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„Vom Glück, eine Frau zu sein“

Von Dorothee Markert

Schon vor acht Jahren erschien dieses Buch in Italien. Dass es nun auf Deutsch übersetzt und veröffentlicht werden konnte, verdanken wir einer Gruppe Schweizer Frauen, die das Geld dafür gespendet haben. Eine Vernissage der deutschen Übersetzung findet am 22.11.2019 um 17 Uhr im Fraum in Zürich, Mattengasse 27 statt, mit einem Vortrag von Antje Schrupp.

Der Blick, mit dem Luisa Muraro hier auf unser Frausein schaut, löst Verblüffung aus. „Wir sind Frauen, das Glück haben nicht alle“, zitiert sie eine arbeitslose Frau, die bei einer Fabrikbesetzung eine Rede hielt. Wir Frauen sind so sehr und schon so lange gewöhnt, dass wir das zweite Geschlecht sind, das zweitrangige, abgeleitete, das benachteiligte, dass wir uns erst einmal die Augen reiben müssen, wenn wir hier lesen, es sei ein Privileg, eine Frau zu sein. 

Beim ersten Lesen fiel mir eine Bemerkung aus einer Vortragsreihe über Frauen in Christentum, Judentum und Islam wieder ein, die bei mir irgendwann in den 1990er-Jahren eine ähnliche Verblüffung ausgelöst hatte: Ausgerechnet in ihrem Vortrag über den Islam widersprach die Philosophin Regine Kather der Vorstellung, Frauen seien von der Religion ausgeschlossen worden. Zumindest in der Anfangszeit sei es eher so gewesen, dass Frauen diese Art von Religion nicht nötig gehabt hätten, also beispielsweise die Einübung in Demut, Almosengeben und Vertrauen, da sie all das in ihrem Alltag sowieso lebten. Dies passt zu Muraros Aussage, Frauen seien eben nicht so sehr Ausgeschlossene, sondern Außenstehende, anderswo und anderswie Tätige (S. 19/20). Schon 2002 veröffentlichte die Philosophinnengemeinschaft Diotima ein Buch mit dem Titel „Von der Abwesenheit profitieren“. Auch damals klang das Privileg an, die Machtspiele der Männer nicht nötig zu haben und stattdessen etwas Sinnvolleres tun zu können.

Was Luisa Muraro über das Frausein schreibt, geht auch weit über den Buchtitel „Spät habe ich gelernt, gern Frau zu sein“ der Autobiographie von Marga Bührig hinaus, eine Aussage, die mich damals sehr glücklich gemacht hat. Auf immer wieder neue Weise schreibt Muraro über dieses Glück, dieses Privileg, über die Exzellenz, den Adel, die Stärke. Ich habe mich beim Lesen gefreut, zu denen gehören zu dürfen, die „ein Glück für die Menschheit“ sind. Auch unter schwierigen Umständen verschwinde eine Stärke der Frauen nicht, sondern werde manchmal noch größer: die nicht verleugnete Größe der eigenen Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht. Eine Frau zu sein sei „ein Privileg wie jenes, das den Menschen in den alten aristokratischen Gesellschaften durch adlige Geburt zuteil wurde: Du bist der Sache vielleicht nicht gewachsen, aber das Privileg kannst du nicht verlieren. Ebenso wenig wie du es dir verdient hast. […] Doch anders als bei den Privilegien aufgrund von Blutsbanden genießt eine Frau das Privileg, von dem hier die Rede ist, vor allem im eigenen Inneren, in der vertrauensvollen Beziehung mit Ihresgleichen oder in Gesellschaft von Männern, die ein Bewusstsein darüber haben, oder auch dann, wenn sie große Schwierigkeiten überwinden muss. Dieses Privileg schlägt sich hingegen nicht in der gesellschaftlichen Rangordnung nieder; in der Gesellschaft ist es nur sporadisch sichtbar“ (S.11). 

Allerdings müsse die Frau ihr Privileg annehmen und pflegen, so wie es die Adligen zu manchen Zeiten und in manchen Ländern taten. „Wenn sie das kann, dann macht es keinen wesentlichen Unterschied, ob sie auf einem Lehrstuhl sitzt oder in der Küche steht, das lehren schon die Märchen“ (S. 13).

Damit wir diese Erkenntnisse Luisa Muraros wirklich bei uns ankommen lassen können, damit wir uns einüben können in diese andere Sichtweise auf unsere Situation als Frauen, antwortet sie an mehreren Stellen des Buches auf die Einwände, die ja fast automatisch kommen, beispielsweise die Frage: Redet sie hier nicht etwas schön, was in Wirklichkeit doch eher unerfreulich ist? Ausführlich geht Muraro also auf die Gegenreden zu ihrer Sichtweise ein, allerdings mit anderen Argumenten als den üblichen. So beginnt schon der zweite Teil der Einleitung mit dem Satz, „Dass es Frauen gibt, ist ein Glück für die Menschheit, aber Frau zu sein ist nicht einfach“ (S. 8). Dabei denkt Muraro jedoch gerade nicht in erster Linie an ungünstige Umstände wie Armut, verhinderte Bildung, fehlende Arbeitsplätze und erlittene Gewalt. Stattdessen behauptet sie, auch unter den besten Bedingungen sei das Frausein „eine schwierige conditio humana“. Denn wir seien in der Realität sehr präsent und sehr nah, „ja sogar tief innen im Menschsein von uns allen“, doch extrem wenig repräsentiert in Worten und symbolischen Figuren. Und sie nennt Beispiele ganz unterschiedlicher Frauen, von Marilyn Monroe und ihren Großmüttern über eine Schulfreundin von ihr, die einen Mann aus der Fiat-Dynastie heiratete, bis zu den afghanischen Frauen, „zuerst unter den Taliban und dann unter der NATO-Besatzung“, deren Leben zweifellos nicht einfach war. „Ob eine arm oder reich, schön oder hässlich, ein kleines Mädchen oder eine alte Frau ist, ob sie gedemütigt oder verehrt wird – es ist nicht einfach“ (S.9). Und ja, es gäbe Frauen, die würden jetzt sagen, Frausein mag ein Glück für die Menschheit sein, „aber für viele von uns ist es ein Unglück“ (S. 10). Und im vorletzten Kapitel schreibt sie nochmals über die „heute“ neu aufgetretenen Schwierigkeiten: „Es gibt viele Gründe zum Verzweifeln“, heißt dessen Überschrift.

Ein zweiter roter Faden, der sich durch das ganze Buch zieht, ist die Frage, was diese Sichtweise für die Politik der Frauen bedeutet. Und da kritisiert Muraro nochmals auf neue Weise die „pseudofeministische“ Auffassung als pauschalisierend und vereinfachend, Frauen seien das Opfer von Ungerechtigkeit und dieser müsse entgegengewirkt werden durch Angleichung ihrer Lebenssituation an die der Männer auf dem Weg über Recht und Gesetz. Es sei die Vorstellung einer weiblichen Exzellenz, die nicht nachweisbar, aber erkennbar sei, die den Frauen Gerechtigkeit verschaffe. Der große Gewinn dieses anderen Ausgangspunkts sei, „dass wir sofort damit beginnen können, uns Gerechtigkeit zu verschaffen, in dem Sinne, wie ich bereits erklärt habe: die Wirklichkeit mit Kriterien zu betrachten, die unabhängig von den herrschenden Werten sind, und entsprechend zu handeln, ohne mit einer bloßen Anti-Haltung Zeit und Energie zu verlieren. Diese Möglichkeit ist zum Greifen nah, wenn wir das Geheimnis der Beziehung in der Hand haben – der Beziehung, die einer Person Wert verleiht für das, was sie ist, samt ihren größten Wünschen und ihren verborgensten Potenzialitäten“ (S. 71).

Im letzten Kapitel erklärt Muraro schließlich, warum und inwiefern die Unabhängigkeit der Frauen von den Männern wichtig ist. Es hat mich überrascht, dass sie hier auch von den Mosuo, einer matrilokal und matrilinear lebenden Volksgruppe im heutigen China erzählt, in der die Frauen mit ihren Kindern in der mütterlichen Großfamilie leben und ihre Liebhaber nur zu Besuch empfangen, die wiederum in ihrer mütterlichen Herkunftsfamilie zu Hause sind.

Natürlich hängt „die einzigartige, unersetzliche Nähe zum Menschengeschlecht“, von der Muraro schreibt, auch mit der biologischen Fähigkeit von Frauen zusammen, Leben weiterzugeben. Doch sie denkt dabei weniger an die einfache Fortpflanzung, „also dass wir alle von einer Frau geboren werden“, sondern „an die wirklich exquisite Art und Weise, wie Frauen, die Mütter werden – abgesehen von unglücklichen Fällen – ihre Geschöpfe austragen und zur Welt bringen: mit Gedanken, Zukunftsplänen, Träumen, und dann mit Küssen, Umarmungen, Kleidchen, Mützchen, zärtlichen Worten, Wiegenliedern … Und noch mehr denke ich an den Rest, ich meine all das, was nicht Fortpflanzung ist. Und das ist so viel!“ (S. 13/14). Und so steht eben nicht das Bild einer Mutter mit neugeborenem Kind am Anfang des Kapitels mit der Überschrift „Das Privileg“, sondern das der kleinen Tochter an der Hand ihrer Mutter. Denn „das Mutter-Tochter-Paar ist nicht nur ein Segment der biologischen Kontinuität, die uns mit den Ursprüngen des menschlichen Lebens verbindet. Da ist noch etwas anderes, die biologische Kontinuität allein genügt nicht. Damit der Faden nicht abreißt, muss von einer Frau an die andere das ursprüngliche Engagement weitergereicht und erneuert werden, das ich im vorigen Kapitel so ausgedrückt habe: sich für die Lebenden einsetzen und den Lohn in der Liebe suchen“ (S.81). 

Wenn ich dieses Buch lese, habe ich trotz der anfänglichen Verblüffung das Gefühl, irgendwie schon immer etwas von meinem Privileg geahnt zu haben – oder doch immer mal wieder, wenn es kurz aufblitzte. Beispielsweise war es spürbar in meinem Mitgefühl für den damals 10-jährigen Sohn meiner Freundin, wenn diese und ich mit der kleinen Tochter zusammen fröhlich plaudernd auf die Toilette gingen, während der Junge ganz allein auf die andere Seite gehen musste. 

Was Muraro zu tun glaubte, als sie dieses Buch schrieb: Sie zündete ein Licht an. Beim Lesen hatte ich mehrmals genau dieses Gefühl, dass da für mich ein Licht angezündet wird, dass es hell und ruhig in mir wird. Und auch wenn es mir zwischendurch wieder verlorengeht, blitzt dieses Licht mir seither immer wieder entgegen aus Zeitungsberichten, Büchern und Filmen sowie bei Begegnungen im Alltag. 

Luisa Muraro: Vom Glück, eine Frau zu sein. Übersetzung Traudel Sattler. Christel Göttert Verlag Rüsselsheim 2019. 146 Seiten, 17 €

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Spangler Karin sagt:

    Liebe Dorothee Markert,
    ich stimme nur in einem Punkt nicht mit Ihnen überein: das „Privileg“ des Toilettengangs. Ich vermute, dass kein Mann dabei war und der Junge nicht begleitet werden konnte. Und selbst wenn, ob er das mit 10 Jahren wirklich gewollt hätte? Vielleicht will so mancher Junge ja auch unabhängig von Frauen sein!?
    Karin Spangler

  • So bestechend das alles tönt und mich nachdenklich zurücklässt, frage ich mich eben auch, ob es nicht nötig ist, dass Frauen einflussreiche Positionen einnehmen können, um ihr Begehren in die Welt zu bringen.

  • Dorothee Markert sagt:

    Dieser Junge hat darunter gelitten, sonst hätte ich wohl kein Mitgefühl mit ihm gehabt.

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Wenn ich L.M. richtig lese, dann können wir sehr wohl „nötige Positionen“ einnehmen…,
    aber wir brauchen diese nicht, um wirklichen Einfluss zu nehmen.
    Unser Einfluss ist in jeder Frau, in ihrem Sein, vorhanden, -ist also bereits in dieser Welt,
    ist aber „von einer anderen Welt“! (sorry, das ist meine aus der Bibel geklaute Formulierung).

  • Dorothee Markert sagt:

    Danke, liebe Fidi, wollte auch schon antworten auf den Kommentar von Esther, aber so schön hätte ich es nicht formulieren können!

  • Ich lebe aber in einer real existierender Welt liebe Dorothee und liebe Fidi; kapitalistisch und kyriarchal geprägt (nach der feministichen Theologin Elisabeth Schüssler-Fiorenza: https://de.wikipedia.org/wiki/Kyriarchat) und entscheidend ist, ob ich am Schluss meines Lebens eine Rente habe, von der ich leben kann oder ob ich am Hungertuch nagen werde, weil ich ganz biblisch in der Hoffnung auf eine ‚andere Welt‘ gelebt habe. Die Macht- und Herrschaftsverhältnisse nicht zu bedenken ist blauäugig und irgendwie auch naiv!

  • Dorothee Markert sagt:

    Liebe Esther, hast du Luisa Muraros Buch denn gelesen? Sie ist jedenfalls kein bisschen „blauäugig und naiv“. Vergiss nicht, dass das hier nur eine Rezension ist, also eine sehr subjektive Erzählung über meine Leseerfahrung, nämlich das, was mich an dem Buch interessierte und was mir gut tat. Und es gibt einen Unterschied zwischen „die Macht- und Herrschaftsverhältnisse nicht bedenken“ und diese sehr wohl wahrnehmen und berücksichtigen, sich aber selbst nicht vollständig von ihrer Logik bestimmen lassen.

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Schade, liebe Esther, dass ich dich nicht zu einem real existierenden Espresso einladen kann;
    es gäbe da noch vieles miteinander zu besprechen…

  • Antje Schrupp sagt:

    Liebe Esther – Die Frage ist doch nicht, OB die Macht- und Herrschaftsverhältnisse bedacht werden (ich finde es immer etwas merkwürdig, das anderen zu unterstellen, denn wir sollten doch zumindest hier davon ausgehen, dass niemand von uns so blöd ist, Macht- und Herrschaftsverhältnisse ausblenden zu wollen, oder?). Sondern die Frage ist was daraus geschlussfolgert wird. Anzunehmen, dass es besser wird, wenn einfach nur mehr Frauen in „Positionen“ kommen, ist jedenfalls nicht sinnvoll, dass das nicht funktioniert, hat sich ja inzwischen herausgestellt.

  • Für mich ist die Frage auch relevant, im Rahmen der Queers, Trans, Inter, Differenz, Integration, Biologie und auch Epigenetik, was denn dann gemeint ist mit “ eine Frau zu sein“? Jetzt doch die, die alle als Frau geboren und sich auch so fühlen in ihrem Körper? Also CIS Frauen?
    Wie eng oder weit, inclusive ist hier Frau gemeint, bzw. die, die sich als solche fühlen, operieren… die, die schwanger werden können? Mutterwerden, Lesbisch, Hetero, Bi?
    Alle Frauen? Und welche Dinge würden sie tun, im Sinne dieser Ausführungen von LM?

    Ich habe mit dem Titel, dem Inhalt kein Problem, im Gegenteil. Mein Feminasophie Paradigma zu Thema „angewandte Weiblichkeit“ , also damit auch faktisch kluge weise kompetente Frauen hervorzuheben, die diese Exzellenz mit ihrem Lebensweg hervorgebracht haben, also nicht biologisch. Oder ist die Verbindung Leben geben, im Besitze einer Gebärmutter zu sein etc, dann doch die spirituelle Sphäre, aus der heraus das Glück kommt, besonders für die Welt, im Sinne der „Heiligen Weiblichkeit und damit Paradigma Weiblichkeit als etwas zu beanspruchen, was kollektiv für unsere nächstes Zeitalter von der Industriegesellschaft zur Gesundheitsgesellschaft (Kondartieffforschung) von Bedeutung wird.

    Und welche Frauen braucht es dann in diesen „Positionen“, damit sich die patriarchalen Verhältnisse und Ordnungen verändern und auch Politik, Systeme, unsere Beiträge, Lösungen für nur Soziale, Ökologische, Ökonomische Zusammenhänge und positive Auswirkungen, etc.? Mindestens mal die Feministinnen. Und gar keine Frauen dort ist ja auch nicht die Lösung oder Frauen gründen ihr eigenes Dorf und erkunden eine Soziologie der Frauen (wie in Rojava, leider ja unter Beschuss)…..

  • Esther Gisler Fischer sagt:

    Liebe Antje,liege Fidi

    ich habe ja gestern an der tollen Vernissage des Buches in dt. Übersetzung teilgenommen und dabei wieder viel gelernt!
    Das Buch war leider schon ausverkauft, ich habe mich jedoch auf eine Liste setzen lassen und werde es sicher bald erhalten, um es dann endlich lesen zu können.
    Ich wollte keiner etwas unterstellen und zu einem Kaffee bin ich gestern unverhofft gekommen; kredenzt von einer hochdeutsch sprechenden Frau, deren Name ich leider nicht mitbekommen habe.

    Ich grüsse euch glücklich
    Esther.

  • Esther Gisler Fischer sagt:

    Der Gruss geht natürlich auch an Dorothee; hat sie doch die Rezension verfasst. Sorry!

  • Regina sagt:

    Liebe Esther, ich konnte leider nicht kommen und deshalb die Frage, wenn du mir antworten magst, was hast Du denn gelernt?

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