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Rubrik denken

Die Macht des Symbolischen und die „sozial organisierte Macht“

Von Dorothee Markert

Auf dem Markt des Glücks

Statt den Begriff des Symbolischen zu definieren, achtet Luisa Muraro einfach darauf, wie dieses Wort benutzt wird, und erschließt sich so seine Bedeutung. Unter den vielen Möglichkeiten, das Wort zu verwenden, gefällt ihr besonders der volkstümliche Ausdruck „ein symbolisches Geschenk“. Dabei geht es meistens um Gaben von geringem finanziellen Wert, die kaum mehr sind als eine Geste, die aber den Wunsch, jemandem etwas zu schenken, zum Ausdruck bringen. Das symbolische Geschenk ist das andere Extrem zu jenem Geschenkeaustausch, der wie im potlàc, von dem die Anthropologie berichtet, so weit gehen kann, dass mindestens eine der beteiligten Personen sich durch den sozialen Druck, die immer üppigeren Geschenke zu erwidern, selbst vollständig ruiniert.

Im volkstümlichen Italienisch wird das symbolische Geschenk auch als „pensiero“ bezeichnet, was neben „Denken“ und „Gedanke“ auch „Aufmerksamkeit“ bedeuten kann, im Deutschen kennen wir ja auch den Ausdruck „eine kleine Aufmerksamkeit“. Dieses Geschenk bringt weder Verpflichtungen noch Verlegenheit mit sich, denn es ist leicht zu erwidern, was aber gar nicht unbedingt nötig ist. Wenn von einem symbolischen Geschenk die Rede ist, kann aber auch eine leise Ironie mitschwingen, die kaum wahrnehmbar den Verdacht anklingen lässt, dass hier Geiz eine Rolle spielen könnte. 

Ein Charakteristikum von Worten und anderen Zeichen ist das Ungleichgewicht zwischen ihrer Feinheit und Zerbrechlichkeit und ihrer Energie. Sie stellen uns all das zur Verfügung, was wir sind, und all das, was existiert. Sie befreien uns von der Knechtschaft unserer Körperlichkeit mit den belastenden Verbindungen zwischen Ursache und Wirkung, Aktion und Reaktion, Mitteln und Zwecken, die uns vom Glücklichsein in die Verzweiflung führen können und umgekehrt, sie bringen uns zum Irrealen und zum Unmöglichen (man denke an die Zahlen). „Und all das leisten sie in kurzer Zeit, mit wenig Anstrengung, mit Mitteln, die vom Materiellen her hauchdünn sind“, so wie die Stimme oder jene schwarze Spur auf weißem Hintergrund, der wir beim Lesen mit den Augen folgen und die wir verwahren und überallhin mitnehmen und immer wieder reproduzieren können (S. 100). Dieses Ungleichgewicht machen wir uns kaum bewusst. Die Märchen bilden es ab, wenn sie von kleinen Geschöpfen, winzigen Behältnissen und geheimen Wörtchen erzählen und diese den Riesen, Burgen, Bergmassiven, Wäldern und Monstern gegenüberstellen.

Man kann auch von symbolischer Macht sprechen. Um zu verstehen, was mit der Macht der Zeichen gemeint ist, können wir an jene Figuren denken, die, vollbeladen mit neuen Bedeutungen, aus der Begegnung von zwei Bezeichnungen hervorquellen, die scheinbar nur einen einfachen Gegensatz darstellten.

Zu Recht sprächen manche davon, dass die Poesie die höchste Manifestation der symbolischen Macht und ihre größte Ressource sei, meint Luisa Muraro. Das gelte allerdings nur, wenn die Poesie nicht auf eine literarische Gattung reduziert werde, sondern im Besitz der lebendigen Sprachen bleibe. Diese Sprachen sind ein Ort unaufhörlicher Verhandlungen zwischen mir und mir selbst, mit den anderen und mit der Welt. Sie sind so lebendig wie Märkte, die sich nicht durch Konventionen, Übereinstimmungen, Moden, Ideologien oder Zwänge an die Realität binden, sondern durch die Freude am Dasein und durch den Mut zu sprechen. Sprachen sind dann lebendig, wenn sie die Fähigkeit haben, uns „die Dinge zurückzugeben“. Symbolisch können sie uns das Reale zurückgeben, das wir verloren haben, weil wir sprechen gelernt haben.

„Ist es also der Schmerz über einen Verlust, der uns zu Sprechenden (und später zu Lesenden und Schreibenden) macht?“ (S. 101). Durch das Erlernen der Muttersprache werden wir schnell für den Verlust entschädigt. Doch danach gelingt diese Rückerstattung nur noch teilweise, immer langsamer und mühsamer. So ist es beim Erlernen des Lesens und Schreibens in der Schule, unabhängig von immer neuen Methoden und trotz manchmal genialer LehrerInnen. Wenn wir Aufsätze von Schülerinnen und Schülern ihren Zeichnungen gegenüberstellen, blitzt in den Zeichnungen die überraschende Schönheit eines freien Bezugs zu den Dingen auf, während sie in den Texten aus einem Gefängnis erzwungener Äußerungen und stereotyper Formen heraus betrachtet werden. (Meiner Erfahrung an Grund- und Hauptschulen nach sind leider auch die Zeichnungen inzwischen meistens stereotyp und an Vorgaben orientiert, DM). Doch das Gefängnis explodiert von Zeit zu Zeit, und das steht Luisa Muraros Beobachtung nach in Verbindung mit der Poesie. 

Muraro berichtet an dieser Stelle nochmals, dass sie Gedichte liest, wenn die Sprache ihr gegenüber feindselig geworden ist „wie eine Rolle Stacheldraht“. Dabei geschieht etwas in ihr, die Sprache löst sich wieder. Ihre Erklärung dafür ist, dass Poesie ein freies Leben der Zeichen ist, das beim Lesen wieder auflebt. „Wieder aufleben“ ist hier nicht nur eine Metapher. Wer viel mit Schreiben beschäftigt ist und darin weiterkommen will, weiß, dass dabei eine Arbeit nötig ist, die so weit geht, dass das Schreiben in den eigenen Körper aufgenommen wird, also zu einer Art vitaler Funktion wird wie der Blutkreislauf. Dabei kehrt man wahrscheinlich zurück in die erste Beziehung, in der der Körper und die Sprache gleichzeitig miteinander Leben und Form gewonnen haben. Vielleicht bringt uns das Hören von Poesie die mütterliche Stimme zurück und zusammen mit ihr die symbolische Kompetenz, die dafür da ist, dass wir verhandeln können zwischen dem, was da ist, was wir wissen, was wir nicht wissen, was wir sein und sagen, festhalten, loswerden oder umwandeln wollen. Und damit werden wir dem Zwang des schon Gesagten und des Sagenmüssens entzogen. Muraro weiß sehr gut, wie stark jene Zwänge auf eine Frau, eine Schülerin oder einen Schüler einwirken. 

Hierzu fällt mir, DM, eine Erfahrung aus meiner Zeit als Hauptschullehrerin ein. Ich gehörte damals der internationalen Freinetbewegung an, die durch freie Texte „den Kindern das Wort geben“ wollte. In meiner Klasse führte ich „Vorträge“ ein, in denen jeweils ein Kind über ein Thema sprechen durfte, über das es aus eigener Erfahrung besonders gut Bescheid wusste. Die Kinder und ich stellten dann Fragen dazu und ich schrieb ein Protokoll, das später eifrig gelesen wurde, vor allem das zum Thema Sexualität. Ich erschrak damals über die ungeheure sprachliche Diskrepanz zwischen dem, was wir den Kindern aufgrund des Lehrplans und der Schulbücher im Unterricht zumuteten, was sie also an Schon-Gedachtem verstehen und reproduzieren sollten, und der in den „Vorträgen“ deutlich werdenden Armseligkeit ihrer sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten, dort, wo es um ihre eigene Erfahrung und ihre eigenen Interessen ging. Mir wurde damals klar, dass die schulische Bildungsarbeit bei diesen Kindern komplett versagt hatte.

In einem Text von 1933 schreibt Roman Jakobson, einer der großen Linguisten des 20. Jahrhunderts, das Poetische sei dann präsent, wenn die Worte mit ihrer Bedeutung, mit ihrer Zusammensetzung und Form für sich selbst Gewicht und Wert bekommen, anstatt sich in größeren Einheiten („in Blöcken“) auf die Realität zu beziehen. Es sei wichtig, dass sie nicht ganz mit dem Gegenstand oder der Sache zusammenfallen. Die Poesie sei so notwendig wie das Salz im Essen, um den Widerspruch lebendig zu halten zwischen zwei Möglichkeiten: dass das Wort der Gegenstand oder die Sache ist und dass das Wort nicht der Gegenstand oder die Sache ist. Dieser Widerspruch ist laut Jakobson notwendig für die Beweglichkeit der Zeichen und der Begriffe, ohne ihn wird ihr Bezug zueinander zu etwas Mechanischem, zu einem Automatismus. Wenn das geschähe, wäre das das Ende der symbolischen Aktivität und das Ende des Bewusstseins von der Realität.

Muraro zufolge nimmt Jakobson hier etwas voraus, mit dem wir uns heute auseinandersetzen müssen: die zunehmende Irrealität durch Sprachen, die von der lebendigen Körperlichkeit der Produktion von Zeichen aller Art abgetrennt sind, so dass deren Produktion beinahe aufhört. Dagegen zu kämpfen heißt, die beiden „Backen“ des Gleichen und des Anderen zu öffnen, auch dort, wo über Wissenschaft, Recht und Theologie geschrieben wird, auch wenn das eine gewisse Zweideutigkeit mit sich bringt. Es heißt, die Kunst zu erlernen, mit schlafwandlerischer Sicherheit auf dem Seil zu gehen, das zwischen Gleichheit und Verschiedenheit ausgespannt ist. Um zu Zeichen zu werden, müssen die Unterschiede durch uns hindurchgehen.

Es ist auch nötig, dass die Dinge die Worte korrigieren oder zum Schweigen bringen können, um sich ohne Namen zu präsentieren, dass die Worte den Dingen Gesellschaft leisten können, auch wenn dadurch ein Durcheinander entsteht. Wenn gesagt wird, die Worte stünden für die Dinge, kommt es zur oben beschriebenen Abtrennung und zum Verlust. Denn in dieser Aussage geht verloren, dass die Worte, um von den Dingen zu sprechen, sich der Dinge und Körper bedienen, dass diese dadurch aber niemals symbolisch überflüssig werden. Die Worte brauchen die Dinge, ebenso wie die sprechende und zuhörende Person die Dinge braucht. Mit den Dingen und Körpern unterhalten die Worte viele Beziehungen. Sie spielen damit. In Wortspielen finden wir immer kleine Ausschnitte der Welt.

Muraro hat schon in einem ihrer ersten Bücher „Maglia o uncinetto“ über die rhetorische Figur der Metonymie geforscht, bei der die Worte, um zu einer Bedeutung zu kommen, unser Alltagsleben und die materiellen Dinge, mit denen wir umgehen, hinzuziehen. Dagegen sind metaphorische Aussagen Beispiele für ein Zusammenbinden von Blöcken mehrerer Zeichen, die aus dem Schon-Gedachten kommen, hier ist der direkte Bezug zu den Dingen nicht mehr vorhanden. (In der faschistischen Sprache finden wir übrigens solche metaphorischen Aussagen in großer Häufung, DM).

Es gibt ein lebendiges Sprechen in Präsenz, bei dem wir keine Namen und Bezeichnungen brauchen, sondern Ausdrücke wie hierjetztdu und ich benutzen, die in der Linguistik auch als originarium bezeichnet werden. „Ich und „du“ haben kein grammatikalisches Geschlecht, die Geschlechterdifferenz wird hier nicht bezeichnet, sie ist einfach nur präsent als etwas, das im Wort mitschwingt oder auch nicht. Muraro weist darauf hin, dass die Trennung der Sprache vom Da-Sein in erster Person, die in Präsenz und in Beziehung ist, mit der Einführung der dritten Person beginnt, mit der auch die Geschlechterdifferenz bezeichnet ist („er“, „sie“). Und dadurch könne das Subjekt zum Objekt gemacht und auf eine Sache reduziert werden, mit der die Macht tun könne, was sie wolle. In der Sprache des originarum sind wir dagegen in der reinen Unmittelbarkeit und Zufälligkeit. In dieser Sprache drücke sich übrigens Gott in der mystischen Erfahrung aus, merkt Muraro an: ich und du, hier und jetzt.

Muraro hat nichts dagegen, dass von einer symbolischen „Macht“ gesprochen wird, wenn damit das wahre Zentrum des Geisteslebens und das Kraftzentrum jeglicher Bedeutungsgebung gemeint ist. Doch sie warnt davor, diesen Begriff analog zur „sozial organisierten Macht“ zu gebrauchen, „die akzeptiert, dass einige über andere bestimmen und ihre ganze Existenz beeinflussen, was letztlich alle schädigt, die Befehlsempfänger und die Befehlenden. Denn es zwingt alle zu einem Sprechen und Sich-Verhalten, schließlich sogar auch zu einem Fühlen, das der Aufrechterhaltung und dem Zuwachs der Macht dient, die wie ein großer Schmarotzer wirkt“ (S.104). So sieht Muraro die Macht, im Gegensatz zu anderen, die in ihr etwas Gutes sehen, die das Machtstreben für den wichtigsten Antrieb zu politischer Aktivität halten. Die symbolische „Macht“ strebt keine Dauerhaftigkeit an, und so verändern sich die Sprachen ständig und, wenn sie keine guten Lebensbedingungen mehr finden, verlöschen sie still und leise, falls ihnen nicht die Zwecke der Mächtigen im Weg stehen. Und sie lassen eine ganz besondere Stille hinter sich. Wir haben keine Vorstellung, wie viele Sprachen auf diese Weise aus der Welt verschwinden. Die symbolische „Macht“, die allen und niemand gehört, ist lebendig und breitet sich von selbst aus, deshalb muss sie sich nicht darum kümmern, ob sie weiterbesteht, und sie muss sich auch nicht selbst voranbringen. Auch das ist ein Grund für die Sehnsucht nach ihr. Ihre Fundamente hat sie immer in der Dankbarkeit der Personen gefunden, denen es gelungen ist, sich auszudrücken. Diese „Macht“ weist auf ihre Präsenz hin, indem sie uns zum Sprechen bringt und zuhören kann. Sie muss nicht auf ein Podest steigen, und wenn sie es doch muss, dann bleibt sie dort sie selbst (wie einst Johannes XXIII. auf dem päpstlichen Thronsessel).

Auch wenn sich die beiden Arten von Macht eigentlich gut unterscheiden lassen, verwechseln wir sie trotzdem, und da helfen auch keine Anführungszeichen. (Muraro schreibt die symbolische „Macht“ mit Anführungszeichen). Das kommt daher, dass wir sie bereits in unserem Inneren verwechseln. Die sozial organisierte Macht (ohne Anführungszeichen) hat nämlich von sich aus kein Gesicht und keine Stimme, sie hat keine Ziele und keine Gründe, sie hat noch nicht einmal einen richtigen Namen. Doch ihr fehlt es nicht an den Mitteln, sich all das zu verschaffen. Von sich aus besteht sie nur aus einer Fülle von Machtmitteln. Einige davon sind schrecklich, wie die Angst und die Verführung, doch die meisten ihrer Mittel sind ganz alltäglich, da genügt eine schulische Namensliste, eine Uniform oder ein vorgedrucktes Briefpapier. So kommt es, dass die Macht schließlich eine Unzahl an Gesichtern, Stimmen, Sprachen, Argumenten und Namen hat, durch die sie auf natürlichste Weise in Umlauf kommt und sich reproduziert. Muraro erinnert sich noch, wie aus ihr ganz schnell ein weiblicher Kapo wurde, nachdem ihre Lehrerin sie zur Klassensprecherin gemacht hatte.

Im Rahmen postmodernen kritischen Denkens wurde in vielen Texten und mit zahlreichen Argumenten der Gedanke formuliert, wir könnten die Realität nur mit den Augen der Dominanzkultur sehen. Wir würden nicht nur von ihr in die Irre geführt und betrogen, sondern durch sie geformt, auch die Wahrheit werde zusammen mit der Macht und in ihrem Sinne produziert. Folgen wir dieser Sichtweise, nach der die Stärke der Wahrheit nicht der der Herrschaft entgegengestellt werden kann, dann macht es keinen Sinn mehr, von einem Leben der Zeichen zu sprechen, das nicht der Macht unterworfen ist: alle Beziehungen, alle Veränderungen, alle Prozesse, vor allem die Bildung der Subjektivität, und auch alle Revolten sind dann eine Frage der Macht. Es ist eine verführerisch einfache und klare Sichtweise. Was ihr fehlt, ist der Sinn für die notwendige Vermittlung, d.h., der Sinn für die Realität und eine Orientierung, die durch die Arbeit erworben wird, nach Worten zu suchen, die uns das Reale symbolisch rückerstatten können. 

Diese Theorie entwickelte sich auch im Zusammenhang mit dem zunehmenden Gefühl, alles sei vorgetäuscht und alles lasse sich vortäuschen. Dabei gab sie sich als Antwort auf Herrschaftsszenarien aus. Beispielsweise wenn behauptet wird, das Geschlecht einer Person sei das, das sie haben will. Das klingt einfach, doch Muraro weiß, dass „die Körper und die Dinge im Stillen die notwendige Vermittlung brauchen, nicht irgendeine beliebige. Sie verlangen nach einer Verknüpfung der eigenen Erfahrung mit der Welt der anderen durch das zerbrechliche Band der Worte“ (S. 106).

Muraro hat den Verdacht, dass durch die Theorie der alles durchdringenden Macht niemand anderes spricht als die Macht selbst. Denn es ist eine ihrer Eigenschaften, die Arbeit des Denkens abzukürzen oder ganz abzuschneiden.

Man kann nicht von einer Politik des Symbolischen sprechen, ohne sich zu fragen, ob es möglich ist, das Leben der Zeichen von den Manifestationen der Macht zu unterscheiden und ohne das Ausmaß unseres Unterworfenseins unter die Machtbeziehungen zu ermessen, um zu wissen, ob wir ihnen überhaupt entkommen können. 

Der Anfang einer Antwort könnte Folgendes sein: Die Worte haben die Gabe, uns und sich selbst zu helfen. Denn das Erstaunliche ist, dass Worte, nachdem sie in zahlreichen Situationen der Machtausübung und des Machterhalts benutzt worden sind, also zum Befehlen, Betrügen, Vortäuschen usw., und nachdem sie dann nochmals erniedrigt wurden, weil die von jener Macht Unterdrückten sie nachsprachen, dass solche Worte dennoch „gut“ bleiben, also fähig bleiben können, etwas Gutes, Gerechtes und Wahres zu sagen. Das ist ein Wunder, das schwer zu glauben wäre, wenn es nicht immer wieder geschehen würde und wir es nicht vor allem für möglich halten würden. Den Einwand, das habe einfach damit zu tun, dass die Worte dem Gebrauch gegenüber gleichgültig seien, den wir von ihnen machen, lässt Muraro nicht gelten. Worte könnten zwar eine solche Indifferenz haben, doch das sei das Ergebnis eines absichtlichen Säuberungssprozesses, wie er oft von den Naturwissenschaften oder den Rechtswissenschaften vorgenommen würde, um eine möglichst neutrale Sprache zu erhalten. Es bestehe kein Zweifel, dass die Schönheit großer Poesie von innen heraus kommt und nicht nur eine äußerliche Wirkung ist, diese würde sich nämlich schnell abnutzen.

Im Rahmen der 1968er-Bewegung habe Muraro an dem Versuch teilgenommen, aus der Unterwerfung unter die Macht herauszukommen und die Zeichen aus deren „Umarmung“ zu befreien. Obwohl es inzwischen viele andere Interpretationen dieser Bewegung gibt, bleibt Muraro dabei, dass es eine Bewusstwerdung und eine Revolte war gegen die Vertrautheit, die die Macht sich in den Gedanken, Worten, Bräuchen und Vergnügungen verschafft hatte, um sich in den jungen und gebildeten Menschen, die sie waren – und das Letztere war in jener Zeit noch ein Privileg –, zu reproduzieren. Ihr Bildungsprivileg wollten sie in eine gesellschaftsverändernde Kraft verwandeln. Sie wollten eine gerechtere Gesellschaft schaffen, ohne zu wissen, wie sich das realisieren ließe. Deshalb wollten sie die Sprache, die Bücher, die Schule und das Lehren und Lernen verändern. Ihre Lieblingsbücher waren Der eindimensionale Mensch von Herbert Marcuse (1964) und Brief an eine Lehrerin von Lorenzo Milani (1967) mit der unvergesslichen Aufforderung, den Armen die Sprache zu geben, damit sie sich genauso ausdrücken können wie die Reichen, und damit Gleichheit zu schaffen. (Wenn ich an dieses Buch nur denke, spüre ich bis heute die ungeheure Hoffnung und Begeisterung, die mich beim Lesen erfasste, und die sicher ein Grund war, dass ich damals Grund- und Hauptschullehrerin geworden bin, DM).

Zu der Frage, wie die Sache denn ausgegangen sei, meint Luisa Muraro: „Um eine gerechtere Gesellschaft zu erreichen, nahmen es einige von uns mit der Macht auf, ohne sich klarzumachen, dass sie damit an ihrer Reproduktion mitwirkten, und schließlich verfolgten und töteten sie in einem bewaffneten Kampf, wodurch sie zu einem unverständlichen Schrecken wurden“ (S. 109). Das geschah aber erst später, nachdem die Macht ohne Gesicht und ohne Worte in kalter Raserei gezeigt hatte, wozu sie fähig war, indem sie ein Blutbad an unschuldigen Menschen anrichtete, wofür den jungen Leuten dann auch noch die Schuld zugeschoben wurde.

Trotzdem könne man nicht sagen, die Sache sei schlecht ausgegangen. Denn es sei möglich, so bei einer Sache mitzumachen, dass man sich nicht betrogen fühlt und denkt, es sei nicht der Mühe wert gewesen, wenn das angestrebte Ergebnis nicht erreicht wurde und stattdessen bittere Dinge geschahen. Vielleicht gelingt das dann, wenn man keinen großen Wert auf persönlichen Erfolg legt und den eigenen Entscheidungen nicht allzu großes Gewicht gibt, weil man das, was geschieht, als schicksalhaft empfindet und in der eigenen Beteiligung eine Art Berufung sieht, die dem Zufall nahe kommt. Der Gefühlszustand, den Muraro hier zu beschreiben versucht, ist Heimkehrern aus Kriegen, Gefängnissen und anderen Abenteuern, die historisch schlecht ausgingen, nicht fremd. Und auch nicht den Frauen, die äußerlich bescheidene Leben führen, die aber von einem Begehren nach Größe  erfüllt sind, das die alltäglichen Ereignisse in einen größeren Horizont stellt. „Herauszutreten aus einer anonymen, isolierenden Gleichförmigkeit, an erinnerungswürdigen Ereignissen teilzunehmen, und zwar mit anderen zusammen, auf diese zu zählen und selbst für sie zu zählen: das ist eine Art zu leben, die uns das Gefühl gibt, dass es sich gelohnt hat“ (ebd.).

Und genau ein solches Leben, das sich nicht isoliert und auf ein ausschließendes „wir“ beschränkt, sondern offen ist wie ein Markt, in den es alles einbringt, was eine Person ist und hat, um das Sein zu gewinnen, ein solches Leben ist für Muraro ein alternatives symbolisches Gut zum Leben mit der Macht. Muraro kennt in der Politik nichts Radikaleres als diese Lust, mit den anderen und wie die anderen zu sein, keine bessere Alternative zu der Anziehung, die die Macht auf uns ausübt. Und dabei denkt sie nicht an eine Konfrontation, sondern an ein Sich-Entziehen. Denn wenn wir gegen etwas sind, führt das früher oder später dazu, dass wir wie etwas werden. Wer sich in das Wirkungsfeld der Macht begibt, und sei es auch nur, um sie zu bekämpfen, unterliegt ihrer Anziehungskraft und tritt in ihre Sphäre ein. Das heißt, ihren Bedingungen und ihren Maßstäben zu unterliegen, die die Bedingungen der gegebenen Realität sind. 

In der 1968-Bewegung fehlte das Bemühen, an den Auswirkungen und Konsequenzen eines historischen Hereinbrechens von nicht objektivierbaren Interessen weiterzuarbeiten. (Dieser Gedanke stammt von Angela Putino). Damals überwog die Kultur der Objektivierung, die schon immer die Männer auf der ganzen Welt von den Frauen getrennt hat. Und viele der Frauen, die so wie Muraro an der Revolte teilgenommen hatten, führten das Begonnene fort in den feministischen Gruppen zur Selbst-Bewusstwerdung. Daher kommt für Muraro das Gefühl einer Kontinuität, trotz des Bruchs mit Gruppen, Projekten und Personen und trotz radikaler Veränderungen in den Praktiken und der Sprache. „Wir haben tatsächlich damit weitergemacht, uns von den subjektiven Interessen leiten zu lassen, weil wir Lust hatten, in einer Welt zu leben, die nicht mehr von außen und gleichgültig auf das innere Leben blickt, und auch das Umgekehrte erreichen wollten, dass unser Inneres nicht mehr abgetrennt und verschlossen bleibt, sondern voller Welt ist“ (S. 110).

Es stimmt, dass es schief gehen kann, sich auf diese Weise dem Leben auszusetzen. Oft arbeitet man auch umsonst und wird zu selten belohnt. Und doch ist es besser, als ewig auf Belohnungen zu warten, wobei sich die phantasierten Ansprüche an die anderen ins Unermessliche steigern, wie es in den eingeschränkten Leben so vieler Frauen geschah. Das Gelebte findet einen Widerhall in den Gefühlen und Gedanken des Inneren, in einem Prozess, der im Gegenwärtigen auch die Vergangenheit einbezieht und ihr ermöglicht, neue Bedeutungen anzunehmen, so dass wir zu geschichtlichen Persönlichkeiten werden in einer rehabilitierten Biographie.

Um die „Macht“ des Symbolischen noch besser zu verstehen, stellt Muraro sie einer Macht gegenüber, der sich niemand entziehen kann, der Zeit. Deren Macht lässt sich zusammenfassen als Unumkehrbarkeit ihres Ablaufs, durch die man nicht mehr zurück kann, das Vergangene ist vergangen. Doch das Symbolische sei ebenso mächtig wie die Zeit, es könne ihr die Stirn bieten. Es könne die Zeit zwar nicht endgültig besiegen, doch dasselbe gelte auch umgekehrt. Und die Teilsiege des Symbolischen seien Meisterwerke, die Meisterwerke der Kunst stünden dabei an erster Stelle. Doch Muraro meint, es gäbe auch andere Meisterwerke des Symbolischen, die wir noch nicht so wahrnehmen und wertschätzen könnten.

Das Wort könne den Ablauf der Zeit verlangsamen und unterbrechen, es könne sogar auf sie einwirken. Das ist nicht schwer zu verstehen, wenn wir beispielsweise unsere Leseerfahrungen betrachten. Wer einen Roman liest, kann den Verlauf der Zeit unterbrechen und verschieben, und zwar nicht nur im banalen Sinn der Möglichkeit, schon Gelesenes nochmals zu lesen, sondern weil der Fortgang der Erzählung bis zum Ende die Fähigkeit hat, den Sinn dessen, was ihm vorausging, zu verändern. 

Die symbolische Aktivität ist eine Bewegung, die den ganzen Bereich des Annehmens, Verlorengehens und Veränderns von Sinn umfasst und damit unser ganzes Leben. Es ist eine Bewegung, die wir als Intensivierung aller vorhandenen Dinge erfahren können. Und in dieser zunehmenden Intensität gibt es Momente, in denen wir „wie im Zentrum eines Strudels die dem Sein eigene Qualität leuchten sehen, die Präsenz ist und die sich uns darbietet“ (S. 113).

Virginia Woolf, die dieser Art von Erfahrung in der Erzählung über ihr Leben Raum geben wollte, nannte sie „Momente des Seins“. Sie sei Schriftstellerin geworden, um diese Erfahrung zu „erklären“, schreibt sie. Und daher sei das Schreiben für sie zum Allerwichtigsten überhaupt geworden.

Auch wenn die Momente des Seins außergewöhnlich sind und isoliert vom übrigen Leben auftreten, haben sie die Gabe, uns einen Durchgang zu einem Mehr des Seins zu eröffnen. Dies gelingt aber nur dann, wenn wir sie genauso annehmen und uns aneignen, als würden wir sprechen lernen, dazu gehört auch, dass wir daran arbeiten, sie in unser Leben zu integrieren. Dabei hilft die Erinnerung daran, dass die symbolische Ordnung so voller Ressourcen ist, wie der Himmel voller Sterne, eine überbordende Fülle, ein Sternhimmel in uns. Wir sollten auch keine Angst haben, die Rhetorik zu nutzen, wenn uns das hilft. Der Vorwurf, die Rhetorik zu missbrauchen, wird nicht selten von denen erhoben, die diejenigen, meistens diejenigen Frauen, zum Schweigen bringen wollen, die ein Mehr mitzuteilen haben. Man will sie auf das realisierte Reale festnageln und sie daran hindern, auf den Markt zu gehen, um die „Goodness“ zu kaufen, wie George Eliot im Vorwort von Middlemarch schreibt. „Goodness“ (ital. „bontà“, deutsch „Güte“, „Gutherzigkeit“) ist ein großes und sehr einfaches Wort. „Es kommt einem nicht leicht über die Lippen, in dieser Welt. Ja, es gibt einen Mut zur Rhetorik“ (S. 114).

Doch auch Arbeit ist nötig. Muraro betont das, weil ihre Worte von dem zarten Medium, das uns über die Ordnung der Notwendigkeit von Aktion und Reaktion und über die Unumkehrbarkeit der Zeit hinaustragen kann, den Gedanken an einen geistigen Flug nahelegen. Die Sprache kommt nicht in Schwung, wenn sie nicht mit den Dingen Umgang hat. Und sie nutzt ihren Schwung nicht, um der Welt auszuweichen, sondern um sie uns zurückzugeben. Daher muss daran gearbeitet werden, dass die Worte sich nahe bei den Dingen halten und dass zwischen Worten und Dingen ein Austausch besteht. Dafür brauchen wir Praktiken, die dafür sorgen, dass Dinge und Worte miteinander Umgang haben können, damit die Gedanken vor Leere und Abgeschmacktheit und die Körper vor der Stummheit bewahrt werden.

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Autorin: Dorothee Markert
Redakteurin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 14.03.2020
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Fidi Bogdahn sagt:

    „…dass die Worte sich nahe bei den Dingen halten
    und dass zwischen Worten und Dingen ein Austausch besteht…“
    Luisa Muraro zeigt mir diesen Weg immer wieder; dafür lieb ich sie.
    Und dir, Dorothee danke ich!

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