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Rubrik anschauen

“Poesie – Auflehnung – Einsamkeit” – “Fantastische Frauen” in der Frankfurter Schirn

Von Jutta Pivecka

Jane Graverol: Das Blutbad an den Unschuldigen, 1969

Mitte Februar, unmittelbar nach der Eröffnung, hatte ich noch Gelegenheit, diese Ausstellung in der Frankfurter Schirn zu besuchen: Fantastische Frauen. Surreale Welten von Meret Oppenheim bis Frida Kahlo. Seit Mitte März ist sie nur noch online durch eine digitale Video-Tour auf Youtube zu sehen. Besser als nichts, aber eben nicht das Wahre: Ein Bild ist ein Bild ist ein Bild – ein Gegenstand und ein Zeichensystem. Während sich das Zeichensystem auch über Reproduktionen erschließen und – vielleicht – entschlüsseln lassen mag, kann die Wahrnehmung der Gegenständlichkeit des Bildes eben nur in seiner Präsenz erfahren werden. Vielleicht wird das bald wieder möglich sein, wenn nach Möbelhäusern auch wieder Museen und Galerien öffnen dürfen. 

Die Macherinnen der Frankfurter Ausstellung setzen bei Plakat und Titel, wohl aus Marketing-Gründen, auf bekannte Namen wie Meret Oppenheim und Frieda Kahlo. Viel spannender ist jedoch, wie die Ausstellung die Werke weniger bekannter Künstlerinnen in den weit gespannten Kontext des Surrealismus rückt: Die Arbeiten von 36 Künstlerinnen aus 11 Ländern, die technisch und stilistisch sehr unterschiedlich sind, werden präsentiert. Es zeigt sich die Dichte der Beziehungen zwischen den verschiedenen Künstlerinnen über Kontinente und auch Generationen hinweg: zwischen Meret Oppenheim und Leonor Fini zum Beispiel oder Leonora Carrington und Lee Miller, Claude Cahun und Dora Maar, Jacqueline Lamba und Frida Kahlo. Die Ausstellung konzentriert sich dabei auf die Schaffensphase all dieser Künstlerinnen zwischen 1940 – 1960, obwohl viele der Künstlerinnen ein hohes Alter erreichten und auch danach noch wichtige Werke schufen. Sie bezieht sich damit auf den gemeinsamen Fixpunkt: die surrealistische Bewegung von André Breton, der 1966 starb. Das ist ein nachvollziehbarer Ansatz, aber er weckt auch das Bedürfnis nach Folgeausstellungen zu den Werken einzelner Künstlerinnen und Künstlerinnen-Verbünde, die sich von dieser Fixierung lösen könnten.

Dass „die Frau“ im Zentrum vieler philosophischer und künstlerischer Anstrengungen der surrealistischen Bewegung stand, ermöglichte einerseits, dass in dieser Bewegung mehr Frauen als je seit der Romantik eine Rolle spielten, andererseits wurde auch hier „die Frau“, durchaus auch mittels Idealisierung, wiederum zur Suggestionsfläche eines männlichen Kunstwillens. Wie die beteiligten Künstlerinnen sich aus diesen Zuschreibungen lösten, sie be- und verarbeiteten, um zu eigenen künstlerischen Aussagen zu gelangen, wird in der Frankfurter Ausstellung auf eindrucksvolle Weise deutlich. 

Mich haben vor allem Werke von Künstlerinnen beeindruckt, die weniger bekannt sind als die Blockbuster-Garantinnen Frieda Kahlo, Meret Oppenheim oder Louise Bourgeois. Hervorstechend sind u.a. die großartigen fotografischen Arbeiten von Dora Maar, Emila Medková oder Claude Cahun. Emila Medková (1928-1985) arbeitete als Fotografin und Laborantin an universitären Instituten in Prag, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen. Dies ermöglichte ihr die künstlerische Arbeit an ihren technisch brillanten, abstrakt inszenierten Fotografien, die sehr stark mit Schwarz/Weiß-Kontrasten und Schattenspielen operieren.Die Verfremdung bei Medková ist unaufdringlich, eingebettet in eine minimalistische Formensprache, die nicht überwältigen, sondern irritieren will.

Ganz anders arbeitet Claude Cahun (1894-1954), die mit geschlechtlicher Ambivalenz spielt. Ihre Arbeiten zeigen sie und ihre Lebensgefährtin Marcel Moore in eigentümlich inszenierten, montierten und collagierten Porträts und Selbstporträts, die Mythologie, Stilleben und kunsthistorische Ikonographie verbinden, u.a. die Serie „Nichtige Geständnisse“ von 1929/30.

Ganz neu für mich waren die Collagen von Jane Graverol (1905-1984). Von Graverol ist die Aussage überliefert: „Meine Malkunst: Poesie – Auflehnung – Einsamkeit.“ Graverols Werke zerlegen die Anschauungswerte einer als unerträglich empfundene Wirklichkeit in ihre Bestandteile, um sie neu zusammenzusetzen. Die Fragmentierung ist dabei zugleich unheimlich und beängstigend, aber auch neue Perspektiven eröffnend.

Die Frankfurter Ausstellung in der Schirn ermöglicht die Entdeckung (oder Wiederbegegnung) mit Künstlerinnen, die zum Teil hohen Bekanntheitsgrad genießen, aber auch mit herausragenden Arbeiten von weitgehend unbekannt gebliebenen. Sie weckt Erwartungen an die Kuratorinnen der Museen für moderne Kunst in Deutschland und anderswo. Denn ich möchte mehr sehen in Zukunft von Jane Graverol, Rachel Baes, Claude Cahun, Emila Medková u.v. a., auch in den Dauerausstellungen. 

Schirn Frankfurt: Fantastische Frauen. Temporär geschlossen.

Autorin: Jutta Pivecka
Redakteurin: Jutta Pivečka
Eingestellt am: 19.04.2020
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Juliane Brumberg sagt:

    Liebe Jutta, toll, dass Du über die Ausstellung geschrieben hast. Ich war auch noch im Februar dort, durchaus mit dem Ziel, darüber zu schreiben. Die Ausstellung hat mich sehr beeindruckt und ich habe viel gelernt, doch schnell stellte ich fest, dass mir, um darüber zu schreiben, die Kompetenz fehlt. Um so mehr freue ich mich jetzt über Deinen Bericht mit den Anregungen zum weiterdenken und sich weiter mit den Surrealistinnen zu beschäftigen.

  • Heike sagt:

    Liebe Jutta,sehr gerne hätte ich die Ausstellung gesehen, gut vielleicht klappt es ja noch, aber so macht es diese gleich noch mal spannender! Merci für deine Ein-blicke-drücke!

  • Eins der wenigen Dinge, die ich in diesen Wochen bedauere, ist, dass ich es nicht gleich zu Beginn in die Ausstellung geschafft habe.

    Bisher habe ich mich noch nicht bis in die virtuelle Ausstellung getraut, aber Dein Artikel spornt mich an.

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