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Auch eine Deportation: In eine Männlichkeit, die von der Welt der Frauen getrennt ist

Von Dorothee Markert

Foto: Dorothee Markert

Wie eine Deportation sei es gewesen, als Frauen meinten, sie müssten wie Männer werden, um beruflich voranzukommen und politisch ernst genommen zu werden. Die so verstandene Emanzipation sei durch die Frauenbewegung gestoppt worden, weil die Frauen durch sie von sich selbst, von ihrem Erleben und von ihrem Begehren weggeführt worden seien. Diese Gedanken Luisa Muraros und vor allem der Begriff der Deportation regten mich zum Weiterdenken an.

Ich fragte mich, ob eine solche Deportation für kleine Jungen, die zu patriarchalen Männern werden sollen, nicht bereits mit etwa 10 Jahren stattfindet, wenn sie endgültig begreifen müssen, dass sie die Nähe zur Mutter und die von ihr gestaltete und beseelte Welt aufgeben müssen, um in eine kalte und harte Männerwelt einzutreten, in der ihnen alle Weichheit und jegliche Gefühlsäußerung mit Spott ausgetrieben werden und in der sie lernen müssen, sich körperlich abzuhärten, um mit der allgegenwärtigen Gewalt klarzukommen und einen erträglichen Platz in der männlichen Hierarchie zu erkämpfen. Eine Welt, in der ihre bisherigen Erfahrungen in der mütterlichen Welt nichts mehr gelten, in der all das, was bis dahin zur mütterlichen Autorität gehörte, abgewertet und verächtlich gemacht wird, einschließlich all dessen, was mit einem liebevollen Umgang mit dem eigenen Körper zu tun hatte, mit einer schön gestalteten Umgebung, manchmal auch mit Sprache und Bildung. Von den Freundinnen aus der Nachbarschaft, mit denen sie seit früher Kindheit gespielt hatten, müssen sie sich nun abwenden, wenn sie sich nicht den Sticheleien und hämischen Bemerkungen aussetzen wollen, die von anderen Jungen über diese Freundschaften gemacht werden.

Hat der kleine Junge bis dahin gern der Mutter bei der Care-Arbeit geholfen und war stolz auf sein Können in diesem Bereich, muss er sich nun hüten, dass es jemand mitbekommt, wenn er einen Putzlappen in die Hand nimmt. Obwohl er immer noch bei der Mutter lebt, muss er sich in der Öffentlichkeit von allem distanzieren, was mit diesem Leben zu tun hat. Neulich hörte ich auf der Straße, wie ein Junge seinem Kumpel gegenüber über den „Fraß, den meine Mutter kocht“, sprach. Für das bis dahin bei allen so beliebte Tafelputzen in der Schule meldeten die Jungen sich etwa ab der 4. Klasse immer weniger und überließen es schließlich ganz den Mädchen. Immer öfter weigerten sie sich sogar, ihren eigenen Müll zum Papierkorb zu bringen, denn solche verachtenswerte „Weiberarbeit“ war ihnen nicht mehr zuzumuten.

Viele weitere Beobachtungen dieser Art machte ich als Lehrerin, wenn ich jenen Wechsel der Jungen in ein völlig anderes Leben und Erleben schulisch begleitete. Und ich weiß, dass ich die damit verbundenen Quälereien nur verhindern oder mildern konnte, wenn sie vor meinen Augen stattfanden, doch was in den Toiletten und auf dem Schulweg geschah, konnte ich kaum beeinflussen. Damals war ich oft wütend auf meine männlichen Kollegen, die nichts dagegen unternahmen. Sprach ich sie darauf an, gaben sie mir zu verstehen, ich würde mich da über etwas aufregen, wovon ich nichts verstehe, Jungen seien halt so und die bräuchten das einfach. Ich versuchte die Gewaltkultur wenigstens etwas zu zivilisieren, indem ich auf Fairness drängte und es nicht duldete, dass mehrere auf einen einprügelten. Nachhaltigen Eindruck machte es auf meine Klasse und deren Eltern, dass ich einmal sogar einen (demokratisch gewählten!) Klassensprecher absetzte, weil er sich an den Schikanen gegen den kleinsten Jungen der Klasse beteiligt hatte.

Gegen die Behauptung, die Jungen würden von sich aus diesen Wechsel vollziehen und wollten es nicht anders, spricht die Tatsache, dass sehr viel Druck ausgeübt wird, dass sie mit Gewalt und Spott dazu gezwungen werden, sich mit Todesverachtung von ihrem bisherigen Leben abzuwenden. Ich denke dabei auch an den Sohn einer Freundin, der mit 10 Jahren bitterlich weinte, als er begriff, dass er nie „zu einer Mama“ werden konnte. Ich denke an die Erzählung über den Trans-Prozess eines anderen Menschen, der bei der Frage nach dem Zeitpunkt, bei dem er merkte, dass er „im falschen Körper“ lebte, ebenfalls das Alter von 10 Jahren nannte. Und ich denke an mein Mitgefühl für den Sohn einer anderen Freundin, wenn dieser in unserem gemeinsamen Urlaub allein in die Männertoilette in einem anderen Gebäude gehen musste, während wir Frauen und seine kleine Schwester fröhlich plaudernd zusammen in „unsere“ Toilette gingen. Mir fallen auch viele Gespräche mit feministischen Müttern von Söhnen ein, die sich Gedanken machten, wie das Feine, das Weiche und Zärtliche ihrer Söhne bewahrt werden könnte, während sie zu Männern heranwachsen. Auch vom Schuldgefühl war die Rede, weil es jenen Müttern nicht gelang, ihre Söhne zu beschützen vor dem brutalen Männlichkeitsdrill in jener anderen Welt.

Ich denke, dass dieses Schuldgefühl ein Grund ist, warum bis heute immer noch viele Mütter geneigt sind, ihre Söhne mehr zu verwöhnen als ihre Töchter, bis weit in das Erwachsenenleben hinein. Darunter leiden dann wiederum die späteren Partnerinnen der Söhne, die darüber klagen, dass sie in Bezug auf die alltägliche Care-Arbeit, anstatt zuverlässig unterstützt zu werden, eher noch ein „zusätzliches Kind“ zu versorgen haben. Umgekehrt könnte es auch sein, dass ein Teil der Frauenverachtung, die bei manchen Männern bis zum Frauenhass geht, aus einer frühen und tiefen Enttäuschung genährt wird, dass die Mutter sich als doch nicht so stark und mächtig herausstellte, wie sie sie in den ersten Lebensjahren empfunden hatten. Dass sie also das Gefühl hatten, in den ersten Lebensjahren betrogen bzw. später im Stich gelassen worden zu sein. Wie der kleine Junge diese Erfahrung interpretiert, hängt wahrscheinlich auch stark davon ab, wie die Beziehung zum Vater ist, wie viel Nähe und Schwäche in dieser Beziehung erlaubt sind, wie der Vater diesen Übergang begleitet und seinen Sohn beschützt und unterstützt. Und wie sehr er seine Frau liebt und respektiert und dies seinem Sohn vermittelt. Doch bis vor kurzem waren die Väter in solchen Rollen kaum vorhanden, und auch heute ist es nur eine Minderheit, die dort verlässlich Verantwortung übernimmt.

Zum Bild der Deportation passt es, dass auch eine „Rückkehr“ in die Welt der Frauen in Aussicht gestellt wird. Aber dafür müssen bestimmte Bedingungen erfüllt werden. Man muss ein richtiger Mann geworden sein. Man muss eine Frau „ficken“ können, das heißt, wie es im Schimpfwort „fuck“ noch deutlicher ist, vor allem, sie unterwerfen zu können. Dafür braucht es „Potenz“, Geld, Macht, Ruhm, eine hohe Stellung in der Hierarchie. Man muss hohe Türme bauen können, höhere als andere, man muss vielleicht auch großen und mächtigen Organisationen angehören und den einzigen und größten Gott an seiner Seite haben. Dass so vielen Männern Geld, Macht, Ruhm und Überlegenheit wichtig sind, wofür sie unglaubliche Leistungen erbringen, aber auch viele Zerstörungen in Kauf nehmen, hat vielleicht letztlich mit der tiefen Sehnsucht nach Rückkehr aus der Deportation zu tun, mit der einen tollen Frau oder den zahlreichen „Jungfrauen“, die es dann als Belohnung gibt. 

Zum Glück gelingt es manchen Männern ja auch, eine gute Beziehung mit einer Frau zu leben, mit der sie ein schönes Zuhause schaffen und vielleicht Kinder haben. Doch wehe, einem Mann wird die Frau, die er so mühsam für sich gewonnen hat und nun zu besitzen meinte, wieder genommen! Viel zu viele Frauen, die einen Bewerber zurückweisen oder ihre Partner verlassen wollen, riskieren damit ihre körperliche Unversehrtheit oder gar ihr Leben. Wer so lange warten und so viel dafür tun und erleiden musste, bis er schließlich seine eigene Frau bekam, lässt sich diese nicht mehr nehmen, eher nimmt er ihr das Leben, und manchmal auch noch das Leben der gemeinsamen Kinder.

Jene Deportation aus der Welt der Frauen in die der Männer in so frühen Jahren gilt nach wie vor als völlig normal, und es gibt kaum Mitgefühl für das, was die kleinen Jungen, vor allem die schwächeren unter ihnen, in dieser Zeit durchmachen, was ihnen genommen und was ihnen aufgezwungen wird. So ist es kein Wunder, dass vielen von ihnen bei diesem Wechsel auch die Empathiefähigkeit und das Mitgefühl verlorengehen. Die Empfindungsfähigkeit muss durch eine dicke Panzerung abgetötet werden. Ich denke, es gibt einen Zusammenhang zwischen dieser Erfahrung und der Tatsache, dass Deportationen und alles, was damit zu tun hat, in der patriarchalen Geschichte weit verbreitet waren und es immer noch sind: Umsiedlungen, Vertreibungen, Zwangsbekehrungen, Umerziehungen, kulturelle Auslöschung usw., bis hin zum Völkermord. Beispielsweise lesen wir in der Bibel, wie das Volk Israel nach Babylonien deportiert wurde, bei Griechen und Römern wurden die im Kampf Unterlegenen als Sklaven weggeführt, Menschen aus Afrika wurden nach Amerika verschleppt, Ureinwohner überall auf der Welt wurden in Reservate gebracht oder zwangsintegriert, während des zweiten Weltkriegs wurden Menschen in Lager verschleppt und Kriegsgefangene mussten weit weg von zuhause als Zwangsarbeiter schuften, – es gibt unzählige Deportationen in „unserer“ Geschichte, und so viele Beispiele für Mitleidlosigkeit und Zerstörungswut in unserem Alltag.

Allerdings wissen wir inzwischen, dass es eine andere Lebensmöglichkeit gibt, in der die kleinen Jungen die Welt der Frauen nicht verlassen müssen. Es gibt nämlich dort nur die Welt der Frauen, die aber eine Welt für alle ist. Nur wenige Völker leben so auf der Welt, aber es gibt sie, beispielsweise die Minangkabau auf Sumatra oder die Mosuo in China. Und sie haben die Probleme nicht, die wir überall sonst mit „den Männern“ haben, mit ihrer Aggressivität, ihrer Neigung zu Gewalttätigkeit, zu Übergriffen und Zerstörungswut. Diese Gemeinschaften leben matrilokal, man nennt sie auch matriarchale Gemeinschaften, aber dieser Begriff ist missverständlich, denn sie sind keine spiegelbildlich umgekehrte Entsprechung patriarchaler Gesellschaften, mit Frauenherrschaft statt Männerherrschaft. Hier dürfen alle in der Welt der Mütter und Großmütter bleiben, auch als Erwachsene, niemand wird „deportiert“. 

Weil es solche Gemeinschaften noch gibt und diese erforscht wurden, wissen wir, dass es den dort lebenden Männern gut geht, dass sie trotzdem Männer geworden sind und als solche ernst genommen werden und sich in ihren Fähigkeiten entwickeln können, dass sie auch Partnerschaften haben, allerdings ohne mit ihren Geliebten zusammenzuleben. 

Obwohl unsere Welt sich durch die Frauenbewegungen sehr stark verändert hat und es die Männerwelten, für die jene Zurichtung der kleinen Jungen eine Vorbereitung sein sollte, zum Glück in westlichen Ländern kaum noch gibt, haben wir immer noch die Vorstellung im Kopf, jene Deportation der kleinen Jungen sei notwendig, damit sie zu Männern werden können. Dieser Gedanke ist aber eine patriarchale Erfindung. Die patriarchalen Herrscher brauchten (und brauchen) jene gefühllosen, mitleidlosen, abgehärteten jungen Männer, denen ihre Menschlichkeit ausgetrieben worden war, für ihre Eroberungskriege und für ihre Raubzüge sowie für die Etablierung und Aufrechterhaltung ihrer Herrschaft. 

Doch wir, die nicht mehr wollen, dass „der Mann hinaus (muss) ins feindliche Leben“, wir, die am guten Leben für alle arbeiten, so dass junge Männer und junge Frauen irgendwann hinausgehen können in ein freundliches Leben, sollten nun auch in unseren Köpfen die Vorstellung aufgeben, um Männer zu werden, müssten kleine Jungen sich in einer „Männerwelt“ behaupten lernen. Schließlich leben wir ja längst in einer Welt, in der Männer und Frauen fast überall zusammenarbeiten und in der Männer während der Vätermonate und danach teilhaben können an dem Leben in der mütterlichen Welt, aus der auch bei uns immer mehr eine Welt für alle werden kann.

Zu Beginn der Flugschrift Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn haben wir behauptet, das Patriarchat sei zu Ende, weil Frauen nicht mehr daran glauben, weil sie nicht mehr glauben, dass sie schwächer und weniger wert seien als Männer. Es wird Zeit, dass Frauen und Männer auch nicht mehr daran glauben, um ein Mann zu werden, müssten kleine Jungen lernen, sich allein unter Jungen und Männern zu behaupten, in einer Parallelwelt, in der die Würde des Menschen und die Grundrechte, vor allem das Recht auf körperliche Unversehrtheit, keine Gültigkeit haben.

Autorin: Dorothee Markert
Redakteurin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 27.03.2020
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Juliane Brumberg sagt:

    Liebe Dorothee, es hat mich sehr beeindruckt, wie Du die Gedanken von Luisa Muraro zur Deportation der kleinen Jungen aus der mütterlichen Welt weitergedacht hast. Da trifft es sich gut, dass just in diesen Tagen ein Buch von dem Feministen Nils Pickert mit dem Titel Prinzessinnenjungs (https://pinkstinks.de/blick-ins-buch-prinzessinnenjungs/) erschienen ist. Ich habe es noch nicht gelesen, doch ich bin sehr gespannt darauf, wie er als Mann dieses Thema entwickelt. An den Rollenbildern von Männern zu arbeiten halte ich für eine ganz wichtige Aufgabe in unserer Gesellschaft. Du gibst mit Deinem Artikel einen fundierten Anstoß dazu.

  • Ute Plass sagt:

    „Hat der kleine Junge bis dahin gern der Mutter bei der Care-Arbeit geholfen und war stolz auf sein Können in diesem Bereich, muss er sich nun hüten, dass es jemand mitbekommt, wenn er einen Besen in die Hand nimmt.“

    Klingt etwas verstaubt für hiesige Verhältnisse. Italien hinkt da möglicherweise hinterher? Wir alle kennen doch mittlerweile nicht wenige Männer, die Care-Arbeit leisten.

    Gespannt können wir sein, was ’nach Corona‘ passieren wird.

  • Brigitte Leyh sagt:

    Danke für diesen tollen – traurigen – Artikel!
    Ich war sofort an das „IHHH nein!“ einiger Jungen in meiner Klasse erinnert, wenn ich ein Mädchen neben sie setzte. Ich habe das als Lehrerin nicht durchgehen lassen und gefragt, ob sie auch so reagieren würden, wenn ich einen farbigen Jungen neben sie setzen wollte. Wenn dann die Antwort „Natürlich nicht“ kam, wurde ihnen die Beleidigung des Mädchens erst bewusst. Hielt aber nicht lange…

  • Dorothee Markert sagt:

    @Ute Plass: Es wäre schön, wenn das Männlichkeitsbild und der Weg dorthin mittlerweile wirklich „verstaubt“ wären, und darum geht es doch in meinem Artikel. In Bezug auf die Care-Arbeit hat sich natürlich einiges geändert. Hauptsächlich, dass inzwischen Jungen und Mädchen beide nicht mehr dazu erzogen werden, sich daran zu beteiligen, da man dafür Zeit braucht und weil die Kinder lieber mehr für die Schule tun sollen. Und in Familien, die es sich leisten können, muss niemand mehr einen Putzlappen in die Hand nehmen, da solche Arbeiten von MigrantInnen erledigt werden. Ja, es gibt auch Männer, die Care-Arbeit verrichten, und das ist schön, aber an dem vorherrschenden Männlichkeitsbild hat das noch nicht viel geändert.

  • Vielen Dank für diese Überlegungen. Wir haben uns zur Zeit in meinem philosophischen Salon mit Deinen Zusammenfassungen vom „Markt des Glücks“ befasst – schön, dass ich das an dieser Stelle nun auch erwähnen und mich dafür bedanken kann! – Deine Überlegungen zur Deportation (im Anschluss an Muraro) finde ich sehr spannend und sie erinnern mich an meine eigenen Überlegungen zum dritten Feminismus und in diesem Zusammenhang zum Liebreiz der Männer; das bedeutet genau dies, dass Männern alles ausgetrieben werden sollte, was als ‚weiblich‘, ‚liebreizend‘ und v.a.m. betrachtet wird. Da gibt es verschiedene historische Wellen, z.B. auch in der griechischen Antike bis hin zur Abschaffung von Versrhythmen, die sich nicht für Kriegsgesänge eignen. Überhaupt die Militarisierung der Männlichkeit – das geht ja auch nur unter Zwang. Und es gab ja auch immer wieder Gegenbewegungen zur Wiederentdeckung einer anderen Männlichkeit. Viel Stoff zum Weiterdenken oder sich mal wieder damit zu befassen!

  • Ute Plass sagt:

    Dieser Film von Rosa v. Praunheim läßt auch wieder fragen,
    was Frauen/Mütter mit dazu beitragen, dass Mann sich u.a. in die Rolle des ‚harten Kerls‘ flüchtet:

    https://www.epd-film.de/filmkritiken/haerte

  • Maria Coors sagt:

    Liebe Dorothee,

    danke für den tollen Artikel.
    Ich muss gestehen, dass ich ein bisschen über den Begriff „Deportation“ gestolpert bin. Das habe ich vor Kurzem schon mal mit jemandem besprochen, der sich im politischen Kontext „Abschiebung“ in Deutschland bewegt und auch sagt, dass er das im Englischen gebräuchliche Wort deportation im Deutschen wegen des Kontextes Auschwitz nicht herausbringt. Mir geht es ähnlich. Aber die anderen historischen Beispiele, die du anführst, finde ich sehr plausibel und mir ist aus dem Bereich der jüdischen Geschichte auch noch das Beispiel der sog. Nikolaisoldaten eingefallen. Die „Deportation“ 12-jähriger jüdischer Jungen in zaristische Militärschulen, aus denen sie erst viele Jahre später und ihren Familien völlig entfremdet als gute Untertanen des Zaren wieder entlassen wurden.
    Aus der Mutterperspektive habe ich auch den Eindruck, dass die „Durchsetzung der Geschlechterdisziplin“ bei kleinen Jungs sehr viel brutaler verläuft als bei Mädchen. Mädchen, die sich nicht an die Mädchengrenzen halten, kommen als „Tomboys“ eine Weile sozial noch ganz gut durch. So erlebe ich das jedenfalls bei meiner Tochter. Sie wird zwar öfter „missgendered“ weil sie die „falschen“ Farben anhat, die „falschen“ Interessen und kurze Haare hat etc., aber es wird irgendwie schmunzelnd akzeptiert. Bei Jungen hingegen werden Mädchenfarben, Weinen, Glitzerkram etc. öfter und härter sanktioniert. Das erlebe ich selbst im engeren Bekanntenkreis in „milder“ Form, etwa wenn bedauert wird, dass die Oma einen rosafarbenen Pullover für das größere Kind gestrickt hat. Den kann mensch nun ja nicht an das kleinere männliche Kind weitergeben…Vielleicht kehrt sich diese Dynamik in der Pubertät um. Das hat sich jedenfalls für mich damals so angefühlt, dass ich Freiheitsbeschränkungen aufgrund meines Geschlechts zunehmend an der Grenze zum Erwachsenenalter gespürt habe. Im Bezug auf die kleinen Jungs bin ich mir mit der Altersgrenze 10 nicht so sicher. Wie gesagt, ich habe das Gefühl, dass das z.T. schon sehr viel früher anfängt. Und während ich gegenüber erwachsenen Männern und ihren „Struggles im Patriarchat“ eine manchmal eher etwas harte Haltung von: „Emanzipiert euch selbst!“ habe, glaube ich für diese kleinen Jungs müssen wir irgendwie mitdenken und mitkämpfen. Und ich kann nur zustimmen, diese toxischen Vorstellungen von Männlichkeit müssen aktiv verlernt werden. Den Quatsch nicht mehr glauben. Es ist gefährlich und macht Menschen unfrei und unglücklich!

Weiterdenken