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Wie es mit Meryam und Anne weiterging

Von Antje Schrupp

Vor fast zwei Jahren veröffentlichten wir hier im Forum die Erzählung „Meryams Rede“ von Safeta Obhodjas, die zu interessanten und kontroversen Diskussionen in den Kommentaren geführt hat (lest gerne noch einmal nach). Jetzt hat Safeta eine Fortsetzung dazu geschrieben, und zwar einen ganzen Roman: „Schwesternliebe – eine Halal-Seifenoper“.

Die Geschichte spielt einige Jahre später. Meryam und Anne sind immer noch miteinander befreundet, sogar beste Freundinnen (Puh, das war ja nach dem Konflikt um „Meyrams Rede“ nicht klar, ob sie sich wieder zusammenraufen). Meryam hat ihren Wunsch, Jura zu studieren, verwirklicht und arbeitet nun in einer Kanzlei. Sie hat einen deutschen Freund, er ist Arzt, allerdings gerade auf Hilfsmission in Afrika. Anne hingegen leitet inzwischen die von ihrer Mutter gegründete Hilfsorganisation für Frauen, die Meryam damals geholfen hat.

Soweit hat sich also alles ganz gut entwickelt, als plötzlich etwas geschieht, das Meryam und Anne wieder in die Vergangenheit katapultiert: In der Hilfsorganisation ist eine junge, obdachlose Frau aufgenommen worden, die sich als Meryams kleine Schwester Latifah herausstellt. Aufgrund verschiedener häuslicher Katastrophen und Konflikte in Meryams Herkunftsfamilie landete sie auf der Straße, und es findet sich kurzfristig kein Zimmer in einer Notaufnahme für sie.

Kurz und gut: Anne überredet Meryam, Latifah für eine Weile bei sich aufzunehmen, und so nehmen die Konflikte ihren Lauf. Denn Latifah, die noch ein kleines Kind war, als Meryam die Familie verlassen hat, ist inzwischen zu einer jungen Frau herangewachsen, die islamische Separation von der deutschen, verwestlichen Gesellschaft betreibt. Sie lebt in ihren muslimischen Netzwerken, verachtet Meryam für ihre „Verwestlichung“ und legt ansonsten die typisch rotzfreche Arroganz eines Teenagers an den Tag.

Anhand dieses Settings entfaltet Safeta Obhodjas erneut mit einem sehr präzisen Blick die Differenzen, die sich zwischen säkularen und konservativen Muslim*innen, zwischen verschiedenen deutschen wie migrantischen feministischen Positionen, und eben auch zwischen verschiedenen Vorstellungen von Integration ergeben.

Die Sympathien der Autorin liegen dabei klar bei Meryams, wobei sie sich aber durchaus nicht scheut, auch deren Schattenseiten zu schildern. Meryams Hauptproblem ist weiterhin, dass sie von allen Seiten nicht als Individuum, sondern als Typus gesehen wird. Sie hat ständig alle Hände voll zu tun, um Zuschreibungen abzuwehren, zum Beispiel wenn sie von ihren Vorgesetzten in der Kanzlei dauernd gedrängt wird, sich mit Familienrecht zu beschäftigen, weil sie doch so einfühlsam die Frauen verstünde, vor allem die migrantischen. Oder von den Sozialarbeiterinnen im deutschen Hilfesystem, die von ihr erwarten, dass sie sich unbedingt solidarisch, sogar kritiklos für andere rassistisch diskriminierte Frauen einsetzt, weil sie doch selbst eine ist.

Safeta Obhodjas versteht es, die Zumutungen, die solche Zuschreibungen bedeuten, sehr nachvollziehbar herauszuarbeiten, allein deshalb ist das Buch sehr lehrreich. Gleichzeitig versteht man aber auch, warum Meryams Herangehensweise auf der anderen Seite zu Abwehr und Vorwürfen führt. Nein, so nicht, möchte man ihr häufig zurufen – und doch bleibt das einer gleich im Halse stecken, denn es ist nun wirklich Unfug, dass ausgerechnet Meryam mit ihrer Biografie diejenige sein soll, die Verständnis aufbringen muss.

Insofern macht die Geschichte am Ende etwas ratlos, eine Lösung hat Safeta Obhodjas nicht zu bieten. Aber man versteht eben besser, warum bestimmte Ansätze einfach scheitern müssen.

Safeta Obhodjas: Schwesternliebe – eine Halal-Seifenoper. Epubli Verlag Berlin, 13,99 Euro. (Link)

Autorin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 10.03.2020

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Jutta Pivecka sagt:

    Toll, das klingt, als könnte ich auf jeder 2. Seite rufen: „Genau. Das kenne ich.“ Vielleicht, nehme ich an, habe ich selbst doch noch mehr Sympathie für Maryam und sage sogar öfter mal statt „so nicht“: „Genau so!“ Kann ich mir zumindest vorstellen. Habe ich gleich mal bestellt und werde von meinen Eindrücken berichten.

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