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WALCHENSEE FOREVER- Mütter und Töchter, Hippies und Tabus

Schon 2020 erschien der großartige Dokumentarfilm “Walchensee forever”, der matrilinear eine Familiengeschichte über drei Generationen erzählt. Jutta Pivecka hat ihn erst jetzt gesehen – und kann ihn unbedingt empfehlen. Nicht verpassen!

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„Die schönste Revolution des 20. Jahrhunderts“

Vor zwanzig Jahren erschien der FIlm „Sottosopra – Die schönste Revolution des 20. Jahrhunderts“ von Gabriele Schärer. Er handelt vom Ende des Patriarchats, also davon, wie Frauen ihre Freiheit entdecken und die bisherige symbolische Ordnung der Männerherrschaft in Frage stellen. Aus Anlass des Jubiläums ein Interview mit der Regisseurin.

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Unterwegs mit einem Plakat über die Weisheit der Frauen

Heidi Malzacher aus Stuttgart hat ein Plakat an ihrem Einkaufswagen befestigt, auf dem steht „Unsere Welt braucht die Weisheit der Frauen“. Darüber kommt sie mit vielen Menschen in interessante Gespräche, auch mit Männern. Antje Schrupp hat sie zu ihren Erfahrungen befragt.

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Corona. Care. Gott.

Bei Care geht es um alles menschliche Handeln in der Welt, das darauf abzielt, das Beziehungsnetz, in das alles und alle eingebettet sind, zu erhalten und zu erneuern, schreibt Anne Claire Mulder.

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Sonst nichts.

Jutta Pivecka las “Am Montag werden sie uns lieben” der katalanischen Autorin Najat El Hachmi, in dessen Zentrum die Freundschaft zweier junger Frauen steht, die sich aus ihrer patriarchalisch-muslimischen Herkunftswelt befreien wollen.

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„Pseudo-Feminist!“ Liebe in Zeiten des Kapitalismus in Triangle of Sadness

Ruben Östlund basht auch in seinem neuen Film den Feminismus. Oder was genau ist es, was er da basht? Kaum hatte ich angefangen, darüber nachzudenken, war ich schon mittendrin, über Liebe und Gewalt im Kapitalismus zu philosophieren.

Zum 80. Geburtstag von Alice Schwarzer

Von Antje Schrupp

Nachdem es jetzt rum ist, auch noch meine drei Cent zu Alice Schwarzer. Die Erzählung ging ja hauptsächlich darum, ob man ihr dankbar sein soll oder nicht. Die einen sagen aus bekannten Gründen ja, die anderen aus ebenso bekannten Gründen nein. Oder, als Kompromiss: Was sie früher gemacht hat, war gut, dann wurde es schlecht. Oder, wenn man eine Kontinuität sucht: Sie war eine persönlich schwierige Frau, man konnte schwer mit ihr zusammenarbeiten.

Ich würde es ja besser gefunden haben, wenn man sich inhaltlich mit ihren Positionen auseinandergesetzt hätte. Denn die Frage ist doch nicht, ob man ihr dankbar ist oder nicht, sondern ob – wo und wo nicht – man mit ihr übereinstimmt.

Für mich kann ich sagen, dass ich als junge Frau am Anfang meiner feministischen Politisierung (mit Anfang 20, also Mitte der 1980er) von Alice Schwarzer gelernt habe, die krasse patriarchale Struktur unserer Kultur zu sehen. Das Ausmaß zu erkennen, in dem die Welt männlich dominiert ist, von männlicher Macht, männlichem Geld und vor allem von männlicher symbolischer Ordnung. Und diese radikale Analyse war neu, es war nicht die von Schwarzer allein, sondern die der Frauenbewegung, aber Schwarzer trug sie in den Mainstream und damit auch zu mir.

Schwarzers politische Reaktion auf diesen Befund war: Frauen müssen gleichberechtigten Anteil an dieser Macht, diesem Geld, dieser Ordnung haben. Als Zwanzigjährige erschien mir das total plausibel. Ich erinnere mich besonders an die Debatten über „Frauen in die Bundeswehr“, wo viele ältere, „grünere“, „linkere“ Feministinnen schon damals sagten, naja, das ist vielleicht nicht so ganz die klügste Lösung, sollten wir das Problem nicht etwas breiter und grundsätzlicher angehen – und da stimmte ich ihnen auch durchaus zu.

Aber meiner (und Schwarzers) Punkt war: Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Frauen müssen in die Bundeswehr, denn nur das ist gerecht, Punkt, basta. Ob wir dann außerdem vielleicht auch noch den Militarismus hinterfragen, irgendeine Friedenspolitik machen usw., das können wir dann ja diskutieren. Aber Frauen deswegen NICHT in die Bundeswehr zu lassen, ist nicht richtig.

Ich finde, diese Position verdient durchaus Aufmerksamkeit. Ich kann (natürlich, weil ich das damals selber vertrat) verstehen, dass man sie vertritt, aber heute finde ich sie falsch. Denn später kam ich (dank der Begegnung mit dem italienischen Differenzfeminismus) zu der Auffassung, dass eine Beteiligung von Frauen an der männlich geprägten symbolischen Ordnung nicht gleichgültig ist (nach dem Motto: Wie wir zur Bundeswehr stehen, ist unabhängig davon, ob nur Männer oder auch Frauen drin sind, also die Position Schwarzers), sondern dass sie diese symbolisch bestärkt (eine Bundeswehr, in der nicht nur Männer, sondern auch Frauen sind, hat eine größere Legitimität).

Alice Schwarzer hat solche Einwände gegen ihren simplizistischen Gleichheits-Feminismus, die ja schon damals auch von vielen, vielen Feministinnen vorgebracht wurden, nicht verstanden – oder nicht verstehen wollen, was aber auf dasselbe rauskommt. Sie hat diese Position als „Differenzialismus“ diffamiert, nach dem Motto: Das sind alles weiblich-essenzialistische Friedenstussis, die ihre Forderung nach Frauen in der Bundeswehr nicht unterstützen.

Von hier aus erklären sich meiner Ansicht nach auch die späteren Fehleinschätzungen Schwarzers. Sie hat nicht verstanden, dass die Gleichberechtigung im Westen die weißen bürgerlichen, einheimischen cis-Frauen zu einem stärkenden Faktor der weißen, bürgerlichen, anti-migrantischen symbolischen Ordnung macht und damit die Grenzen, die das Patriarchat zwischen Männern und Frauen zieht, einfach nur anderswo hin verlagert. Sie hat nicht verstanden, dass die eurozentristische, patriarchale, koloniale Norm durch die Emanzipation der Frauen nicht etwa untergraben wird, sondern glaubwürdiger! Und dass die Emanzipation der Frauen aus genau diesem Grund NIEMALS von einer Kritik anderer Diskriminierungsformen getrennt werden darf.

Es ist, lange Rede, kurzer Sinn, meiner Ansicht nach nicht eine moralische Untugend, die Schwarzer diese intersektionalen Anliegen „vergessen“ lässt, sondern der Fehler liegt in der Struktur ihrer politischen Analysen. Schon ganz von Anfang an. Nur dass dieser Fehler in einer Zeit, in der die faktischen (rechtlichen, sozialen, kulturellen) Diskriminierungen gegen Frauen aufgrund ihres Geschlechts noch so krass waren wie damals, nicht so unmittelbar deutlich ins Auge gefallen ist wie heute, wo die meisten dieser Diskriminierungen abgeschafft wurden.

Wenn vielleicht auch nicht alle. Denn, muss man doch aus einer simplizistisch gleichstellungspolitischen Perspektive mal fragen: Wann wurden Kommentare zu einem männlichen Intellektuellen anlässlich seines 80. Geburtstag mit der Frage eingeholt, ob man ihm „dankbar“ sei? Anstatt mit der Frage, wie man zu seinen inhaltlichen Positionen und Forderungen steht?

Autorin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 06.12.2022
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Illustration: Annekatrin Zint