beziehungsweise – weiterdenken

Forum für Philosophie und Politik

Rubrik denken

Was Feministinnen vom Apostel Paulus lernen könnten

Von Dorothee Markert

Auf dem Markt des Glücks

Das Bekehrungserlebnis des Apostels Paulus, wie es in der biblischen Apostelgeschichte (Apg. 9, 1-9) und von ihm selbst in seinen Briefen berichtet wird, interpretiert Luisa Muraro ebenfalls als Erfahrung des Hereinbrechens von Ungedachtem. Durch das Schockerlebnis eines gleißenden Lichts und das Hören einer Stimme bei einer Reise nach Damaskus war der spätere Apostel zunächst erblindet und hatte sich dann vom Christenverfolger zum Verkünder der christlichen Botschaft gewandelt. Obwohl er Jesus nicht persönlich gekannt hatte, wurde er zum dreizehnten Apostel. (Auch die Zahl der Apostel ist übrigens symbolisch zu verstehen). Da er sich nun berufen fühlte, die Botschaft nicht nur seinem eigenen Volk, sondern allen Völkern der Erde zu bringen, kann jenes Hereinbrechen von Ungedachtem dafür verantwortlich gemacht werden, dass aus dem Christentum nicht nur eine jüdische Sekte, sondern schließlich eine Weltreligion wurde.

Zunächst geht Muraro anhand dieser Geschichte auf das Durchbrechen der Kontinuität des Zeitablaufs ein, das mit einem solchen Ereignis verbunden ist. Die Erfahrung der Zeit ändere sich radikal, wenn das Ungedachte in das bewusste Leben des Denkens einbreche und sich als Einziges aufzwinge, über das nachzudenken sei, „umso rechthaberischer und anmaßender, je mehr ihm die Worte fehlen“ (S. 61). Wie ein Keil im Felsen stoppe es das sonst so mächtige Zeitgeschehen, das von einem „Hofstaat“ an Gewohnheiten, Beschäftigungen, Verpflichtungen und Erwartungen getragen wird, es halte den unaufhörlichen Zeitfresser an, der keine Leere in unserem Leben entstehen lässt. Mit dem Ungedachten tue sich plötzlich eine unvorhergesehene Unterbrechung des Festgelegten, Vorgeschriebenen und Unumstößlichen auf, durch die das „von nun an“ leer erscheine wie ein unbeschriebenes Blatt. 

„In der Unterbrechung der Realität durch ein extremes Erlebnis, durch einen Unglücksfall, durch die Liebe oder die Begeisterung für eine Entdeckung wird der Zeitablauf angehalten, mit seiner Last an Dingen, die Gegenwart und Zukunft verdunkeln, und wird zu einer Vergangenheit, die nicht zählt, nicht bedrückt, nichts mehr vorschreibt und fordert. Alles ist abgeschafft. Als Subjekt, das wir waren, mit einer Unmenge an Beschäftigungen, gleichgültig ob frei gewählt oder auferlegt, entdecken wir jetzt die Freiheit, oft ohne zu wissen, was wir mit ihr anfangen sollen, und manchmal löst das eine schreckliche Angst aus. […] Die Erfahrung der Freiheit ist nicht immer so schön, wie sie klingt. Auch die Welt ist abgeschafft.“ (S.61/62). Und doch kann ein solches Geschehen auch eine Rettung sein. Das Lebendige verlangt, aus dem Nicht-Sein-Dürfen errettet zu werden. Aber auch die normalen Dinge wollen ja weiter bestehen, wofür man sie nicht tadeln kann. 

Es kommt tatsächlich oft vor, dass nach einem solchen Schockerlebnis alles wieder wie vorher wird. Das passiert meist aus Trägheit oder einer Art Automatismus heraus und bedeutet einen großen Verlust. Ein möglicher Umsturz, eine Lebenswende, die immer etwas Großes ist, ob sie nun für ein Leben gilt oder für Millionen, wird wieder von der Vergangenheit eingeholt und zugedeckt. „Das Leben geht weiter“, sagen wir oft zu den Menschen, die ein Unglück getroffen hat.

Es kann aber auch anders laufen, nämlich dann, wenn die Welt – für Muraro können das auch nur drei oder vier Personen sein – nicht der Trägheit der Dinge unterliegt, dem sozialen Druck der VerteidigerInnen der Kontinuität, den Entscheidungen derer, die sich als Herren aufspielen, im Denken oder in der Politik. Das gelingt aber nur dann, wenn eine Vermittlung für das vorher Ungedachte und Undenkbare gefunden wird, wenn Worte und Bilder da sind oder erfunden werden, um das nun komplett leere Blatt zu beschreiben. Das, so Muraro, geschah bei der Bekehrung des Saulus zum Paulus, die von dem Maler Caravaggio wie ein wirkliches Umgeworfensein, ein Auf-den-Kopf-gestellt-Werden dargestellt wird. 

Paulus ist für Luisa Muraro eine ungewöhnliche und großartige historische Persönlichkeit. Über ihn und vor allem über seine Briefe, die ja lange vor den eigentlichen „Evangelien“ geschrieben wurden, wurde „jahrhundertelang meditiert, studiert, gemalt, geschrieben, polemisiert und gelehrt, bis heute“ (S.64). Und zwar von einer langen Reihe unterschiedlichster Personen, zu denen sich auch Muraro selbst zählt, wenn auch eher als eine Person, die sich in abgerissener Kleidung von der Straße her eingeschlichen hat, um mit prächtig gekleideten Menschen an einem Fest teilzunehmen.

Was mit Paulus geschah, konnte gar keine Bekehrung in der späteren Bedeutung sein, denn es gab ja das Christentum noch gar nicht, auch das Wort „christlich“ existierte noch nicht. Es gab nichts, auf das er sich beziehen und woran er sich festhalten konnte. Durch etwas, was in seinem Inneren explodiert war, wurde Paulus aus seiner Welt eines gelehrten Juden herausgeschleudert und fiel buchstäblich ins Leere. Der Theologe und Philosoph Meister Eckhart, der am Anfang des 14. Jahrhunderts manche seiner Predigten auf Deutsch schrieb, damit Frauen und das einfache Volk sie verstehen konnten, beschreibt die Blindheit des Paulus folgendermaßen: „Er stand auf und sah mit offenen Augen das Nichts, und dieses Nichts war Gott“. Später wurde daraus: „Als er das Nichts sah, sah er Gott“ (zit. n. Muraro S. 66). Wenn ein Unglück einen Menschen niederschlägt, wenn eine Liebe entsteht oder wenn jemand eine große Entdeckung macht, sind solche extremen Erfahrungen Muraro zufolge möglich.

Von da an ist Paulus immer in Eile, wie seinen Briefen zu entnehmen ist. Denn, so Muraro, in Gegenwart des Allergrößten zieht sich die Zeit zusammen wie eine nasse Schnur. Sie sich wieder ausdehnen zu lassen, sie für nichts verstreichen zu lassen, würde bedeuten, dass man sich selbst zu Abwegen verdammt, die ins Verderben führen. 

In seinen Briefen (z.B. in Phil 3, 5-8)  schreibt Paulus immer wieder über die Ungeheuerlichkeit dessen, was ihm im Moment des Niedergeworfenseins aufgegangen ist: Der Messias ist gekommen, und „wir gesetzestreuen Juden, wir Auserwählten Gottes, haben ihn verurteilt, also ist das Gesetz, dem ich mein Leben gewidmet hatte, nicht Quelle des Lebens, es macht uns nicht gerecht. Stattdessen rechtfertigt und rettet uns einer, den das Gesetz verurteilt hat, einer, der am Kreuz gestorben ist“ (S. 67). Für Paulus war der Tod am Kreuz wohl eine größere Erschütterung als die unglaubliche Vorstellung einer Auferstehung von den Toten. Paulus bezeichnet sich von da an oft als Jesu Sklave, Jesus Christus ist sein Herr. Vielleicht sei es für Männer etwas besonders Wichtiges, einen Herrn (eine Zugehörigkeit, ein Vaterland, ein Ideal …) zu haben, überlegt Muraro an dieser Stelle, und führt den Film „Ronin“ an, in dem dies ebenfalls deutlich wird.

In den Briefen an die Gemeinden, die er bei seinen Reisen gegründet bzw. besucht hat, vermittelt Paulus die Vorstellung, dass die Vollendung der Welt nahe bevorstehe, was übrigens nicht gleichbedeutend mit dem Ende der Welt ist. Und er lädt die „Brüder“ dazu ein, sich entsprechend der Liebe zu verhalten, mit der sie immer schon geliebt wurden. Manchmal spüre man dabei die „typische Präpotenz einer Mutter“, schreibt Luisa Muraro, beispielsweise bei den Worten „Mach mir diese Freude, mach mich glücklich“.

Doch wo findet Paulus die Vermittlungen, die Worte, Bilder und Gedanken, um das Unsagbare zu sagen?, fragt Muraro weiter. Merkwürdigerweise, wahrscheinlich ist das aber auch unumgänglich, findet er sie in der Vergangenheit, mit der er gebrochen hat, in der religiösen Kultur eines hellenisierten gebildeten Juden. Er nimmt alles aus dieser Kultur und gestaltet es neu, so wie er selbst durch das ungedachte Denken umgestaltet worden ist, das nun zum Leitgedanken wird. Muraro hat schon lange versucht, diese einzigartige Kontinuität zwischen Judentum und Christentum zu begreifen, die auch in den Texten des Paulus zu Komplikationen geführt hat. Für sie bleibt es ein Geheimnis der menschlichen Geschichte, das auf schmerzliche Weise verschärft wurde durch die wiederholten Judenverfolgungen von Seiten der Christen.

Die Vision des Paulus war ganz anders: „Christus ist unser Friede. Er hat uns allen den Frieden gebracht und Juden und Nichtjuden zu einem Volk verbunden. Er hat den Zaun abgerissen, der beide trennte und zu Feinden machte“, schrieb er an die Gemeinde in Ephesus (Eph 2, 14). Hat er sich also geirrt?, fragt Muraro. „Nein, ich glaube vielmehr, dass er nicht die Vorstellung hatte, eine neue Religion ins Leben zu rufen, wie es dann ja, auch aufgrund seiner Predigten, geschehen ist, sondern dass er etwas anderes schaffen wollte als alles, was Religion genannt wird. Und in gewissem Sinne ist ihm das auch gelungen, aber nur in Bezug auf die Mystik“ (S. 69). In der Geschichte des Christentums würden nur durch die Mystiker und Mystikerinnen Paulus’ eigentliche Anliegen wieder aufgenommen, habe einer zu Muraro gesagt, der sich damit auskenne. 

Muraro bezweifelt, dass sich bei Paulus tatsächlich die Dialektik zwischen Bestätigen, Ablehnen und Wiederaufnehmen findet, die u.a. Luther und Hegel ihm zugesprochen haben, insbesondere in Bezug auf das Gesetz (die Torah), die er durch Christus sowohl abgeschafft als auch zur Vollendung gebracht sieht. Hier gibt es nicht die kanonischen drei Momente der Dialektik, sondern nur zwei, die durch einen Schnitt (oder eine Wende) getrennt sind. Für Paulus drückt das Kreuz der Welt den Stempel eines paradoxen Handelns auf, das sich im Verborgenen und in der Schwäche vollzieht, unter denen, die nicht den Glauben der Macht dieser Welt haben bzw. suchen und die ebenso wenig daran glauben, dass die Befolgung von Gesetzen zur Gerechtigkeit führt. Diese streben nicht den Fortschritt der Dinge an, sondern verwandeln sie aus ihrem Inneren heraus. Für sie scheint die Geschichte in der Schwebe zu sein, in einer Unterbrechung, ohne Entwicklungen vor sich zu haben: in sich selbst, „in ihren Eingeweiden“, trägt sie den Samen der Transformation.

In Worten, die nicht aus einer Religion stammen, aber auch nicht höherwertig als eine Religion oder gegen sie sind, ist das Ungedachte die Berührung zwischen der göttlichen Gnade und unserer Freiheit, ein Kontakt im Sinne von den beiden Seiten einer Münze. Freiheit ohne göttliche Gnade macht Angst. Und umgekehrt? Die Göttliche Gnade „ohne unsere Freiheit kann es nicht geben, scheint Paulus zu antworten, nicht in spekulativen Worten, sondern mit seinem Leben selbst, dem Leben eines Eilenden, weil sich in unserer Freiheit die Wirksamkeit des göttlichen Worts manifestiert“ (S.70).

Wenn beides in Kontakt miteinander ist, entsteht daraus jene Intensivierung der Zeit, die kairós genannt wird, die Zeit der zusammengezogenen nassen Schnur, die Zeit, in der sich alles verschärft, die Zeit eines „Mehr“, das dem „Extra“ entspricht, das bestimmten Kunden zu einer Ware hinzugegeben wird. 

Die Geliebte und heimliche Ehefrau des französischen Sonnenkönigs, Madame de Maintenon, schrieb einer Freundin: „Er nimmt all meine Zeit; den Rest bekommt Saint Cyr, dem ich alles geben möchte“ (zit. n. Muraro, S. 71). Die Schule Saint Cyr, in der arme Mädchen unterrichtet wurden, hatte sie gegründet. Zu dem Gedanken einer Zeit besonderer Qualität könnte Madame de Maintenon durch einen Text des Paulus angeregt worden sein, doch sie könnte dieses Phänomen auch selbst entdeckt haben durch die Erfahrung einer außerordentlichen Beschäftigung jenseits der vollständig von der Vereinnahmung durch den König besetzten normalen Zeit. In dieser besonderen Zeit versteckt sich das, was am kostbarsten ist. Das wissen besonders auch jene Frauen, die kleine Kinder zuhause haben und außer Haus arbeiten.

Für Muraro gibt es keinen Zweifel, dass von einem politischen Erbe des Paulus gesprochen werden kann. Dieses steht nicht für sich allein, sondern ist immer mit seiner religiösen Schöpferkraft verbunden. Muraro widerspricht der Aussage, er habe sich wie die anderen Gläubigen der ersten Generation des Christentums aus „eschatologischer Gleichgültigkeit“ nicht für Macht und Politik interessiert, weil er an die baldige Wiederkehr Christi geglaubt habe. „Paulus lehrt dagegen die Abkehr von der Macht, die keineswegs Gleichgültigkeit gegenüber der Politik bedeutet, sondern eine befreiende Umgewichtung der auferlegten Sichtweisen. Er kennt sehr wohl das Leiden unter dem römischen Imperialismus und die – inadäquate – Antwort des jüdischen Separatismus darauf, auch sind ihm die Fragen sehr präsent, die die damalige Gesellschaft und daher in gewissem Maße auch die christlichen Gemeinden bewegen. Für ihn gibt es eine Antwort darauf, bei Jesus Christus, der ein Mysterium ist“ (S. 72). Paulus verzichtet nicht darauf, diese Antwort bekannt zu machen und Worte dafür zu finden: „Der Welt, die sich nach Freiheit und Glück sehnt, sagt und schreibt er, dass Gott uns liebt und dass er die Klage seiner Kreatur gehört hat, dass es genügt, ihm zu vertrauen“ (ebd.). Was das heißen soll, zeigt er mit seinem Leben, und es gelingt ihm immer wieder, die unerschöpfliche Antwort, die im Unsagbaren seiner inneren Erfahrung eingeschlossen ist, auch in Worten auszudrücken. Dabei entwirft er nicht die ganz andere ideale Endzeitwelt und stellt sie einer verdorbenen und verdammten Welt gegenüber, sondern er weist auf „das Durchscheinen der einen in der anderen Welt hin, nicht durch großartige Zeichen, doch durch wahrhaftige“, die sichtbar machen, dass da etwas arbeitet, dass es eine arbeitende Präsenz gibt. „Die geistige Haltung und die Praxis, um das Reich Gottes ankommen zu lassen, wird also von ihm entworfen, gelehrt und selbst ausgeübt – immer in einer engen Austauschbeziehung mit den anderen, mit Frauen und Männern – in überraschend neuen und revolutionären Begriffen. Wir können dies vertiefen und für uns selbst nutzen, es aber auch kritisieren, wo das notwendig ist“ (S. 72/73) .

An dieser Stelle geht Muraro auf die Paulus zugesprochene Frauenfeindlichkeit ein, wobei sie diesen Begriff für übertrieben hält. Heute sei der große Beitrag von Frauen zum beginnenden Christentum – in Jerusalem, in Rom und in anderen Städten – gut dokumentiert. Zweifellos habe Paulus das wahrgenommen und wertgeschätzt, vielleicht mehr, als er gezeigt habe. „Doch auch er tendierte wie andere Männer in allen Zeiten und an allen Orten dazu, den Frauen Vorschriften zu machen, um das Problem zu lösen, das Männer mit Frauen haben. Und er kannte ja den Jesus der Evangelien nicht, die später geschrieben wurden. Von ihm hätte er vielleicht lernen können, sich den Männern zuzuwenden, um sie dazu einzuladen, sich das bewusst zu machen“ (S. 73).

Die Passage aus dem Galaterbrief (Gal 3, 27-28), die oft herangezogen wird, um Paulus vom Vorwurf der Frauenfeindlichkeit freizusprechen, hält Muraro allerdings nicht für hilfreich: In Christus sei nicht Jude oder Grieche, Sklave oder Freier, nicht Mann oder Frau, sondern alle seien eins. Da ja auch Paulus ein Mann war, der von einer Frau geboren wurde, leuchtet ihr nicht ein, warum in einer geschlechtlich geprägten Menschheit nicht gerade die Geschlechterdifferenz als das Heil oder ein Mittel dazu gesehen werden konnte, anstatt als etwas, das Probleme schafft.

Dies schmälert für Muraro jedoch nicht die politische Bedeutung der Predigten des Paulus. Er wirbt für eine radikale Nicht-Anpassung an eine Welt, in der das Gesetz der einzige Schutz vor der inneren Unordnung des Egoismus und der kollektiven Unordnung der Machtbeziehungen sein soll. „Der Sinn der Einladung des Paulus an die römischen ChristInnen, sich nicht vom Bösen besiegen zu lassen, sondern das Böse mit Gutem zu überwinden, sticht gerade in unserer Zeit ins Auge, in der die Feindseligkeit gegen das Andere, ausgelöst durch die Hektik unserer Zeit und die räuberischen Methoden der Globalisierung, sich in Teufelskreisen hochschaukelt, die weder das Gesetz noch die Ethik stoppen können. Wenn Paulus die Höherwertigkeit von Glaube und Vertrauen gegenüber dem Gesetz betont, lehrt er uns die einfachste Methode, um die Überflutung des Raums der Freiheit durch die gesetzgebende Macht aufzuhalten. Er lehrt, anstatt Rechte einzufordern die Kraft des inneren Lebens zu verstärken und damit das Zusammenleben zu verbessern. […] Er lädt dazu ein, sich nicht mit dem und jenem zu begnügen, sich nicht an vergängliche Dinge zu binden, nicht die gesellschaftliche Realität, das realisierte Reale, zum Maßstab zu machen, sondern sich stattdessen auf die große Herausforderung der Freiheit einzulassen und sich in einen größeren Horizont einzuschreiben“ (S. 74).

Wir können beobachten, wie Paulus sich vom jüdischen Nationalismus und vom römischen Imperialismus freimacht, nicht durch Dialektik, sondern durch Ausweichen, mit einem Schritt zur Seite, ohne in Opposition zu gehen, indem er scheinbar unbedeutende symbolische Mittel einsetzt, die jedoch außerordentlich wirkungsvoll sind. Durch sein Ausweichen tritt er aus der Zeit des Königs heraus und tritt ein in die Freiheit der Kinder Gottes. Dadurch entkommt er auch dem Extremismus des Alles-oder-Nichts, der zwar weiterhin am Horizont droht, aber nicht die Führung übernimmt. Es ist die Geduld, die die Führung übernimmt, und das Achten auf Zeichen in den kleinen Dingen.

Muraro hält es auch „gerade für uns“ für ein gutes politisches Erbe, dass Paulus der Innerlichkeit so viel Wert beimisst, die nach seinem Denken der universelle und nicht der außergewöhnliche Ort für die Begegnung mit dem Göttlichen darstellt. Paulus spricht oft vom inneren Menschen. „In seiner Nachfolge wird das Christentum zu einer „Philosophie“ der Innerlichkeit werden, nicht im Geheimen kultiviert wie unter den Philosophen der Antike, sondern gesprochen, gesungen und darüber hinaus praktiziert mit den Nächsten und den Anderen“ (S. 75). In der Innerlichkeit wird Gott für alle erreichbar, auch für „alte Frauen, Kinder und Arbeiter“, wie ein Kritiker jener neuen Philosophie einmal schrieb.

Eine enge Verbindung besteht zwischen der öffentlichen Wertschätzung für das inwendige Leben und der Loslösung von der Macht. Paulus lehrt die Praxis dieser Loslösung und der Neutralisierung der Auswirkungen der Macht, die ja auch in unserem Inneren vorhanden sind, in Form von Angst, Untertanengeist und Vergötterung. Das Subjekt kann sich durch jene Praxis von der Fixierung auf Machtbeziehungen und die Logik der Frontenbildung lösen. Das hat sehr konkrete, praktische Auswirkungen. Denn die Macht, andere zu dominieren, nährt sich ja von dem Vertrauen, das die Untertanen den Mächtigen entgegenbringen. Ohne das Denken und die Praxis der symbolischen Unabhängigkeit von der dominierenden Macht sei die Ausdehnung des Christentums in den ersten Jahrhunderten nicht zu erklären, betont Luisa Muraro.

In der Sekundärliteratur zum Denken des Paulus fiel ihr auf, dass gerade der politische Aspekt seiner Lehre zur Loslösung von der Macht nicht angemessen gewürdigt wird. Die christliche Tradition habe diese Gedanken wohl aus den Augen verloren und sei zur alten Verwechslung von Politik und Macht des römischen Reiches zurückgekehrt. Die Schwierigkeit bestehe Muraros Ansicht nach auch darin, dass das christliche Denken aus Erfahrungen, symbolischen Bedürfnissen und einem Austausch von Männern und unter Männern geformt und in einer nicht weniger einseitigen Tradition weitervermittelt worden sei. Auch die Denker, die in der Auseinandersetzung mit einer bestimmten modernen Philosophie einräumen, dass Menschen nicht unabhängig, nicht autark sind, landen in ihrer Argumentation direkt bei der Abhängigkeit von Gott und überspringen die Abhängigkeit von der Mutter. Damit überspringen sie etwas, das für die Rettung der Welt unabdingbar notwendig ist, nämlich die Entwicklung des sozusagen banalen, alltäglichen Sinns für das Prekäre und Verletzliche. Etymologisch kommt „prekär“ von „etwas durch Gebete Erhaltenes“, „etwas Kostenloses“, und gibt gut die Art und Weise wieder, wie die kleinen Kreaturen, die zur Welt kommen, auf die mütterliche Potenz bezogen sind.

Muraro sieht viele Anzeichen dafür, dass es für einen Mann, der in unserer Kultur erzogen wird, wirklich schwer ist, die eigene Erfahrung in symbolischen Formen zu leben und zu denken, die nicht im Einklang mit der Ordnung von Recht und Gesetz und dem Maßstab der Macht stehen, ob er sich nun unterwirft oder ob er rebelliert. Auch wenn er entdecke, dass es im Leben der Beziehungen und der Gesellschaft oder in wenig beachteten Spuren der Vergangenheit eine Ordnung gibt, die unabhängig ist von der des Gesetzes, tendiere er dazu, dies als Annäherung an ein bestimmtes Recht zu interpretieren, nicht als eine ganz andere Möglichkeit, Ordnung zu denken und zu schaffen. (Mir fällt dazu ein, wie schon die Herausgeber seines Werks und dann auch die späteren Interpreten die Entdeckung des Ethnologen Marcel Mauss, dass es eine Welt der Gabe gibt, die ganz anders funktioniert als die Welt des Tauschs, schnell wieder in der Versenkung verschwinden ließen, indem sie seine Beobachtungen in die als umfassender verstandenen Tauschregeln einordneten).

„Und doch wurde jener Mann, der überzeugt davon ist, dass menschliches Zusammenleben nicht ohne Recht und Gesetz möglich ist, geboren und aufgezogen von Frauen. Und mit Frauen zusammen lebt, isst und schläft er und genießt manchmal das Leben. Merkt er nicht, dass das Innere des Haushalts keiner gesetzlichen Ordnung folgt? Und dass die Qualität des Zusammenlebens nicht von einer gut oder schlecht eingesetzten Macht abhängt? Das ist wie bei einem riesengroßen Flüchtigkeitsfehler, an dem wir so nah dran sind, dass er gleichsam nicht erkennbar ist“ (S. 77).

Vielleicht stellte das Dasein der Frauen immer und überall und bis gestern das größte Ungedachte unserer Menschheit dar? Es zu denken, bedeutet dann eine unerschöpfliche Quelle von Umbrüchen für alle.

Zum Schluss erzählt Luisa Muraro noch ein eindrückliches Beispiel dazu: Bei einem gemeinsamen Essen mit gebildeten und engagierten Menschen kam das Gespräch auf das Massaker an jungen Männern, das der erste Weltkrieg bedeutete. Muraro erinnerte an die ungeheure Menge vernichteter Arbeit jener Frauen, die diese Männer zur Welt gebracht und aufgezogen hatten. Darauf schwieg der Mann an der Stirnseite des Tisches und erklärte später sein Erstaunen, das ihn als marxistischen Denker besonders traf: Er hatte noch nie daran gedacht.

Link zum Beginn der Serie

Autorin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 23.11.2019
Tags: , ,

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Esther Gisler Fischer sagt:

    Danke Dorothee für diesen anregenden Text!
    Für jene, welche sich im Raum Zürich aufhalten gibts einen Anlass zu Paulus kommenden Donnerstag, 28.Nov. mit Gerd Theissen und einer garantiert feministischen Moderation von als KIrchenrätin Irene Gysel: https://www.stiftung-eg.ch/esf_event/hat-paulus-die-botschaft-jesu-verraten/

  • Ute Plass sagt:

    “Die Passage aus dem Galaterbrief (Gal 3, 27-28), die oft herangezogen wird, um Paulus vom Vorwurf der Frauenfeindlichkeit freizusprechen, hält Muraro allerdings nicht für hilfreich: In Christus sei nicht Jude oder Grieche, Sklave oder Freier, nicht Mann oder Frau, sondern alle seien eins.”
    Diese Passage habe habe ich nie als eine partikulare Aussage über Frauen gelesen, sondern als eine zeitlos aktuelle, welche die Gleichwürdigkeit aller Menschen im Sinn hat, die die Herrschaft des Menschen über Menschen auflöst. Der wunderbare, mystische Text über die Liebe: /1kor13,1-3/ gehört für mich dazu, da dieser eine Ahnung von Haltungen vermittelt, die es notwendig braucht für das gute Leben aller.
    Interessant finde ich, dass in der Kunst das ‘Damaskus-Erlebnis’ oft mit einem Sturz vom Pferde bebildert wird. Finde das sehr passend, dieses ‘vom hohen Ross runter kommen’ um mit anderen Augen sehen zu können, was ist. In ähnlicher Weise kommt das ja im Lobgesang Mariens zum Ausdruck, wenn es da heißt: “…er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen”.

  • Gudrun Nositschka sagt:

    Wie ist dann das Ansehen von Frauen bei Paulus im 1. Korintherbrief; Kapitel 11, mit den Versen 3 – 16 zu interpretieren? Schreibt er damit nicht auch Geschlechtergeschichte, wenn er Frauen anweist, ihre langen Haare (sehr gefährlich) zu bedecken, wenn sie in der Gemeinde „weissagen“? Sonst hätten sie sowieso in der Gemeinde zu schweigen. Durch spätere männliche Interpretationen wurde dies Anweisung auf alle Lebensbereiche von Frauen ausgedehnt, die bis heute in fundamentalistisch – christl. Glaubensrichtungen wirksam sind.

  • Dorothee Markert sagt:

    Liebe Ute Plass,
    vielleicht war der Text, auf den du dich beziehst, mal so gemeint, dass es um die gleiche Würde aller Menschen ging. Aber was dasteht, ist, dass sie „eins“ sind. Und was dieses „eins“ in einer Kultur bedeutet, wo Mensch gleich Mann ist, wissen wir sehr gut. Außerdem steht da noch: „eins in Christus“. Und da ist der Weg nicht weit zu Zwangsbekehrungen Andersgläubiger. All die Worte, die die „eins“ enthalten wie Einheit, Einigkeit usw., Worte, die so friedlich daherkommen, sind für die „Anderen“ gefährlich, denn sie neigen dazu, die Differenz zu leugnen oder wo das nicht möglich ist, sie mit Gewalt zu unterdrücken oder auszurotten.
    Danke für deine Interpretation des Vom-Pferd-Stürzens des Paulus. Für mich ist das Runtersteigen vom hohen Ross (das freiwillige!) der einzige Weg zum Frieden. Es berührt mich immer sehr, wenn ich es irgendwo beobachte oder davon höre.

  • Dorothee Markert sagt:

    Liebe Gudrun Nositschka,
    Ich glaube, du hast den Satz überlesen „Doch auch er tendierte wie andere Männer in allen Zeiten und an allen Orten dazu, den Frauen Vorschriften zu machen, um das Problem zu lösen, das Männer mit Frauen haben“, weil du daran hängengeblieben bist, dass Luisa Muraro den Begriff „Frauenfeind“ in Bezug auf Paulus für übertrieben hält. Für übertrieben, nicht für falsch. Du hast natürlich Recht mit dem, was du von der Wirkungsgeschichte Frauen reglementierender Paulusworte im Rahmen der Kirchen schreibst. Und Luisa Muraro leugnet ja nicht, dass das zu kritisieren ist. Doch ich denke, dass es sich trotzdem lohnt, von Paulus etwas zu lernen, was übrigens in der Interpretation seiner Schriften nicht zufällig unter den Tisch gefallen ist.

  • Ute Plass sagt:

    @Gudrun Nositschka -es gibt ja keine Eindeutigkeit, in Bezug auf biblische Text-Auslegung. Daher gut, wenn auch eine befreiungstheologische, feministische Exegese ‚mit mischt‘.

  • Ute Plass sagt:

    Liebe Dorothee Markert,
    „vielleicht war der Text, auf den du dich beziehst, mal so gemeint, dass es um die gleiche Würde aller Menschen ging.“
    Wer das noch so gemeint haben könnte weiß ich nicht. Ich habe diese Stelle für mich so ausgelegt. ;-)

    Wie schon gesagt: Biblische Texte wurden und werden auf vielfältige Weise gelesen und interpretiert und leider auch benutzt zum Zwecke der Unterdrückung, Ausgrenzung………….
    Machtmissbrauch (nicht nur mit Bibeltexten) aufzudecken und zu benennen bleibt eine ständige Verpflichtung.

    Dieses „eins in Christus“ sollte nicht fundamentalistischen
    Gruppierungen überlassen werden, sondern braucht eine eigene Sicht und Deutung auch von feministischer Theologie, Philosophie.

    Selber bin ich keine bibelkundige, gläubige Christin, allerdings mit geprägt durch eine christliche(Un)Kultur für die mir seinerzeit Frauen wie Elga Sorge, Mary Daly, Dorothee Sölle… die Augen geöffnet haben, sozusagen ‚mein Damaskuserlebnis‘. :-)

  • Antje Schrupp sagt:

    Liebe Dorothee, liebe Ute,

    Ich habe die Stelle im Galaterbrief mit dem „Eins in Christus“ immer so gelesen, dass das „Christus“ eine Einschränkung der „Eins“ bedeutet. Also: Wir sind unterschiedlich, aber sofern wir Gemeinde Christi sind, betrachten wir uns gegenseitig als Eins, also in Bezug auf diese Gemeinschaft gelten diese Hierarchien nicht. Denn es sind ja nicht einfach nur Unterschiede, sondern Herrschaftsverhältnisse, die hier thematisiert werden. Das ist etwas, das sich bei Paulus überhaupt durchzieht als Kriterium für das, was eine Gemeinde ausmacht: Dass dort soziale Hierarchien nicht wirken sollen. Also ich lese die Stelle nicht als Abwehr von Unterschieden, sondern als Kritik an Herrschaftsverhältnissen. Das grundsätzliche Problem mit der EINS bleibt aber natürlich.

  • Ute Plass sagt:

    @Antje – „….Dass dort soziale Hierarchien nicht wirken sollen. Also ich lese die Stelle nicht als Abwehr von Unterschieden, sondern als Kritik an Herrschaftsverhältnissen. Das grundsätzliche Problem mit der EINS bleibt aber natürlich.“

    Daher habe ich mich nicht mit „Eins in Christus“ aufgehalten, sondern am jesuanischen Geist von Freiheit u. Liebe orientiert, der ohne „Christus-Erhöhung“ auskommt.

  • Gudrun Nositschka sagt:

    Liebe Dorothee,
    diesen Satz mit Männern, die „in allen Zeiten und an allen Orten. dazu tendierten, den Frauen Vorschriften zu machen usw.“ und das auch auf Paulus zutrifft, habe ich nicht überlesen. Ich denke, dass dieses Verhalten sich erst mit der Durchsetzung der patriarchalen Religionen fast weltweit etablierte und dadurch geradezu gefördert worden ist. Dass auch eine geschwisterliche Haltung zwischen den Geschelchtern möglich war und noch immer ist, scheinen einige matriarchale Gruppen zu bezeugen.

  • Dorothee Markert sagt:

    An @Gudrun Nositschka
    Liebe Gudrun, da stimme ich dir zu. Danke für diese Einschränkung des „in allen Zeiten und an allen Orten“, die Hoffnung macht.

  • Ute Plass sagt:

    Klaus Theweleit:
    „Einer der Hauptzwecke der Bibel und des Koran besteht darin, Lebensregeln für Frauen aufzustellen“

    https://www.deutschlandfunk.de/klaus-theweleit-einer-der-hauptzwecke-der-bibel-und-des.2849.de.html?drn:news_id=1075612

Weiterdenken