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Zwei Schwestern – dann eine Weile nichts. Nachdenken über E. und A. und die Wiederentdeckung von Hans Christian Andersens ‚Die Schneekönigin‘

Von Anne Newball Duke

Frozen kam als Die Eiskönigin – völlig unverfroren Ende November 2013 (pünktlich vor Weihnachten und genau rechtzeitig zum ausgelassenen Weihnachtsshoppen unzähliger Eiskönigin-Produkte) in die deutschsprachigen Kinos. Der zweite Teil folgte jetzt, im Dezember 2019. Nun war meine Neugierde groß genug, den Unterschieden und Gemeinsamkeiten der beiden Disney-Filme und deren literarischer Vorlage, Hans Christian Andersens Die Schneekönigin, nachzugehen.

Die intertextuelle Verbindung der Frozen-Filme zum „Original“, Andersens Märchen aus dem Jahr 1844, ist nicht nur oberflächlich – wie ich meine – sondern es steckt ein tiefes und sehr kluges Verständnis in der Verwandlung der Schneekönigin hin zur Eiskönigin. Im Grunde denken die Macher*innen von Frozen Andersens bereits feministisch angehauchtes Märchen konsequent weiter. Dies tun sie, indem sie den Fokus auf die vielschichtigen und vielfältigen Beziehungsweisen zwischen den Frozen-Schwestern Elsa und Anna legen. Und sie weben einen zusätzlichen Diskursstrang auf spannende Weise in die Filme ein: den postkolonialen. Als ich nun diese drei sinnlichen und gut durchdachten Frauen-Geschichten – im Grunde sind es meines Erachtens Entwicklungsgeschichten bezogen auf feministisches Denken, Sprechen und Handeln – zusammenband, sponnen sich meine Ideen und Gedanken quasi von selbst weiter: Ich wurde angehalten zum Nachdenken über Kolonialismus und Erinnerungskultur, die konsequente (also nicht verhandelbare oder kompromissbeladene) Suche nach Wahrheit, über Gut und Böse, Richtig und Falsch, über innerfeministische Auseinandersetzungen und Sprache und Sprachentwicklung zwischen Frauen. Und nicht zuletzt und mit allem Vorgenannten verbunden, erkenne ich gerade in den Frozen-Filmen die teils beantwortete, teils offen gelassene Frage danach, wie eine Welt beschaffen sein müsste, in der das Begehren von sehr unterschiedlichen Frauen im Mittelpunkt stehen könnte.

Der folgende Artikel hat eine ungefähre Lesedauer von vierzig Minuten. Das ist viel, aber die Artikellänge war nötig, um der Komplexität der Frozen-Dilogie (momentan… vielleicht wird ja noch eine Trilogie daraus?) gerecht zu werden.

Um meiner Argumentation folgen zu können, auch ohne Die Eiskönigin und Die Eiskönigin II gesehen zu haben, gebe ich zunächst eine kurze Zusammenfassung der beiden Filme (ich gehe nicht auf alle Details ein; für noch genauere Auskünfte gerne die Wikipedia-Seiten in Anspruch nehmen).

Die Geschichte des Films „Frozen/ Die Eiskönigin – Völlig unverfroren“

Alle Bilder haben meine Töchter (5 und 11 Jahre) ausgemalt

Anna und Elsa sind die Töchter des Königspaares Iduna und Agnarr im Königreich Arendelle. Arendelle liegt an einem Fjord, umgeben von hohen Bergen. Elsa besitzt magische Zauberkräfte: Sie kann aus ihren Händen Formen und Skulpturen aus Eis und Schnee entstehen lassen. Die Schwestern wachsen in großer Liebe und Geborgenheit auf. Sie sind unzertrennlich, bis ein Unfall geschieht – ausgelöst durch Elsas Zauberkräfte – und die Eltern sich entschließen, Elsa und Anna getrennt voneinander aufwachsen zu lassen, bis Elsa ihre Kräfte zu beherrschen weiß. Annas Erinnerung an Elsas Fähigkeiten wird ausgelöscht. Als die Schwestern bereits im Jugendalter sind, kommen ihre Eltern bei einer Schiffsreise ums Leben. Wieder einige Jahre später findet Elsas Krönung zur neuen Königin statt. Sie hat große Angst, dass sie ihre Kräfte nicht kontrollieren kann. Aber alles läuft gut, bis ihr Anna ihre Heiratswünsche mit Hans verkündet, den sie gerade erst kennengelernt hat. Als Elsa die Heirat verbietet, kommt es zu einem Streit zwischen den Schwestern, in dessen Folge Anna einen von Elsas schützenden Handschuhen abzieht. Weil Elsa so aufgewühlt ist, fährt ein Eisstrahl aus ihrer Hand quer durch den Saal. Nun, da ihre Kräfte entdeckt sind, flieht Elsa über den Fjord, den sie gefrieren lässt, hinauf auf den Nordberg. Doch nicht nur der Fjord vereist, sondern mit ihm versinkt das ganze Königreich in Eis und Schnee. Anna fasst sofort den Entschluss, ihrer Schwester zu folgen, und überträgt Hans die Führung von Arendelle, bis sie und Elsa wieder zurück sind.

Auf ihrer Reise trifft sie auf Kristoff, einen Eislieferanten, der als kleiner Junge bei den Trollen aufgewachsen ist. Sie bittet ihn und sein Rentier Sven, sie auf der Suche nach ihrer Schwester zu begleiten. Auf dem Weg Richtung Nordberg treffen sie auf den Schneemann Olaf, den Elsa bereits im Kindesalter hat entstehen lassen, und der die Gruppe jetzt zu Elsas Eispalast führt. Anna geht allein ins Schloss, um mit Elsa zu reden. Doch die Unterhaltung zwischen den Schwestern verläuft nicht gut; wieder trifft unbemerkt ein Eisstrahl Anna, diesmal direkt in ihr Herz. Elsa zwingt Anna, den Palast zu verlassen. Schon kurz darauf beginnen sich Annas Haare weiß zu färben. Nur ein Akt wahrer Liebe – so erfahren Anna, Kristoff, Sven und Olaf von Grand Pabbie-Troll – könne Annas Herz wieder zum Tauen bringen. Kristoff bringt Anna schweren Herzens – denn er hat sich mittlerweile in sie verliebt – zu Hans ins Schloss. Doch Hans hat mittlerweile Elsa aus dem Eispalast geholt und ins Gefängnis gesperrt. Er eröffnet Anna, dass er ihr die Liebe nur vorgespielt habe, um auf den Thron zu gelangen, und schließt sie in einem Raum ein in dem Glauben, dass sie dort stirbt. Auf dem Fjord findet er die mittlerweile aus dem Gefängnis ausgebrochene Elsa und teilt ihr mit, dass ihre Schwester tot sei. Sodann will er die trauernde Elsa hinterrücks mit seinem Schwert töten, doch Anna, der es mit Olafs Hilfe gelungen ist, die Tür zu öffnen, wirft sich mit letzter Kraft, im Moment ihres Vereisens, schützend vor Elsa, sodass das Schwert an ihr zerbricht. Elsa umarmt ihre Schwester und ihre heißen Tränen bringen Anna wieder zum Tauen. Elsa versteht, dass Liebe der Schlüssel zur Kontrolle über ihre Kräfte ist. Jetzt kann sie Arendelle von Eis und Schnee befreien, und der Sommer kehrt zurück. Damit Olaf nicht schmilzt, zaubert sie über ihn eine kleine Schneewolke. Die Tore von Arendelle bleiben von nun an geöffnet, und Anna und Elsa beschließen, sich nie wieder zu trennen. Anna und Kristoff sind am Ende ein Paar.

Die Geschichte des Films „Frozen II/ Die Eiskönigin II“

Der zweite Film beginnt mit einem Rückblick auf einen Moment, als Elsa und Anna noch Kinder sind; es muss kurz vor der Nacht des verhängnisvollen Unfalls sein. Die Eltern erzählen ihnen von Ereignissen, die sich zu Zeiten zugetragen haben, als ihr Vater Agnarr noch ein Kind von etwa 12 Jahren war. Sein Vater, König Runeard, hatte damals im Zauberwald einen Staudamm gebaut, um die Freundschaft zwischen den Arendellern und dem Waldvolk, den Northuldraern, zu stärken. Bei der Eröffnungszeremonie, an der bereits Prinz Agnarr als Kind teilnahm, kam es plötzlich ohne Grund zu einem bewaffneten Kampf. Das erzürnte die Waldgeister – Feuer, Luft, Erde und Wasser – so sehr, dass sie einen dichten Nebel über den Zauberwald legten, durch den niemand mehr hinein oder hinaus kann. König Runeard fiel damals im Kampf, während Prinz Agnarr mit Hilfe eines Helfers die Flucht aus dem Wald gelang. Hier endet die Geschichte.

Zurück in der fiktiven Jetzt-Zeit des Films ist Elsa bereits seit einiger Zeit Königin von Arendelle. Es ist Herbst. Elsa hört immer öfter eine Stimme, die sie zu rufen scheint. Eines Nachts folgt sie der Stimme vor das Schloss auf der Fjordseite. Mit ihrer Magie ruft sie – eher intuitiv und ungewollt – die Waldgeister. Kurz darauf beginnt die Erde zu beben; alle Bewohner*innen von Arendelle müssen aus der Stadt fliehen. Grand Pabbie-Troll eilt herbei und erklärt, dass Elsa die Wahrheit über die Vergangenheit des Königreiches herausfinden müsse, damit alles wieder in Ordnung kommt. Elsa schließt daraus, dass sie der Stimme folgen muss, die sie immer hört. Anna, Kristoff, Sven und Olaf begleiten sie. An der Nebelgrenze des Waldes angekommen, öffnet diese sich ohne Probleme für die kleine Reisegruppe. Elsa muss recht bald ihre Kräfte einsetzen, um den Wind- und den Feuergeist unter Kontrolle zu bekommen. Und sie machen Bekanntschaft mit den in die Jahre gekommenen einstigen Soldat*innen Arendelles, welche immer noch mit dem Volk der Northuldra verfeindet sind. Nach Aushandlung eines Waffenstillstands lernt Elsa Honeymaren kennen, eine etwa gleichaltrige Frau vom Volk der Northuldra, mit der sie dem Rätsel um die Stimme näherkommt: Honeymaren erklärt Elsa, dass es noch einen fünften Geist gibt, der die Menschen mit dem Zauber der Natur verbindet. Elsa entschließt sich daraufhin, sofort weiter zu reisen. Allerdings sind Kristoff und Sven nicht aufzufinden, weshalb Elsa, Anna und Olaf die Reise ohne die beiden fortsetzen.

Bald kommen die drei an ein Schiffswrack, das sich als das Schiff herausstellt, mit dem ihre Eltern damals ums Leben kamen. Im Schiff finden sie eine Karte, auf welcher der Weg zum Fluss Ahtohallan eingezeichnet ist. Elsa schafft es, im Schiffswrack weitere Szenen der Vergangenheit in Form von Eisskulpturen darzustellen. So erfahren die Schwestern, dass ihre Mutter eine Angehörige der Northuldra war. Sie war es auch, die in der Schlacht Prinz Agnarr gerettet hat. Elsa beschließt nun, alleine weiter zu reisen, um Anna und Olaf zu schützen. Die Trennung geschieht nicht im Einvernehmen; Elsa baut Anna und Olaf ein Eisboot und lässt sie damit den Berg hinunterrasen. Sie selbst kommt an die Meeresküste und wirft sich in die Fluten. In einem atemberaubend schön animierten Kampf mit dem Geist des Wassers in Form des Wasserpferdes Nokk gelingt es Elsa, dieses für sich zu gewinnen; und so bringt es sie über das Wasser hin zum Eisfluss Ahtohallan. In den Gängen und Räumen des vereisten Flusses erfährt sie immer mehr über die Geschehnisse im Zauberwald; am Ende weiß sie die ganze Wahrheit: Ihr Großvater hatte den Staudamm in Wirklichkeit nur bauen lassen, um die Northuldraer in seine Abhängigkeit zu bringen. Als Grund führte er seine Angst und die Gefährlichkeit von Magie an. Als der Oberste der Northuldraer ihn darauf aufmerksam machte, dass der Staudamm die notwendige Wasserzufuhr zum Wald und den Flüssen unterbricht, tötete der Großvater ihn von hinten mit dem Schwert. Das war der Grund, weshalb ein Kampf ausbrach. Diese Wahrheit bewirkt, dass Elsa vereist – sie kann aber vorher Anna noch eine Nachricht senden.

Anna und Olaf suchen den Ausgang aus einer Höhle, in der sie mit dem Boot gestrandet sind, als sie Elsas Nachricht in Form einer Eisskulptur erreicht. Sie wissen sie zu deuten. Kurz darauf löst sich Olaf in seine Einzelteile auf. Anna entschließt sich, den Staudamm zu zerstören, da nur so Frieden und Versöhnung möglich ist. Mit Hilfe der Erdriesen, Kristoff, Sven und den ehemaligen Soldaten Arendelles schafft sie es. Nun droht das hervorbrechende Wasser, Arendelle zu überfluten. Doch Elsa taut durch Annas Tat auf, reitet auf dem Wasserpferd vor die Mauern Arendelles und lässt die Flut noch rechtzeitig verschwinden. Arendelle ist gerettet, und auch der Fluch in Form des Nebels über dem Zauberwald verschwindet nach 34 Jahren.

Anna nimmt nun Kristoffs Heiratsantrag an. Sie wird die neue Königin von Arendelle. Elsa entschließt sich, im Wald bei Honeymaren zu leben. Sie sagt, sie wolle nun gemeinsam mit Anna die Brücke zwischen den Menschen und den magischen Geistern sein. Sie besucht Anna jeden Freitag zum Scharade-Spielen.

Betroffenheit und Deutung

Frozen und Frozen II mit meinen fünf und elf Jahre alten Töchtern zu sehen, war ein einprägsames Erlebnis. Es katapultierte mich in meine eigene Kindheit und zu den sich darin tummelnden Prinzessinnen und schönen Mägden und wirbelte einige – wie ich fand – interessante Fragen in mir auf. Antje Schrupp schickte mir zudem einen Link zu einem Artikel von Jeanna Kadlec, die sich sehr kritisch mit den Filmen auseinandersetzt.

Meine eigene, von Schmerzen ungetrübte Lesart wurde von jener Jeanna Kadlecs, einer Betroffenen und Verletzten, stark herausgefordert und ließ mich ein paar Tage ratlos zurück. Denn nun hatte ich zunächst einmal ganz andere Fragen mit mir zu klären: Darf ich als eine kaum von Marginalisierung betroffene Cis-Frau über die Frozen-Filme schreiben? Kann ich mit meiner Sicht etwas beitragen? Im nochmaligen Lesen meiner bis dahin geschriebenen Notizen bin ich zu der Meinung gelangt, dass es doch auch noch Deutungsmöglichkeiten gibt, die jene von Jeanna Kadlec ergänzen könnten. Wenn ich eine Szene anders interpretiere als sie, dann bedeutet das nicht, dass ich ihren Schmerz nicht sehr gut verstehen kann und dankbar bin für diese Sichtweise, die mir gewisse Privilegien und Ausschlusstechniken klar vor Augen führen.

Etwa, wenn sie schreibt, wie enttäuscht und tief verletzt sie davon war, dass Elsa sich von ihrem Coming-Out als „Andere“ (als eine, die mit magischen Kräften ausgestattet ist) – mit „Let it go“ im ersten Teil besungen – gleich zu Beginn des zweiten Teils beschämt abwendet. Es war mir unangenehm, dass ich diese Sequenz nicht als das gelesen hatte, was sie war, nämlich eine Form der Zurücknahme ihrer Sehnsucht nach sexueller Befreiung, nach Freiheit und Selbstbestimmung. Ich sah darin nur eine Auseinandersetzung Elsas mit dem Lied als Kassenschlager, eine Art, sich von ihrem eigenen Erfolg als Singstar abzuwenden. Aber klar. Typische (und von Disney sicherlich gewollte) Cis-Lesart, welche die Lacher auf Kosten der LGBTIQ*-Community in Kauf nimmt.

Dennoch… und vielleicht mag das jetzt kalt wirken, aber dieses peinlich berührte Abwenden von ihrem eigenen Freiheitsschrei steht ja am Anfang der Geschichte von Frozen II. Wenn ich mir anschaue, dass Arendelle sich kein bisschen geändert hat, seit Elsa Königin ist, wundert mich ihr Zurücktreten hinter ihre Freiheitsbestrebungen nicht, denn die Gesellschaft verlangt dies weiterhin von ihr, nun nur etwas abgeschwächt. Kurz vor der Szene singt sie, dass sie „jetzt rausgeht“ und läuft während der Szene mitten durch die Stadt, durch die Menschenmenge. Immer noch verlangt ihr das „Rausgehen“ also Kraft und Überwindung ab! Denn sie kann hier immer noch nicht wirklich sein, wer sie ist. Sie muss sich zurücknehmen, um dieses Volk regieren zu können und um keine Veränderungen von ihm verlangen zu müssen.

Und ja, dafür hat sie bereits erlangte Freiheiten wieder aufgegeben. Aber – und das ist von Bedeutung: Es ist Herbst geworden in Arendelle. Die Arendelle’sche Biedermeier-Ära (für die Andersen so wunderbare Beschreibungen gefunden hat in der Schneekönigin) ist drauf und dran, im Wechsel der Jahreszeiten unterzugehen. Bereits in dem Lied „So wird es immer sein“, in dem alle den „glücklichen Augenblick“ festhalten und die Vergangenheit weiter unbearbeitet lassen wollen („Denk nicht daran, was war!“), kündigen der Herbst, das Thematisieren des Alters und besonders Elsas Melancholie die bereits bevorstehende Veränderung an; bald wird es nie mehr so sein, wie es einmal war.

Frauenland, wohin Gerda auch kommt

Als meine Mutter mir damals, als ich vielleicht 6 Jahre alt war, das erste Mal Die Schneekönigin vorlas, war ich sofort der Bildmächtigkeit, die Andersen schafft zu kreieren, verfallen. Ich kann mich nicht erinnern, noch einmal von einem anderen Märchen so sehr in eine Landschaft, in Figuren und ein Geschehen hineingesogen worden zu sein. Ich war von Gerdas Mut beeindruckt, und ich war fasziniert von all den interessanten Frauenfiguren, die Andersen hier erschaffen hat. Aber doch, eine, nein zwei Männerfiguren muss ich erwähnen: den Prinzen der Prinzessin! Ein Mann, der von der Frau nur Liebe empfängt, wenn er klug ist und also ihre Klugheit mit der seinen vorantreibt. Ein Mann, der sich von Prunk und Reichtum nicht blenden lässt, eigentlich gar nicht daran interessiert ist, die Prinzessin zu freien, sondern nur an ihrer Klugheit! Und die männliche Krähe (ist sie wirklich männlich? Ich check`s bis zum Ende nicht wirklich, das macht mich ganz verrückt)! Verständnisvoll und solidarisch mit Gerda! Zwei Feministen stehen hier im Buche! Großartig!

Aber vor allem: So viele tolle und unterschiedliche Frauenfiguren in einem Märchen! Angefangen bei der frommen, geschichtenerzählenden Großmutter, welche die Krähen- und die Kindersprache beherrscht. Dann die alte Frau mit dem kunstvoll bemalten Blumenhut, die stark an die rapunzelklauende Hexe erinnert. Des Weiteren die weibliche Krähe, die Gerda – koste es was es wolle für sie – das Eindringen in die Schlafgemächer von Prinz und Prinzessin ermöglicht, weil sie von der Richtigkeit von Gerdas Wunsch überzeugt ist. (Von der Prinzessin wird sie dafür zwar kurz gerügt, aber dann reichlich belohnt, und beide Krähen bittet sie, an ihrem Hofe zu bleiben. Unglaublich!)

aus: Hans Christian Andersen: Die Schneekönigin. In: Gesammelte Märchen. Karl Müller Verlag 1990

Dann die kluge und sehr spendable Prinzessin selbst, die zwischen sich und ihren Hofdamen keine Hierarchien zuzulassen scheint (beim Dialog zwischen Prinzessin und Hofdamen fühlte ich mich stark erinnert an das Frauendreiergespann in Portrait einer jungen Frau in Flammen). Sodann das kleine Räubermädchen mit ihrem Messer und ihrer Großherzigkeit (von der Astrid Lindgren sich by the way für ihre Ronja-Räubertochter ganz viel abschnitt, so wie auch schon von Lucy Maud Montgomerys Anne von Green Gables für ihre Pippi Langstrumpf – aber wie Astrid Lindgren großartige Mädchen- und Frauenfiguren weiterleben lässt, das würde hier zu weit führen), und die Läppin, die für die Finnin „Worte auf einen Klippfisch“ schreibt (Was nur?, und Wieso eigentlich?, Kann Gerda ihr das nicht einfach sagen?, fragte ich mich schon als Kind).

Und nicht zuletzt die Finnin, die alles, was auf dem Klippfisch steht, „dreimal“ liest, „und dann konnte sie es auswendig“ (aus: Hans Christian Andersen: Die Schneekönigin. In: Gesammelte Märchen. Karl Müller Verlag 1990; S. 233-264, S.257) und anschließend den Klippfisch auch noch verspeist. Die Finnin, die Gerda einen „Zwölf-Männer-Kraft-Trank“ geben könnte, dann aber „ein großes zusammengerolltes Fell“ aufrollt, auf dem „wunderliche Buchstaben geschrieben“ waren, und sie las sie, „dass ihr das Wasser von der Stirne herunterlief“ (ebd.), mit der Erkenntnis, dass Gerda den Trank nicht braucht, da sie schon genug Kraft in sich trägt. Gleich darauf setzt sie Gerda auf das Rentier, sodass diese ihre liebgewonnenen, viel zu großen Handschuhe von dem Räubermädchen, die dieses wiederum von seiner Mutter geklaut hatte, vergisst.

Die Handschuhe? Ja, genau, Handschuhe. Die spielen auch im ersten Teil von Frozen eine große Rolle. Alleine das lässt das Wandern der Handschuhe von der Mutter zur Räubertochter zu Gerda zur Finnin in neuem Licht erscheinen. Damals allerdings hinterließ das Vergessen der Handschuhe eine merkwürdige Unruhe in mir: Warum nur? Warum vergaß die Finnin, die doch eine Gute war (oder nicht?), Gerda die Handschuhe wiederzugeben? War es ein Versehen? War es Absicht? Gab es also einen Grund? Waren die Handschuhe gar ein Hindernis, um Kay wiederzufinden? Und dann – jetzt beim Wiederlesen der Schneekönigin, schossen die Anna- und Elsa-Bilder in meinen Kopf: Wie Anna ihrer Schwester den einen Handschuh ungewollt und in emotionaler Aufgewühltheit abzieht. Sie ist es also, die das Coming-Out vorantreibt in ihrem Versuch, Elsa wieder näher zu kommen, sie besser zu verstehen. Und wie dann Elsa den ihr verbliebenen Handschuh kurz vor der Kreation ihres Eispalastes in die eisige Luft schleudert, hinauf, in den Himmel, let it go, ich brauche ihn nicht mehr!

Eine Frauenfigur aus der Schneekönigin fehlt in der obigen Aufzählung natürlich noch: die Schneekönigin höchstselbst. Sie ist so anders, so kalt, eben von einer anderen Welt, sodass sie sich so gar nicht in die solidarisch handelnde Frauenrunde integrieren lässt. Andersen betont immer wieder, dass der Verstand das einzige ist, was für die Schneekönigin von Bedeutung ist. Ich nenne hier nur einige der von Andersen aufgemachten abismalen Differenzen zwischen dem Begehren von Gerda und jenem der Schneekönigin, die da symbolisiert sind in: Bienenkönigin versus Schneekönigin, Herzenswärme versus kühle Selbstbezüglichkeit, magisch-religiöse Weltsicht versus empirische Rationalität, Sonne versus Mond und Nordlichter, Gott versus Teufel usw. usf. (Die Leitmotive habe ich Irmgard Nickel-Bacons Aufsatz „Herzenswärme und eiskalte Herrlichkeit. Naturmetaphorik und Frauenbild in Andersens Schneekönigin“ entnommen.)

Diese Schneekönigin blieb mir als Mädchen fremd, obwohl sie eine große Faszination auf mich ausübte. Sie war schön, sie war mächtig – aber sie war böse. Damals dachte ich noch nicht über die Darstellung des sich nicht ins Patriarchat zu integrieren lassenden Weiblichen als das Böse nach. So wie die Hexe in Rapunzel böse war, und so wie die Hexe in Hänsel und Gretel böse war, usw. usf. In der 12. Klasse war das Thema meiner ersten kleinen, selbst recherchierten Deutsch-Arbeit die Wirkung der Märchen auf Kinder, weil ich da schon öfter mit der Meinung konfrontiert wurde, Märchen seien zu brutal für Kinder, und ich eben anderer Meinung war, weil ich Märchen so sehr mochte (auch wenn einige davon damals vielleicht den zweifelhaften Wunsch in mir entstehen ließen, dass mich – sobald ich groß wäre – ein Prinz auf seinen Schimmel höbe). Das Fazit meiner kleinen Studie war dann mehr oder weniger: Kinder lernen durch Märchen, Gut von Böse zu unterscheiden. Sie sind daher wichtig für die Sozialisation. Punkt.

Das Böse muss es also geben. Ich dachte mit 17 über die Schneekönigin also folgendermaßen: Es tut mir leid für dich, Schneekönigin, aber da die Kinder lernen müssen, Gut von Böse zu unterscheiden, musst du einfach böse sein. So einfach ist das. Nein, so einfach ist es nicht, das weiß ich jetzt. Zum Glück.

Das Monströse ab zum Nordpol!

Andersen packte vermutlich die eigenen Erfahrungen mit seiner Bisexualität in die Kreation der Schneekönigin, all das, was in ihm verborgen war und nach Ausdruck strebte, aber nicht konnte, weil es der Gesellschaft als Monströses galt (siehe auch u.a. folgender Artikel) (wobei die folgenden Ausführungen, wie Andersen die Reaktion der Gesellschaft auf seine Bisexualität wohl wahrgenommen haben könnte und in die Schneekönigin hat einfließen lassen, nur Vermutungen meinerseits sind.). Jedes wahrgenommene Anzeichen einer Andersheit wurde geradezu gewaltvoll verdrängt; und die Person selbst, die solche unheimeligen Gefühle in den „Normalen“ verursachte, musste weit weit von sich gewiesen werden. Andersen wusste viel davon. Das Böse der Schneekönigin wird konterkariert von dem Guten, das sie ja der Gesellschaft mit Eis und Schnee zum Schutze von Pflanzen und Tieren im Winter schickt, so sagt sie selbst: „[…] das gehört dazu, das tut den Zitronen und Weintrauben gut!“ (Schneekönigin S. 262)

In gewissem Sinne hilft Andersens Schneekönigin also, die Gesellschaft wie jene von Kay und Gerda zu stabilisieren, sie rüttelt nicht an den Grundmauern der Zivilisation. Diese Einsicht lässt sodann den Gedanken zu, dass sie ja doch irgendwie Teil der Gesellschaft ist. Dass sie eventuell nicht viel böser ist als andere Menschen. Aber was böse sein soll, wird durch die Normen, Werte und Gesetze der Gesellschaft vorgegeben, und Punkt. Und so kehrt sie nach ihren Ausflügen hübsch brav immer wieder zurück in den Norden; sie bleibt dort, wohin sie abgeschoben wurde, in the margins, bis auf alle Ewigkeit.

Auch Elsa strömt mit „Let it go“ zunächst der Einsamkeit entgegen; sie könnte nun die Andersen’sche Schneekönigin werden. Aber etwas ist anders. Anders als die Schneekönigin lässt sie nun ihrer Magie (nicht dem Verstand) freien Lauf – jener Magie, die im Andersen’schen Märchen noch Gerda zugeordnet wird. Die Polaritäten sind nicht mehr so klar, sie sind zu Zeiten von Anna und Elsa bereits verschwommen, Seiten gar getauscht usw. usf.

Somit ist auch in der Wahl der Einsamkeit noch nicht das letzte Wort gesprochen, denn Elsa ist vor ihrem Coming-Out bereits Teil der – nennen wir es – weiblichen Linien. Es gibt mit ihrer Schwester eine, die sie sucht und sie nicht ihrer Einsamkeit überlässt. War die Schneekönigin also von jeglicher weiblichen, ja feministischen Solidarität ausgeschlossen, so ist die Eiskönigin immerhin einer Person – ihrer Schwester – als liebender Mensch in Erinnerung. Ihre Eltern hingegen trauen Elsas Liebe nach dem Unfall, bei dem ein Eisstrahl in Annas Kopf gelangt ist, nicht mehr. Sie müssen erst einmal – da scheinen die Schwestern bereits aus der Pubertät hinausgewachsen zu sein – eine lange Reise antreten, um zu wissen, ob das, was sie ihrer Tochter antun, richtig ist. Gerade die einst so zärtliche, liebevolle Mutter schafft es nicht, ihre Tochter so sein zu lassen, wie sie ist. Warum nicht? Zum Glück wird das Trauma der Eltern, durch das diese verlernten, Richtig und Falsch klar voneinander unterscheiden zu können, im zweiten Teil thematisiert. Doch dazu später.

Der Vertrauensverlust der Eltern in die wohl etwa 7-jährige Elsa bewirkt, dass sie sich Rat von Grand Pabbie-Troll holen. Dieser meint es mit seinem Rat zwar gut, I know, aber alter weißer Mann, what can we do. Ein falscher Ratschlag zieht eine falsche Entscheidung – die Trennung der Schwestern – nach sich. Angst (Elsa) und Vergessen (Anna) scheinen zunächst bequeme und adäquate Mittel zu sein (alle sind leise, alles scheint „normal“, niemand stört die Ordnung), welche aber – gerade sofern Gewalt beim Vergessenmachen eine Rolle spielt, und das tut sie immer, wenn vergessen werden soll, was nicht vergessen werden darf – nun das wirklich Böse entstehen kann.

Zudem entsteht Raum für die Traurigkeit, die Melancholie und das Trauma. Unbearbeitetes wird zwar verdrängt, es bahnt sich aber dennoch seinen Weg in die Welt, wie gerade die Forschung zur Transgenerationalität und Epigenetik, aber auch die postkolonialen Studien zeigen. Ich persönlich finde es großartig, wie Disney hier gerade über diese beiden weiblichen Körper nicht nur queere, sondern auch postkoloniale Diskurse hereinholt und eindeutig Partei ergreift für ganz bestimmte Formen der Erinnerungskultur.

Annas Vergessen als Kind hat noch einen weiteren Aspekt: Zusammen mit dem Wissen um die magischen Kräfte ihrer Schwester wird Anna nämlich auch der Zugang zu ihrer Schwester genommen. Der Kommunikationsabbruch über viele Jahre kann als Allegorie gelesen werden auf die Kommunikations- und Lieblosigkeit zwischen Frauen – ja sogar zwischen Feminist*innen (dazu komme ich noch) – im Patriarchat allgemein. Liebe im Herzen allein reicht nicht aus, sie muss auch gelebt werden und sich entwickeln können. Sie muss sich in Sprache ausdrücken können.

Aber statt die Liebe auf diese Art zu stärken und gedeihen zu lassen, soll und muss und will Elsa nun lernen, nichts zu fühlen, um Anna nicht zu verletzen. Elsa zieht aus der Liebe die Kraft dafür, ihrer immer wieder an ihre Tür klopfenden Schwester Nähe und Zuneigung, das gemeinsame Großwerden zu verweigern. Anna hingegen gibt nicht auf. Sie klopft all die Jahre an Elsas Tür und versichert dieser somit, dass ihre Liebe immer noch erwidert wird. Diese zähen Liebesbekundungen von beiden ändern jedoch nichts an der Entfremdung zwischen ihnen, als sie sich dann bei Elsas Krönung das erste Mal wiedersehen. Und so entfremdet ist Anna für Elsa auch erst einmal keine Hilfe. Daher ist es nur konsequent, dass sich Anna nun in die Arme zweier Männer wirft: zuerst in die von Hans, dann in die von Kristoff.

Nicht wegreiten, Johanna!*

(*So Anna im Lied „Willst du einen Schneemann bauen?“ in Richtung eines Gemäldes in einem Raum des Schlosses, das Johanna von Orléans auf einem Pferd zeigt.)

Wie sehr gähnte ich, als Anna sich – wie schon Arielle und so viele Prinzessinnen und Mägde vor ihr – an nur einem Tag in einen Mann verliebt und bereits am selben Abend der überraschten, gerade gekrönten Elsa ihre Heiratswünsche offenbart. Annas Unbeschwertheit resultiert daraus, dass sie nicht all die Jahre wie Elsa die Last der Verantwortung, die aus dem Wissen erwächst, tragen musste. Und so singt sie, als sich die Tore des Schlosses öffnen und sie Hans in die Arme läuft, dass sie „zum ersten Mal seit Ewigkeiten“ wieder Liebe in sich spüre. Die Sehnsucht nach der Liebe ihrer Schwester leitet sie nun um: Hätte sie von Elsa diese Liebe bekommen, wäre ihr dieser „Verlieber“, der schon so vielen Frauen zum Verhängnis wurde, wohl nicht passiert.

„Nein!“ ist Elsas eiskalte Antwort auf Annas Verlobungsgesuch, und ich fühle mich kurz an Arielles Vater erinnert: Der Patriarch scheint in Elsa geschossen zu sein. Und schon fühle ich mich korrumpiert als Zuschauerin; ich soll jetzt Elsa doof finden, weil sie sicherlich unrecht hat und von der Liebe nichts weiß. Nochmal: Gähn. Doch dann der aberwitzige schnelle Dialog zwischen den Schwestern, in dem Anna imaginär nicht nur ihren Hans mit sich in das Schloss einziehen lässt, sondern gleich auch noch seine unzähligen Brüder. Elsas Satz „Hier werden überhaupt keine Brüder einziehen!“ lässt mich an einer Stelle laut auflachen, an der das sonstige Kinopublikum keinen Grund zum Lachen sieht – ich aber bin wieder versöhnt mit Elsa, denn so redet keine Patriarchin.

Nach ihrem Coming-Out kurz nach ihrer Krönung flieht Elsa also, und Anna bleibt der unbändige Willen, Elsa zurückzuholen, denn erst jetzt beginnt sie, die Schwester zu verstehen. Und sie hat unendliches Vertrauen in die Ältere, auch als schon der ganze Hofstaat und alle Menschen des Landes verängstigt der gerade gekrönten und nun fliehenden Königin hinterherstarren. Anna traut Elsa, obwohl Hans sie mit seiner Frage „Bist du sicher, dass du ihr vertrauen kannst?“, während sie sich auf ihr Pferd schwingt, um Elsa hinterherzueilen, verunsichern und Zweifel schüren will. Und selbst Kristoff, der „gute“ Mann hier, der aber erst im zweiten Teil die ersten Schritte hin zum „neuen“ (sprich feministischen) Mann macht, fragt Anna irgendwann einmal auf der Reise zum Nordberg: „Hast du keine Angst vor deiner Schwester?“

Doch der Tiefpunkt in der Schwesternbeziehung ist noch nicht erreicht. Im Gespräch zwischen beiden in Elsas Eispalast reden/singen sie komplett aneinander vorbei. Konsequenterweise bekommt Anna wieder einen von Elsas Eisstrahlen ab, nun direkt ins Herz. Wer tut hier eigentlich wem Gewalt an? Anna will Elsa zurück nach Arendelle bringen, von dem sich Elsa doch gerade erst befreit hat. Die einzige Möglichkeit, die Freiheit zu bewahren, erscheint Elsa da, ihrer Schwester weiter und noch radikaler die Liebe zu entziehen. Denn Anna kann ihre Worte einfach noch nicht verstehen (Elsa hat ja auch noch gar nicht die Richtigen!), und schon gar nicht verspeisen.

Vor der endgültigen Vereisung des Herzens kann Anna jetzt nur ein Akt der wahren Liebe retten. Zurück im Arendelle’schen Schloss, schon beinahe erfroren, wartet sie auf Hans, doch dieser lässt sie nicht nur warten, sondern löscht auch das sie wärmende Feuer. Statt des von ihr ersehnten Kusses sagt er sinngemäß: „Du warst so verrückt nach Liebe, es war ein leichtes Spiel für mich.“ Das Patriarchat ruht nie, immer wieder will es die Macht an sich reißen. Er verlässt den Raum in der Gewissheit, dass sie nun stirbt. Wie sie da so sitzt, an der großen verschlossenen Tür, allein in dem dunklen, kalten Zimmer mit zugezogenen Vorhängen: All die Anna Kareninas, Effi Briests, Emma Bovarys ploppten vor meinem inneren Auge auf – all diese Frauen und ihre Sehnsucht nach Sinn, nach Liebe, Leidenschaft, Feuer im Herzen, den ganz großen Gefühlen.

Und ich finde, dass Frozen eben die Frage zulässt, ja sie unentwegt und immer wieder stellt: Was wäre gewesen, wenn die Beziehung zwischen Frauen nicht nur von Kälte und Misstrauen geprägt (worden) wäre, sondern von Vertrauen und Zuneigung? Das Ende des ersten Teils ist daher konsequent und großartig: Nicht der Kuss eines Mannes kann Anna und die Stadt vom Fluch des Eises befreien, sondern nur die Liebe der zwei Schwestern, die nun endlich fähig sind, ihre Gefühle füreinander offen zu zeigen, zu leben und auszusprechen.

Ich bin verrückt? Was?

Anna und Elsa haben sich wiedergefunden. Sie wollen sich nie wieder voneinander trennen, sie wollen im Grunde die verlorene Zeit aufholen. So endet der erste und so beginnt auch der zweite Teil. Vor allem Anna ist auf ihre große Schwester fixiert. Sie versprechen sich gegenseitig, immer aufeinander aufzupassen und sich alles zu erzählen. Als Anna von den Stimmen erfährt, die Elsa hört, ist sie mehr denn je bereit, Elsa beizustehen. Aber Anna hat jetzt auch einen Freund: Kristoff. Kristoff wiederum will Anna beistehen, also kommt auch er mit auf die Reise. Und auch er hat ein ganz eigenes Ziel: Er möchte Anna den Verlobungsring anstecken.

Beim Beschauen dieser sehr unterschiedlichen Hoffnungen und Ziele, die die Reisenden mit ihrem Unternehmen verbinden, wird sehr deutlich, dass Kristoff in seinem Bemühen scheitern muss. Annas Aufmerksamkeit gilt nicht dem Manne neben ihr, sondern ihrer Schwester hinter ihr auf der Kutsche. Konsequenterweise kann sie auch mit seinen etwas ungelenken Worten nichts anfangen. Wenn er sagt, „damals warst du noch so verrückt und hast dich mit einem Mann verlobt, den du erst einen Tag kanntest“, so reagiert sie unwirsch und verständnislos. „Du hältst mich für verrückt?“, fragt sie bereits geistesabwesend und von ihm abgewandt, um im nächsten Moment von der Kutsche zu springen.

Wie hat sie sich verändert seit ihrem Zusammentreffen mit Hans, zu dem sie noch so Sachen sagte wie „Ich bin peinlich, du bist toll!“ Sie kann und will sich gerade nicht mit Kristoff beschäftigen oder sich in ihn hineinversetzen, um ihn zu verstehen, und sich dafür in Zweifel über ein Verrücktsein zu begeben, das ihr von ihm – wenn auch eher ungewollt und tollpatschig – eingeredet wird. Hier ist eine ganz subtile Nachricht an ihn, und eigentlich damit gleich an alle Männer dieser Welt, enthalten: Wenn ihr nicht auch all eure patriarchalen Vorstellungen von der Kutsche werft, wenn ihr also keine Feministen werdet, dann springen wir (Feminist*innen) eben von der Kutsche! Wir sind dann nicht allein, denn wir haben ja noch unsere Schwestern! Uhhh, ich sehe das Patriarchat erzittern.

Lernen dauert seine Zeit, und Anna will keine Lehrerin sein – soll sich Kristoff doch seines eigenen Verstandes bedienen! Nur weil er sich „schwer mit all diesen Dingen tut“, wie er singt, heißt das nicht, dass sie ihm die Arbeit abnehmen muss. Also lässt sie ihn im Wald zurück und führt die Reise nur mit Elsa und Olaf fort, ohne ihm Bescheid oder Tschüs zu sagen. In seinem Lied singt er von der Nähe, die er nicht mehr spüre zwischen sich und Anna. Weil sie ihn gerade nicht braucht. Welcher Mann kommt damit klar? Kristoff muss für sich klären, ob er zu einer Dreier-Beziehung bereit ist, in der er möglicherweise nie die Nummer eins sein wird. Bald wird sich zeigen: Er wird die Zeit der Einsamkeit genutzt haben, denn er entscheidet sich am Ende, na klar, für die starke Frau. Er darf sie sogar noch einmal retten, aber nur, um sein Rentier in die Richtung zu lenken, die sie vorgibt, um ihren Plan umzusetzen. Am Ende, als alle Gefahren überstanden sind und sie Zeit hat, sich ihm zuzuwenden, entschuldigt sie sich für ihr sang- und klangloses Weggehen. Und er antwortet ihr sinngemäß, ganz in der vollen Stärke des „neuen“ Mannes: „Das ist in Ordnung, meine Liebe zu dir hält das aus.“ Ganz unbemerkt ist hier das Patriarchat einen Schritt zurückgetreten, um eine neue Ordnung zumindest denkbar zu machen.

Wieder vom Selben zum Selben?

Zurück nochmal zum Anfang des zweiten Teils: Der Herbst und die Stimmen, die nur Elsa hört: Hier wird spätestens klar, dass sie nie glücklich werden wird in Arendelle. Denn Arendelle macht einfach so weiter, als wäre nichts geschehen, als wäre es plötzlich okay, was zuvor undenkbar war: so einen monströsen Körper unter sich – nein; gar über sich – zu haben. Ich musste hier unweigerlich an Luisa Muraros Anekdote in Vom Glück, eine Frau zu sein denken, wo sie das Gefühl beschreibt, das sie empfand, als sie einen (Diskurs-)Raum voller Männer betrat, und diese einfach so weitermachten, als wäre sie nicht gerade dazugekommen. Und hier in Arendelle ist es ebenso: Die Monstrosität in Person sitzt auf dem Thron und regiert das Land, als wäre nichts geschehen, normal ist weiter normal usw. usf. Und deshalb sagen sich die Bewohner*innen Arendelles mit zugekniffenen Augen: Hey it’s okay, we are d’accord mit Diversität, oder ehrlicher gesagt: Wir übersehen einfach großzügig und geflissentlich, dass wir hier in der patriarchal-kapitalistischen Gesellschaft eigentlich gar nicht damit klarkommen, denn wir brauchen einfach Menschen, die wir ausschließen können, und wo bitte sind die jahrhundertealten Kategorien, die wir doch sinnvollerweise erstellt haben zur Einteilung von Menschen in diese (Guten) und jene (Bösen). Aber hey, alles gut, das Patriarchat und der Kapitalismus gehen nicht unter nur von einem Sommer, in dem wir so tun, als wäre uns das egal.

Dass Disney es nicht bei diesem Sommer belässt – Elsa also nicht für immer Königin sein lässt – ist meines Erachtens groß: Denn alles, was jetzt kommt, weist ins Utopische. Im Grunde ist Frozen II der Beginn einer feministischen Science Fiction, mehr noch als der erste Teil, an dessen Ende es noch so schien, als könne die Monarchie gerettet werden; als habe es dieser nur an Diversität gefehlt. Im zweiten Teil aber begeben sich die Schwestern im Grunde auf die Suche nach einer neuen Form des Zusammenlebens, nach einer neuen Gesellschaft.

Was sie mit auf die Reise nehmen, ist die Erfahrung aus dem ersten Abenteuer: Halt dich an deiner Liebe fest, auch wenn jene, die du liebst, noch so verschieden von dir ist. Wir Schwestern müssen gemeinsam gehen. Wir brauchen einander. Vielleicht ist diese so simpel scheinende Aussage der Grund, warum ich ständig geheult habe im Kino. Und ich hoffe, meine heißen Tränen (danke Tocotronic für das Lied „Im Zweifel für den Zweifel“) sind okay. Weil genau das eben nicht selbstverständlich ist.

In der Schneekönigin erfährt Gerda Unterstützung von den unterschiedlichsten Frauen- und (feministischen) Männerfiguren, um sich ihren weißen Cis-Spielfreund wiederzuholen; Andersen zelebriert also ein vom Patriarchat scheinbar unbehelligtes Frau-Sein in all seiner Pracht, in all seinem Ungebändigtsein: Gerda wandert von Frauenland zu Frauenland. Andersen zelebriert aber auch gleichzeitig – irgendwie merkwürdigerweise – die Heteronormativität. Dennoch – was im Vordergrund in der Schneekönigin steht, ist zu zeigen, dass es da noch etwas anderes gibt, das von der Gesellschaft noch nicht bearbeitet wurde, sondern lediglich verdrängt und als das Andere betitelt zur Seite – sprich in den Norden und in die Dunkelheit – abgeschoben wurde. Es ist da, es kommt jeden Winter irgendwie über uns, es tut eigentlich gar nicht weh, in gewisser Weise brauchen wir es sogar, aber besser wir schauen nicht hin, Augen zugehalten und Zunge raus, wir unternehmen auf keinen Fall den Versuch, das Fremde als Eigenes zu erkennen.

Und es ist so wie Jeanna Kadlec sagt: Auch wenn es nicht gewollt ist, sind doch LGBTIQ*-Figuren in jedem Film (ergo in jeder Gesellschaftsformation) vorhanden und für die Community als solche erkennbar, einfach weil sich die Realität nicht aussperren lässt. Insofern ist Jeanna Kadlecs Vermutung fast irrelevant, dass Disney wahrscheinlich wenig erfreut darüber war, dass Kritiker*innen und Publikum in Elsa sofort die queere Person sahen. Denn sie ist da; sie war es ja auch schon in Andersens Schneekönigin.

Da Anna ja nun keinen Kerl retten muss, sondern ihr Leben nur für ihre Schwester aufs Spiel setzt, wird Andersens Kay bei Disney zu Kristoff und Sven (der Abgleich gerade zwischen Andersens Rentier Bä und Sven ergäbe sicherlich auch noch einige interessante Überlegungen, aber das lasse ich angesichts der fortgeschrittenen Fülle des Textes). Kristoff und Sven verkörpern die heteronormative Männlichkeit. Olaf – der dritte Freund der Schwestern hier im Bunde – hingegen verkörpert das Kind in jeder und jedem von uns, das auch Andersen so unglaublich wichtig war; wie nicht zuletzt in den Schlussworten der Schneekönigin deutlich wird: „Da saßen sie beide, erwachsen und doch Kinder, Kinder im Herzen; und es war Sommer, warmer wohltuender Sommer.“ (Schneekönigin S. 264)

In dieser Hinsicht ist Disneys Metaphorisierung dieses Kindes im Menschen in der Figur des Schneemanns Olaf einfach genial. Das Kindliche in den Mädchen, besonders in Anna, das – sobald die Verhältnisse nicht stimmen – schmilzt oder, wie im zweiten Teil, sich in nur einer schicksalhaften traumatischen Nacht in seine Einzelteile auflösen kann. Während Andersen mit dem obigen Satz am Ende die Ordnung wieder herstellt, wird in Frozen II auch an der Figurenentwicklung des Olaf deutlich, dass die bestehende gesellschaftliche Ordnung nicht unbedingt stimmig ist. Warum nur lernt Olaf lesen und eignet sich in einer Tour de Force die Welt lesend an? Was versteht er denn nicht? Was ist sein Begehren? Wonach sucht er in all dieser Lektüre? Es gäbe noch viel zu sagen zur Olaf-Figur, vor allem durch das vergleichende Lesen von Andersens Märchen Der Schneemann, aber belassen wir es jetzt bei diesem Fragebündel.

Eine für die andere und die andere für die eine

Habe ich schonmal gesagt, wie unglaublich schön es ist, dass sich hier zwei Frauen ständig gegenseitig das Leben retten? Dass eine für die andere und die andere für die eine einsteht? Dass nicht der Prinz die Prinzessin aus dem Turm rettet oder die schöne Meerjungfrau den Prinzen vor dem Ertrinken, oder Gerda Kay vor der Kälte und Traurigkeit im Herzen, nur damit die Frauen dann alle wieder – trotz ihres Mutes, ihres Aufbegehrens, ihres Zauderns und Zorns (Danke nochmal Tocotronic für „Im Zweifel für den Zweifel“) – wieder fest im Sattel des Patriarchats landen?

Sicherlich gibt es Märchen, in denen geeinter Frauenpower der Ausbruch gelingt, auch ohne Disney, und ich werde mich gleich nach Beenden dieses Artikels in die Recherche stürzen, aber in meinem Märchenkanon kommt so eine Liebesgeschichte bisher nicht vor. Jeanna Kadlec erwähnt jedenfalls diese Neuinterpretation der Schneekönigin, in der das Hauptaugenmerk jetzt auf die Beziehungen zwischen zwei sehr unterschiedlichen Schwestern gerichtet wird, nur in einem Satz; ihre Aufmerksamkeit gilt eher nur Elsa allein und ihrer Beziehung zu Honeymaren. Und da sie Anna und Elsa als isolierte Personen sieht, ergeben sich in ihrer Interpretation wieder genau jene nicht vereinbaren Unterschiede, die auch Gerda und die Schneekönigin voneinander trennen.

Ich finde aber, Disney tut genau das nicht. Und das ist an sich höchst bemerkenswert, das verdient Beachtung und genaueres Hinschauen. Denn ich sehe in der Beziehung zwischen Anna und Elsa so viel konfliktives, spannungsgeladenes Potenzial. Sie könnten sich hassen und sich fremd bleiben; so wie sich Gerda und die Schneekönigin fremd waren und blieben, ja nie in Kontakt miteinander kamen, und dafür herhalten mussten, die jeweils extreme Seite von Gut und Böse darzustellen.

Oh sie könnten sie könntäään (ich singe plötzlich von Hund am Strand „Jungen Mädchen“ vor mich hin), aber sie tun es nicht, und dafür gibt es einen Grund: Sie sind – zumindest bis zu dem verhängnisvollen Unfall – in großer Liebe und Zärtlichkeit aufgewachsen, welche sie vor allem von der Mutter erhalten haben. Und gleich tief und innig ist daher die Liebe, die sie zueinander haben; und die ihnen gegenseitig Kraft und Vertrauen schenkt. Das ist ein entscheidender Punkt. Vielleicht ist es sehr weit hergeholt, aber ich erkenne in dem ungleichen Schwesternpaar das Sinnbild dafür, wie innerfeministische Diskurse ablaufen könnten. Ich komme darauf am Ende noch einmal zurück.

Magie versus Patriarchat und Kapitalismus

Auch das Land der Andersen’schen Schneeköniginist ein Frauenland, so wie das der Läppin, der Finnin usw. usf. Nur… die Schneekönigin ist einfach zu anders. Sie ist bereits bei Andersen „too much“, wie Jeanna Kadlec nun auch über Elsa schreibt. Aber Elsa ist nicht mehr allein, wie es noch die Schneekönigin war. Sie will verstanden werden von ihrer Schwester. Und diese hat Mittel und Möglichkeiten, sie zu erreichen: über die Überwindung der Angst und das Aufbrechen des Vergessens. Nur mit diesen Mitteln ausgestattet, die ihr die Liebe und das uneingeschränkte Vertrauen geben, kann sie Elsa in die eisige und lebensbedrohliche Fremde folgen; eine Kälte, die Elsa mit ihrer nun daliegenden Monstrosität überall im Land verbreitet, von der Anna sich aber nicht beirren lässt. Die Kälte geht auch im Grunde gar nicht von Elsa aus, sondern von der Gesellschaft, die ihr nun das Etikett des ganz anderen anheftet. Der Wirtschaftspartner Arendelles zum Beispiel, der Herzog von Pitzbühl, der zur Krönung Elsas eingeladen ist, nennt sie  – darauf verweist auch Jeanna Kadlec – gleich nach ihrem Coming-Out „Monster“.

Am Ende des ersten Teils sehen Anna und Elsa ihre Aufgabe darin, die Bewohner*innen von Arendelle davon zu überzeugen, dass Magie in Ordnung ist, dass Magie die bestehende Ordnung nicht stört, dass sie sie bloß hübsch ergänzt und bunter macht. So idyllisch, so unrealistisch in einer Welt, die immer noch patriarchal-kapitalistisch organisiert ist. Denn eine Welt, in der Magie normal wäre, steht dieser Welt eben doch diametral gegenüber. Und indem der Böse hier ein Handelspartner ist (nicht einfach nur ein Herzog), wird schon im ersten Teil Kapitalismuskritik geübt. Denn Elsa holt sich diesen „Partner“, der geradezu besessen davon ist, Elsa als Königin scheitern zu sehen, ja selbst in ihr Land.

Wie tief also Arendelle durch seine nicht ganz saubere Wirtschaftspolitik in dieser Ambivalenz steckt, wird hier schon angerissen. Aber am Ende des ersten Teils scheint alles gut zu sein. Hans wird zurück zu seinen Brüdern verschifft, und auch der grimmige Herzog von Pitzbühl wird zeternd auf sein Schiff gebracht – und Tschössss. Ich dachte also: hübsch. Aber schade. Da wäre noch Luft nach oben gewesen. Revolution und so.

Aber dann der zweite Teil. Elsa hört Stimmen. Na also, es geht doch. Die Welt ist doch noch nicht so in Ordnung und im Einklang, wie es am Ende des ersten Teils den Anschein hatte.

Folg dem Nordwind, denn er bringt dich zur Mutter, die sein Lied noch singt*

(*Aus dem Lied „Es kommt zu dir“, das die Mutter Elsa und Anna als Einschlaflied vorsingt, gesungen von Sabrina Weckerlin.)

Jeanna Kadlec hat sicher Recht mit ihrem Unbehagen bezüglich Elsas Suche nach ihrer Herkunft: Warum muss Elsa zurück zu ihren Wurzeln? Ich möchte aber auch das noch einmal genauer beleuchten: Elsa muss den Stimmen folgen, Anna muss sie begleiten. Aber wohin machen sie sich eigentlich auf?

Nicht so sehr zu Elsas oder Annas Herkunft, sondern vielmehr zur Herkunft ihrer Mutter. Sie folgen also der Mutterlinie (und zunächst ist das für Elsa auch nur eine Zwischenstation; sie muss danach noch viel weiter gen Norden reisen). Aber nun entdecken sie, dass am Ort, an dem sich ihre Eltern – lange bevor sie Eltern wurden, also fast noch als Kinder (auch die beiden waren in gewisser Hinsicht einmal Kay und Gerda/ Elsa und Anna) – kennenlernten, ein großes Unrecht geschehen ist: der Versuch einer Kolonisierung.

Als die Eltern sich kennenlernten, war der Ort der Mutter noch voller Magie. In dem Moment, als der zukünftige König von Arendelle, Prinz Agnarr, in Versuchung gerät, sich der Magie hinzugeben, geschieht ein Unrecht von großer geschichtlicher Tragweite, das aber sogleich gewaltvoll in den Nebel des Schweigens gehüllt wird. Iduna und Prinz Agnarr hatten weder damals noch später als Königin und König die Mittel und Möglichkeiten, das Unrecht, von dem nicht wirklich klar ist, wie viel sie davon als Kinder gesehen haben, zu beheben. Aber es lässt sie nicht in Ruhe, und so machen sie sich dann doch auf die Reise, als die Mädchen bereits Jugendliche sind.

Der Grund des Scheiterns ihrer Wahrheitssuche liegt eventuell darin, dass sie das Schweigen, den Willen zur Nicht-Aufarbeitung des Geschehenen, zum gewaltvollen Vergessen, sprich den Nebel, einfach noch nicht durchdringen konnten; die (gesellschaftliche) Zeit war noch nicht reif für ihre Enthüllungen. Und da sie dennoch nicht von der Wahrheitsfindung ablassen wollten, mussten sie verschwinden. Interessant ist, dass es auch am Ende des zweiten Teils zwar klare Hinweise, aber doch eben keine endgültigen Beweise für ihren Tod gibt.

Auch weil meine Töchter mich nach dem Kinobesuch mit Fragen zu den Eltern durchbohrten („Sind sie denn jetzt wirklich tot? Oder finden Elsa und Anna sie in einem dritten Teil doch noch?“), musste ich unweigerlich an die Mütter von der Plaza de Mayo in Argentinien und die noch heute in Chile um die in der Diktatur Verschwundenen Trauernden denken. Der Sturz Allendes geschah, weil Chile unter seiner Präsidentschaft den Versuch unternahm, sich von der imperialistischen Ausbeutung durch die USA u.a. loszusagen. Und hier passierte, was Forschende und Journalist*innen bereits bestätigen – aktuell tut dies Quinn Slobodian in Globalisten (2019)dass der Kapitalismus und vor allem die verschärfte Form davon, der Neoliberalismus, die Demokratie nicht braucht, sodass es für diesen absolut okay – ja gar notwendig – ist, dass eine demokratisch gewählte Regierung und die Menschen, die an einer Gesellschaft ohne Ausbeutung und Unterdrückung gearbeitet haben, mit Tod, Folter, Exil und Unterdrückung hinweggefegt werden. General Videla und seine Helfer*innen in Argentinien segneten folgende Form des Verschwindenlassens für Tausende von Menschen ab: Sie wurden – wenn sie Glück hatten, unter Drogen – in einen Helikopter o.ä. verfrachtet, ihnen wurden Steine oder sonstiges schweres Zeug an den Körper gebunden, und dann wurden sie lebend aus etwa 50 Metern in tiefe Gewässer geworfen.

In die Dunkelheit hinein und aus ihr heraus

Wie gelingt es den Schwestern nun, den Fluch über den Wald zu brechen?

Zunächst muss Elsa allein in die Dunkelheit der Vergangenheit hinabsteigen, so tief, so weit, bis sie alles weiß, was passiert ist. Sie widersetzt sich dem Ratschlag von Grand Pabbie-Troll und auch dem ihrer Mutter („Tauch hinein doch nur ein Stück, sonst sinkst du tief, kehrst nie zurück“ singt diese im Lied „Es kommt zu dir“), die sie davor gewarnt haben, „zu weit zu gehen“. Elsa vertraut also mehr und mehr ihrer eigenen inneren Stimme (und somit immer weniger der eines alten weißen Mannes und einer noch von Patriarchat und Kapitalismus durchströmten Mutter, die noch nichts von der Schwesternkraft weiß).

Sie kann dieser Stimme besonders mit Hilfe von Honeymaren weiter Sinn, Ausdruck und Kritikfähigkeit verleihen, als sie mit dieser am Lagerfeuer sitzt und überlegt, warum in den Kinderliedern oft so viele Warnungen enthalten sind. (Erst bei diesem Gedanken kam mir die Frage nach der Bedeutung der Handschuhe nochmal in den Sinn: Sie abzuziehen (Anna und Elsa) oder sie absichtlich Gerda nicht mehr anzuziehen (Finnin), ist wohl auch ein Sinnbild für das Erwachsenwerden: Bereit zu sein, den Schutz von Mutterfiguren nicht mehr in vollem Umfang zu benötigen, und aber auch ihrer Autorität nun ein Stückweit zu entkommen, um zu eigenen Entscheidungsfindungen, zur eigenen Stärke zu gelangen. Ich verstehe es als Notwendigkeit, um eben die eigene Stimme entwickeln zu können und nicht in den Strudel „vom Selben zum Selben“ zu geraten; also als Notwendigkeit, um in einer patriarchal geordneten Welt in Sachen „weibliche Freiheiten“ voranzukommen.) Mit Honeymaren eröffnet sich Elsa somit ein weiteres „Frauenland“ im Andersen’schen Sinne.

Das, was Elsa dann im vereisten Fluss Ahtohallan erfährt, lässt sie tatsächlich zu Eis erstarren, aber sie kann noch eine Nachricht an Anna schicken, in der sie die Schwester darüber in Kenntnis setzt, was damals auf der Waldlichtung zwischen den Arendellern und den Northuldraern wirklich geschah. Nun ist es an Anna, aus dem, was Elsa herausgefunden hat, eine Schlussfolgerung zu ziehen und zur Tat zu schreiten. Doch auch Anna gerät erst einmal noch tiefer in die Dunkelheit hinein: Sie verliert auch ihren besten Freund Olaf. Das Kind in ihr wird also zumindest kurzzeitig getötet; sie muss in einer dunklen Nacht erwachsen werden.

Woher kommt die Kraft in einem Menschen? Wie schafft es Anna, nach einem derartigen Schicksalsschlag – dem Verlust ihrer Schwester und ihres besten Freundes – weiterzumachen? Noch kaum wurde in Kinderfilmen dieses Wieder-zu-Kräfte-Kommen auf so wundervolle Weise dargestellt. Anna hat niemanden mehr, aber sie findet die Kraft in sich; diese Kraft reicht jedoch erstmal nur für den „nächsten Schritt“ – eines der für mich schönsten Lieder in dem Film, auf Deutsch wunderschön interpretiert von Pia Allgaier.

Mit jedem Schritt, den sie tut, scheint wieder ein bisschen mehr Kraft in sie zu strömen. Während Anna also in Bewegung kommt, kann ihr Gehirn die Nachricht, die Elsa ihr geschickt hat, in eine Entscheidung übersetzen. Und sie fasst den Entschluss, den Staudamm zu zerstören, der nie – wie der Großvater seinem Volk weismachen wollte – der Verständigung zwischen den Völkern dienen sollte, sondern mit dessen Hilfe vielmehr Hierarchien etabliert werden sollten, um koloniale Unterwerfungsfantasien des Großvaters umzusetzen. (Eine merkwürdige aktuelle Parallele tut sich auf, wenn ich mir die Diskussionen rund um das riesige Ilisu-Staudamm-Projekt der türkischen Regierung und die dafür in Kauf genommene Flutung des Ortes Hasankejf anschaue. Mit diesem Staudamm kann die Türkei Syrien und dem Irak das Wasser abdrehen; gegen die Kurden und Christen in Nordsyrien wurde diese Waffe bereits eingesetzt. Siehe: Elke Dangeleit: „Türkei: Wasser als Waffe“, vom 17.04.2017.)

„Ich habe keine andere Wahl“, singt Anna. (Was übrigens nicht verwechselt werden darf mit Merkels „Alternativlosigkeit“. Eine Wahrheitssuche wie die der Schwestern entlarvt eine der Wirtschaft hörige „alternativlose“ Politik als Lüge.) Anna treibt damit eine Form von Geschichtsaufarbeitung voran, die bisher noch ihresgleichen in Büchern und Realität sucht. Die Männer, ob Kristoff oder der ehemalige General ihres Großvaters: Auch sie haben keine andere Wahl, als Anna zu unterstützen. Denn Kristoff liebt Anna und würde sie verlieren, wenn er sich gegen sie stellen würde. Und der General des Großvaters ist zum einen nach 34 Jahren des Kampfes einfach müde, zum anderen ist er willens zu verstehen, dass von seinem einstigen Herren großes Unrecht ausgegangen ist.

Ich weiß nicht, ob das gerade so klar wird, aber das sind alles plötzlich ganz große Schritte, die weit in eine Utopie hineinreichen. Es ist eine Form, die koloniale Geschichte aufzuarbeiten, ohne auf die Konsequenzen für das eigene Land, für die eigene Gesellschaftsarchitektur zu achten (wobei aber klar ist, dass Menschen durch die Zerstörung des Staudamms in Arendelle nicht zu Schaden kämen, denn sie sind evakuiert; es geht „lediglich“ um die Zerstörung der Häuser, der Dinge, der Institutionen, der Mauern und Straßen, der Moral, des gewohnten Alltags, der Hierarchien usw. usf.). Diese Herangehensweise zieht des weiteren eine radikale Richtungsänderung der Erinnerungskultur nach sich. Wie schwer sich die westlichen Länder bis heute damit tun, koloniales Unrecht zuzugeben und adäquat aufzuarbeiten, zeigt sich nicht zuletzt im Umgang Deutschlands mit seiner Vergangenheit als Kolonialmacht von 1884 bis 1918 in Gebieten, die sich über das heutige Tansania, Burundi, Ruanda, Namibia, Kamerun und Togo erstreckten, und noch vielen anderen Gebieten, auch im Pazifik. (Die Daten sind dem Artikel „Ungleiche Welt“ von Sebastian Conrad entnommen; in: Die Deutschen und ihre Kolonien. ZEITGeschichte Nr. 4/2019, S. 14-20.)

Wie also ist es möglich, Schweigen zu brechen und Unrecht wieder gut zu machen? Zunächst muss da ein unbändiger Wille zur Wahrheit sein. Elsa hat diesen jetzt. Wie anders noch im ersten Teil in ihrem gerade erbauten Eispalast, in dem sie die Vergangenheit hinter sich bringen und ruhen lassen wollte, „the past is the past“! Aber jetzt hat sie keine Angst davor, etwas zu sehen, das ihr nicht gefallen wird, weil sie der Stimme traut, die sie ruft. Sie traut ihrer inneren Stimme. Und da sie ihr vertraut, weiß sie, dass das, was sie tut, einen Sinn hat. Und deswegen gibt es gar keinen Ort in ihr zum Nachdenken darüber, ob sie für die Suche nach der Wahrheit gerade ihr Leben riskiert oder nicht.

Dass Elsa dieses Vertrauen in die Richtigkeit dieser Wahrheitssuche hat, klingt vielleicht erstmal banal, aber es ist groß. Und noch größer ist es, dass Anna dieses Vertrauen ebenso hat. Denn nun können sie sich die Arbeit und die Kräfte teilen: Elsa kennt den Weg in die Dunkelheit der geschichtlichen Ereignisse, und sie hat die Kraft, diese zu erhellen. Sie findet aber keinen Weg mehr hinaus, dazu reicht ihre Kraft nicht. Und nun übernimmt Anna, denn sie ist es, die jetzt die Kraft aufbringen kann, um sie beide aus der Dunkelheit hinauszuführen.

Sehr bedeutend ist meines Erachtens die Übergabe des Wissens und damit der Verantwortung zwischen den beiden, kurz bevor Elsa vereist: Wie kommunizieren sie, wo sie doch örtlich getrennt sind und nicht miteinander sprechen können? Ihre Lösung ist eine Scharade-Variante: Elsa stellt etwas in einer Eisskulptur dar, das Anna enträtseln und für das sie sodann Worte und Taten finden muss. Ich komme darauf am Ende noch einmal zurück.

Untergang oder nicht Untergang, das ist hier die Frage

Der Untergang von Arendelle: Diese Vorstellung packte mich, ich saß gebannt und aufgeregt im Kinostuhl und – ich kann es nicht verhehlen – hoffte, dass Arendelle in den Fluten versinkt. Die kribbelige Frage in dem Moment war: Traut sich Disney das? Weil: Das wäre revolutionär! Aber nein: Elsa taut rechtzeitig wieder auf, reitet auf dem Wasserweg vor die Mauern Arendelles und lässt mit all der ihr gegebenen magischen Kraft die Flutwelle verschwinden.

Ja. Okay. Ich gebe zu: Diese Rettung hinterlässt ein etwas schales Gefühl in mir. Aber dann denke ich an die Schneekönigin, wie sie immer wieder jedes Jahr aufs Neue die Pflanzen, von denen jene Menschen leben, die sie ausschließen, behutsam vor dem Erfrieren schützt. Elsa stützt also wie schon die Schneekönigin das System. Schade. Mit Jeanna Kadlec bin ich der Meinung, Disney hätte hier die Chance gehabt, „Vertrautes mit der Faust [zu] zerhaun“ (danke Steiner & Madlaina, für diese Liedzeile und überhaupt das wunderschöne Lied „Das schöne Leben“).

Jetzt könnten oh wir könntäään, und besonders die Queeren unter uns, ob dieser nicht eingetretenen Revolution resignieren, so wie Jeanna Kadlec es tut. Und sie könnten zudem die Nase rümpfen ob meiner Begeisterung und Zelebration dieses immer noch sehr marktgerechten und umsatzgenerierenden Schwesternpaares, das doch in dieser Hinsicht auch nur wieder das System stützt. Aber wir können auch all das loben, was die zwei Frauen bisher gerissen haben: immerhin den Hierarchien konstruierenden und Kolonisation und Imperialismus vorbereitenden Staudamm. Ist das nichts?

Zudem: Es regiert immer noch eine Frau. Okay, nicht mehr Elsa, und das ist ein signifikanter Unterschied, wie ich an den Äußerungen meiner 5-jährigen Tochter gleich nach Ende des Films bemerkte. Plötzlich wollte sie nicht mehr Elsa sein wie all die Jahre zuvor, sondern Anna. Auf meine Frage, warum, antwortete sie: „Na, weil Anna jetzt die Königin ist“. Hier ist etwas faul im Staate Arendelle.

Und ich entgehe diesem unangenehmen Gedanken nur, wenn ich die Geschichte um Elsa und Anna als noch nicht abgeschlossen betrachte, sondern als im Prozess begriffen. Momentaner Stand ist also: Anna ist jetzt Königin, und sie ist immerhin eine zur Feministin herangereifte, halb-indigene Cis-Frau. Elsa hat die Macht abgegeben, um mit Honeymaren amazonenartig durch die Wälder, Felder und Meere zu reiten. Ist das tatsächlich so eine schlimme Vorstellung? Ist es nicht auch eine queere Utopie, dass niemand mehr Macht über den eigenen Körper ausübt, dass Macht an sich hinfällig und als nicht mehr erstrebenswert angesehen wird?

Ja klar, wir können sagen, Elsa geht zu jenen, die mehr wie sie sind, bei denen Queerness nicht nur mit zugekniffenen Augen toleriert wird. Aber wie ich schon ausführte bin ich nicht der Meinung, dass sie zu einer wie auch immer gearteten Herkunft oder zu ihren Wurzeln zurückkehrt. Dazu verfügt sie über eine viel zu große interne Transkulturalität. Würde ich es als Herkunft interpretieren, so wie es Jeanna Kadlec tut, würde es auch in mir ein fades Gefühl hinterlassen, weil: Sollen denn alle dahin, wo sie eventuell irgendwann mal vor vielen Generationen hergekommen sind? Ekelhaftes Nationalsortiere. Da bin ich absolut Jeanna Kadlecs Meinung: So interpretiert ist es furchtbar.

Ein Hauptaugenmerk in Andersens Schneekönigin liegt auf der Entwicklung, dem Prozess, der Zeit. Die Kinder werden erwachsen und bewahren trotzdem das Kind in sich usw. usf. Übertragen auf die Eiskönigin: Warum sollte nach diesen zwei Filmen nun die Entwicklung abgeschlossen sein? Was macht uns eigentlich so sicher, dass nicht gerade jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, auch in Arendelle und im Zauberwald die Zeit weiter vergeht? Die Schwestern und all ihre Mitstreiter*innen sind schon so weit gekommen, wieso sollten sie nicht noch weiter gehen? Sie wissen ja nun, dass es reicht, immer einen Schritt nach dem anderen – allerdings in die richtige Richtung – zu tun.

Wichtig ist, zu verstehen, dass Elsa unmöglich Arendelle hätte weiter regieren können; eine nächste Melancholiewelle oder sogar eine ernsthafte Depression wäre unausweichlich gewesen. Wenn sie es hätte regieren wollen, hätte sie nicht höchstselbst die Flutwelle aufhalten dürfen. Welche Gründe mag sie dafür gehabt haben, die Flutwelle aufzuhalten? Ich denke, der Grund ist folgender: Es ist nicht ihre Aufgabe, die Flutwelle über Arendelle schwappen zu lassen. Es wäre die Aufgabe der Bewohner*innen gewesen, den Untergang zuzulassen. Dazu war Disney nun doch noch nicht bereit. Der unbedingte Wille zur Revolution ist einfach noch nicht im Körper der Menschen der westlichen Sphäre angekommen. Sie lassen es zwar mittlerweile ab und zu zu, dass Andersens Räubermädchen sie mit dem Messer am Hals kitzelt. Aber mehr auch nicht, ganz schnell wieder business as usual.

Vom „Klippfischen“ lernen: Miteinander sprechen, übersetzen, Wahrheit verspeisen

Vielleicht ist es dumm von mir, zu hoffen, dass es in einem dritten Teil zur ersehnten Revolution kommt. Aber wenn nur einer von Disneys kreativen Köpfen mit Entscheidungs- und Handlungsbefugnissen das in den Schwestern sieht, was ich sehe, und auch will, dass es weitergeht, dann eben habe ich Hoffnung.

Für mich ist diese Schwesternbeziehung auf einer abstrakten Ebene – ich dachte es weiter vorne schon an – noch etwas anderes, und zwar das Sinnbild für verschiedene feministische Strömungen, die sich bis heute fremd scheinen. Sie alle sollten zusammenhalten. Stattdessen ignorieren sie oftmals die jeweils gegenseitigen Meinungen, auch wenn sie den eigenen ähneln oder gar gleichen (Sehnsucht nach dem Alleinstellungsmerkmal?), kommen selten miteinander ins Gespräch, bekämpfen sich lieber untereinander, verfangen sich in einer Outcall- und Cancel-Kultur, vergeben so viel Energie dabei, anstatt sich aufs Wesentliche zu konzentrieren. Sie sollten nicht nur in ihrer jeweiligen Vereinzelung ab und zu vom Untergang des Patriarchats reden, sondern es auch mit geballter Kraft vorantreiben.

Wenn einer Strömung die Kraft ausgeht, sollten die anderen weiterkämpfen. Sie sollten eine gemeinsame Sprache entwickeln und endlich den Untergang nicht nur des Patriarchats, sondern auch des Kapitalismus als gemeinsames Ziel formulieren. Barbara Holland-Cunz hat dies bereits 1988 in Utopien der neuen Frauenbewegung. Gesellschaftsentwürfe im Kontext feministischer Theorie und Praxis gefordert, und ich frage mich, ob wir da mittlerweile weitergekommen sind? „TOLERANZ und VERSTEHEN, klassisch weibliche (auf den Mann zu beziehende) Eigenschaften im Patriarchat, müssen endlich auch den Mitkämpferinnen menschlich gewährt werden. Denn durch den Streit über die ‚richtige Linie‘ entsteht keine handlungsfähige politische Gemeinschaft, kein fantasieanregender Freiraum für Strategien, keine Stärke für Widerstand… auch wenn genau dies ideologisch suggeriert werden soll. FREIHEIT WIRD NUR DURCH FREIHEIT GEWONNEN – das gute Ziel in den Mitteln der Veränderung antizipierend. DIES HAT NICHTS MIT POLITISCHER BELIEBIGKEIT ZU TUN.“ (S. 165f.; Hervorh. i.O.)

Und sie zitiert Audre Lorde: „Advocating the mere tolerance of difference between women is the grossest reformism. It is a total denial of the creative function of difference in our lives. Difference must be not merely tolerated, but seen as a fund of necessary polarities between which our creativity can spark like a dialectic. Only then does the necessity for interdependency become unthreatening. Only within that interdependency of different strengths, acknowledged and equal, can the power to seek new ways of being in the world generate, as well as the courage and sustenance to act…“/“You do not have to be me in order for us to fight alongside each other. I do not have to be you to recognize that our wars are the same. What we must do is commit ourselves to some future that can include each other and to work toward that future with the particular strengths of our individual identities. And in order to do this, we must allow each other our differences at the same time as we recognize our sameness.“ (In Barbara Holland-Cunz S. 169; Hervorh. i.O.)

Solange es keine gemeinsame Sprache und dieses gemeinsame Ziel gibt, hilft vielleicht das Spiel, das Elsa und Anna für sich gefunden haben, um der jeweils anderen noch Unversprachlichtes, Ungedachtes, nur intuitiv Gefühltes oder Gehörtes zu vermitteln: Scharade. Mit diesem Spiel ist es jedenfalls den beiden möglich, sich auch ohne Worte oder mit „Hilfswörtern“ über Gefühle, Träume, Ziele, Sinnhaftigkeiten, Begehren usw. usf. auszutauschen. Worte, die ihnen jetzt – da Patriarchat und Kapitalismus noch tief in den Knochen sitzen und sie weiterhin durch und durch vom Kapitalismus- und Patriarchatssprech durchdrungen sind – noch fehlen. Aber sie bleiben in Kontakt. Sie praktizieren. Regelmäßig. Routiniert.

Und vielleicht können wir momentan, in einer Phase, in der selbst dieses In-Kontakt-Kommen zwischen verschiedenen Feminismen noch Utopie ist, auch von Disney nicht mehr erwarten als lediglich diesen kleinen utopischen Fingerzeig: Elsas Hin- und Hergereite zwischen Wald und Arendelle, ihre In-Betweenness, kann als eine Zwischenphase gelesen werden. So wie Scharade als Sprachersatz nur eine Zwischenlösung ist, sein kann. Bis…., ja bis die Feminismen eine gemeinsame Sprache oder zumindest Übersetzungswillen und -möglichkeiten gefunden haben, bis also die Feminist*innen, also bis zumindest erstmal eine Feminist*in die Krähensprache spricht, Buchstaben auf Fellen zusammensetzen kann, Klippfische zu beschreiben weiß, deren Worte die nächste lesen kann und zudem – das ist wichtig – auswendig lernt und das Medium, das die Botschaft enthält, verspeist.

In Arendelle und im Zauberwald ist – und da kann sich die reale Gesellschaft mal ein Scheibchen abschneiden – zumindest bereits die Vergangenheit aufgearbeitet und Versöhnung dadurch möglich geworden. Dort haben sie verstanden, dass Geschichte sich nicht wiederholen muss. Notwendig zu einem Durchbrechen des „Selben zum Selben“ ist der Mut, sich into the Unknown aufzumachen, und zwar in ein Unbekanntes oder auch Ungewisses, das gleichermaßen in die Vergangenheit und in die Zukunft weist.

Von weiterer sehr großer Bedeutung ist, dass Anna als heteronormative Frau die Überflutung Arendelles in Kauf genommen hätte. Das müssen wir uns mal auf der Zunge zergehen lassen: Die Frau, die kurz darauf zur neuen Königin gekrönt wird, war bereit, ihr zukünftiges Königreich in den Fluten untergehen zu lassen! Das ist nicht ohne. Da zündelt doch bereits der Revolutionsfunke. Die neue Königin scheint also irgendwie auch etwas anderes zu wollen als das, was gerade ist an gesellschaftlicher Realität.

Ich sehe es also etwas anders als Jeanna Kadlec, die der Ansicht ist, mit Anna als neuer Königin werde wieder nur „the moral restauration of tradition“ betrieben, weil sie wiederum „in service of the empire“ handle. Ich glaube, sie – Anna, aber auch Elsa – sie beide wissen einfach noch nicht, was sie eigentlich wollen; sie haben ja noch nicht einmal eine gemeinsame Sprache; sie bauen erst an einer.

Momentan lese ich Suzette Haden Elgins Roman-Dilogie Native Tongue (1984, grausam übersetzt ins Deutsche mit Amerika der Männer, 1987) und The Judas Rose (1987, Die Judasrose, 1990). Hier brauchen die vom Patriarchat und Kapitalismus unterjochten Frauen mehrere Generationen, um eine gemeinsame Sprache zu entwickeln. Das geht nicht von heute auf morgen. Lassen wir den Schwestern doch noch etwas Zeit. Lassen wir Disney – allerdings mit unverhohlen lauter und überbordender Erwartungshaltung – Zeit. Sechs Jahre vielleicht – diese Zeitspanne lag zwischen Frozen und Frozen II.

Ich schieße Vertrauen vor, einfach weil ich es will, weil meine Interpretation es zulässt, und weil ich überrascht werden möchte mit genialer feministischer Science Fiction aus dem Hause Disney: Das wäre wirklich revolutionär. Hoffentlich ist die Gesellschaft dann dazu bereit, denn von uns hängt es ab! Also bis dahin bloß nicht ausruhen, sondern ruhig schonmal den nächsten Schritt wagen!

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Dorothee Markert sagt:

    Danke, liebe Anne, für das politische Feuer in diesem Text, der zwar lang, aber trotzdem nicht mühsam zu lesen ist. Ich hab auch öfter mal gelacht über deine erfrischenden Formulierungen. Und die Bilder helfen ebenfalls zu mehr Lesegenuss (Dank an deine Töchter fürs Ausmalen!) Meiner bisherigen Erfahrung mit Filmbesprechungen nach hätte ich es nicht für möglich gehalten, dass ich deinen Gedankengängen zu den beiden Filmen, die ich nicht gesehen habe und mir wahrscheinlich auch nicht anschauen werde, so problemlos folgen könnte. Bin schwer beeindruckt!

  • Christel Pellmann sagt:

    Liebe Anne, mir gefällt der Artikel sehr, sehr gut, das Lesen deiner Interpretation hat mir viel Freude bereitet und ich bin sehr bei dir. So viele gute Überlegungen und Folgerungen. Ein anderer Gedanke von mir zur Rettung Arendells: Die Rettung durch Elsa finde ich wunderbar, weil immer eine Rettung sein sollte, wenn es irgend möglich ist, eine Zerstörung i.S. einer Rache (?) zu vermeiden, weil es nichts gebracht hätte als die Zerstörung. So bedeutet die Rettung eine friedliche Brücke zwischen dem Volk der Nordhuldra und Arendelle. Und die Fähigkeit zur Rettung hat Elsa mit ihrer „Herkunft“ und ihren Fähigkeiten, die sie anwendet. Das wissen nun die Bewohner von Arendelle auch und können es hoffentlich werten…ja und ein Märchen sollte doch gut ausgehen…

  • Anne Newball Duke sagt:

    Das freut mich sehr, liebe Dorothee, vielen Dank!

    Liebe Christel, vielen lieben Dank auch für deine Anmerkung. Interessant, was du sagst über die Rettung Arendelles. Ich habe dieses Unbehagen mit meiner etwas „diebischen“ Freude über einen eventuellen Untergang Arendelles auch im Freundeskreis schon öfter vernommen.

    Märchen haben ja u.a. eine hoch symbolische und metaphorische Sprache. Das macht sie für die Interpretationen so beweglich. „Zerstörung im Sinne einer Rache“. Hmmm. Nein, ich sehe Zerstörung hier nicht als etwas Destruktives, sondern als Chance für das Entstehen von etwas Konstruktivem und eben Utopischem. In meiner Deutung gibt es beispielsweise gar keinen Grund für Rache. Wenn die Arendeller*innen tatsächlich von Rachegefühlen erfüllt wären, weil Anna den Staudamm zerstört hat, dann ist das genau wieder dieses unverdaute Gewaltpotential (indem das Wissen um die eigene Schuld wieder verdrängt und am liebsten vergessen wird), von dem ich immer in Bezug auf die Arendelle’sche Gesellschaft spreche.
    Wie gesagt, Menschen wären nicht zu Schaden gekommen; sie sind evakuiert. Eine Zerstörung der Stadt/des Staates würde die Chance für neue Umgangsformen, neue Formen des Wirtschaftens, neue Architekturen der Stadt/des Staates in sich tragen; eine Chance, die dann „einfach so“ da wäre. Bestimmte Architekturen – seien es einzelne Häuser oder auch gleich größer angelegte stätdeplanerische Überlegungen – fördern ja ganz bestimme Formen des hierarchischen oder eben nicht-hierarchischen Denkens und des Miteinander-in-Beziehungen-Kommens beispielsweise. Ich denke also sehr „abstrakt“ im Sinne von: wenn der Gesellschaft von Arendelle eine gewisse Gewalt inhärent ist (Elsa durfte ihre Magie nicht zeigen; auch am Anfang des zweiten Teils traut sie sich nur mit Mühe unter die Leute, und am Ende will sie immer noch nicht in Arendelle wohnen): was ist notwendig, damit sich auch eine Elsa in Arendelle wohl und frei fühlen kann? Das ist im Grunde meine Frage. Es reicht ja anscheinend nicht, nur ein bisschen mehr Diversität zuzulassen; so nach dem Motto: „Sie kann ja meinetwegen ‚anders‘ sein, aber sie soll es bitte nicht nach außen tragen, damit ich mich als ’normale‘ Bürgerin‘ nicht gestört fühle.“
    Also ist die Frage, wie viel an der Arendelle’schen Gesellschaftsstruktur grundsätzlich hinterfragt werden sollte. Natürlich kann an verschiedenen Rädchen gedreht werden – hier und da, und mal gucken, ob dies oder das funktioniert – aber im Sinne der Revolution frage ich eben: was für Chancen böte ein kompletter Neuaufbau? Die Menschen sind gesund und munter, sie haben ihre Vergangenheit aufgearbeitet, sind also von historischen „Altlasten“ befreit, sie haben ihre Fehler erkannt (wenn sie Rachegelüste hätten, dann wäre genau das nicht der Fall): optimale Voraussetzungen meines Erachtens, um nicht wieder in den alten Trott zu verfallen, sondern um die „nächsten Schritte“ zu tun. Es gibt so viel Wissen, so viel Hoffnung und so viel Intuition, dass ein anderes Wirtschaften und Gesellschaften funktionieren könnte! Nutzen wir dieses in uns angelegte Dreierlei doch mal in diesem Sinne!!! Nichts anderes haben Anna und Elsa getan! Es fehlt doch eigentlich nur „Erfahrung“. Also los, dann machen wir die jetzt! Einzige Vorgabe ist: ein gutes Leben für alle Lebewesen und im Einklang mit dem planetarischen Ökosystem denken und handeln. Packen wir es an!

    Sicher ist es kaum möglich, der Corona-Krise – gerade jetzt, gerade wenn ich heute (Stand 18.03.20) nach Italien und an die Grenzen Europas schaue, und wo die Todeszahlen stetig steigen und das Grauen immer größeren Platz im Körper einnimmt – irgendwelche positiven Aspekte abgewinnen zu wollen. Dennoch ist so viel „neues“ Denken im Umlauf, das anscheinend schon lange und tief in uns schlummert: Zum Beispiel war doch eine Überschrift vor zwei Tagen, dass Macron das neoliberale System grundsätzlich in Frage stellen möchte. Oder Nachrichtensprecher*innen können kaum noch den abgrundtiefen Zynismus und auch die Verzweiflung in ihren Stimmen verhehlen, wenn sie sagen: „Menschen bleiben draußen, aber Waren dürfen die europäischen Außengrenzen weiter passieren.“ Wie ist es möglich, dass ein/e Nachrichtensprecher*in überhaupt so einen Satz sagen muss? Welche Gesellschaft ist das, in der so ein Satz „richtig“ ist? An welchen Rädchen also müssen wir denn alles drehen, damit solche Sätze nicht mehr „einfach so“ „richtig“ sind? Das sind Fragen, die ich mir stelle. Noch vor der Corona-Krise ist alles dafür getan worden, diesen gewaltvollen Aspekt der Globalisierung möglichst nicht (ständig) ins Bewusstsein der Menschen der westlichen Sphäre zu bringen. Nun werden solche Sätze plötzlich zur besten Sendestunde gesagt, und dabei schwingt zudem dieser Unterton mit: ‚Wir wissen, während wir es aussprechen, dass das falsch ist, aber so ist es. Und das ist es, was wir gerade gewaltvoll bewahren und eben auch bewahren müssen, damit es uns hier innerhalb der Grenzen weiter gut geht und es uns auch in der Krise an nichts fehlt.‘ Nach mir und hinter den Grenzen die Sintflut.
    Ich finde diesen Satz selbst und den mitschwingenden Unterton einen Fortschritt. Ich würde mir wünschen, dass nach der Krise eben nicht wieder zum business as usual zurückgekehrt wird, sondern dass solche Sätze, die die Gewalt voll und ganz klar in sich tragen und unverschlüsselt aussprechen, sich derart aktivierend verhaken, dass die hier lebenden Menschen sagen: Nie wieder. Wir haben aus den letzten Wochen die Erfahrung mitgenommen, dass es auch anders gehen könnte. Wir sind zu dem Entschluss gekommen, dass es möglich sein muss, unsere Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung zu verändern, denn die mit ihr verbundene Gewalt, die sitzt auch in meinem Körper. Und Schluss dann auch mit lähmenden Schuldgefühlen!

    In diese Richtung, meine ich, müssen wir nun „Schritte“ unternehmen, in diese Richtung müssen wir denken. Die möglicherweise jetzt freiwerdende Zeit, die wir zuvor oftmals dafür genutzt haben, den Kapitalismus zu retten, sollten wir nun dafür nutzen zu überlegen, was wirklich gut und wertvoll und wichtig ist. Ich will damit nicht – bitte nicht falsch verstehen –, die Krise verharmlosen. Sondern ich möchte, dass beide Aspekte, die womöglich gerade in uns aufploppen, sehr ernst genommen werden und Raum in unserem Denken und Wahrnehmen bekommen: Zum einen das Gute zulassen und dem nachspüren, das sich z.B. in der #coronahilfe zeigt (Kooperation, Solidarität, Selbstlosigkeit, Mitgefühl usw.usf.). Und zum anderen aber auch die plötzlich ganz klar vor Augen geführte Brutalität, die Gewalt, das Gefühls des Ausgeliefertseins, des Grauens, der Einsamkeit usw. usf. direkt anzuschauen und „nein“ zu all dem zu sagen. Laut und deutlich: „Wenn ich und meine Lieben heil aus dieser Krise herauskomme, dann will ich das nicht mehr, koste es, was es wolle. Und ich fange schon jetzt damit an.“ (Nichts anderes hat Anna mit der Zerstörung des Staudamms getan.) Was aber bedeutet dieses „Nein“? Was ist damit verbunden? Das sind interessante Fragen, denen wir hinterherspüren sollten.

    An dieser Stelle in ganz kurzer Exkurs: Gestern (17.03.20) ging das „Philosophische Kopfkino“ auf 3Sat der Frage nach, was überhaupt Sinn sei und ob die Suche nach Sinn überhaupt Sinn mache. Ludwig Wittgenstein war dann der philosophische Ratgeber. Das Kopfkino endet mit folgenden Worten: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen. Auch Wittgenstein. Stimmt.“ Nein, das stimmt eben nicht. Leider kein sehr anregendes Kopfkino.
    Würden wir diesem Ratgeber folgen, dann würden wir den oben angeregten Fragen nämlich nicht hinterherspüren. Denn es gibt für ein solches Denken nicht den einen vorgegebenen Weg, so richtig können wir also noch nicht darüber sprechen. Aber immerhin gibt es doch schon so viele angedachte Wege, erdacht zumeist von mutigen Menschen, die sich nicht das Schweigeverbot auferlegt haben. Der ganze Feminismus wimmelt gerade durch diese Menschen nur so von bereits angelegten Pfaden. Es gibt also sogar schon Menschen mit Erfahrung! Mit ihrer Anleitung könnten wir einfach mal beginnen, die Pfade zu gehen und zu denken, zu denken und zu gehen. Bei Zweifeln tasten wir uns einfach nochmal zurück, oder probieren einen Abzweig aus, der sich gerade auftut und sich einfach gerade gut anfühlt. Langsam und sehr kommunikativ bewegen wir uns. Mit dem unbedingten Willen und dem Vertrauen, dass wir nach und nach Ungedachtes denken können und sogar Worte finden werden. Wir praktizieren. Routiniert. Regelmäßig. So wie Anna und Elsa es auch gerade tun. :)

    In diesem Sinne bin ich voll bei dir, liebe Christel: Märchen sollten immer gut ausgehen. Aber was ist gut? Und was böse? Was ist falsch? Und was richtig? Legt das Märchen den Fokus auf die in einer Zerstörung möglicherweise angelegte Wut, auf die Gründe für den Hass und die Rache, die in Menschen daraus erwachsen können, oder legt es den Fokus auf die Chance, die ein Neubeginn bergen kann (den Aufbau einer nun möglichst gewaltfreien Gesellschaft)?

    Wenn ich jetzt nochmal an die Märchen denke, die traurig enden und die mich zutiefst geprägt haben: „Die kleine Meerjungfrau“ und „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“, übrigens beide auch wieder Hans Christian Andersen…, dann muss ich schon sagen, dass diese Märchen mich sehr in meinem Denken vorangebracht haben. Würde ich jetzt mal so behaupten. Ich weiß noch ganz genau, wie ich die Frage immer und immer wieder in meinem kleinen Kinderkopf hin- und herwälzte: Wie können diese Menschen in ihren Häusern fröhliche Weihnachten feiern, während das Mädchen an ihrer Türschwelle erfriert? Warum ist sie allein? Warum muss sie da draußen in der Kälte diese Hölzer verkaufen? Warum sorgt niemand für sie, warum sorgt sich niemand um sie? Warum SEHEN sie sie nicht??? Wie ist das möglich? Warum ist so etwas überhaupt gleichzeitig möglich: die feiernden Menschen im Warmen und das sterbende Mädchen direkt vor ihrer Tür? Es war nicht zu vereinbaren für mich gedanklich, ich wollte und konnte es nicht zusammen denken. Schon da formierte sich wahrscheinlich das „Nein“ in mir.

    Nochmals: Vielen Dank für die äußerst anregenden Anmerkungen!

  • Juliane Brumberg sagt:

    Liebe Anne, toll, was Du mit Deinem Text und der Weiterentwicklung in Deinem Kommentar alles aus einem vermeintlichen Kinderfilm herausholst und ihn mit der ganz aktuellen Krise verbindest. Ich habe beide langen Texte mit großem Interesse gelesen. Danke dafür!

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