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Der Schrecken verliert sich vor Ort

In wenigen Tagen, am 27. Januar 2018, jährt sich der Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz zum 73. Mal. In diesem Zusammenhang erzählt Juliane Brumberg über ihre Erfahrungen mit dem Buch „Der Schrecken verliert sich vor Ort“ von Monika Held.

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Der neue Western kommt aus dem Osten. Und er ist weiblich.

In ihrem Film „Marlina – Die Mörderin in vier Akten“ erzählt die indonesische Regisseurin Mouly Surya die Geschichte eines weiblichen Widerstands gegen patriarchale Gewalt.

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Integrationstheater mit Frauen: Eine wichtige Gruppe fehlt

Safeta Obhodjas kritisiert, dass bei der Integrationsdebatte vieles schief läuft. Vor allem eine Gruppe bekommt viel zu wenig Unterstützung, auch von deutschen Feministinnen: Die rebellischen Frauen, die sich gegen patriarchale Strukturen in Zuwanderermilieus zur Wehr setzen und sich daraus befreien.

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Katharina und die Stimmen

In ihrem neuen Buch: „Katharina und die Stimmen“ schreibt Barbara Degen über viele Themen, die für Mädchen und junge Frauen wichtig sind .

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Bedürftigkeit zulassen, aus der Verletzlichkeit heraus handeln

#MeToo. Was ist das für eine Angst vor der eigenen Verwundbarkeit und Hilflosigkeit? Eine persönliche Antwort.

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Nein! Wir Mütter sind nicht immer an allem Schuld!

Wenn bei der Kindererziehung etwas nicht rund läuft, werden häufig die Mütter dafür verantwortlich gemacht. Katharina Nachtsheim nervt das.

Vorpreschen oder erst nachdenken? Beides!

Von Dorothee Markert

Mein Karatetrainer hat mich darauf hingewiesen, dass ich vor jedem Angriff und jeder Abwehr eine zusätzliche Ausholbewegung mache, die meiner Aktion Stärke nimmt und sie verzögert. Es fällt mir sehr schwer, diese Bewegung nicht zu machen, es geht mir so richtig „gegen den Strich“, doch wenn es mir gelingt, sie mir abzutrainieren, merke ich, dass er Recht hat. Meine Stöße und Blocks kommen dann schneller und kräftiger und strengen mich ohne das zusätzliche Hin und Her körperlich auch weniger an.

Zu dieser Erfahrung fiel mir eine amerikanische Untersuchung über die Wirkung von Testosteron ein, von der vor ein paar Monaten in meiner Tageszeitung berichtet wurde: Ein erhöhter Testosteronspiegel stärke entweder das „Bauchgefühl“ des Rechthabens oder es hemme den Prozess, eine Entscheidung nochmals zu überdenken. Mehr Testosteron führe jedenfalls dazu, dass eine spontane Entscheidung nicht mehr in Zweifel gezogen werde. So stärke die vermehrte Freisetzung von Testosteron in kritischen Situationen das Selbstvertrauen und damit die Überzeugung, richtig entschieden und gehandelt zu haben. Die Untersuchung zeigte aber auch, dass die Gruppe, die zusätzliches Testosteron erhalten hatte, bei Denkaufgaben deutlich mehr Fehler machte als die Kontrollgruppe.

Das Mehr an Testosteron ist also ein Vorteil, wo es um schnelles Reagieren und Vorpreschen geht, also in Angriffs-, Flucht- und Verteidigungssituationen, aber ein Nachteil, wenn es wichtiger ist, Dinge gründlich zu überdenken, was auf deutlich mehr Situationen unserer heutigen Lebensweise zutrifft.

Zahlreiche Beispiele fallen mir dazu ein. Wir alle kennen das Vorpreschen von Männern bei öffentlichen Diskussionen, wo sie sich fast immer als erste melden, während ich oft so lange über meinen Beitrag nachdenke, bis mein Thema vorbei ist oder die Rednerliste geschlossen wird. Für den Verlauf der Diskussion wäre es aber vielleicht besser gewesen, wenn auch mein Beitrag darin vorgekommen wäre. Meine zusätzliche Ausholbewegung erinnert mich an die vielen Frauen aus meinem Bekanntenkreis, die genau wie ich mehrere Runden an Zusatzausbildungen und Weiterbildungen drehten, bevor sie sich zutrauten, beruflich aktiv zu werden. Als Lehrerin war mir lange nicht aufgefallen, dass einige Jungen den Stoff überhaupt nicht verstanden hatten, weil sie im Mathematikunterricht immer so selbstsicher gewirkt hatten, das merkte ich erst beim nächsten Test. Es dauerte ebenfalls eine Weile, bis ich begriff, dass meine Kollegen, die sich ohne jedes Zögern an Computerprobleme oder an schwierige Reparaturen herantrauten, in Wirklichkeit auch nicht mehr davon verstanden als ich. Doch sie fingen einfach an herumzuklicken oder ein Gerät aufzuschrauben und hatten damit auch manchmal Erfolg, auf jeden Fall öfter als ich, die es gar nicht erst versuchte.

Dass Frauen trotz besserer Ausbildungen und Abschlüsse beruflich oft nicht so gut vorankommen wie Männer, hat sicher, abgesehen von nach wie vor allgegenwärtigen männlichen Seilschaften, auch den Grund, dass sie mehr Selbstzweifel haben und daher nicht so selbstsicher auftreten können. Und dass sie vieles auch gar nicht erst versuchen. Das Zögern bei Gehaltsforderungen ist ein weiteres Beispiel.

Verständlich also, dass Frauen, die vorankommen wollen, sich ihre „Ausholbewegungen“, ihr Zögern und ihre Selbstzweifel abtrainieren, solange das schnelle Vorpreschen immer noch mehr gilt und mehr bringt, um in eine Führungsposition zu kommen. Für den Zustand unserer Erde und unserer Welt wäre es aber besser, wenn als Führungseigenschaft auch die „Ausholbewegungen“ einen höheren Stellenwert bekämen. Denn je nach Situation ist beides wichtig, schnell vorzupreschen oder erst noch einmal nachzudenken. Und deshalb ist es so gut, dass es die Differenz gibt, zum Beispiel die zwischen Menschen mit mehr oder mit weniger Testosteron.

Autorin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 01.01.2018
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… ist ein Internetforum, das, von Beziehungen unter Frauen ausgehend – daher der Titel – , ein philosophisches und politisches Gespräch ermöglicht. Es ist aus dem Wunsch der Initiatorinnen heraus entstanden, eine Plattform für Ideen zu schaffen, die ausgehend von der weiblichen Liebe zur Freiheit die Welt verstehen und Gesellschaft gestalten. Es bietet eine Möglichkeit, Gedanken zu entwickeln und zu diskutieren, unterschiedliche Projekte und Netzwerke miteinander in Kontakt und ins Gespräch zu bringen, Informationen auszutauschen, sich inspirieren zu lassen, neue Ideen zur Welt zu bringen. An diesem Projekt kann sich grundsätzlich jede Frau aktiv beteiligen, die in irgendeiner Weise mit einer der Redakteurinnen oder Autorinnen in Beziehung tritt.

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Illustration: Annekatrin Zint