unsere Kinder wohl die Schule meistern hoffentlich legt sich die „jugendliche Rebellion“ hoffentlich werden sie „erwachsen“, was gleichbedeutend war und noch immer ist, sich in die bestehende (gemeint ist die patriarchal-kapitalistische Gesellschaftsordnung; das wird von den Eltern oft nicht dazugesagt, aber ich sage es hier mit Absicht ständig und immer wieder) Ordnung einzufügen, um in dieser überhaupt und vor allem weitestgehend unbehelligt bestehen zu können. Bewegst du dich in ihrem Rahmen und stellst sie nicht in Frage, bekommst du auch keinen Ärger, war im Grunde die Message der jeweils Alten an die jeweils Jungen. (Vor diesem Hintergrund des „Generationenkonflikts“ ist es übrigens wahnsinnig geil, Suzie McKee Charnas‘ Tochter der Apokalypse zu lesen, aber das hier nur so am Rande…)

Der menschliche Widerspruch: Intelligenz versus hierarchisches Denken

Wie ist es möglich, dass wir uns für intelligente Wesen halten und dennoch geradewegs darauf zusteuern, uns im Glauben, die einzig mögliche Gesellschaftsordnung zu bewohnen, selbst zu vernichten? Und da reden wir noch nicht von all den Lebewesen dieser Welt, die wir schon ausgelöscht haben und gerade auslöschen. Während ich diesen Artikel schreibe, brennt der Amazonas seit fast vier Monaten und es bricht mir jeden Tag aufs Neue das Herz. Sind wir wirklich zu nichts anderem fähig, als unserer Vernichtung sehenden Augen entgegenzueilen? Oder hält uns wirklich die fatale Hoffnung, dass sicher nicht alle sterben werden, und garantiert nicht WIR/ICH? Und dann? Denken wir nicht darüber nach, was das dann für ein Leben wäre? Wäre es lebenswert?

Um diese Unfähigkeit zu politisch-gesellschaftlichem utopischem Denken zu verstehen, ist es meines Erachtens wichtig, das Ausmaß des Bilderverbots zu begreifen und zu hinterfragen. Denn lange – und außerhalb einer gewissen progressiven Debatte um gesellschaftliche Neuentwürfe bis heute unangetastet – herrschte die Meinung, man könne nur zwischen dieser jetzigen Gesellschaftsordnung oder der kommunistischen Diktatur á la Sowjetunion wählen. Tja. Was sollte auch sonst noch vorstellbar sein. Nichts. Leere. Gedankliche Ödnis. Grauen. Schnell zurück ins gemütliche Hier und Jetzt, in dem es bei näherer Betrachtung (und „nah“ bedeutet hier „extra ungenau“ bzw. reicht nicht über das nächste Sofakissen hinaus) soooo schlimm doch nun auch wieder nicht ist. Sind wir wirklich nicht fähig, uns aus der patriarchal-kapitalistischen Gesellschaftsordnung hinauszudenken, nur weil wir alle von Kopf bis Fuß darin verstrickt sind? Unterfordern wir damit unser Intelligenzvermögen nicht massiv? (Fiktive) Menschen aus der Zukunft, die noch gerade so nach einer Katastrophe die Biege bekommen haben (so in Marge Piercys Frau am Abgrund der Zeit) und Aliens, die die letzten unserer Spezies nach einem weltvernichtenden Krieg evakuieren müssen (die Oankali und Ooloi in Octavia E. Butlers Xenogenesis-Trilogie), sind jedenfalls dieser Meinung. Wir Jetzt-Menschen halten uns für das Maximum? Besser hätten wir es bis dato nicht machen können? Zukunftsmenschen, die die Katastrophe überlebt haben, und auch Mondbewohner und Aliens zeigen uns in brutalster und für uns äußerst ungemütlicher Klarheit auf, dass die „paar Abstriche“ und „Kollateralschäden“ der patriarchal-kapitalistischen Gesellschaftsordnung wie – ich zähle jetzt ungeordnet, bei weitem unvollständig und kategorienlos auf – die Hexenverbrennungen, der Kolonialismus, Genozide, Sklaverei, Antisemitismus, Holocaust, Rassismus, zwei Weltkriege und viele andere Kriege mehr um Ressourcen und geopolitische Vorherrschaft, stetig zunehmende Zerstörung der Umwelt – eben keine anormalen und damit vermeidbaren „Phänomene“ sind, die vom Grunde her nichts mit der Ordnung an sich zu tun haben, sondern eben in dieser Ordnung höchstselbst angelegt, also systeminhärent sind und von daher notwendig für das Bestehen der Ordnung, weswegen all dies auch immer wieder passieren wird, so gerne wir es auch wegreden oder gar nicht erst ansprechen wollen. Unsere (fiktiven) Nachfahren versuchen nachzuvollziehen, wie ihren Vorfahren das ganzheitliche Denken abhandenkam; bzw. warum sie es trotz der puren Möglichkeit aufgrund ihrer Intelligenz nie wirklich bemühten. Sie sezieren deren gewaltvolles Verdrängen und Verleugnen der eigentlich doch so banalen Tatsache, dass sie Teil dieses planetarischen Ökosystems sind.

Fotos: Anne Newball Duke

Feministische Science-Fiction-Autor*innen legen dabei oft den Fokus auf die Sprache und Kultur dieser vorapokalyptischen Menschheit, auf deren konsequente Nicht-Rückbindung ihrer Sprache und Kultur an die materiellen Lebensgrundlagen, die allem lebenden Sein auf der Welt zugrunde liegen. Nicht selten rätseln auch sie, warum die einstigen menschlichen Erdbewohner es nie geschafft haben, das hierarchische Denken hinter sich zu lassen – trotz ihrer Intelligenz. In Marge Piercys Frau am Abgrund der Zeit beginnt hierarchisches Denken mit der biologischen Ungleichheit. Die Idee zum Roman entstand u.a. durch Piercys Lektüre von Shulamith Firestones The Dialectic of Sex (1970), worin Firestone diese biologische Realität den „natürlichen reproduktiven Unterschied zwischen den Geschlechtern“ (S.16) nennt. (Noch präziser kann nun mit Antje Schrupps Ausführungen in ihrem im August diesen Jahres erschienenen Essay Schwangerwerdenkönnen gesagt werden, dass es Menschen gibt, die schwanger werden können und solche, die es nicht werden können.) Die US-amerikanischen feministischen Science-Fiction-Schriftsteller*innen ließen sich stark von feministischer Forschung und Philosophie beeinflussen. Ihre fiktiven Welten pinseln oftmals diese Theorien aus, sie bauen eine Welt um sie herum. So erklärt also ein weiblicher Zukunftsmensch der utopischen Reisenden aus der (fiktiven) Jetzt-Welt, warum es in ihrer Welt, also in der von morgen, nur noch Bruthäuser gibt und keine Schwangeren und somit auch keine Gebärenden mehr:

„Das war Teil der Revolution der Frauen, die die alten hierarchischen Strukturen zerbrochen hat. Am Ende war da die eine Sache, die wir auch aufgeben mussten, die einzige Macht, die wir jemals besessen hatten, im Austausch für keine Macht für niemand. Die ursprüngliche Form der Reproduktion: die Macht, Kinder zu gebären. Denn solange wir biologisch in Ketten lagen, konnten wir niemals gleich sein. Und die Männer konnten niemals so weit humanisiert werden, dass sie Liebe und Zärtlichkeit entwickelten. Also wurden wir alle Mütter. Jedes Kind hat drei. Um die Fixierung auf die Kleinfamilie zu unterbinden.“ (Marge Piercy, Frau am Abgrund der Zeit, S. 125)

Und? Knirscht es im Getriebe? Wächst die Lust, darüber nachzudenken und mit anderen darüber zu reden? Macht es also Spaß, sich hinauszudenken aus unserer Ordnung, denn nichts anderes wird hier angeregt? Womit – wenn es denn so ist – gleichsam bereits die Frage beantwortet wäre, ob es möglich ist, sich hinauszudenken: Ich bin fest davon überzeugt: Wir können es. Wir könnten es. Wenn wir uns die Zeit nähmen. Wenn wir es für wichtig hielten. Wenn wir bereit wären, zumindest den kleinen Zeh aus der jetzigen Ordnung hinauszustrecken. Denn das könnte ein Beginn sein, dem eigenen Bewusstsein konsequent immer weiter und weiter und weiter folgen zu wollen ohne Angst und Scheu wie bisher, um hinter die „fairytales of eternal economic growth“ zu schauen, wie Greta Thunberg es in ihrer Rede beim UN-Klimagipfel am 24.09.2019 auf den Punkt bringt.

Die Welt erkennen mit feministischer Science Fiction

Und dafür müssen wir uns ganz unbedingt mit ganzheitlichen Utopien befassen, wir müssen das Bilderverbot weit hinter uns lassen. Saage, Adorno und Co mögen historisch fundierte und ideologisch bedingte Gründe für das Ausrufen des Denktabus gehabt haben, aber in heutigen Zeiten ist es unzeitgemäß. Es beeinträchtigt uns in der Suche nach dem guten Leben. Und es ist höchste Zeit, die Welt zu retten. Beginnen wir damit, feministische Science Fiction in uns wirken zu lassen. Keine Angst: sie ist weder starr noch gefährlich. Wir werden danach keiner Ideologie folgen und unbedingt und mit Gewalt eine neue Gesellschaftsordnung aufbauen wollen. Wir werden nur Lust bekommen, mit anderen über unsere Eindrücke und Gedanken zu reden, uns intensiv auszutauschen. Wir werden eine Bereitschaft entwickeln, im Zuge dessen Dinge um uns herum anders und neu zu erfassen. Dazu gehört auch, das Fundament zu hinterfragen, auf der früher Diskussionen erst begannen: ist das wirklich das Fundament, oder müssen wir nicht noch tiefer bohren, um der Wahrheit näher zu kommen? Ich habe mir beispielsweise angewöhnt, immer dann hellhörig zu werden, wenn mir Denkgrenzen auferlegt werden, die mit der „Endlichkeit“ oder dem „Tod“ begründet werden. Das ist dann für mich der Anstoß, erst recht genauer und tiefer hinzuschauen, denn vielleicht handelt es sich bei dieser Art „Tod“ ja auch nur um einen Foucault’schen Spiegel, hinter den wir ganz unbedingt schauen müssen. Und genau dazu leiten uns die Gesellschaftsentwürfe von fernen Planeten und fernen Zukünften an: Sie wollen uns regelrecht zwingen, über mögliche Beziehungsweisen und mögliche Wünsche und Träume jenseits patriarchal-kapitalistischer Gesellschaftsordnung nachzudenken, und uns eben auch über unser Sein und Wirken über unseren eigenen Tod (ja tragisch, aber so what) hinauszudenken. Was wäre wahrer Fortschritt? Wann fühlen wir uns wirklich frei? Was also ist Freiheit, wenn keine neoliberale Ideologie uns vorgibt, was wir darunter verstehen sollen („Reisefreiheit“ als Nonplusultra jeder Freiheitsdefinition zum Beispiel ist so eine schräg interpretierte, ideologisierte Freiheitsvorstellung)? Welche Freiheiten sind erstrebenswert? Und müssten wir dann eventuell gar nicht mehr darauf achten, dass „meine“ Freiheit die meiner Mitmenschen einschränkt, weil ein neues Konzept von Freiheit diese vielleicht gleich mit einschließt?

In der Auseinandersetzung mit Inhalt, Sprache und Form dieser Literatur erlernen wir neue Fähigkeiten der Welterkennung. Das haben bisher weder die Literaturwissenschaften verstanden, die die Beschäftigung mit literarischen Utopien zu oft den Politik- und Sozialwissenschaften überlassen haben, in welcher sich dann wiederum spezielle Utopieforscher*innen mit den Utopias dieser Welt befassten. Leider verfügen diese nicht über das notwendige methodische und analytische Handwerkszeug, um der meines Erachtens sehr komplexen Funktions- und Wirkungsweise von literarischen Utopien gerecht zu werden. Aber auch wenn Literaturwissenschaftler*innen sich mit dieser Gattung auseinandersetzen, fehlt es ihnen entweder oft an adäquatem Werkzeug, das zudem nicht ideologisch imprägniert ist, oder aber meines Erachtens interessante Forschungsansätze und -ergebnisse, die Mitte der 1980er Jahre und Anfang der 2000er Jahre einmal verfolgt und erreicht wurden, sind nicht auf die notwendige Resonanz gestoßen und weiter verfolgt worden. Und Science Fiction, zumal feministische Science Fiction, hatte es seitdem schwer, im Visier der deutschsprachigen Literaturwissenschaften zu bleiben; sie wurde als Trivial- oder Populärliteratur abgetan. Wer sich mit ihr dennoch hätte befassen wollen, hätte sich dem „Dilemma“ ausgesetzt gesehen, dass der Diskurs der „Frauenliteratur“ – so nennt sie der Utopieforscher Andreas Heyer in seinem 2008 herausgegebenen Band 2 seiner Bestandsaufnahme der aktuellen Utopieforschung auf Seite 13 – „durch feministische Argumente teilweise ideologisch oder ideologieähnlich aufgeladen ist. Die Utopien selbst ebenso wie die Werke ihrer Erforschung.“ Zum Glück gibt es mittlerweile so positive Ausnahmen wie Caspar Battegays 2018 publizierte Forschungsarbeit Geschichte der Möglichkeit: Utopie, Diaspora und die „jüdische Frage“, in welcher er u.a. Marge Piercys He, She and It (Er, Sie und Es) analysiert, und Rolf Löchels Utopias Geschlechter. Gender in deutschsprachiger Science Fiction von Frauen (2012). Und durch die seit einigen Jahren auch durch Deutschland schwappende neue feministische Welle scheint ein frischer Wind durch Produktion und Rezeption zu wehen; ganz aktuell sichtbar in der Auswahl der Texte und Autor*innen für den Bachmannpreis 2019: Von den 14 Texten hatten gerade die Frauen in der Jury – Insa Wilke und Nora Gomringer – mindestens zwei Texte von zwei Frauen, Katherina Schultens und Sarah Wipauer, ins Rennen geschickt, die der feministischen Science Fiction zugeordnet werden können.

Denn was fast genauso wichtig wie die adäquate Erforschung von feministischer Science Fiction ist – und das formuliere ich gleich mal als Aufruf: Liebe Schriftsteller*innen und solche, die es werden wollen: Haltet euch nicht an die Mahnungen, die immer noch auch aktuelle Utopieforscher wie Andreas Heyer oder Alexander Neupert-Doppler an euch herantragen. Letzterer sagt beispielsweise in seinem 2015 herausgegebenen Band Utopie, es komme heute nicht darauf an, neue utopische Romane zu schreiben, weil sie nicht im Plural denkbar wären. (vgl. S. 171) Warum nicht, frage ich sodann? (Warum er dieser Ansicht ist, in welchem Kontext er also diese Aussage macht, bespreche ich ausführlich in dem von mir geplanten Buch.) Warum sollen literarische Utopien nicht im Plural denkbar sein? Je vielstimmiger in einem Roman Handlung, Form und Sprache in sich sind, und je mehr Romane es von dieser Art gibt, desto besser! Denn desto mehr Vorlagen haben wir, um neue Welten zu denken und zu diskutieren. Und deswegen ist es geradezu zwingend notwendig, neue feministische Science Fiction zu schreiben! Also: Pinselt Zukünfte aus und schmeißt sie verwegen unter die Leute!

Hier geht es zum zweiten Teil des Artikels.


[1] Auf Unterschiede, Überschneidungen und Deckungsgleichheiten zwischen literarischen Utopien und feministischer Science Fiction komme ich in dem von mir geplanten Buch zu sprechen, da dies den hiesigen Rahmen sprengen würde. Hier müssen sich die kritischen Lesenden vorerst mit der schlichten Feststellung begnügen, dass es sich für mich bei feministischer Science Fiction um literarische Utopien handelt.

Literatur:

Battegay, Caspar: Geschichte der Möglichkeit: Utopie, Diaspora und die „jüdische Frage“. Wallstein 2018.

Butler E., Octavia: – Dawn. Xenogenesis I. (1987) / Dämmerung. Erster Roman der Xenogenesis-Trilogie. Übersetzung von Barbara Heidkamp. Heyne Science Fiction & Fantasy 1991.

  • Adulthood Rites. Xenogenesis II. (1988) / Rituale. Zweiter Roman der Xenogenesis-Trilogie. Übersetzung von Barbara Heidkamp. Heyne Science Fiction & Fantasy 1991.
  • Imago. Xenogenesis III. (1989) / Imago. Dritter Roman der Xenogenesis-Trilogie. Übersetzung von Barbara Heidkamp. Heyne Science Fiction & Fantasy 1993.

Delany, Samuel R.: Triton, auch Trouble on Triton (1976) / Triton. Übersetzung von Bodo Baumann. Bastei Lübbe 1981.

Firestone, Shulamith: The Dialectic of Sex (1970) / Frauenbefreiung und sexuelle Revolution. Übersetzung von Gesine Strempel-Frohner. Fischer 1975.

Glaser, Norbert: „Viel guter Wille, wenig Fortschritte“. In: E&W. Erziehung und Wissenschaft. Bildung für nachhaltige Entwicklung. Zeitschrift der Bildungsgewerkschaft GEW 10/2019, S. 12f.

Heyer, Andreas: Der Stand der aktuellen Utopieforschung. Band 1,2 und 3. Verlag Dr. Kovač 2008-2010.

Koschorke, Albrecht: Wahrheit und Erfindung. Grundzüge einer allgemeinen Erzähltheorie. S. Fischer Verlag 2012.

Neupert-Doppler, Alexander: Utopie. Vom Roman zur Denkfigur. Schmetterling Verlag 2015.

Piercy, Marge: Woman on the Edge of Time (1976) / Frau am Abgrund der Zeit. Übersetzung von Karsta Frank auf Grundlage der  1986 bei Heye erschienenen Übersetzung von Norbert Werner und Hertha Zidek, Argument-Verlag 1996 (Zweite Reihe 2015).

Autorin: Anne Newball Duke
Redakteurin: Juliane Brumberg
Eingestellt am: 14.11.2019
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Martin Mair sagt:

    Karl Mannheim soll konservativ gewesen sein?
    Hat wer „Ideologie und Utopie“ nicht gelesen?
    Da Mannheim nicht so bekannt ist, fällt das weglassen der Vornamen bei den Männern schon etwas auf. Doppelte Standard?

  • In den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurde ich im Bewerbungsverfahren nicht ausgewählt, man warf mir vor, dass ich von einer Vision und von Utopien für die Schule gesprochen hatte…Jahre später ist ein Gedicht zu diesem Thema entstanden:

    ausschreiten
    den raum
    wände über grenzen
    durchschaun
    vermessen
    dem leben
    vertraun.
    *

  • Ein toller Text – Horizonterweiterung pur. Ich staune immer wieder darüber, wovon ich keine Ahnung habe. Ich liebe Science Fiction und kenne doch kaum Autorinnen. Ich werde mich da einlesen und ich kann mir vorstellen, dass sich da Denkwege ergeben, die tatsächlich einiges in Bewegung bringen. Es ist höchste Zeit unsere herkömmlichen Denkarten in Frage zu stellen. Geschichten sind aus meiner Sicht DAS Mittel dazu. Ich freue mich jetzt schon auf den zweiten Teil!

  • So wichtig, sich Gutes auszudenken, auszufühlen. In den 1970er und 1980er Jahren übersetzte ich für den Verlag Frauenoffensive in München Bücher zu feministischer Utopie. Wild, frei. Als ich neulich 2 junge Influencerinnen fragte, wie sie sich die Zukunft vorstellen, verstanden sie nicht einmal meine Frage. Bleiben wir dran und lassen Schönes spriessen. Glückauf !

  • Ute Plass sagt:

    „..Adorno und Co mögen historisch fundierte und ideologisch bedingte Gründe für das Ausrufen des Denktabus gehabt haben, aber in heutigen Zeiten ist es unzeitgemäß.“

    Von welchem Denk-Tabu ist hier die Rede?

    Eine der schönsten Utopien spricht Adorno aus:
    „Zartheit zwischen Menschen ist nichts anderes als das Bewußtsein von der Möglichkeit zweckfreier Beziehungen.“
    Oder diese hier:
    „Eine emanzipierte Gesellschaft jedoch wäre kein Einheitsstaat, sondern die Verwirklichung des Allgemeinen in der Versöhnung der Differenzen. Politik, der es darum im Ernst noch ginge, sollte deswegen die abstrakte Gleichheit der Menschen nicht einmal als Idee propagieren. Sie sollte statt dessen auf die schlechte Gleichheit … deuten, den besseren Zustand aber denken als den, in dem man ohne Angst verschieden sein kann.“

    Und „Erziehung nach Auschwitz“ gemahnt ebenfalls daran.

    André Gorz hat bereits vor Jahren seine Utopien unter die Leute geworfen‘ : https://www.streifzuege.org/2007/seid-realistisch-verlangt-das-unmoegliche/

    Mich wundert dieser Beitrag. Gerade bzw.weiterdenken bringt doch immer wieder Beiträge von ‚utopischem Denken‘. Z.B. hier

    http://www.bzw-weiterdenken.de/2013/05/die-entwicklung-einer-wirtschaft-der-fursorge/

    oder hier:
    http://www.bzw-weiterdenken.de/2019/08/im-film-erklaert-was-ist-wirtschaft/

    Dann sei noch an den utopischen Roman „Mama Moneta“ von Vera Wendnagel erinnert.

  • Antje Schrupp sagt:

    Vielleicht dazu passend: Bin gerade über diesen Artikel gestolpet über neuzeitliche Märchen-Erfinderinnen im 17. Jahrhundert, vor den Grimms. Demnach gibt es eine starke Tradition von „Fairytales“, die nicht aus „Volkserzählungen“ stammen, sondern tatsächlich (utopische) Erfindungen von Schritstellerinnen sind: https://www.theguardian.com/books/2019/nov/11/the-first-fairytales-were-feminist-critiques-of-patriarchy-we-need-to-revive-their-legacy

  • Anne Newball Duke sagt:

    Vielen Dank für die inspirierenden Kommentare bisher!

    Liebe @Ute Plass: ich glaube, einige Fragezeichen werden nach dem zweiten Teil verschwinden, weil dort noch deutlicher wird, dass ich aus den Literatur- und Kulturwissenschaften heraus denke.
    Denn Sie haben recht: es gibt viele bestehende utopische Ideen in Bewegung; auch darauf gehe ich im zweiten Teil ein. Ich denke nur, dass literarische Utopien gerade hier im deutschsprachigen Raum kaum eine Rolle spielen; Die linke Hand der Dunkelheit und Freie Geister (bekannter noch unter Planet der Habenichtse) von Ursula K. LeGuin gehören zu den wenigen bekannten. Und weil ich diese Romane selber so wahnsinnig inspirierend finde für mein Denken, und überhaupt nicht starr und langweilig, habe ich mich gefragt, was der Grund für ihre Nicht-Präsenz im hiesigen öffentlichen Diskurs sein könnte. Wenn ich mir die Fülle an feministischer Science Fiction in den USA anschaue, dann fällt einem die Leerstelle in der Produktion hier besonders auf. Das heißt nicht, dass es sie nicht gibt! Und vielen Dank auch für den Tipp „Mama Moneta“, den kenne ich noch nicht.

    Bei Adorno geht es mir um das von ihm immer wieder an verschiedenen Stellen ausgesprochene Verbot des Auspinselns von positiven Utopien. So beispielsweise in der Negativen Dialektik und in dem sehr hörenswerten Beitrag „Adorno / Bloch: Möglichkeiten der Utopie heute“: https://www.youtube.com/watch?v=_w5E2-ABxyQ.

    Und was das utopische Denken allgemein angeht, so gehe ich von mir und meiner Erfahrungswelt aus. So hat mich das Reden vom „Ende der Geschichte“ als Heranwachsende sehr geprägt und mein Denken lange gezügelt. Ich weiß, dass auf dieser Plattform von vorne bis hinten utopisch gedacht wird, so beginne ich den Artikel ja auch. Aber außerhalb? Wie sieht es da aus? Diese (viele größere Welt) interessiert mich halt auch sehr. Sobald ich mich außerhalb bewege, ist es oft so wie auch @Adelheid Ohlig oder auch @iris welker-sturm beobachten, oder?: (Utopische Denk-)Leere und gar Ablehnung. Und beides zusammensetzend – meine Erfahrungswelt mit den darin viel zu lange fehlenden Romanen der feministischen Science Fiction – bin ich im Immer-weiter-darüber-Lesen und -Nachdenken und Nachfragen dann u.a. darauf gestoßen, dass die Autor*innen in allen Werken zur Utopie-Theorie davor warnen, „Utopien in einem Buch darzustellen“ (das ist nochmal Bloch in eben jenem Hörbeitrag oben). Aber alles weitere… dann nächste Woche im zweiten Teil. Und ganz ausführlich dann im Buch, das aber noch eine Weile… geschrieben werden muss.

  • Ute Plass sagt:

    Anne Newball Duke – So bin ich denn gespannt auf den zweiten Teil:-)

  • Ute Plass sagt:

    @Anne Newball Duke – Danke auch für den Link zum Adorno/Bloch-Video.
    Die Bedenken „zum Auspinseln von Utopien“ kann ich nachvollziehen, wenn damit eine Art von Welt-Erlösungsformel für vorherrschendes Weltelend gemeint ist, die immer auch in Gefahr ist in zementierte Ideologie umzuschlagen.

    Dahingehend verstehe ich die Warnung der beiden Philosophen, denen es ja an utopischem Denken nicht mangelt. Sehr schön die einfach erscheinende Frage nach dem ‚was fehlt‘, da diese
    die auch immer wieder sich ändernden DenkRäume von Utopien offen halten und trotzdem sehr konkrete NotWendigkeiten im Jetzt aufzeigen können.
    Interessant auch der Hinweis von Adorno nach dem Verbot, sich kein Bildnis von Gott zu machen welches im Widerspruch und Spannungsverhältnis steht zum menschlichen Bedürfnis nach Bildhaftem.

  • Anne Newball Duke sagt:

    Lieber @Martin Mair,
    oha, da haben Sie recht, Karl Mannheim ist auf der falschen Seite gelandet, danke für den Hinweis, ich habe das im Text geändert. „Doppelter Standard“ beim Vornamenweglassen nicht bewusst zumindest. Danke auch für den Hinweis.
    Liebe @Ute Plass,
    zu dem Einwand „eine Art von Welt-Erlösungsformel für vorherrschendes Weltelend“… ja im Grunde geht es mir genau darum, dass die literarischen Utopien, die ich bisher gelesen habe, diese Formel eben nicht in sich tragen. Ich sehe eher das Problem in der Form, wie sie dann gedeutet werden, was ihnen zugeschrieben wird und wie sie bewertet werden. Aber ja… ich hoffe, der zweite Teil gibt da dann wirklich mehr Erklärungen.

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