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Kapitel 2: Freiheit und In-der-Welt-Sein: aus Beziehungen und vermittels Bindungen leben

Von Andrea Günter, Antje Schrupp, Dorothee Markert

Zum 20. Jubiläum der Flugschrift „Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn. Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik“ wurde das Büchlein im Christel Göttert Verlag neu aufgelegt und wird hier im Forum auch erstmals online veröffentlicht (hier der Link zum Anfang). Dies ist das 2. Kapitel: Freiheit und In-der-Welt-Sein

Unser politischer Horizont ist weibliche Freiheit, wobei wir unter Freiheit mehr verstehen als die Wahl zwischen verschiedenen Möglichkeiten. Freiheit schließt gerade die Öffnung für Unvorhergesehenes ein. In dieser Hinsicht gründet sie in der Fähigkeit jedes einzelnen neu in die Welt gekommenen Menschen, etwas ganz Neues in die Welt zu bringen.

Kinder – die Neuankömmlinge in der Welt – sind die Hoffnung der Gegenwart. Es gilt ins Bewusstsein zu bringen, was Kinder für das politische und kulturelle Zusammenleben der Menschen bedeuten und dass Kinder die Zukunft der Erde sind. Kinder als Neuankömmlinge in der Welt zu betrachten, heißt, radikal ernst zu nehmen, dass nicht wir heute, sondern alle Menschen, die die Erde im Lauf ihrer Geschichte bevölkern, den Bezugsrahmen bilden, in dem wir Menschen unsere Angelegenheiten regeln.

Die Beziehung des Kindes zur Mutter ist die erste Beziehungserfahrung im Leben. Die Erfahrung, der Welt von Beginn an nicht autonom gegenüberzutreten, sondern sie durch die Vermittlung einer anderen Person kennen zu lernen und in der Bindung zu ihr die eigene Position finden zu können, ist der Grundstein jeder Kultur.

Neben der Bindung an Personen entwickeln Menschen eine Beziehung zur Welt über eine in der eigenen Lebensgeschichte verankerte emotionale Bindung an Dinge. Dazu gehört die Bindung an Orte des eigenen Lebens, die Heimat bedeuten, die Bindung an ein Haus, an Eigentum überhaupt und die Bindung an den eigenen Arbeitsplatz. Eigentum bedeutet, etwas zur eigenen Sache zu machen und vermittels dieser Sache in der Welt zu sein.

In der christlichen Tradition des Besitzverzichts wurde häufig die Bindung an Dinge der Liebe zu Gott und dem Nächsten entgegengestellt. Aber dies ist eine falsche Alternative: Die Bindung an die Menschen ist nicht zu trennen von der Liebe zu den Dingen und damit zur Welt. Wo das eine bekämpft wird, wird auch das andere beeinträchtigt oder sogar zerstört.

Die persönliche Bindung an Dinge zum Maßstab für Weltgestaltung zu machen, darin liegt ein entscheidendes Widerstandspotential gegen die kapitalistische Wirtschaftsweise mit ihren Imperativen der Mobilität und Flexibilität sowie des grenzenlosen Konsums. Die persönliche Bindung an Dinge zum Maßstab für Weltgestaltung zu machen, könnte bedeuten, dass beispielsweise ein Erbanspruch von der Bindung an das zu erbende Ding abhängig gemacht würde.

Aus: Ulrike Wagener, Dorothee Markert, Antje Schrupp, Andrea Günter: Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn. Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik. Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim 1999, Neuauflage 2019.

Autorin: Andrea Günter, Antje Schrupp, Dorothee Markert
Eingestellt am: 07.03.2020

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Ute Plass sagt:

    „Die persönliche Bindung an Dinge zum Maßstab für Weltgestaltung zu machen, könnte bedeuten, dass beispielsweise ein Erbanspruch von der Bindung an das zu erbende Ding abhängig gemacht würde.“

    Familienbetriebe/Unternehmen begründen doch oft mit Bindung/Tradition daran ihren Erbanspruch. Zum besseren Verständnis bitte ich um konkrete Beispiele.

  • Dorothee Markert sagt:

    Liebe Ute Plass, wenn ich mich richtig erinnere, waren die konkreten Beispiele, durch die wir zu dieser Aussage kamen, in etwa folgende:
    Wir dachten an Familienbetriebe, bei denen es in der Gründergeneration noch eine enge Bindung an das Aufgebaute gab und einen verantwortlichen Umgang, auch mit den Mitarbeitenden, oder an Häuser. Und dieser verantwortliche Umgang ging dann oft verloren bei der Erbengeneration, die nur noch möglichst viel Geld rausziehen wollte, weil keine Bindung an die Dinge mehr bestand. Statt das Aufgebaute zu pflegen und zu erhalten, wurde spekuliert und an die Meistbietenden verkauft.

  • Ute Plass sagt:

    „Bindung“ bedeutet dann auch „Sozialbindung“ im Sinne von
    ‚Eigentum verpflichtet‘?

  • Dorothee Markert sagt:

    Ja, aber wir wollten das mit dem „Eigentum verpflichtet“ nicht von einer Pflicht herleiten, sondern von der Bindung an Dinge, die mit der Liebe zu den Dingen zu tun hat. Also beispielsweise die Liebe zu einem schönen Haus, einem schön angelegten Garten, einem mit viel Herzblut verwirklichten Projekt, einem Fabrikgebäude, wie es in den Gründerjahren gestaltet wurde, mit einer Arbeitersiedlung daneben …

  • Ute Plass sagt:

    ‚Mit der Liebe zu den Dingen‘, so wie du das verstehst, klingt natürlich ganz wunderbar. Dass aus dieser Liebe auch so etwas wie
    Pflicht erwächst ist für mich kein Widerspruch.
    Erinnert mich an Exuperys kleinen Prinzen, wo es heißt:
    „Du bist verantwortlich für das, was du dir vertraut gemacht hast“.

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