beziehungsweise – weiterdenken

Forum für Philosophie und Politik

Rubrik denken

Tod und Rose

Von Anne Newball Duke

„Kollateralschäden durch Anti-Corona-Maßnahmen: Mehr Tote als durch das Virus selbst?“ (Gérard Krause)

„Wir retten Menschen, die möglicherweise sowieso bald sterben.“ (Boris Palmer)

„U.S. will see more death by keeping the economy shut than by Coronavirus.“ (Donald Trump)

Der Wind wird rauer, ein kalter Schauer läuft mir über den Rücken. Klar, es war von Beginn an davon auszugehen, dass der Wirtschaftssektor der Marktwirtschaft, der etwa 20% allen Wirtschaftens ausmacht, verbal massiv aufrüsten wird, denn ihm ist natürlich sehr daran gelegen, dass der alte weiße Mann Kapitalismus, auf den schon so oft halbseidene Abgesänge angestimmt worden sind, noch eine Weile weiterlebt. „Der Wirtschaftssektor“ und „alter weißer Mann Kapitalismus“, das sind natürlich Personifikationen… ; denn „der Wirtschaftssektor“ ist ja kein Lebewesen und kann deswegen auch nicht „verbal aufrüsten“ und der Kapitalismus aus denselben Gründen auch nicht „weiterleben“… also… aber ihr versteht schon, was ich sagen will, oder?

Bereits ein oder zwei Tage nachdem Trump Ende März von den „more death“ zu reden begann, fluteten hier in Deutschland „Wirtschaftsexpert*innen“ und sogar „Wirtschaftsethiker*innen“ (Dominik Enste) die Talkshows und Nachrichtensendungen, um diese Aussage für Deutschland in ähnlicher Form zu wiederholen. Nach ein paar Wochen der Corona-bedingten Schockstarre kommt der Kapitalismus in Gestalt all seiner von ihm profitierenden alten weißen Männer wieder hervorgekrochen und beginnt seinen Kampf ums Überleben. „Kampf ums Überleben“, „hervorgekrochen“: das ist… also das meine ich auch wieder… Kapitalismus ist ja kein… also… überleben und hervorkriechen können ja wie gesagt nur Lebewesen… ihr versteht mich schon, oder?

Seit ich diesen „more death“-Satz zum ersten Mal hörte, summt er in mir in den verschiedensten Tönen als Ohrwurm. Warum nur? Vielleicht, weil es für mich eine Herausforderung darstellt, mir vorzustellen, was genau – welche Tode oder Toten also – damit gemeint sind. Um den Satz nun nicht mehr nur in mir klingen zu hören, sondern um ihn auf einer „bodenständigeren“ Ebene auch denken zu können, musste ich genauer verstehen, wer oder was diese Tode oder Toten sind. (Insgeheim wunderte ich mich nur, dass ich – also gefühlt – anscheinend die einzige war, die nicht genau wusste, welche Tode oder Toten damit gemeint sind.) Ich habe nun drei mögliche Bezüge gefunden:

1. Zunächst einmal stellte ich mir vor, „die Wirtschaft“ höchstselbst erschießt, erwürgt oder schmeißt uns von der Klippe, wenn wir sie nicht sofort wieder hochfahren. Wie hat man sich „die Wirtschaft“ dann vorzustellen? Darf ich mir von ihr ein Bild machen oder von wem oder welcher Institution bekomme ich dann Ärger? Automatisch – das heißt, ohne es zu wollen – war ich wieder 10 einhalb Jahre alt und stellte sie mir als eine Mischung aus Gott, also einen alten weißen Mann mit weißem Rauschebart und dem Weihnachtsmann vor (und natürlich mischte sich auch immer wieder ein Trump-Putin-Bolsonaro-etcpp.-Verschnitt mit rein in Gesicht, Statur und Haar, ob ich nun wollte oder nicht). Zugegebenermaßen, diese Vorstellung reizte mich zunächst sehr: denn dann gäbe es eine Person, (oder drei-vier Personen,) auf die ich all meinen Ärger und Frust projizieren könnte. Ich könnte diese Person Wirtschaft richtig gemein und egoistisch und raffgierig finden. Und ich würde unschuldig mit den Augen klimpern, wenn irgendwer mir Nähe zum Antisemitismus vorwerfen würde. Aber dann gewann die Vernunft. Dass der Weihnachtsmann Menschen mit seiner Rute verdrischt, bis sie tot sind, oder Gott Menschen von der Klippe schmeißt… nein… das konnte einfach nicht sein. Unvorstellbar.

Eine andere Möglichkeit war, dass es sich bei dieser „Wirtschaft“ um eine Art abstraktes Monster handelt, so wie beispielsweise das Nichts in Die unendliche Geschichte von Michael Ende. Oder wie eine Computer-Höllenmaschine mit ganz vielen Schrauben und Ventilen und Schläuchen, die uns Menschen nur noch als Energiequelle nutzt und uns derweil immerhin den schönen kapitalistischen Traum träumen lässt á la Matrix. Aber irgendwie passte auch diese Version der Wirtschaft nicht so recht zu den Sprüchen der Männer zu Beginn des Artikels. Also warf ich diese Option aus meinem gedanklichen Klangkörper und versuchte, mein Hirn auf andere Denk- und Recherchierwege zu schicken.

2. Handelt es sich also vielleicht um eine Metapher? Ist das Runterfahren der Wirtschaft also tatsächlich gleichzusetzen mit dem Tod von vielen Menschen? In dem Falle müsste ich psychologisieren, oder? Weil es für manche Menschen, vor allem finanziell reiche und mächtige, schlicht „Tod“ bedeutet, wenn das Wirtschaftssystem, aus dem sie all ihren Reichtum und ihre Macht schöpfen, zerbrechen würde: So wie es Alexander Dibelius ganz klar in einem Interview mit dem Handelsblatt äußert: eventuelle Fahrverbote ist gleich Löffel abgeben (seine Wortwahl); radikaler Kohleausstieg ist gleich Löffel abgeben und ein Stopp der Autoproduktion wäre natürlich auch gleich Löffel abgeben. Es handelt sich dann für Männer wie Herrn Dibelius um eine Art gefühlte Wahrheit, bei der sie nur sich und niemanden als sich selbst im Blick haben. „Die Autoindustrie verliert ihre Macht“ ist gleich „Ich verliere meine Macht“, ergo „Ich bin ein Nichts“, ergo „Ich bin tot.“ Und/Oder: „Ich bin (finanziell) am Ende“, ergo „Ich bin nichts mehr wert“, ergo „Ich bin tot.“ Die Generierung abstrakten Reichtums durch Kapitalverwertung ist für diese Herren einfach Leben, das gilt es zu verstehen in dieser psychologisierten Lesart.

Ich weiß nicht warum, plötzlich sang ich öfter das Lied „Heidenröslein“. Das schöne Röslein wurde gebrochen. So wie Gretchen. Die Rose war die Metapher für ein Gretchenmädchen. Johann Wolfgang von Goethe verwandelte das Mädchen oder die Frau in eine Rose; anders hätte er selbst damals nicht über diese… ja um was handelt es sich hier… ja wahrscheinlich wie immer in Literatur und Poesie, um eine Mischung aus Realem, Fiktivem und Imaginärem… schreiben können.

Hätte er es nicht in eine schöne Metapher gepackt, würde es wohl ungefähr so klingen: „Sah ein Knab ein Mädchen steh’n, […] Und der wilde Knabe vergewaltigte das Mädchen auf der Heiden, obwohl sie sich wie verrückt wehrte und danach ihr ganzes Leben lang deswegen litt.“ Klingt nicht so gut, nicht so romantisch, so rotwangig und nach Wildfang, oder? Sehr clever also mit der Metapher, denn nun singen die Mädchen und Frauen – sich selbst im Blick des Jünglings erkennend oder projizierend und somit auch immer und immer wieder reproduzierend als rotwangig, romantisch, duftend etcpp. – dieses „Geschichtenlied“ selber auf den Heiden oder auch sonstwo. Warum? Ist die Kontiguität (in diesem Artikel erklärt Antje Schrupp den von Luisa Muraro in unser Denkspektrum gebrachten Begriff), die Verbindung zwischen Symbol und Bezeichnetem durch die Metaphorisierung derart zerstört, dass die Frauen sich selbst zwar als unwiderstehliches Ding, aber nicht als Opfer in dem Lied erkennen können, was sie dann wiederum befähigen könnte, zumindest gegen das Lied aufzubegehren? Oder erhalten sie die bedrohliche „Message“ doch als eine Warnung auf der bewussten oder unbewussten Ebene? Und falls ja, was ändert es, was können sie überhaupt ändern? Was also dann damit tun? (Mit genau dieser Frage der in Kinder- und Volksliedern enthaltenen Warnungen beschäftigen sich auch Elsa und Honeymaren in Frozen II. Hier habe ich darüber geschrieben.) Einfach weitersingen, das Nachdenken darüber einfach sein lassen, weil es „eh nichts bringt“, da sich ja sonst einfach alles ändern müsste, wenn die Dinge tatsächlich bis zum Ende durchgedacht und durchfühlt würden?

Was hat das Heidenröslein nun zu tun mit den Toden oder Toten durch wirtschaftlichen Shutdown? In dieser Lesart kann das Nachdenken und Schlussfolgern von einer Metaphorisierung auf die andere übertragen werden: So wie die Rose für das Mädchen steht, so steht das Runterfahren der Wirtschaft für den Tod von „mehr Menschen als durch das Virus“. Und wie die Frauen ihr Lied vom Heidenröslein, so zwitschern auch wir das Lied von den „more death“ bereits von allen Dächern. Wir glauben es bereits, wenn auch nur vielleicht ein ganz kleines bisschen. Und obwohl wir Trump, Palmer und Krause und wie sie alle heißen, natürlich weiterhin „gar nicht mögen“.

Und ganz plötzlich sind dann vor unserem inneren Auge doch nicht mehr die Männer allein Schuld, die solche Ungeheuerlichkeiten von sich geben, sondern nun ist es wieder „der Kapitalismus“, aus dem wir ja dann doch irgendwie nicht rauskommen (wollen). Den Kapitalismus statten wir eben nur mit menschlichen Eigenschaften aus (z.B. mit Sterblichkeit oder Gemeinheit), wenn es uns in den gedankenlosen Kram passt. Beispielsweise wenn… ja wenn auf Trumps Anordnung hin kleine süße Migrant*innenkinder ihren Müttern aus den Armen gerissen werden oder wenn er alle globalen Klima-Abkommen einfach so ins Meer kippt. Das Monster! Wir zählen eins und eins einfach nicht zusammen, wir können weder Trumps Handlungen in ihrem Zusammenspiel sehen, oder wollen es nicht, und wir wollen den Kapitalismus bitte sehr nur dann via Zauberkraft in leibhaftige Personen verwandeln, wenn wir das „Böse“ in Gestalt vor uns sehen wollen. (Hauptsache ist immer, wir sehen es nicht in uns selbst, nicht wahr, wir wollen uns ja nicht selbst „gemein“ und „egoistisch“ und „raffgierig“ finden.)

In Märchen gesprochen, stelle ich mir das folgendermaßen vor:

„Spieglein Spieglein an der Wand, zeig mir den, wegen dem alles grad an die Wand fährt!“

„Den einen Bösen gibt es nicht, das ist leider zu komplex, um das sehen zu können, um was es dir geht, müsste ich eine profunde Kapitalismuskritik vornehmen. Wir treffen uns von nun an auf unbegrenzte Zeit jeden Tag vier Stunden und beginnen auf S.49 des Kapitals…“

„Dafür habe ich keine Zeit und kein Hirn! Dann… zeig mir halt einfach einen bösen, sehr kapitalistischen Menschen!“

„Na gut, dein Wunsch sei mir Befehl, Schneewittchen gab es ja auch nicht, also here we go.“

Um Punkt zwei nun abzuschließen… also auch wenn das Metaphernlied leicht singbar ist und sicher an der „more-death“-Erzählung mitwebt: auch in dieser Lesart bleibt ein Rest, etwas Ungelöstes. Es muss noch eine andere Erklärung geben.

3. a) Sind damit also – und beim Umhören in meinem Bekannt*innenkreis war dies die Hauptlesart – eher indirekte Todesformen durch Firmenpleiten und finanziellem Ruin gemeint wie etwa Suizide?

b) Oder folgendes Szenario: Firma am Ende führt zu Arbeitslosigkeit führt zu Armut. Wird man/frau in den USA zudem krank – ob durch das Covid-19-Virus oder durch etwas anderes, ist dann egal –, ist das sehr schlecht, denn dann haben sie keine Krankenversicherung mehr und kein Geld, den Krankenhausaufenthalt zu bezahlen; ergo, es wird viel mehr Tote geben.

c) Zudem lese ich so viel zu häuslicher Gewalt, zumeist ausgeübt von Männern. Die Zahl von Femiziden und auch Kindertötungen seien seit dem Shutdown in allen Ländern, in denen Covid-19 aufgetreten ist, stark erhöht.

d) Auch könnten die Hungertoten gemeint sein, die in Ländern auf dem afrikanischen und asiatischen und amerikanischen Kontinent durch die nochmals gesteigerte Armut durch Arbeitslosigkeit rapide ansteigen werden. Zudem wird es Engpässe in der Versorgung geben, aus denen Hungersnöte entstehen; ergo es wird mehr Tote geben. Aber meint Trump diese Toten? I doubt it.

e) Dann gibt es noch dieses Szenario: Die Kämpfe um die noch verbliebenen Ressourcen in einem zwar zusammenbrechenden, aber bis zum bitteren Finale materialeinsaugenden System, werden noch härter ausgefochten werden, es wird mehr Kriege – vielleicht sogar den einen letzten Krieg – geben, ergo es wird sehr sehr viele Tote geben.

Vielleicht klinge ich gerade sehr apokalyptisch und kalt und von oben herab. Dabei ist das ja gar nicht mein Denken, sondern es ist dem „more-death“-Denken inhärent, das ich hier versuche aufzudröseln! Und so komme ich einfach nicht umhin, mir bei all dem verwundert die Augen zu reiben und mich zu fragen…: Was sagt das über das Gesellschaftssystem aus, in dem wir leben? Aber eben auch: Was sagt das über uns und unser Denken aus?

Wie kann das Gefühl in einem Menschen entstehen, dass mit dem finanziellen Aus – ob selber Schuld oder nicht, ist dabei völlig belanglos – auch das Leben zu Ende sein muss? Ist das nicht in allerhöchster Form unfassbar?

Wie kann es sein, dass ein Mann eine Frau tötet, weil er zu Hause mit ihr rumhängen muss? Es scheint ja beinahe so, als ob wir – lösungsorientiert wie wir sind – insinuieren: Um die Femizide und Kindertötungen wieder runterzuschrauben, sollen halt die toxischen Männlichkeitsmänner ganz schnell wieder arbeiten, damit sie weniger Chancen haben, ‚ihre‘ Frauen und Kinder zu töten“. Nochmal: Hören wir uns noch zu? Denken wir Gedanken zu Ende?

Wie kann es sein, dass es theoretisch und praktisch möglich wäre, Menschenleben zu retten, indem die Kranken medizinische Versorgung erhalten, aber dies wegen Fehlen finanzieller Mittel vieler Kranker einfach nicht getan wird? Wenn es theoretisch und praktisch möglich wäre, nahezu jeden Hungertod auf der Welt zu vermeiden, das aber nicht getan wird, weil… weil… ja weil es ja nicht UNS… also „uns“, damit meine ich jetzt gerade wieder nur uns „Westler*innen“… betrifft. Also… noch nicht. Checken wir dann eigentlich, dass diese prognostizierten und nun auch schon zu beklagenden Toten auch wieder zurückzuführen sind auf unser systeminhärentes Denken und Handeln, weil wir eben so umfassend umschlungen und gefangen sind in patriarchal-kapitalistischen Denk- und Fühlformen? Können wir uns jetzt ganz ehrlich nur Tote, erneuten und womöglich noch brutaleren Wachstumszwang, Krieg, Ausschluss, Grenzschließungen und den nackten Kampf ums eigene Überleben auf Kosten vieler anderer Menschenleben vorstellen?

Werden also all die Palmers und Krauses und Trumps auch diesmal mit ihrer neoliberalen „more death“-und „Alte-egal“-Erzählung durchkommen? Lassen wir uns eigentlich gern von neoliberalen Dystop*innen in Angst und Schrecken versetzen? Werden wir am Ende gar kuschen und sagen: „Okay okay, ich habe so viel Angst vor den ‚more death‘; also bitte ganz schnell wieder die Wirtschaft hochfahren, mit welcher wir dann zwar unseren Planeten binnen weniger Jahrzehnte lebensunwert für uns Menschen und so viele anderer Mitlebewesen rocken werden, aber hey… es geht doch ums JETZT! JETZT, AKUT müssen wir handeln… oder so… ist doch so… oder? Also los, fahren wir hoch! Business as usual! Alle wieder aufgesessen! Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt und das Gehirn auf dem Weg zur Arbeit ausgeschaltet und erst im Büro wieder angeschaltet, wenn es darum geht, die Frage zu beantworten, wie das Bruttosozialprodukt wieder gesteigert werden kann.“

Ist diese neoliberale Erzählung also weiterhin stark genug? Und dann? Ich sag nur Klimakatastrophe…. Und die ist schon jetzt mitten unter uns: April, April, er tut was er will, aber so wenig geregnet hat’s in diesem Monat noch nie… und zwar bereits in den letzten elf Jahren.

Sollten wir uns in dieser Phase, wo wir die Chance haben, die Krisen der Welt – vor allem die Corona- und die Klimakrise – als eine Krise zu erkennen, nicht regelrecht gezwungen fühlen, endlich über andere und neue Formen des Zusammenlebens nachzudenken? Sollten wir nicht gerade jetzt jene, die bereits andere und neue Formen von gesellschaftlichem Miteinander entwerfen und dabei unseren verletzlichen Lebensraum Erde mitdenken, mal laut und zur Prime Time zu Wort kommen lassen?

Ob wir „Westler*innen“ dann nicht mehr verlieren als gewinnen, fragen mich zaghafte Stimmen (unverkennbar in kapitalistischer Denkmanier) aus dem Off. Und: wenn wir uns nun in ein ganz anderes Gesellschaftssystem stürzen, das es ja noch gar nicht gibt, sterben dann nicht noch mehr Menschen? In einer Revolution oder so? Ich frage zurück: Möchten wir – oder lassen wir doch jetzt mal das einmummelnde „Wir“: möchtest DU, dass „noch mehr Menschen“ sterben? Die Stimme flüstert zurück, das läge doch nicht in ihrer Hand.

Hier scheinen sich die Geister immer zu trennen. Es gibt diese Einstellung „Ich kann eh nichts ausrichten“, die dazu führt, dass die Träger*innen dieser Einstellung auch nicht mehr ein Denken und Fühlen für die Welt von sich selbst aus zulassen. Luisa Muraro nennt diese aber notwendige Form des Denkens und Fühlens im 6. Kapitel von Auf dem Markt des Glücks „in erster Person nach Worten suchen“. Und sie fährt fort: „Eine Moral, die nicht die Kraft der Vermittlung zwischen mir und mir und zwischen mir und der Welt hat, taugt nichts. Sie ist nicht praktikabel und überzeugend. […] Vermittlung findet statt, wenn die Worte, die ich finde, um meine Erfahrung auszudrücken, mich diese Erfahrung so wahrnehmen lassen, wie ich es vorher nicht konnte, mir ermöglichen, sie besser zu verstehen, als sie mir zunächst erschien, sie mich akzeptieren und annehmen lassen, wie ich es vorher nicht konnte. Die Vermittlung, genauso wie die Wiederaufnahme, reduziert sich nicht auf eine Reproduktion oder eine Wiederholung, sie aktiviert einen Kreislauf und erweckt ein Mehr.“ (ebd.)

Wenn Worte wie „More death by keeping the economy shut than by Coronavirus“ mit Ideologie derart vollgesogen sind, dass sie schwer wiegen, schwer wie Blei, schwer wie Beton, sollten wir das dann nicht im Körper spüren? Wenn wir ganz genau in uns hineinhören? Was sagt die Erfahrung? Ist das Lied dann noch zwitscherbar?

Vielleicht ist es für viele von uns erstmal beruhigend zu hören, dass der Beginn eines Nachdenkens über andere Formen des Zusammenlebens genau dann beginnt, wenn wir – jede/r für sich oder auch mal alle gemeinsam – Worte suchen für diese Erfahrung, und dass, wenn dieses Mehr, von dem Luisa Muraro spricht, erst einmal erweckt wurde, sehr viel Lust auf mehr macht.

Fotos: Anne Newball Duke

Autorin: Anne Newball Duke
Eingestellt am: 21.05.2020
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Heike sagt:

    Danke Anne, sehr inspirierender Artikel!

  • Martin Mair sagt:

    Huch, immer dieses Schwarz-Weiß-Denken.
    Der von den großen starken Männern autoritär verordnete Shutdown ist ja bei weitem nicht die einzige Möglichkeit, mit dem Virus umzugehen!

    Japan hat über 125 mio Einwohner und unter 800 Tote laut Statistik und ist ohne autoritären Lockdown ausgekommen!

    Es gibt auch medizinische Gründe dagegen, weil die Versorgung anderer Kranker in der autoritären Variante leidet und insbesondere die Vorerkrankungen, die ein großes Risiko darstellen, unbehandelt bleiben! Expert*innen fordern daher auch mehr Aufmerksamkeit für die Behandlung der chronischen Vorerkrankungen, die auch wieder die unteren Schichten mehr betrifft.

    Auch sonst fällt auf, dass viele „Risikofaktoren“ zu den Zivilisationskrankheiten der westlichen Indsutriestaaten gehören. Ebenso dürfte es den Faktor Luftverschmutzung und andere Umwelteinflüsse geben. Da bleiben die Mitursachen ebenso verdrängt.

    https://www.aerztezeitung.de/Politik/Verschleppte-Krankheiten-oft-gefaehrlicher-als-Corona-408979.html

    https://www.aerztezeitung.de/Politik/Forscher-richten-den-Fokus-auf-indirekte-Folgen-der-Pandemie-408969.html

    Für das von den patriachalen Hindunationalisten regierte Indien werden mehr Tote durch medizinische Nichtversorgung befürchtet. Hier trifft es insbesondere die Armen, auch Frauen!

    https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(20)31089-8/fulltext

    Ebenso Kinder!

    Gerade in Bezug auf den Süden ist die Frage der sozialen Gerechtigkeit zu stellen!
    https://www.thelancet.com/journals/langlo/article/PIIS2214-109X(20)30249-7/fulltext

    Mit gutem Grund rät die WHO zu mehr Partizipation der Community!

    https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(20)31054-0/fulltext

    Oder medico: https://www.medico.de/ein-corona-manifest-17746/

    Ein Virus, dessen Sterberate etwa 5 x Grippe entspricht und weil es neu ist (und sich daher schneller verbreitet) das Gesundheitssystem zu überlasten droht (darum gings eigentlich) ist nicht wirklich „das größte Problem“ auf Erden.

    Hunger und Krieg und viele andere Killer bekommen auffallend wenig Aufmerksamkeit, haben aber viel mehr Opfer zur Folge.

    Auch die in Alten- und Pflegeheime abgeschobenen Alten erfahren keine Aufmerksamkeit, solange die „normale“ Grippe die Sterbekapazitäten des „Gesundheitssystems“ nicht überfordert und Schlagzeilen in den Sensationsmedien bringt.

    Da gäbe es massive grundlegende Kritik über den Umgang mit Leben und Tod in der kapitalistischen Industriegesellschaft zu formulieren!

  • Großartig geschrieben und toll bebildert!

  • Anne Newball Duke sagt:

    Vielen Dank für die positiven Rückmeldungen, liebe @Heike und @Sammelmappe. :)
    @Martin Mair, Danke auch für die Ergänzungen, die vielen Links! Ich habe mich durchgeklickt und sehe nirgendwo einen Widerspruch zu dem, was ich geschrieben habe.
    Ich glaube irgendwie auch nicht, dass das, was ich geschrieben habe, „Schwarz-Weiß-Denken“ ist. Ich habe meinen Finger in einen Satz gebohrt, der von vielen Menschen meines Erachtens viel zu schnell ins eigene Denken übernommen wird, ohne dass dessen Aussage und Wirkmächtigkeit durchdrungen wurde. Sicher, ich hätte viel mehr ansprechen können, viel viel mehr gehört dazugedacht, aber das sprengt dann doch den Rahmen eines solchen Artikels; mir ging es auch darum, dass dieser Artikel eine Möglichkeit, vielleicht einen Anfang darstellt, sich selbst zu befragen und weiter zu denken, so wie Sie es im Grunde tun.
    Sie haben recht: Das ganze Thema rund um die Folgen des Kampfes gegen die Corona-Pandemie im globalen Süden habe ich nur ganz wenig angetippt. Die ZEIT macht es diese Woche: https://www.zeit.de/2020/22/hungersnot-corona-pandemie-globaler-sueden. Die Überschrift hier, „Tödlicher als das Virus“, zielt auf eine ganze andere Form der Analyse hin; hier wird der Zusammenhang zwischen den Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie und den tödlichen Auswirkungen in den einzelnen Weltregionen (hier in Niger und einer Region in Indien) differenziert dargestellt. In dem Artikel, sowie auch in vielen, die Sie oben verlinkt haben, geht es um eine solche differenzierte Sichtweise, und es geht eben auch um das Anregen notwendiger Änderungen in der Gestaltung des globalen und lokalen (wirtschaftlichen) Miteinanders (siehe z.B. Ihr Link zum Corona-Manifest). Das finde ich gut, da sie mögliche Bedenken, Richtungen, Richtlinien und Wege aufzeigen je nach Region usw.
    Wogegen ich letzten Endes angeschrieben habe, sind vor allem die zwei Kernpunkte, die mit dem neoliberal durchdrungenen „more-death“-Denken á la Trump, Palmer, Krause, Dibelius etcpp. verbunden sind: Dass zum einen das Hochfahren der Wirtschaft die einzige Lösung ist, um wieder… ja… um was… den Vor-Corona-„Normalzustand“ wieder zu erreichen? Unseren („westlichen“) Wohlstand zu erhalten? (DAS ist für mich Schwarz-Weiß-Denken: wenn es darum geht, um alles in der Welt „zurückzuwollen“ ohne Rücksicht auf alle Warnungen aus dem Bereich Klima, Flüchtende etcpp.)
    Und zum anderen, dass der Satz und seine größtenteils nicht durchdrungene Wirkmächtigkeit oft sehr leichtfertig ins eigene Denken übernommen wird, um das eigene Denken ja nicht wirklich beanspruchen zu müssen, weil wenn dies einmal entzündet würde, nicht selten – wie ich oben bereits schrieb – „alles“, und damit meine ich jetzt erstmal grob und verallgemeinernd unsere Gesellschaftsordnung, anders und neu gedacht werden müsste. Und das ist doch für viele – nicht ohne Grund! – überfordernd und abschreckend. Und ich will aber dennoch genau dazu anregen und Mut machen und entzünden! Das brauchen wir doch so dringend, denn ein back for good wird es – so sehr es sich viele sicher erhoffen – nicht geben, ob die Zusammenhänge (z.B. zwischen den Krisen) nun verstanden wurden oder nicht. Und noch haben wir etwas Zeit und Spielraum (Klimaforscher*innen reden von höchstens einer Dekade…), selbst in andere und neue Richtungen zu denken und dann auch andere und neue Wege zu gehen.

Weiterdenken