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Care – ein Kriterium nicht nur in der Krise

Von Caroline Krüger

„Care“ ist das Wort der Stunde. Care-Berufe gelten nun, in der Corona-Zeit, als „systemrelevant“. Die Frage, um welches System es sich dabei genau handelt, drängt sich auf und wäre einen eigenen Artikel wert. Relevant für ein System, das die schlecht oder gar nicht bezahlte (Care)-Arbeit bisher für gegeben anschaute, da diese ja nicht „produktiv“ sei?

Die Care-Arbeiten in den Haushalten gewinnen an Bedeutung, wenn sich ein Grossteil des Lebens zuhause abspielt. Ist es eigentlich Arbeit, mit den eigenen Kindern zu spielen und zu lernen? Oder ist es erst Arbeit, wenn dies eine Lehrperson tut? Was unterscheidet Care-Arbeiten von anderen Arbeiten? Wie können wir damit umgehen, dass ein grosser Anteil der Care-Tätigkeiten im Allgemeinen unentgeltlich und kaum sichtbar verrichtet wird?

Wir leben in einer Zeit, in der diese Tätigkeiten sichtbarer werden. Es wird klar, dass Care unverzichtbarer Anteil jeden Lebens ist, von Anfang an. Alle Menschen werden abhängig und bedürftig geboren, und sie bleiben es auch, ein Leben lang. In der Mitte des Lebens, der Zeit, in der die Erwerbsarbeit höchste Bedeutung gewinnt, ist die Abhängigkeit weniger sichtbar als in der Jugend und im Alter. Diese mittlere Lebensphase wird traditionell als typisch für menschliches Dasein angeschaut. In der griechischen Antike und weit bis in die Gegenwart hinein stimmt die Vorstellung eines „Menschen“ mit der Vorstellung eines Manns mittleren Alters überein. Heute werden Kinder und Frauen nicht mehr explizit ausgeschlossen, dennoch wirkt die Vorstellung des Menschen als eines „autonomen Subjekts“ weiter. So wird unbewusst aus der mittleren Lebensphase ein scheinbar allgemeingültiges „Wir“ kreiert: „Wir“ kümmern uns um Kinder und Alte. Dieses „wir“ ist eines mit temporärer Zugehörigkeit, denn es gibt in den meisten Leben ein Vorher und ein Nachher: die Zeit, in der „wir“ selbst Kinder und die, in der „wir“ selbst Alte sind. Jetzt ist eine passende Zeit, sich dessen bewusst zu werden und über Care einmal als etwas nachzudenken, das uns alle auf vielfältige Weise betrifft, nicht nur dann, wenn wir gerade Patient*innen sind.

Care im engeren Sinn, Care im weiteren Sinn: Wovon sprechen wir?

Im derzeitigen Fokus sind vor allem die so genannten Care-Berufe. Care wird hier als ein Sammelbegriff für Berufe und Tätigkeiten genutzt, in deren Fokus das Sich-Kümmern steht, zum Beispiel Pflegeberufe, Lehramt, Erziehung, Raumpflege. Hier wird der Begriff Care in einem engeren Sinn verwendet, und es wird zu Recht darauf hingewiesen, dass diese Tätigkeiten Sichtbarkeit und Anerkennung, auch in monetärer Form, erhalten müssen – wir sehen alle die Bedeutung dieser Tätigkeiten jeden Tag von neuem. (Zum Care-Begriff im engen und im weiteren Sinn siehe auch: Ina Praetorius: Wirtschaft ist Care, S 51 ff.)

Es gibt allerdings sehr viele weitere wichtige Tätigkeiten, in deren Mittelpunkt nicht „Care“ im Sinn von Fürsorge und Pflege steht. Und es gibt andere Tätigkeiten, die vielleicht sogar nutzlos oder schädlich sind. Nur: Wer kann das beurteilen und nach welchen Kriterien? Das verbreitete Kriterium der Gewinnmaximierung (beispielsweise durch Effizienzsteigerung und Zeitersparnis) ist eines, das sich als untauglich erwiesen hat in Bezug auf die „Care“-Tätigkeiten im engeren Sinn. Es ist nicht möglich, schneller zu pflegen, Kinder rascher zu erziehen, Älteren das Essen „effizient“ zu verabreichen. Die Anwendung von Kriterien, die in der Güterproduktion sinnvoll erscheinen mögen, führen, auf Care-Tätigkeiten übertragen, zu Unmenschlichkeit und letztlich zum Scheitern. Versuchen wir es also einmal anders – indem wir „Care“ nicht nur als Bezeichnung für eine bestimmte Art von Tätigkeiten, sondern als Kriterium nutzen.

Bedürfnisse befriedigen, Care und Ökonomie

In ihrem bereits erwähnten Essay hat Ina Praetorius vorgeschlagen, die Ökonomie „vom erweiterten Care-Begriff her neu zu organisieren. (Dies) bedeutet also, dem anerkannten Kriterium, demzufolge als Ökonomie nur gilt, was menschliche Bedürfnisse befriedigt, wieder zu seinem Recht zu verhelfen.“ (ebd. S.53). Der 2015 gegründete Verein „Wirtschaft ist Care“ nimmt diesen Denkansatz auf und engagiert sich für den Paradigmenwechsel hin zu einer Wirtschaft, die Care ins Zentrum nimmt. Im Sinne des angeführten Zitats kann „Care“ in einem weiteren Sinn selbst als ein Kriterium verstanden werden, das auf alle Tätigkeiten angewendet werden kann.

Was ist überhaupt ein Kriterium? Und was hat es mit Krise zu tun?

Das Wort Kriterium und das Wort Krise teilen sich einen gemeinsamen etymologischen Ursprung. Zugrunde liegt die griechische Wurzel „krino“: ich unterscheide. Ein Kriterium ist etwas, das bei der Unterscheidung hilft. Eine Krise ist eine Situation, in der es Entscheidungen braucht.

In der griechischen Antike wurden Kriterien oft im Zusammenhang mit Wahrheit diskutiert. Ein Kriterium an sich setzt noch keinen Inhalt voraus, sondern stellt eine Hilfe für systematisches Nachdenken dar. Ein Kriterium kann also beispielsweise genutzt werden, um zu schauen, was wahr ist; ein anderes Kriterium kann genutzt werden, um Entscheidungen in Bezug auf das Handeln zu treffen.

Sextus Empiricus gibt in seinem „Grundriss der pyrrhonischen Skepsis“ eine kurze und auch heute noch passende Definition von „Kriterium“: „Allgemein bedeutet es jeden Erkenntnismassstab. In dieser Bedeutung werden auch die natürlichen Kriterien wie das Sehen so genannt. Speziell bedeutet es jeden künstlichen Erkenntnismassstab wie Richtscheit und Zirkel. Sehr speziell bedeutet es jeden Massstab für die Erkenntnis einer verborgenen Sache.“ (Sextus Empiricus: Grundriss der pyrrhonischen Skepsis. Frankfurt am Main, suhrkamp 1993, II, 15)

Sextus bestimmt drei Faktoren, die für das Kriterium von Bedeutung sind, nämlich das „Von wem“, das „Wodurch“ und das „Wonach“. Ein konkretes Beispiel wäre das folgende: Eine Mauer soll gerade ausgerichtet werden. Der Maurer oder die Maurerin wäre nun das „Von wem“, das Richtscheit das „Wodurch“ und das Anlegen des Richtscheits an die Mauer das „Wonach“.

Für die antiken Skeptiker war das Kriterium nicht nur wichtig als Unterscheidungsmerkmal und Entscheidungshilfe, sondern vor allem auch etwas, wonach sie ihr Handeln ausrichteten, „das Kriterium des Handelns, an das wir uns im Leben halten, wenn wir das eine tun und das andere lassen.“ Das Kriterium des Handelns der antiken Skeptiker war das Erscheinende bzw. die alltägliche Lebenserfahrung (SE PH I, 21, 23).

Der kurze Exkurs in die Antike zeigt, dass ein Kriterium ein Erkenntnismassstab ist, der uns hilft zu unterscheiden und uns auch helfen kann, unser Handeln danach auszurichten. Was genau dieses Kriterium sein muss, ist nicht vorherbestimmt, sondern es hängt davon ab, wozu es benützt werden soll.

Wollen wir eine Mauer bauen, benötigen wir ein anderes Kriterium für die konkrete Ausführung, als wenn wir beurteilen wollen, ob eine Tätigkeit in einer Gesellschaft gut und sinnvoll ist.

Kann „Care“ ein Kriterium sein?

Wenn wir als Ziel eine Gesellschaft ansehen, die ein gutes Leben für alle und jede*n ermöglicht – ein Ziel, das sich zum Beispiel in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte widerspiegelt – dann können wir „Care“ als ein Kriterium bestimmen, das uns anzeigt, ob eine Tätigkeit gut und sinnvoll im Hinblick auf dieses Ziel ist. Aus dem antiken Beispiel lernen wir auch, dass ein Kriterium nicht nur der Erkenntnis dienen muss, sondern durchaus handlungsleitend sein kann.

Wie benutzen wir also „Care“ als Kriterium?

Wenn wir nun Care („Wodurch“) als unser Kriterium wählen und uns selbst als Anwendende („Von wem“), dann benötigen wir eine Methode, mit der wir dieses Kriterium benutzen („Wonach“). Wie legt man Care als Kriterium an Tätigkeiten an? Diese Frage kann rein theoretisch nicht abschliessend geklärt werden, es braucht ein Ausprobieren, Diskutieren und Aushandeln. Dies hängt auch damit zusammen, dass das „Von wem“, das „Wir“ nicht klar bestimmt ist – wir Menschen sind verschiedene. Das zu Beginn beschriebene temporäre „Wir“ ist nicht geeignet in diesem Zusammenhang, sondern es ist wichtig, in diesem „Wir“ zu integrieren, dass Menschen abhängig und bedürftig sind. Konkret ist der Mensch, der das Kriterium anwendet, eine verletzliche bedürftige Person, eher ein Baby als ein „Mann im besten Alter“.

Es gibt bereits Ansätze, Care als Kriterium zu nutzen. Neben den bereits erwähnten Arbeiten des Vereins „Wirtschaft ist Care“ hat im englischen Sprachraum David Graeber in seinem viel beachteten Buch „Bullshit Jobs“ (erschienen auf Deutsch 2019, Klett-Cotta) damit begonnen. Ein „Bullshitjob“ ist ein Job, den die Person, die ihn ausübt, für nutzlos oder sogar schädlich hält. Das heisst, das Kriterium wird nicht von aussen angelegt, sondern die ausübende Person wendet es selbst an. In einem weiten Sinn ist das angelegte Kriterium hier „Care“ – denn Care bedeutet auch Sorgfalt, nützlich und hilfreich sein oder zumindest „Nicht schaden“. Care bedeutet auch die Befriedigung von Bedürfnissen. Diese Befriedigung ist das Ziel der Wirtschaft und des Wirtschaftens (siehe hierzu auch Ina Praetorius: Wirtschaft ist Care. Was sonst? In: Korrespondenzblatt Nr. 4 April 2019).

Es ist daher notwendig zu schauen, was eigentlich Bedürfnisse sind und wie sie befriedigt werden können. Und es ist wichtig, dies anhand eines Kriteriums von Tätigkeiten zu unterscheiden, die zwar einem Zweck dienen, aber womöglich einem anderen als der Befriedigung von Bedürfnissen – wie der Gewinnmaximierung. Gewinnmaximierung ist kein Bedürfnis.

Das Kriterium Care und der Brückenbau

In seinem Buch führt Graeber als ein konkretes Beispiel den Bau einer Brücke an. Das Beispiel illustriert, wie wir Care als ein Kriterium anwenden können. Der Bau einer Brücke hat sicherlich einen Sinn, einen erwarteten Nutzen und wird hoffentlich sorgfältig durchgeführt. Wir fragen nun, welches Bedürfnis dadurch erfüllt wird. Diese Frage kann zum Beispiel wie folgt beantwortet werden: Wir bauen eine Brücke, weil Menschen das Bedürfnis haben, einen Fluss zu überqueren (vielleicht, weil auf der anderen Seite des Flusses ein anderes Dorf ist, oder eine Schule oder fruchtbares Land). Die Brücke erleichtert das Hinkommen, eventuell ist der Weg so weniger gefährlich. Das zugrunde liegende Bedürfnis erscheint klar, und dadurch sehen wir das Kriterium Care erfüllt. In diesem Beispiel fungiert das „Wir“ der Gesellschaft als „Von wem“, Care als „Wodurch“ und das Abwägen von verschiedenen Argumenten in Bezug auf Bedürfnisse als „Wonach“.

Dass diese Beurteilung nicht immer einfach ist, nicht einmal in diesem scheinbar banalen Fall, müssen wir uns ins Bewusstsein rufen (Ein interessanter Text zu der Schwierigkeit, Bedürfnisse abzuwägen, findet sich im Blog des Instituts für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung: Thomas Sablowski: Was ist notwendige Arbeit? Und wer entscheidet darüber? (23. März 2020).

Care als Kriterium erzeugt kein Rezept, das wir einfach auf alle Situationen gleich anwenden können. Das Kriterium ermöglicht eine strukturierte Betrachtung. Die Beurteilung muss allerdings in jedem Fall einzeln erfolgen.

Stellen wir uns nun zum Beispiel vor, die Brücke sei eine Brücke in der Grossstadt Istanbul. Vor dem Bau der Yavuz-Sultan-Selim-Brücke wurde eine Diskussion über die zugrundeliegenden Bedürfnisse und den Nutzen geführt. Es gab bereits zwei Brücken über den Bosporus, als 2013 der Bau einer dritten Brücke begonnen wurde. Auf den ersten Blick erscheint die Situation ähnlich wie im vorigen Beispiel. Es gab ein Bedürfnis, den Bosporus zu überqueren, es gab oft Stau auf den beiden vorhandenen Brücken, so dass man davon ausgehen konnte, dass es sinnvoll und nützlich wäre, eine weitere Brücke zu bauen, um diesen zu verringern. Es gab aber auch Widerstand gegen die dritte Brücke, denn es wurde befürchtet, dass die Verkehrsstaus auf den beiden bestehenden Brücken durch die weit im Norden stehende neue Brücke gar nicht verringert würden. Denn die dritte Brücke wurde vor allem für den Fernverkehr (Hochgeschwindigkeitszug und Autobahn) gebaut. Ausserdem, so die Kritik, zerstöre die Autobahn Wälder, die für die Trinkwasserversorgung Istanbuls unverzichtbar seien. Dem Bedürfnis, den Verkehr zu optimieren, stand also das Bedürfnis nach Umweltschutz entgegen. Die Brücke wurde 2016 fertig gestellt.

In diesem Beispiel gab es kein einheitliches „Wir“, das die Funktion „Von wem“ übernehmen und das Kriterium Care anlegen konnte. Vielmehr gab es verschiedene Gruppen, die Argumente vorbrachten.

Es wäre hilfreich, ein übergeordnetes „Von wem“ zu bestimmen, das die Argumente abwägen und die Entscheidung treffen sollte. In einer Zivilgesellschaft, in der es immer Aushandeln und politische Prozesse braucht, ist dies kein einfacher Prozess und sollte als eine Schwierigkeit im Auge behalten werden.

Wenn wir als nicht Beteiligte (ein anderes „Von wem“) von aussen das Kriterium Care anlegen, erscheint der Umweltschutz als Argument dieses eher zu erfüllen. In diesem Fall wäre der Bau der dritten Brücke eher keine Care-Arbeit.

Dieses Beispiel zeigt, dass die Anwendung des Kriteriums Care, wie die Anwendung jeden Kriteriums, nicht einfach ist und nicht standardmässig erfolgen kann. Nicht jede Brücke erfüllt ein einziges Bedürfnis und nicht jeder Brückenbau ist auch Care-Arbeit. Daher ist das Kriterium Care immer wieder neu anzulegen und alle Aspekte (auch das „Von wem“, das „Wodurch“ und das Wonach“) müssen jeweils neu betrachtet werden.

Blick in die Zukunft

Schon Sextus Empiricus fand viele Einwände bezüglich jeden Versuchs seiner argumentativen Gegner, ein Kriterium zu finden und anzuwenden, das widerspruchsfrei wäre. Vermutlich müssen wir uns vom Wunsch verabschieden, widerspruchsfrei argumentieren zu können. Care erscheint als ein sinnvolles Kriterium, auf das hin wir unser Argumentieren und Handeln ausrichten können, nicht notwendigerweise als das einzige Kriterium.

Es ist wertvoll, ein Kriterium zu definieren, um argumentieren zu können. Zudem ist es sinnvoll, sich dieses Kriterium bewusst zu machen und es zu benennen. Die Bewertung von Tätigkeiten, die derzeit vorherrscht, orientiert sich auch an Kriterien – Gewinnmaximierung, Effizienz, Ressourcenverbrauch sind einige davon. Diese werden nicht extra deklariert, sie erscheinen uns „normal“. Durch die derzeitige Krise wird dieses „normal“ in Frage gestellt, und die Gesellschaft bemerkt, dass die Tätigkeiten, die „normalerweise“ als wichtig erscheinen, nicht mehr die allerwichtigsten sind. Auf viele hochbezahlte Managerjobs – die Art, die David Graeber in seinem Buch beschreibt – können wir ganz gut verzichten in der Krise. Auf andere, die „normalerweise“ wenig beachtet werden, die schlecht oder gar nicht bezahlt werden – wie Pflegeberufe oder Care-Tätigkeiten im eigenen Haushalt – können wir als Gesellschaft und als einzelne nicht verzichten.

Durch diese Aktualität und das Sichtbarwerden einer anderen Bewertung wird klar, dass wir andere Kriterien zur Bewertung von Tätigkeiten benötigen. Das Kriterium „Care“ auch auf die „Care“-Tätigkeiten anzuwenden könnte ebenfalls interessante Erkenntnisse ermöglichen. Denn auch wenn der Inhalt einer Tätigkeit Care im engeren Sinn ist, so ist es doch auch von Bedeutung, wie diese ausgeführt werden kann, unter welchen Bedingungen und durch wen.

Care als Kriterium ist eine gute Option – ein Kriterium nicht nur für die Krise, sondern für das neue „normal“ für Entscheidungen in einer Gesellschaft, die das gute Leben aller im Blick hat.

Autorin: Caroline Krüger
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 26.06.2020
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Esther Gisler Fischer sagt:

    Liebe Caroline
    Danke herzlich für diesen gewichtigen Beitrag!
    Mlg. Esther.

  • Die erste Frage, die du, Caroline, uns hier stellst, bevor du uns gleich mehrere notwendige Denkaufgaben schenkst, möchte ich beantworten: Wenn wir von „systemrelevanter“ Arbeit sprechen, kann sinnvollerweise nur das Ökosystem Erde gemeint sein. Denn es gibt keinen guten Grund, weshalb Care-Arbeitende das patriarchal-kapitalistische System weiterhin unterstützen sollten, das sie ausbeutet, um den Lebensraum Erde kaputt zu produzieren. – Und jetzt die Denkaufgaben: 1. Care zum Kriterium zu machen, bedeutet nicht, ein benutzer*innenfreundliches Werkzeug in die Hand zu kriegen, das immer und überall gleich funktioniert. Es bedeutet, an unwiederholbare Entscheidungssituationen einen noch ungewohnten, noch ungefestigten Massstab anzulegen. Wo/wie lernen wir das? Wie gewinnen wir die Autorität, die es dazu braucht? 2. Care als Kriterium einzusetzen, impliziert eine tiefgreifende Veränderung des Norm-Menschenbilds: „Der Mensch“ ist jetzt „eher ein Baby als ein Mann im besten Alter“. Wie geht das: eine implizite, über Jahrhunderte eingeschliffene Norm aus den Angeln heben? 3. Wenn Care im weiten Sinne die Befriedigung von Bedürfnissen meint, braucht es eine klare Vorstellung davon, was ein (legitimes?) Bedürfnis ist. Wie gewinnen wir die? 4. „Vermutlich müssen wir uns vom Wunsch verabschieden, widerspruchsfrei argumentieren zu können.“ Ja. Um zur grundsätzlichen Widersprüchlichkeit von Argumenten in Verhandlungen stehen zu können, braucht es vielleicht wieder vor allem eins: Autorität (oder?) Wie entsteht sie? 5. Care im weiten Sinn zum Kriterium zu machen, bedeutet auch, Care-Tätigkeiten im engen Sinne einer Kritik zu unterziehen. Wie geht das in einer Welt, in der noch nicht mal allgemein anerkannt ist, dass Care als Arbeit überhaupt existiert? – Wie schön: Wir haben viel zu tun! Danke für die Steilvorlage!

  • Liebe Caroline,
    das (An-)Gebot, Care selber als Kriterium zu verwenden, findet sich meines Erachtens im deutschen Grundgesetz wieder. In Artikel 1 GG wird die Würde des Menschen als unantastbar deklariert. „Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“
    Und auch hier zeigen sich die Unschärfen in der Auslegung und Transformation in den lebendigen Lebensraum, wie du sie bei der Anwendung von Care als Kriterium deutlich gemacht hast.
    Dazu kommt M.E., dass im GG die Staatliche Gewalt in die Pflicht genommen wird und damit quasi eine paradoxe Situation entstehen könnte.
    Wenn ich mir staatliche Krankenhäuser, Kindergärten, Schulen, Altenheime, Polizei, etc. ansehe, die gemeinhin und auch nach deinen Ausführungen zum Care Bereich dazu gehören, dann kann ich nur bemerken, dass Artikel 1 Absatz 1 Grundgesetz sehr oft zugunsten eines wirtschaftlichen Interesses nicht beachtet wird.
    Wenn nun schon der Hüter der Schutznorm (Staat) als Vorbild nur wenig taugt, so sind die Leistungen von einzelnen Gruppen und Menschen, die hier unglaublich wertvolle Arbeit machen, gar nicht genug anzuerkennen.
    Und ja, das geht etwas an deiner Argumentation vorbei Caroline. Und vielleicht auch nicht.
    Die Würde bzw. der Wert des Menschen und Care unterscheiden sich eventuell nur in ihrer Prozessqualität.
    Care nicht mehr als „TUN“ in den Mittelpunkt zu stellen sondern als Maßstab für gutes Handel, verändert den Blick. Von hier aus gesehen rückt er sehr nah an Würde und Wert heran, ist ebenbürtig und gleichermaßen relevant!
    In einer komparativen Betrachtungsweise könnte es dann in etwa so heißen: „A handelt dann mehr nach dem Maßstab von Care als B, wenn er mehr als B von dem Erfordernis eines finanziellen Vorteils bei seinen Entscheidungen absieht, zugunsten der Bedürfnisse der Menschen in ihren jeweiligen Lebensphasen und -Umständen.
    Und selbst das möchte ich gleich wieder relativieren und einladen, weiter zu forschen und in eurem Sinne Weiterzudenken!
    Danke für den Impuls!!!

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