beziehungsweise – weiterdenken http://www.bzw-weiterdenken.de Forum für Philosophie und Politik Fri, 27 Mar 2020 08:18:05 +0000 de-DE hourly 1 Auch eine Deportation: In eine Männlichkeit, die von der Welt der Frauen getrennt ist http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/03/auch-eine-deportation-in-eine-maennlichkeit-die-von-der-welt-der-frauen-getrennt-ist/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/03/auch-eine-deportation-in-eine-maennlichkeit-die-von-der-welt-der-frauen-getrennt-ist/#comments Fri, 27 Mar 2020 08:18:02 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15519
Foto: Dorothee Markert

Dem zweiten Teil des sechsten Kapitels aus Luisa Muraros Buch Auf dem Markt des Glücks gab ich den Titel „Wie eine Deportation“. Er bezieht sich auf Muraros Aussage, die Emanzipation im Sinne einer Angleichung an das Leben der Männer sei durch die Frauenbewegung gestoppt worden, weil die Frauen durch sie von sich selbst, von ihrem Erleben und von ihrem Begehren weggeführt worden wären, wie bei einer Deportation. Dieser Gedanke und vor allem der Begriff der Deportation regten mich zum Weiterdenken an.

Ich fragte mich, ob eine solche Deportation für kleine Jungen, die zu patriarchalen Männern werden sollen, nicht bereits mit etwa 10 Jahren stattfindet, wenn sie endgültig begreifen müssen, dass sie die Nähe zur Mutter und die von ihr gestaltete und beseelte Welt aufgeben müssen, um in eine kalte und harte Männerwelt einzutreten, in der ihnen alle Weichheit und jegliche Gefühlsäußerung mit Spott ausgetrieben werden und in der sie lernen müssen, sich körperlich abzuhärten, um mit der allgegenwärtigen Gewalt klarzukommen und einen erträglichen Platz in der männlichen Hierarchie zu erkämpfen. Eine Welt, in der ihre bisherigen Erfahrungen in der mütterlichen Welt nichts mehr gelten, in der all das, was bis dahin zur mütterlichen Autorität gehörte, abgewertet und verächtlich gemacht wird, einschließlich all dessen, was mit einem liebevollen Umgang mit dem eigenen Körper zu tun hatte, mit einer schön gestalteten Umgebung, manchmal auch mit Sprache und Bildung. Von den Freundinnen aus der Nachbarschaft, mit denen sie seit früher Kindheit gespielt hatten, müssen sie sich nun abwenden, wenn sie sich nicht den Sticheleien und hämischen Bemerkungen aussetzen wollen, die von anderen Jungen über diese Freundschaften gemacht werden.

Hat der kleine Junge bis dahin gern der Mutter bei der Care-Arbeit geholfen und war stolz auf sein Können in diesem Bereich, muss er sich nun hüten, dass es jemand mitbekommt, wenn er einen Besen in die Hand nimmt. Obwohl er immer noch bei der Mutter lebt, muss er sich in der Öffentlichkeit von allem distanzieren, was mit diesem Leben zu tun hat. Neulich hörte ich auf der Straße, wie ein Junge seinem Kumpel gegenüber über den „Fraß, den meine Mutter kocht“, sprach. Für das bis dahin bei allen so beliebte Tafelputzen in der Schule meldeten die Jungen sich etwa ab der 4. Klasse immer weniger und überließen es schließlich ganz den Mädchen. Immer öfter weigerten sie sich sogar, ihren eigenen Müll zum Papierkorb zu bringen, denn solche verachtenswerte „Weiberarbeit“ war ihnen nicht mehr zuzumuten.

Viele weitere Beobachtungen dieser Art machte ich als Lehrerin, wenn ich jenen Wechsel der Jungen in ein völlig anderes Leben und Erleben schulisch begleitete. Und ich weiß, dass ich die damit verbundenen Quälereien nur verhindern oder mildern konnte, wenn sie vor meinen Augen stattfanden, doch was in den Toiletten und auf dem Schulweg geschah, konnte ich kaum beeinflussen. Damals war ich oft wütend auf meine männlichen Kollegen, die nichts dagegen unternahmen. Sprach ich sie darauf an, gaben sie mir zu verstehen, ich würde mich da über etwas aufregen, wovon ich nichts verstehe, Jungen seien halt so und die bräuchten das einfach. Ich versuchte die Gewaltkultur wenigstens etwas zu zivilisieren, indem ich auf Fairness drängte und es nicht duldete, dass mehrere auf einen einprügelten. Nachhaltigen Eindruck machte es auf meine Klasse und deren Eltern, dass ich einmal sogar einen (demokratisch gewählten!) Klassensprecher absetzte, weil er sich an den Schikanen gegen den kleinsten Jungen der Klasse beteiligt hatte.

Gegen die Behauptung, die Jungen würden von sich aus diesen Wechsel vollziehen und wollten es nicht anders, spricht die Tatsache, dass sehr viel Druck ausgeübt wird, dass sie mit Gewalt und Spott dazu gezwungen werden, sich mit Todesverachtung von ihrem bisherigen Leben abzuwenden. Ich denke dabei auch an den Sohn einer Freundin, der mit 10 Jahren bitterlich weinte, als er begriff, dass er nie „zu einer Mama“ werden konnte. Ich denke an die Erzählung über den Trans-Prozess eines anderen Menschen, der bei der Frage nach dem Zeitpunkt, bei dem er merkte, dass er „im falschen Körper“ lebte, ebenfalls das Alter von 10 Jahren nannte. Und ich denke an mein Mitgefühl für den Sohn einer anderen Freundin, wenn dieser in unserem gemeinsamen Urlaub allein in die Männertoilette in einem anderen Gebäude gehen musste, während wir Frauen und seine kleine Schwester fröhlich plaudernd zusammen in „unsere“ Toilette gingen. Mir fallen auch viele Gespräche mit feministischen Müttern von Söhnen ein, die sich Gedanken machten, wie das Feine, das Weiche und Zärtliche ihrer Söhne bewahrt werden könnte, während sie zu Männern heranwachsen. Auch vom Schuldgefühl war die Rede, weil es jenen Müttern nicht gelang, ihre Söhne zu beschützen vor dem brutalen Männlichkeitsdrill in jener anderen Welt.

Ich denke, dass dieses Schuldgefühl ein Grund ist, warum bis heute immer noch viele Mütter geneigt sind, ihre Söhne mehr zu verwöhnen als ihre Töchter, bis weit in das Erwachsenenleben hinein. Darunter leiden dann wiederum die späteren Partnerinnen der Söhne, die darüber klagen, dass sie in Bezug auf die alltägliche Care-Arbeit, anstatt zuverlässig unterstützt zu werden, eher noch ein „zusätzliches Kind“ zu versorgen haben. Umgekehrt könnte es auch sein, dass ein Teil der Frauenverachtung, die bei manchen Männern bis zum Frauenhass geht, aus einer frühen und tiefen Enttäuschung genährt wird, dass die Mutter sich als doch nicht so stark und mächtig herausstellte, wie sie sie in den ersten Lebensjahren empfunden hatten. Dass sie also das Gefühl hatten, in den ersten Lebensjahren betrogen bzw. später im Stich gelassen worden zu sein. Wie der kleine Junge diese Erfahrung interpretiert, hängt wahrscheinlich auch stark davon ab, wie die Beziehung zum Vater ist, wie viel Nähe und Schwäche in dieser Beziehung erlaubt sind, wie der Vater diesen Übergang begleitet und seinen Sohn beschützt und unterstützt. Und wie sehr er seine Frau liebt und respektiert und dies seinem Sohn vermittelt. Doch bis vor kurzem waren die Väter in solchen Rollen kaum vorhanden, und auch heute ist es nur eine Minderheit, die dort verlässlich Verantwortung übernimmt.

Zum Bild der Deportation passt es, dass auch eine „Rückkehr“ in die Welt der Frauen in Aussicht gestellt wird. Aber dafür müssen bestimmte Bedingungen erfüllt werden. Man muss ein richtiger Mann geworden sein. Man muss eine Frau „ficken“ können, das heißt, wie es im Schimpfwort „fuck“ noch deutlicher ist, vor allem, sie unterwerfen zu können. Dafür braucht es „Potenz“, Geld, Macht, Ruhm, eine hohe Stellung in der Hierarchie. Man muss hohe Türme bauen können, höhere als andere, man muss vielleicht auch großen und mächtigen Organisationen angehören und den einzigen und größten Gott an seiner Seite haben. Dass so vielen Männern Geld, Macht, Ruhm und Überlegenheit wichtig sind, wofür sie unglaubliche Leistungen erbringen, aber auch viele Zerstörungen in Kauf nehmen, hat vielleicht letztlich mit der tiefen Sehnsucht nach Rückkehr aus der Deportation zu tun, mit der einen tollen Frau oder den zahlreichen „Jungfrauen“, die es dann als Belohnung gibt. 

Zum Glück gelingt es manchen Männern ja auch, eine gute Beziehung mit einer Frau zu leben, mit der sie ein schönes Zuhause schaffen und vielleicht Kinder haben. Doch wehe, einem Mann wird die Frau, die er so mühsam für sich gewonnen hat und nun zu besitzen meinte, wieder genommen! Viel zu viele Frauen, die einen Bewerber zurückweisen oder ihre Partner verlassen wollen, riskieren damit ihre körperliche Unversehrtheit oder gar ihr Leben. Wer so lange warten und so viel dafür tun und erleiden musste, bis er schließlich seine eigene Frau bekam, lässt sich diese nicht mehr nehmen, eher nimmt er ihr das Leben, und manchmal auch noch das Leben der gemeinsamen Kinder.

Jene Deportation aus der Welt der Frauen in die der Männer in so frühen Jahren gilt nach wie vor als völlig normal, und es gibt kaum Mitgefühl für das, was die kleinen Jungen, vor allem die schwächeren unter ihnen, in dieser Zeit durchmachen, was ihnen genommen und was ihnen aufgezwungen wird. So ist es kein Wunder, dass vielen von ihnen bei diesem Wechsel auch die Empathiefähigkeit und das Mitgefühl verlorengehen. Die Empfindungsfähigkeit muss durch eine dicke Panzerung abgetötet werden. Ich denke, es gibt einen Zusammenhang zwischen dieser Erfahrung und der Tatsache, dass Deportationen und alles, was damit zu tun hat, in der patriarchalen Geschichte weit verbreitet waren und es immer noch sind: Umsiedlungen, Vertreibungen, Zwangsbekehrungen, Umerziehungen, kulturelle Auslöschung usw., bis hin zum Völkermord. Beispielsweise lesen wir in der Bibel, wie das Volk Israel nach Babylonien deportiert wurde, bei Griechen und Römern wurden die im Kampf Unterlegenen als Sklaven weggeführt, Menschen aus Afrika wurden nach Amerika verschleppt, Ureinwohner überall auf der Welt wurden in Reservate gebracht oder zwangsintegriert, während des zweiten Weltkriegs wurden Menschen in Lager verschleppt und Kriegsgefangene mussten weit weg von zuhause als Zwangsarbeiter schuften, – es gibt unzählige Deportationen in „unserer“ Geschichte, und so viele Beispiele für Mitleidlosigkeit und Zerstörungswut in unserem Alltag.

Allerdings wissen wir inzwischen, dass es eine andere Lebensmöglichkeit gibt, in der die kleinen Jungen die Welt der Frauen nicht verlassen müssen. Es gibt nämlich dort nur die Welt der Frauen, die aber eine Welt für alle ist. Nur wenige Völker leben so auf der Welt, aber es gibt sie, beispielsweise die Minangkabau auf Sumatra oder die Mosuo in China. Und sie haben die Probleme nicht, die wir überall sonst mit „den Männern“ haben, mit ihrer Aggressivität, ihrer Neigung zu Gewalttätigkeit, zu Übergriffen und Zerstörungswut. Diese Gemeinschaften leben matrilokal, man nennt sie auch matriarchale Gemeinschaften, aber dieser Begriff ist missverständlich, denn sie sind keine spiegelbildlich umgekehrte Entsprechung patriarchaler Gesellschaften, mit Frauenherrschaft statt Männerherrschaft. Hier dürfen alle in der Welt der Mütter und Großmütter bleiben, auch als Erwachsene, niemand wird „deportiert“. 

Weil es solche Gemeinschaften noch gibt und diese erforscht wurden, wissen wir, dass es den dort lebenden Männern gut geht, dass sie trotzdem Männer geworden sind und als solche ernst genommen werden und sich in ihren Fähigkeiten entwickeln können, dass sie auch Partnerschaften haben, allerdings ohne mit ihren Geliebten zusammenzuleben. 

Obwohl unsere Welt sich durch die Frauenbewegungen sehr stark verändert hat und es die Männerwelten, für die jene Zurichtung der kleinen Jungen eine Vorbereitung sein sollte, zum Glück in westlichen Ländern kaum noch gibt, haben wir immer noch die Vorstellung im Kopf, jene Deportation der kleinen Jungen sei notwendig, damit sie zu Männern werden können. Dieser Gedanke ist aber eine patriarchale Erfindung. Die patriarchalen Herrscher brauchten (und brauchen) jene gefühllosen, mitleidlosen, abgehärteten jungen Männer, denen ihre Menschlichkeit ausgetrieben worden war, für ihre Eroberungskriege und für ihre Raubzüge sowie für die Etablierung und Aufrechterhaltung ihrer Herrschaft. 

Doch wir, die nicht mehr wollen, dass „der Mann hinaus (muss) ins feindliche Leben“, wir, die am guten Leben für alle arbeiten, so dass junge Männer und junge Frauen irgendwann hinausgehen können in ein freundliches Leben, sollten nun auch in unseren Köpfen die Vorstellung aufgeben, um Männer zu werden, müssten kleine Jungen sich in einer „Männerwelt“ behaupten lernen. Schließlich leben wir ja längst in einer Welt, in der Männer und Frauen fast überall zusammenarbeiten und in der Männer während der Vätermonate und danach teilhaben können an dem Leben in der mütterlichen Welt, aus der auch bei uns immer mehr eine Welt für alle werden kann.

Zu Beginn der Flugschrift Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn haben wir behauptet, das Patriarchat sei zu Ende, weil Frauen nicht mehr daran glauben, weil sie nicht mehr glauben, dass sie schwächer und weniger wert seien als Männer. Es wird Zeit, dass Frauen und Männer auch nicht mehr daran glauben, um ein Mann zu werden, müssten kleine Jungen lernen, sich allein unter Jungen und Männern zu behaupten, in einer Parallelwelt, in der die Würde des Menschen und die Grundrechte, vor allem das Recht auf körperliche Unversehrtheit, keine Gültigkeit haben.

Nachdem ich auf diese Weise Luisa Muraros Begriff der Deportation weitergedacht hatte, las ich in ihrem nächsten Kapitel (von: Auf dem Markt des Glücks) folgende Sätze, die mich darin bestärkten, meine Gedanken dazu nun auch aufzuschreiben:

„Das Hauptthema heutzutage ist es, den Frauen in der Gesellschaft der Männer einen Platz einzuräumen. Nicht beachtet wird das umgekehrte Problem, das der Männlichkeit, die von der Welt der Frauen getrennt ist. Dies ist ein Thema, das der Feminismus sich nicht gestellt hat. […] Den Übergang vom Weiblichen zum Männlichen haben die Männer schon vollzogen, jeder für sich. Um welchen Preis? Und mit welchen Ergebnissen?“ (S. 117).

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Brief der Erde an uns Menschen http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/03/brief-der-erde-an-uns-menschen/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/03/brief-der-erde-an-uns-menschen/#comments Tue, 24 Mar 2020 04:00:00 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15341
Erdmutter, Claudia Nietsch-Ochs

Geht es nicht darum, eine andere Einstellung zur Erde zu bekommen?

Worte können vernebeln. So auch, Bewahrung der Schöpfung oder, Rettung der Erde. Die Schöpfung ist der gesamte Kosmos. Den können wir nicht bewahren. Wir können auch nicht die Erde retten, sondern nur die Lebensgrundlagen. Aber alles, was wir tun, erschien mir nur Symptombehandlung.

Hanna Strack hat einen Brief im Namen der Erde geschrieben. Den Anstoß dazu erhielt sie durch einen Hinweis der Theologin Musa Dube, aus Botswana, auf das Earth-Bible-Project:Aus der Perspektive der Erde, will dieses Projekt die Bibel lesen. Dies war für sie ein bedeutsamer Perspektivwechsel. Und auch Silvia Schroers Aufsatz über Erdgöttinnen und Texte zum Erdmutterglauben seien ein weiterer Impuls gewesen. Dieser Brief der Erde geht durch die Welt und erhält viele verschiedene Reaktionen, von Ablehnung aus der naturwissenschaftlichen Perspektive bis zu viel Dank, Inspiration, Freude und Nachdenklichem über die Worte. Wir veröffentlichen ihn auch auf beziehungsweise-weiterdenken. Hanna Strack bittet um Hinweise für eine Liturgie der Erde, an der sie zur Zeit arbeitet.

Ihr lieben Frauen, Männer und Kinder – die ihr mein Haus bewohnt!

Ich segne euch Menschenkinder mit dem Segen eurer Mutter Erde, mit meiner Nahrung und Kraft für euch! Hört ihr meinen Herzschlag? Wir sind miteinander verbunden im Gewebe des Lebens. Ich bin wie ihr ein lebendiges Wesen. Ich bin viel mehr als eure Mutter, ich bin eine sehr große Kraft. In meinem innersten Kern brodelt es voll Energie und Kraft, Feuer und Wasser. Und der Mantel, meine Oberfläche, hat fruchtbare Böden, Wasser und auch Trockengebiete. Er ist wie eure Haut, dünn, aber so wichtig. Ihr nennt ihn Erdkruste – es ist keine Kruste, sondern pures Leben!

Ihr wisst, dass ihr diesen Mantel und damit eure Lebensgrundlagen so unachtsam behandelt, dass ihr sie zerstört. Das tut mir weh. Da ist ein Gefühl von Ausbeutung statt von der Liebe, die wir füreinander brauchen. Die Narben schmerzen noch lange, auch dann noch, wenn ihr ausgestorben sein werdet. Ihr wollt mit eurem Wissen mein Geheimnis erforschen und euch nutzbar machen. Aber damit werdet ihr scheitern, denn mein lebendiges Wesen ist immer in Bewegung und antwortet auf eure Ausbeutung.

Ich spüre die vielen kleinen Anstrengungen von allen und in allen Ländern, diese Zerstörung aufzuhalten. Ich spüre die Sanftmut, die Ehrfurcht, die diese Leute mir entgegen bringen. Sie sagen, sie wollen mich heilen, damit meinen sie meinen Mantel. Das tut mir gut. Dabei heilen sie ja auch sich selbst.

Einst wurde ich als heilig verehrt, als Trägerin, Gebärerin und geheime Urkraft des Lebens, denn ich bin die weibliche Schöpfungskraft, die alles durchdringt. Was glaubt ihr? Bin ich die unerschöpfliche Quelle, der Busen der Natur, eure Mutter, die ich euch geboren habe und wieder in meinen Schoß zu mir nehme? Bin ich ein Gegenstand oder bin ich lebendig? Bin ich eurem Vatergott untertan oder bin ich selbst eine Göttin? Wie GAIA, die Erdgöttin der Griechen. Wie Pachamama, die Erdmutter der Latinos? Euer Dichter singt: Es war, als ob der Himmel die Erde still geküsst, dass sie im Mondenschimmer von ihm nun träumen müsst! Vater Himmel und Mutter Erde – wir sind ein Paar. Vater Himmel ist das große Universum, ich bin darin die Lebendige und Leben schaffende Kraft.

Wenn ihr um meine große Bedeutung für euch wisst, habt ihr dann eine Liturgie, mit der ihr mich ehrt? Lieder und Tänze? Ihr – die Menschen der Industrie-Länder habt es nicht. Schaut auf die Menschen auf den Hawaii-Inseln. Schaut auf die Rituale der Völker Lateinamerikas zu meinen Ehren! Erzählt euch Märchen von der Erde und Schöpfungsmythen. Auch sie öffnen eure Augen und euer Herz.

Ihr meine lieben Menschenkinder! Ich möchte euch vor eurem Untergang und all den Kriegen, die dem voran gehen, bewahren. Achtet auf die Momente, in denen ihr ergriffen seid von kleinen und großen Ereignissen, die euch erschüttern können! Und von der Schönheit, die ich euch biete, den Schneeflocken, dem neugeborenen Baby, den Schmetterlingen, dem Sonnenaufgang über den Bergen!

Singt das Lied von der Schöpfung! Umarmt euren Baum! Tanzt einfach!

Eure Erde, eure Quelle und Kraft!

Schroer: Vermutlich Göttinen im Kontext von AhnInnenverehrung, Zeichnung Ulrike Zurkinden

Literatur

Franz Vonessen: Signaturen des Kosmos. Welterfahrung in Mythen, Märchen und Träumen, Die Grau Edition, Witzenhausen 1992.

Leonardo Boff: Die Erde ist uns anvertraut. Eine ökologische Spiritualität, Kevelaer 2010, 14, „… weil wir Erde sind, wird es ohne die Erde keinen Himmel geben“.

Leonardo Boff: Zukunft für Mutter Erde. Warum wir als Krone der Schöpfung abdanken müssen, Claudius Verlag München 2012.

Isis Ibrahim: Geschaffen zum Leben. Entwurf einer (Schöpfungs-)Theologie des Geborenseins, Freiburg: Herder 2015.

Aramäisches Vaterunser in verschiedenen Übertragungen.

Earth Bible Project: Aus der Perspektive der Erde die Bibel lesen. https://www.webofcreation.org/earth-bible/the-earth-bible-project, 21.3.2020

Silvia Schroer: Lectio difficilior, Jan 2019, Zugang für ESWTR-Mitgliedsfrauen.

Barbara Stamer (Hg.): Märchen von Mutter Erde. Zum Erzählen und Vorlesen, Urania Königsfurt 2017, 5. Aufl.

Rosemary Radford Ruether: Gaia & Gott. Eine ökofeministische Theologie der Heilung der Erde. Edition Exodus, Luzern 1994

Dies (Ed.): Woman Healing Earth. Third World Women on Ecology, Feminism, and Religion, New York 1996

Sallie McFague: The Body of God. An Ecological Theology, Minneapolis 1993

Bildnachweise

Erdmutter:
Claudia Nietsch-Ochs, Quelle: CANTATE. Vom Leben singen mit Leidenschaft. Cantabo Verlag Nürnberg, 1994, Bestelladresse: Erzbischöfliches Jugendamt Bamberg.

Göttinnen Abb.1+2:
Silvia Schroer/Othmar Keel, Die Ikonographie Palästinas/ Israels und der Alte Orient. Eine Religionsgeschichte in Bildern. Band 1: Vom ausgehenden Mesolithikum bis zur Frühbronzezeit, Freiburg CH 2005, No 106 (Zeichnung: Ulrike Zurkinden)

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Frauen pflegen Frauen mit Demenz – Plädoyer für Fassungslosigkeit statt Gewalttätigkeit. http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/03/frauen-pflegen-frauen-mit-demenz-plaedoyer-fuer-fassungslosigkeit-statt-gewalttaetigkeit/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/03/frauen-pflegen-frauen-mit-demenz-plaedoyer-fuer-fassungslosigkeit-statt-gewalttaetigkeit/#comments Fri, 20 Mar 2020 07:58:56 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15306

Meine Überlegungen zum Thema beginnen mit einer Szene aus dem Spielfilm „Nichts für Feiglinge, in der etliche Aspekte von Gewalt im Zusammenhang mit Frauen und Demenz deutlich werden.

Lisbeth Dircksen, eine alte Frau, die ihr ganzes Leben sehr unabhängig als gebildete Kunstliebhaberin verbracht hat, muss fassungslos zur Kenntnis nehmen, dass sie nicht mehr allein leben kann und in ein Pflegeheim ziehen muss. Dort ist alles fremd und manches auch ziemlich unheimlich. Das erste Abendessen beginnt. Eine junge Frau in blauem Arbeitsmantel geht umher und sieht nach dem Rechten. Sie lobt und tadelt, fordert auf, lächelt zu. Stimme aus dem Off, möglicherweise von der Pflegekraft: „Alles o.k.? Sie sind ein braves Kind, das ist gut, das freut mich. Was wollen Sie?“

Die Frau gegenüber von Frau Diercksen setzt die Zuckerdose an den Mund und die Betreuerin tadelt sie: „Frau Rohm!“ Als sie weg ist, hebt Frau Rohm eine volle Zuckerschale von ihrem Schoß auf und lächelt Frau Diercksen verschmitzt lächelnd zu. Auch Frau Diercksen lacht. Unvermittelt spricht die junge Pflegerin Lisbeth Diercksen an: „Und schön Ihren Tee trinken, Frau Diercksen, Flüssigkeit ist wichtig!“ Lisbeth Diercksen (langsam und bestimmt): „Ich würde trinken, wenn das, was Sie Tee nennen, in der Tat Tee wäre.“ Pflegerin (genervt): „Ach, wir wollen damit sagen, das ist nicht gut genug für uns!“ Lisbeth Diercksen (angriffslustig): „Ich weiß nicht, was wir sagen wollen, ich jedenfalls sage, es ist eine labbrige Brühe“. Pflegerin (ironisch): „Ja, dann bereite ich Ihnen mal rasch einen Latte Macchiato zu“. Jemand lacht über diese Bemerkung.

Gleich darauf beginnt der Tischnachbar von Lisbeth Diercksen von ihrem Teller zu essen. Sie reagiert empört: „Entschuldigung?!“ Dann steht sie auf und strebt dem Ausgang zu. Pflegerin (alarmiert): „Wo soll es denn hingehen?!“ Lisbeth Diercksen (hoheitsvoll): „Ich versichere Ihnen, das geht Sie absolut nichts an, aber ich bin sicher, dass ich irgendwo ein Lokal finde, wo man unbehelligt zu Abend essen kann.“

Vor dem Ausgang wird sie von der Pflegerin und einem Kollegen eingeholt, der Pfleger legt ihr den Arm um die Schultern und hält sie zurück. Frau Diercksen: „Sie werden mich jetzt gehen lassen“. Pflegerin: „Genau das werden wir nicht machen, denn Sie sind nämlich in unserer Obhut.“ Frau Diercksen (aufgeregt): „Genau darauf verzichte ich!“ Sie schlägt zu, die Pflegekraft stürzt zu Boden. Pfleger: „Frau Diercksen, so geht das nicht!“ Er schleppt Frau Diercksen gegen ihren deutlichen Widerstand vom Ausgang weg.

Wenig später findet Enkel Philip seine Großmutter fixiert und sediert vor. Erregt beschwert er sich bei der Heimleiterin über diese Vorgangsweise. Die Frau hält ihm vor, dass das in Deutschland absolut gängige Praxis sei, und dass seine Großmutter schon am ersten Tag eine Pflegekraft niedergeschlagen habe. Sie empfiehlt ihm, dem Gesundheitsminister zu schreiben und ihn zu fragen, wie das gehen soll, dass eine Pflegekraft für 12 ‚Heiminsassen‘ zuständig sei. In Deutschland würden zurzeit etwa 50.000 Pflegekräfte fehlen.

Heimleiterin (erregt): „Ihre Großmutter leidet an vaskulärer Demenz. Und wenn Ihnen nicht klar wäre, was das für alle Menschen in ihrer Umgebung bedeutet, dann hätten Sie sie doch gar nicht erst hierhergebracht!“

Was hat hier eine Rolle gespielt?

Es sind nie nur einzelne Personen, die sich gegenüber demenziell veränderten Menschen gewalttätig verhalten, es handelt sich vorrangig um strukturelle Gewaltrisiken und um Dynamiken und Kreisläufe der Gewalt – zwischen den handelnden Personen, in den Teams, in den Einrichtungen, in der Gesellschaft.

Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V. beschreibt verschiedene Formen von Gewalt in der Pflege. Zur personellen Gewalt zählen das Festhalten, Fixieren und Sedieren, aber auch das Lächerlichmachen von Pflegebedürftigen. Bei einem starr hierarchisch wirkenden Beziehungsmuster zwischen Bewohner_innen und Mitarbeiter_innen wird von kultureller Gewalt gesprochen. Dazu gehört auch, das Fixieren als Selbstverständlichkeit zu betrachtenund dass die Pflege vergeschlechtlicht wird. Auf struktureller Ebene spiegelt sich Gewalt z. B. durch Personalmangel und widersprüchliche Anforderungen wider.

Die Hauptakteurinnen sind Frauen

Altenpflege ist eine Welt der Frauen – daher der Titel „Frauen pflegen Frauen“. Laut der Interessengemeinschaft pflegender Angehöriger wird häusliche Pflege in Österreich zu über 70 Prozent von Frauen geleistet, die im Durchschnitt 62 Jahre alt sind. Das deutsche Bundesamt für Statistik weist 2019 ganz ähnlich darauf hin, dass der größte Pflegedienst mit 76 Prozent aus Angehörigen besteht, laut einem Gutachten des Sozialverband Deutschland e.V. tragen auch in Deutschland Frauen zu 70 Prozent die Hauptverantwortung für die Pflege von Angehörigen, was das Risiko geringerer Versicherungszeiten durch Lohnarbeit nach sich zieht. Ein Viertel der pflegenden Frauen und fast ein Fünftel der pflegenden Männer ist zwischen 60 und 64 Jahre alt, über 70-jährige Angehörige leisten den höchsten Umfang an Unterstützung, jede dritte Pflegeperson fühlt sich stark oder sehr stark belastet, Frauen erleben diese Belastung stärker (39,2 Prozent) als Männer (20,3 Prozent).

Die Dynamik von Gewalt beginnt bereits darin, dass Frauen in der informellen Pflege meist allein gelassen werden. Unfairness und Unentrinnbarkeit sind Gewalt begünstigende Faktoren von Pflegesituationen. Daher darf es nicht verwundern, dass als größte Täterinnengruppe pflegende Töchter wahrgenommen werden.

Bei den Pflegekräften in den mobilen Diensten betrug laut dem statistischen Bundesamt in Deutschland 2015 der Frauenanteil 88 Prozent, 84 Prozent im stationären Bereich. In Österreich betrug laut Statistik Austria 2016 der Frauenanteil in den mobilen Diensten 92 Prozent, 84 Prozent im stationären Bereich. Bei den betreuten Menschen sind sowohl in Deutschland als auch in Österreich rund zwei Drittel (mobile Dienste) bis annähernd drei Viertel (stationäre Dienste, Kurzzeitpflege, alternative Wohnformen) Frauen.

In der Pflege zeigt sich eine Tradition von Bildern weiblicher Zuwendung als Folge einer in den Beruf getragenen Mütterlichkeit: Bewusste oder unbewusste Familialisierung, Nestbauen, Pflegebedürftige schonen, aber auch Mütterlichkeit im Sinne von Pädagogisierung und Strenge. Pflegewissenschaftlerin Ursula Koch-Straube schreibt in „Fremde Welt Pflegeheim“: „Schwäche und Regression der Bewohnerinnen einerseits und Infantilisierung andererseits greifen ineinander. Hinter der mit Mütterlichkeit verbrämten Infantilisierung verbergen sich jedoch nicht selten Macht und Aggression, die die Gefügigkeit alter Menschen bewirken. (…) Auf diese Weise vereinigen sich Überlastungssymptome der Mitarbeiter_innen, Fürsorge und Macht zu einem nicht ohne weiteres zu entwirrenden Knäuel.“ Damit wird nicht zuletzt die Distanz der Andersartigkeit geschaffen, die vor der Angst schützt, selbst in die Rolle der Betreuten zu kommen.

Zurück zu Lisbeth Diercksen aus dem Film

Wie die meisten Bewohner_innen von Pflegeheimen erlebt sie den Einzug in das Heim als einen zutiefst erschütternden Einschnitt in ihr bisheriges Leben. Trotzdem scheint mir der einzige Lichtblick dieser Szene ihr spontanes Lachen zu sein, als Frau Rohm ihr spitzbübisch die versteckte Zuckerdose zeigt; das entspannt die Situation, und zwar für alle Beteiligten, auch für sich selbst.

Die junge Pflegerin, die in diesem Heim arbeitet, will ihre Sache ganz offensichtlich gut machen. Sie sieht sich als verantwortlich für die Bewohner und Bewohnerinnen und wendet sich ihnen zu. Vor allem aber will sie Ordnung halten und Verhaltensweisen verhindern, die etwas mit dementiellen Einschränkungen zu tun haben. Etwa dass Frau Rohm die Zuckerdose wie ein Trinkglas benutzt oder dass Frau Diercksen das Haus verlassen will. Vermutlich spürt sie auch spontane Antipathie gegen Frau Diercksen, weil es Hinweise auf einen Milieuunterschied gibt. Sie will sich also ihr gegenüber auch positionieren als diejenige, die hier das Sagen hat. Daher gibt sie zu verstehen, dass es über das Verhalten von Frau Rohm nichts zu lachen gibt. Dass die Bewertung des Tees eine Frechheit ist, die sich Frau Dircksen herausnimmt. Dass keine Bewohnerin unerlaubt das Haus verlassen darf, weil das Personal die Verantwortung hat. Diese Verantwortung kleidet sich auch in pädagogisierende Anweisungen. Dann braucht es nur noch den Übergriff eines anderen Heimbewohners auf das Essen von Frau Diercksen, und schon ist das Maß voll und die Gewaltdynamik nimmt ihren Lauf.

Die Heimleiterin macht dem Enkel dann auch noch klar, dass es nicht zuletzt an den Rahmenbedingungen liegt, dass seine Großmutter sediert und fixiert wurde. Und sie weist auf einen häufig ins Treffen geführten Grund für die Gewalttätigkeit hin: Die Demenzerkrankung, an der Frau Diercksen leidet.

Der männliche Hauptakteur, der Enkel von Lisbeth Dircksen, tut, was die meisten Männer tun: Er organisiert die nötige Hilfe, mischt sich auch ein. Wie viele pflegende Angehörige leidet er darunter, die Verantwortung für seine an Demenz leidende Großmutter mit seinem Studium, seiner Arbeit und seinem Leben in einer Wohngemeinschaft zu vereinbaren. Auch an einer langen Verstrickung mit dieser Großmutter leidet er.

Was sieht man in dieser Szene nicht? Die meisten gewalttätigen Übergriffe finden in der Körperpflege statt. Vor allem Intimpflege lehnen viele Frauen ab – aufgrund ihrer Lebenskompetenz und früheren Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt.

Das Pflegepersonal sieht sich dann vor dem Dilemma: Im Kot liegen lassen oder übergriffig werden? Hier braucht es Zugangsweisen über Kommunikation wie z. B. beim Konzept „Validation“ nach Naomi Feil. Danach wird mit dem Waschen nicht am Unterleib begonnen, sondern zuerst Kontakt am Oberkörper aufgenommen.

Gesellschaftliche bzw. strukturelle Rahmenbedingungen

Pflegepersonen geraten nicht nur unter Druck durch fehlendes Personal, sondern durch widersprüchliche bzw. paradoxe Anforderungen wie sie für die gesellschaftliche Modernisierung typisch sind. Funktionalisierung und Ökonomisierung führen zu einer daran ausgerichteten Beschleunigung. In den Ausbildungen werden zugleich immer ausgefeiltere Konzepte individualisierter Pflege vermittelt, die sich aber aufgrund der Realität in der Altenpflege meist nicht umsetzen lassen. Dies hat Eva Ohlert in ihrem Buch „Albtraum Altenpflege“ herausgearbeitet. Die Professionalisierung zeigt sich auch als formalisiertes, standardisiertes Handeln im Sinne von Kontrolle, Standardisierung und Verrechtlichung. Man denke an Qualitätssicherungsstandards mit Zertifikaten und Dokumentationsvorschriften. Die zunehmende Belastung führt schließlich dazu, dass sich gut ausgebildetes Personal aus der Beziehungsarbeit zurückzieht. Dadurch zerbrechen kommunikative Brücken zwischen Zentrum und Peripherie in Organisationen. Schließlich wird der Widerspruch zwischen der Anforderung von Service orientierter Dienstleistung an „Kund_innen“ und dem Schutz von „Klient_innen“ häufig mit einem grotesken Pendeln zwischen dem Verhalten von Kellner_innen und Kerkermeister_innen verarbeitet.

Das Problem – vor allem der häuslichen Pflege – ist die Vergeschlechtlichung in der Pflege und die daraus resultierende Beziehungsentwicklung im Kontext von gesellschaftlicher Modernisierung. In der häuslichen Pflege hat der Druck, der zu Gewalttätigkeit führen kann, verschiedene mögliche Ursachen. Zu den hohen Anforderungen in Beruf und Privatleben kommen belastende Familiendynamiken. Im Kontext Familie eskalierende Konflikte um ungleiche Verantwortung und innerfamiliäre Isolation der Pflegenden sind bedeutende Ko-Faktoren von Gewalt. Die zentrale Überforderung ist es, Pflege zu leisten und zugleich das Familienleben zu bewahren. Dies verschärft sich, wenn Vorbeziehung, verstrickte lange Beziehungen, Abhängigkeit und Dominanz innerhalb der Familie eine Rolle spielen. Auch Gewalt in der Altersehe ist ein Thema, das eng verknüpft mit der Rollenunsicherheit der Männer nach der Pensionierung ist.

Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sind von Prinzipien geleitet, die nichts mehr Undefiniertes, Zweckfreies zulassen. Adorno schreibt in der Minima Moralia „Die praktischen Ordnungen des Lebens, die sich geben, als kämen sie den Menschen zugute, lassen in der Profitwirtschaft das Menschliche verkümmern, und je mehr sie sich ausbreiten, umso mehr schneiden sie alles Zarte ab.“ (Theodor W. Adorno, Minima Moralia, Kapitel 20, S. 43f). Ökonomisierung, Technisierung und Funktionalisierung dringen in jede Ecke dieser Gesellschaft, in spezieller Weise auch in die Pflege. „Schön Tee trinken, Flüssigkeit ist wichtig!“

Das Plädoyer für die Fassungslosigkeit spitzt folgende Gedanken zu:

Die Handlungen von Menschen mit Demenz können fassungslos machen: Frau Rohm trinkt aus der Zuckerdose, der Tischnachbar von Frau Diercksen isst von ihrem Teller. Solche Erlebnisse können fassungslos machen – speziell in einer Welt, in der sich Qualitätsmanagements immer mehr Feinheiten der Standardisierung ausdenken.

Demenzielle Erkrankungen widersetzen sich dem gesellschaftlichen Trend von Formalisierung, Standardisierung, weil Menschen, die daran leiden, sich einfach nicht standardmäßig verhalten können, so dass alles seine Ordnung hat. Sie reagieren in irgendeiner Form auffällig, und speziell auf eine pädagogisierende Art der Kommunikation können Menschen mit Demenz sehr heftig reagieren. Menschen mit Demenz sind nämlich selbst fassungslos angesichts der Symptome dieser Erkrankung und machen fassungslos – auch weil man ja als Pflegeperson permanent mit der eigenen möglichen Zukunft konfrontiert ist.

Daher entwickelt sich hier rasch eine Dynamik der Abgrenzung im Sinne von „wir und sie“. Man bewegt sich schneller, überholt die langsamen alten Menschen, vermeidet dieselbe Augenhöhe, verschanzt sich hinter formalen Regeln und dokumentiert Handlungen, die gar nicht stattfinden, spricht nur mehr über sie und nicht mit ihnen, infantilisiert sie, äfft sie nach, wertet sie ab, wirft ihnen ihre Gebrechlichkeit und kognitive Inkompetenz vor, wird immer erschöpfter und daher zynischer und in der Folge womöglich auch systematisch grausam und gewalttätig. Gegenüber Menschen mit Demenz kann es schon grausam sein, für mehrere Lärmquellen zu sorgen: Radio, TV, Staubsauger. Oder jemandem, von dem man weiß, dass er klassische Musik liebt, nur Volksmusik vorzuspielen. Dass man nicht mehr erklärt, was pflegerisch gerade abläuft, d.h. Patient_innen bzw. Bewohner_innen werden wie Objekte behandelt.

Menschen mit Demenz haben alle möglichen Beeinträchtigungen. Für eines aber haben sie eine hohe Sensibilität: Atmosphäre. Durch eine Kultur des „Wir und sie“ wird die Atmosphäre aber regelrecht vergiftet. Das betrifft auch Frontenbildungen innerhalb des Personals, aber vor allem die Front der Pflege gegen die Bewohner_innen.

Auf schlechte Atmosphären reagieren Menschen mit Demenz sehr ungehalten. Sie frieren ein oder reagieren „herausfordernd“ aggressiv. Womöglich werden sie dann ins Krankenhaus geschickt, um „eingestellt“ bzw. ruhig gestellt zu werden durch Psychopharmaka, bzw. gleich einmal ein Medikament bekommen, dass sie ruhig gestellt sind wie Frau Diercksen.

Kommt es zu besonders sadistischen und tödlichen Übergriffen durch Teamdynamiken wie z.B. in Lainz in Wien oder Kirchstetten in Niederösterreich, können solche Vorfälle an die Öffentlichkeit dringen und verursachen medial inszenierte Skandale. Dort, beim Skandal, beginnt in der Regel die öffentliche Aufmerksamkeit, und nimmt einzelne Täterinnen und Täter ins Visier, also etwa Waltraud Wagner in Lainz oder Dominik G. in Kirchstetten.

Was kann helfen?

Eine der wichtigsten Voraussetzungen für empathische Pflege von Menschen mit Demenz ist Empathie den Pflegenden gegenüber, daher braucht es empathische Führungskräfte, die den Druck von oben abpuffern und sich als Rolemodels im humanen Umgang mit Menschen erweisen. Solche Führungskräfte schauen nämlich auch schon früher hin, wenn Pflegekräfte in ein quälendes Korsett eines kontrollierenden Regelwerks geschnürt werden und im Team daraufhin spontane empathische Zuwendung als Drückebergerei gilt. Präsente Führungskräfte prägen auch die Atmosphäre einer Institution, in der klar ist, dass sich Pflegekräfte Zeit nehmen können für die Kontaktaufnahme, speziell vor der Körperpflege, und sorgen für entsprechende Fortbildungen.

Sehr unterstützend für die Kultur einer Einrichtung ist die Einbindung in die Umgebung, ganz im Sinne der Idee „demenzfreundlicher Kommunen“. Demenzkranke werden dann nicht in abgeschlossenen „Burgen“ versteckt, sondern als Teil der lokalen Gesellschaft verstanden. Beeindruckende Arbeit in Formen künstlerischer Arbeit als Brücke zwischen Öffentlichkeit und Institutionen für Menschen mit Demenz haben in Deutschland z.B. Jan Sonntag, Dorothea Muthesius, Michael Ganß, Konstanze Gundudis und Michael Hagedorn geleistet.

Wie in allen sozialen Berufen ist eine regelmäßige Selbstreflexion wichtig, was Sympathien und Antipathien betrifft und alte Bilder weiblicher Formen von Zuwendung in Einrichtungen der Pflege. Hierzu braucht es auch entsprechende Arbeitszeiten, um krank machende Selbstausbeutung zu verhindern und Möglichkeiten der Selbstsorge zu entwickeln, und zwar nicht individuell, sondern als Teamkultur.

Pflegepersonen leiden sehr oft am Widerspruch guter Aus- und Fortbildungen und der vorherrschenden Form funktionaler Pflege wegen fehlender Spielräume, das Gelernte umzusetzen. Gut Ausgebildete arbeiten zudem zunehmend im Management und nicht mehr mit den Pflegebedürftigen. Daher braucht es neue Formen professioneller Pflege, die mehr autonomen Spielraum lassen und gut Ausgebildete in die konkrete Pflege einbinden. Ein viel diskutiertes Modell ist z.B. „Buurtzorg“ aus den Niederlanden (Nahversorgung/Nachbarschaftsversorgung) seit 2006 – mit mehr Autonomie von gut ausgebildeten Pflegeteams, ergänzt durch entsprechende Rahmenbedingungen wie eine etablierte Sorgekultur der Freiwilligenarbeit.

Schließlich geht es auch um grundsätzliche gesellschaftliche Fragen wie um eine solidarische Gesellschaft, die nicht mehr Profitmaximierung, sondern menschliche Bedürfnisse und die Sorge umeinander ins Zentrum stellt, wie Gabriele Winker (Care Revolution. Schritte in eine solidarische Gesellschaft, 2015) oder Joan Tronto (Caring Democracy. Markets, Equality, and Justice, 2013) fordern – auch im Sinne von Geschlechtergerechtigkeit und bedingungslosem Grundeinkommen als Basis einer entsprechenden „Culture of Care“. Dazu braucht es naturgemäß politische – auch berufspolitische Einmischung als „menschliches Einmaleins“, wie Frigga Haug in ihrer „Die Vier in Einem Perspektive“ schreibt.

Vor allem kommen wir aber nicht daran vorbei, dass das Leben und das Sterben uns alle fassungslos machen können. In einer Welt, in der alles als beherrschbar betrachtet wird, gilt es nicht zuletzt zu erkennen: Das Leben und das Sterben sind nicht beherrschbar – trotz oder gerade wegen ausgefeilten Qualitätsmanagements und Zertifizierungen. Daher sind alle Bemühungen, das Leben und das Sterben in den Griff zu bekommen, letztlich zum Scheitern verurteilt. Und demenziell Erkrankte gehören zu jenen gesellschaftlichen Gruppen, die uns das sehr deutlich vor Augen führen. Es geht jedenfalls um die Atmosphäre, um die Nachdenklichkeit in einer schwierigen Situation, um die Präsenz. Das ist zwar auch anstrengend, aber menschlich und daher lohnend.

Reimer Gronemeyer fasst es so zusammen: „Unablässig werden neue Konzepte zum richtigen Umgang mit Demenz entwickelt: Framen, inkludieren, validieren, mappen usw. … Konzepte bringen das Einzelgesicht zum Verschwinden und befreien von der Notwendigkeit, in der konkreten Situation nachdenklich, ja >be-sinnlich< zu sein.“

Literatur und Quellen:

Adorno, Theodor W. (1969): Minima Moralia. Suhrkamp: Frankfurt a.M.

Arbeit&Wirtschaft Blog: https://awblog.at/das-buurtzorg-modell/ (Zugriff am 31.1.2020)

Deutsche Alzheimer Gesellschaft, e.V.: http://www.deutsche-alzheimer.de/unser-service/archiv-alzheimer-info/gewalt-in-der-pflege.html

Engelmeyer, Elisabeth (1995): „Die Putzfrau als Therapeutin. Unsichtbare Frauenarbeit bei der Rehabilitation Chronisch Kranker. In: Bertrams, Anette. (Hg.): Dichotomie, Dominanz, Differenz. Frauen platzieren sich in Wissenschaft und Gesellschaft. Deutscher Studienverlag: Weinheim, S. 155-168.

Gröning, Katharina (2011): Vereinseitigungen, Gender Heft 2/2011, S. 76-89.

Gronemeyer, Reimer (2013): Das Vierte Lebensalter. Demenz ist keine Krankheit. Pattloch: München.

Haug, Frigga (2008): Die Vier in Einem Perspektive. Politik von Frauen für eine neue Linke. Argument Verlag: Hamburg

Knauthe, Katja/Deindl, Christian (2019): Altersarmut von Frauen durch häusliche Pflege. Gutachten im Auftrag des Sozialverband Deutschland e.V.

Koch-Straube, Ursula (1997): Fremde Welt Pflegeheim. Eine ethnologische Studie. Verlag Hans-Huber: Bern.

Nowossadeck, Sonja/Engstler, Herbert/Klaus, Daniela (2016): Pflege und Unterstützung durch Angehörige. In: report altersdaten, Heft 1/2016, hgg. vom Deutschen Zentrum für Altersfragen

Ohlert, Eva (2019): Albtraum Altenpflege, riva: München.

Schützendorf, Erich (2007): Die Lust am Spiel – Demenz und zweckfreies Handeln. In: Immer wieder Premiere. Theater und Spiel als neuer Weg in der Pflegekultur für Menschen. Dokumentation der Fachtagung zum Weltalzheimertag. St. Pölten, S. 12-16

Tronto, Joan (2013): Caring Democracy. Markets, Equality, and Justice, New York University Press: New York.

Wappelshammer, Elisabeth (2018): Dementia Care Mapping im interdisziplinären Diskurs. Personzentrierte Demenz-Pflege in der Dynamik gesellschaftlicher Modernisierung. Springer Verlag: Wiesbaden.

Winker, Gabriele (2015): Care Revolution. Schritte in eine solidarische Gesellschaft. Transkript-verlag: Bielefeld.

Die Zahlen zur Alters- und Geschlechtsstruktur der Pflegenden in Österreich entstammen der „Statistik Austria“ von 2016 (http://www.statistik-austria.at/web_de/statistiken/index.html)

Die Zahlen zur Alters- und Geschlechtsstruktur der Pflegenden und Gepflegten in Deutschland stammen aus:

Knauthe, Katja/Deindl, Christian (2019): Altersarmut von Frauen durch häusliche Pflege. Gutachten im Auftrag des Sozialverband Deutschland e.V.

https://p-werk.de/maenner-in-pflegeberufen/ (Zugriff am 15.2.2020)

Statistisches Bundesamt:https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Pflege/Tabellen/pflegebeduerftige-pflegestufe.html (Zugriff am 15.2.2020)

https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/Zahl-der-Woche/2019/PD19_36_p002.html (Zugriff am 15.2.2020)

report altersdaten Heft 1/2016/DZA.

„Nichts für Feiglinge“ ist eine Tragikomödie aus dem Jahr 2013/14 von Regisseur Michael Rowitz mit Hannelore Hoger als Lisbeth Lissi‘ Diercksen und Frederick Lau als Philip Diercksen. Auszeichnung mit dem Deutschen Filmpreis, Drehbuchautor Martin Rauhaus. https://www.daserste.de/unterhaltung/film/filme-im-ersten/sendung/nichts-fuer-feiglinge-162.html

Der Text entstand als Impulsvortrag in der Frauenhetz in Wien am 2. Dezember 2019.

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Wenn geschieht, was sich niemand vorstellen konnte http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/03/wenn-geschieht-was-sich-niemand-vorstellen-konnte/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/03/wenn-geschieht-was-sich-niemand-vorstellen-konnte/#comments Thu, 19 Mar 2020 09:31:15 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15423

Jetzt! Jetzt ist es passiert, etwas, das wir nicht vorhergesehen haben. So etwas wie die Corona-Epidemie mit ihren Konsequenzen hat sich niemand vorstellen können. Unvorhersehbares ist auch im ABC des guten Lebens ein wichtiger Begriff, einerseits bezüglich unserer persönlichen Ängste oder Wünsche, aber auch bezogen auf das politische Denken, denn es macht die Zukunft spannend:

Dass sich die Zukunft letztlich dem Planen und Herstellen entzieht, ist einerseits der Grund dafür, dass menschliches Dasein immer mit einer gewissen Angst verbunden ist. Andererseits befreit die Einsicht, dass nichts sich wiederholt und niemand weiß, was morgen geschehen wird, auch zum kühnen Handeln. Weil jeder Augenblick eine Fülle von unverfügbaren Möglichkeiten in sich birgt, kann ich auch ungewöhnliches Begehren in die Welt bringen, in der Zuversicht, dass es von anderen aufgegriffen und in Richtung auf das gute Leben weitergeführt wird, das niemand im Griff hat.

Bei der Corona-Krise stehen einerseits sehr berechtigte Sorgen und Ängste im Vordergrund, andererseits woll(t)en viele zunächst nicht akzeptieren, dass Unvorhergesehenes ihre schönen Pläne und Vorhaben verhindert. Durch Unvorhergesehenes öffnet sich aber auch die Zukunft einen Spalt weit und es kann etwas erreicht werden, was vorher nicht erreichbar schien. Im Rahmen der Corona-Krise zum Beispiel die Einführung des Bedingungslosen Grundeinkommens, für das bereits eine Petition gestartet wurde. Doch durch den Spalt kann auch Böses einziehen, etwa wenn bei der Corona-Krise mit viel Geld versucht würde, einen eventuellen Impfstoff exklusiv zu erwerben und andere Menschen davon auszuschließen.

Wer hätte sich ausgemalt, dass die größten Einschränkungen, die seit dem zweiten Weltkrieg verordnet wurden, nichts mit Gewalt und Zerstörung zu tun haben, sondern Ruhe bedeuten? Keine schießenden Menschen, keine zerstörerischen Bombeneinschläge oder ruinierten Städte. Stattdessen: Leere Terminkalender, Freiberufler_innen ohne Aufträge; Mütter oder Väter, die in der Klemme stecken, weil sie nicht wissen, wie sie die Kinderbetreuung organisieren sollen; aber auch Eltern die – der Not geschuldet – mitten in der Woche ganz entspannt mit einem Sack voll Spielzeug und ihren Kleinkindern in den Wald marschieren; Handwerksmeister, die ihre Sprösslinge mit zur Baustellenbesichtigung nehmen; Facebookgruppen, in denen Nachbarschaftshilfe angeboten wird; unerwartete Erfolge beim Klimaschutz, weil die Flugzeuge am Boden bleiben; Konsumminimierung, weil alle Geschäfte mit nicht lebensnotwendigen Dingen geschlossen bleiben – und eine Gesellschaft, die befreit ist davon, immerzu von einem Termin zum nächsten hetzen zu müssen.

Endlich Zeit zum innehalten und den Kindern beim Spiel im Wald zuzuschauen. Foto: Juliane Brumberg

Offiziell verordnet ist die Meidung aller sozialen Kontakte, was nichts anderes ist als Innehalten, auch ein Begriff aus dem ABC des guten Lebens, wenn die Autorinnen dort auch eher von freiwilligem Innehalten ausgegangen sind:

Innehalten bedeutet, die Alltagsroutine zu unterbrechen und sich einem anderen Zeitverständnis zu öffnen, in dem die Unendlichkeit des Augenblicks erahnt werden kann. Innehalten öffnet den Raum für Geistesgegenwart und bereitet den Nährboden für das Begehren. Viele religiöse Praktiken unterstützen das, zum Beispiel die Sonntagsruhe, der Sabbat, Meditation, rituelle Gebete, Fasten- und Schweigezeiten, Pilgerreisen und so weiter. (…) Vor allem die traditionelle Ökonomie, die auf stetige Gewinnmaximierung ausgerichtet ist, widersetzt sich einer Kultur des Innehaltens.

Und jetzt ist sie staatlich verordnet. Wir können erleben, ohne was alles ein gutes Leben möglich ist. Wir werden gezwungen und haben die Chance, unsere Routinen zu hinterfragen und das Zusammenleben in unserem Umfeld neu zu gestalten.

Mitdenken müssen wir dabei, dass Menschen in medizinischen Berufen oder jene, die das Krisenmanagement organisieren, nicht innehalten können, sondern bis zum Äußersten gefordert sind. Bei den Erkrankten sind die Verläufe sehr unterschiedlich. Manche sind infiziert, haben aber kaum Beschwerden, andere, auch Jüngere, erkranken lebensbedrohlich. Wir wissen nicht warum und können den Krankheitsverlauf nur begrenzt steuern. Wir müssen akzeptieren, dass es das Unverfügbare gibt, ein weiterer Begriff, auf den das ABC des guten Lebens aufmerksam macht:

Es gibt aber nicht für alles einen Grund. Nicht alles lässt sich schlüssig herleiten, kann ‚ergründet‘ werden. Es gibt Ereignisse, die geschehen einfach. Sie passieren, sie stoßen den Menschen zu, sie fallen zu. Zufällige Begegnungen zum Beispiel, die niemand herbeigeführt hat, die nicht einmal erahnt werden konnten, die sich einfach ereignen. Sie können das Leben von Menschen verändern, vielleicht in einem einzigen Augenblick. Sie können auch eine unerwartete Wende in der Menschheitsgeschichte herbeiführen.

Bei oder wegen aller Not der Erkrankten und aller Anspannung derjenigen, die in ‚systemrelevanten‘ Berufen jetzt besonders gefordert sind, bei und wegen den großen existenziellen Sorgen all jener, die von heute auf morgen ihren Lebensunterhalt nicht mehr erarbeiten können, ist diese Zeit der Coronakrise eine politisch hochspannende Zeit. Unvorhergesehenes und das Unverfügbare fordern uns heraus. Wir müssen unser Miteinander und unser politisches Denken und Handeln neu justieren. Der Artikel zum Unverfügbaren aus dem ABC des guten Lebens endet folgendermaßen:

Es gibt allerdings auch Geschehnisse, bei denen nur behauptet wird, sie seien ‚unverfügbar‘, schicksalshaft, obwohl sie das nicht sind. Die Finanzkrise zum Beispiel, die Klimaveränderung oder der Hunger und die Armut in der Welt. Sie alle sind nicht vom Himmel gefallen, sie sind von Menschen gemacht. Deshalb brauchen wir immer auch die ‚Gabe der Unterscheidung‘: Was können wir mit unserem Denken und Handeln beeinflussen und verändern? Und was geschieht, ohne dass wir es ‚gemacht‘ haben, machen konnten? Was ist wirklich unverfügbar?

Das ABC des guten Leben gibt es online und gedruckt:
Ursula Knecht und andere, ABC des guten Lebens, Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim 2012, 157 Seiten, € 7,50.

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Feminismus – nicht ohne Anti-Rassismus http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/03/feminismus-nicht-ohne-anti-rassismus/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/03/feminismus-nicht-ohne-anti-rassismus/#respond Mon, 16 Mar 2020 13:11:25 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15364

Der März ist der Frauenmonat: Internationaler Frauentag, Equal Pay Day, usw. In den März fällt auch der Internationale Tag gegen Rassismus. Was das Ungleichgewicht im Geschlechterverhältnis angeht, wird es im Jahr 2020 endlich etwas mehr von den Medien aufgegriffen. Trotzdem bleibt der Blick erstaunlich eng und geht kaum über Grenzen hinaus. Vor Kurzem bekam ich das Manifest ‚Mehr Feminismus‘ der Nigerianerin Chimanda Ngozi Adichie geschenkt. Sie ist eine leidenschaftliche Feministin und beschreibt die Ungerechtigkeiten zwischen Frauen und Männern an Beispielen aus ihrem Leben in Nigeria. Da ich keine große Fernreisende bin, weiß ich wenig über den Lebensalltag der Menschen, die in den afrikanischen Ländern leben. Und ich gebe zu, dass das, was ich meinte zu wissen, eher irgendwelchen Klischees entsprach. Insofern hat allein dieses kleine Büchlein mit seinen 112 Seiten meinen Horizont beträchtlich erweitert. Verwundert und überrascht war ich außerdem, dass ich von der Autorin, die schon einige Bestseller veröffentlicht hat, bisher noch nie etwas gehört hatte, obwohl mich eigentlich alles interessiert, was zu feministischen Themen geschrieben wird.

Glaubwürdiges feministisches Engagement richtet sich auf die Freiheit von allen Frauen, nein, allen Menschen und ist untrennbar mit Engagement gegen Rassismus verbunden. In Deutschland ist das wieder sehr wichtig geworden. Oft höre ich die hilflose Frage, was wir denn tun könnten gegen Rassismus. Der erste Schritt ist, uns zu interessieren für die Menschen aus anderen Kulturen, ihnen zuzuhören. Da können wir viel lernen. Deshalb empfehle ich im Frauenmonat März und zum Tag gegen Rassismus ganz konkret die Bücher von Chimanda Ngozi Adichie, insbesondere das schon 2016 erschiene kleine Buch ‚MEHR FEMINISMUS! Ein Manifest und vier Stories.‘ Da die Autorin einen sehr lebendigen Schreibstil hat, ist die Lektüre ausgesprochen vergnüglich und erweitert den Horizont ungemein.

Chimanda Ngozi Adichie, Mehr Feminismus! Ein Manifest und vier Stories, Frankfurt 2016, 122 S., 8 Euro.

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Die Macht des Symbolischen und die „sozial organisierte Macht“ http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/03/die-macht-des-symbolischen-und-die-sozial-organisierte-macht/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/03/die-macht-des-symbolischen-und-die-sozial-organisierte-macht/#comments Sat, 14 Mar 2020 11:13:35 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15403
Auf dem Markt des Glücks

Statt den Begriff des Symbolischen zu definieren, achtet Luisa Muraro einfach darauf, wie dieses Wort benutzt wird, und erschließt sich so seine Bedeutung. Unter den vielen Möglichkeiten, das Wort zu verwenden, gefällt ihr besonders der volkstümliche Ausdruck „ein symbolisches Geschenk“. Dabei geht es meistens um Gaben von geringem finanziellen Wert, die kaum mehr sind als eine Geste, die aber den Wunsch, jemandem etwas zu schenken, zum Ausdruck bringen. Das symbolische Geschenk ist das andere Extrem zu jenem Geschenkeaustausch, der wie im potlàc, von dem die Anthropologie berichtet, so weit gehen kann, dass mindestens eine der beteiligten Personen sich durch den sozialen Druck, die immer üppigeren Geschenke zu erwidern, selbst vollständig ruiniert.

Im volkstümlichen Italienisch wird das symbolische Geschenk auch als „pensiero“ bezeichnet, was neben „Denken“ und „Gedanke“ auch „Aufmerksamkeit“ bedeuten kann, im Deutschen kennen wir ja auch den Ausdruck „eine kleine Aufmerksamkeit“. Dieses Geschenk bringt weder Verpflichtungen noch Verlegenheit mit sich, denn es ist leicht zu erwidern, was aber gar nicht unbedingt nötig ist. Wenn von einem symbolischen Geschenk die Rede ist, kann aber auch eine leise Ironie mitschwingen, die kaum wahrnehmbar den Verdacht anklingen lässt, dass hier Geiz eine Rolle spielen könnte. 

Ein Charakteristikum von Worten und anderen Zeichen ist das Ungleichgewicht zwischen ihrer Feinheit und Zerbrechlichkeit und ihrer Energie. Sie stellen uns all das zur Verfügung, was wir sind, und all das, was existiert. Sie befreien uns von der Knechtschaft unserer Körperlichkeit mit den belastenden Verbindungen zwischen Ursache und Wirkung, Aktion und Reaktion, Mitteln und Zwecken, die uns vom Glücklichsein in die Verzweiflung führen können und umgekehrt, sie bringen uns zum Irrealen und zum Unmöglichen (man denke an die Zahlen). „Und all das leisten sie in kurzer Zeit, mit wenig Anstrengung, mit Mitteln, die vom Materiellen her hauchdünn sind“, so wie die Stimme oder jene schwarze Spur auf weißem Hintergrund, der wir beim Lesen mit den Augen folgen und die wir verwahren und überallhin mitnehmen und immer wieder reproduzieren können (S. 100). Dieses Ungleichgewicht machen wir uns kaum bewusst. Die Märchen bilden es ab, wenn sie von kleinen Geschöpfen, winzigen Behältnissen und geheimen Wörtchen erzählen und diese den Riesen, Burgen, Bergmassiven, Wäldern und Monstern gegenüberstellen.

Man kann auch von symbolischer Macht sprechen. Um zu verstehen, was mit der Macht der Zeichen gemeint ist, können wir an jene Figuren denken, die, vollbeladen mit neuen Bedeutungen, aus der Begegnung von zwei Bezeichnungen hervorquellen, die scheinbar nur einen einfachen Gegensatz darstellten.

Zu Recht sprächen manche davon, dass die Poesie die höchste Manifestation der symbolischen Macht und ihre größte Ressource sei, meint Luisa Muraro. Das gelte allerdings nur, wenn die Poesie nicht auf eine literarische Gattung reduziert werde, sondern im Besitz der lebendigen Sprachen bleibe. Diese Sprachen sind ein Ort unaufhörlicher Verhandlungen zwischen mir und mir selbst, mit den anderen und mit der Welt. Sie sind so lebendig wie Märkte, die sich nicht durch Konventionen, Übereinstimmungen, Moden, Ideologien oder Zwänge an die Realität binden, sondern durch die Freude am Dasein und durch den Mut zu sprechen. Sprachen sind dann lebendig, wenn sie die Fähigkeit haben, uns „die Dinge zurückzugeben“. Symbolisch können sie uns das Reale zurückgeben, das wir verloren haben, weil wir sprechen gelernt haben.

„Ist es also der Schmerz über einen Verlust, der uns zu Sprechenden (und später zu Lesenden und Schreibenden) macht?“ (S. 101). Durch das Erlernen der Muttersprache werden wir schnell für den Verlust entschädigt. Doch danach gelingt diese Rückerstattung nur noch teilweise, immer langsamer und mühsamer. So ist es beim Erlernen des Lesens und Schreibens in der Schule, unabhängig von immer neuen Methoden und trotz manchmal genialer LehrerInnen. Wenn wir Aufsätze von Schülerinnen und Schülern ihren Zeichnungen gegenüberstellen, blitzt in den Zeichnungen die überraschende Schönheit eines freien Bezugs zu den Dingen auf, während sie in den Texten aus einem Gefängnis erzwungener Äußerungen und stereotyper Formen heraus betrachtet werden. (Meiner Erfahrung an Grund- und Hauptschulen nach sind leider auch die Zeichnungen inzwischen meistens stereotyp und an Vorgaben orientiert, DM). Doch das Gefängnis explodiert von Zeit zu Zeit, und das steht Luisa Muraros Beobachtung nach in Verbindung mit der Poesie. 

Muraro berichtet an dieser Stelle nochmals, dass sie Gedichte liest, wenn die Sprache ihr gegenüber feindselig geworden ist „wie eine Rolle Stacheldraht“. Dabei geschieht etwas in ihr, die Sprache löst sich wieder. Ihre Erklärung dafür ist, dass Poesie ein freies Leben der Zeichen ist, das beim Lesen wieder auflebt. „Wieder aufleben“ ist hier nicht nur eine Metapher. Wer viel mit Schreiben beschäftigt ist und darin weiterkommen will, weiß, dass dabei eine Arbeit nötig ist, die so weit geht, dass das Schreiben in den eigenen Körper aufgenommen wird, also zu einer Art vitaler Funktion wird wie der Blutkreislauf. Dabei kehrt man wahrscheinlich zurück in die erste Beziehung, in der der Körper und die Sprache gleichzeitig miteinander Leben und Form gewonnen haben. Vielleicht bringt uns das Hören von Poesie die mütterliche Stimme zurück und zusammen mit ihr die symbolische Kompetenz, die dafür da ist, dass wir verhandeln können zwischen dem, was da ist, was wir wissen, was wir nicht wissen, was wir sein und sagen, festhalten, loswerden oder umwandeln wollen. Und damit werden wir dem Zwang des schon Gesagten und des Sagenmüssens entzogen. Muraro weiß sehr gut, wie stark jene Zwänge auf eine Frau, eine Schülerin oder einen Schüler einwirken. 

Hierzu fällt mir, DM, eine Erfahrung aus meiner Zeit als Hauptschullehrerin ein. Ich gehörte damals der internationalen Freinetbewegung an, die durch freie Texte „den Kindern das Wort geben“ wollte. In meiner Klasse führte ich „Vorträge“ ein, in denen jeweils ein Kind über ein Thema sprechen durfte, über das es aus eigener Erfahrung besonders gut Bescheid wusste. Die Kinder und ich stellten dann Fragen dazu und ich schrieb ein Protokoll, das später eifrig gelesen wurde, vor allem das zum Thema Sexualität. Ich erschrak damals über die ungeheure sprachliche Diskrepanz zwischen dem, was wir den Kindern aufgrund des Lehrplans und der Schulbücher im Unterricht zumuteten, was sie also an Schon-Gedachtem verstehen und reproduzieren sollten, und der in den „Vorträgen“ deutlich werdenden Armseligkeit ihrer sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten, dort, wo es um ihre eigene Erfahrung und ihre eigenen Interessen ging. Mir wurde damals klar, dass die schulische Bildungsarbeit bei diesen Kindern komplett versagt hatte.

In einem Text von 1933 schreibt Roman Jakobson, einer der großen Linguisten des 20. Jahrhunderts, das Poetische sei dann präsent, wenn die Worte mit ihrer Bedeutung, mit ihrer Zusammensetzung und Form für sich selbst Gewicht und Wert bekommen, anstatt sich in größeren Einheiten („in Blöcken“) auf die Realität zu beziehen. Es sei wichtig, dass sie nicht ganz mit dem Gegenstand oder der Sache zusammenfallen. Die Poesie sei so notwendig wie das Salz im Essen, um den Widerspruch lebendig zu halten zwischen zwei Möglichkeiten: dass das Wort der Gegenstand oder die Sache ist und dass das Wort nicht der Gegenstand oder die Sache ist. Dieser Widerspruch ist laut Jakobson notwendig für die Beweglichkeit der Zeichen und der Begriffe, ohne ihn wird ihr Bezug zueinander zu etwas Mechanischem, zu einem Automatismus. Wenn das geschähe, wäre das das Ende der symbolischen Aktivität und das Ende des Bewusstseins von der Realität.

Muraro zufolge nimmt Jakobson hier etwas voraus, mit dem wir uns heute auseinandersetzen müssen: die zunehmende Irrealität durch Sprachen, die von der lebendigen Körperlichkeit der Produktion von Zeichen aller Art abgetrennt sind, so dass deren Produktion beinahe aufhört. Dagegen zu kämpfen heißt, die beiden „Backen“ des Gleichen und des Anderen zu öffnen, auch dort, wo über Wissenschaft, Recht und Theologie geschrieben wird, auch wenn das eine gewisse Zweideutigkeit mit sich bringt. Es heißt, die Kunst zu erlernen, mit schlafwandlerischer Sicherheit auf dem Seil zu gehen, das zwischen Gleichheit und Verschiedenheit ausgespannt ist. Um zu Zeichen zu werden, müssen die Unterschiede durch uns hindurchgehen.

Es ist auch nötig, dass die Dinge die Worte korrigieren oder zum Schweigen bringen können, um sich ohne Namen zu präsentieren, dass die Worte den Dingen Gesellschaft leisten können, auch wenn dadurch ein Durcheinander entsteht. Wenn gesagt wird, die Worte stünden für die Dinge, kommt es zur oben beschriebenen Abtrennung und zum Verlust. Denn in dieser Aussage geht verloren, dass die Worte, um von den Dingen zu sprechen, sich der Dinge und Körper bedienen, dass diese dadurch aber niemals symbolisch überflüssig werden. Die Worte brauchen die Dinge, ebenso wie die sprechende und zuhörende Person die Dinge braucht. Mit den Dingen und Körpern unterhalten die Worte viele Beziehungen. Sie spielen damit. In Wortspielen finden wir immer kleine Ausschnitte der Welt.

Muraro hat schon in einem ihrer ersten Bücher „Maglia o uncinetto“ über die rhetorische Figur der Metonymie geforscht, bei der die Worte, um zu einer Bedeutung zu kommen, unser Alltagsleben und die materiellen Dinge, mit denen wir umgehen, hinzuziehen. Dagegen sind metaphorische Aussagen Beispiele für ein Zusammenbinden von Blöcken mehrerer Zeichen, die aus dem Schon-Gedachten kommen, hier ist der direkte Bezug zu den Dingen nicht mehr vorhanden. (In der faschistischen Sprache finden wir übrigens solche metaphorischen Aussagen in großer Häufung, DM).

Es gibt ein lebendiges Sprechen in Präsenz, bei dem wir keine Namen und Bezeichnungen brauchen, sondern Ausdrücke wie hierjetztdu und ich benutzen, die in der Linguistik auch als originarium bezeichnet werden. „Ich und „du“ haben kein grammatikalisches Geschlecht, die Geschlechterdifferenz wird hier nicht bezeichnet, sie ist einfach nur präsent als etwas, das im Wort mitschwingt oder auch nicht. Muraro weist darauf hin, dass die Trennung der Sprache vom Da-Sein in erster Person, die in Präsenz und in Beziehung ist, mit der Einführung der dritten Person beginnt, mit der auch die Geschlechterdifferenz bezeichnet ist („er“, „sie“). Und dadurch könne das Subjekt zum Objekt gemacht und auf eine Sache reduziert werden, mit der die Macht tun könne, was sie wolle. In der Sprache des originarum sind wir dagegen in der reinen Unmittelbarkeit und Zufälligkeit. In dieser Sprache drücke sich übrigens Gott in der mystischen Erfahrung aus, merkt Muraro an: ich und du, hier und jetzt.

Muraro hat nichts dagegen, dass von einer symbolischen „Macht“ gesprochen wird, wenn damit das wahre Zentrum des Geisteslebens und das Kraftzentrum jeglicher Bedeutungsgebung gemeint ist. Doch sie warnt davor, diesen Begriff analog zur „sozial organisierten Macht“ zu gebrauchen, „die akzeptiert, dass einige über andere bestimmen und ihre ganze Existenz beeinflussen, was letztlich alle schädigt, die Befehlsempfänger und die Befehlenden. Denn es zwingt alle zu einem Sprechen und Sich-Verhalten, schließlich sogar auch zu einem Fühlen, das der Aufrechterhaltung und dem Zuwachs der Macht dient, die wie ein großer Schmarotzer wirkt“ (S.104). So sieht Muraro die Macht, im Gegensatz zu anderen, die in ihr etwas Gutes sehen, die das Machtstreben für den wichtigsten Antrieb zu politischer Aktivität halten. Die symbolische „Macht“ strebt keine Dauerhaftigkeit an, und so verändern sich die Sprachen ständig und, wenn sie keine guten Lebensbedingungen mehr finden, verlöschen sie still und leise, falls ihnen nicht die Zwecke der Mächtigen im Weg stehen. Und sie lassen eine ganz besondere Stille hinter sich. Wir haben keine Vorstellung, wie viele Sprachen auf diese Weise aus der Welt verschwinden. Die symbolische „Macht“, die allen und niemand gehört, ist lebendig und breitet sich von selbst aus, deshalb muss sie sich nicht darum kümmern, ob sie weiterbesteht, und sie muss sich auch nicht selbst voranbringen. Auch das ist ein Grund für die Sehnsucht nach ihr. Ihre Fundamente hat sie immer in der Dankbarkeit der Personen gefunden, denen es gelungen ist, sich auszudrücken. Diese „Macht“ weist auf ihre Präsenz hin, indem sie uns zum Sprechen bringt und zuhören kann. Sie muss nicht auf ein Podest steigen, und wenn sie es doch muss, dann bleibt sie dort sie selbst (wie einst Johannes XXIII. auf dem päpstlichen Thronsessel).

Auch wenn sich die beiden Arten von Macht eigentlich gut unterscheiden lassen, verwechseln wir sie trotzdem, und da helfen auch keine Anführungszeichen. (Muraro schreibt die symbolische „Macht“ mit Anführungszeichen). Das kommt daher, dass wir sie bereits in unserem Inneren verwechseln. Die sozial organisierte Macht (ohne Anführungszeichen) hat nämlich von sich aus kein Gesicht und keine Stimme, sie hat keine Ziele und keine Gründe, sie hat noch nicht einmal einen richtigen Namen. Doch ihr fehlt es nicht an den Mitteln, sich all das zu verschaffen. Von sich aus besteht sie nur aus einer Fülle von Machtmitteln. Einige davon sind schrecklich, wie die Angst und die Verführung, doch die meisten ihrer Mittel sind ganz alltäglich, da genügt eine schulische Namensliste, eine Uniform oder ein vorgedrucktes Briefpapier. So kommt es, dass die Macht schließlich eine Unzahl an Gesichtern, Stimmen, Sprachen, Argumenten und Namen hat, durch die sie auf natürlichste Weise in Umlauf kommt und sich reproduziert. Muraro erinnert sich noch, wie aus ihr ganz schnell ein weiblicher Kapo wurde, nachdem ihre Lehrerin sie zur Klassensprecherin gemacht hatte.

Im Rahmen postmodernen kritischen Denkens wurde in vielen Texten und mit zahlreichen Argumenten der Gedanke formuliert, wir könnten die Realität nur mit den Augen der Dominanzkultur sehen. Wir würden nicht nur von ihr in die Irre geführt und betrogen, sondern durch sie geformt, auch die Wahrheit werde zusammen mit der Macht und in ihrem Sinne produziert. Folgen wir dieser Sichtweise, nach der die Stärke der Wahrheit nicht der der Herrschaft entgegengestellt werden kann, dann macht es keinen Sinn mehr, von einem Leben der Zeichen zu sprechen, das nicht der Macht unterworfen ist: alle Beziehungen, alle Veränderungen, alle Prozesse, vor allem die Bildung der Subjektivität, und auch alle Revolten sind dann eine Frage der Macht. Es ist eine verführerisch einfache und klare Sichtweise. Was ihr fehlt, ist der Sinn für die notwendige Vermittlung, d.h., der Sinn für die Realität und eine Orientierung, die durch die Arbeit erworben wird, nach Worten zu suchen, die uns das Reale symbolisch rückerstatten können. 

Diese Theorie entwickelte sich auch im Zusammenhang mit dem zunehmenden Gefühl, alles sei vorgetäuscht und alles lasse sich vortäuschen. Dabei gab sie sich als Antwort auf Herrschaftsszenarien aus. Beispielsweise wenn behauptet wird, das Geschlecht einer Person sei das, das sie haben will. Das klingt einfach, doch Muraro weiß, dass „die Körper und die Dinge im Stillen die notwendige Vermittlung brauchen, nicht irgendeine beliebige. Sie verlangen nach einer Verknüpfung der eigenen Erfahrung mit der Welt der anderen durch das zerbrechliche Band der Worte“ (S. 106).

Muraro hat den Verdacht, dass durch die Theorie der alles durchdringenden Macht niemand anderes spricht als die Macht selbst. Denn es ist eine ihrer Eigenschaften, die Arbeit des Denkens abzukürzen oder ganz abzuschneiden.

Man kann nicht von einer Politik des Symbolischen sprechen, ohne sich zu fragen, ob es möglich ist, das Leben der Zeichen von den Manifestationen der Macht zu unterscheiden und ohne das Ausmaß unseres Unterworfenseins unter die Machtbeziehungen zu ermessen, um zu wissen, ob wir ihnen überhaupt entkommen können. 

Der Anfang einer Antwort könnte Folgendes sein: Die Worte haben die Gabe, uns und sich selbst zu helfen. Denn das Erstaunliche ist, dass Worte, nachdem sie in zahlreichen Situationen der Machtausübung und des Machterhalts benutzt worden sind, also zum Befehlen, Betrügen, Vortäuschen usw., und nachdem sie dann nochmals erniedrigt wurden, weil die von jener Macht Unterdrückten sie nachsprachen, dass solche Worte dennoch „gut“ bleiben, also fähig bleiben können, etwas Gutes, Gerechtes und Wahres zu sagen. Das ist ein Wunder, das schwer zu glauben wäre, wenn es nicht immer wieder geschehen würde und wir es nicht vor allem für möglich halten würden. Den Einwand, das habe einfach damit zu tun, dass die Worte dem Gebrauch gegenüber gleichgültig seien, den wir von ihnen machen, lässt Muraro nicht gelten. Worte könnten zwar eine solche Indifferenz haben, doch das sei das Ergebnis eines absichtlichen Säuberungssprozesses, wie er oft von den Naturwissenschaften oder den Rechtswissenschaften vorgenommen würde, um eine möglichst neutrale Sprache zu erhalten. Es bestehe kein Zweifel, dass die Schönheit großer Poesie von innen heraus kommt und nicht nur eine äußerliche Wirkung ist, diese würde sich nämlich schnell abnutzen.

Im Rahmen der 1968er-Bewegung habe Muraro an dem Versuch teilgenommen, aus der Unterwerfung unter die Macht herauszukommen und die Zeichen aus deren „Umarmung“ zu befreien. Obwohl es inzwischen viele andere Interpretationen dieser Bewegung gibt, bleibt Muraro dabei, dass es eine Bewusstwerdung und eine Revolte war gegen die Vertrautheit, die die Macht sich in den Gedanken, Worten, Bräuchen und Vergnügungen verschafft hatte, um sich in den jungen und gebildeten Menschen, die sie waren – und das Letztere war in jener Zeit noch ein Privileg –, zu reproduzieren. Ihr Bildungsprivileg wollten sie in eine gesellschaftsverändernde Kraft verwandeln. Sie wollten eine gerechtere Gesellschaft schaffen, ohne zu wissen, wie sich das realisieren ließe. Deshalb wollten sie die Sprache, die Bücher, die Schule und das Lehren und Lernen verändern. Ihre Lieblingsbücher waren Der eindimensionale Mensch von Herbert Marcuse (1964) und Brief an eine Lehrerin von Lorenzo Milani (1967) mit der unvergesslichen Aufforderung, den Armen die Sprache zu geben, damit sie sich genauso ausdrücken können wie die Reichen, und damit Gleichheit zu schaffen. (Wenn ich an dieses Buch nur denke, spüre ich bis heute die ungeheure Hoffnung und Begeisterung, die mich beim Lesen erfasste, und die sicher ein Grund war, dass ich damals Grund- und Hauptschullehrerin geworden bin, DM).

Zu der Frage, wie die Sache denn ausgegangen sei, meint Luisa Muraro: „Um eine gerechtere Gesellschaft zu erreichen, nahmen es einige von uns mit der Macht auf, ohne sich klarzumachen, dass sie damit an ihrer Reproduktion mitwirkten, und schließlich verfolgten und töteten sie in einem bewaffneten Kampf, wodurch sie zu einem unverständlichen Schrecken wurden“ (S. 109). Das geschah aber erst später, nachdem die Macht ohne Gesicht und ohne Worte in kalter Raserei gezeigt hatte, wozu sie fähig war, indem sie ein Blutbad an unschuldigen Menschen anrichtete, wofür den jungen Leuten dann auch noch die Schuld zugeschoben wurde.

Trotzdem könne man nicht sagen, die Sache sei schlecht ausgegangen. Denn es sei möglich, so bei einer Sache mitzumachen, dass man sich nicht betrogen fühlt und denkt, es sei nicht der Mühe wert gewesen, wenn das angestrebte Ergebnis nicht erreicht wurde und stattdessen bittere Dinge geschahen. Vielleicht gelingt das dann, wenn man keinen großen Wert auf persönlichen Erfolg legt und den eigenen Entscheidungen nicht allzu großes Gewicht gibt, weil man das, was geschieht, als schicksalhaft empfindet und in der eigenen Beteiligung eine Art Berufung sieht, die dem Zufall nahe kommt. Der Gefühlszustand, den Muraro hier zu beschreiben versucht, ist Heimkehrern aus Kriegen, Gefängnissen und anderen Abenteuern, die historisch schlecht ausgingen, nicht fremd. Und auch nicht den Frauen, die äußerlich bescheidene Leben führen, die aber von einem Begehren nach Größe  erfüllt sind, das die alltäglichen Ereignisse in einen größeren Horizont stellt. „Herauszutreten aus einer anonymen, isolierenden Gleichförmigkeit, an erinnerungswürdigen Ereignissen teilzunehmen, und zwar mit anderen zusammen, auf diese zu zählen und selbst für sie zu zählen: das ist eine Art zu leben, die uns das Gefühl gibt, dass es sich gelohnt hat“ (ebd.).

Und genau ein solches Leben, das sich nicht isoliert und auf ein ausschließendes „wir“ beschränkt, sondern offen ist wie ein Markt, in den es alles einbringt, was eine Person ist und hat, um das Sein zu gewinnen, ein solches Leben ist für Muraro ein alternatives symbolisches Gut zum Leben mit der Macht. Muraro kennt in der Politik nichts Radikaleres als diese Lust, mit den anderen und wie die anderen zu sein, keine bessere Alternative zu der Anziehung, die die Macht auf uns ausübt. Und dabei denkt sie nicht an eine Konfrontation, sondern an ein Sich-Entziehen. Denn wenn wir gegen etwas sind, führt das früher oder später dazu, dass wir wie etwas werden. Wer sich in das Wirkungsfeld der Macht begibt, und sei es auch nur, um sie zu bekämpfen, unterliegt ihrer Anziehungskraft und tritt in ihre Sphäre ein. Das heißt, ihren Bedingungen und ihren Maßstäben zu unterliegen, die die Bedingungen der gegebenen Realität sind. 

In der 1968-Bewegung fehlte das Bemühen, an den Auswirkungen und Konsequenzen eines historischen Hereinbrechens von nicht objektivierbaren Interessen weiterzuarbeiten. (Dieser Gedanke stammt von Angela Putino). Damals überwog die Kultur der Objektivierung, die schon immer die Männer auf der ganzen Welt von den Frauen getrennt hat. Und viele der Frauen, die so wie Muraro an der Revolte teilgenommen hatten, führten das Begonnene fort in den feministischen Gruppen zur Selbst-Bewusstwerdung. Daher kommt für Muraro das Gefühl einer Kontinuität, trotz des Bruchs mit Gruppen, Projekten und Personen und trotz radikaler Veränderungen in den Praktiken und der Sprache. „Wir haben tatsächlich damit weitergemacht, uns von den subjektiven Interessen leiten zu lassen, weil wir Lust hatten, in einer Welt zu leben, die nicht mehr von außen und gleichgültig auf das innere Leben blickt, und auch das Umgekehrte erreichen wollten, dass unser Inneres nicht mehr abgetrennt und verschlossen bleibt, sondern voller Welt ist“ (S. 110).

Es stimmt, dass es schief gehen kann, sich auf diese Weise dem Leben auszusetzen. Oft arbeitet man auch umsonst und wird zu selten belohnt. Und doch ist es besser, als ewig auf Belohnungen zu warten, wobei sich die phantasierten Ansprüche an die anderen ins Unermessliche steigern, wie es in den eingeschränkten Leben so vieler Frauen geschah. Das Gelebte findet einen Widerhall in den Gefühlen und Gedanken des Inneren, in einem Prozess, der im Gegenwärtigen auch die Vergangenheit einbezieht und ihr ermöglicht, neue Bedeutungen anzunehmen, so dass wir zu geschichtlichen Persönlichkeiten werden in einer rehabilitierten Biographie.

Um die „Macht“ des Symbolischen noch besser zu verstehen, stellt Muraro sie einer Macht gegenüber, der sich niemand entziehen kann, der Zeit. Deren Macht lässt sich zusammenfassen als Unumkehrbarkeit ihres Ablaufs, durch die man nicht mehr zurück kann, das Vergangene ist vergangen. Doch das Symbolische sei ebenso mächtig wie die Zeit, es könne ihr die Stirn bieten. Es könne die Zeit zwar nicht endgültig besiegen, doch dasselbe gelte auch umgekehrt. Und die Teilsiege des Symbolischen seien Meisterwerke, die Meisterwerke der Kunst stünden dabei an erster Stelle. Doch Muraro meint, es gäbe auch andere Meisterwerke des Symbolischen, die wir noch nicht so wahrnehmen und wertschätzen könnten.

Das Wort könne den Ablauf der Zeit verlangsamen und unterbrechen, es könne sogar auf sie einwirken. Das ist nicht schwer zu verstehen, wenn wir beispielsweise unsere Leseerfahrungen betrachten. Wer einen Roman liest, kann den Verlauf der Zeit unterbrechen und verschieben, und zwar nicht nur im banalen Sinn der Möglichkeit, schon Gelesenes nochmals zu lesen, sondern weil der Fortgang der Erzählung bis zum Ende die Fähigkeit hat, den Sinn dessen, was ihm vorausging, zu verändern. 

Die symbolische Aktivität ist eine Bewegung, die den ganzen Bereich des Annehmens, Verlorengehens und Veränderns von Sinn umfasst und damit unser ganzes Leben. Es ist eine Bewegung, die wir als Intensivierung aller vorhandenen Dinge erfahren können. Und in dieser zunehmenden Intensität gibt es Momente, in denen wir „wie im Zentrum eines Strudels die dem Sein eigene Qualität leuchten sehen, die Präsenz ist und die sich uns darbietet“ (S. 113).

Virginia Woolf, die dieser Art von Erfahrung in der Erzählung über ihr Leben Raum geben wollte, nannte sie „Momente des Seins“. Sie sei Schriftstellerin geworden, um diese Erfahrung zu „erklären“, schreibt sie. Und daher sei das Schreiben für sie zum Allerwichtigsten überhaupt geworden.

Auch wenn die Momente des Seins außergewöhnlich sind und isoliert vom übrigen Leben auftreten, haben sie die Gabe, uns einen Durchgang zu einem Mehr des Seins zu eröffnen. Dies gelingt aber nur dann, wenn wir sie genauso annehmen und uns aneignen, als würden wir sprechen lernen, dazu gehört auch, dass wir daran arbeiten, sie in unser Leben zu integrieren. Dabei hilft die Erinnerung daran, dass die symbolische Ordnung so voller Ressourcen ist, wie der Himmel voller Sterne, eine überbordende Fülle, ein Sternhimmel in uns. Wir sollten auch keine Angst haben, die Rhetorik zu nutzen, wenn uns das hilft. Der Vorwurf, die Rhetorik zu missbrauchen, wird nicht selten von denen erhoben, die diejenigen, meistens diejenigen Frauen, zum Schweigen bringen wollen, die ein Mehr mitzuteilen haben. Man will sie auf das realisierte Reale festnageln und sie daran hindern, auf den Markt zu gehen, um die „Goodness“ zu kaufen, wie George Eliot im Vorwort von Middlemarch schreibt. „Goodness“ (ital. „bontà“, deutsch „Güte“, „Gutherzigkeit“) ist ein großes und sehr einfaches Wort. „Es kommt einem nicht leicht über die Lippen, in dieser Welt. Ja, es gibt einen Mut zur Rhetorik“ (S. 114).

Doch auch Arbeit ist nötig. Muraro betont das, weil ihre Worte von dem zarten Medium, das uns über die Ordnung der Notwendigkeit von Aktion und Reaktion und über die Unumkehrbarkeit der Zeit hinaustragen kann, den Gedanken an einen geistigen Flug nahelegen. Die Sprache kommt nicht in Schwung, wenn sie nicht mit den Dingen Umgang hat. Und sie nutzt ihren Schwung nicht, um der Welt auszuweichen, sondern um sie uns zurückzugeben. Daher muss daran gearbeitet werden, dass die Worte sich nahe bei den Dingen halten und dass zwischen Worten und Dingen ein Austausch besteht. Dafür brauchen wir Praktiken, die dafür sorgen, dass Dinge und Worte miteinander Umgang haben können, damit die Gedanken vor Leere und Abgeschmacktheit und die Körper vor der Stummheit bewahrt werden.

Link zum Beginn der Serie

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Wie es mit Meryam und Anne weiterging http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/03/wie-es-mit-meryam-und-anne-weiterging/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/03/wie-es-mit-meryam-und-anne-weiterging/#comments Tue, 10 Mar 2020 20:51:27 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15351 Vor fast zwei Jahren veröffentlichten wir hier im Forum die Erzählung „Meryams Rede“ von Safeta Obhodjas, die zu interessanten und kontroversen Diskussionen in den Kommentaren geführt hat (lest gerne noch einmal nach). Jetzt hat Safeta eine Fortsetzung dazu geschrieben, und zwar einen ganzen Roman: „Schwesternliebe – eine Halal-Seifenoper“.

Die Geschichte spielt einige Jahre später. Meryam und Anne sind immer noch miteinander befreundet, sogar beste Freundinnen (Puh, das war ja nach dem Konflikt um „Meyrams Rede“ nicht klar, ob sie sich wieder zusammenraufen). Meryam hat ihren Wunsch, Jura zu studieren, verwirklicht und arbeitet nun in einer Kanzlei. Sie hat einen deutschen Freund, er ist Arzt, allerdings gerade auf Hilfsmission in Afrika. Anne hingegen leitet inzwischen die von ihrer Mutter gegründete Hilfsorganisation für Frauen, die Meryam damals geholfen hat.

Soweit hat sich also alles ganz gut entwickelt, als plötzlich etwas geschieht, das Meryam und Anne wieder in die Vergangenheit katapultiert: In der Hilfsorganisation ist eine junge, obdachlose Frau aufgenommen worden, die sich als Meryams kleine Schwester Latifah herausstellt. Aufgrund verschiedener häuslicher Katastrophen und Konflikte in Meryams Herkunftsfamilie landete sie auf der Straße, und es findet sich kurzfristig kein Zimmer in einer Notaufnahme für sie.

Kurz und gut: Anne überredet Meryam, Latifah für eine Weile bei sich aufzunehmen, und so nehmen die Konflikte ihren Lauf. Denn Latifah, die noch ein kleines Kind war, als Meryam die Familie verlassen hat, ist inzwischen zu einer jungen Frau herangewachsen, die islamische Separation von der deutschen, verwestlichen Gesellschaft betreibt. Sie lebt in ihren muslimischen Netzwerken, verachtet Meryam für ihre „Verwestlichung“ und legt ansonsten die typisch rotzfreche Arroganz eines Teenagers an den Tag.

Anhand dieses Settings entfaltet Safeta Obhodjas erneut mit einem sehr präzisen Blick die Differenzen, die sich zwischen säkularen und konservativen Muslim*innen, zwischen verschiedenen deutschen wie migrantischen feministischen Positionen, und eben auch zwischen verschiedenen Vorstellungen von Integration ergeben.

Die Sympathien der Autorin liegen dabei klar bei Meryams, wobei sie sich aber durchaus nicht scheut, auch deren Schattenseiten zu schildern. Meryams Hauptproblem ist weiterhin, dass sie von allen Seiten nicht als Individuum, sondern als Typus gesehen wird. Sie hat ständig alle Hände voll zu tun, um Zuschreibungen abzuwehren, zum Beispiel wenn sie von ihren Vorgesetzten in der Kanzlei dauernd gedrängt wird, sich mit Familienrecht zu beschäftigen, weil sie doch so einfühlsam die Frauen verstünde, vor allem die migrantischen. Oder von den Sozialarbeiterinnen im deutschen Hilfesystem, die von ihr erwarten, dass sie sich unbedingt solidarisch, sogar kritiklos für andere rassistisch diskriminierte Frauen einsetzt, weil sie doch selbst eine ist.

Safeta Obhodjas versteht es, die Zumutungen, die solche Zuschreibungen bedeuten, sehr nachvollziehbar herauszuarbeiten, allein deshalb ist das Buch sehr lehrreich. Gleichzeitig versteht man aber auch, warum Meryams Herangehensweise auf der anderen Seite zu Abwehr und Vorwürfen führt. Nein, so nicht, möchte man ihr häufig zurufen – und doch bleibt das einer gleich im Halse stecken, denn es ist nun wirklich Unfug, dass ausgerechnet Meryam mit ihrer Biografie diejenige sein soll, die Verständnis aufbringen muss.

Insofern macht die Geschichte am Ende etwas ratlos, eine Lösung hat Safeta Obhodjas nicht zu bieten. Aber man versteht eben besser, warum bestimmte Ansätze einfach scheitern müssen.

Safeta Obhodjas: Schwesternliebe – eine Halal-Seifenoper. Epubli Verlag Berlin, 13,99 Euro. (Link)

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Kapitel 2: Freiheit und In-der-Welt-Sein: aus Beziehungen und vermittels Bindungen leben http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/03/kapitel-2-freiheit-und-in-der-welt-sein-aus-beziehungen-und-vermittels-bindungen-leben/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/03/kapitel-2-freiheit-und-in-der-welt-sein-aus-beziehungen-und-vermittels-bindungen-leben/#comments Sat, 07 Mar 2020 09:30:49 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15330 Zum 20. Jubiläum der Flugschrift „Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn. Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik“ wurde das Büchlein im Christel Göttert Verlag neu aufgelegt und wird hier im Forum auch erstmals online veröffentlicht (hier der Link zum Anfang). Dies ist das 2. Kapitel: Freiheit und In-der-Welt-Sein

Unser politischer Horizont ist weibliche Freiheit, wobei wir unter Freiheit mehr verstehen als die Wahl zwischen verschiedenen Möglichkeiten. Freiheit schließt gerade die Öffnung für Unvorhergesehenes ein. In dieser Hinsicht gründet sie in der Fähigkeit jedes einzelnen neu in die Welt gekommenen Menschen, etwas ganz Neues in die Welt zu bringen.

Kinder – die Neuankömmlinge in der Welt – sind die Hoffnung der Gegenwart. Es gilt ins Bewusstsein zu bringen, was Kinder für das politische und kulturelle Zusammenleben der Menschen bedeuten und dass Kinder die Zukunft der Erde sind. Kinder als Neuankömmlinge in der Welt zu betrachten, heißt, radikal ernst zu nehmen, dass nicht wir heute, sondern alle Menschen, die die Erde im Lauf ihrer Geschichte bevölkern, den Bezugsrahmen bilden, in dem wir Menschen unsere Angelegenheiten regeln.

Die Beziehung des Kindes zur Mutter ist die erste Beziehungserfahrung im Leben. Die Erfahrung, der Welt von Beginn an nicht autonom gegenüberzutreten, sondern sie durch die Vermittlung einer anderen Person kennen zu lernen und in der Bindung zu ihr die eigene Position finden zu können, ist der Grundstein jeder Kultur.

Neben der Bindung an Personen entwickeln Menschen eine Beziehung zur Welt über eine in der eigenen Lebensgeschichte verankerte emotionale Bindung an Dinge. Dazu gehört die Bindung an Orte des eigenen Lebens, die Heimat bedeuten, die Bindung an ein Haus, an Eigentum überhaupt und die Bindung an den eigenen Arbeitsplatz. Eigentum bedeutet, etwas zur eigenen Sache zu machen und vermittels dieser Sache in der Welt zu sein.

In der christlichen Tradition des Besitzverzichts wurde häufig die Bindung an Dinge der Liebe zu Gott und dem Nächsten entgegengestellt. Aber dies ist eine falsche Alternative: Die Bindung an die Menschen ist nicht zu trennen von der Liebe zu den Dingen und damit zur Welt. Wo das eine bekämpft wird, wird auch das andere beeinträchtigt oder sogar zerstört.

Die persönliche Bindung an Dinge zum Maßstab für Weltgestaltung zu machen, darin liegt ein entscheidendes Widerstandspotential gegen die kapitalistische Wirtschaftsweise mit ihren Imperativen der Mobilität und Flexibilität sowie des grenzenlosen Konsums. Die persönliche Bindung an Dinge zum Maßstab für Weltgestaltung zu machen, könnte bedeuten, dass beispielsweise ein Erbanspruch von der Bindung an das zu erbende Ding abhängig gemacht würde.

Aus: Ulrike Wagener, Dorothee Markert, Antje Schrupp, Andrea Günter: Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn. Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik. Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim 1999, Neuauflage 2019.

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Zwei Schwestern – dann eine Weile nichts. Nachdenken über E. und A. und die Wiederentdeckung von Hans Christian Andersens ‚Die Schneekönigin‘ http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/03/zwei-schwestern-dann-eine-weile-nichts-nachdenken-ueber-e-und-a-und-die-wiederentdeckung-von-hans-christian-andersens-die-schneekoenigin/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/03/zwei-schwestern-dann-eine-weile-nichts-nachdenken-ueber-e-und-a-und-die-wiederentdeckung-von-hans-christian-andersens-die-schneekoenigin/#comments Wed, 04 Mar 2020 15:20:09 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15240

Frozen kam als Die Eiskönigin – völlig unverfroren Ende November 2013 (pünktlich vor Weihnachten und genau rechtzeitig zum ausgelassenen Weihnachtsshoppen unzähliger Eiskönigin-Produkte) in die deutschsprachigen Kinos. Der zweite Teil folgte jetzt, im Dezember 2019. Nun war meine Neugierde groß genug, den Unterschieden und Gemeinsamkeiten der beiden Disney-Filme und deren literarischer Vorlage, Hans Christian Andersens Die Schneekönigin, nachzugehen.

Die intertextuelle Verbindung der Frozen-Filme zum „Original“, Andersens Märchen aus dem Jahr 1844, ist nicht nur oberflächlich – wie ich meine – sondern es steckt ein tiefes und sehr kluges Verständnis in der Verwandlung der Schneekönigin hin zur Eiskönigin. Im Grunde denken die Macher*innen von Frozen Andersens bereits feministisch angehauchtes Märchen konsequent weiter. Dies tun sie, indem sie den Fokus auf die vielschichtigen und vielfältigen Beziehungsweisen zwischen den Frozen-Schwestern Elsa und Anna legen. Und sie weben einen zusätzlichen Diskursstrang auf spannende Weise in die Filme ein: den postkolonialen. Als ich nun diese drei sinnlichen und gut durchdachten Frauen-Geschichten – im Grunde sind es meines Erachtens Entwicklungsgeschichten bezogen auf feministisches Denken, Sprechen und Handeln – zusammenband, sponnen sich meine Ideen und Gedanken quasi von selbst weiter: Ich wurde angehalten zum Nachdenken über Kolonialismus und Erinnerungskultur, die konsequente (also nicht verhandelbare oder kompromissbeladene) Suche nach Wahrheit, über Gut und Böse, Richtig und Falsch, über innerfeministische Auseinandersetzungen und Sprache und Sprachentwicklung zwischen Frauen. Und nicht zuletzt und mit allem Vorgenannten verbunden, erkenne ich gerade in den Frozen-Filmen die teils beantwortete, teils offen gelassene Frage danach, wie eine Welt beschaffen sein müsste, in der das Begehren von sehr unterschiedlichen Frauen im Mittelpunkt stehen könnte.

Der folgende Artikel hat eine ungefähre Lesedauer von vierzig Minuten. Das ist viel, aber die Artikellänge war nötig, um der Komplexität der Frozen-Dilogie (momentan… vielleicht wird ja noch eine Trilogie daraus?) gerecht zu werden.

Um meiner Argumentation folgen zu können, auch ohne Die Eiskönigin und Die Eiskönigin II gesehen zu haben, gebe ich zunächst eine kurze Zusammenfassung der beiden Filme (ich gehe nicht auf alle Details ein; für noch genauere Auskünfte gerne die Wikipedia-Seiten in Anspruch nehmen).

Die Geschichte des Films „Frozen/ Die Eiskönigin – Völlig unverfroren“

Alle Bilder haben meine Töchter (5 und 11 Jahre) ausgemalt

Anna und Elsa sind die Töchter des Königspaares Iduna und Agnarr im Königreich Arendelle. Arendelle liegt an einem Fjord, umgeben von hohen Bergen. Elsa besitzt magische Zauberkräfte: Sie kann aus ihren Händen Formen und Skulpturen aus Eis und Schnee entstehen lassen. Die Schwestern wachsen in großer Liebe und Geborgenheit auf. Sie sind unzertrennlich, bis ein Unfall geschieht – ausgelöst durch Elsas Zauberkräfte – und die Eltern sich entschließen, Elsa und Anna getrennt voneinander aufwachsen zu lassen, bis Elsa ihre Kräfte zu beherrschen weiß. Annas Erinnerung an Elsas Fähigkeiten wird ausgelöscht. Als die Schwestern bereits im Jugendalter sind, kommen ihre Eltern bei einer Schiffsreise ums Leben. Wieder einige Jahre später findet Elsas Krönung zur neuen Königin statt. Sie hat große Angst, dass sie ihre Kräfte nicht kontrollieren kann. Aber alles läuft gut, bis ihr Anna ihre Heiratswünsche mit Hans verkündet, den sie gerade erst kennengelernt hat. Als Elsa die Heirat verbietet, kommt es zu einem Streit zwischen den Schwestern, in dessen Folge Anna einen von Elsas schützenden Handschuhen abzieht. Weil Elsa so aufgewühlt ist, fährt ein Eisstrahl aus ihrer Hand quer durch den Saal. Nun, da ihre Kräfte entdeckt sind, flieht Elsa über den Fjord, den sie gefrieren lässt, hinauf auf den Nordberg. Doch nicht nur der Fjord vereist, sondern mit ihm versinkt das ganze Königreich in Eis und Schnee. Anna fasst sofort den Entschluss, ihrer Schwester zu folgen, und überträgt Hans die Führung von Arendelle, bis sie und Elsa wieder zurück sind.

Auf ihrer Reise trifft sie auf Kristoff, einen Eislieferanten, der als kleiner Junge bei den Trollen aufgewachsen ist. Sie bittet ihn und sein Rentier Sven, sie auf der Suche nach ihrer Schwester zu begleiten. Auf dem Weg Richtung Nordberg treffen sie auf den Schneemann Olaf, den Elsa bereits im Kindesalter hat entstehen lassen, und der die Gruppe jetzt zu Elsas Eispalast führt. Anna geht allein ins Schloss, um mit Elsa zu reden. Doch die Unterhaltung zwischen den Schwestern verläuft nicht gut; wieder trifft unbemerkt ein Eisstrahl Anna, diesmal direkt in ihr Herz. Elsa zwingt Anna, den Palast zu verlassen. Schon kurz darauf beginnen sich Annas Haare weiß zu färben. Nur ein Akt wahrer Liebe – so erfahren Anna, Kristoff, Sven und Olaf von Grand Pabbie-Troll – könne Annas Herz wieder zum Tauen bringen. Kristoff bringt Anna schweren Herzens – denn er hat sich mittlerweile in sie verliebt – zu Hans ins Schloss. Doch Hans hat mittlerweile Elsa aus dem Eispalast geholt und ins Gefängnis gesperrt. Er eröffnet Anna, dass er ihr die Liebe nur vorgespielt habe, um auf den Thron zu gelangen, und schließt sie in einem Raum ein in dem Glauben, dass sie dort stirbt. Auf dem Fjord findet er die mittlerweile aus dem Gefängnis ausgebrochene Elsa und teilt ihr mit, dass ihre Schwester tot sei. Sodann will er die trauernde Elsa hinterrücks mit seinem Schwert töten, doch Anna, der es mit Olafs Hilfe gelungen ist, die Tür zu öffnen, wirft sich mit letzter Kraft, im Moment ihres Vereisens, schützend vor Elsa, sodass das Schwert an ihr zerbricht. Elsa umarmt ihre Schwester und ihre heißen Tränen bringen Anna wieder zum Tauen. Elsa versteht, dass Liebe der Schlüssel zur Kontrolle über ihre Kräfte ist. Jetzt kann sie Arendelle von Eis und Schnee befreien, und der Sommer kehrt zurück. Damit Olaf nicht schmilzt, zaubert sie über ihn eine kleine Schneewolke. Die Tore von Arendelle bleiben von nun an geöffnet, und Anna und Elsa beschließen, sich nie wieder zu trennen. Anna und Kristoff sind am Ende ein Paar.

Die Geschichte des Films „Frozen II/ Die Eiskönigin II“

Der zweite Film beginnt mit einem Rückblick auf einen Moment, als Elsa und Anna noch Kinder sind; es muss kurz vor der Nacht des verhängnisvollen Unfalls sein. Die Eltern erzählen ihnen von Ereignissen, die sich zu Zeiten zugetragen haben, als ihr Vater Agnarr noch ein Kind von etwa 12 Jahren war. Sein Vater, König Runeard, hatte damals im Zauberwald einen Staudamm gebaut, um die Freundschaft zwischen den Arendellern und dem Waldvolk, den Northuldraern, zu stärken. Bei der Eröffnungszeremonie, an der bereits Prinz Agnarr als Kind teilnahm, kam es plötzlich ohne Grund zu einem bewaffneten Kampf. Das erzürnte die Waldgeister – Feuer, Luft, Erde und Wasser – so sehr, dass sie einen dichten Nebel über den Zauberwald legten, durch den niemand mehr hinein oder hinaus kann. König Runeard fiel damals im Kampf, während Prinz Agnarr mit Hilfe eines Helfers die Flucht aus dem Wald gelang. Hier endet die Geschichte.

Zurück in der fiktiven Jetzt-Zeit des Films ist Elsa bereits seit einiger Zeit Königin von Arendelle. Es ist Herbst. Elsa hört immer öfter eine Stimme, die sie zu rufen scheint. Eines Nachts folgt sie der Stimme vor das Schloss auf der Fjordseite. Mit ihrer Magie ruft sie – eher intuitiv und ungewollt – die Waldgeister. Kurz darauf beginnt die Erde zu beben; alle Bewohner*innen von Arendelle müssen aus der Stadt fliehen. Grand Pabbie-Troll eilt herbei und erklärt, dass Elsa die Wahrheit über die Vergangenheit des Königreiches herausfinden müsse, damit alles wieder in Ordnung kommt. Elsa schließt daraus, dass sie der Stimme folgen muss, die sie immer hört. Anna, Kristoff, Sven und Olaf begleiten sie. An der Nebelgrenze des Waldes angekommen, öffnet diese sich ohne Probleme für die kleine Reisegruppe. Elsa muss recht bald ihre Kräfte einsetzen, um den Wind- und den Feuergeist unter Kontrolle zu bekommen. Und sie machen Bekanntschaft mit den in die Jahre gekommenen einstigen Soldat*innen Arendelles, welche immer noch mit dem Volk der Northuldra verfeindet sind. Nach Aushandlung eines Waffenstillstands lernt Elsa Honeymaren kennen, eine etwa gleichaltrige Frau vom Volk der Northuldra, mit der sie dem Rätsel um die Stimme näherkommt: Honeymaren erklärt Elsa, dass es noch einen fünften Geist gibt, der die Menschen mit dem Zauber der Natur verbindet. Elsa entschließt sich daraufhin, sofort weiter zu reisen. Allerdings sind Kristoff und Sven nicht aufzufinden, weshalb Elsa, Anna und Olaf die Reise ohne die beiden fortsetzen.

Bald kommen die drei an ein Schiffswrack, das sich als das Schiff herausstellt, mit dem ihre Eltern damals ums Leben kamen. Im Schiff finden sie eine Karte, auf welcher der Weg zum Fluss Ahtohallan eingezeichnet ist. Elsa schafft es, im Schiffswrack weitere Szenen der Vergangenheit in Form von Eisskulpturen darzustellen. So erfahren die Schwestern, dass ihre Mutter eine Angehörige der Northuldra war. Sie war es auch, die in der Schlacht Prinz Agnarr gerettet hat. Elsa beschließt nun, alleine weiter zu reisen, um Anna und Olaf zu schützen. Die Trennung geschieht nicht im Einvernehmen; Elsa baut Anna und Olaf ein Eisboot und lässt sie damit den Berg hinunterrasen. Sie selbst kommt an die Meeresküste und wirft sich in die Fluten. In einem atemberaubend schön animierten Kampf mit dem Geist des Wassers in Form des Wasserpferdes Nokk gelingt es Elsa, dieses für sich zu gewinnen; und so bringt es sie über das Wasser hin zum Eisfluss Ahtohallan. In den Gängen und Räumen des vereisten Flusses erfährt sie immer mehr über die Geschehnisse im Zauberwald; am Ende weiß sie die ganze Wahrheit: Ihr Großvater hatte den Staudamm in Wirklichkeit nur bauen lassen, um die Northuldraer in seine Abhängigkeit zu bringen. Als Grund führte er seine Angst und die Gefährlichkeit von Magie an. Als der Oberste der Northuldraer ihn darauf aufmerksam machte, dass der Staudamm die notwendige Wasserzufuhr zum Wald und den Flüssen unterbricht, tötete der Großvater ihn von hinten mit dem Schwert. Das war der Grund, weshalb ein Kampf ausbrach. Diese Wahrheit bewirkt, dass Elsa vereist – sie kann aber vorher Anna noch eine Nachricht senden.

Anna und Olaf suchen den Ausgang aus einer Höhle, in der sie mit dem Boot gestrandet sind, als sie Elsas Nachricht in Form einer Eisskulptur erreicht. Sie wissen sie zu deuten. Kurz darauf löst sich Olaf in seine Einzelteile auf. Anna entschließt sich, den Staudamm zu zerstören, da nur so Frieden und Versöhnung möglich ist. Mit Hilfe der Erdriesen, Kristoff, Sven und den ehemaligen Soldaten Arendelles schafft sie es. Nun droht das hervorbrechende Wasser, Arendelle zu überfluten. Doch Elsa taut durch Annas Tat auf, reitet auf dem Wasserpferd vor die Mauern Arendelles und lässt die Flut noch rechtzeitig verschwinden. Arendelle ist gerettet, und auch der Fluch in Form des Nebels über dem Zauberwald verschwindet nach 34 Jahren.

Anna nimmt nun Kristoffs Heiratsantrag an. Sie wird die neue Königin von Arendelle. Elsa entschließt sich, im Wald bei Honeymaren zu leben. Sie sagt, sie wolle nun gemeinsam mit Anna die Brücke zwischen den Menschen und den magischen Geistern sein. Sie besucht Anna jeden Freitag zum Scharade-Spielen.

Betroffenheit und Deutung

Frozen und Frozen II mit meinen fünf und elf Jahre alten Töchtern zu sehen, war ein einprägsames Erlebnis. Es katapultierte mich in meine eigene Kindheit und zu den sich darin tummelnden Prinzessinnen und schönen Mägden und wirbelte einige – wie ich fand – interessante Fragen in mir auf. Antje Schrupp schickte mir zudem einen Link zu einem Artikel von Jeanna Kadlec, die sich sehr kritisch mit den Filmen auseinandersetzt.

Meine eigene, von Schmerzen ungetrübte Lesart wurde von jener Jeanna Kadlecs, einer Betroffenen und Verletzten, stark herausgefordert und ließ mich ein paar Tage ratlos zurück. Denn nun hatte ich zunächst einmal ganz andere Fragen mit mir zu klären: Darf ich als eine kaum von Marginalisierung betroffene Cis-Frau über die Frozen-Filme schreiben? Kann ich mit meiner Sicht etwas beitragen? Im nochmaligen Lesen meiner bis dahin geschriebenen Notizen bin ich zu der Meinung gelangt, dass es doch auch noch Deutungsmöglichkeiten gibt, die jene von Jeanna Kadlec ergänzen könnten. Wenn ich eine Szene anders interpretiere als sie, dann bedeutet das nicht, dass ich ihren Schmerz nicht sehr gut verstehen kann und dankbar bin für diese Sichtweise, die mir gewisse Privilegien und Ausschlusstechniken klar vor Augen führen.

Etwa, wenn sie schreibt, wie enttäuscht und tief verletzt sie davon war, dass Elsa sich von ihrem Coming-Out als „Andere“ (als eine, die mit magischen Kräften ausgestattet ist) – mit „Let it go“ im ersten Teil besungen – gleich zu Beginn des zweiten Teils beschämt abwendet. Es war mir unangenehm, dass ich diese Sequenz nicht als das gelesen hatte, was sie war, nämlich eine Form der Zurücknahme ihrer Sehnsucht nach sexueller Befreiung, nach Freiheit und Selbstbestimmung. Ich sah darin nur eine Auseinandersetzung Elsas mit dem Lied als Kassenschlager, eine Art, sich von ihrem eigenen Erfolg als Singstar abzuwenden. Aber klar. Typische (und von Disney sicherlich gewollte) Cis-Lesart, welche die Lacher auf Kosten der LGBTIQ*-Community in Kauf nimmt.

Dennoch… und vielleicht mag das jetzt kalt wirken, aber dieses peinlich berührte Abwenden von ihrem eigenen Freiheitsschrei steht ja am Anfang der Geschichte von Frozen II. Wenn ich mir anschaue, dass Arendelle sich kein bisschen geändert hat, seit Elsa Königin ist, wundert mich ihr Zurücktreten hinter ihre Freiheitsbestrebungen nicht, denn die Gesellschaft verlangt dies weiterhin von ihr, nun nur etwas abgeschwächt. Kurz vor der Szene singt sie, dass sie „jetzt rausgeht“ und läuft während der Szene mitten durch die Stadt, durch die Menschenmenge. Immer noch verlangt ihr das „Rausgehen“ also Kraft und Überwindung ab! Denn sie kann hier immer noch nicht wirklich sein, wer sie ist. Sie muss sich zurücknehmen, um dieses Volk regieren zu können und um keine Veränderungen von ihm verlangen zu müssen.

Und ja, dafür hat sie bereits erlangte Freiheiten wieder aufgegeben. Aber – und das ist von Bedeutung: Es ist Herbst geworden in Arendelle. Die Arendelle’sche Biedermeier-Ära (für die Andersen so wunderbare Beschreibungen gefunden hat in der Schneekönigin) ist drauf und dran, im Wechsel der Jahreszeiten unterzugehen. Bereits in dem Lied „So wird es immer sein“, in dem alle den „glücklichen Augenblick“ festhalten und die Vergangenheit weiter unbearbeitet lassen wollen („Denk nicht daran, was war!“), kündigen der Herbst, das Thematisieren des Alters und besonders Elsas Melancholie die bereits bevorstehende Veränderung an; bald wird es nie mehr so sein, wie es einmal war.

Frauenland, wohin Gerda auch kommt

Als meine Mutter mir damals, als ich vielleicht 6 Jahre alt war, das erste Mal Die Schneekönigin vorlas, war ich sofort der Bildmächtigkeit, die Andersen schafft zu kreieren, verfallen. Ich kann mich nicht erinnern, noch einmal von einem anderen Märchen so sehr in eine Landschaft, in Figuren und ein Geschehen hineingesogen worden zu sein. Ich war von Gerdas Mut beeindruckt, und ich war fasziniert von all den interessanten Frauenfiguren, die Andersen hier erschaffen hat. Aber doch, eine, nein zwei Männerfiguren muss ich erwähnen: den Prinzen der Prinzessin! Ein Mann, der von der Frau nur Liebe empfängt, wenn er klug ist und also ihre Klugheit mit der seinen vorantreibt. Ein Mann, der sich von Prunk und Reichtum nicht blenden lässt, eigentlich gar nicht daran interessiert ist, die Prinzessin zu freien, sondern nur an ihrer Klugheit! Und die männliche Krähe (ist sie wirklich männlich? Ich check`s bis zum Ende nicht wirklich, das macht mich ganz verrückt)! Verständnisvoll und solidarisch mit Gerda! Zwei Feministen stehen hier im Buche! Großartig!

Aber vor allem: So viele tolle und unterschiedliche Frauenfiguren in einem Märchen! Angefangen bei der frommen, geschichtenerzählenden Großmutter, welche die Krähen- und die Kindersprache beherrscht. Dann die alte Frau mit dem kunstvoll bemalten Blumenhut, die stark an die rapunzelklauende Hexe erinnert. Des Weiteren die weibliche Krähe, die Gerda – koste es was es wolle für sie – das Eindringen in die Schlafgemächer von Prinz und Prinzessin ermöglicht, weil sie von der Richtigkeit von Gerdas Wunsch überzeugt ist. (Von der Prinzessin wird sie dafür zwar kurz gerügt, aber dann reichlich belohnt, und beide Krähen bittet sie, an ihrem Hofe zu bleiben. Unglaublich!)

aus: Hans Christian Andersen: Die Schneekönigin. In: Gesammelte Märchen. Karl Müller Verlag 1990

Dann die kluge und sehr spendable Prinzessin selbst, die zwischen sich und ihren Hofdamen keine Hierarchien zuzulassen scheint (beim Dialog zwischen Prinzessin und Hofdamen fühlte ich mich stark erinnert an das Frauendreiergespann in Portrait einer jungen Frau in Flammen). Sodann das kleine Räubermädchen mit ihrem Messer und ihrer Großherzigkeit (von der Astrid Lindgren sich by the way für ihre Ronja-Räubertochter ganz viel abschnitt, so wie auch schon von Lucy Maud Montgomerys Anne von Green Gables für ihre Pippi Langstrumpf – aber wie Astrid Lindgren großartige Mädchen- und Frauenfiguren weiterleben lässt, das würde hier zu weit führen), und die Läppin, die für die Finnin „Worte auf einen Klippfisch“ schreibt (Was nur?, und Wieso eigentlich?, Kann Gerda ihr das nicht einfach sagen?, fragte ich mich schon als Kind).

Und nicht zuletzt die Finnin, die alles, was auf dem Klippfisch steht, „dreimal“ liest, „und dann konnte sie es auswendig“ (aus: Hans Christian Andersen: Die Schneekönigin. In: Gesammelte Märchen. Karl Müller Verlag 1990; S. 233-264, S.257) und anschließend den Klippfisch auch noch verspeist. Die Finnin, die Gerda einen „Zwölf-Männer-Kraft-Trank“ geben könnte, dann aber „ein großes zusammengerolltes Fell“ aufrollt, auf dem „wunderliche Buchstaben geschrieben“ waren, und sie las sie, „dass ihr das Wasser von der Stirne herunterlief“ (ebd.), mit der Erkenntnis, dass Gerda den Trank nicht braucht, da sie schon genug Kraft in sich trägt. Gleich darauf setzt sie Gerda auf das Rentier, sodass diese ihre liebgewonnenen, viel zu großen Handschuhe von dem Räubermädchen, die dieses wiederum von seiner Mutter geklaut hatte, vergisst.

Die Handschuhe? Ja, genau, Handschuhe. Die spielen auch im ersten Teil von Frozen eine große Rolle. Alleine das lässt das Wandern der Handschuhe von der Mutter zur Räubertochter zu Gerda zur Finnin in neuem Licht erscheinen. Damals allerdings hinterließ das Vergessen der Handschuhe eine merkwürdige Unruhe in mir: Warum nur? Warum vergaß die Finnin, die doch eine Gute war (oder nicht?), Gerda die Handschuhe wiederzugeben? War es ein Versehen? War es Absicht? Gab es also einen Grund? Waren die Handschuhe gar ein Hindernis, um Kay wiederzufinden? Und dann – jetzt beim Wiederlesen der Schneekönigin, schossen die Anna- und Elsa-Bilder in meinen Kopf: Wie Anna ihrer Schwester den einen Handschuh ungewollt und in emotionaler Aufgewühltheit abzieht. Sie ist es also, die das Coming-Out vorantreibt in ihrem Versuch, Elsa wieder näher zu kommen, sie besser zu verstehen. Und wie dann Elsa den ihr verbliebenen Handschuh kurz vor der Kreation ihres Eispalastes in die eisige Luft schleudert, hinauf, in den Himmel, let it go, ich brauche ihn nicht mehr!

Eine Frauenfigur aus der Schneekönigin fehlt in der obigen Aufzählung natürlich noch: die Schneekönigin höchstselbst. Sie ist so anders, so kalt, eben von einer anderen Welt, sodass sie sich so gar nicht in die solidarisch handelnde Frauenrunde integrieren lässt. Andersen betont immer wieder, dass der Verstand das einzige ist, was für die Schneekönigin von Bedeutung ist. Ich nenne hier nur einige der von Andersen aufgemachten abismalen Differenzen zwischen dem Begehren von Gerda und jenem der Schneekönigin, die da symbolisiert sind in: Bienenkönigin versus Schneekönigin, Herzenswärme versus kühle Selbstbezüglichkeit, magisch-religiöse Weltsicht versus empirische Rationalität, Sonne versus Mond und Nordlichter, Gott versus Teufel usw. usf. (Die Leitmotive habe ich Irmgard Nickel-Bacons Aufsatz „Herzenswärme und eiskalte Herrlichkeit. Naturmetaphorik und Frauenbild in Andersens Schneekönigin“ entnommen.)

Diese Schneekönigin blieb mir als Mädchen fremd, obwohl sie eine große Faszination auf mich ausübte. Sie war schön, sie war mächtig – aber sie war böse. Damals dachte ich noch nicht über die Darstellung des sich nicht ins Patriarchat zu integrieren lassenden Weiblichen als das Böse nach. So wie die Hexe in Rapunzel böse war, und so wie die Hexe in Hänsel und Gretel böse war, usw. usf. In der 12. Klasse war das Thema meiner ersten kleinen, selbst recherchierten Deutsch-Arbeit die Wirkung der Märchen auf Kinder, weil ich da schon öfter mit der Meinung konfrontiert wurde, Märchen seien zu brutal für Kinder, und ich eben anderer Meinung war, weil ich Märchen so sehr mochte (auch wenn einige davon damals vielleicht den zweifelhaften Wunsch in mir entstehen ließen, dass mich – sobald ich groß wäre – ein Prinz auf seinen Schimmel höbe). Das Fazit meiner kleinen Studie war dann mehr oder weniger: Kinder lernen durch Märchen, Gut von Böse zu unterscheiden. Sie sind daher wichtig für die Sozialisation. Punkt.

Das Böse muss es also geben. Ich dachte mit 17 über die Schneekönigin also folgendermaßen: Es tut mir leid für dich, Schneekönigin, aber da die Kinder lernen müssen, Gut von Böse zu unterscheiden, musst du einfach böse sein. So einfach ist das. Nein, so einfach ist es nicht, das weiß ich jetzt. Zum Glück.

Das Monströse ab zum Nordpol!

Andersen packte vermutlich die eigenen Erfahrungen mit seiner Bisexualität in die Kreation der Schneekönigin, all das, was in ihm verborgen war und nach Ausdruck strebte, aber nicht konnte, weil es der Gesellschaft als Monströses galt (siehe auch u.a. folgender Artikel) (wobei die folgenden Ausführungen, wie Andersen die Reaktion der Gesellschaft auf seine Bisexualität wohl wahrgenommen haben könnte und in die Schneekönigin hat einfließen lassen, nur Vermutungen meinerseits sind.). Jedes wahrgenommene Anzeichen einer Andersheit wurde geradezu gewaltvoll verdrängt; und die Person selbst, die solche unheimeligen Gefühle in den „Normalen“ verursachte, musste weit weit von sich gewiesen werden. Andersen wusste viel davon. Das Böse der Schneekönigin wird konterkariert von dem Guten, das sie ja der Gesellschaft mit Eis und Schnee zum Schutze von Pflanzen und Tieren im Winter schickt, so sagt sie selbst: „[…] das gehört dazu, das tut den Zitronen und Weintrauben gut!“ (Schneekönigin S. 262)

In gewissem Sinne hilft Andersens Schneekönigin also, die Gesellschaft wie jene von Kay und Gerda zu stabilisieren, sie rüttelt nicht an den Grundmauern der Zivilisation. Diese Einsicht lässt sodann den Gedanken zu, dass sie ja doch irgendwie Teil der Gesellschaft ist. Dass sie eventuell nicht viel böser ist als andere Menschen. Aber was böse sein soll, wird durch die Normen, Werte und Gesetze der Gesellschaft vorgegeben, und Punkt. Und so kehrt sie nach ihren Ausflügen hübsch brav immer wieder zurück in den Norden; sie bleibt dort, wohin sie abgeschoben wurde, in the margins, bis auf alle Ewigkeit.

Auch Elsa strömt mit „Let it go“ zunächst der Einsamkeit entgegen; sie könnte nun die Andersen’sche Schneekönigin werden. Aber etwas ist anders. Anders als die Schneekönigin lässt sie nun ihrer Magie (nicht dem Verstand) freien Lauf – jener Magie, die im Andersen’schen Märchen noch Gerda zugeordnet wird. Die Polaritäten sind nicht mehr so klar, sie sind zu Zeiten von Anna und Elsa bereits verschwommen, Seiten gar getauscht usw. usf.

Somit ist auch in der Wahl der Einsamkeit noch nicht das letzte Wort gesprochen, denn Elsa ist vor ihrem Coming-Out bereits Teil der – nennen wir es – weiblichen Linien. Es gibt mit ihrer Schwester eine, die sie sucht und sie nicht ihrer Einsamkeit überlässt. War die Schneekönigin also von jeglicher weiblichen, ja feministischen Solidarität ausgeschlossen, so ist die Eiskönigin immerhin einer Person – ihrer Schwester – als liebender Mensch in Erinnerung. Ihre Eltern hingegen trauen Elsas Liebe nach dem Unfall, bei dem ein Eisstrahl in Annas Kopf gelangt ist, nicht mehr. Sie müssen erst einmal – da scheinen die Schwestern bereits aus der Pubertät hinausgewachsen zu sein – eine lange Reise antreten, um zu wissen, ob das, was sie ihrer Tochter antun, richtig ist. Gerade die einst so zärtliche, liebevolle Mutter schafft es nicht, ihre Tochter so sein zu lassen, wie sie ist. Warum nicht? Zum Glück wird das Trauma der Eltern, durch das diese verlernten, Richtig und Falsch klar voneinander unterscheiden zu können, im zweiten Teil thematisiert. Doch dazu später.

Der Vertrauensverlust der Eltern in die wohl etwa 7-jährige Elsa bewirkt, dass sie sich Rat von Grand Pabbie-Troll holen. Dieser meint es mit seinem Rat zwar gut, I know, aber alter weißer Mann, what can we do. Ein falscher Ratschlag zieht eine falsche Entscheidung – die Trennung der Schwestern – nach sich. Angst (Elsa) und Vergessen (Anna) scheinen zunächst bequeme und adäquate Mittel zu sein (alle sind leise, alles scheint „normal“, niemand stört die Ordnung), welche aber – gerade sofern Gewalt beim Vergessenmachen eine Rolle spielt, und das tut sie immer, wenn vergessen werden soll, was nicht vergessen werden darf – nun das wirklich Böse entstehen kann.

Zudem entsteht Raum für die Traurigkeit, die Melancholie und das Trauma. Unbearbeitetes wird zwar verdrängt, es bahnt sich aber dennoch seinen Weg in die Welt, wie gerade die Forschung zur Transgenerationalität und Epigenetik, aber auch die postkolonialen Studien zeigen. Ich persönlich finde es großartig, wie Disney hier gerade über diese beiden weiblichen Körper nicht nur queere, sondern auch postkoloniale Diskurse hereinholt und eindeutig Partei ergreift für ganz bestimmte Formen der Erinnerungskultur.

Annas Vergessen als Kind hat noch einen weiteren Aspekt: Zusammen mit dem Wissen um die magischen Kräfte ihrer Schwester wird Anna nämlich auch der Zugang zu ihrer Schwester genommen. Der Kommunikationsabbruch über viele Jahre kann als Allegorie gelesen werden auf die Kommunikations- und Lieblosigkeit zwischen Frauen – ja sogar zwischen Feminist*innen (dazu komme ich noch) – im Patriarchat allgemein. Liebe im Herzen allein reicht nicht aus, sie muss auch gelebt werden und sich entwickeln können. Sie muss sich in Sprache ausdrücken können.

Aber statt die Liebe auf diese Art zu stärken und gedeihen zu lassen, soll und muss und will Elsa nun lernen, nichts zu fühlen, um Anna nicht zu verletzen. Elsa zieht aus der Liebe die Kraft dafür, ihrer immer wieder an ihre Tür klopfenden Schwester Nähe und Zuneigung, das gemeinsame Großwerden zu verweigern. Anna hingegen gibt nicht auf. Sie klopft all die Jahre an Elsas Tür und versichert dieser somit, dass ihre Liebe immer noch erwidert wird. Diese zähen Liebesbekundungen von beiden ändern jedoch nichts an der Entfremdung zwischen ihnen, als sie sich dann bei Elsas Krönung das erste Mal wiedersehen. Und so entfremdet ist Anna für Elsa auch erst einmal keine Hilfe. Daher ist es nur konsequent, dass sich Anna nun in die Arme zweier Männer wirft: zuerst in die von Hans, dann in die von Kristoff.

Nicht wegreiten, Johanna!*

(*So Anna im Lied „Willst du einen Schneemann bauen?“ in Richtung eines Gemäldes in einem Raum des Schlosses, das Johanna von Orléans auf einem Pferd zeigt.)

Wie sehr gähnte ich, als Anna sich – wie schon Arielle und so viele Prinzessinnen und Mägde vor ihr – an nur einem Tag in einen Mann verliebt und bereits am selben Abend der überraschten, gerade gekrönten Elsa ihre Heiratswünsche offenbart. Annas Unbeschwertheit resultiert daraus, dass sie nicht all die Jahre wie Elsa die Last der Verantwortung, die aus dem Wissen erwächst, tragen musste. Und so singt sie, als sich die Tore des Schlosses öffnen und sie Hans in die Arme läuft, dass sie „zum ersten Mal seit Ewigkeiten“ wieder Liebe in sich spüre. Die Sehnsucht nach der Liebe ihrer Schwester leitet sie nun um: Hätte sie von Elsa diese Liebe bekommen, wäre ihr dieser „Verlieber“, der schon so vielen Frauen zum Verhängnis wurde, wohl nicht passiert.

„Nein!“ ist Elsas eiskalte Antwort auf Annas Verlobungsgesuch, und ich fühle mich kurz an Arielles Vater erinnert: Der Patriarch scheint in Elsa geschossen zu sein. Und schon fühle ich mich korrumpiert als Zuschauerin; ich soll jetzt Elsa doof finden, weil sie sicherlich unrecht hat und von der Liebe nichts weiß. Nochmal: Gähn. Doch dann der aberwitzige schnelle Dialog zwischen den Schwestern, in dem Anna imaginär nicht nur ihren Hans mit sich in das Schloss einziehen lässt, sondern gleich auch noch seine unzähligen Brüder. Elsas Satz „Hier werden überhaupt keine Brüder einziehen!“ lässt mich an einer Stelle laut auflachen, an der das sonstige Kinopublikum keinen Grund zum Lachen sieht – ich aber bin wieder versöhnt mit Elsa, denn so redet keine Patriarchin.

Nach ihrem Coming-Out kurz nach ihrer Krönung flieht Elsa also, und Anna bleibt der unbändige Willen, Elsa zurückzuholen, denn erst jetzt beginnt sie, die Schwester zu verstehen. Und sie hat unendliches Vertrauen in die Ältere, auch als schon der ganze Hofstaat und alle Menschen des Landes verängstigt der gerade gekrönten und nun fliehenden Königin hinterherstarren. Anna traut Elsa, obwohl Hans sie mit seiner Frage „Bist du sicher, dass du ihr vertrauen kannst?“, während sie sich auf ihr Pferd schwingt, um Elsa hinterherzueilen, verunsichern und Zweifel schüren will. Und selbst Kristoff, der „gute“ Mann hier, der aber erst im zweiten Teil die ersten Schritte hin zum „neuen“ (sprich feministischen) Mann macht, fragt Anna irgendwann einmal auf der Reise zum Nordberg: „Hast du keine Angst vor deiner Schwester?“

Doch der Tiefpunkt in der Schwesternbeziehung ist noch nicht erreicht. Im Gespräch zwischen beiden in Elsas Eispalast reden/singen sie komplett aneinander vorbei. Konsequenterweise bekommt Anna wieder einen von Elsas Eisstrahlen ab, nun direkt ins Herz. Wer tut hier eigentlich wem Gewalt an? Anna will Elsa zurück nach Arendelle bringen, von dem sich Elsa doch gerade erst befreit hat. Die einzige Möglichkeit, die Freiheit zu bewahren, erscheint Elsa da, ihrer Schwester weiter und noch radikaler die Liebe zu entziehen. Denn Anna kann ihre Worte einfach noch nicht verstehen (Elsa hat ja auch noch gar nicht die Richtigen!), und schon gar nicht verspeisen.

Vor der endgültigen Vereisung des Herzens kann Anna jetzt nur ein Akt der wahren Liebe retten. Zurück im Arendelle’schen Schloss, schon beinahe erfroren, wartet sie auf Hans, doch dieser lässt sie nicht nur warten, sondern löscht auch das sie wärmende Feuer. Statt des von ihr ersehnten Kusses sagt er sinngemäß: „Du warst so verrückt nach Liebe, es war ein leichtes Spiel für mich.“ Das Patriarchat ruht nie, immer wieder will es die Macht an sich reißen. Er verlässt den Raum in der Gewissheit, dass sie nun stirbt. Wie sie da so sitzt, an der großen verschlossenen Tür, allein in dem dunklen, kalten Zimmer mit zugezogenen Vorhängen: All die Anna Kareninas, Effi Briests, Emma Bovarys ploppten vor meinem inneren Auge auf – all diese Frauen und ihre Sehnsucht nach Sinn, nach Liebe, Leidenschaft, Feuer im Herzen, den ganz großen Gefühlen.

Und ich finde, dass Frozen eben die Frage zulässt, ja sie unentwegt und immer wieder stellt: Was wäre gewesen, wenn die Beziehung zwischen Frauen nicht nur von Kälte und Misstrauen geprägt (worden) wäre, sondern von Vertrauen und Zuneigung? Das Ende des ersten Teils ist daher konsequent und großartig: Nicht der Kuss eines Mannes kann Anna und die Stadt vom Fluch des Eises befreien, sondern nur die Liebe der zwei Schwestern, die nun endlich fähig sind, ihre Gefühle füreinander offen zu zeigen, zu leben und auszusprechen.

Ich bin verrückt? Was?

Anna und Elsa haben sich wiedergefunden. Sie wollen sich nie wieder voneinander trennen, sie wollen im Grunde die verlorene Zeit aufholen. So endet der erste und so beginnt auch der zweite Teil. Vor allem Anna ist auf ihre große Schwester fixiert. Sie versprechen sich gegenseitig, immer aufeinander aufzupassen und sich alles zu erzählen. Als Anna von den Stimmen erfährt, die Elsa hört, ist sie mehr denn je bereit, Elsa beizustehen. Aber Anna hat jetzt auch einen Freund: Kristoff. Kristoff wiederum will Anna beistehen, also kommt auch er mit auf die Reise. Und auch er hat ein ganz eigenes Ziel: Er möchte Anna den Verlobungsring anstecken.

Beim Beschauen dieser sehr unterschiedlichen Hoffnungen und Ziele, die die Reisenden mit ihrem Unternehmen verbinden, wird sehr deutlich, dass Kristoff in seinem Bemühen scheitern muss. Annas Aufmerksamkeit gilt nicht dem Manne neben ihr, sondern ihrer Schwester hinter ihr auf der Kutsche. Konsequenterweise kann sie auch mit seinen etwas ungelenken Worten nichts anfangen. Wenn er sagt, „damals warst du noch so verrückt und hast dich mit einem Mann verlobt, den du erst einen Tag kanntest“, so reagiert sie unwirsch und verständnislos. „Du hältst mich für verrückt?“, fragt sie bereits geistesabwesend und von ihm abgewandt, um im nächsten Moment von der Kutsche zu springen.

Wie hat sie sich verändert seit ihrem Zusammentreffen mit Hans, zu dem sie noch so Sachen sagte wie „Ich bin peinlich, du bist toll!“ Sie kann und will sich gerade nicht mit Kristoff beschäftigen oder sich in ihn hineinversetzen, um ihn zu verstehen, und sich dafür in Zweifel über ein Verrücktsein zu begeben, das ihr von ihm – wenn auch eher ungewollt und tollpatschig – eingeredet wird. Hier ist eine ganz subtile Nachricht an ihn, und eigentlich damit gleich an alle Männer dieser Welt, enthalten: Wenn ihr nicht auch all eure patriarchalen Vorstellungen von der Kutsche werft, wenn ihr also keine Feministen werdet, dann springen wir (Feminist*innen) eben von der Kutsche! Wir sind dann nicht allein, denn wir haben ja noch unsere Schwestern! Uhhh, ich sehe das Patriarchat erzittern.

Lernen dauert seine Zeit, und Anna will keine Lehrerin sein – soll sich Kristoff doch seines eigenen Verstandes bedienen! Nur weil er sich „schwer mit all diesen Dingen tut“, wie er singt, heißt das nicht, dass sie ihm die Arbeit abnehmen muss. Also lässt sie ihn im Wald zurück und führt die Reise nur mit Elsa und Olaf fort, ohne ihm Bescheid oder Tschüs zu sagen. In seinem Lied singt er von der Nähe, die er nicht mehr spüre zwischen sich und Anna. Weil sie ihn gerade nicht braucht. Welcher Mann kommt damit klar? Kristoff muss für sich klären, ob er zu einer Dreier-Beziehung bereit ist, in der er möglicherweise nie die Nummer eins sein wird. Bald wird sich zeigen: Er wird die Zeit der Einsamkeit genutzt haben, denn er entscheidet sich am Ende, na klar, für die starke Frau. Er darf sie sogar noch einmal retten, aber nur, um sein Rentier in die Richtung zu lenken, die sie vorgibt, um ihren Plan umzusetzen. Am Ende, als alle Gefahren überstanden sind und sie Zeit hat, sich ihm zuzuwenden, entschuldigt sie sich für ihr sang- und klangloses Weggehen. Und er antwortet ihr sinngemäß, ganz in der vollen Stärke des „neuen“ Mannes: „Das ist in Ordnung, meine Liebe zu dir hält das aus.“ Ganz unbemerkt ist hier das Patriarchat einen Schritt zurückgetreten, um eine neue Ordnung zumindest denkbar zu machen.

Wieder vom Selben zum Selben?

Zurück nochmal zum Anfang des zweiten Teils: Der Herbst und die Stimmen, die nur Elsa hört: Hier wird spätestens klar, dass sie nie glücklich werden wird in Arendelle. Denn Arendelle macht einfach so weiter, als wäre nichts geschehen, als wäre es plötzlich okay, was zuvor undenkbar war: so einen monströsen Körper unter sich – nein; gar über sich – zu haben. Ich musste hier unweigerlich an Luisa Muraros Anekdote in Vom Glück, eine Frau zu sein denken, wo sie das Gefühl beschreibt, das sie empfand, als sie einen (Diskurs-)Raum voller Männer betrat, und diese einfach so weitermachten, als wäre sie nicht gerade dazugekommen. Und hier in Arendelle ist es ebenso: Die Monstrosität in Person sitzt auf dem Thron und regiert das Land, als wäre nichts geschehen, normal ist weiter normal usw. usf. Und deshalb sagen sich die Bewohner*innen Arendelles mit zugekniffenen Augen: Hey it’s okay, we are d’accord mit Diversität, oder ehrlicher gesagt: Wir übersehen einfach großzügig und geflissentlich, dass wir hier in der patriarchal-kapitalistischen Gesellschaft eigentlich gar nicht damit klarkommen, denn wir brauchen einfach Menschen, die wir ausschließen können, und wo bitte sind die jahrhundertealten Kategorien, die wir doch sinnvollerweise erstellt haben zur Einteilung von Menschen in diese (Guten) und jene (Bösen). Aber hey, alles gut, das Patriarchat und der Kapitalismus gehen nicht unter nur von einem Sommer, in dem wir so tun, als wäre uns das egal.

Dass Disney es nicht bei diesem Sommer belässt – Elsa also nicht für immer Königin sein lässt – ist meines Erachtens groß: Denn alles, was jetzt kommt, weist ins Utopische. Im Grunde ist Frozen II der Beginn einer feministischen Science Fiction, mehr noch als der erste Teil, an dessen Ende es noch so schien, als könne die Monarchie gerettet werden; als habe es dieser nur an Diversität gefehlt. Im zweiten Teil aber begeben sich die Schwestern im Grunde auf die Suche nach einer neuen Form des Zusammenlebens, nach einer neuen Gesellschaft.

Was sie mit auf die Reise nehmen, ist die Erfahrung aus dem ersten Abenteuer: Halt dich an deiner Liebe fest, auch wenn jene, die du liebst, noch so verschieden von dir ist. Wir Schwestern müssen gemeinsam gehen. Wir brauchen einander. Vielleicht ist diese so simpel scheinende Aussage der Grund, warum ich ständig geheult habe im Kino. Und ich hoffe, meine heißen Tränen (danke Tocotronic für das Lied „Im Zweifel für den Zweifel“) sind okay. Weil genau das eben nicht selbstverständlich ist.

In der Schneekönigin erfährt Gerda Unterstützung von den unterschiedlichsten Frauen- und (feministischen) Männerfiguren, um sich ihren weißen Cis-Spielfreund wiederzuholen; Andersen zelebriert also ein vom Patriarchat scheinbar unbehelligtes Frau-Sein in all seiner Pracht, in all seinem Ungebändigtsein: Gerda wandert von Frauenland zu Frauenland. Andersen zelebriert aber auch gleichzeitig – irgendwie merkwürdigerweise – die Heteronormativität. Dennoch – was im Vordergrund in der Schneekönigin steht, ist zu zeigen, dass es da noch etwas anderes gibt, das von der Gesellschaft noch nicht bearbeitet wurde, sondern lediglich verdrängt und als das Andere betitelt zur Seite – sprich in den Norden und in die Dunkelheit – abgeschoben wurde. Es ist da, es kommt jeden Winter irgendwie über uns, es tut eigentlich gar nicht weh, in gewisser Weise brauchen wir es sogar, aber besser wir schauen nicht hin, Augen zugehalten und Zunge raus, wir unternehmen auf keinen Fall den Versuch, das Fremde als Eigenes zu erkennen.

Und es ist so wie Jeanna Kadlec sagt: Auch wenn es nicht gewollt ist, sind doch LGBTIQ*-Figuren in jedem Film (ergo in jeder Gesellschaftsformation) vorhanden und für die Community als solche erkennbar, einfach weil sich die Realität nicht aussperren lässt. Insofern ist Jeanna Kadlecs Vermutung fast irrelevant, dass Disney wahrscheinlich wenig erfreut darüber war, dass Kritiker*innen und Publikum in Elsa sofort die queere Person sahen. Denn sie ist da; sie war es ja auch schon in Andersens Schneekönigin.

Da Anna ja nun keinen Kerl retten muss, sondern ihr Leben nur für ihre Schwester aufs Spiel setzt, wird Andersens Kay bei Disney zu Kristoff und Sven (der Abgleich gerade zwischen Andersens Rentier Bä und Sven ergäbe sicherlich auch noch einige interessante Überlegungen, aber das lasse ich angesichts der fortgeschrittenen Fülle des Textes). Kristoff und Sven verkörpern die heteronormative Männlichkeit. Olaf – der dritte Freund der Schwestern hier im Bunde – hingegen verkörpert das Kind in jeder und jedem von uns, das auch Andersen so unglaublich wichtig war; wie nicht zuletzt in den Schlussworten der Schneekönigin deutlich wird: „Da saßen sie beide, erwachsen und doch Kinder, Kinder im Herzen; und es war Sommer, warmer wohltuender Sommer.“ (Schneekönigin S. 264)

In dieser Hinsicht ist Disneys Metaphorisierung dieses Kindes im Menschen in der Figur des Schneemanns Olaf einfach genial. Das Kindliche in den Mädchen, besonders in Anna, das – sobald die Verhältnisse nicht stimmen – schmilzt oder, wie im zweiten Teil, sich in nur einer schicksalhaften traumatischen Nacht in seine Einzelteile auflösen kann. Während Andersen mit dem obigen Satz am Ende die Ordnung wieder herstellt, wird in Frozen II auch an der Figurenentwicklung des Olaf deutlich, dass die bestehende gesellschaftliche Ordnung nicht unbedingt stimmig ist. Warum nur lernt Olaf lesen und eignet sich in einer Tour de Force die Welt lesend an? Was versteht er denn nicht? Was ist sein Begehren? Wonach sucht er in all dieser Lektüre? Es gäbe noch viel zu sagen zur Olaf-Figur, vor allem durch das vergleichende Lesen von Andersens Märchen Der Schneemann, aber belassen wir es jetzt bei diesem Fragebündel.

Eine für die andere und die andere für die eine

Habe ich schonmal gesagt, wie unglaublich schön es ist, dass sich hier zwei Frauen ständig gegenseitig das Leben retten? Dass eine für die andere und die andere für die eine einsteht? Dass nicht der Prinz die Prinzessin aus dem Turm rettet oder die schöne Meerjungfrau den Prinzen vor dem Ertrinken, oder Gerda Kay vor der Kälte und Traurigkeit im Herzen, nur damit die Frauen dann alle wieder – trotz ihres Mutes, ihres Aufbegehrens, ihres Zauderns und Zorns (Danke nochmal Tocotronic für „Im Zweifel für den Zweifel“) – wieder fest im Sattel des Patriarchats landen?

Sicherlich gibt es Märchen, in denen geeinter Frauenpower der Ausbruch gelingt, auch ohne Disney, und ich werde mich gleich nach Beenden dieses Artikels in die Recherche stürzen, aber in meinem Märchenkanon kommt so eine Liebesgeschichte bisher nicht vor. Jeanna Kadlec erwähnt jedenfalls diese Neuinterpretation der Schneekönigin, in der das Hauptaugenmerk jetzt auf die Beziehungen zwischen zwei sehr unterschiedlichen Schwestern gerichtet wird, nur in einem Satz; ihre Aufmerksamkeit gilt eher nur Elsa allein und ihrer Beziehung zu Honeymaren. Und da sie Anna und Elsa als isolierte Personen sieht, ergeben sich in ihrer Interpretation wieder genau jene nicht vereinbaren Unterschiede, die auch Gerda und die Schneekönigin voneinander trennen.

Ich finde aber, Disney tut genau das nicht. Und das ist an sich höchst bemerkenswert, das verdient Beachtung und genaueres Hinschauen. Denn ich sehe in der Beziehung zwischen Anna und Elsa so viel konfliktives, spannungsgeladenes Potenzial. Sie könnten sich hassen und sich fremd bleiben; so wie sich Gerda und die Schneekönigin fremd waren und blieben, ja nie in Kontakt miteinander kamen, und dafür herhalten mussten, die jeweils extreme Seite von Gut und Böse darzustellen.

Oh sie könnten sie könntäään (ich singe plötzlich von Hund am Strand „Jungen Mädchen“ vor mich hin), aber sie tun es nicht, und dafür gibt es einen Grund: Sie sind – zumindest bis zu dem verhängnisvollen Unfall – in großer Liebe und Zärtlichkeit aufgewachsen, welche sie vor allem von der Mutter erhalten haben. Und gleich tief und innig ist daher die Liebe, die sie zueinander haben; und die ihnen gegenseitig Kraft und Vertrauen schenkt. Das ist ein entscheidender Punkt. Vielleicht ist es sehr weit hergeholt, aber ich erkenne in dem ungleichen Schwesternpaar das Sinnbild dafür, wie innerfeministische Diskurse ablaufen könnten. Ich komme darauf am Ende noch einmal zurück.

Magie versus Patriarchat und Kapitalismus

Auch das Land der Andersen’schen Schneeköniginist ein Frauenland, so wie das der Läppin, der Finnin usw. usf. Nur… die Schneekönigin ist einfach zu anders. Sie ist bereits bei Andersen „too much“, wie Jeanna Kadlec nun auch über Elsa schreibt. Aber Elsa ist nicht mehr allein, wie es noch die Schneekönigin war. Sie will verstanden werden von ihrer Schwester. Und diese hat Mittel und Möglichkeiten, sie zu erreichen: über die Überwindung der Angst und das Aufbrechen des Vergessens. Nur mit diesen Mitteln ausgestattet, die ihr die Liebe und das uneingeschränkte Vertrauen geben, kann sie Elsa in die eisige und lebensbedrohliche Fremde folgen; eine Kälte, die Elsa mit ihrer nun daliegenden Monstrosität überall im Land verbreitet, von der Anna sich aber nicht beirren lässt. Die Kälte geht auch im Grunde gar nicht von Elsa aus, sondern von der Gesellschaft, die ihr nun das Etikett des ganz anderen anheftet. Der Wirtschaftspartner Arendelles zum Beispiel, der Herzog von Pitzbühl, der zur Krönung Elsas eingeladen ist, nennt sie  – darauf verweist auch Jeanna Kadlec – gleich nach ihrem Coming-Out „Monster“.

Am Ende des ersten Teils sehen Anna und Elsa ihre Aufgabe darin, die Bewohner*innen von Arendelle davon zu überzeugen, dass Magie in Ordnung ist, dass Magie die bestehende Ordnung nicht stört, dass sie sie bloß hübsch ergänzt und bunter macht. So idyllisch, so unrealistisch in einer Welt, die immer noch patriarchal-kapitalistisch organisiert ist. Denn eine Welt, in der Magie normal wäre, steht dieser Welt eben doch diametral gegenüber. Und indem der Böse hier ein Handelspartner ist (nicht einfach nur ein Herzog), wird schon im ersten Teil Kapitalismuskritik geübt. Denn Elsa holt sich diesen „Partner“, der geradezu besessen davon ist, Elsa als Königin scheitern zu sehen, ja selbst in ihr Land.

Wie tief also Arendelle durch seine nicht ganz saubere Wirtschaftspolitik in dieser Ambivalenz steckt, wird hier schon angerissen. Aber am Ende des ersten Teils scheint alles gut zu sein. Hans wird zurück zu seinen Brüdern verschifft, und auch der grimmige Herzog von Pitzbühl wird zeternd auf sein Schiff gebracht – und Tschössss. Ich dachte also: hübsch. Aber schade. Da wäre noch Luft nach oben gewesen. Revolution und so.

Aber dann der zweite Teil. Elsa hört Stimmen. Na also, es geht doch. Die Welt ist doch noch nicht so in Ordnung und im Einklang, wie es am Ende des ersten Teils den Anschein hatte.

Folg dem Nordwind, denn er bringt dich zur Mutter, die sein Lied noch singt*

(*Aus dem Lied „Es kommt zu dir“, das die Mutter Elsa und Anna als Einschlaflied vorsingt, gesungen von Sabrina Weckerlin.)

Jeanna Kadlec hat sicher Recht mit ihrem Unbehagen bezüglich Elsas Suche nach ihrer Herkunft: Warum muss Elsa zurück zu ihren Wurzeln? Ich möchte aber auch das noch einmal genauer beleuchten: Elsa muss den Stimmen folgen, Anna muss sie begleiten. Aber wohin machen sie sich eigentlich auf?

Nicht so sehr zu Elsas oder Annas Herkunft, sondern vielmehr zur Herkunft ihrer Mutter. Sie folgen also der Mutterlinie (und zunächst ist das für Elsa auch nur eine Zwischenstation; sie muss danach noch viel weiter gen Norden reisen). Aber nun entdecken sie, dass am Ort, an dem sich ihre Eltern – lange bevor sie Eltern wurden, also fast noch als Kinder (auch die beiden waren in gewisser Hinsicht einmal Kay und Gerda/ Elsa und Anna) – kennenlernten, ein großes Unrecht geschehen ist: der Versuch einer Kolonisierung.

Als die Eltern sich kennenlernten, war der Ort der Mutter noch voller Magie. In dem Moment, als der zukünftige König von Arendelle, Prinz Agnarr, in Versuchung gerät, sich der Magie hinzugeben, geschieht ein Unrecht von großer geschichtlicher Tragweite, das aber sogleich gewaltvoll in den Nebel des Schweigens gehüllt wird. Iduna und Prinz Agnarr hatten weder damals noch später als Königin und König die Mittel und Möglichkeiten, das Unrecht, von dem nicht wirklich klar ist, wie viel sie davon als Kinder gesehen haben, zu beheben. Aber es lässt sie nicht in Ruhe, und so machen sie sich dann doch auf die Reise, als die Mädchen bereits Jugendliche sind.

Der Grund des Scheiterns ihrer Wahrheitssuche liegt eventuell darin, dass sie das Schweigen, den Willen zur Nicht-Aufarbeitung des Geschehenen, zum gewaltvollen Vergessen, sprich den Nebel, einfach noch nicht durchdringen konnten; die (gesellschaftliche) Zeit war noch nicht reif für ihre Enthüllungen. Und da sie dennoch nicht von der Wahrheitsfindung ablassen wollten, mussten sie verschwinden. Interessant ist, dass es auch am Ende des zweiten Teils zwar klare Hinweise, aber doch eben keine endgültigen Beweise für ihren Tod gibt.

Auch weil meine Töchter mich nach dem Kinobesuch mit Fragen zu den Eltern durchbohrten („Sind sie denn jetzt wirklich tot? Oder finden Elsa und Anna sie in einem dritten Teil doch noch?“), musste ich unweigerlich an die Mütter von der Plaza de Mayo in Argentinien und die noch heute in Chile um die in der Diktatur Verschwundenen Trauernden denken. Der Sturz Allendes geschah, weil Chile unter seiner Präsidentschaft den Versuch unternahm, sich von der imperialistischen Ausbeutung durch die USA u.a. loszusagen. Und hier passierte, was Forschende und Journalist*innen bereits bestätigen – aktuell tut dies Quinn Slobodian in Globalisten (2019)dass der Kapitalismus und vor allem die verschärfte Form davon, der Neoliberalismus, die Demokratie nicht braucht, sodass es für diesen absolut okay – ja gar notwendig – ist, dass eine demokratisch gewählte Regierung und die Menschen, die an einer Gesellschaft ohne Ausbeutung und Unterdrückung gearbeitet haben, mit Tod, Folter, Exil und Unterdrückung hinweggefegt werden. General Videla und seine Helfer*innen in Argentinien segneten folgende Form des Verschwindenlassens für Tausende von Menschen ab: Sie wurden – wenn sie Glück hatten, unter Drogen – in einen Helikopter o.ä. verfrachtet, ihnen wurden Steine oder sonstiges schweres Zeug an den Körper gebunden, und dann wurden sie lebend aus etwa 50 Metern in tiefe Gewässer geworfen.

In die Dunkelheit hinein und aus ihr heraus

Wie gelingt es den Schwestern nun, den Fluch über den Wald zu brechen?

Zunächst muss Elsa allein in die Dunkelheit der Vergangenheit hinabsteigen, so tief, so weit, bis sie alles weiß, was passiert ist. Sie widersetzt sich dem Ratschlag von Grand Pabbie-Troll und auch dem ihrer Mutter („Tauch hinein doch nur ein Stück, sonst sinkst du tief, kehrst nie zurück“ singt diese im Lied „Es kommt zu dir“), die sie davor gewarnt haben, „zu weit zu gehen“. Elsa vertraut also mehr und mehr ihrer eigenen inneren Stimme (und somit immer weniger der eines alten weißen Mannes und einer noch von Patriarchat und Kapitalismus durchströmten Mutter, die noch nichts von der Schwesternkraft weiß).

Sie kann dieser Stimme besonders mit Hilfe von Honeymaren weiter Sinn, Ausdruck und Kritikfähigkeit verleihen, als sie mit dieser am Lagerfeuer sitzt und überlegt, warum in den Kinderliedern oft so viele Warnungen enthalten sind. (Erst bei diesem Gedanken kam mir die Frage nach der Bedeutung der Handschuhe nochmal in den Sinn: Sie abzuziehen (Anna und Elsa) oder sie absichtlich Gerda nicht mehr anzuziehen (Finnin), ist wohl auch ein Sinnbild für das Erwachsenwerden: Bereit zu sein, den Schutz von Mutterfiguren nicht mehr in vollem Umfang zu benötigen, und aber auch ihrer Autorität nun ein Stückweit zu entkommen, um zu eigenen Entscheidungsfindungen, zur eigenen Stärke zu gelangen. Ich verstehe es als Notwendigkeit, um eben die eigene Stimme entwickeln zu können und nicht in den Strudel „vom Selben zum Selben“ zu geraten; also als Notwendigkeit, um in einer patriarchal geordneten Welt in Sachen „weibliche Freiheiten“ voranzukommen.) Mit Honeymaren eröffnet sich Elsa somit ein weiteres „Frauenland“ im Andersen’schen Sinne.

Das, was Elsa dann im vereisten Fluss Ahtohallan erfährt, lässt sie tatsächlich zu Eis erstarren, aber sie kann noch eine Nachricht an Anna schicken, in der sie die Schwester darüber in Kenntnis setzt, was damals auf der Waldlichtung zwischen den Arendellern und den Northuldraern wirklich geschah. Nun ist es an Anna, aus dem, was Elsa herausgefunden hat, eine Schlussfolgerung zu ziehen und zur Tat zu schreiten. Doch auch Anna gerät erst einmal noch tiefer in die Dunkelheit hinein: Sie verliert auch ihren besten Freund Olaf. Das Kind in ihr wird also zumindest kurzzeitig getötet; sie muss in einer dunklen Nacht erwachsen werden.

Woher kommt die Kraft in einem Menschen? Wie schafft es Anna, nach einem derartigen Schicksalsschlag – dem Verlust ihrer Schwester und ihres besten Freundes – weiterzumachen? Noch kaum wurde in Kinderfilmen dieses Wieder-zu-Kräfte-Kommen auf so wundervolle Weise dargestellt. Anna hat niemanden mehr, aber sie findet die Kraft in sich; diese Kraft reicht jedoch erstmal nur für den „nächsten Schritt“ – eines der für mich schönsten Lieder in dem Film, auf Deutsch wunderschön interpretiert von Pia Allgaier.

Mit jedem Schritt, den sie tut, scheint wieder ein bisschen mehr Kraft in sie zu strömen. Während Anna also in Bewegung kommt, kann ihr Gehirn die Nachricht, die Elsa ihr geschickt hat, in eine Entscheidung übersetzen. Und sie fasst den Entschluss, den Staudamm zu zerstören, der nie – wie der Großvater seinem Volk weismachen wollte – der Verständigung zwischen den Völkern dienen sollte, sondern mit dessen Hilfe vielmehr Hierarchien etabliert werden sollten, um koloniale Unterwerfungsfantasien des Großvaters umzusetzen. (Eine merkwürdige aktuelle Parallele tut sich auf, wenn ich mir die Diskussionen rund um das riesige Ilisu-Staudamm-Projekt der türkischen Regierung und die dafür in Kauf genommene Flutung des Ortes Hasankejf anschaue. Mit diesem Staudamm kann die Türkei Syrien und dem Irak das Wasser abdrehen; gegen die Kurden und Christen in Nordsyrien wurde diese Waffe bereits eingesetzt. Siehe: Elke Dangeleit: „Türkei: Wasser als Waffe“, vom 17.04.2017.)

„Ich habe keine andere Wahl“, singt Anna. (Was übrigens nicht verwechselt werden darf mit Merkels „Alternativlosigkeit“. Eine Wahrheitssuche wie die der Schwestern entlarvt eine der Wirtschaft hörige „alternativlose“ Politik als Lüge.) Anna treibt damit eine Form von Geschichtsaufarbeitung voran, die bisher noch ihresgleichen in Büchern und Realität sucht. Die Männer, ob Kristoff oder der ehemalige General ihres Großvaters: Auch sie haben keine andere Wahl, als Anna zu unterstützen. Denn Kristoff liebt Anna und würde sie verlieren, wenn er sich gegen sie stellen würde. Und der General des Großvaters ist zum einen nach 34 Jahren des Kampfes einfach müde, zum anderen ist er willens zu verstehen, dass von seinem einstigen Herren großes Unrecht ausgegangen ist.

Ich weiß nicht, ob das gerade so klar wird, aber das sind alles plötzlich ganz große Schritte, die weit in eine Utopie hineinreichen. Es ist eine Form, die koloniale Geschichte aufzuarbeiten, ohne auf die Konsequenzen für das eigene Land, für die eigene Gesellschaftsarchitektur zu achten (wobei aber klar ist, dass Menschen durch die Zerstörung des Staudamms in Arendelle nicht zu Schaden kämen, denn sie sind evakuiert; es geht „lediglich“ um die Zerstörung der Häuser, der Dinge, der Institutionen, der Mauern und Straßen, der Moral, des gewohnten Alltags, der Hierarchien usw. usf.). Diese Herangehensweise zieht des weiteren eine radikale Richtungsänderung der Erinnerungskultur nach sich. Wie schwer sich die westlichen Länder bis heute damit tun, koloniales Unrecht zuzugeben und adäquat aufzuarbeiten, zeigt sich nicht zuletzt im Umgang Deutschlands mit seiner Vergangenheit als Kolonialmacht von 1884 bis 1918 in Gebieten, die sich über das heutige Tansania, Burundi, Ruanda, Namibia, Kamerun und Togo erstreckten, und noch vielen anderen Gebieten, auch im Pazifik. (Die Daten sind dem Artikel „Ungleiche Welt“ von Sebastian Conrad entnommen; in: Die Deutschen und ihre Kolonien. ZEITGeschichte Nr. 4/2019, S. 14-20.)

Wie also ist es möglich, Schweigen zu brechen und Unrecht wieder gut zu machen? Zunächst muss da ein unbändiger Wille zur Wahrheit sein. Elsa hat diesen jetzt. Wie anders noch im ersten Teil in ihrem gerade erbauten Eispalast, in dem sie die Vergangenheit hinter sich bringen und ruhen lassen wollte, „the past is the past“! Aber jetzt hat sie keine Angst davor, etwas zu sehen, das ihr nicht gefallen wird, weil sie der Stimme traut, die sie ruft. Sie traut ihrer inneren Stimme. Und da sie ihr vertraut, weiß sie, dass das, was sie tut, einen Sinn hat. Und deswegen gibt es gar keinen Ort in ihr zum Nachdenken darüber, ob sie für die Suche nach der Wahrheit gerade ihr Leben riskiert oder nicht.

Dass Elsa dieses Vertrauen in die Richtigkeit dieser Wahrheitssuche hat, klingt vielleicht erstmal banal, aber es ist groß. Und noch größer ist es, dass Anna dieses Vertrauen ebenso hat. Denn nun können sie sich die Arbeit und die Kräfte teilen: Elsa kennt den Weg in die Dunkelheit der geschichtlichen Ereignisse, und sie hat die Kraft, diese zu erhellen. Sie findet aber keinen Weg mehr hinaus, dazu reicht ihre Kraft nicht. Und nun übernimmt Anna, denn sie ist es, die jetzt die Kraft aufbringen kann, um sie beide aus der Dunkelheit hinauszuführen.

Sehr bedeutend ist meines Erachtens die Übergabe des Wissens und damit der Verantwortung zwischen den beiden, kurz bevor Elsa vereist: Wie kommunizieren sie, wo sie doch örtlich getrennt sind und nicht miteinander sprechen können? Ihre Lösung ist eine Scharade-Variante: Elsa stellt etwas in einer Eisskulptur dar, das Anna enträtseln und für das sie sodann Worte und Taten finden muss. Ich komme darauf am Ende noch einmal zurück.

Untergang oder nicht Untergang, das ist hier die Frage

Der Untergang von Arendelle: Diese Vorstellung packte mich, ich saß gebannt und aufgeregt im Kinostuhl und – ich kann es nicht verhehlen – hoffte, dass Arendelle in den Fluten versinkt. Die kribbelige Frage in dem Moment war: Traut sich Disney das? Weil: Das wäre revolutionär! Aber nein: Elsa taut rechtzeitig wieder auf, reitet auf dem Wasserweg vor die Mauern Arendelles und lässt mit all der ihr gegebenen magischen Kraft die Flutwelle verschwinden.

Ja. Okay. Ich gebe zu: Diese Rettung hinterlässt ein etwas schales Gefühl in mir. Aber dann denke ich an die Schneekönigin, wie sie immer wieder jedes Jahr aufs Neue die Pflanzen, von denen jene Menschen leben, die sie ausschließen, behutsam vor dem Erfrieren schützt. Elsa stützt also wie schon die Schneekönigin das System. Schade. Mit Jeanna Kadlec bin ich der Meinung, Disney hätte hier die Chance gehabt, „Vertrautes mit der Faust [zu] zerhaun“ (danke Steiner & Madlaina, für diese Liedzeile und überhaupt das wunderschöne Lied „Das schöne Leben“).

Jetzt könnten oh wir könntäään, und besonders die Queeren unter uns, ob dieser nicht eingetretenen Revolution resignieren, so wie Jeanna Kadlec es tut. Und sie könnten zudem die Nase rümpfen ob meiner Begeisterung und Zelebration dieses immer noch sehr marktgerechten und umsatzgenerierenden Schwesternpaares, das doch in dieser Hinsicht auch nur wieder das System stützt. Aber wir können auch all das loben, was die zwei Frauen bisher gerissen haben: immerhin den Hierarchien konstruierenden und Kolonisation und Imperialismus vorbereitenden Staudamm. Ist das nichts?

Zudem: Es regiert immer noch eine Frau. Okay, nicht mehr Elsa, und das ist ein signifikanter Unterschied, wie ich an den Äußerungen meiner 5-jährigen Tochter gleich nach Ende des Films bemerkte. Plötzlich wollte sie nicht mehr Elsa sein wie all die Jahre zuvor, sondern Anna. Auf meine Frage, warum, antwortete sie: „Na, weil Anna jetzt die Königin ist“. Hier ist etwas faul im Staate Arendelle.

Und ich entgehe diesem unangenehmen Gedanken nur, wenn ich die Geschichte um Elsa und Anna als noch nicht abgeschlossen betrachte, sondern als im Prozess begriffen. Momentaner Stand ist also: Anna ist jetzt Königin, und sie ist immerhin eine zur Feministin herangereifte, halb-indigene Cis-Frau. Elsa hat die Macht abgegeben, um mit Honeymaren amazonenartig durch die Wälder, Felder und Meere zu reiten. Ist das tatsächlich so eine schlimme Vorstellung? Ist es nicht auch eine queere Utopie, dass niemand mehr Macht über den eigenen Körper ausübt, dass Macht an sich hinfällig und als nicht mehr erstrebenswert angesehen wird?

Ja klar, wir können sagen, Elsa geht zu jenen, die mehr wie sie sind, bei denen Queerness nicht nur mit zugekniffenen Augen toleriert wird. Aber wie ich schon ausführte bin ich nicht der Meinung, dass sie zu einer wie auch immer gearteten Herkunft oder zu ihren Wurzeln zurückkehrt. Dazu verfügt sie über eine viel zu große interne Transkulturalität. Würde ich es als Herkunft interpretieren, so wie es Jeanna Kadlec tut, würde es auch in mir ein fades Gefühl hinterlassen, weil: Sollen denn alle dahin, wo sie eventuell irgendwann mal vor vielen Generationen hergekommen sind? Ekelhaftes Nationalsortiere. Da bin ich absolut Jeanna Kadlecs Meinung: So interpretiert ist es furchtbar.

Ein Hauptaugenmerk in Andersens Schneekönigin liegt auf der Entwicklung, dem Prozess, der Zeit. Die Kinder werden erwachsen und bewahren trotzdem das Kind in sich usw. usf. Übertragen auf die Eiskönigin: Warum sollte nach diesen zwei Filmen nun die Entwicklung abgeschlossen sein? Was macht uns eigentlich so sicher, dass nicht gerade jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, auch in Arendelle und im Zauberwald die Zeit weiter vergeht? Die Schwestern und all ihre Mitstreiter*innen sind schon so weit gekommen, wieso sollten sie nicht noch weiter gehen? Sie wissen ja nun, dass es reicht, immer einen Schritt nach dem anderen – allerdings in die richtige Richtung – zu tun.

Wichtig ist, zu verstehen, dass Elsa unmöglich Arendelle hätte weiter regieren können; eine nächste Melancholiewelle oder sogar eine ernsthafte Depression wäre unausweichlich gewesen. Wenn sie es hätte regieren wollen, hätte sie nicht höchstselbst die Flutwelle aufhalten dürfen. Welche Gründe mag sie dafür gehabt haben, die Flutwelle aufzuhalten? Ich denke, der Grund ist folgender: Es ist nicht ihre Aufgabe, die Flutwelle über Arendelle schwappen zu lassen. Es wäre die Aufgabe der Bewohner*innen gewesen, den Untergang zuzulassen. Dazu war Disney nun doch noch nicht bereit. Der unbedingte Wille zur Revolution ist einfach noch nicht im Körper der Menschen der westlichen Sphäre angekommen. Sie lassen es zwar mittlerweile ab und zu zu, dass Andersens Räubermädchen sie mit dem Messer am Hals kitzelt. Aber mehr auch nicht, ganz schnell wieder business as usual.

Vom „Klippfischen“ lernen: Miteinander sprechen, übersetzen, Wahrheit verspeisen

Vielleicht ist es dumm von mir, zu hoffen, dass es in einem dritten Teil zur ersehnten Revolution kommt. Aber wenn nur einer von Disneys kreativen Köpfen mit Entscheidungs- und Handlungsbefugnissen das in den Schwestern sieht, was ich sehe, und auch will, dass es weitergeht, dann eben habe ich Hoffnung.

Für mich ist diese Schwesternbeziehung auf einer abstrakten Ebene – ich dachte es weiter vorne schon an – noch etwas anderes, und zwar das Sinnbild für verschiedene feministische Strömungen, die sich bis heute fremd scheinen. Sie alle sollten zusammenhalten. Stattdessen ignorieren sie oftmals die jeweils gegenseitigen Meinungen, auch wenn sie den eigenen ähneln oder gar gleichen (Sehnsucht nach dem Alleinstellungsmerkmal?), kommen selten miteinander ins Gespräch, bekämpfen sich lieber untereinander, verfangen sich in einer Outcall- und Cancel-Kultur, vergeben so viel Energie dabei, anstatt sich aufs Wesentliche zu konzentrieren. Sie sollten nicht nur in ihrer jeweiligen Vereinzelung ab und zu vom Untergang des Patriarchats reden, sondern es auch mit geballter Kraft vorantreiben.

Wenn einer Strömung die Kraft ausgeht, sollten die anderen weiterkämpfen. Sie sollten eine gemeinsame Sprache entwickeln und endlich den Untergang nicht nur des Patriarchats, sondern auch des Kapitalismus als gemeinsames Ziel formulieren. Barbara Holland-Cunz hat dies bereits 1988 in Utopien der neuen Frauenbewegung. Gesellschaftsentwürfe im Kontext feministischer Theorie und Praxis gefordert, und ich frage mich, ob wir da mittlerweile weitergekommen sind? „TOLERANZ und VERSTEHEN, klassisch weibliche (auf den Mann zu beziehende) Eigenschaften im Patriarchat, müssen endlich auch den Mitkämpferinnen menschlich gewährt werden. Denn durch den Streit über die ‚richtige Linie‘ entsteht keine handlungsfähige politische Gemeinschaft, kein fantasieanregender Freiraum für Strategien, keine Stärke für Widerstand… auch wenn genau dies ideologisch suggeriert werden soll. FREIHEIT WIRD NUR DURCH FREIHEIT GEWONNEN – das gute Ziel in den Mitteln der Veränderung antizipierend. DIES HAT NICHTS MIT POLITISCHER BELIEBIGKEIT ZU TUN.“ (S. 165f.; Hervorh. i.O.)

Und sie zitiert Audre Lorde: „Advocating the mere tolerance of difference between women is the grossest reformism. It is a total denial of the creative function of difference in our lives. Difference must be not merely tolerated, but seen as a fund of necessary polarities between which our creativity can spark like a dialectic. Only then does the necessity for interdependency become unthreatening. Only within that interdependency of different strengths, acknowledged and equal, can the power to seek new ways of being in the world generate, as well as the courage and sustenance to act…“/“You do not have to be me in order for us to fight alongside each other. I do not have to be you to recognize that our wars are the same. What we must do is commit ourselves to some future that can include each other and to work toward that future with the particular strengths of our individual identities. And in order to do this, we must allow each other our differences at the same time as we recognize our sameness.“ (In Barbara Holland-Cunz S. 169; Hervorh. i.O.)

Solange es keine gemeinsame Sprache und dieses gemeinsame Ziel gibt, hilft vielleicht das Spiel, das Elsa und Anna für sich gefunden haben, um der jeweils anderen noch Unversprachlichtes, Ungedachtes, nur intuitiv Gefühltes oder Gehörtes zu vermitteln: Scharade. Mit diesem Spiel ist es jedenfalls den beiden möglich, sich auch ohne Worte oder mit „Hilfswörtern“ über Gefühle, Träume, Ziele, Sinnhaftigkeiten, Begehren usw. usf. auszutauschen. Worte, die ihnen jetzt – da Patriarchat und Kapitalismus noch tief in den Knochen sitzen und sie weiterhin durch und durch vom Kapitalismus- und Patriarchatssprech durchdrungen sind – noch fehlen. Aber sie bleiben in Kontakt. Sie praktizieren. Regelmäßig. Routiniert.

Und vielleicht können wir momentan, in einer Phase, in der selbst dieses In-Kontakt-Kommen zwischen verschiedenen Feminismen noch Utopie ist, auch von Disney nicht mehr erwarten als lediglich diesen kleinen utopischen Fingerzeig: Elsas Hin- und Hergereite zwischen Wald und Arendelle, ihre In-Betweenness, kann als eine Zwischenphase gelesen werden. So wie Scharade als Sprachersatz nur eine Zwischenlösung ist, sein kann. Bis…., ja bis die Feminismen eine gemeinsame Sprache oder zumindest Übersetzungswillen und -möglichkeiten gefunden haben, bis also die Feminist*innen, also bis zumindest erstmal eine Feminist*in die Krähensprache spricht, Buchstaben auf Fellen zusammensetzen kann, Klippfische zu beschreiben weiß, deren Worte die nächste lesen kann und zudem – das ist wichtig – auswendig lernt und das Medium, das die Botschaft enthält, verspeist.

In Arendelle und im Zauberwald ist – und da kann sich die reale Gesellschaft mal ein Scheibchen abschneiden – zumindest bereits die Vergangenheit aufgearbeitet und Versöhnung dadurch möglich geworden. Dort haben sie verstanden, dass Geschichte sich nicht wiederholen muss. Notwendig zu einem Durchbrechen des „Selben zum Selben“ ist der Mut, sich into the Unknown aufzumachen, und zwar in ein Unbekanntes oder auch Ungewisses, das gleichermaßen in die Vergangenheit und in die Zukunft weist.

Von weiterer sehr großer Bedeutung ist, dass Anna als heteronormative Frau die Überflutung Arendelles in Kauf genommen hätte. Das müssen wir uns mal auf der Zunge zergehen lassen: Die Frau, die kurz darauf zur neuen Königin gekrönt wird, war bereit, ihr zukünftiges Königreich in den Fluten untergehen zu lassen! Das ist nicht ohne. Da zündelt doch bereits der Revolutionsfunke. Die neue Königin scheint also irgendwie auch etwas anderes zu wollen als das, was gerade ist an gesellschaftlicher Realität.

Ich sehe es also etwas anders als Jeanna Kadlec, die der Ansicht ist, mit Anna als neuer Königin werde wieder nur „the moral restauration of tradition“ betrieben, weil sie wiederum „in service of the empire“ handle. Ich glaube, sie – Anna, aber auch Elsa – sie beide wissen einfach noch nicht, was sie eigentlich wollen; sie haben ja noch nicht einmal eine gemeinsame Sprache; sie bauen erst an einer.

Momentan lese ich Suzette Haden Elgins Roman-Dilogie Native Tongue (1984, grausam übersetzt ins Deutsche mit Amerika der Männer, 1987) und The Judas Rose (1987, Die Judasrose, 1990). Hier brauchen die vom Patriarchat und Kapitalismus unterjochten Frauen mehrere Generationen, um eine gemeinsame Sprache zu entwickeln. Das geht nicht von heute auf morgen. Lassen wir den Schwestern doch noch etwas Zeit. Lassen wir Disney – allerdings mit unverhohlen lauter und überbordender Erwartungshaltung – Zeit. Sechs Jahre vielleicht – diese Zeitspanne lag zwischen Frozen und Frozen II.

Ich schieße Vertrauen vor, einfach weil ich es will, weil meine Interpretation es zulässt, und weil ich überrascht werden möchte mit genialer feministischer Science Fiction aus dem Hause Disney: Das wäre wirklich revolutionär. Hoffentlich ist die Gesellschaft dann dazu bereit, denn von uns hängt es ab! Also bis dahin bloß nicht ausruhen, sondern ruhig schonmal den nächsten Schritt wagen!

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Der Traum von einer ‚Lila Villa‘ und was daraus geworden ist. http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/02/der-traum-von-einer-lila-villa-und-was-daraus-geworden-ist/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/02/der-traum-von-einer-lila-villa-und-was-daraus-geworden-ist/#comments Mon, 24 Feb 2020 12:04:27 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15244 Von der Frauenbewegung im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts kennen wir einige wenige Gesichter, die sich die Medien herausgepickt haben und immer wieder hervorholen. Doch ohne die vielen weniger prominenten Frauen, die es auch noch gegeben hat, wäre der große Erfolg der Frauenbewegung nicht möglich gewesen. In einer kleinen Serie erzählen wir auf bzw-weiterdenken über einige dieser Frauen. Wie sind sie zu ihrem frauenpolitischen Engagement gekommen, was machen sie heute? Dieses Mal geht es weniger um die Frauen selbst als um die Institution, die sie 1984 gegründet haben: Die Frauenakademie München (FAM).

Geschätsführerin Birgit Erbe zeigt die Räume der FAM. Fotos: Juliane Brumberg

Die FAM ist ein außeruniversitäres Forschungsinstitut für Frauen- und Geschlechterfragen, getragen von einem unabhängigen, gemeinnützigen Verein. Die vier Arbeitsfelder der FAM sind Wissenschaft und Forschung, Bildung, berufliche Beratung sowie die Vernetzung von interessierten Frauen. Stolz führt die Geschäftsführerin Birgit Erbe – sie war noch Schülerin, als die Frauenakademie 1984 gegründet wurde – mich durch die FAM-Büros: Keine ‚lila Villa‘, wie sie sich die Gründerinnen analog zur Villa Masssimo in Rom einst erträumt hatten, auch kein mondäner Glaspalast, aber doch solide und gut ausgestattete Büroräume auf zwei Etagen in Münchens Baaderstraße. Zentrumsnah und am Rande des hippen Glockenbachviertels gelegen ist das keine schlechte Adresse. Das war nicht immer so.

Angelika Diezinger, eine der Gründerinnen, in ihrem späteren Leben 21 Jahre Soziologie-Professorin an der Hochschule Esslingen, erinnert sich: „Die Frauenakademie war zunächst für uns ein imaginärer Ort. Ich bin mal in einem Interview gefragt worden, ja und wo sind Sie nun? Aber wir waren eine Idee.“ Als Adresse hatten die Frauen das Soziologische Institut in München angegeben. „Wir wollten aus der Perspektive der permanent befristeten Arbeitsverträge rauskommen. Eine eigene Frauenakademie war für uns ein Zufluchtsort, wo man mal durchatmen konnte.“

Frauen in der Wissenschaft gab es damals so gut wie gar nicht. Insbesondere, wenn sie mit einem feministischen Bewusstsein auftraten und entsprechende Themen in der Wissenschaft etablieren wollten, hatten sie kaum eine Chance. Deshalb taten die jungen Wissenschaftlerinnen – überwiegend Soziologinnen und Sozialwissenschaftlerinnen – sich zusammen und gründeten 1984 einen Verein zur Förderung einer Frauenakademie in München. Ende 2019 trafen sich etliche von ihnen wieder, um anlässlich eines kleinen Events zum 35jährigen FAM-Jubiläum von den Anfängen zu erzählen.

In einer Fischbowlrunde anlässlich des 35jährigen Jubiläums erzählen die Gründerinnen aus der Anfangszeit der FAM. Foto: FAM

Mir fiel dabei zweierlei auf: Trotz aller Professionalität, mit der die FAM samt ihrem umfangreichen Programm mittlerweile auftritt, ist eine lockere und leicht alternative Ausstrahlung erhalten geblieben. Die Geburtstagsfeier zum Beispiel fand im Bellevue di Monaco statt, einem Kulturzentrum für Geflüchtete und interessierte Münchnerinnen und Münchner, nicht weit entfernt von der FAM. Und zweitens: es wurde viel gelacht auf der Jubiläumsveranstaltung, zu der neben den Gründerinnen auch viele junge Wissenschaftlerinnen, einschließlich des ein oder anderen Babies auf der Schulter, gekommen waren. Das spricht für ein gutes Miteinander.

Projekt unter Freundinnen

Darum ging es auch in der Gründungszeit. „Wir haben das unter Freundinnen gemacht“, erzählt Yolanda Koller-Tejeiro, 18 Jahre lang Professorin an der Hamburger Hochschule für angewandte Wissenschaften und nach der Pensionierung zurückgekehrt nach München. „Ich kann mich nicht erinnern, dass wir zickig waren, auf keinen Fall“, ergänzt sie und wendet sich an ihre Kollegin Maria Rerrich: „Marcsi, als Du Dich an der Hochschule beworben hast, da haben wir ein Vorstellungsgespräch mit Dir gemacht und Fragen gestellt, obwohl wir eigentlich in der selben Situation waren und uns auch hätten bewerben können. Natürlich gab es Neid, aber es war kein negativer Neid, wir haben uns angespornt und unterstützt.“

Genau das macht die FAM immer noch, wenn auch ganz professionell als Serviceprojekt mit dem Namen ‚Move!‘ für Karriereplanung und Mentoring. Dafür bekam die FAM – just einen Tag vor der Jubiläumsfeier – sogar den Best Mentoring Award verliehen. Außerdem bietet die FAM ‚power_m‘, ein Programm für den Wiedereinstieg nach der Familienphase, an.

Familienfreundlichkeit wurde auch schon damals gelebt. Die Frauen berichten von ‚FAM-Kindern‘, die immer dabei waren und von legendären Hochzeitsfesten, die in der FAM gefeiert wurden: „Wir haben gekocht, wir haben Lieder gesungen, wir haben Reden gehalten, wir haben die Gäste bewirtet!“. Ein Alleinstellungsmerkmal der FAM war, dass auch Männer Mitglied werden konnten. „Wir haben keine Männer weggebissen, wir wussten, dass wir nicht vorankommen wenn wir nicht die wohlwollenden Männer mit einbeziehen….“ Nichtsdestotrotz waren nicht alle Männer begeistert und Kommentare wie „Jetzt fangt Ihr mit diesem Wettbewerb an“ oder „Du hast Dich so verändert…“ verwunderten und verwirrten die Frauen.

Andererseits wurden seinerzeit Männer von den Professoren einfach mehr gefördert als Frauen. Deshalb diente dieser Traum der ‚lila Villa‘, der sich permanent durch die Erzählungen zieht, durchaus dem Eigennutz: „Wir wollten was voranbringen und nicht warten, bis uns was bewilligt wird.“ Yolanda Koller-Tejeiro fügt hinzu: „Wir haben uns in alles Mögliche eingemischt, wir hatten so ein Projekt, das hieß ‚Kleine Einmischung‘. Wir haben Leserbriefe geschrieben oder wir haben gegen sexistische Computerwerbung protestiert, die dann auch zurückgezogen wurde.“

Internationale Tagung als erstes Highlight

Das erste Highlight der FAM-Frauen war eine große viertägige internationale Tagung, die 1986, sogar auf Englisch, in München stattfand: ‚Involvement and Identity‘ bzw. ‚Einmischung und Identität, Frauen und Frauenbewegung in Wissenschaft und Politik‘. Maria Rerrich, bis zu ihrem Ruhestand Professorin an der Münchner Hochschule für angewandte Wissenschaften, ist nach wie vor begeistert, wenn sie davon berichtet: „Wir sind mit dieser Wahnsinns-Idee der lila Villa nach Brüssel gefahren und die Frauen von der Europäischen Kommission sagten, hier habt Ihr das Geld, nun macht mal Eure Tagung.“ Im Rückblick finden auch ihre Mitstreiterinnen es immer noch „beeindruckend, wie wir diese internationale Tagung innerhalb von zwei Jahren auf die Beine gestellt haben“ und erinnern daran, dass dies ehrenamtlich neben ihrer wissenschaftlichen Arbeit geschah und es kein Internet und keine Handys gab. Die Telefonate wurden von der Telefonzelle aus geführt.

Bei einer anderen Tagung, bei der es in Würzburg um die Rolle der Frauen im Nationalsozialismus gehen sollte, lief es nicht so glatt. Barbara Pieper, promovierte Sozialwissenschaftlerin und jetzt Feldenkrais-Trainerin mit eigener Praxis, erzählt von ihrem Frust: „Wir haben den Antrag gestellt und der wurde abgelehnt. Wir haben dann gehört, wie es dazu kam: ‘Die Frauen lassen wir nochmal antanzen, die machen es auch für weniger. Das hat mich super geärgert. Wir haben dann noch einmal eingereicht und 30 Prozent genehmigt bekommen. Also haben wir ganz viel ehrenamtlich gemacht. Wir haben dabei auch das Wissenschaftsverständnis verändert, weil wir uns als Person einbringen wollten mit unseren Talenten und unseren Berufen. Diese scheinbare Neutralität, diese Trennung der Bereiche passte für uns nicht. Unsere Forschungsbereiche waren ganz oft quer, zum Beispiel beim Arbeitsbegriff.“

Die Frauen sahen sich damals als „so etwas wie der Leuchtturm in der Diaspora. Lange Zeit war Bayern in Bezug auf Frauenforschung ein Niemandsland. Und jetzt gab es wenigstens die Frauenakademie.“ Das fand öffentliche Anerkennung. Die FAM wurde nicht nur von Anfang an von der Münchner Gleichstellungsbeauftragten Friedel Schreyögg unterstützt, sie bekam auch 1986 den allerersten Frauenförderpreis, den die Stadt München ausgelobt hatte. Senta Fricke, die heute als Psychotherapeutin in Esslingen arbeitet, schmunzelt, als sie davon erzählt: „Der damalige Oberbürgermeister Kronawitter überreichte uns den Preis mit den Worten, wir dürften uns ruhig mutig einmischen.“ Sie freut sich, „was aus diesen Samenkörnchen, die wir gelegt haben, geworden ist“.

Übergabe an die nächste Generation ist geglückt

Tagungen sind nach wie vor ein fester Bestandteil der Aktivitäten. Ein bis zweimal im Jahr geht die FAM damit an die Öffentlichkeit. Themen waren zuletzt Genderpolitik in der Digitalisierung, Global Caring, Rechtspopulismus sowie Forschendes Lernen – Lernendes Forschen. Die Ideen der FAM-Gründerinnen wurden und werden auf vielfältige Weise umgesetzt. Lerke Gravenhorst, 1. Vorsitzende bei der Gründung der FAM, lange Jahre am Deutschen Jugendinstitut in München tätig und jetzt als Sozialwissenschaftlerin und Soziologin in Norddeutschland, stellte in ihrer Grußadresse zum Jubiläum nicht ohne Stolz fest „Unsere Nachfolgerinnen waren in der Lage, unsere feministischen Ideale in der Welt mit idealistischer Politik zu verknüpfen. Sie haben unsere ursprünglichen Ansätze aufgegriffen und verwandelt.“

Dabei waren die Frauen durchaus unterschiedlich in dem, was sie gewollt und gemacht haben, aber es gab nicht die eine Deutungshoheit. Unter dem Gelächter der Jubiläumsgäste erzählt Angelika Diezinger: „Ich kann mich an eine ätzende Situation erinnern, als die Frage aufkam, von wem wir überhaupt Geld nehmen würden. Es war dann so, dass wir am Ende gesagt haben, von niemand. Banken zum Beispiel, das kam ja gar nicht in Frage.“

Die Schatzmeisterin aus den Anfangsjahren der FAM, Senta Fricke, weiß, „so viele Schätze gab es da nicht zu verwalten“. Die Akquirierung der Finanzen war über Jahre ein großes Thema. Ständig waren die Frauen auf der Suche nach Zuschussgebern. „Dazu muss man sagen“, erläutert Maria Rerrich „wir waren ja noch gar nicht promoviert, wir waren auf der untersten Stufe, und sind ins Kultusministerium gegangen und haben gesagt, wir wollen diese lila Villa gründen. Wir hatten ja noch gar nicht das Standing, sowas vorzubringen. Vielleicht war unsere Naivität war unser größtes Kapital. Der Beamte war sehr wohlwollend und meinte, wir sollten erstmal unsere Professoren fragen.“ Ihre Kollegin Angelika Diezinger ergänzt: „Die Strategie war, immer zu zweit zu gehen, so auch zum Vorsitzenden des Haushaltsausschuss des Bayerischen Landtags mit dem Antrag auf Finanzierung aus dem Wissenschaftshaushalt. Der hat mich examiniert, das war einfach gruselig. Als ich merkte, dass er den Antrag gar nicht gelesen hatte, bin ich so wütend geworden, dass ich zu ihm gesagt habe, wir kommen wieder, wenn sie den Antrag gelesen haben. Er meinte nur, ‚Sie brauchen gar nicht wiederzukommen, das wird sowieso nichts‘. Der war so eine Art Karikaturbayer und da ich auch Bayerin bin und bayerisch kann, hab ich erwidert: ‚Des wissen’s scho, mir kemma wieder‘.“

Anerkannt als wissenschaftliche Einrichtung

Und tatsächlich, nach zahlreichen Gesprächen und fachlichen Kontakten mit Entscheidungsträger_innen im Bayerischen Landtag wurde im Haushaltsausschuss einstimmig beschlossen, dass die FAM ab 1996 als außeruniversitäre Forschungseinrichtung mit einer Festbetragsfinanzierung durch das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst gefördert wird. Ein besonderes Anliegen war den FAM-Frauen, dass die Förderung aus dem Wissenschaftsministerium kommt und nicht als soziales Projekt, sondern als wissenschaftliche Institution akzeptiert ist.

Neben der Grundförderung aus dem Wissenschaftsministerium besteht die FAM-Finanzierung vor allem aus Drittmitteln. Zentral ist dabei die Kofinanzierung durch die Stadt München für die arbeitsmarktpolitischen ESF-Projekte MOVE! und power_m. Und so war auch Dr. Anneliese Durst vom Referat Arbeit und Wirtschaft (RAW) mit einem Grußwort bei der Jubiläumsfeier präsent. Von der Gesamtsumme der Drittmittelförderung, die die FAM in den rund 30 Jahren erhalten hat, ist das RAW vermutlich der größte Förderer gewesen und hat der FAM immer wieder das Überleben gesichert. Das zeigt, welche Bedeutung die FAM für Arbeitsmarktpolitik der Stadt München hat. Nicht zu unterschätzen sind aber auch Spenden und die Eigenmittel, die die rund 90 Mitglieder aufbringen. Deren Treue und Zusammenhalt ist das, was die FAM so lebendig und einmalig macht.

Stolz auf die aktuellen Erfolge der FAM, beim Jubiläum von links: Martina Helbing, Projektleiterin von power_m, Anneliese Durst vom Referat Arbeit und Wirtschaft der Stadt München als Förderin der FAM, Geschäftsführerin Birgit Erbe und Sabine Wolf, Projektleiterin von MOVE!. Foto: FAM

Über die Jahre hat sich die FAM immer mehr professionalisiert. Dafür sorgt seit 2001 Birgit Erbe als Geschäftsführerin, nach meiner Beobachtung ein Glücksfall für die FAM. Sie muss sich nun um das mühselige Geschäft der Finanzakquise kümmern und unter ihrer Ägide wurde die kritische Auseinandersetzung mit Gender Mainstreaming vorangetrieben. Außerdem war sie zuletzt Co-Projektleiterin im Rahmen des bayerischen Forschungsverbunds ‚Gender & Care‘, an dem die FAM mitwirkte. In dem Teilprojekt der FAM geht es konkret um ‚Care aus der Haushaltsperspektive. Das Beispiel Pflege alter Menschen in der Großstadt‘. Eine zweite Forscherin ist die Soziologin Sandra Eck, die zu Themen wie Care, Wohnen und partizipative Forschungsmethoden arbeitet. In der Vergangenheit hat die FAM sich einen Namen gemacht mit Forschungsprojekten zu Gender Mainstreaming in der Jugendhilfe, zu Gender Budgeting oder mit EQUISTU ‚Bessere Hochschulen durch gleichstellungspolitische Steuerung?‘. Insgesamt hat die FAM 12 weitere Mitarbeiterinnen, überwiegend in Teilzeit, die die Projekte der beruflichen Beratung und die Verwaltung der Akademie betreuen.

Andrea Rothe, 1. Vorsitzende des FAM-Vereins. Foto: FAM

Erste Vorsitzende des FAM-Vereins ist im Ehrenamt schon seit 2003 Andrea Rothe, eine promovierte Politik- und Sozialwissenschaftlerin, die beruflich als Leiterin der Stabsstelle Betriebliche Gleichbehandlung der München Klinik gGmbH eine Auge auf Diskriminierungen jeglicher Art wirft: „Als ich Ende der1990er Jahre nach München kam, suchte ich dringend eine feministische Organisation, der ich mich anschließen konnte. Mir war und ist die Wissenschaft besonders wichtig, also, dass wir eine Forschungseinrichtung sind. Diese institutionelle Förderung dürfen wir auf keinen Fall verlieren, es ist die Grundlage der FAM.“ Andrea Rothe hat anlässlich früherer Jubiläen über die Geschichte der Frauenakademie geschrieben. Dort kann man ausführlich nachlesen, wie die FAM sich von einem kleinen Verein zu einer innovativen Forschungs- und Beratungsstelle entwickelt hat. Außerdem haben die FAM-Frauen von Anfang an Rundbriefe herausgegeben, oft mehrmals im Jahr, in denen sie über die jeweiligen Aktivitäten informieren.

Den Gründungsfrauen hat ihr Engagement nicht geschadet, sie sind gewachsen daran und viele von ihnen haben im Laufe der Jahre eine Karriere im wissenschaftlichen oder therapeutischen Bereich gemacht und dort ihre feministische Expertise eingebracht. Jetzt sind die meisten im wohlverdienten Ruhestand. Sie wissen: „Solange es Differenzen bei der Bezahlung gibt, solange die Care-Aufgaben bei den Frauen liegen, muss man weiterarbeiten. Es gibt immer ein paar Schritte vor und dann wieder Schritte zurück. Doch wie es weitergeht, das hängt nicht mehr von uns ab“.

Mehr Infos:
Frauenakademie München

Im Rahmen dieser Serie wurden bisher die Donaupriesterin Gisela Forster, die Feministin Barbara Linnenbrügger, die Malerin Waltraud Beck, die Professorin Monika Barz, die Historikerin Irene Franken, die Tagungsleiterin Herta Leistner, Dagmar Schultz, die Alltagsforscherin Maria Rerrich, die Matriarchatsfrau Siegrun Laurent, die Gründerin Claudia Gather, die Heilpraktikerin Bali Schreiber, die Verbandsfrau Marlies Hesse, Ika Hügel-Marshall, die Stiftungsverwalterin Gudrun Nositschka, die Berliner Frauenpreisträgerin Karin Bergdoll, die Sozialpädagogin Erni Kutter, Philosophin Dorothee Markert und die Museumskuratorin Elisabeth von Dücker vorgestellt.

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Hineinwachsen in mich – mein 70. Geburtstag – ein neuer Lebensabschnitt http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/02/hineinwachsen-in-mich-mein-70-geburtstag-ein-neuer-lebensabschnitt/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/02/hineinwachsen-in-mich-mein-70-geburtstag-ein-neuer-lebensabschnitt/#comments Sat, 15 Feb 2020 07:31:26 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15222 Im Mai 2017 habe ich den Beitrag „Wie sich die 50-jährige das Altwerden vorstellte – und wie die 67-jährige es erlebt“ veröffentlicht. Nun schreiben wir das Jahr 2020 – was weiter geschah …

„Lebe bewusst jeden kostbaren Augenblick deines Lebens. Es wird der Augenblick kommen, von dem du niemals wissen wirst, dass du ihn erlebt hast.“ Alles begann mit diesem Satz, der mich aus dem Schlaf weckte. Und dann geschah das bis jetzt Unvorstellbare – von einer Sekunde zur anderen ohne lange Überlegungen – die Entscheidung, ich werfe meine über die Jahrzehnte geführten und gehüteten Tagebücher weg. Ein bis dahin unvorstellbarer Gedanke.

Was vorher war

Täglich versank ich mehr und mehr in meinen Erinnerungen – bei jedem Hundemorgenspaziergang merkte ich, wie ich Mühe hatte, im Hier und Jetzt zu bleiben. Wie mich die Erinnerungen überschwemmten und mitrissen wie ein reißender Fluss. Täglich versank ich in meiner Vergangenheit. In den Teilen meiner Vergangenheit, die Schmerz und Leid bedeuteten; in einer Vergangenheit, in der ich andere Entscheidungen hätte treffen können – andere Wege an den Wegkreuzungen meines Lebens hätte wählen können – und es nicht getan habe; so viele Lebenschancen, die ich nicht wahrgenommen habe, etc. etc. Die vielen „hätte“ türmten sich auf wie ein endloser Aufstieg auf einen Berg, der mir den Atem nahm. Die vielen „hätte“ – sind sie doch endlos …

Was jetzt ist

Ich sehe Sätze des Schmerzes, des Leids und der Verzweiflung genauso wie die Liebe und Freude mit meinem Sohn und meinen zwei Ehemännern; das Entdecken und Freilegen des verschütteten Selbst in den Jahren der Selbsterfahrung und Therapie; das Lernen und das Wachstum auf vielen Ebenen über die Jahre. Ich sehe zum letzten Mal meine Schrift, wie sie sich über die Jahrzehnte verändert hat; die gemeinsam geführten Tagebücher in der Zeit mit einem meiner Lebensliebsten – unser Innerstes ausgebreitet voreinander und miteinander – welch wunderbare, kostbare Zeit; die gesammelten Fahr- und Flugtickets meiner Reisen; eingeklebte Ansichtskarten und Fotos; meine Zeichnungen; und die vielen Briefe, die ich meiner Mutter geschrieben habe – wie habe ich mich an ihr abgearbeitet – mein Ringen, geliebt und gesehen zu werden (was ihr erst – aber immerhin, zwei Jahre vor ihrem Tod mit ihrer Krebserkrankung möglich war)!

Und schlussendlich bin ich sehr dankbar über all dieses gelebte Leben! Ich nehme mein aufgeschriebenes und beschriebenes Leben zum letzten Mal wahr – bevor ich die Seiten zerreiße und loslasse. Ja – darum geht es: Loslassen! Nein, ich werde nach meinem Buch „Die Erzählungen über das Älterwerden und mehr …“ (1918) nicht die geplante Biographie schreiben.

Ich lasse meine Vergangenheit endgültig los.

Und ich gehe zum Hochschrank und räume aufmerksam und liebevoll sämtliche Familienfotos weg ~ all die Verstorbenen ~ keine Vergangenheit mehr …
Jetzt nicht.
Mein Leben – mein tägliches Leben – in den wenigen Jahren, die mir bleiben.

Und ich habe noch schöne, dunkelrote Papiertragetaschen aus meinem Laden mit Kleidung und Accessoires aus Naturstoffen und Filz, den ich einmal für kurze Zeit hatte. Und in diesen blutroten Taschen verschwinden Seiten für Seiten – die mit meinem Herzblut geschriebenen Erinnerungen für Erinnerungen. Und ich binde die gefüllten Taschen an den Henkeln mit meinen schönsten Geschenksverpackungsbändern zusammen und versenke sie mit einem wehmütigen und befreienden Lächeln in der Papiertonne. Leben – mein gelebtes Leben.

Und die Regale leeren sich.
Befreiende Leere.
Druck verschwindet von meinem Herzen und aus meiner Lunge – ich kann wieder durchatmen. Luftig und leicht sehen sie aus die Regale – im Außen und im Inneren.

Ich bin dabei die Teetasse zu leeren …

Eines Tages kam eine junge Frau zu einem Meister.Sie hatte schon so viel von dem weisen Mann gehört, dass sie unbedingt bei ihm studieren wollte. Vor ihrer Reise zu ihm hatte sie alle ihre Angelegenheiten geregelt, ihr Bündel geschnürt und war den Berg zu ihm hinauf gestiegen, was sie zwei Tage Fußmarsch gekostet hatte.
Als die Frau beim Meister ankam, saß der im Lotussitz vor seinem Haus auf dem Boden und trank Tee. Sie begrüßte ihn überschwänglich und erzählte ihm, was sie bisher schon alles gelernt hatte, wie viel sie schon weiß und kann. Dann bat sie den Meister, bei ihm weiter lernen zu dürfen.
Der Meister lächelte freundlich und sagte: „Komm in einem Monat wieder.“
Von dieser Antwort verwirrt ging die Frau zurück ins Tal. Sie diskutierte mit Freunden und Bekannten darüber, aus welchem Grund der Meister sie wohl zurückgeschickt hatte.
Einen Monat später erklomm sie wieder den Berg und kam zu dem Meister, der wieder Tee trinkend am Boden saß. Diesmal erzählte die Schülerin auch von all den Vermutungen, die sie und  ihre Freunde darüber hatten, warum er sie wohl fortgeschickt hatte.
Und wieder bat sie ihn, bei ihm lernen zu dürfen.
Der Meister lächelte sie freundlich an und sagte: „Komm in einem Monat wieder.“
Dieses „Spiel“ wiederholte sich einige Male.
Es waren also schon viele vergebliche Versuche in vielen Monaten, nach denen sich die Frau wiederum aufmachte, um zu dem Meister zu gehen. Als sie diesmal bei dem Meister ankam und ihn wieder Tee trinkend antraf, setzte sie sich ihm gegenüber, lächelte nur und sagte nichts.
Nach einer Weile ging der Meister in sein Haus und kam mit einer Tasse zurück.
Er schenkte ihr Tee ein und sagte dabei: „Jetzt kannst Du hier bleiben, damit ich Dich lehren kann.“
Als sie ihn fragte, warum er sie vorher immer wieder weg geschickt hatte, antwortete er ihr: „In ein volles Gefäß kann ich nichts füllen.“
(Quelle: unbekannt)

Nein, ich werde nicht mehr erzählen, was ich alles getan und erlebt habe in meinem Leben, was ich alles weiß und kann – ich werde still sein, zuhören und weiter lernen – ich werde einfach leben, um die zu sein, zu der ich geworden bin …

Ich bin
Ich
Nichts sonst

Und ich wasche und putze und fege den Staub der Vergangenheit weg – welche Freiheit öffnet sich, welch ein Vergnügen! Ich putze nicht gerne – und nach der Überwindung des Widerwillens gegen das Putzen kommt die Freude über die saubere Leere …

Und ich denke daran, wie ich in den letzten Wochen meine Briefe unterschrieben habe – Monika und immer wieder auch Ma Prem Chandana (mein spiritueller Meditationsname) und Monika Chandana …

Und dann erinnere ich mich, wie ich in der Biographie der Malerin Paula Modersohn-Becker in ihrem Brief von 17. Februar 1906 (sie starb im November 1907 mit 31 Jahren) gelesen habe:
„Und nun weiß ich gar nicht wie ich mich unterschreiben soll. Ich bin nicht Modersohn und ich bin auch nicht mehr Paula Becker.
Ich bin
Ich,
und hoffe, es immer mehr zu werden.
Dies ist wohl das Endziel von allem unsern Ringen.“

Dankbar für das Geschenk der Jahre und nicht wissend, wie viele Jahre mir noch bleiben, hoffe ich, es immer mehr zu werden …

Und wenn ihr mich jetzt fragt, wie mein zukünftiger Weg aussehen wird – ich weiß es noch nicht – aber er ist bereits da, der Pfad …

„Tue einen Schritt
aus dir heraus,
und siehe da:
der Pfad“

(Abu Sa’id Abu’l Kayr, pers. Sufi-Dichter)

Dieser Artikel erschien auch auf dem Blog von Monika Krampl.

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Tanz auf dem V-ulkan http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/02/tanz-auf-dem-v-ulkan/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/02/tanz-auf-dem-v-ulkan/#comments Tue, 11 Feb 2020 16:00:00 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15206
One Billion Rising-Buttons 2020

Zeichen setzen gegen die Gewalt an Frauen!

Der weltweite Tanz-Protest “One Billion Rising” findet zum achten Mal und wie immer am 14. Februar statt. Als ein Ausdruck des Protests, gegen die Gewalt an Frauen, hat sich „OBR“ positiv etabliert und von Jahr zu Jahr werden es immer mehr TeilnehmerInnen*. Ausgedacht hatte sich diesen Protest-Event die New Yorker Künstlerin und Schriftstellerin Eve Ensler, selbst Missbrauchsopfer.

Eve Ensler initiierte 2012 das ”One Billion Rising” Projekt mit dem Charakter eines weltweiten “Tanz-Flashmob”, der erstmals am 14. Februar 2013 stattfand. Diesen, von ihr als Aufbruch benannter, Protest veranstaltete sie als hoch-medial wirksames, weltumspannendes Event. Dazu nutzte sie modernste Technik, wie Drohnen-Bilder-Videos und die Social Media Kanäle. Eine starke PR-Kampagne mit eigenem Logo, Bannern, Videos mit einer Mitmach-Choreografie etc. lud dazu ein: Weltweit wurden die Frauen aufgerufen mit zu machen und zudem angeregt ihren lokalen Tanzprotest per Videoposting öffentlich auf der eigens dafür eingerichteten Homepage  hoch zu laden. Der Erfolg war großartig, in über 190 Ländern der Welt fanden Aktionen statt, viele feministische Organisationen schlossen sich dem Aufruf an, aber es gab auch Kritik, dazu später.

Über Slutwalks und Flashmobs

Ein Jahr zuvor, 2011, gingen KanadierInnen* mit den politisch motivierten “Slut-Schlampen-Walks” auf die Straße. Der Auslöser dazu war die öffentliche Aussage eines kanadischen Polizisten, Frauen könnten sich vor Vergewaltigung schützen, wenn sie nicht wie Sluts – Schlampen – rumlaufen würden. Die Frauen protestierten gegen die immer noch in der Gesellschaft verankerte Ansicht, die Vergewaltigungsopfer trügen aufgrund ihrer Kleidung zur Tat bei und protestierten gegen die damit einhergehende Verkehrung der Opfer in die Täterrolle.

Der Slutwalk wurde in anderen Ländern aufgegriffen, so fanden diese u. a. in Deutschland, England, USA, Frankreich, Schweden, Australien über das Jahr 2011 verteilt in vielen Städten statt. Die begriffliche Aneignung des patriarchalen, negativ besetzen Wortes “Slut”, brachte “Alt-Feministinnen” dazu diese Bewegung kritisch zu bewerten, viele lehnten es einfach ab sich selbst als Schlampe titulierend protestieren zu gehen. Viele öffentliche Diskussionen drehten sich kontrovers um den Auftritt der Demonstrierenden, die, um ihre persönliche Freiheit zu demonstrieren, in “Schlampigen” freizügigen Party Outfits teilnahmen. Zu dem Anliegen Öffentlichkeit zu schaffen, mit Plakaten und Parolen, wurde auf den Walks Partystimmung zelebriert und tanzende Menschen bestimmten zunehmend das Bild. Die Bewegung ebbte nach 2012 etwas ab, wird aber seit 2015 wieder kontinuierlich öffentlich veranstaltet. Slutwalks wenden sich gegen Sexismus und gegen die Rechtfertigung und Verharmlosung von Gewalt, steht auf den Seiten der Münchner AktivistInnen*, die dort den jährlich stattfindenden Slutwalk organisieren.

Was trugen Frauen wirklich, als sie Opfer einer Vergewaltigung wurden?

Dieser Frage ging die Universität Kansas nach, das Ergebnis war diese Wanderausstellung, die 2018 in Brüssel zu sehen war.

“Slutwear”? Fehlanzeige.

Das One Billion Rising Konzept entstand also genau im zweiten Jahr der internationalen Slutwalks, die allerdings nie zeitgleich, im Sinne eines weltweiten Flashmobs, stattfanden. Zudem erregte  im Dezember 2012 eine grausame Gruppenvergewaltigung in Indien, an einer jungen Frau, die an deren Folgen verstarb, weltweit für eine Empörungswelle, die Öffentlichkeit wurde zunehmend wachsamer. 

Die Idee hinter One Billion Rising

Eve Enslers Intention war, die Frauen, die Opfer von Gewalt sind, mögen sich erheben und sich zeigen, so auch im Video zur Aktion dargestellt. Die Zahl “One Billion” bezog sich auf die Zahl, die eine jährliche UN Statistik veröffentlicht hatte, der weltweiten Opfer von häuslicher Gewalt, Femizid und Vergewaltigung. Diese sollten sich daher weltweit erheben und sich der Welt zeigen, um sich dadurch zu befreien und stark, also irgendwie heiler, zu werden. Besonders in Indien war der Protest geprägt von betroffenen Frauen, die in ihren Videobotschaften anklagten. International haben sehr viele Frauen mitgetanzt, sicher eher die anderen Frauen. Die, die nicht gefangen in häuslicher Gewalt sind. Die gesamte Tanzaktion schaffte damit sehr viel mediale Aufmerksamkeit für das Thema, sicher aber keine Heilung für traumatisierte Frauen. So einfach geht das dann doch nicht, die Traumaforschung kann davon berichten, die Frauenhäuser und Filme wie “Una Primavera” auch.

Die Hauptkritiken an Eve Ensler, die sich z. B. auf dem Blog der Mädchenmannschaft nachlesen lassen, waren, dass es sich bei der Inszenierung des Events, zu stark um sie und ihre Person drehe, – Missbrauch der Opfer für die eigene Inszenierung-, dass sie traditionelles Wissen afrikanischer Frauen in weißer Kolonial-Frauen Manier für ihre Veranstaltung benutzt habe, -die Inspiration zum Tanz lieferten ihr Frauen aus dem Kongo-. Die Platzierung der Aktion habe zudem die Bewegung der indigenen kanadischen Frauen verletzt und missachtet, – der Termin ging in Konkurrenz mit einer dort seit Jahren stattfindenden wichtigen Veranstaltung- so der kritische Tenor 2012/2013.

Bei den, sicherlich nicht ganz unberechtigten Vorwürfen, ist dennoch zu bedenken, dass Eve Ensler in erster Linie eine Künstlerin ist und, ohne sie entschuldigen zu wollen, KünstlerInnen* sind keine NGOs, sind nicht unbedingt p.c. – political correct-, sind nicht unbedingt politisch feministisch. KünstlerInnen* sind vorsichtig ausgedrückt etwas “egozentrierter”, im positiven Sinne: Um etwas Inneres nach außen bringen zu können und sind in der Regel Persönlichkeiten, die zunächst auf sich fokussiert sind, auf ihre Empfindungen, auf ihre inneren Welten und wären, nicht selten sogar in der Psychiatrie gelandet, hätten sie nicht die Kunst als Medium für sich und ihren Ausdruck gefunden. Der Motor von Eve Ensler war und ist sicher das eigene Trauma, Drama, der sexualle Missbrauch des Vaters an ihr und dagegen marschierte sie als Künstlerin an, mit den ihr subjektiv zur Verfügung stehenden Mitteln: Literatur, Performance, Tanzflashmob, mediale Aufmerksamkeit … das gelang.

One Billion Rising lebt weiter. Es geht um die Sichtbarmachung dieses so wichtigen Themas im öffentlichen Raum. Viele Frauen-Organisationen, die gegen Gewalt gegen Frauen auf der politischen Ebene kämpfen, unterstützen diesen öffentlichen Tanz. In Deutschland ist z. B. die Organisation Medica Mondiale, die seit Jahren gegen die sexualisierte Gewalt an Frauen und Mädchen in Krisen- und Kriegsgebieten kämpfen, von Anfang dabei. Über all diese acht Jahre haben viele (feministische) Frauen mit an den Inhalten gefeilt und auch andere Künstlerinnen die Bewegung künstlerisch und inhaltlich unterstützt, genannt sei hier die deutsche Rapperin Sookee, die 2013 den “One Billion” Song schrieb. Ganze Schulklassen tanzen mit und es werden wirklich immer mehr TeilnehmerInnen aus immer mehr Ländern.

Zeichen setzen, jetzt

Es brennt, wie bei einem Vulkan, die immer noch steigenden Zahlen der Gewalt gegen Frauen sind schier unerträglich und zeigen wie wichtig das politische Engagement ist und auch wie wichtig es ist den öffentlichen Raum, mit dem Thema, kraftvoll zu füllen. Insofern, raus zum Tanz auf dem V-ulkan und letztlich bringt Tanz Bewegung in Dinge und hilft aus der Erstarrung und Ohnmacht, hilft ein Zeichen der Solidarität zu setzen, und Eines gegen die immer noch  zunehmende Gewalt an Frauen und Mädchen.

Hier findet ihr alle Informationen zu One Billion Rising in Deutschland:

http://www.onebillionrising.de/

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Sind Frauen (nicht) die besseren Menschen? http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/02/sind-frauen-nicht-die-besseren-menschen/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/02/sind-frauen-nicht-die-besseren-menschen/#comments Sat, 08 Feb 2020 17:31:07 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15187 Müssen Frauen ständig beteuern, dass sie nicht die besseren Menschen sind? Diese Frage warf vor kurzem Antje Schrupp auf anlässlich des Buches „Das Glück, eine Frau zu sein“ von Luisa Muraro.

Die Heilige Ursula und vier ihrer Gefährtinnen. Schrein in der Kirche St. Quirin in München

Mich beschäftigt dieses Thema – sind Frauen die besseren Menschen? – schon seit meinen ökofeministischen Zeiten in den 90igern. Meine Freundinnen und ich feierten Frauenfeste zu allen Jahreszeiten. Unausgesprochen sah ich – vielleicht auch wir – uns Frauen als die besseren Menschen. Wir sahen das biologisch: Frauen haben mit der Menstruation einen zyklischen Rhythmus, wie er in vielen Naturvorgängen auch vorkommt und sind daher näher dran an den Bewegungen des Lebens. Und sie tragen und gebären neues Leben und sind daher intensiv mit dem Leben und der Sorge für alles Lebendige verbunden.

Unsere Frauenrituale hatten Schönheit und schufen Freiheit, weil sie offen waren für Unvorhergesehenes und sowieso – immer draußen – wegen des Wetters und spontaner Ideen immer anders ausfielen. Wir hatten viel Spaß. Es gab auch Streit. Aber gefühlt unter denen, die wissen, wer sie sind und wie sie sind – endlich. Die sich – endlich! – nicht in Frage stellen müssen. Außer bei der Frage (dazu kam es bei uns zum Glück nur in der allerersten Zeit), was denn nun ein der Biologie entsprechendes Verhalten sei. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen in der Zeit verbreiteten Streit um Tampons. Es ging irgendwie ums Prinzip, vielleicht um den Fluss des Lebens?

Dieses „Wissen, wer wir sind“ war angesichts der Heimatlosigkeit von Frauen in einer männlich geprägten Gesellschaft für uns wie ein wohliges Bad. Ein Bad, das immer wieder neu gefüllt wurde und guttat. Und das war auch wirklich gut.

Aber es beschränkt nicht nur die weibliche Freiheit, sondern die Lebendigkeit, immer schon zu wissen, wer man ist. („Von sich selbst ausgehen und sich nicht finden lassen“ nennt die Diotima-Feministin Luisa Muraro das Gegenmittel). Mit der Zeit wurde das in unseren Jahreszeitritualen spürbar und wir wurden immer freier darin, was sie uns bedeuteten, auch wenn wir das gar nicht zum Thema gemacht haben. Das Gefühl eines Besserseins spielte eigentlich keine Rolle mehr.

Frauen als die bessere Hälfte der Menschen: Ich spürte irgendwann, dass sich bei dieser Vorstellung etwas im Kreis dreht und das Ganze vor allem zur Selbstvergewisserung wurde. Vielleicht nicht einmal, weil die biologische Tatsache, zu menstruieren und Kinder auf die Welt zu bringen, keinen Einfluss hat. Aber welchen? Das eigentliche Problem ist weniger, dies (nicht) herauszufinden. Vor allem geht es darum, welchen Sinn Frauen (Menschen mit Uterus) den biologischen Tatsachen verleihen und was sie daraus machen wollen. Läuft nicht die Behauptung, Frauen seien näher am Leben dran und daher bessere Menschen, darauf hinaus, dass sie auf Vorstellungen festgelegt sind, was das sei?

Ich erinnere mich gut an eine Veranstaltung vor ungefähr 20 Jahren beim Verein Frauenstudien München über „Frauen–Vorbilder“. Die Referentin Andrea Günter vertrat, statt an weiblichen mythologischen Gottheiten oder der Symbolik weiblicher Heiligenbilder sollten sich Frauen lebende weibliche Vorbilder suchen und sich mit ihnen auseinandersetzen. Viele der anwesenden Frauen – einschließlich mir – waren empört: Wie gut tat es, die Existenz weiblicher Gottheiten wiederzuentdecken und sich mit ihren verschiedensten Aspekten zu identifizieren! Welch anderes – weibliches – Weltbild tat sich da zugleich auf! Andrea Günter verwies (soweit ich mich erinnere) auf die Selbstnormierung und den Stillstand, auf den diese Begeisterung hinauslaufen kann. Lebende weibliche Vorbilder sind sperriger, uneindeutiger. Frauen bräuchten den Widerspruch als Herausforderung. – Wie unangenehm…  

Ich mag diese Frauenfeste und Jahreszeitenfeste (einschließlich weiblicher Heiliger und Gottheiten) immer noch und finde sie sinnvoll – gerade angesichts der Klimakrise. Aber es bedeutet für mich einen großen Fortschritt, von der „Kultur der Frauen“ zu sprechen. Was meine ich mit Kultur der Frauen? Ein großes Spektrum an Unterschiedlichkeit unter Frauen, widersprüchlich auch, schwer festlegbar. Aber darunter liegen bestimmte Strömungen, Neigungen, Tendenzen: Das empfinden im allgemeinen Frauen so, wollen viele so, machen es so… Zum Beispiel liegt vielen Frauen etwas an Schönheit und Ästhetik in ihrer Umgebung, öfters mal mehr als an technischer Ausgebufftheit.

Diese Tendenzen kennt man. Und diese Tendenzen sind wandelbar. Das Wort, der Gedanke „weibliche Kultur“ bedeutet, dass eine Kultur der Frauen nicht stillsteht, sondern sich weiterentwickelt, in welche Richtung das auch immer geht (zum Beispiel habe ich heutzutage – aus Zeitmangel, weil ich andere Prioritäten setzt – nicht mehr große Lust, Socken mit Löchern zu stopfen, wie es mir meine Mutter als junge Frau beigebracht hatte. Nicht schade drum – oder doch?).

Weibliche Kultur hat sich entwickelt, ist gestaltbar und wird fortlaufend von Frauen gestaltet oder der Gestaltung überlassen.

Jetzt kommt die heiße Frage: Was heißt „bessere Menschen“? Also: Frauen und Männer im Vergleich.

Na ja, kann ich sagen, das sieht man ja, was männlich geprägte Kultur anrichtet, da braucht man sich nur den gegenwärtigen Zustand der Erde anzuschauen, das braucht gar nicht groß aufgezählt zu werden. Von „toxischer Männlichkeit“ sprechen inzwischen auch Männer. Aber ich meine, auch da geht es um „männliche Kultur“. Sie wurde schon lange zur Herrschaftskultur. Aber genauso wenig wie die „Kultur der Frauen“ nur und nicht einmal hauptsächlich Opferkultur ist, ist männliche Kultur nur Herrschaftsgebaren. Viele Ergebnisse der Technikaffinität männlicher Kultur genieße ich, auch wenn das Technikdenken (bzw. was dahintersteht) als Herrschaft alles an die Wand fährt.

Mir scheint es sowieso klar, dass immer mehr Männer über die gegenwärtige männliche Kultur verunsichert sind und beginnen, sich davon zu verabschieden. Allerdings mit heftigem Gegenwind anderer Männer und mit der Belastung, dass ihnen ihr Mannsein abgesprochen wird, was eine bedrohliche Unterlegenheitsposition gegenüber anderen Männern definiert. Frauen hierzulande haben dies ja auch durchgemacht – und das kombiniert mit so viel Gewalt – und machen es zum Teil heute noch durch. Und im Unterschied zu ihnen gilt es für Männer, Privilegien aufzugeben.

 (Manche Leute, Frauen wie Männer, sagen: Es geht um die Herstellung eines Gleichgewichts, der richtigen Balance, Yin und Yang – mit diesem bekannten schwarz-weißen Symbol – zwischen weiblicher und männlicher Kultur. Das bezweifle ich. Denn was soll man über Balance denken, wenn offen ist, ob sich Apfel und Birne nicht gleichzeitig in Gurke und Tomate entwickeln mit leichten gegenseitigen Anleihen? Aber der Gedanke eines sich veränderlich beweglichen Mit-/Zwischen-/Gegeneinanders hat etwas Reizvolles.)

Vor Jahren gab es angesichts des Foltergefängnisses von Abu Ghraib einen Aufschrei über eine amerikanische Soldatin, die an den Folterungen und Demütigungen aktiv beteiligt war. Es gab heftige Diskussionen in der westlichen Frauenbewegung über eine Frau, die so etwas tut. Sie war sicher kein „besserer Mensch“ (und – wer weiß). Die Diskussion mündete unter den Frauen, die ich kenne, in den Schluss: Eine Frau ist durch ihr Frausein nicht auf etwas Bestimmtes festgelegt. Frauen können alles tun, das ist weibliche Freiheit. Und Frauen klären ihren Maßstab für Handeln in der Bezugnahme aufeinander und in der Auseinandersetzung unter Frauen, denn im männlich geprägten Maßstab haben sie nicht ihre Heimat (zumindest nicht, solange ein männlich geprägter Maßstab als „allgemeingültiger“ Frauen Vorschriften machen will). Schon lange interessiert mich: Wie stehen weibliche Freiheit und weibliche Maßstäbe für Handeln zueinander? Begrenzt das eine das andere im Sinne einer sozialen Kontrolle von Frauen untereinander? Oder: Müssen sich Frauen nie an etwas halten? Oder: Tun sie aufgrund ihrer Kultur sowieso immer das bessere?

In meinen ökofeministischen Anfangszeiten gab es ein schönes Lied, das lautete: „Rainbow woman, do what you want to do and go where you want to go, cause love is guiding you…“ Das fand ich sehr befreiend: Was ich auch tue, wohin ich auch gehe, es ist in Ordnung…

Ja? Wenn’s stimmt, gerne.

Noch einmal zum Anfang: Müssen Frauen beteuern, dass sie nicht die besseren Menschen sind?

Ich verstehe diese Beteuerungen so, dass Frauen darauf hinweisen wollen, dass ihr besseres gesellschaftliches Wirken nicht naturgegeben ist, sondern Teil ihres kulturellen Erbes. Oder Teil ihrer kulturellen Übereinstimmung und Leistung – vor allem auch dies! Sie könnten also auch anders (zum Glück? leider?). Ich verstehe diese Beteuerungen deshalb auch als einen Versuch, Männern eine Option der gleichen Augenhöhe aufzuzeigen – dass sie ihre Kultur verändern können.

Es kann hinter solchen Beteuerungen natürlich auch der Versuch stehen, Männern, die sich so schnell in ihrer männlichen Ehre verletzt fühlen, nicht auf den Schlips zu treten. Das ist aber unvermeidlich und wäre dann die unnötige Variante.

Frauen müssen nicht beteuern, dass sie nicht die besseren Menschen sind. Umgekehrt gefällt es mir, davon zu sprechen, dass es die weibliche Kultur ist, die die Welt braucht, jedenfalls in ihrem jetzigen Zustand. Für Frauen selbst ist die Bezeichnung „Kultur“ wichtig, weil sie weniger Stillstand unter Frauen produziert als ein Rückgriff auf die Biologie. Und Männer können die Kultur der Frauen ja mal auf sich wirken lassen bei der Weiterentwicklung der eigenen.

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Eine illegale Pfarrerin in der Schweiz http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/02/eine-illegale-pfarrerin-in-der-schweiz/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/02/eine-illegale-pfarrerin-in-der-schweiz/#respond Wed, 05 Feb 2020 11:08:42 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15191

Nicht oft bin ich von einem Buch so begeistert, wie von jenem, das ich kürzlich geschenkt bekam – ohne besonderes Interesse für Pfarrerinnen oder für die Schweiz geäußert zu haben. Aber die Schweizer Pfarrerin Greti Caprez-Roffler, um die es in dem Buch geht, war eben auch eine Feministin. Das war der Anknüpfungspunkt für mich.

Von Feminismus steht zwar nichts in der Kurzfassung auf der Rückseite des Buches, doch beschreibt diese ziemlich gut, worum es in dem Buch geht: Am 13. September 1931 tut das Bündner Bergdorf Furna etwas, was zuvor noch keine Gemeinde der Schweiz gewagt hat. Es wählt eine Frau zur Pfarrerin: Greti Caprez-Roffler, 25 Jahre alt, Theologin und Mutter. Ein Skandal, der bis nach Deutschland Schlagzeilen macht. Nach ihrem Tod begibt sich die Enkelin auf die Spuren der ersten vollamtlichen Schweizer Gemeindepfarrerin. Sie stößt auf die außergewöhnliche Emanzipationsgeschichte einer Frau, die für sich in Anspruch nahm, was damals für viele undenkbar war: ihrer Berufung nachzugehen, Mutter zu sein, eine glückliche Liebe und eine erfüllte Sexualität zu leben. Eine Frau, deren Mut einen hohen Preis hatte, nicht nur für sie.

Was hat mich an diesem Buch nun so fasziniert? Von Anfang an der lebendige Erzählstil, und das bei einem Buch, das – unausgesprochen – auch den Anspruch hat, eine historische Biographie zu sein. Dann die Fülle der Zitate von Zeitzeug_innen sowie aus den vielen Briefen, die die Pfarrerin seit ihrer Jugend geschrieben und offensichtlich aufbewahrt hat. Aber auch ihre explizit positive und aufgeschlossene Haltung zur Sexualität, in der ich die Einstellung der Generation meiner Eltern wiedererkannte. Sexualität ja, sie ist nahezu etwas Heiliges – und gehört deshalb nur in die Ehe. Anrührend, wie Greti Capres-Roffler über dieses Warten-Wollen während Verlobungszeit geschrieben hat.

Vom Anfang bis zum Ende ist es ein wirkliches Vergnügen, zu lesen, wie hier eine Frau unter schwierigen Umständen ihrem Begehren gefolgt ist. Begleitet gleichzeitig von großen Zweifeln, ob eine Frau auf der Kanzel wirklich Gottes Wille ist. Auch viele Frauen aus dem Umfeld der Protagonistin glaubten das nicht. Und das ist das Andere, das ich – wieder einmal – in diesem Buch wahrgenommen habe: Wie stark der moralisierende Hintergrund einer kirchlichen Prägung Menschen und insbesondere Frauen unter Druck setzt und ausbremst.

Noch etwas gefällt mir an dem Buch: Die Autorin verherrlicht ihre Großmutter nicht, sondern schildert sie in all ihrer Ambivalenz. Dass genau diese Ambivalenz nicht außen vor bliebe, war auch ein Anliegen der Kinder von Greti Caprez-Roffler, die in dem Buch ausführlich zu Wort kommen. Sie hatte sechs Kinder, die sie ohne Zweifel liebte – und hat gleichzeitig als Pfarrerin gearbeitet. War sie eine gute Pfarrerin und eine gute Mutter? Die Antwort auf diese Frage ist gar nicht so wichtig, wichtig ist, dass sie sich beim Lesen unweigerlich stellt. Ambivalent auch, dass das, was die Pfarrerin für junge Frauen forderte, ein eigener Beruf und eine gute Ausbildung, bei dem Haus- und Kindermädchen ihres Haushalts ausblendet.

Erschienen ist das Buch im Limmat Verlag, dessen Bücher sich mit den kulturellen Entwicklungen in der Schweiz beschäftigen. Ein Förderverein trägt dazu bei, dass Lebensgeschichten und Autobiographien zu politischen und regionalgeschichtlichen Themen gedruckt werden können. Das Buch von Christina Caprez weist eindeutig über den regionalen Horizont hinaus. In der Schweiz wurde es vielfach besprochen und ist in die dritte Auflage gegangen. Ich wünsche ihm, dass es auch über die Schweizer Grenzen hinaus gelesen und reflektiert wird. Es lohnt sich und ist vergnüglich.

Christina Caprez, Die illegale Pfarrerin, Das Leben von Greti Caprez-Roffler 1906–1994, Limmat Verlag Zürich 2019, 392 Seiten, 44 €.

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Melodie XX – Ein Museum starker Frauen. Liederabend von und mit Sonja Dengler und Maria Thomas http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/02/melodie-xx-ein-museum-starker-frauen-liederabend-von-und-mit-sonja-dengler-und-maria-thomas/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/02/melodie-xx-ein-museum-starker-frauen-liederabend-von-und-mit-sonja-dengler-und-maria-thomas/#respond Sun, 02 Feb 2020 13:57:17 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15179
Foto: https://www.theater-baden-baden.de/spielplan/stueck/melodie-xx

Im Spiegelfoyer des Theaters Baden-Baden verbrachten meine Mutter und ich einen außergewöhnlich amüsanten und lehrreichen, klugen und aufmunternden Abend im „Frauenmuseum“ von Sonja Dengler und Maria Thomas, zwei Ensemblemitgliedern des Theaters Baden-Baden, die diese Liederrevue über herausragende Frauen in Geschichte und Gegenwart entwickelt haben. 

Sie nennen sich „Dr. Thomas Dengler“ und spielen sich die Wollfäden zu, wenn sie nach und nach ihr „Museum starker Frauen“ einrichten und singend und tanzend erzählen von Frauen, bekannten und weniger bekannten, die ihre Stärken gefunden und verwirklicht haben. 

Eigentlich mag ich das Reden von „starken Frauen“ nicht so, weil es oft als weibliche Stärke die Anpassung an männliche Leistungskriterien ver“herr“licht. Nicht so bei Dengler und Thomas. Die Frauen, denen sie ein „Museum“ errichten, sind nicht unbedingt solche, die als männlich wahrgenommene „Stärken“ realisieren. Zwar gehören auch die saudiarabische Aktivistin Manal al Sharif, die ein Video von sich ins Netz stellte, in dem sie Auto fährt, dazu, ebenso wie die Flugpionierin Amelia Earhart; Frauen also, die sich herausnahmen, angeblich „männliche“ Tätigkeiten auszuüben.

Aber diese beiden stehen gleichberechtigt neben Frauen wie Cora Coralina, der brazilianischen Dichterin, die jahrzehntelang in einer kleinen Bäckerei arbeitete und erst als über 60jährige ihr erstes Buch veröffentlichte. Oder Fe del Mundo, der 1899 geborenen philippinischen Kinderärztin, die das Dengue-Fieber bekämpfte, Impfungen durchsetzte und Programme zur Familienplanung einführte, gegen den heftigen Widerstand der Kirche. Oder Alicia Alonso, der „Primaballerina assoluta“, die trotz ihrer Erblindung zur bedeutendsten Balletttänzerin ihres Landes und zur Gründerin des kubanischen Nationalballetts wurde. Oder Ann Makosinki, die als 15jährige Schülerin eine Taschenlampe entwickelte, die durch Körperwärme betrieben wird. 

Titelgebend für den Liederabend, bei dem die vielseitig begabten Thomas und Dengler assoziativ zu den Geschichten der Frauen Melodien von Beethoven bis Bowie, von Edith Piaf bis Lady Gaga singen und spielen, ist übrigens die Entdeckung des XX-Chromosoms durch Nettie Stevens (1861-1912). Ich gebe zu: Ich hatte noch nie von ihr gehört. 

Wir hatten einen wunderbaren und unvergesslichen Mutter-Tochter-Abend in Baden-Baden. Und wir lernten die Geschichten von Frauen kennen, die ermutigend wirkten. Wir sahen zwei junge Darstellerinnen und Autorinnen, deren Arbeit wir noch mehr Zuschauerinnen und Zuschauer wünschen.

Am 5. März 2020 feiern Dengler und Thomas mit ihrem Programm MELODIE XX in Baden-Baden den Weltfrauentag vor. Männer haben freien Eintritt, Frauen erhalten ein Willkommensbier. 

Link: https://www.theater-baden-baden.de/spielplan/stueck/melodie-xx

(Und vielleicht gibt es ja auch außerhalb Baden-Badens Veranstalterinnen, die diesem tollen Programm eine Bühne bieten wollen.)

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Wie eine Deportation http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/01/wie-eine-deportation/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/01/wie-eine-deportation/#comments Mon, 27 Jan 2020 16:15:06 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15161
Auf dem Markt des Glücks

Dies ist der zweite Teil des sechsten Kapitels „Più donne che uomini“ (Mehr Frauen als Männer). Da der Anfang dieses zweiten Teils im Zusammenhang mit den letzten Abschnitten des vorhergehenden ersten Teils steht, besonders mit dem Thema „Erfahrung“, wäre es gut, diese Abschnitte vorher nochmals zu lesen.

Die folgende Erzählung sei Luisa Muraro so wichtig, meint sie, dass ihr unbedingt ein Platz eingeräumt werden müsse, falls ihre Geschichte einmal erzählt werden sollte: Sie ist gern zur Schule gegangen, weil sie unbedingt lesen und schreiben lernen wollte. Auch wollte sie vielleicht ihre Eltern mit guten Noten erfreuen. Doch auf dem Weg zur Schule war sie nie so glücklich, wie wenn sie mit ihren Brüdern zum Wildbach ging. Denn die Schule zeigte bis hin zu den Mauern und Gittern, dass sie keine Ahnung hatte von dem, was woanders geschah. Zum Glück gab es die Schulglocke. Beim Studium später läutete leider keine Glocke mehr. Alles wurde erklärt und erklärbar gemacht, wurde ausgesprochen oder sagbar gemacht. Die weitere Entwicklung war vorgegeben und ging in dieselbe Richtung – ohne Ausweg. Weil sie lernen wollte, fand Muraro sich schließlich, ohne dass sie sich dessen bewusst war, in einer körperlichen und seelischen Situation wieder, in der ihr das Recht verloren gegangen war, die Welt zu erfahren. Dies war für sie, eine Frau, ein doppelter Verlust, denn sie war angehalten worden, ihr Leben in ein Heft ohne ausgelassene oder herausgerissene Seiten zu schreiben. Diese Einstellung war ihr durch eine alljährliche schulöffentliche Zeremonie antrainiert worden, bei der die Hefte von armen Schülern und Schülerinnen, die die Hefte kostenlos bekamen, daraufhin überprüft wurden, ob alle Seiten vollständig beschrieben und keine herausgerissen worden waren, andernfalls ging ihnen diese Vergünstigung verloren.

Was Muraro hier beschreibt, sei in etwa das allgemeine Schema, nach dem die Emanzipation der Frauen und der unteren Schichten durch das Bürgertum ebenso wie durch die Sozialisten vorangebracht worden sei. Heute werde das kritisiert, aber nur, weil das Versprochene nicht erreicht wurde, nicht weil der Ansatz falsch war. Der bestand darin, dass die zu Emanzipierenden zu Subjekten eines von anderen vorgegebenen und gemessenen Fortschritts gemacht wurden, deren offen ausgesprochene und verborgene Interessen und Ideale sie sich aneignen und zum Rahmen ihrer Selbstverwirklichung machen sollten. Dabei hatten sie keine Wahl, denn es gab eine richtige Einzäunung um die Emanzipation. Der Zaun ist immer noch da, aber er wurde aufgebrochen. Vor der verspäteten und auch noch falschen Kritik gab es eine große Flucht aus dem umzäunten Gelände heraus, die Muraro spaßeshalber mit dem Titel des Animationsfilms Chicken run benennt, auch wenn diese Verwendung vielleicht nicht der Intention des Films entspricht.

Muraro überlässt es anderen, die große Flucht der unteren Klassen hin zu dem, was in der Politik „die Rechte“ genannt wird, zu kommentieren. Übrigens spricht sie von den Hühnern mit Zuneigung und Respekt, denn nach ihr und ihren Geschwistern waren diese der Herrin des Hauses, in dem Muraro aufgewachsen ist, also ihrer Mutter, die liebsten kleinen Geschöpfe. Entgegen dem Wunsch ihres Vaters zog die Mutter immer ein paar Hühner auf. Mit denen spielten die Kinder und hatten eine große Vertrautheit mit ihnen, bis hin dazu, dass sie gegessen wurden, wenn das notwendig war. 

Die Frauenbewegung, die das umzäunte Emanzipations-Gelände aufbrach, übernahm für sich den alten Begriff „Feminismus“, aber „Feminismus“ war auch einer der Namen der Einzäunung. Deshalb wehrten sich manche Feministinnen gegen diesen Begriff, da sie fanden, er sei historisch an die bloße Einforderung von Rechten im Namen der Gleichheit gebunden. Denselben Begriff für zwei Dinge gegensätzlicher Ausrichtung zu verwenden, erscheint unlogisch, und das wäre auch so, wenn „Feminismus“ eine ideologische Bezeichnung wäre, wie die Endung „-ismus“ vermuten lässt. Doch in der geschichtlichen Realität ist der Feminismus ein umkämpftes Feld, ein Kampfplatz.

Es gibt Worte, die im Widerspruch zu sich selbst stehen, wie der Begriff stásis im Griechischen, der eine „Situation der Ruhe“ meint, der aber eben auch „Unordung“, „Revolte“ und „Bewegung“ bedeuten kann. „Feminismus“ ist ebenfalls ein solches Wort. In der Literatur finden wir oft den Plural, Feminismen, um dem inneren Krieg des Wortes abzuhelfen. Doch im Gebrauch gewinnt meistens der Singular, und in dieser Form stellt der Feminismus etwas dar, das nicht verlorengehen kann und das nicht aus Büchern gelernt werden kann. Der Feminismus ist nämlich mit der lebendigen Erfahrung von unzähligen Frauen verbunden, die gegen etwas gekämpft haben, das keinen Namen hatte, und für etwas, das keinen Namen hat. Sie kämpften an jener Grenze, von der Muraro (im ersten Teil dieses Kapitels) gesprochen hat. Sie kämpften also dort, wo die Erfahrung unser Maßstab ist und wo wir an den Vermittlungen arbeiten, dort, wo die Begehren entdeckt und Worte gefunden und erfunden werden. Sie kämpften gegendas Übel ohne Namen, als Frauen geboren worden zu sein, und dafür, frei und bedingungslos Frauen sein zu können. An dieser Stelle lässt sich erahnen, wie es kommen kann, dass ein Wort sich gegen sich selbst auflehnt. Da wird mit hohem Einsatz gespielt, und die Bedeutung des Wortes „Frau“ ist ein Teil davon.

Den Vorwurf, der Feminismus gehe der Politik aus dem Weg, weist Luisa Muraro zurück. Das sei ein oberflächliches Urteil von Menschen, die dazu neigten, die Politik mit der Macht zu verwechseln. Der Feminismus sei jedenfalls vom Innersten her (wörtlich: von den Eingeweiden her) politisch.

Dass der Feminismus in Wellen auftritt und es zwischendurch immer wieder zu einem rätselhaften Vergessen kommt, erklärt Muraro sich folgendermaßen: Wenn die enge Verbindung zwischen dem „Dagegen“ und „Dafür“ nachlässt, wenn sich also diese Verbindung immer mehr auflöst und der Kampfgeist das Feld verlässt, nimmt auch die Notwendigkeit der Vermittlung ab. Zur Vermittlung gehören Forschungen einzelner und vieler, die Erfindung von Worten und die Selbstveränderung. Wenn all das nicht mehr nötig erscheint, löst sich der Feminismus auf und gerät in Vergessenheit.

Die (aus Luisa Muraros Sicht von 2009) letzte Welle, die der 1970er-Jahre, war durch die Erfindung und das Schaffen von Orten, Praktiken und Sprache gekennzeichnet, die mit dem männlichen Universalismus brachen. Dadurch konnten die feministischen Ideen aus dem Austausch von Frauen über ihr Leben herausgearbeitet und schließlich praktisch universell werden, so dass das Menschsein aller Frauen in der Einzigartigkeit jeder Einzelnen aufscheinen konnte.

Die aus den Erzählungen und dem Leben von Frauen in Fleisch und Blut herausdestillierte Idee des Feminismus besteht darin, sich dafür einzusetzen, dass eine Frau frei sein soll in dem, was sie für sich selbst ist. Nicht das, was sie ist, abgesehen von etwas, aus Zugehörigkeit zu etwas, im Hinblick auf etwas. Und auch nicht das, was sie aufgrund von Gesetzen, Rechten, Befugnissen oder Fähigkeiten ist. All dies kann hilfreich sein, aber letztendlich taugt nichts davon, wenn es nicht bei ihr ankommt als etwas, an dem sie mit allen Sinnen ihre Freude haben kann. Wenn es eine politische Bewegung gibt, heißt das, dass diese durch die einzelne Frau hindurchgehen und ihre eigene Erfahrung bereichern muss, so dass sie aus sich selbst heraus mit der Welt in Verbindung ist. Alles andere hat wenig oder keine Bedeutung.

Hier haben wir es nicht wie in der uns bekannten Geschichte mit dem Konflikt zwischen Einzelinteresse und Idealvorstellung zu tun. Der Konflikt besteht zwischen dem Empfinden und Erleben und der Objektivität. In der Politik der Frauen kommt die angestrebte Veränderung nicht durch das Erreichen von diesem oder jenem Ziel, und keine der Vermittlungen, die eingesetzt werden, darf zu einem solchen Ziel, einer Zugehörigkeit, einer Identität, einer Pflicht oder einem Ideal werden, ohne dass ein unheilbarer Verlust entsteht, denn dadurch würde die Bewegung hin zu sich selbst aufgehalten und gehemmt, und etwas für sie Wesentliches würde verhindert werden. Es geht also um die Frage nach etwas, das Muraro zunächst einmal Freude und Genuss nennen will.

An dieser Stelle hilft Muraro das, was sie aus ihrer Erforschung weiblicher Mystik und deren Beziehung zu den Institutionen gelernt hat, die unter den Begriffen „Religion“ und „Kirche“ zusammengefasst werden. Auch die Worte der Psychoanalytikerin Manuela Fraire findet sie erhellend: „Das Wichtige ist nicht das Begehren nach etwas, sondern wichtig ist die Beziehung dazu sowie die Selbstveränderung, die durch das Begehren in Bewegung gesetzt wird.“ (zit. n. Muraro, S. 92). 

In Bezug auf die politische Geschichte der Männer ist das eine große Differenz, durch die der neue Feminismus sicher schwer zu verstehen und politisch nicht zu fassen ist, besonders für die Progressiven. Denn um verstanden zu werden, müssten wir Ziele nennen, konkret angestrebte Wünsche oder Wissensziele, wir müssten die Mittel von unseren Absichten unterscheiden und unsere Fernziele angeben können. Aber wir haben diese Ziele nicht, wir kennen sie nicht und wir wollen sie nicht ausformulieren. Es gibt an dieser Stelle ein Ausweichen, das den Frauen als Unrecht ausgelegt und das nicht als Differenz erkannt wird. Man will nicht verstehen, dass „die Frauen“ nicht um jeden Preis den Fortschritt wollen, denn um den Preis, dass sie dabei nicht zu sich selbst zurückkehren könnten, wäre das eine Deportation. Die weibliche Subjektivität strebt nicht nach Vergegenständlichung, sondern bevorzugt das unaufhörliche Hin und Her zwischen innen und außen, das manchmal wie der Versuch erscheint, eine sich erweiternde Umlaufbahn zu erschaffen, die in der Lage ist, die ganze Welt zu umarmen. „Mein Ziel ist: ich will alles“, erklärte eine Frau, die zum Thema „Mutterschaft und Erwerbsarbeit“ interviewt wurde. Und Muraro hört in dieser Aussage trotz des völlig anderen Kontextes die Stimme der „kleinen“ Thérèse Martin (der Heiligen Thérèse von Lisieux), die, als sie etwas für sich auswählen sollte, gerufen haben soll: „Ich wähle alles!“ (zit. n. Muraro, S. 93).

Es gibt etwas Unverzichtbares in dem verborgenen Bedürfnis, ohne die Trennungen zwischen Öffentlichem und Privatem, innerem Leben und Welt zu sich selbst zurückzukehren, das vieles im weiblichen Handeln charakterisiert. Der Feminismus hat das in eine politische Form gebracht. Die traditionelle politische Kultur, vor allem die progressive, konnte dies nicht erkennen oder gar anerkennen.

Vielleicht wurde noch nicht genug über das Anfangsgeschehen nachgedacht, das die letzte Welle des Feminismus auslöste: Dass Frauen sich entschieden, sich aus der Gemeinschaft mit Männern zu separieren. Das geschah nicht aus Feindseligkeit ihnen gegenüber und auch nicht aus Protest gegen die weiterhin bestehende Ungleichheit, sondern um einen Fortschritt zu unterbrechen, der eine Deportation war. Bei einer großen nationalen Konferenz in den USA mit dem Titel „Students for a Democratic Society“ verließen 1966 Frauen erstmals einen gemischten Workshop zur Frauenfrage, um sich allein zu treffen. Diese zukünftigen Protagonistinnen der Frauenbewegung, die bis dahin mit männlichen Gleichaltrigen zusammen aufgewachsen waren und Räume und Chancen geteilt hatten, entschieden sich im Weiteren dafür, autonome Frauenräume zu schaffen oder wiederzubeleben, in denen ein anderer Bezug zwischen Privatem und Öffentlichem, zwischen Persönlichem und Politischem möglich wurde. (Muraro zitiert hier, S. 93, die Historikerin Elda Guerra). Dass das Thema des Workshops die Frauenfrage war, könnte als Auslöser gewirkt haben.

Diese Geste, sich symbolisch aus der Gemeinschaft mit den Männern zu separieren, die sich fast überall auf der Welt und in unterschiedlichsten Kontexten unzählige Male wiederholte, wurde falsch interpretiert. Es wurde behauptet, sie richte sich gegen die Männer, um wie Männer zu werden. Diese Karikatur der Feministinnen wurde in den Kampf um den Feminismus eingebracht. Muraro zufolge „hatte sie den Vorteil, bösartig, unkompliziert und naheliegend zu sein. Man konnte sie nicht loswerden, ohne zu kämpfen“ (S. 94).

Der Feminismus hielt den Prozess der Emanzipation an, um eine solche Deportation zu unterbrechen, wie Muraro sie in Bezug auf ihre Schullaufbahn beschrieben hat. Er erfand politische Vermittlungen, die dazu geeignet sind, den Weg für die einzelne Frau offen zu halten oder zu eröffnen, die ihr erlaubt, zu sich selbst zurückzukehren, so dass das kleine Mädchen, das sie einmal war, sie wiedererkennen kann. Wie Muraro schon an anderer Stelle schrieb, braucht die Erfahrung Vermittlungen, um bewahrt zu werden. Aber durch Vermittlungen, die ihren Platz einnehmen und uns die Erfahrung nicht mehr zurückgeben, uns persönlich, geht die Erfahrung verloren, und wir werden immer weiter von ihr weggeführt. Bei jenen Vermittlungen kann es sich um Politik, Wissenschaft oder Religion handeln. Muraro zufolge wäre es besser, als solche konventionellen Begriffe zu verwenden, von den konkreten Verhaltensweisen, Gefühlen, Entscheidungen und Begegnungen zu erzählen, so wie Frauen das oft tun.

Der feministische Schritt zur Seite, der sich mit dem Ereignis von 1966 ankündigte, bewirkte nach und nach, dass die historische Distanz zwischen der Erfahrung der Frauen und der der Männer entdeckt werden konnte. Und überraschenderweise erkannten sich viele, ja sehr viele Frauen sofort in jener Erfahrung wieder, nahmen ihre politische Natur wahr und gestalteten daraus ihre Politik. Dabei eröffnete sich schließlich ein Markt, ein Markt im umfassenden Wortsinne, auf dem alles gehandelt werden konnte, auch die Erfahrung, die bis dahin im Inneren verschlossen geblieben oder ins Private verbannt worden war. 

In der Bewegung von 1968 wurde zwar ebenfalls erkannt, dass für eine wahre Revolution die Verbindung von Makro- und Mikrosozialem und von innerer und äußerer Realität notwendig sei. Für Frauen ist das jedoch eine unverzichtbare Notwendigkeit. Deshalb drängen sie eben nicht nur darauf, die Geschlechterhierarchie zu verändern, sondern die Paradigmen umzukehren, die die Asymmetrie der Geschlechter falsch interpretiert haben. Das heißt, aus dem Spiel der Spiegelungen auszusteigen und tatsächliche Beziehungen zu einem Anderen möglich zu machen. Ginge es nicht darum, wäre das Hervorholen der Geschlechterdifferenz tatsächlich etwas Veraltetes und Nutzloses. Denn, wie die Frauen des Mailänder Buchladens in einer ihrer Flugschriften, dem „Sottosopra blu“, schrieben, „es ist nicht möglich, der Geschlechterdifferenz Bedeutung zu geben, ohne das Bestehende zu überschreiten und zu unterlaufen“ (zit. n. Muraro, S. 95).

Für Feministinnen war es immer schon sehr wichtig, zwischen „Frau“ und „Mutter“ zu unterscheiden und das wertzuschätzen, was eine Frau für sich allein ist. Trotzdem hatte auch die mütterliche Beziehung große Bedeutung, aber als nicht-patriarchale Beziehung einer Frau zu ihrer Mutter und als Möglichkeit, selbst Mutter zu werden. Italienische Feministinnen formulierten das so: „Eine Frau ist nicht Mutter, sie kann es werden, aber nie ganz“ (S. 96). Luisa Muraro fügte dem Folgendes hinzu: „Mit demselben Geschlecht wie die Mutter geboren zu werden, ist ein Privileg, aus dem ein weibliches „Mehr“ hervorgeht“ (ebd.). Ein äußerst paradoxes Privileg, mit dem Muraro der imposanten Offensichtlichkeit der Nachteile, in patriarchalen Gesellschaften Frau zu sein, den Fehdehandschuh entgegenwerfen wollte. (Muraro hat diesen Gedanken in ihrem ein Jahr später veröffentlichten und gerade erst auf Deutsch erschienenen Buch „Vom Glück, eine Frau zu sein“, weiter ausgeführt).

Als weniger eindrücklich, aber viel heimtückischer erwies sich jedoch ein anderer Einwand, den Muraro gern zum Schweigen gebracht hätte. Dieser kam aus den Biographien vieler, ja sehr vieler Frauen, in denen von schwierigen, sogar quälenden Beziehungen zwischen Müttern und Töchtern die Rede ist. Diese Beziehungen wirken sich oft auch auf das Zusammenleben unter Frauen generell schwächend aus. Die Bedeutung dieses Aspekts der Tochter-Mutter-Beziehung beginnt gerade erst in der Literatur und im Bewusstsein von Frauen anzukommen. Es geht dabei um eine oft konfuse und falsch verstandene heimliche Auseinandersetzung zwischen einer Frau und etwas anderem in ihr, der mütterlichen Macht, die sich in der Frau, die sie zur Welt brachte, inkarniert hatte. Diese Auseinandersetzung findet in jeder Frau und außerhalb von ihr statt. Jede einzelne Frau muss zuallererst ihre persönliche Autonomie gewinnen, bevor sie selbst Mutter wird und sich damit ins mütterliche Kontinuum einschreibt. Eine Frau wird jedoch nicht zur Mutter, indem sie die Mutter (in sich und im Außen) tötet und ihren Platz einnimmt.

Die mütterliche Beziehung ist durch ein mehrfaches Ungleichgewicht gekennzeichnet (der Kräfte, der Reife, der Macht, letztlich von allem), das kein Gesetz kennt. Und das ist wörtlich zu nehmen. Es bedeutet nicht nur, dass Mütter mit ihren Kindern machen können, was sie wollen, dass sie gar nicht anders können, als das zu tun, was ihnen richtig erscheint. Und dabei erfüllen sie recht oder schlecht – mehr recht als schlecht – ihre Aufgabe, gleichzeitig Leben und Sprache weiterzugeben. Weil die mütterliche Macht ohne jede Norm ist, sprechen manche von der Gewalt, die menschliche Wesen erleiden, wenn sie zur Welt kommen und das Sprechen lernen, wegen dem Ungleichgewicht der beteiligten Kräfte und der Willkürlichkeit der Kultur, in die sie hineingeboren werden. Dabei wird jedoch übersehen, dass es eine erworbene Fähigkeit gibt, mit jener uneingeschränkten Macht zurecht zu kommen, die mit der Mutterschaft verbunden ist, eine Fähigkeit, mit der die meisten Frauen ausgestattet sind, wenn sie Mütter werden. Das Neugeborene ist nicht allein und wehrlos gegen die mütterliche Macht, übrigens auch nicht gegen die Willkür der jeweiligen Sprache, denn in der Auseinandersetzung sind Mutter und Kind zu zweit und helfen sich gegenseitig, so gut sie können. Dabei ist natürlich nichts garantiert, denn sie befinden sich in einem Reich, in dem Zufall, Notwendigkeit und Liebe heftig gegeneinander kämpfen. 

Es steht bis jetzt noch nicht in den Büchern, dass die mütterliche Macht, die nicht auf Ethik und Recht reduzierbar ist, sich auf diesem Weg trotzdem in eine Grundlage der Zivilisation verwandelt, die sich dem guten Zusammenleben der Menschen zur Verfügung stellt. Dies gelingt mithilfe der Fähigkeit von bestimmten Menschen, mehr Frauen als Männern, um sich herum Ordnung zu schaffen, ohne auf das Gesetz oder auf Machtmittel zurückzugreifen.

Link zum Beginn der Serie

Link zum nächsten Kapitel

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Mit Frau Holle ins Neue Jahr http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/01/mit-frau-holle-ins-neue-jahr/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/01/mit-frau-holle-ins-neue-jahr/#comments Sun, 19 Jan 2020 14:55:25 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15137
Göttinnenaltar zum Morgenritual.
Foto: Susanne Schumacher

Es ist schon eine liebe Tradition geworden, während der Zeit der Rauhnächte mit der Akademie Polythea das Hollefest zu feiern. Das erste Fest fand im Januar 2012 bei den Helfensteinen in der Nähe von Kassel statt. Und dann ging es jährlich an wechselnden Orten weiter. Holle ist die Große Göttin unserer Landstriche und unserer Kultur, die immer noch vernachlässigt wird, auch wenn über das Märchen von Frau Holle die meisten zumindest ihren Namen schon gehört haben. Manche wissen auch, dass ihre Pflanze, der Holunder, besonders zu ehren ist. Die Männer zogen früher vor dem Hollerbusch den Hut. Man darf ihn nicht einfach ausreißen, wenn er sich wo angesiedelt hat.

Die Rauhnächte sind eine besondere Zeit. Sie dauern von der Wintersonnenwende bis zum 6. Januar, dem früheren heiligen Fest der Göttin Holle. Der 5. Januar wurde Altjahresabend genannt. In dieser Nacht brachte die Holle traditionell – mit Glöckchengeläut – Geschenke zu den Menschen.  Rein rechnerisch handelt es sich um den Ausgleich zwischen Sonnen- und Mondjahr. Bestenfalls wird daraus eine Zeit der Ruhe, der Besinnung und des Orakelns. Die Träume sind besonders luzide in dieser Zeit, so heißt es, die Schleier zwischen den Welten dünn. Eine kann Vorschau auf das ganze Jahr halten: jede Nacht steht für einen Monat.

Ich bin keine besonders intensive Träumerin, doch zu Beginn dieser Zeit hatte ich einen Traum, der sich mit der Schöpferinnenkraft der Frauen und gleichzeitig mit dem Problem ihres Ausschlusses beschäftigte: ich nahm als Zuschauerin an einer Aufführung teil, deren Choreographie nach dem Vorbild des werdenden Lebens, des Geschehens im Mutterleib gestaltet war. Mit dem Unterschied, dass es sich nicht nur um ein Kind handelte, sondern es viele waren, eine ganze Welt. Was für ein wundervoll bewegender Fruchtwassertanz, ein harmonisches Zusammenspiel für das Wachsen und Werden. Doch später stellte sich heraus, dass schwangere Frauen im Publikum nicht zugelassen waren. Die Aufführung dauere angeblich zu lange und das sei zu anstrengend für sie.

Ist das nicht sinnbildlich für unsere Welt? Ein wesentlicher Teil, alles menschliche Leben ist aus uns Frauen entstanden. Doch immer noch werden wir mit faulen Ausreden ausgeschlossen. Und wenn wir nicht herausgehalten werden, dann wird als Preis häufig die Anpassung an veraltete patriarchale Strukturen gefordert. Ich nehme wahr, dass sich viel geändert hat, doch die alten Muster sitzen tief. Dieser Traum regte mich an, die Rauhnächte in diesem Jahr unter das Motto der Verwirklichung von Frauenkraft und Frauenmacht zu stellen. Damit dies gelingt, braucht es das Zusammenwirken mit anderen Frauen. Ich gebe zu, dass mir das manchmal ein bisschen lästig ist. Zum Wirken brauche ich auch Ruhe und Alleinsein, Rückzug und Schweigen. Doch ebenso wichtig sind Austausch, Kontakt, Inspiration. Also meldete ich mich zum Hollefest an.

Diesmal waren wir eine Gruppe von etwa zwanzig Frauen. Vera Zingsem ist die Begründerin und somit Kopf und Herz von Polythea. Das Fest eröffnete sie mit ihrer Pfeife, mit der sie Himmel und Erde verbindet, die Kräfte und die Richtungen anruft, und auch wir gaben unsere Themen und Wünsche in den Kreis. Danach legten wir aus den Köstlichkeiten des Jahres ein Despacho zu Ehren der Holle, das wegen seines Aussehens mittlerweile auch „Hollepizza“ genannt wird. Später wurde es feierlich verbrannt.

Während des Frau-Holle-Festes leitete Vera Zingsem immer wieder Kreistänze an und erzählte Geschichten aus der nordischen Mythologie, die zur Jahreszeit passen. Aufgrund unserer deutschen Vergangenheit ist es etwas schwierig, sich mit dieser Tradition zu befassen. Doch wir haben beispielsweise erfahren, dass der legendäre Hammer des Thor weniger Kriegsgerät ist als vielmehr Eispickel, um die Vegetation für den Frühling zu befreien. Noch spannender sind all die mächtigen Frauengestalten, allen voran natürlich die weiße Holle, doch wir hören auch von Freya, Iduna, Gerda und vielen anderen mehr. Die nordische Tradition kennt viele starke Frauen und die meisten von ihnen leben sogar in glücklichen Beziehungen.

Im Verlauf des Tages mischten sich Tänze, Rituale, Meditation, Vorträge und sogar Handarbeit. In diesem Jahr wurden wir in die alte Kunst des Nadelbindens eingewiesen. Das ist eine lange Zeit ins Vergessen geratene Kunst, Wolle zu verarbeiten, die viel älter ist als das Stricken. Funde zeigen nadelgebundene Stücke, die tausende von Jahre alt sind. In der Morgensequenz begegnete mir ein Bild aus meinem Traum als eine Darstellung der mit der Welt schwangeren Göttin Gaia. Auch, gemeinsam über Unterschied und Verbindung von Wirklichkeit und Realität nachzudenken, war anregend. Was sind das für Kräfte, mit denen wir es zu tun haben, wurde in einem Vortrag aus der Erfahrung des Umgangs mit der Geomantie gefragt. Für Rituale, jedweden Umgang mit Energien gilt ähnliches. Ich musste zwar zuerst über den Schatten meiner Univergangenheit springen, die sich mit der Frage meldete: haben wir das im Seminar nicht schon tausendmal diskutiert, doch dann tat es gut, mit den Begriffen unvoreingenommen spielen zu können.

Ich liebe Frauenkreise, in denen wir uns einigermaßen frei von Geschlechterstereotypen erforschen und einander bestärken können. Doch zu Polythea gehört zentral der Begriff der Vielfalt, und so passt es, dass der Kreis auch für Männer offen ist, falls sich welche trauen mitzumachen. Unter all den wundervollen, in sich vielfältigen und auf ihre je eigene Weise weisen Frauen fanden sich auch drei Männer: ein Teilnehmer, ein Referent und der väterliche Betreuer eines kleinen Mädchens. Was diesen Austausch zwischen Männern und Frauen betrifft, stecken wir beim allerbesten Willen tatsächlich noch in den Kinderschuhen. Und wenn ich auch gestehen muss, dass ich es nicht immer angenehm finde, so halte ich es doch für lehrreich und wichtig, die Kommunikation zwischen den Geschlechtern immer wieder zu wagen, und, so lange es nicht allzuviel Raum einnimmt, genau hinzuschauen, was für eine Dynamik sich entfaltet.

Der zweite Abend war dem Jul-Eber-Ritual gewidmet. Wie die alten German*innen legten wir auf dieses machtvolle Tier unseren Schwur ab, was uns das Neue Jahr bringen soll. Zusätzlich gab jede auf einem Kärtchen einen Wunsch in die Runde, den sich eine andere zog, und der dann laut vorgelesen wurde. Inzwischen hat sich für die Mitte schon eine ganze Schar von mehr oder weniger wilden Schweinen angesammelt. Immer noch sagen wir „Schwein gehabt“ und das Glücksschwein zu Silvester ist weit verbreitet. Doch woher das kommt, wissen die wenigsten. Über die alte Schweinegöttin habe ich vor Jahren zum ersten Mal bei Jutta Voss gelesen. Vera Zingsem erzählte von Freyas Eber Hildeswin und von Gullinbursti, dem Goldborstigen, und stellte vielfache Verbindungen her.

Das alles geschah mit reichlich Humor und keine der Geschichten soll die alleinseligmachende sein, ‚poly‘ eben, so wie Polythea. Dass Vera Zingsem seit Erscheinen ihres Buches über die Göttinnen der großen Kulturen „Der Himmel ist mein, die Erde ist mein“ eine Kapazität in Sachen Mythologie der Göttinnen ist, will auch noch gesagt werden. Das Hollefest gibt es allerdings erst, seit sie den Mut hatte, sich in einem späteren Buch ausdrücklich mit dem „Charme der germanischen Göttermythen“ zu befassen. Für mich war es ein kraftvoller Start ins Neue Jahr. Zuhause empfing mich dann die Nachricht, dass Lisa Kuttner und ich nach fünf Jahren Pause wieder eine Jahreskreisgruppe in unserer Akademie „Sapphos Garten“ beginnen können. Ein Jahr der Frauenkraft, das kündigte doch bereits mein Traum an!

Mehr Infos:

Polythea

Die neue Jahreskreisgruppe in Würzburg ist offen für Teilnehmerinnen. Sie findet im TANZRAUM statt. Fragen dazu bitte an Bettina Schmitz.

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Liebe zur Arbeit der Frauen: Die Museumskuratorin Elisabeth von Dücker http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/01/liebe-zur-arbeit-der-frauen-die-museumskuratorin-elisabeth-von-duecker/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/01/liebe-zur-arbeit-der-frauen-die-museumskuratorin-elisabeth-von-duecker/#comments Thu, 16 Jan 2020 11:03:42 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15103 Von der Frauenbewegung im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts kennen wir einige wenige Gesichter, die sich die Medien herausgepickt haben und immer wieder hervorholen. Doch ohne die vielen weniger prominenten Frauen, die es auch noch gegeben hat, wäre der große Erfolg der Frauenbewegung nicht möglich gewesen. In einer kleinen Serie möchten wir auf bzw-weiterdenken über einige von diesen Frauen erzählen. Wie sind sie zu ihrem frauenpolitischen Engagement gekommen, was machen sie heute?

Wir freuen uns übrigens über Artikel oder Vorschläge zu weiteren Frauen, deren Leben wir hier vorstellen können.

Porträt von Elisabeth von Dücker
Elisabeth von Dücker

Bei Hamburger Schmuddelwetter laufe ich den Elbhang hinunter von der Bushaltestelle zum Gebäude Altonaer Seemannsmission in unmittelbarer Nähe des Hafens. Lissi – so wird sie von Freundinnen, Kolleginnen und Mitstreiterinnen genannt – hat es als Treffpunkt für unser Gespräch vorgeschlagen. Klingt merkwürdig bei einer Frau, die immer wieder den Fokus auf die Arbeitsplätze von Frauen gelegt hat. Schon auf dem Weg dorthin muss ich mehrmals den Fotoapparat zur Hand nehmen. Denn immer wieder leuchten mir die farbenfrohen Wandgemälde der FrauenFreiluftGalerie Hamburg entgegen. Das ist ein lebendiges Langzeitprojekt, das auf die Initiative von Elisabeth von Dücker hin 1994 ins Leben gerufen wurde und sich seitdem immer wieder verändert und weiterentwickelt hat. „Wir wollten und wollen die Arbeitswelt von Frauen im Hamburger Hafen sichtbar machen“, berichtet Lissi. Dafür nutzen sie und ihre Malerin-Kollegin Hildegund Schuster die grauen Flächen alter Gebäude oder Mauern von Treppenanlagen.

Wenn nicht anders angegeben alle Fotos von Juliane Brumberg, hier auf dem Weg den Elbhang hinunter.

Sie zeigen darauf zum Beispiel auch noch die Fischarbeiterin aus Portugal, die Fahrerin eines Gabelstaplers im Containerhafen, die Kaffeeverleserinnen, die beim großen Hamburger Hafenstreik 1896 neben höheren Löhnen auch erstritten haben, dass das Verbot von Singen und Reden am Arbeitsplatz aufgehoben wurde – und auch die Zwangsarbeiterinnen, die 1944 unter unmenschlichen Bedingungen die Trümmer der Bombenangriffe im Hafengebiet beseitigen mussten. „Wir wollen eine andere Erzählung des Hamburger Hafens anbieten. Mit unseren Gemälden rückt die Vielfalt der von Frauen getätigten Jobs in den Blick. Der Hafen galt und gilt bis heute als Männerdomäne. Jedoch ohne die Frauen läuft hier nichts rund“, erklärt Lissi.

Foto: FrauenFreiluftgalerie Hamburg
Hildegund Schuster (links) und Elisabeth von Dücker bei der Vorstellung eines neuen Wandbildes im Jahr 2012. Foto: Frauenfreiluftgalerie Hamburg

Hildegund und ich haben in unserem ‚two-ladies-project´ eine Art Arbeitsteilung; hauptsächlich ist sie für die künstlerische Gestaltung der Wandgemälde zuständig. Und alles, was nicht mit dem Malen zu tun hat, mache ich, also die kuratorische Tätigkeit: Neben Kommunikation und Pressearbeit sind das zentral die Recherchen zu den Hafenjobs, die Interviews mit den Hafenfrauen, quasi unsere lebenden Quellen. Wir führen Gespräche nach der ‚oral-history-Methode‘. Häufig im Arbeitsambiente. Und falls das ungünstig ist, auch mal am Küchentisch der Interviewpartnerin. Die meisten Frauen freuen sich, dass da mal nachgefragt wird, ob wirklich nur Männer im Hafen arbeiten; so dekonstruieren wir vermeintliche  Gewissheiten oder langlebige Stereotypien. Und immer gibt es die Frage, wie sich die Arbeit im Hafen mit der Familien-Arbeit, den vielfältigen, meist als Frauensache angesehenen Sorge- und Care-Tätigkeiten unter einen Hut bringen lässt, oder nach Themen, die sich nur schwer visuell darstellen lassen wie Heimweh, Verliebt-Sein oder Lärmbelastung beim Job“.

Lissi spricht von sich selbst als Long-Runnerin: „Wenn Du erst mal Feuer gefangen hast, gehen die Projekte immer weiter. Ich habe so viel erfahren dürfen, aber ich hadere noch, ob ich es schaffe, ein Buch aus dem zu machen, womit die Frauen uns beschenkt haben. Bislang steckt das in diesem zwei Kilometer langen Spaziergang entlang der Wandbilder vom Holzhafen bis nach Övelgönne – und im Internet.“ Der Internetauftritt ist tatsächlich eine Fundgrube. Sehr genau werden da die einzelnen Bilder, ihre Entstehung und ihre aktuellen und historischen Hintergründe beschrieben. Beeindruckend auch die Quellenangaben, der Pressespiegel und der Hinweis auf die Dokumentationen sowie Film- und Buchprojekte, in denen die FrauenFreiluftGalerie vorgestellt wird. Denn auch wenn Lissis eigenes Buch noch wartet, andere haben sehr wohl darüber geschrieben.

Mit dem bloßen Anfertigen der Wandbilder ist es nicht getan. Nach einigen Jahren müssen sie ausgebessert werden, dafür wird Geld gebraucht. Oder Häuser werden abgerissen und damit gehen auch die Wandgemälde verloren. „Durch die moderne Fassadengestaltung aus Glas und Metall ist es mittlerweile fast schwieriger, Wände zu finden als die Finanzakquise zu organisieren“. Sie freut sich sehr, dass „neben privaten Sponsoren und der Kulturbehörde mittlerweile der Bezirk Altona auch die Restaurierung finanziell unterstützt.“ Und: „So ein autonomes Non-Profit-Projekt einer open-air-Galerie zur hafenbezogenen Frauenarbeit findest du in der ganzen Republik nicht noch einmal. Getreu dem feministischen Ansatz nehmen wir uns Raum in der Stadt und an gesellschaftlich genutzten Orten, tun Aufklärungs-,  Vermittlungsarbeit.“ Diese geschieht durch Führungen oder Lesungen mit zündenden Aussprüchen aus den Interviews, organisiert und durchgeführt von Dr. Elisabeth von Dücker persönlich.

Beim genauen Hinsehen fällt auf: Die bislang 15 Gemälde der open-air-Galerie tragen künstlerisch unterschiedliche Handschriften. Denn neben Malerinnen aus Hamburg waren auch Künstlerinnen aus London, New York und aus Argentinien am Werk.  Andere Stilrichtungen und Blickweisen bringen somit Vielfalt ins Projekt. Bevor ich die Frage stellen kann, greift Lissi sie selber auf: „Was ist das Feministische an dem Wandbildprojekt? Wir meinen: Es sind nicht Bilder über die, sondern mit den Zeitzeuginnen, aus dezentraler Perspektive, partizipatorisch, emanzipatorisch. Eben Bilder, die den Stereotypen zuwiderlaufen.“

Begeisterung für das Museum

Wer ist nun diese Frau, die so voller Ideen steckt? Als allererstes ist sie eine leidenschaftliche Museumsfrau. „Nach einem Museumspraktikum während des Studiums war sofort klar: „Ich will ins Museum!“ Geboren wurde sie kurz nach dem Krieg, 1946, und hat, bedingt durch den Beruf ihres Vaters, eine unruhige Schulkarriere „einmal durch die Republik“ hinter sich und dabei acht verschiedene Schulen besucht. „Dadurch habe ich wohl gelernt, mich auf neue Situationen einzustellen.“ Studiert hat sie, zunächst in West-Berlin und Frankfurt/Main, „mein Lieblingsfach Kunstgeschichte“, seinerzeit als Studiengang für ‚höhere Töchter‘ bekannt, sowie Volkskunde und Klassische Archäologie. Zwischendrin absolvierte sie noch eine Buchhändlerinnen-Ausbildung mit Kaufmannsgehilfenbrief. „Das wähnte ich als ein gewisses finanzielles Standbein.“ 1970 hat sie in Hamburg eine Heimat gefunden, „der Liebe wegen“, schloss dort ihr Studium ab und legt Wert darauf, dass sie seitdem Wahl-Altonaerin ist. Das hängt sicherlich auch damit zusammen, dass sie 1975 ein wissenschaftliches Volontariat am Altonaer Museum begann. Altona war bis zur Eingemeindung nach Hamburg 1938 eine zu Dänemark gehörende selbstständige Großstadt und hat deshalb auch eine ganz eigene Geschichte.

Das Altonaer Museum war für die junge, engagierte Kunsthistorikerin der richtige Ort zur richtigen Zeit. „Stadtgeschichte ist eine wunderbare Sache. Vor allem in einem solchen Viel-Sparten-Museum mit umfangreicher kulturgeschichtlicher Palette. Hier lag die Idee, Stadtgeschichte von unten zu versuchen, quasi auf dem Pflaster des Quartiers, in dem das Museum beheimatet ist.“ Noch als Volontärin entwarf sie das Konzept zu einer großen Ottensen-Ausstellung. Immer noch begeistert erzählt sie: „Ende der 1970er Jahre gab es in dem zu Altona gehörenden ehemaligen Industriequartier Ottensen eine bunte Mischung von Alteingesessenen, Handwerksbetrieben, Industriearbeiterschaft und ‚Gastarbeiter_innen´. Mit seinen historischen Industriebauten entwickelte es sich zu einem brodelnden Meltingpott-Stadtteil. Es gab in den 1970/80ern an die 100 Bürgerinitiativen sowie alle Schattierungen von Friedens-, Frauen- und politischen Bewegungen. Anliegen der Ausstellung war es, Ottensens Geschichte vom Dorf zur Industriestadt und als Migrationsort zu erzählen, und zwar in enger Kooperation mit den Menschen, den Akteur_innen vor Ort. In diesem Rahmen wurde 1980 Hamburgs erste Geschichtswerkstatt, das Stadtteilarchiv Ottensen, gegründet, beflügelt von unserer Ausstellungsgruppe. So kam ein Mitspieler als eine autonome Partnerorganisation für das Ausstellungsprojekt im Museum hinzu, übrigens durchaus kritisch beäugt von der damaligen Museumsleitung, galt diese Methode zu jener Zeit als eher unüblich. Die Anwohner_innen waren aufgerufen, sich mit Fotos, Dokumenten und Erinnerungen an der Ausstellung zu beteiligen. Die Geschichtswerkstatt diente damals als Anlaufstelle ohne Hemmschwelle für die persönlichen Erinnerungsstücke.“ Idee und Umsetzung waren museales Neuland: Alltagsgeschichte eines Quartiers unter Beteiligung der Anwohnerschaft. 1982 eröffnet, war sie mit über 70 000 Besucherinnen ein Publikumsrenner. Ganz Museumsfrau, hebt sie hervor: „Außerdem gewann das Haus einen Zuwachs an Sammlungsstücken aus gut 100 Jahren Arbeits- und Alltagsleben im proletarisch geprägten Ottensen. Und neue Freunde.“ Und: die Kuratorin Elisabeth von Dücker durfte im Museum bleiben – festangestellt.

Feministische Fragestellungen ins Museum transferiert

In diese Zeit fallen auch die Anfänge ihrer Politisierung, die schon um 1975 begann, „als ich gegen den frauenfeindlichen § 218 auf die Straße ging und mich einer Frauengruppe anschloss. Und auf der grünen Frauenliste bei der Rathauswahl kandidierte. Doch schon vorher hatte ich Augen und Ohren offen, nicht zuletzt durch meine Promotion über Thomas Theodor Heine, einen der Gründer der Münchner Karikaturenzeitschrift ‚Simplicissimus‘, der nicht nur die wilhelminische Politik und das deutsche Spießertum kritisierte, sondern sich auch in seiner Malerei ironisch mit den Geschlechterverhältnissen beschäftigt hat.“ Die feministischen Fragestellungen nahm Elisabeth von Dücker mit in die Museumsarbeit, kuratierte am Altonaer Museum weitere Ausstellungen und wurde dort Abteilungsleiterin. „In den Jahren lernte ich Museum von der Pieke auf.“

Was ihr nicht gelang, war jedoch, die neuen Methoden der oral history mit dem Blick auf Klasse, Gender, Ethnie und Generation dauerhaft am Altonaer Museum zu etablieren. Insofern reizte sie eine neue Herausforderung: Das in der Gründungsphase befindliche Museum der Arbeit in Hamburg-Barmbek. 1986 wechselte sie als Museumswissenschaftlerin in ein Museum, das noch gar nicht bestand. „Das war eine eher diffizile Sache. Die endgültige Museumseröffnung in dem Gebäude einer ehemaligen Gummiwaren-Company zog sich aus politischen und finanziellen Gründen bis 1997 hin. Konzepte für ein auf Partizipativität ausgerichtetes sozialgeschichtliches Museum mit zu erarbeiten, Sammlungen anlegen, Dauerausstellungen konzipieren und bestücken, einen Museumsalltag organisieren. Und gleichzeitig erschien uns die Anschubfinanzierung für eine Kulturgeschichte von Arbeit eher mager.“

Elisabeth von Dücker war zuständig für den Bereich Alltags- und Frauengeschichte und den ehrenamtlich tätigen ‚Arbeitskreis Frauen im Museum‘. „Dieser Arbeitskreis war für mich wie für das entstehende Museum eine wichtige Ressource mit einer politischen Komponente, war doch der Grundtenor dezidiert frauenbewegt und feministisch. Hauptmotiv war, die Konzeption des Museums mitzubestimmen, da es nicht nur ein Museum der männlichen Arbeiter werden sollte. Die Debatten drehten sich um die Erweiterung des traditionellen Arbeitsbegriffs, um die unbezahlte, gesellschaftlich wenig gewertete Hausarbeit, um Geschlechterrollen und Sammlungsstrategien.“ Und dann holt Lissi noch ein bisschen weiter aus und erklärt den theoretischen Hintergrund ihrer Tätigkeit in der Museumslandschaft: „Die Konfliktlinie hieß damals: Autonomie versus Integration, also autonomes Frauenmuseum gegenüber der Integration von Frauen- und Geschlechterperspektiven in bestehende Häuser. Mich haben der Mut und die Vielfalt fasziniert, wie das Begehren der Frauen nach Repräsentanz im Museum formuliert und strategisch durchgesetzt werden könnte. Mir persönlich war klar, dass mein Weg derjenige durch die Institutionen war, mit dem Anliegen, versuchsweise die Grenzen der Institution zu verschieben. Dazu gehörte auch die wichtige Forderung, die im Arbeitskreis Frauen entstanden war: eine Quotierung der Quadratmeter. Das meinte, nicht nur eine ‚Frauenecke‘ im Museum, sondern mindestens die Hälfte für Frauen- und Geschlechtergeschichte.“ Das gelang zwar nicht, aber immerhin wurde mit der Eröffnung des Museums der Arbeit im Jahr 1997 auch die Dauerausstellung ‚Frauen und Männer – Arbeitswelten und Bilderwelten‘ im Museum der Arbeit auf 400 qm installiert. In einem wissenschaftlichen Aufsatz erläutert Elisabeth von Dücker: „Ich und das Team haben den Versuch unternommen, die Befunde in den Arbeits- und Geschlechterverhältnissen nicht nur zu zeigen, sondern auf ihre Konstruktionsmuster hin zu befragen: Warum gibt es geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, warum ökonomische Privilegierung und Diskriminierung, wie wird mit den Bildern von Weiblichkeit und Männlichkeit soziales Geschlecht konstruiert, wie gestaltet sich Wandel in gesellschaftlicher und individueller Hinsicht.“ Das ist jetzt mehr als 20 Jahre her, ein Zeitraum, in dem Ausstellungen erneuert werden müssen und Strategien sich ändern. Diese Abteilung musste weichen, ist Frauenarbeit im Museum der Arbeit heute immer noch adäquat präsentiert? Lissi antwortet etwas ausweichend: „Eine schöne Frage und eine schwierige. Mir schwebt eine work-in-progress-Abteilung vor, durchlässig für aktuelle, auch historische Debatten über den Wandel von lokaler und globaler Arbeit, der sich wandelnden Geschlechterrollen im Dialog unterschiedlicher Kulturen und Herkünfte. Und das alles in einem inspirierenden Ort im Museum, der zu einem individuellen Mitwirken verlockt – so etwa, wie sich die Abteilung Frankfurt jetzt im Historischen Museum Frankfurt präsentiert. Dort sind die Stadtbewohner_innen eingeladen, ihre Expertise mit dem Leben hier und ihren Zukunftswünschen einzubringen – ihnen ist diese Ausstellungs- und Veranstaltungsfläche gewidmet, wo jetzt, im Jahr 2019 eine große Schrifttafel zum Mittun aufruft.“

Viel zu tun, „manchmal ein bisschen mehr…“

Wenn Lissi sich an die Gründungsjahre des Museums der Arbeit erinnert, fällt ihr als Erstes ein: „Mein Tag hatte nicht unselten immer mindestens 25 Stunden.“ Neben der Berufstätigkeit engagierte sie sich im Stadtteilarchiv Ottensen, war fast von Anfang an im bundesweiten Frauengeschichtsnetzwerks Miss Marples Schwestern dabei und seit 1986 „gab es ja auch noch den Arbeitsplatz ‚Laura‘, meine kleine Tochter, die in der Anfangszeit im Laufgitter im Büro dabei war. Das war ganz schön anstrengend. In der Folge habe ich außerdem in unserem Stadtviertel Ottensen den bilingualen deutsch-türkischen Kinderladen mitgegründet.“

Gleichzeitig wuchs die Ungeduld. „Ich kam von einem seit 1860 etablierten Museum und wollte meine Erkenntnisse und Ideen in die Museumsarbeit einbringen, aber es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, mehr als 10 Jahre. Da das Museum der Arbeit immer noch nicht eröffnet war, wir aber mit neuem Blick auf geschlechtsspezifische Arbeit loslegen wollten, entstand die Idee zu dem ersten Wandbild, und dann gleich ein richtig Großes mit 1000 Quadratmetern! Zum 800. Hafengeburtstag am 1. Mai 1989 gelang es dem Arbeitskreis Frauen im Museum, mir als Kuratorin und in Kooperation mit dem Museum, an einem alten Getreidespeicher das Wandgemälde „100 Jahre Frauenarbeit im Hamburger Hafen“ zu präsentieren. Quasi eine unübersehbare Außenstelle für das Museum der Arbeit.

Das erste große Wandbild im Jahr 1989. Foto: FrauenFreiluftgalerie Hamburg

Leider musste nach vier Jahren der industriehistorische Getreidespeicher umgebaut werden, die Wand erhielt Fenster und damit war das Bild dahin. Wir sind zum Investor gegangen und haben tatsächlich sozusagen als „Wiedergutmachung“ eine fünfstellige Summe erhalten. Damit machten wir, Hildegund Schuster und ich und damals noch für einige Jahre die Sozialwissenschaftlerin Emilija Mitrovic einen Neustart, es war der Anfang der späteren FrauenFreiluftGalerie.“

Bevor Lissi mit dem nächsten großen Projekt begann, hat sie sich mit 53 Jahren ein Jahr Auszeit genommen. „Mein Vater ist mit 53 Jahren gestorben, er hat immer nur gearbeitet, das war mir eine Warnung.“

Prostitution als Arbeitsplatz

Hafenarbeit, Frauenarbeit, Arbeitsplatz Kind – Elisabeth von Dücker interessierte sich nicht nur für herkömmliche Erwerbsarbeitswelten, sondern auch für Themen, die nicht sofort ins Auge fallen: „Mir lag am Herzen, daran mitzuarbeiten, dass Museum nicht als traditioneller Musentempel funktioniert, sondern dass dort auch Neuland betreten, Perspektivwechsel erprobt wird, ein Dialog zwischen Jetzt und Zukünftigem stattfindet.“ Also traute sie sich an das Thema Sexarbeit heran. Ausgangspunkt war das 2002 in Kraft getretene neue Prostitutionsgesetz, das die rechtliche Stellung von Prostitution als Dienstleistung regelt, um die rechtliche und soziale Situation von Prostituierten zu verbessern. Wie bei jeder anderen Arbeit ist es ihnen dadurch möglich, sozialversichert zu sein.

„‘SEXARBEIT – Prostitution – Lebenswelten und Mythen‘ war wohl eine meiner zentralen Ausstellungen, habe ich doch unendlich viel dabei gelernt. Wir hatten eine ausgetüftelte Ausstellungsarchitektur in 14 Räumen auf 700 Quadratmetern. Man stand Schlange, um die Eröffnung im November 2005 zu erleben. Und auch bei der Finissage nach zweimaliger Verlängerung. Die Hafenstadt Hamburg, als Hauptstadt der Prostitution geltend, war schlichtweg der richtige Ort für das Thema.“ Anschließend war die Ausstellung in Bern zu sehen. Das von Lissi als verantwortlicher Kuratorin herausgegebene Katalog-Buch umfasst 346 Seiten. Sie vergisst nicht zu erwähnen, dass es von der Stiftung Buchkunst 2006 als schönstes deutsches Sachbuch ausgezeichnet wurde.

Nicht nur der Erfolg des Buches und der Ausstellung hat sie als Kuratorin glücklich gemacht, sondern auch die Art und Weise, wie sie über zwei Jahre hinweg und mit unterschiedlichen Kooperateur_innen erarbeitet wurde. Ein sehr großer Kreis hat daran mitgewirkt, fachkompetente Soziologinnen, Historiker_innen, Beratungsstellen über ganz Deutschland verteilt und natürlich Frauen und Männer, die im Sexgewerbe arbeiteten und sich auf Interviews eingelassen haben. „Wir haben viele persönliche Materialien bekommen und konnten Protagonist_innen gewinnen, die ihre Arbeitskleidung und -utensilien zur Verfügung stellten. Es war das erste Mal in Deutschland, dass ein Museum solche Artefakte, jeweils mit authentischer Nutzungsgeschichte, gesammelt und gezeigt hat. Das Thema stand bzw. steht nicht unbedingt im Fokus musealen Interesses, doch wir wollten diese vermeintlich ‚dunkle Ecke´ der Gesellschaft ausleuchten. Immerhin spricht man von schätzungungsweise  1,2 Millionen Kunden_innen. Ziel war, das Thema nicht aus der Schlüssellochperspektive zu betrachten.“ Vielmehr sollte die Präsentation eine Einladung sein, sich mit eigenen und fremden (Vor-) Urteilen auseinanderzusetzen. Besonders gefreut hat die Ausstellungsmacherin sich über die positive Resonanz aus dem Milieu: „Aus Stuttgart, Berlin und St. Pauli waren die Akteur_innen gekommen, zufrieden, dass ihre Arbeit in einem gesellschaftlich anerkannten Rahmen wertschätzend repräsentiert wurde. Wir hätten den Job gezeigt, wie er ist, war ihr Urteil.“

Wie gründlich die Ausstellung vorbereitet wurde, zeigen auch die Themen des Buches, an dem 130 Autoren und Autorinnen mitgewirkt haben. Es geht los mit der Frage: ‚Wer arbeitet warum als Prostituierte?‘ Dann folgen Oberkapitel wie ‚Jobs im Sexgewerbe‘, ‚Das große schnelle Geld?‘, Arbeitsmigration‘, ‚Kunden, Freier, Gäste‘, ‚Prostitution und Gesundheit‘, ‚Moral, Sexualität Gesellschaft‘, und selbstverständlich auch, Frauenhandel – Menschenhandel‘. Interessant ist, wie Elisabeth von Dücker in der Einleitung schreibt, dass die Spendenbereitschaft bei diesem Projekt nicht überschäumend war und sie sich deshalb umso mehr über die Zeit- und Wissensspenden freute.

Wertschätzende Anerkennung

Lissis feministisch geprägte Arbeit wurde wahrgenommen und anerkannt. Seit 2008 ehrt der Hamburger Landesfrauenrat alljährlich eine Frau, die sich Verdienste um die Gleichberechtigung von Frau und Mann erworben hat. Allererste Preisträgerin war Elisabeth von Dücker, weil „sie bei ihrer Tätigkeit als Kustodin im Museum auf geschlechtsspezifische Unterschiede aufmerksam gemacht hat, bei dem großen Wandbild zur Frauenarbeit im Hamburger Hafen unsichtbare Frauengeschichte in den öffentlichen Raum gebracht hat und weil sie mit der SEXARBEITs-Ausstellung zur Enttabuisierung des Themas Prostitution beigetragen hat“, heißt es in der Presseerklärung.

Seit 2007 ist Lissi im Ruhestand, was nicht heißt, dass sie nicht mehr arbeitet. Für das Stadtteilarchiv Ottensen ist sie nach wie vor aktiv und als 2010 das Altonaer Museum geschlossen werden sollte, war sie eine der Sprecherinnen der Bürgerinitiative ‚Altonaer Museum bleibt‘; mit Erfolg übrigens, denn der Hamburger Senat revidierte aufgrund der vielen Proteste seine Entscheidung. Ansonsten genießt sie es als über 70jährige, „lustvoll die Museumsentwicklung hier und andernorts zu verfolgen und mich kulturgeschichtlich auf den neuesten Stand zu bringen“. Und jetzt im Januar, zur Hamburger Schmuddelwetterzeit, flieht sie auf eine warme Insel und ist ganz glücklich „dort in einem kleinen Cafè in Ruhe die dicken Bücher zu lesen, zu denen ich hier in Hamburg kaum komme“. Zur Zukunft des Feminismus meint sie: „Ich glaube, das könnte wohl ganz gedeihlich werden, wenn zunehmend mehr Männer sich als Feministen verstehen. Dann haben sie erkannt, wie wichtig es ist, gemeinsam am Strang der Geschlechtergerechtigkeit zu ziehen, denn Feminismus umfasst das ganze Leben und ist für alle gut.“

Elisabeth von Dücker erklärt die Wandgemälde ‚Brückenschlag‘ bei der Hamburger Seemannsmission.

Und natürlich die FrauenFreiluftGalerie. Da gibt es immer was zu tun. Die nächste Führung ist für den 11. März im Rahmen des Internationalen Frauentages und am 8. Mai 2020 im Rahmen des Hafengeburtstags geplant. Abgesehen davon ist sie ja rund um die Uhr geöffnet. Über den Internetauftritt können auch private Rundgänge gebucht werden. Außerdem betreut Lissi seit Neustem auch eine Wanderausstellung mit Fotos und Texten über Hafenarbeiterinnen. Sie ist ausleihbar. Derzeit hängt sie im Speisesaal der Altonaer Seemannsmission; damit ist auch das Geheimnis unseres Treffpunkts gelüftet. Gemütlich im Warmen konnte ich mir dort auf den Text-Foto-Tafeln die Details des großen Wandgemäldes an der Außenfassade der Seemannsmission anschauen, auch das wieder eines von Lissis kreativen Projekten, in diesem Fall sogar bi-kulturell. Auf zwei gegenüberliegenden Wänden ist ein Brückenschlag zwischen Hamburg und New York abgebildet: moderne Frauenarbeitsplätze in den Häfen hier und dort – auf der Basis aktueller Interviews. Wer zu weit entfernt wohnt, um sich selbst vor Ort umzusehen, kann die Details und den Entstehungsprozess des Brückenschlags auf der Homepage nachvollziehen, ohne nach Hamburg oder nach New York reisen zu müssen.

Mehr Infos:

FrauenFreiluftGalerie Hamburg

Elisabeth von Dücker / Museum der Arbeit, SEXARBEIT, Prostitution – Lebenswelten und Mythen, Edition Temmen, Bremen 2005, 346 S.

Im Rahmen dieser Serie wurden bisher die Donaupriesterin Gisela Forster, die Feministin Barbara Linnenbrügger, die Malerin Waltraud Beck, die Professorin Monika Barz, die Historikerin Irene Franken, die Tagungsleiterin Herta Leistner, Dagmar Schultz, die Alltagsforscherin Maria Rerrich, die Matriarchatsfrau Siegrun Laurent, die Gründerin Claudia Gather, die Heilpraktikerin Bali Schreiber, die Verbandsfrau Marlies Hesse, Ika Hügel-Marshall, die Stiftungsverwalterin Gudrun Nositschka, die Berliner Frauenpreisträgerin Karin Bergdoll, die Sozialpädagogin Erni Kutter und die Philosophin Dorothee Markert vorgestellt.

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„… ich bin verdammt, allein durch mein Geschlecht, …“ http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/01/ich-bin-verdammt-allein-durch-mein-geschlecht/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/01/ich-bin-verdammt-allein-durch-mein-geschlecht/#comments Mon, 13 Jan 2020 19:58:41 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15126
Die bzw-Redaktion wünscht unseren LeserInnen alles Gute für 2020

Im Weihnachtsurlaub las ich die Tagebücher der DDR-Schriftstellerin Brigitte Reimann (Ich bedaure nichts. Tagebücher 1955-1963. Aufbau Taschenbuch Verlag 2000). Das folgende Zitat schrieb ich mir daraus ab:

„Warum zum Teufel bin ich nur eine Frau geworden? Ich bin verdammt, allein durch mein Geschlecht, niemals eine Freundschaft zu finden, weil kein Mann im Stande ist, die Seele vom Körper zu trennen, weil nicht einer versteht, dass ich geliebt werden will um meines Geistes, meiner Begabung oder, um noch einmal das Wort zu gebrauchen, meiner Seele willen; weil jeder erwartet, dass ich gute Gespräche, die Neigung eines geistreichen Mannes durch einen Beischlaf erkaufe. Es ist zum Kotzen! Warum wird es einer Frau so schwer gemacht, anständig zu bleiben?“ (S. 88)

In diesen Tagebüchern der Autorin geht es fast ausschließlich um Männer, als habe es in ihrer Welt überhaupt keine Frauen gegeben. Und das war ja wohl auch für die meisten Frauen so, in Ost und West, bis sich mit dem Beginn der Frauenbewegung der 1970er-Jahre unsere Welt mit Frauen bevölkerte, bis wir lernten, uns auf Frauen zu beziehen und von Frauen zu lernen, bis wir anfingen, weibliche Autorität in der Welt wahrzunehmen und zu stärken. Auch für das Engagement der jüngeren Feministinnen können wir dankbar sein, die sich beispielsweise mit „Aufschrei“ und „Me too“ dafür einsetzten, dass Frauen aufhören, sich selbst und ihr Geschlecht für etwas zu verdammen, was Männer ihnen antun.
Und so können manche Frauen heute, zu Beginn der 2020er-Jahre, die Aussage Luisa Muraros, dass es ein Glück sei, als Frau geboren worden zu sein, aus tiefstem Herzen bejahen. Dass immer mehr Frauen dieses Glück empfinden können, wünsche ich mir zum neuen Jahr und für das nächste Jahrzehnt.

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Una Primavera http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/01/una-primavera/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/01/una-primavera/#comments Sat, 11 Jan 2020 06:00:00 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15095
Foto copyright Valentina Primavera

Ein Dokumentarfilm von Valentina Primavera

Der Biskuitteig ist saftig, gelb, weich und sehr groß, ein langes Messer dringt sanft in ihn ein, schneidet Stück für Stück durch ihn hindurch, bis er in zwei Teile zerlegt ist. Dieses Torten backende „Hausfrauenglück“ könnte appetitanregend wirken, wäre es nicht ein Dokumentarfilm über häusliche Gewalt, und so macht diese Szene es schier dramatisch, fast sarkastisch und schlicht betroffen.

Die aus Italien stammende und in Berlin lebende Filmemacherin Valentina Primavera dokumentiert nichts Geringeres als die Scheidung und Rückkehr ihrer Mutter, Fiorina Primavera, nach einem siebenmonatigen Trennungsversuch aus 40 Jahren häuslicher Gewalt. Sie begleitet sie auf der Reise von ihrer Zuflucht bei ihr in Berlin zurück nach Italien. Dabei immer die Kamera – beim Essen, Nachdenken, Autofahren, beim Gang zum Gericht, beim Gang zurück zum Ehemann, bei den Besuchen der Familienangehörigen. Scheinbar harmlose, in Groß- und Nahaufnahmen eingefangene Szenen einer Alltagswelt von einer mit dem Trauma häuslicher Gewalt geprägten Familiengeschichte, lassen die ZuschauerInnen ganz in diese Realität eintauchen, den Kuchen und Braten förmlich riechen. Die Angst vor einer erneuten Eskalation ist fühlbar, die Suche nach Freiheit, Würde und Lebendigkeit blitzt dazwischen immer wieder auf.

Valentina sagt von sich selbst, dass es die Intimität und Vertrautheit zu den Personen möglich gemacht hatten, die beieindruckende Nähe und damit einhergehende Authentizität der gefilmten Personen im Film enstehen zu lassen, und dass das Filmen für sie ein Stück Verarbeitung beinhaltet. Einen Moment des Mutes ihrer Mutter fest zu halten, sei ihr Antrieb und Wunsch gewesen, erzählte die Filmemacherin nach einer Vorstellung in Berlin.

Der Film klagt nicht an, auch nicht die männlichen Personen, und doch offenbart sich das komplette Drama. Unglaublich feinsinnig beobachtend wird offensichtlich, als welche Hürden bei dem Versuch einer Befreiung die Gesellschaft, die eigenen Wünsche und festgelegte patriarchale Strukturen wirken und solche Zustände Jahrzehnte überdauern lassen.

Ein Film, der in Zeiten von ansteigenden Femizidzahlen und häuslicher Gewalt, sehr wichtig ist und international Beachtung erfährt. Der Film erschien 2018 erstmals auf der Dok Leipzig. Seit Januar 2020 ist er mit deutschen Untertiteln zu sehen und wird in Berlin in verschiedenen Programmkinos gezeigt. Es ist zu hoffen, dass noch weitere Städte in der Republik folgen, eine Zusammenarbeit mit den Berliner Frauenhäusern ist geplant.

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