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Rubrik denken

Wenn geschieht, was sich niemand vorstellen konnte

Von Juliane Brumberg

Jetzt! Jetzt ist es passiert, etwas, das wir nicht vorhergesehen haben. So etwas wie die Corona-Epidemie mit ihren Konsequenzen hat sich niemand vorstellen können. Unvorhersehbares ist auch im ABC des guten Lebens ein wichtiger Begriff, einerseits bezüglich unserer persönlichen Ängste oder Wünsche, aber auch bezogen auf das politische Denken, denn es macht die Zukunft spannend:

Dass sich die Zukunft letztlich dem Planen und Herstellen entzieht, ist einerseits der Grund dafür, dass menschliches Dasein immer mit einer gewissen Angst verbunden ist. Andererseits befreit die Einsicht, dass nichts sich wiederholt und niemand weiß, was morgen geschehen wird, auch zum kühnen Handeln. Weil jeder Augenblick eine Fülle von unverfügbaren Möglichkeiten in sich birgt, kann ich auch ungewöhnliches Begehren in die Welt bringen, in der Zuversicht, dass es von anderen aufgegriffen und in Richtung auf das gute Leben weitergeführt wird, das niemand im Griff hat.

Bei der Corona-Krise stehen einerseits sehr berechtigte Sorgen und Ängste im Vordergrund, andererseits woll(t)en viele zunächst nicht akzeptieren, dass Unvorhergesehenes ihre schönen Pläne und Vorhaben verhindert. Durch Unvorhergesehenes öffnet sich aber auch die Zukunft einen Spalt weit und es kann etwas erreicht werden, was vorher nicht erreichbar schien. Im Rahmen der Corona-Krise zum Beispiel die Einführung des Bedingungslosen Grundeinkommens, für das bereits eine Petition gestartet wurde. Doch durch den Spalt kann auch Böses einziehen, etwa wenn bei der Corona-Krise mit viel Geld versucht würde, einen eventuellen Impfstoff exklusiv zu erwerben und andere Menschen davon auszuschließen.

Wer hätte sich ausgemalt, dass die größten Einschränkungen, die seit dem zweiten Weltkrieg verordnet wurden, nichts mit Gewalt und Zerstörung zu tun haben, sondern Ruhe bedeuten? Keine schießenden Menschen, keine zerstörerischen Bombeneinschläge oder ruinierten Städte. Stattdessen: Leere Terminkalender, Freiberufler_innen ohne Aufträge; Mütter oder Väter, die in der Klemme stecken, weil sie nicht wissen, wie sie die Kinderbetreuung organisieren sollen; aber auch Eltern die – der Not geschuldet – mitten in der Woche ganz entspannt mit einem Sack voll Spielzeug und ihren Kleinkindern in den Wald marschieren; Handwerksmeister, die ihre Sprösslinge mit zur Baustellenbesichtigung nehmen; Facebookgruppen, in denen Nachbarschaftshilfe angeboten wird; unerwartete Erfolge beim Klimaschutz, weil die Flugzeuge am Boden bleiben; Konsumminimierung, weil alle Geschäfte mit nicht lebensnotwendigen Dingen geschlossen bleiben – und eine Gesellschaft, die befreit ist davon, immerzu von einem Termin zum nächsten hetzen zu müssen.

Endlich Zeit zum innehalten und den Kindern beim Spiel im Wald zuzuschauen. Foto: Juliane Brumberg

Offiziell verordnet ist die Meidung aller sozialen Kontakte, was nichts anderes ist als Innehalten, auch ein Begriff aus dem ABC des guten Lebens, wenn die Autorinnen dort auch eher von freiwilligem Innehalten ausgegangen sind:

Innehalten bedeutet, die Alltagsroutine zu unterbrechen und sich einem anderen Zeitverständnis zu öffnen, in dem die Unendlichkeit des Augenblicks erahnt werden kann. Innehalten öffnet den Raum für Geistesgegenwart und bereitet den Nährboden für das Begehren. Viele religiöse Praktiken unterstützen das, zum Beispiel die Sonntagsruhe, der Sabbat, Meditation, rituelle Gebete, Fasten- und Schweigezeiten, Pilgerreisen und so weiter. (…) Vor allem die traditionelle Ökonomie, die auf stetige Gewinnmaximierung ausgerichtet ist, widersetzt sich einer Kultur des Innehaltens.

Und jetzt ist sie staatlich verordnet. Wir können erleben, ohne was alles ein gutes Leben möglich ist. Wir werden gezwungen und haben die Chance, unsere Routinen zu hinterfragen und das Zusammenleben in unserem Umfeld neu zu gestalten.

Mitdenken müssen wir dabei, dass Menschen in medizinischen Berufen oder jene, die das Krisenmanagement organisieren, nicht innehalten können, sondern bis zum Äußersten gefordert sind. Bei den Erkrankten sind die Verläufe sehr unterschiedlich. Manche sind infiziert, haben aber kaum Beschwerden, andere, auch Jüngere, erkranken lebensbedrohlich. Wir wissen nicht warum und können den Krankheitsverlauf nur begrenzt steuern. Wir müssen akzeptieren, dass es das Unverfügbare gibt, ein weiterer Begriff, auf den das ABC des guten Lebens aufmerksam macht:

Es gibt aber nicht für alles einen Grund. Nicht alles lässt sich schlüssig herleiten, kann ‚ergründet‘ werden. Es gibt Ereignisse, die geschehen einfach. Sie passieren, sie stoßen den Menschen zu, sie fallen zu. Zufällige Begegnungen zum Beispiel, die niemand herbeigeführt hat, die nicht einmal erahnt werden konnten, die sich einfach ereignen. Sie können das Leben von Menschen verändern, vielleicht in einem einzigen Augenblick. Sie können auch eine unerwartete Wende in der Menschheitsgeschichte herbeiführen.

Bei oder wegen aller Not der Erkrankten und aller Anspannung derjenigen, die in ‚systemrelevanten‘ Berufen jetzt besonders gefordert sind, bei und wegen den großen existenziellen Sorgen all jener, die von heute auf morgen ihren Lebensunterhalt nicht mehr erarbeiten können, ist diese Zeit der Coronakrise eine politisch hochspannende Zeit. Unvorhergesehenes und das Unverfügbare fordern uns heraus. Wir müssen unser Miteinander und unser politisches Denken und Handeln neu justieren. Der Artikel zum Unverfügbaren aus dem ABC des guten Lebens endet folgendermaßen:

Es gibt allerdings auch Geschehnisse, bei denen nur behauptet wird, sie seien ‚unverfügbar‘, schicksalshaft, obwohl sie das nicht sind. Die Finanzkrise zum Beispiel, die Klimaveränderung oder der Hunger und die Armut in der Welt. Sie alle sind nicht vom Himmel gefallen, sie sind von Menschen gemacht. Deshalb brauchen wir immer auch die ‚Gabe der Unterscheidung‘: Was können wir mit unserem Denken und Handeln beeinflussen und verändern? Und was geschieht, ohne dass wir es ‚gemacht‘ haben, machen konnten? Was ist wirklich unverfügbar?

Das ABC des guten Leben gibt es online und gedruckt:
Ursula Knecht und andere, ABC des guten Lebens, Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim 2012, 157 Seiten, € 7,50.

Autorin: Juliane Brumberg
Redakteurin: Juliane Brumberg
Eingestellt am: 19.03.2020
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Sehr guter Beitrag, danke.
    Hilft mir grad sehr beim Denken und Verarbeiten.

    Würde ich gern in meinem Blog rebloggen bzw. veröffentlichen.

    auf https://mikesch1234.wordpress.com

    Ist das erlaubt / o.k.?

    LG, Hiltrud

  • Ute Plass sagt:

    “Und jetzt ist sie staatlich verordnet. Wir können erleben, ohne was alles ein gutes Leben möglich ist. Wir werden gezwungen und haben die Chance unsere Routinen zu hinterfragen und das Zusammenleben in unserem Umfeld neu zu gestalten.”

    Die staatliche Verordnung, die vorgibt, die Alten, Schwachen, Vorgeschädigten…. zu schützen, das ist zu schön um wahr zu sein.

  • Das ABC des Lebens – nach wie vor eines meiner Lieblingsbücher, das immer mal wieder den Weg in meine Hände findet. Und ja, es bietet sich gegenwärtig die Chance, das Leben “neu zu buchstabieren”. Dafür bietet das kleine Werke eine Fülle von Anstössen mit der Chance, dann, wenn das hier vorbei ist, nicht einfach wieder in den alten Trott zu verfallen. Wer das Buch nicht kennt – kennenlernen lohnt sich!

  • Ute Plass sagt:

    Ein weiterer ‘Augenöffner’

    “Heuchler, Profiteure und andere Menschenfreunde – „Corona“ als Anlass für kollektive demokratische Selbstorganisation”

    https://www.nachdenkseiten.de/?p=59428#more-59428

  • Ute Plass sagt:

    “Merkel hätte gestern verkünden können, dass noch in diesem Jahrzehnt der alltägliche Pflegenotstand in deutschen Krankenhäusern überwunden würde. Das wäre doch mal ein greifbares Ziel – auch und vor allem in Zeiten von Corona.

    Doch all dies habe ich in ihrer Rede irgendwie verpasst. Selbstkritik? Fehlanzeige! Die Fähigkeit, aus Fehlern zu lernen? Fehlanzeige! Irgendwelche konkreten Maßnahmen? Fehlanzeige! Und die Medien? Die sind vor lauter Begeisterung förmlich aus dem Häuschen – Kanzlerin, wir folgen Dir! Alle sagen Ja! Es ist zum Verzweifeln.”

  • Johanna Helen Schier sagt:

    “Corona steht vor der Tür!”
    Ich schaue nach Möglichkeiten, mich abzulenken.
    Nach der selbstverordneten “Informationswut” habe ich heute
    entschieden, nur noch zu einer bestimmten Tageszeit
    die katastrophalen Meldungen zur Kenntnis zu nehmen.
    Ansonsten: “No risk, no fun!”

  • Ute Plass sagt:

    @Johanna Helen Schier: “Corona steht vor der Tür!”
    brachte mich zum Schmunzeln. :-)

    Und ja, gut, sich nicht ständigen Corona-Katastrophen-Meldungen
    auszusetzen.

  • Anne Newball sagt:

    Liebe Juliane, vielen Dank für das Zusammenbinden von Corona-Krise und dem ABC des guten Lebens! Dein Text strahlt so viel Ruhe aus… und das in Zeiten, wo eine aufregende/aufgeregte Meldung die nächste jagt… ich empfinde es als so wohltuend, einen Text zu lesen, von dem aus das Denken wieder ruhig und tief atmen kann und von dem aus die Gedanken ganz unaufgeregt reisen können.

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