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Care, Corona und eine Politik der Beziehungen

Von Antje Schrupp

Das Thema der Care-Arbeit, das Feministinnen schon seit Jahrzehnten diskutieren, ist inzwischen auch im allgemeinen Diskurs angekommen, und die durch den Coronavirus ausgelöste Pandemie hat diese Sichtbarkeit jetzt nur noch einmal verstärkt. Umso wichtiger ist es, darauf hinzuweisen, dass „Care“ nicht einfach nur ein weiteres ökonomisches Thema ist, sondern etwas mit unserer gesamten Kultur, der symbolischen Ordnung und unseren Beziehungen zu tun hat.

Foto: Evgeni Tcherkasski on Unsplash

Die klassischen linken und emanzipatorischen Bewegungen setzen stark auf ent-persönlichte Lösungen. Forderungen sind zum Beispiel eine bessere Entlohnung von Care-Arbeiter*innen und die Überführung von unbezahlter (Haus-)Arbeit in bezahlte Care-Arbeits-Berufe. Natürlich ist es notwendig und richtig, Arbeitsbedingungen in Care-Berufen und Entlohnung zu verbessern. Aber das reicht eben nicht.

Genauso ist es mit einer anderen klassischen Forderung, der nach gerechter Verteilung von Care-Arbeit, vor allem zwischen den Geschlechtern. Darauf will zum Beispiel der Equal Care-Day am 29. Februar hinweisen, eine Initiative, die auf Almut Schnerring und Sascha Verlan zurückgeht – dazu als Lesetipp ihr aktuelles Buch „Equal Care. Über Fürsorge und Gesellschaft“ (Verbrecher Verlag 2020, 159 Seiten, 16 Euro). Auch das ist nur ein Baustein, aber nicht genug.

In der Tat hängt das Dilemma der Care-Arbeit wesentlich mit der Idee zusammen, diese Arbeit würde quasi „von Natur aus“ in den Zuständigkeitsbereich bestimmter Menschen fallen – und in den der anderen nicht. Hier leben letztlich die alten Ungleichheiten der griechischen Polis fort: Freie Männer sind von den banalen Tätigkeiten des Lebens befreit, für die Arbeiten sind Frauen sowie Sklavinnen und Sklaven zuständig. Während unbezahlte Care-Arbeit vor allem von Frauen gemacht wird, wird die schlecht bezahlte Care-Arbeit vor allem von Migrant*innen gemacht.

Diese Zuweisung, dass eine bestimmte Gruppe von Menschen „zuständig“ ist, führt mit einer gewissen Zwangsläufigkeit zu schlechten Rahmenbedingungen und fehlender Anerkennung: Wenn der Grund dafür, warum eine bestimmte Person eine bestimmte Arbeit macht, nicht ihre „Profiterwartung“ ist, sondern ein komplexes Geflecht von Zuschreibungen, von Sich-verantwortlich-Fühlen, fehlenden Alternativen und so weiter – dann muss diese Arbeit laut Marktgesetzen eben nicht gut bezahlt werden.

Der Gender Care Gap (Frauen machen mehr unbezahlte oder schlecht bezahlte Care-Arbeit als Männer) ist allerdings, ähnlich wie der Gender Pay Gap, lediglich ein Symptom dieser Problematik, nicht die Ursache. Ungerechtigkeiten werden nicht dadurch gelöst, dass wir sie gleichmäßig unter Frauen und Männer aufteilen – das gilt für Einkommen genauso wie für Care-Arbeit. Stattdessen sollten wir radikaler vorgehen, also an die Wurzeln: Wie kam es überhaupt zu der Vorstellung, dass bestimmte Menschen für das gesellschaftliche Sorgetragen zuständig wären, andere hingegen nicht?

Die erste Care-Arbeit, die einer bestimmten Person zugewiesen wird, ist die Mutterschaft. Das „Mater semper certa est“ („Die Mutter ist immer sicher“) des Römischen Rechts – das in Deutschland bis heute gilt – besagt letztlich: Wer ein Kind geboren hat, ist Mutter dieses Kindes. Hier wird nicht einfach die Binsenweisheit ausgesprochen, dass man immer weiß, wer ein Kind geboren hat – um das zu wissen braucht es kein Gesetz. Sondern hier wird aus einer biologischen Tatsache, nämlich der Geburt, juristisch eine soziale Beziehung abgeleitet: Die Person, die ein Kind geboren hat, ist nach der Geburt auch dafür zuständig, die Mutterrolle einzunehmen, also für dieses Kind zu sorgen. (Mehr dazu in meinem Buch „Schwangerwerdenkönnen“ )

Die bloße Tatsache, dass diese soziale Verpflichtung für Mütter per Gesetz festgeschrieben werden musste, ist schon ein Beweis dafür, dass Mutterschaft eben kein „natürliches“ Verhältnis ist, sondern eine soziale, gesellschaftliche Übereinkunft. Aus der biologischen Verbindung von Schwangerer und Fötus (die ja keine gesellschaftliche Übereinkunft ist, sondern ein physischer Fakt) wird die Legitimation abgeleitet, eine gegenseitige Verpflichtung auch nach der Geburt gesellschaftlich vorzuschreiben – also zu einem Zeitpunkt, wo diese Notwendigkeit nicht mehr von der Biologie vorgegeben ist. Denn nach der Geburt könnten prinzipiell auch andere Menschen für ein Baby sorgen.

Aber das ist – laut Römischem Recht ebenso wie nach Bürgerlichem Gesetzbuch – nicht vorgesehen, beziehungsweise nur in Not- und Ausnahmefällen, wenn die Mutter ausfällt. Wie stark diese Idee immer noch wirkt, sieht man daran, dass trotz aller neueren Versuche, auch Väter oder andere Erwachsene in diese Verantwortlichkeit einzubinden, immer „letzten Endes“ die Mutter zuständig gemacht wird. Dabei geht es nicht unbedingt um die tatsächlich zu leistende Arbeit: Die Mutter darf durchaus das eine oder andere oder vielleicht sogar vieles delegieren, sie darf sich bei der Bewältigung der Aufgabe helfen lassen oder andere dafür bezahlen. Aber die Zuständigkeit dafür, das zu organisieren, liegt bei ihr – ein Umstand, der neuerdings auch unter dem Stichwort „Mental Load“ diskutiert wird.

Dass die kulturelle Erwartungshaltung, wonach Menschen, die Kinder geboren haben, auch für die Care-Arbeit an diesen Kindern zuständig sind, nicht einfach „in der Natur der Sache“ liegt, zeigt sich auch daran, dass sie sich nicht auf Menschen, die tatsächlich geboren haben, beschränkt. Zuschreibungen von „Mütterlichkeit“ wurden vielmehr kulturell auf alle Menschen ausgeweitet, von denen man annimmt, dass sie möglicherweise gebären können – „Frauen“. Und die über Care strukturierte Verbindung zwischen Mutter und Kind endet auch dann nicht, wenn dieses erwachsen ist, sondern bleibt ein Leben lang bestehen. Nicht nur ist die Mutter verpflichtet, das Kind zu versorgen, später ist wiederum das Kind gegenüber der Mutter und – als Co-Elternteil – dem Vater verpflichtet.

Dieser Aspekt gewinnt heute in Zusammenhang mit der Veralterung der Gesellschaft an Bedeutung und er verläuft unmittelbar analog: Wenn alte Menschen sich nicht mehr selbst versorgen können, sind ihre Kinder zuständig, nicht unbedingt dafür, die konkrete Care-Arbeit zu erledigen, sondern doch dafür, sie zu organisieren. Wenn aber die organisierte Lösung wegfällt, wenn zum Beispiel die „Polin“ jetzt in der Corona-Krise nicht mehr von einer Kollegin abgelöst wird, weil die Grenzen geschlossen wurden, dann sind zunächst wieder die Kinder zuständig, sich zu kümmern, und nicht etwa Nachbarn, Freundinnen, die Kommune… und zwar unabhängig von den konkret bestehenden Beziehungen.

Diese Zuständigkeiten werden so selbstverständlich vorausgesetzt, dass es fast schon unhöflich erscheint, auch nur darauf hinzuweisen oder sie politisch zu diskutieren. Sie gelten als selbstverständlich, als naturgegeben. Es ist aber wichtig, sich diese Dynamik klar zu machen, um zu verstehen, warum bestimmte Probleme auftreten. Zum Beispiel ist es momentan wohl so, dass Hilfsangebote, angesichts des Infektionsrisikos für ältere Menschen einkaufen zu gehen, nicht so stark nachgefragt werden, wie man annehmen sollte. Sicher möchten manche Ältere lieber selbst einkaufen, um ihre Autonomie zu wahren. Es spielt aber auch eine Rolle, dass „beziehungslose“ Hilfe keine eingeübte Kulturtechnik ist. Denn von den eigenen Kindern oder Enkelinnen würden viele das Angebot durchaus annehmen.

Das liegt daran, dass wir für „beziehungslose“ Hilfe einen anderen Modus kulturell eingeübt haben: das Tauschgeschäft. Wenn wir für eine Dienstleistung bezahlen, fühlen wir uns weniger abhängig, weniger bedürftig, weniger hilflos. Aus diesem Grund sind derzeit alle Lieferservice-Angebote ausgebucht: Vielen ist es lieber, sofern sie es sich leisten können, jemanden fürs Einkaufen zu bezahlen, als diese Hilfe von „Fremden“ anzunehmen. Deshalb hilft es auch, bei Initiativen ausdrücklich auf ein gemeinsames Beziehungsnetz hinzuweisen: Hilfsangebote für alle, die im selben Haus leben oder zu einer Kirchengemeinde gehören, werden zwar nicht so gut angenommen wie die von Familienmitgliedern, aber doch besser als völlig anonyme. Die Hausgemeinschaft oder die Kirchengemeinde sind sozusagen eine „schwächere“ Form von Familie.

Das ist ein Aspekt, den wir zum Beispiel nutzen können und sollten, um die Zukunft von Care besser zu gestalten. Dass eine Organisation gegenseitiger Abhängigkeit, die auf reinen Tauschgeschäften beruht, aus vielen Gründen in vielen Fällen nicht gut funktioniert, ist ja klar. Die Alternative zu Fürsorge-Verpflichtungen, die aus biologischen Fortpflanzungs-Verbindungen erwachsen, ist nicht das beziehungslose Tauschnetzwerk von vermeintlich „Gleichen“, sondern vielmehr eine Community, die auf anderen Fundamenten steht. Auf welchen?

Eine Möglichkeit ist hier das Versprechen, das laut Hannah Arendt eine Möglichkeit darstellt, sich auf eine unsichere Zukunft einzustellen. Indem wir einander versprechen, uns im Bedarfsfall umeinander zu kümmern, schlagen wir Wege in das Dickicht des Ungewissen. Und zwar – anders als bei der Zuschreibung qua Geburt/Gebären – auf freiwilliger Basis. Eine Verpflichtung qua Versprechen wird bewusst eingegangen, und sie setzt Verhandlungen und bewusste Entscheidungen voraus, was auch den Vorteil hat, dass Erwartungen, Umfang und so weiter festgehalten sind.

Zu Problemen kommt es nämlich heute oft an der Schnittstelle zwischen bezahlter und damit sichtbarer Care-Arbeit und unbezahlter und unsichtbar gemachter. So wie bei jener Frau, deren Mutter ihr beim Krankenhausbesuch freudestrahlend mitteilte, dass sie morgen entlassen wird. Die Mutter hatte überhaupt nicht daran gedacht, dass die ganze Nachsorge und Pflegearbeit dann bei der Tochter liegen würde. Hätten wir eine Kultur des Versprechens, wäre offengelegt worden, was hier geschieht, Mutter und Tochter hätten über die Bedingungen der Krankenhausentlassung sprechen, sie damit auch bewusst machen müssen. Ein anderes Beispiel: Ein junger Mann leiht sich von seinen Großeltern ein Auto und bringt es verschmutzt zurück – und die Großeltern erwarten jetzt nicht nur von ihm, sondern ersatzweise auch von seiner Mutter (ihrer Tochter), dass sie das Auto putzt oder sich zumindest darum kümmert, dass er es putzt. Auch hier liegt das Problem darin, dass die Erwartungen, sich zu kümmern, unausgesprochen, aus dem Verwandtschaftsverhältnis hergeleitet werden, anstatt besprochen und sichtbar gemacht zu werden.

Versprechen sind ein Beziehungsgeschehen, sie begründen eine Zusammengehörigkeit, die nicht als automatisch gegeben vorausgesetzt wird, aber auch nicht jederzeit davon abhängig ist, dass die Bedürftigen materielle Ressourcen zum Tauschen haben. Deshalb ermöglichen Versprechen Freiheit in Abhängigkeit. Eine Freiheit, zu der eben unter anderem auch das Recht gehört, keine Care-Arbeit leisten zu müssen. Dieser Aspekt ist wichtig, wenn wir eine wirkliche Care-Revolution wollen: Es geht nicht nur darum, dass jeder Mensch die Möglichkeit haben soll, Care-Arbeit für andere zu tun, wenn er oder sie das möchte. Sondern es geht auch darum, dass niemand dazu gezwungen werden darf, Care-Arbeit für andere zu leisten, wenn er oder sie das nicht möchte.

Gleichzeitig stimmt aber: Care-Arbeit hat mit Beziehungen zu tun. Es sind keine anonymen „Arbeitskräfte“, sondern Personen, mit Namen, Individuen. Es ist egal, welcher Arbeiter am Band steht, wenn ein Auto produziert wird, aber nicht, welcher Pfleger oder welche Pflegerin zu mir kommt.

Ein Grund, warum es uns so schwer fällt, Care-Beziehungen weder als Tausch und Dienstleistung, noch als „von Natur aus“ gegebene Verpflichtung zu verstehen, sondern als Beziehungen der Freiheit, des gegenseitigen Versprechens, des Respektes und der Verhandlungen, liegt auch daran, dass wir uns angewöhnt haben, persönliche Beziehungen (zum Beispiel Liebesbeziehungen) vorwiegend auf der Grundlage individueller Autonomie zu konzipieren: Zwei selbstständige Menschen treffen auf Augenhöhe aufeinander und haben eine Beziehung. Im Bereich von Care funktioniert das aber nicht. Care-Beziehungen beruhen vielmehr notwendigerweise auf Ungleichheit – die Mutter kann sich nur um ein Baby kümmern, weil sie selbst kein Baby ist, die Kranken können nur von Menschen versorgt werden, die selbst nicht (auf dieselbe Weise) krank sind, die Alten können nur betreut werden von Menschen, die nicht selbst eine solche Betreuung benötigen.

Wenn diese Ungleichheiten thematisiert werden, ist es aber wichtig, daraus gerade keine pauschalen Kategorien zu machen wie „Gesunde versus Kranke“ oder „Alte versus Junge“ oder dergleichen. Wie schädlich diese Kategorisierung ist, zeigt sich gerade jetzt in der Corona-Krise in der Unterscheidung von „Risikogruppen“ versus „Leute, die nicht gefährdet sind“. Mit Ungleichheiten realistisch umgehen bedeutet aber, sowohl zu sehen, dass „nicht alle Menschen gleich sind“ (und also etwa über 80-Jährige ein höheres Risiko haben, bei einer Corona-Infektion zu sterben), dass es sich aber gleichzeitig nur um Wahrscheinlichkeiten handelt und Jüngere auch gefährdet sein können. Und dass auch viele Alte einen milden Verlauf haben.

Sicher ist jetzt schon absehbar, dass in einigen Wochen der harte Lockdown gelockert werden muss. Es werden wieder mehr Menschen unterwegs sein. Aber Diskussionen, wie sie zurzeit geführt werden, wonach „die Jungen“ raus müssen, während „die Alten“ sich isolieren sollen, sind sehr schädlich. Sicher ist es richtig, Unterschiede zu machen, aber die müssen viel komplexer, individueller, weniger pauschal sein. Es geht nicht nur um das Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs oder um die „Systemrelevanz“ der eigenen Tätigkeit, sondern auch um viele andere Dinge: Menschen mit kleinen Kindern, in kleinen Wohnungen zum Beispiel, müssen dringender wieder „raus“ als solche mit großen. Aber die Unterschiede sind auch individuell: Manchen macht Alleinleben nichts aus, anderen sehr viel. Manche sind ängstlicher und die Möglichkeit, sich anzustecken, versetzt sie in Stress, andere sehen das lockerer. Die persönlichen Befindlichkeiten decken sich hier nicht immer mit den „objektiven“ Risiken.

Wir brauchen jetzt eine Kultur, die in der Lage ist, zivilisiert mit diesen komplexen Ungleichheiten und Differenzen umzugehen. Die weder alle Menschen gleich behandelt, noch aber die Menschen in bestimmte Kategorien einteilt und einsperrt. Obwohl Care-Beziehungen also auf Ungleichheit beruhen, können – und müssen – sie dennoch freie Beziehungen sein, damit sie zum guten Leben für alle passen. Wir müssen verstehen, dass Gleichheit keine Voraussetzung für Freiheit ist (wie es die westliche Moderne irrtümlich behauptet hat).

Als Care-Maxime würde ich das vorläufig so formulieren: Jeder Mensch hat das Recht, dass im Falle der Bedürftigkeit jemand für ihn oder sie sorgt. Aber kein Mensch hat das Recht darauf, dass ein bestimmter Mensch für ihn sorgt. Sorge sicherzustellen ist eine gesellschaftliche Aufgabe, keine individuelle, aber gleichzeitig geht das nicht unabhängig von Beziehungen. Niemand hat das Recht, von einer bestimmten Person versorgt zu werden. Aber man hat eben doch ein Recht darauf, dass nicht jeden Tag eine andere Pflegerin kommt, sondern dass dabei eine Beziehung entstehen kann.

Das bedeutet auch, dass sich Sorge-Beziehungen nicht (ausschließlich) als ein Verhältnis zwischen Kunde und Dienstleisterin verstehen lassen. Dafür, dass eine Beziehung gelingt, sind beide Seiten zuständig; das ist anders als bei einem Tausch, wo nur die Verkäuferin dafür zuständig ist, dass das Produkt den Ansprüchen genügt. Alle, auch die Care-Nehmenden, sind dafür mitverantwortlich, Umstände zu schaffen, in denen Menschen gerne für andere sorgen.

Und zwar sowohl auf einer gesellschaftlichen als auch auf einer persönlichen Ebene: Man muss Care-Arbeiter*innen respektvoll und freundlich begegnen, es reicht nicht, sie zu bezahlen – was nämlich eigentlich nur die kapitalistische Variante davon ist, von Töchtern und Schwiegertöchtern Care-mäßiges „Funktionieren“ qua Familienabstammung zu verlangen.

Mir ist klar, dass ich hier heikle Themen berühre, aber ich glaube, es ist wichtig, dass wir in dieser Richtung weiter forschen und diskutieren. Zur Care Revolution gehört auch die Einsicht, dass man auch von bedürftigen Menschen Respekt erwarten kann. Auch zu ihnen kann man ungute Beziehungen lösen, sich also trennen. Wenn die Biologie als Begründung für Care-Verpflichtungen wegfällt, können wir inhaltlich darüber nachdenken, was die Qualität einer Sorgebeziehung ausmacht und welche Einflussmöglichkeiten und Verantwortlichkeiten beide Seiten dabei haben – also das Thema geht weit über die Frage nach dem Geld hinaus. Das ist auch deshalb sinnvoll, weil ja in erzwungenen familiären Sorgebeziehungen keineswegs alles rosig abläuft, sondern dort zuweilen viel Leid herrscht, auf allen Seiten.

Worum es also geht ist, eine Kultur der Bedürftigkeit zu entwickeln, bei der wir uns darin üben, einüben, dass wir prinzipiell alle auf Fürsorge angewiesen sind oder jederzeit sein könnten und dass es in unserer Verantwortung liegt, für diesen Fall vorzusorgen. Nicht individuell, sondern in Bezogenheit, auf persönlicher wie auf gesellschaftlicher Ebene. Denn es ist eine Aufgabe der Kultur, nicht eine Sache der Natur, aber auch nicht ausschließlich eine Sache der Ökonomie. 

Autorin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 05.04.2020

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Anja Lorenz sagt:

    Liebe Frau Schrupp,
    danke für Ihre ausführlichen und für mich inspirierenden Gedanken!
    Allerdings:
    Sie schreiben, niemand habe das Recht, dass eine bestimmte Person für ihn oder sie sorgt.
    Dem würde ich widersprechen: Kinder haben das Recht, dass ihre Eltern für sie sorgen!
    Was denken Sie dazu?
    Herzliche Grüße,
    Anja Lorenz

  • Ich habe lange Jahre in der Pflege gearbeitet. Was viele nicht wissen, Beziehungen sind dort nicht erwünscht. Es heißt vielmehr: Die Pflegeperson darf mit der oder dem zu Pflegenden in keine Verbindung, Freundschaft oder Beziehung treten. Sie würde sonst diese Person bevorzugen, ist die Begründung.

    Verstehen Sie, warum auch ich, wie so viel examinierte Pflegende, aus der Heimpflege rausgegangen, ja geradezu vor der Pflege geflohen bin: Es wurde mir schnell klar, Pflege geht nicht ohne Beziehungen! Man kann Menschen nicht so sehr nahe sein, wenn man nicht in eine Verbindung, ein die oder den andern Wollen hineingeht. Beziehungen sind für beide: Pflegerinnen und Pflegende ein wichtiger Moment und geben der Arbeit Sinn und Halt.

    Unbegreiflich, warum die Oberen bzw. Verantwortlichen das nie so sehen wollten – aber klar, warum so viele ursprünglich hoch motivierte Menschen aus diesem Beruf herausgehen.

  • Antje Schrupp sagt:

    @Anja Lorenz – Ja, ich würde das tatsächlich so sagen, dass Kinder kein Recht darauf haben, dass „ihre Eltern“ für sie sorgen. Die Frage ist ja auch, wer „die Eltern“ sind. Vaterschaft zum Beispiel wird ja ganz unterschiedlich definiert, Mutterschaft kann bei IVF auch in zwei zerfallen. Ich finde, auch Elternschaft müsste kulturell bekräftigt werden, etwa per Versprechen nach der Geburt. Als erste kann die Mutter dieses Versprechen geben, das sehe ich auch so. Oder jemand anderes mit ihrer Einwilligung. Aber wenn niemand „verspricht“, sich um das Kind zu kümmern, ist die Gesellschaft zuständig. Man kann niemanden dazu zwingen oder „von Natur“ verpflichten. In den allerallermeisten Fällen wird aber die Mutter für das Kind sorgen wollen, weil warum wäre sie sonst schwanger geworden. Man macht eine Schwangerschaft ja normalerweise nicht zum Spaß, sondern weil man ein Kind will. Aber das ist kein Automatismus: Es gibt auch ungewollte Schwangerschaften, oder es kann sein, dass eine Schwangere im Lauf der Monate etwas erlebt, was sie ihren Kinderwunsch ändern lässt… All das müsste meiner Ansicht nach auch möglich sein und dann muss die Gesellschaft einspringen. Genauer schreibe ich dazu in meinem Buch „Schwangerwerdenkönnen“.

  • Christine Varwick zu Stirpe sagt:

    Hallo Frau Schrupp,

    was verstehen Sie genau unter „Care Revolution“?
    In vielen Punkten stimme ich Ihnen zu:
    Ja, Sorgearbeit (auch Kindererziehung und -pflege) ist NICHT selbstverständlich und sollte NICHT ohne wertschätzendes Entgeld, ohne Anerkennung, ohne Respekt und ohne Freiwilligkeit jemandem quasi „von Natur aus“ zugewiesen werden!

    Aber was hat das mit dem Muttersein, mit der Mutterrolle zu tun?
    Es wirkt verstörend auf mich, eine sogenannte „Care Revolution“ zu fordern und dafür die sicherste Beziehung die wir alle kennen – die Mutter-Kind Beziehung – dermaßen in Frage zu stellen, als würden Mütter sich ausschließlich opfern, wenn sie ihre Kinder aufziehen.
    Es gibt kaum erfüllendere Beziehungen als die zwischen prosozialen Müttern und ihren Kindern, lebenslang. Kaum mehr Freude und zukunftsorientierte Lebensbejahung als im Zusammenleben mit kleinen und jungen Menschen.
    Was Sie anführen als angeblich fehlende Einsicht, dass auch andere Personen als die biologische Mutter ein Baby großziehen könne, funktioniert doch seit Menschengedenken ganz selbstverständlich:
    Wenn eine Frau nicht in der Lage oder willens ist, ihr Kind persönlich aufzuziehen, haben sich seit eh und je andere mütterliche Menschen gefunden, das Kind zu versorgen und großzuziehen.
    Massenhaft starben unsere Vorfahrinnen im Kindbett, wer zog die Kleinen auf?
    Andere Frauen aus der Verwandtschaft oder Nachbarschaft haben diese Babys gestillt und versorgt. Kinder, die nicht auf diese Weise versorgt wurden, sind gestorben, ganz einfach.
    Kooperation und gegenseitige Unterstützung in Not ist angeborenes und kulturell gefördertes menschliches Verhalten. Das belegt mittlerweile die moderne Neurobiologie (vgl Joachim Bauer).

    Gerade die Mutter-Kind-Beziehung ist bekanntermaßen der Dreh und Angelpunkt in der Philosophie der Frauen. Denn wir lernen genau dadurch, uns als abhängige und bezogene Menschen zu definieren, was von Ihnen ja ebenfalls als grundlegend wichtig erachtet wird.
    Die Tatsache, dass einzelne Frauen ihr eigenes Kind nicht aufziehen können oder wollen, gab es immer schon und es gab immer schon gesellschaftliche Lösungen dafür, überall auf der Welt.
    Diesen Umstand argumentativ zu verwenden, um ein gesellschaftliches Umdenken zur Carethematik zu befördern, widerstrebt allerdings meiner Logik.
    Ja, es ist für mein Verstehen sogar falsch! Denn wie sollen die von Ihnen geforderten respektvollen, freundlichen Carebeziehungen zwischen Empfangenden und Leistenden der Sorgearbeit überhaupt gelernt werden, wenn nicht durch unser aller Erlernen von freundlichem und zugewandtem Verworgtwerden als Kind?
    Mir ist klar, dass Sie das Beispiel einer „zugewiesenen“ Mutterschaft exemplarisch anführen, sehr geehrte Frau Schrupp.
    Dennoch ist es für mein Empfinden so, als würden Sie in Ihrer Argumentation die Essenz der Symbolischen Ordnung der Mutter
    ad absurdum führen.
    Ich wünsche mir, dass Mütter ihr persönliches Glück mit ihren Kindern finden, dazu aber gesellschaftliche Anerkennung und angemessenen finanziellen Ausgleich für ihre Pflegearbeit erhalten – denn sie ziehen die Kinder genauso für uns alle auf. Wir alle brauchen die junge Generation demnächst als die Stützen der Gesellschft.

  • b-e-r sagt:

    „die Gesellschaft“ —warum sollte „die Gesellschaft“ WOLLEN? MÜSSEN?
    Meines Wissens hat sich noch in jedem Kind, das in frühen Zeiten von den leiblichen Eltern (oder einem Elternteil) getrennt worden ist, früher oder später das starke Blutsband gerührt!

  • Antje Schrupp sagt:

    @Christine Varwick zu Stirpe – Ich verstehe nicht ganz, wie diese Assoziationen über das, was ich mit meinem Text sagen wollte, zustandekommen. Jedenfalls schreibe ich überhaupt nichts gegen gelingende Mutter-Kind-Beziehungen und ich sage auch nicht, dass sie unwichtig sind. Ich sage nur, dass sie in Freiheit stattfinden sollen, und das bedeutet, dass es eine Kultur dazu geben muss und sie nicht direkt aus der Biologie abgeleitet werden können.

  • Anke sagt:

    Hallo Antje Schrupp,

    vielen Dank für diesen klaren Text.

    Das Thema Beziehung, besser Beziehungslosigkeit in unserer Gesellschaft geht m.E. über Carearbeit und die beziehungsmäßig „nur“ verrechtlichten Familienpflichten noch weit hinaus. In jeder menschlichen Beziehung stecken m.E. diese Fürsorgeanteile, das Versprechen, füreinander ganz oder in bestimmten Bereichen einzustehen. Sonst ist es eben keine Beziehung. Und oft haben wir auch keine Beziehung mehr zueinander. Lieber einzeln autonom sein, allerhöchstens nebeneinander her autonom sein, in der Liebe oder bei der Erwerbsarbeit. „Autonome Beziehungen“ gibt es in meinem Wortverständnis nicht, denn echte Beziehungen haben immer eine zeitliche Dimension, Beziehung ist nichts Punktuelles. Und über die Zeitdauer einer jeden noch so gleichgewichteten Beziehung wird sich Stärke und Schwäche auf beiden Seiten auch einmal zeigen. Und dann ist der Fürsorgeaspekt sofort da, bei jeder Beziehung. Und in der Realität „autonomer Beziehungen“ ist die Trennung dann auch sofort da. Ich tue mich daher schwer, bei diesen modernen „Augenhöhebeziehungen“, bei den Lebensabschnittspartnerschaften von einer wirklichen „Beziehung“ zu sprechen. Oft war da eben nie eine Beziehung.

    Wir vermeiden, uns überhaupt auf Beziehungen einzulassen. Wir vereinzeln lieber, halten das für sicherer, absicherbarer, versicherbar. Bei Vereinzelungsprozessen wird – gerade aktuell in der Wirtschaft – auch oft darauf spekuliert, Beziehungen und damit eben „Sorge füreinander“, Solidarität zu verhindern. Denn es lässt sich besser Geld verdienen mit einer anonymen Crowd als mit einer betriebsratsgestärkten Belegschaft. Genauso wie die vereinzelte Hausfrau mit Kleinkind in der privaten Kleinfamilienküche leicht zu unterdrücken ist.

    Dabei brauchen alle Menschen funktionierende Beziehungen, nicht nur die Schwachen, und Beziehungen lassen sich nie „einkaufen“.

    Beziehungslosigkeit macht die Menschen psychisch krank, „einsam“, wie es heute problembewusst heißt. Und den Menschen wird dann empfohlen, eine „Therapie“ „einzukaufen“. Eine gute Therapie versucht immer, Menschen wieder „beziehungsfähig“ zu machen, wobei aber natürlich wie in der Pflegearbeit in der therapeutischen Arbeit der Aufbau von „Beziehung“ zur therapierenden Person absolut verboten ist.

    Was für eine schreckliche Welt.

  • Mir ist beim Lesen dieses Textes das Buch „Maternal Thinking“ (1989, deutsch: Mütterliches Denken, 1993) von Sara Ruddick wieder eingefallen. Auf S. 49 der deutschen Ausgabe schreibt sie: „Eine Folge der Unterscheidung zwischen Geburtsarbeit und Mutterarbeit ist, dass alle Mütter eigentlich als ‚Adoptivmütter‘ betrachtet werden können. Adoptieren heisst, die Verpflichtung zu übernehmen, ein bestimmtes Kind zu schützen, zu ernähren und zu erziehen…“ Der Begriff „Adoption“ enthält Freiheit und Verbindlichkeit gleichzeitig, hat also viel mit dem zu tun, was bei Arendt „Versprechen“ heisst. Vielleicht würde es sich lohnen nachzuforschen, wie genau Adoption juristisch definiert ist und ob sich an diese Definition für die weitere Debatte anknüpfen lässt. Die Idee, dass jedes Kind ein Adoptivkind ist, insofern es Menschen braucht, die sich bewusst für eine Fürsorgebeziehung entscheiden, egal ob sie biologisch verwandt sind oder nicht, könnte weiterführend sein. Ruddicks Vorschlag, den Akt des Adoptierens statt den Automatismus einer Care-Verpflichtung aufgrund biologischer Verwandtschaft zu verallgemeinern, finde ich inspirierend. https://books.google.ch/books/about/Mütterliches_Denken.html?id=qua-AAAACAAJ&redir_esc=y

  • Und noch eine Frage: Wie ist im Text das Verhältnis von Ökonomie und Kultur gedacht? Ganz am Anfang schreibst du, Antje, dass „‚Care‘ nicht einfach nur ein weiteres ökonomisches Thema ist, sondern etwas mit unserer gesamten Kultur, der symbolischen Ordnung und unseren Beziehungen zu tun hat.“ Willst du damit sagen, dass Ökonomie per Definition „nur“ die beziehungsfreie Herstellung von Sachen (Stichwort: Auto, Fliessband) umfasst? Und wenn ja, soll das so bleiben? Für mich wäre das eine falsche Alternative in diesem Sinne: einem Sektor „entfremdete industrielle Sachenproduktion“ steht ein Sektor „Beziehungshafte Care-Arbeit“ gegenüber. Weil es aber (meiner Erfahrung nach zumindest) diesseits der Industrieproduktion auch Beziehungen zu Sachen gibt (zu meiner Wohnung zum Beispiel, die ich sauber halte), müsste das Neudenken von Beziehungen sich auch auf die Ökonomie als Ganze inkl. Sachenproduktion beziehen. Mit dieser Idee wären wir ja in guter Gesellschaft, denn ich meine, dass Karl Marx das gemeint hat, als er die „entfremdete“ Arbeit im Kapitalismus kritisierte.

  • anne-Claire Mulder sagt:

    Hallo Antje, hallo Ina,

    Dein text, Antje, bringt vieles auf dem Pukt, und ich mag sie sehr. Ich habe ihn auch geteilt mit einigen Bekannten in den Niederlände. In hoffe dass diese Bekannten auch die Kommentaren lesen werden weil diese auch sher interessant sind. Ich mag die Gedanken über Adoption, Ina, in dieser Hinsicht. Einerseits sehe ich sie als eine Konsequenz unseren gedanken über Geburtlichkeit und Bezogenheit (ABCdesgutenlebens.org), andererseits denke ich dass Adoption ein Form von Versprechen ist, ein Versprechen auf Micro-ebene zwischen eng mit dem Kind verbundene Personen, aber auch ein gesellschaftiches Versprechen dass wir allen ein Leben als WürdetragerInnen gönnen.

  • Antje Schrupp sagt:

    @Ina – Zur Unterscheidung/Abgrenzung von Kultur und Ökonomie – für mich ist Kultur ein übergeordneter Begriff, er umfasst sozusagen das gesamte Ordnungsprinzip einer Gesellschaft, Ökonomie, Kunst, Religion usw. sind Unterbereiche der Kultur. Natürlich kann man auch da dann wieder fragen, inwiefern man wirklich zwischen zum Beispiel Kunst und Ökonomie trennen kann, und vielleicht kann man das auch nicht, aber ich denke doch, dass es sinnvoll ist, hier zu unterscheiden. Also zum Beispiel finde ich es gut, dass man bei Ökonomie an Kriterien wie Nützlichkeit und Effizienz denkt, bei Kunst hingegen nicht. Also Ökonomie ist imho ein Teil der Kultur, aber nicht die ganze Kultur. Care hingegen wäre eine Haltung, die für die Kultur insgesamt wichtig wäre, nicht nur für die Ökonomie (Care in der Kultur z.B. könnte heißen, dass man auf bestimmte Kunstproduktionen verzichtet, weil sie andere verletzen, auch ohne dass es verboten ist usw.).

  • @Antje – Würdest du denn sagen, dass man z.B. in der Landwirtschaft, der Textilbranche oder der Autoproduktion an „Nützlichkeit und Effizienz“ denkt oder denken sollte, nicht/weniger aber in den Sektoren von „Care im engeren Sinne“, also Pflege oder Erziehung? So ein bisschen hört sich dein Text für mich an. Es gibt aber Entwicklungen, die darauf hindeuten, dass es auch in den klassischen Produktionsbranchen Trends hin zu mehr Care gibt. Zum Beispiel sagen viele Leute, dass kleinbäuerliche Landwirtschaft mit einer Beziehungskultur zwischen Menschen, Tieren und Pflanzen ökologisch und hinsichtlich Ernährungssicherheit und -souveränität mehr Sinn macht als industrielle Landwirtschaft. Oder zum Beispiel hat Ruanda am 1. Januar 2019 Altkleiderimporte verboten, um das einheimische Schneiderinnenhandwerk, das traditionell auf beziehungshaft-massgeschneiderte Kleidung setzt, zu fördern. Hinzu kommt, dass immer mehr der vielleicht trotzdem noch notwendigen industriellen Fertigung von Maschinen übernommen wird. Für mich machen solche Entwicklungen die Unterscheidung zwischen dem Care-Sektor und den klassischen Produktionssektoren je länger je unnötiger, und Care wird immer sinnvoller als Kriterium für die ganze Ökonomie, was im Endeffekt bedeuten könnte, dass die Unterscheidung zwischen Care- und Produktionssektoren sich erübrigt. Vielleicht sogar die zwischen Kunst und Ökonomie? Ich schlingere mal wieder durchs postpatriarchale Durch/einander – auf der Suche nach neuen sinnvollen Kategorien :-)

  • Antje Schrupp sagt:

    @INa – sorry, dass ich jetzt erst antworte: Ich finde nicht, dass Nützlichkeit/Effizienz und Care einander ausschließen. So würde ich jedenfalls argumentieren: Dass die herkömmliche auf Profit ausgerichtete kapitalistische Wirtschaft ja gerade nicht so nützlich und effizient in Bezug auf Bedürfnisbefriedigung ist als etwa lokale Schneiderinnen in Ruanda. Denn der Grund, warum wir lokale Schneiderinnen vor Altkleiderspenden bevorzugen ist ja nicht, dass wir eine romantische Vorstellung davon habe, wie schön das Handschneidern ist, sondern dass es eben tatsächlich nützlicher und effizienter ist, wenn man mit der Kategorie Care statt mit der Kategorie Profit an die Betrachtung herangeht. Im Gegensatz würde ich bei Kunst und Kultur tatsächlich sagen, dass es ein Bereich ist, der sich nicht an Nützlichkeit und Effizienz orientieren sollte (deshalb ist es finde ich auch nicht gut, wenn Kunst und Kultur zur Ware wird).

  • Nora de Baan sagt:

    Liebe Denk*erinnen,
    danke für diesen inspirierenden Text und das angeregte Weiterdenken.

    Ich, als Kunstschaffende, meine, dass selbst die Kunst sich an Parametern wie Nützlichkeit und Effizienz orientieren sollte, sofern diese beide Begirffe in einem Care-Sinne verwendet werden:

    Die Care-nützlichkeit von Kunst ergibt sich aus dem Potential, durch nicht Ziel-/Profitorientiertes unproduktives und produktives (Weiter)entwickeln von Ideen einen Ausdruck für Dinge zu (er)finden, die davor nicht auf diese Weise sichtbar waren.
    Die Care-effizienz von Kunst ergibt sich aus der entwickelten Ausdrucksstärke und Beziehungsfähigkeit einer künstlerischen Arbeit mit ihrem „Publikum“(Spricht das „Kunstwerk“ mit den „Kunstwerkerfahrenden Personen, oder schafft es bloss Besitzansprüche“?).

Weiterdenken