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Zwei Zeiten des Übergangs

Von Dorothee Markert

Das sechste Kapitel von Luisa Muraros Buch „Auf dem Markt des Glücks“ ließ sich gut in zwei Abschnitte aufteilen. Das Kapitel, dem Muraro den Titel „Mehr Frauen als Männer“ gegeben hat, erscheint hier also in zwei Teilen.

Auf dem Markt des Glücks

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In diesem Abschnitt beschäftigt sich Luisa Muraro mit zwei Übergangszeiten oder Zeiten „dazwischen“. Die eine liegt am Ende des 16. Jahrhunderts, als nach der Reformation mit der Gegenreformation die Religionskriege begannen, also zwischen Mittelalter und dem Beginn des Zeitalters der Moderne. Und auch wir leben in einer solchen Übergangszeit, der Zeit nach dem Ende der Moderne und vor etwas, von dem wir noch nicht wissen, was es sein wird, „vorausgesetzt, dass es eine Zukunft gibt“ (S. 80).  Wobei man das eigentlich gar nicht so sagen kann, denn „wenn es eine Zukunft gibt, hat diese natürlich schon begonnen, als eine Zukunft, die sich vor unseren Augen mit den Resten der Vergangenheit vermischt“ (ebd.).

Als einen Zeugen für die erste Übergangszeit zieht Luisa Muraro den „bewundernswerten“ Michel de Montaigne heran. Über sein Werk, auf Französisch Essais (Versuche), sagt er Folgendes: „Ich male nicht das Sein. Ich male den Übergang“. Und er fügt hinzu: „Wenn mein Geist sich stabilisieren ließe, würde ich keine Versuche, sondern Lösungen hervorbringen, doch mein Geist ist immer in der Lehrzeit und am Ausprobieren. Daher kann es vorkommen, dass ich mir widerspreche, doch der Wahrheit widerspreche ich nicht“ (Montaigne, zit. n. Muraro). Auch Muraro selbst gelinge es oft nicht, einen Gegenstand festzuhalten, er tanze und schwanke vor ihr hin und her, als sei er „von Natur aus betrunken“. Montaignes Worte sind bescheiden und selbstbewusst zugleich. Er spricht von der Wahrheit. Und er sagt, es sei nicht an uns, sie auszusprechen, sondern sie zu verstehen und ihr nicht zu widersprechen. Das ist die Haltung eines Menschen, der sich lange für eine Versöhnung der Konfessionen einsetzte und sich, als dies zunehmend aussichtslos erschien, schließlich der Philosophie zuwandte, wobei er metaphysische Fragen ausklammerte. Er blieb aber der Wahrheit treu, wie wir später in Bezug auf die Hexenverfolgungen sehen werden, einem weiteren Übel jener Zeiten in Europa.

Wie auch andere Denker des „Dazwischen“ – Muraro nennt noch Nikolaus Cusano, der die Naturwissenschaft als ein Wissen der Mutmaßungen bezeichnete – widmete sich Montaigne der Lesbarkeit einer Welt, von der er wahrnahm, dass sie im Wandel begriffen war. Die anerkannte Größe dieser Denker verhinderte nicht, dass sie später durch die weitere Entwicklung des westlichen Denkens ersetzt und schließlich als minderwertig oder sogar als überflüssig betrachtet wurden. Das geschah durch eine Moderne, „die mit aller Kraft den Anspruch erhob, uns von dem ‚Ersten’ zu trennen, damit wir autonom, erwachsen und unsere eigenen Herren würden“ (S. 80). So lassen sich Muraro zufolge die Versprechen des aufgeklärten Rationalismus zusammenfassen, die „bis gestern“ die geläufige Denkweise darstellten.

Montaigne zeigt sich als Skeptiker, obwohl er das eigentlich gar nicht ist. Er muss sich so geben, damit die ungeheuer große Menge an mutmaßlichen Gewissheiten, falschen Erklärungen und vereinfachenden Selbsttäuschungen den von ihm angestrebten Weg zur Wahrheit nicht vollständig versperrt und nicht verhindert, dass er verstanden wird. Er versucht, eine schmale Tür offenzuhalten, die die Dogmatiker auf der einen Seite und die Skeptiker aus Prinzip auf der anderen Seite mit aller Macht schließen wollen, „wie heutzutage auch“. Er hält diese Tür mit einer großen Kunstfertigkeit offen, die er sein Leben lang immer mehr verfeinert hat. Dies zeigt sich beim Vergleich zwischen den ersten beiden Bänden der Essais, 1580 erschienen, und dem dritten Band acht Jahre später.

Muraro begann Montaigne zu schätzen, als sie in seinem Werk das Thema „Frauen“ verfolgte. Dieses Thema war zur Zeit Montaignes nicht weniger angesagt als heute und wurde auf ähnliche Weise behandelt. Es gab einen stetigen Strom von Diskursen über eine mutmaßliche Frauenfrage, damals querelle genannt, die untereinander in keinem Zusammenhang standen, stark polarisierend zwischen Bewunderung und Abwertung, wobei das letztere in jener Epoche überwog. Von jenen Zeiten sind wir zwar abgrundtief getrennt durch die naturwissenschaftliche Revolution, doch „keine Wissenschaft der Welt kann die Widersprüche des Lebens auflösen, und das Thema ‚Frauen’ spricht über solche Widersprüche“ (S.81). Das Leben sei eine unebene, unregelmäßige und vielfältige Bewegung, ist eine berühmte Aussage Montaignes, mit der er das dritte Buch der Essais eröffnet. 

In den ersten beiden Bänden der Essais sei er bezüglich seiner Äußerungen über Frauen keine Ausnahme unter den Gelehrten, meint Luisa Muraro. Allenfalls bemühe er sich um eine ausgewogene Mischung von Positivem und Negativem. Auch wenn er selbst den Polarisierungen nicht unterliege, löse er sie jedoch nicht auf. Im dritten Band der Essais können wir wahrnehmen, dass er zwar immer noch die „Autoritäten“ zitiert, aber weniger oft, und dass er diese auch kritisiert. Er bezieht sich mit mehr Präzision auf die umgebende Realität und bewegt sich zu einer gewissen Freiheit des Denkens hin. Luisa Muraro führt diese Veränderung auch auf den Einfluss von Frauen seines intellektuellen Niveaus zurück, mit denen er sich inzwischen zunehmend austauschte.

Montaigne versteht nun einige wichtige Dinge: Zwischen Frauen und Männern bestehe ein tiefgehender Konflikt, behauptet er, und dieser müsse als etwas Natürliches akzeptiert werden. Die Bezugnahmen und jeweiligen Sichtweisen stünden einander oft feindlich gegenüber, und dies sei unauflösbar. Die Männer seien beinahe in allem ungerechte Richter des Handelns von Frauen, und umgekehrt gelte dasselbe. Montaigne räumt schließlich ein und unterstreicht diesen Punkt besonders, dass die Frauen vollkommen Recht hätten, wenn sie sich weigerten, nach den Regeln zu leben, die in der Welt gelten, da diese vor allem gegenüber Frauen widersprüchlich und ungerecht seien, besonders auch deshalb, „weil die Männer sie ohne die Frauen aufgestellt haben“ (Montaigne, zit. n. Muraro, S. 82).

Dieses Bewusstsein hält ihn allerdings nicht davon ab, das Verhalten von Frauen zu kommentieren und gegebenenfalls auch zu verurteilen. Beispielsweise kritisiert er, dass Frauen nun auch die Klassiker zitieren würden, und findet, sie sollten sich lieber der Lyrik zuwenden. Trotzdem bleibt er ein erstklassiger Gesprächspartner für die Politik der Frauen, weil er der Frage der Beziehungen zwischen den Geschlechtern große Bedeutung beimisst „und weil er zugibt, dass er darin parteilich ist. Er steht zu seinen Interessen, legt seine Erwartungen offen und manchmal sogar seine Grenzen“ (S. 82).

Beim Lesen von Montaignes Schriften zeigt sich folgende Veränderung: Von der Tendenz, die Frau an dem zweideutigen Maßstab zu messen, der sich aus dem männlichen Ideal speist, wie eine Frau sein sollte, und gleichzeitig aus dem Maßstab, dem er als Mann zu entsprechen glaubt, kommt er schließlich zu einer Haltung, die zwar immer noch frauenfeindliche Elemente enthalten kann, aber sie nicht mehr selbst hervorbringt. Denn die Frauenfeindlichkeit wird nicht mehr im Dunkeln ausgebrütet, die Bewusstwerdung der männlichen Differenz wirft ein wohltuendes Licht darauf. Im Denken Montaignes fangen die Frauen an, für sich selbst zu existieren, und er erkennt, „dass sie immer schon und zuerst da waren, nämlich vor den Männern, die sie zur Welt brachten. Und dadurch lösen sich die bekannten Paradigmen der Komplementarität, der Hierarchie und der Gleichheit auf “ (S.83). Die Gleichheit werde ja besonders betont, um die Asymmetrie der Geschlechter „geradezurücken“, schreibt Luisa Muraro, „vor allem die Tatsache, dass die Frauen von einer Frau geboren werden und die Männer dagegen … ebenfalls“ (ebd.). Schon Augustinus habe sich in seinem Kommentar zur Schöpfungsgeschichte gefragt, warum Gott die Frau geschaffen habe. Luisa Muraro stellt sich das Gelächter darüber im Paradies vor. 

Doch auf der Erde habe es nicht so viel zu lachen gegeben: Als Montaigne 1580 seine ersten Essais veröffentlichte, erschien in Frankreich die Démonomanie des sorciers von Jean Bodin, eine Anweisung für die Hexenjagd. Gegen dieses todbringende Handbuch schrieb Montaigne einen Text, das elfte Kapitel des dritten Essay-Bandes. Mit seiner Schrift musste er sich vor allem auch verteidigen, denn der berühmte Gelehrte Bodin hatte diejenigen, die nicht an die dämonische Macht der Hexen glaubten, selbst der Hexerei und Häresie angeklagt. 

Die Philosophie-Geschichtsschreibung konnte jenes Handbuch Jean Bodins zwar nicht ganz ignorieren, aber sie tat „bis gestern“ so, als sei dieses üble Werk „etwas anderes“, das mit den damaligen Zeiten zu tun hatte. Doch 1999 erschien ein Text von Ginevra Conti Odorisio, in dem sie nachwies, dass es sehr wohl eine Kontinuität gibt zwischen dem Buch zur Hexenjagd und dem anerkannten Hauptwerk von Bodin, den Sechs Büchern über den StaatLa République. Das Verbindende ist die Feindschaft gegenüber politischer Macht von Frauen. Und im Zeitalter der Katharina von Medici und Königin Elisabeth I. war das nicht nur Theorie. Nach Ansicht Bodins verliert die von ihm dargestellte Staatsform, die er Republik nennt, „ihren Namen, wenn eine Frau die Herrschaft innehat“ (Jean Bodin, zit. n. Luisa Muraro, S. 84). Sehr ähnlich argumentiere die Theologie beim Thema Priesterordination von Frauen, fügt Muraro hinzu. Wenn eine Frau die Hostie reiche, handle es sich nach diesem Denken nicht mehr um ein Sakrament, sondern um seine Parodie.

Montaigne auf der einen Seite und Bodin auf der anderen, beide sind Denker einer Übergangszeit wie der unseren, auf deren Probleme sich in der überlieferten Kultur keine Antwort findet. Auch Bodin weiß, dass es mehr Frauen als Männer gibt, „sowohl in den Staaten als auch in den Familien“ (Bodin, zit. n. Muraro, S. 84). Beide Denker sind sehr nah beieinander, zeitlich, kulturell und was die persönliche Bildung angeht. Gemeinsam ist ihnen auch eine besondere männliche Angst, dessen Auslöser der weiblich-mütterliche Körper zu sein scheint, der vom Begehren bewohnt ist. Der Unterschied ist, dass Bodin das Patriarchat im neuen Staats-Absolutismus wieder aufrichten und alle Widerstände dagegen dem Feuer überantworten will. Montaigne bewegt sich in die entgegengesetzte Richtung: Aus seinen Beobachtungen dessen, was außerhalb und innerhalb von ihm geschieht, und unterstützt durch die Lektüre antiker Texte, hört er dem Ungedachten zu und gibt ihm mit seinen Schriften eine Sprache.

Sein Text über die Hexenverfolgung ist ganz anders als alles, was vom Schreiben eines Mannes zu erwarten wäre, der dachte und fühlte wie er. Wahrscheinlich erfüllte es ihn mit Horror, die geistigen und gesellschaftlichen Manifestationen jenes Wahns mitzubekommen, mit dem die Inhaber politischer Macht sich gemein machten und schließlich jegliche Verantwortlichkeit  gegenüber Gerechtigkeit und Wahrheit mit Füßen traten. Heute (also vor zehn Jahren schon!), fügt Muraro hinzu, werde der Unduldsamkeit der Bevölkerung gegenüber Sinti und Roma und anderen armen Einwanderern ebenfalls nicht mithilfe von Wissen und Veränderungen abgeholfen, sondern sie werde angeheizt und dazu benutzt, die bestehenden Machtverhältnisse zu stabilisieren.

Montaignes Text zeigt jedoch nicht, was ihn bewegt. Wie schon im Titel „Die Hinkenden“ erkennbar, umkreist er das Thema nur von Ferne, bis hin zu freien Assoziationen, die scheinbar nichts mit dem Thema zu tun haben. Der Titel (Gli zoppi, männliche Form) verbirgt, dass er mit den Hinkenden Frauen meint, ebenso wie die Hexer (sorciers) Bodins überwiegend Hexen sind und Freuds Hysteriker ausschließlich Hysterikerinnen. Beim mehrmaligen Lesen merkt man jedoch, dass Montaigne vom ersten bis zum letzten Wort von einer ungeheuren Empörung bestimmt ist, „die er wie ein Segel behandelt, das eingezogen und gut befestigt werden muss, wenn der Wind sehr stark ist“ (S. 85). Man ahnt, und er spielt auch selbst darauf an, dass Montaigne unablässig protestiert und diskutiert hat, ohne gegen die fanatische Gläubigkeit von allzu vielen Menschen anzukommen, auch von „aufrechten Männern“. Er erzählt, dass er sich mit Heftigkeit und Hartnäckigkeit an einen Mächtigen gewandt hat, weswegen dieser sich beleidigt fühlte, so dass Montaigne einlenken musste. All das führte dazu, dass er seine Haltung tiefgehend änderte. Seine Sprache wird die eines Menschen, der sich seiner Ohnmacht bewusst ist, den Lauf der Dinge aufzuhalten. Voller Demut und Klugheit verwandelt er seine Sprache in eine neuartige Überzeugungsrhetorik, die nach Muraros Ansicht auch für uns gut ist.

Darüber hinaus begriff er, dass der Wunsch, die Wirklichkeit mit allgemeinen Theorien zu erklären, der Wunsch, Ursachen und Gründe zu finden, anstatt die Aufmerksamkeit auf die Dinge selbst zu richten, Darstellungen entstehen lässt, die unsere Erfahrungen überlagern und verändern, die geistigen und die emotionalen, „und der Körper und die Seele zerbrechen und verlieren ihr Recht auf die Erfahrung der Welt, in die nun der Anspruch der Wissenschaft mit hineingemischt ist“ (Montaigne, zit. n. Muraro S. 86). In Muraros Worten ausgedrückt, verlieren die Erfahrungen damit ihr Statut unmittelbarer Zeugenschaft des Wahren und nehmen dem fühlenden und denkenden Subjekt die symbolische Kompetenz, die notwendigen Vermittlungen zu finden, um das Erlebte in Wissen und Sprache umzuwandeln.

In kurzen und klaren Worten nehme Montaigne hiermit eine Thematik vorweg, die zu vielen Diskussionen in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts geführt habe, während Muraros Ausbildungszeit: die Frage, ob wir der Erfahrung trauen können. Eine Frage, die er so gut formulierte und die heute auf heimtückische Weise schlecht formuliert wird. „Als ob die Erfahrung eine Methode sei, oder schlimmer noch, ein Instrument oder gar ein Messinstrument!“ (S.86) Hinter jener geistigen Verdrehtheit stehe die Unfähigkeit, einfach mit den Fragen in der Hand vor der Welt zu stehen, eine Verdrehtheit, in die ein Streben nach Wissen einfließe, das vom Wunsch nach Dominanz eingerahmt werde.

Auch die moderne Naturwissenschaft, die ja so anders und so viel differenzierter ist als die zur Zeit Montaignes, kann wenig ausrichten, um uns den Sinn für die Erfahrung der Welt zurückzugeben, leider hat auch sie dazu beigetragen, diesen Sinn abzustumpfen. Da wir an den Gedanken gewöhnt sind, es gebe für alles, was geschieht, eine wissenschaftliche Erklärung, haben wir die Formulierung der Fragen und der Antworten an die Wissenschaft delegiert und damit verlernt, unsere eigenen Erfahrungen zu machen. Stattdessen überlassen wir das den jeweiligen Experten. Das ist ein Betrug, und die Folgen sind deutlich zu erkennen. Sogar in der Alltagssprache wird inzwischen die Welt, einschließlich dessen, wovon man direkte, sinnliche Erfahrungen hat, auch was den eigenen Körper angeht, mit Worten beschrieben, die Pseudoerklärungen und Überreste von Theorien sind. Was in erster Person erlebt wird, wird dann, wenn es keine Worte dafür gibt oder wenn das Erlebte in Allgemeinplätze gekleidet wird, wenn es also nicht in den sozialen Austausch gebracht wird, in die von Fantasmen bevölkerte Leere eingesogen, die das Ungedachte darstellt. Es hat keinen Sinn, auf die Erinnerung zu vertrauen, denn diese kümmert sich nicht um das, was nicht sinnvoll in Worte gefasst worden ist. Da sie unfähig sind, miteinander zu sprechen, ignorieren Nachbarn und Nachbarinnen einander, fürchten sich voreinander und hassen sich schließlich sogar. Soldaten kehren heim aus den gerade stattfindenden Kriegen und erzählen nichts.

Die Forderung, alles in einer Diskursordnung unterbringen zu müssen, die zu allem einen Überbegriff liefern kann und zu jedem Ereignis eine Erklärung, die keine Fragen offenlässt und keine Geheimnisse kennt, wurde historisch durch die Aufklärung vorangebracht (Leopardi hat dies als erster kritisiert und wurde deshalb als Nihilist beschimpft). Unter den Versprechungen der Aufklärung nimmt weiterhin die der Rechte einen wichtigen Platz ein. Nach jener Vision der Welt, die mit der bürgerlichen Revolution gesiegt hat, existieren ebenso, wie es keine Fragen ohne Antworten mehr gibt, auch keine gerechten und begehrenswerten Dinge mehr, die nicht in ein individuelles Recht verwandelt werden können. Das Ergebnis: Wie die Kompetenz der Spezialisten die Erfahrung auffrisst, ohne dass uns das bewusst ist, fressen die Rechte, deren TrägerInnen wir sind, unsere Begehren und unser Hoffen auf.

Daher betonen einige Denker, der Verlust symbolischer Kompetenz sei heute unvermeidlich, aber sie führen dies nur auf einige Charakteristiken der postmodernen Zivilisation zurück und beachten die schlecht gestellte Frage nicht, durch die die Erfahrung diskreditiert wurde. Einer von ihnen fragt sich sogar, ob das Wort „Erfahrung“ nicht aus der Sprache kritisch denkender Menschen entfernt werden müsste. Damit ist der Niedergang dieses Wortes an sein Ende gelangt. Übrig bleiben die Sprache des Geldes, die Erfahrung des Konsumierens und eine freudlose Wirtschaft.

Aber die Erfahrung, die Ressource all dessen, was ohne Vermittlung geblieben ist, misstraut dem kritischen Denken. „Die Erfahrung legt keine Beglaubigungsschreiben vor, sie führt keine Beweise, sie hat keine Grundlagen und gilt trotzdem. Sie ist keine Methode und kein Mittel, sie ist das Erste und das Letzte, wir machen sie, aber sie hängt nicht von uns ab, sie bringt uns dazu, aus uns herauszugehen, sie offenbart uns uns selbst und sie betrügt uns nicht. Allenfalls verraten wir sie, indem wir sie nicht beachten, ihr nicht zuhören, sie nicht berücksichtigen und sie weggeben im Austausch gegen Scheißdreck. Aber sie ist trotzdem da, auch wenn wir sie nicht benennen“ (S. 88). 

In der Sprache der Philosophen der Antike hatte die Erfahrung mehrere Namen und es wäre nicht möglich gewesen, ihr keinen Namen und stattdessen einen leeren Platz anzubieten. Denn „Erfahrung“ ist ja in Wirklichkeit ein königliches Wort, es ist eines der Worte, die sich nicht in eine oder mehrere Definitionen sperren lassen, sondern die mit einer überreichen und äußerst anspruchsvollen Bedeutung gesegnet sind. Und die entdecken wir bei Bedarf. Die Erfahrung ist die Grenzlinie zwischen Sein und Nicht-Sein, sie ist unwiderlegbare Präsenz des Seins und wird als solche verteidigt. Aber sie ist keine demonstrierte oder notwendige Präsenz, sie ist Zufälligkeit und verändert sich pausenlos. Etymologisch steckt in der Erfahrung ja schließlich auch die Wurzel des Wortes „Gefahr“. Daher braucht sie Vermittlungen, immer wieder. Durch Vermittlungen wird sie sich selbst zurückgegeben und wird dabei stärker, aber wehe, wenn eine der Vermittlungen den Platz der Erfahrung einnimmt, wehe, wenn wir der Erfahrung nicht treu bleiben aus dem Wunsch heraus, etwas ausführlicher und dauerhafter zu erklären, als die Erfahrung erlaubt. Denn in diesem Fall verliert sie ihre Gabe zum Kontakt und zum Austausch mit der Realität. (Ohne wirklich zu begreifen, was mich damals so wütend machte, beschrieb ich hier schon einmal eine solche Situation).

„Wenn wir lernen, an diese Grenze zu gehen, und wenn es uns gelingt, dort zu bleiben, dann haben wir einen Gewinn, weil genau hier die Dinge wirklich geschehen. Und was gewinnen wir? Das, was uns am meisten am Herzen liegt. Denn hier zählt wie nirgendwo sonst nur das, an dem uns wirklich etwas liegt“ (S. 89). Und viele, die vorher noch nicht wussten, was das ist, bekommen die Gelegenheit, dies zu erfahren. Hier können wir unsere Begehren und Sehnsüchte entdecken und dafür Worte finden und erfinden. „Gehandelt und Gewinn gemacht wird an der durchlässigen Grenze eines Erlebens, das die Grenzen des festgelegten Wissens überschreitet, auf einem Markt, in den jeder und jede sich selbst einbringt und wo man umso reicher wird, je mehr man sich selbst dem Realen aussetzt und an den Vermittlungen arbeitet“ (ebd.). 

Autorin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 15.12.2019
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Fidi Bogdahn sagt:

    „Wehe, wenn wir der Erfahrung nicht treu bleiben aus dem Wunsch heraus, etwas ausführlicher und dauerhafter zu erklären, als die Erfahrung erlaubt. Denn in diesem Fall verliert sie ihre Gabe zum Kontakt und zum Austausch mit der Realität.“
    oh, wie oft ich das -wohl in missionarischem Eifer- habe schmerzhaft erfahren müssen;
    incl. mich tröstender Erklärung: ich hätte eben „die Perlen vor die Säue geworfen“; oh weh!
    Und jetzt?
    durch diesen Text lern ich „eine perlengeschmückte Sau in mir“ zu erkennen;
    und ich darf diese Erfahrung hier benennen.
    Ein reales Gefühl von Glück!

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