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Rubrik Blitzlicht

Tanz auf dem V-ulkan

Von Heike Brunner

One Billion Rising-Buttons 2020

Zeichen setzen gegen die Gewalt an Frauen!

Der weltweite Tanz-Protest “One Billion Rising” findet zum achten Mal und wie immer am 14. Februar statt. Als ein Ausdruck des Protests, gegen die Gewalt an Frauen, hat sich „OBR“ positiv etabliert und von Jahr zu Jahr werden es immer mehr TeilnehmerInnen*. Ausgedacht hatte sich diesen Protest-Event die New Yorker Künstlerin und Schriftstellerin Eve Ensler, selbst Missbrauchsopfer.

Eve Ensler initiierte 2012 das ”One Billion Rising” Projekt mit dem Charakter eines weltweiten “Tanz-Flashmob”, der erstmals am 14. Februar 2013 stattfand. Diesen, von ihr als Aufbruch benannter, Protest veranstaltete sie als hoch-medial wirksames, weltumspannendes Event. Dazu nutzte sie modernste Technik, wie Drohnen-Bilder-Videos und die Social Media Kanäle. Eine starke PR-Kampagne mit eigenem Logo, Bannern, Videos mit einer Mitmach-Choreografie etc. lud dazu ein: Weltweit wurden die Frauen aufgerufen mit zu machen und zudem angeregt ihren lokalen Tanzprotest per Videoposting öffentlich auf der eigens dafür eingerichteten Homepage  hoch zu laden. Der Erfolg war großartig, in über 190 Ländern der Welt fanden Aktionen statt, viele feministische Organisationen schlossen sich dem Aufruf an, aber es gab auch Kritik, dazu später.

Über Slutwalks und Flashmobs

Ein Jahr zuvor, 2011, gingen KanadierInnen* mit den politisch motivierten “Slut-Schlampen-Walks” auf die Straße. Der Auslöser dazu war die öffentliche Aussage eines kanadischen Polizisten, Frauen könnten sich vor Vergewaltigung schützen, wenn sie nicht wie Sluts – Schlampen – rumlaufen würden. Die Frauen protestierten gegen die immer noch in der Gesellschaft verankerte Ansicht, die Vergewaltigungsopfer trügen aufgrund ihrer Kleidung zur Tat bei und protestierten gegen die damit einhergehende Verkehrung der Opfer in die Täterrolle.

Der Slutwalk wurde in anderen Ländern aufgegriffen, so fanden diese u. a. in Deutschland, England, USA, Frankreich, Schweden, Australien über das Jahr 2011 verteilt in vielen Städten statt. Die begriffliche Aneignung des patriarchalen, negativ besetzen Wortes “Slut”, brachte “Alt-Feministinnen” dazu diese Bewegung kritisch zu bewerten, viele lehnten es einfach ab sich selbst als Schlampe titulierend protestieren zu gehen. Viele öffentliche Diskussionen drehten sich kontrovers um den Auftritt der Demonstrierenden, die, um ihre persönliche Freiheit zu demonstrieren, in “Schlampigen” freizügigen Party Outfits teilnahmen. Zu dem Anliegen Öffentlichkeit zu schaffen, mit Plakaten und Parolen, wurde auf den Walks Partystimmung zelebriert und tanzende Menschen bestimmten zunehmend das Bild. Die Bewegung ebbte nach 2012 etwas ab, wird aber seit 2015 wieder kontinuierlich öffentlich veranstaltet. Slutwalks wenden sich gegen Sexismus und gegen die Rechtfertigung und Verharmlosung von Gewalt, steht auf den Seiten der Münchner AktivistInnen*, die dort den jährlich stattfindenden Slutwalk organisieren.

Was trugen Frauen wirklich, als sie Opfer einer Vergewaltigung wurden?

Dieser Frage ging die Universität Kansas nach, das Ergebnis war diese Wanderausstellung, die 2018 in Brüssel zu sehen war.

“Slutwear”? Fehlanzeige.

Das One Billion Rising Konzept entstand also genau im zweiten Jahr der internationalen Slutwalks, die allerdings nie zeitgleich, im Sinne eines weltweiten Flashmobs, stattfanden. Zudem erregte  im Dezember 2012 eine grausame Gruppenvergewaltigung in Indien, an einer jungen Frau, die an deren Folgen verstarb, weltweit für eine Empörungswelle, die Öffentlichkeit wurde zunehmend wachsamer. 

Die Idee hinter One Billion Rising

Eve Enslers Intention war, die Frauen, die Opfer von Gewalt sind, mögen sich erheben und sich zeigen, so auch im Video zur Aktion dargestellt. Die Zahl “One Billion” bezog sich auf die Zahl, die eine jährliche UN Statistik veröffentlicht hatte, der weltweiten Opfer von häuslicher Gewalt, Femizid und Vergewaltigung. Diese sollten sich daher weltweit erheben und sich der Welt zeigen, um sich dadurch zu befreien und stark, also irgendwie heiler, zu werden. Besonders in Indien war der Protest geprägt von betroffenen Frauen, die in ihren Videobotschaften anklagten. International haben sehr viele Frauen mitgetanzt, sicher eher die anderen Frauen. Die, die nicht gefangen in häuslicher Gewalt sind. Die gesamte Tanzaktion schaffte damit sehr viel mediale Aufmerksamkeit für das Thema, sicher aber keine Heilung für traumatisierte Frauen. So einfach geht das dann doch nicht, die Traumaforschung kann davon berichten, die Frauenhäuser und Filme wie “Una Primavera” auch.

Die Hauptkritiken an Eve Ensler, die sich z. B. auf dem Blog der Mädchenmannschaft nachlesen lassen, waren, dass es sich bei der Inszenierung des Events, zu stark um sie und ihre Person drehe, – Missbrauch der Opfer für die eigene Inszenierung-, dass sie traditionelles Wissen afrikanischer Frauen in weißer Kolonial-Frauen Manier für ihre Veranstaltung benutzt habe, -die Inspiration zum Tanz lieferten ihr Frauen aus dem Kongo-. Die Platzierung der Aktion habe zudem die Bewegung der indigenen kanadischen Frauen verletzt und missachtet, – der Termin ging in Konkurrenz mit einer dort seit Jahren stattfindenden wichtigen Veranstaltung- so der kritische Tenor 2012/2013.

Bei den, sicherlich nicht ganz unberechtigten Vorwürfen, ist dennoch zu bedenken, dass Eve Ensler in erster Linie eine Künstlerin ist und, ohne sie entschuldigen zu wollen, KünstlerInnen* sind keine NGOs, sind nicht unbedingt p.c. – political correct-, sind nicht unbedingt politisch feministisch. KünstlerInnen* sind vorsichtig ausgedrückt etwas “egozentrierter”, im positiven Sinne: Um etwas Inneres nach außen bringen zu können und sind in der Regel Persönlichkeiten, die zunächst auf sich fokussiert sind, auf ihre Empfindungen, auf ihre inneren Welten und wären, nicht selten sogar in der Psychiatrie gelandet, hätten sie nicht die Kunst als Medium für sich und ihren Ausdruck gefunden. Der Motor von Eve Ensler war und ist sicher das eigene Trauma, Drama, der sexualle Missbrauch des Vaters an ihr und dagegen marschierte sie als Künstlerin an, mit den ihr subjektiv zur Verfügung stehenden Mitteln: Literatur, Performance, Tanzflashmob, mediale Aufmerksamkeit … das gelang.

One Billion Rising lebt weiter. Es geht um die Sichtbarmachung dieses so wichtigen Themas im öffentlichen Raum. Viele Frauen-Organisationen, die gegen Gewalt gegen Frauen auf der politischen Ebene kämpfen, unterstützen diesen öffentlichen Tanz. In Deutschland ist z. B. die Organisation Medica Mondiale, die seit Jahren gegen die sexualisierte Gewalt an Frauen und Mädchen in Krisen- und Kriegsgebieten kämpfen, von Anfang dabei. Über all diese acht Jahre haben viele (feministische) Frauen mit an den Inhalten gefeilt und auch andere Künstlerinnen die Bewegung künstlerisch und inhaltlich unterstützt, genannt sei hier die deutsche Rapperin Sookee, die 2013 den “One Billion” Song schrieb. Ganze Schulklassen tanzen mit und es werden wirklich immer mehr TeilnehmerInnen aus immer mehr Ländern.

Zeichen setzen, jetzt

Es brennt, wie bei einem Vulkan, die immer noch steigenden Zahlen der Gewalt gegen Frauen sind schier unerträglich und zeigen wie wichtig das politische Engagement ist und auch wie wichtig es ist den öffentlichen Raum, mit dem Thema, kraftvoll zu füllen. Insofern, raus zum Tanz auf dem V-ulkan und letztlich bringt Tanz Bewegung in Dinge und hilft aus der Erstarrung und Ohnmacht, hilft ein Zeichen der Solidarität zu setzen, und Eines gegen die immer noch  zunehmende Gewalt an Frauen und Mädchen.

Hier findet ihr alle Informationen zu One Billion Rising in Deutschland:

http://www.onebillionrising.de/

Autorin: Heike Brunner
Eingestellt am: 11.02.2020
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Elfriede Harth sagt:

    Inzwischen wird Gewalt an Frauen immer mehr angeprangert, von #NiUna Menos bzw #NiUnaMas in Lateinamerika zu #MeToo, #Aufschrei, die Gewalt, die Frauen angetan wird, wenn sie daran gehindert werden, eine ungewollte Schwangerschaft zu beenden aber auch die gegenwärtige Debatte um die obstetrische Gewalt (also die Gewalt im Kreisssaal). Alles Formen der Gewalt, die mit dem Körper von Frauen zu tun haben, Körper, die – wie ein Territorium – enteignet, in Besitz genommen, ausgebeutet, misshandelt, verwertet werden….

    Ich frage mich immer wieder, ob es sich mit all diesen Gewaltformen nicht letzten Endes um eine Art unbewussten Uterusneids handelt…. Wut darüber, dass der eigene Körper nicht schwanger werden kann, nicht Leben hervorbringen kann. Also der Drang, sich zu beweisen, dass „man“ dennoch die Kontrolle, die Herrschaft hat.

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