beziehungsweise – weiterdenken http://www.bzw-weiterdenken.de Forum für Philosophie und Politik Tue, 02 Jun 2020 15:21:43 +0000 de-DE hourly 1 Selbstbestimmt in den Tod http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/05/selbstbestimmt-in-den-tod/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/05/selbstbestimmt-in-den-tod/#respond Wed, 27 May 2020 21:55:52 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15804

„Unter deinem Redefluss breitete sich dein Schweigen aus, von dem ich mich einhüllen liess. Wortlos ging es auf mich über, und ich übernahm es. Wir schwiegen nicht aus demselben Grund, aber vom selben Grund aus. Dein Schweigen wurde zu einer unsichtbaren Kette, die mich an dich band.“

Wie geht man mit dem Freitod der Mutter um? Dem Freitod, den sie selbst bestimmt, entscheidet und den sie mit Hilfe einer entsprechenden Organisation ausführt?
Ein schweres Buch. Leicht in der Sprache. Ernst und tief, klar und voller Kraft.
Sarbacher, Schauspielerin und Präsenztrainerin, wählt kurze Episoden der Erinnerung um einen vier Wochen langen Sommer des Wartens auf dem Weg zum letzten Atemzug zu beschreiben.

Ligurien, wo die Mutter in den 1930er Jahren aufwuchs, Nonna und Nonno, Sommerfreuden, Kind sein in Italien… Stimmungsbilder, um die Mutter besser zu verstehen. Wie konnte diese Italienerin so selbstbestimmt in der Schweiz leben? Indem sie sich furchtlos dem Leben anvertraute, erklärt die Autorin. Ebenso furchtlos vertraut sie sich nun dem Tod an. Doch hat sie sich je ihren nahen Menschen anvertraut? Stets war sie wie ein Fels in der Brandung. „Hätte ich in früheren Jahren mehr von deinen Ängsten, Sehnsüchten und Leidenschaften erfahren, hätte sich davon etwas in deinem Gesicht gezeigt, wäre ich dann menschlichen und baulichen Fassaden weniger ausgeliefert, liesse ich mich weniger rasch beeindrucken?“ fragt sich Sarbacher. Die Wochen des Abschieds füllen sich mit Tagen des neuen Kennenlernens. Verständnis für die Verschiedenheit der beiden Frauen entfaltet sich. Akzeptanz wächst für die Andersartigkeit.

Das Buch packt: weil die Schreibende ehrlich ihre Befindlichkeit benennt, klare Worte findet für ihr Dilemma, der Mutter beizustehen und gleichzeitig hin und her gerissen zu sein. Der Sommergarten entsteht vor meinen Augen, ich nehme die Natur wahr und erkenne durch den Text die Natürlichkeit von Werden und Vergehen, Leben und Sterben. Nachdenklichkeit bleibt.

Ariela Sarbacher: Der Sommer im Garten meiner Mutter, Bilger Verlag Zürich, 2020

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Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/05/hannah-arendt-und-das-20-jahrhundert/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/05/hannah-arendt-und-das-20-jahrhundert/#comments Sun, 24 May 2020 10:30:29 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15808
Ausstellungsplakat im Eingang des Deutschen Historischen Museum Berlin. Foto: Heike Brunner

Die Ausstellung in Berlin:
Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen“

Ich fange von hinten an: Warum Hannah Arendt keine Feministin oder Freundin der antiautoritären Erziehung war und das Private nicht als politisch sehen wollte, ist am Schluss der zeitgeschichtlich aufgebauten Ausstellung zu finden.

Dort, am Ende des Rundgangs, sind in einer Vitrine Bilder von nackt auf dem Essenstisch tanzenden, zwei- bis dreijährigen Kindern, zu sehen. Alltagsszenen aus einem antiautoritären Kinderladen der 1970er. Daneben ihr Zitat von 1958 : „Die Autorität ist von den Erwachsenen abgeschafft worden, und dies kann nur eines besagen, nämlich dass die Erwachsenen sich weigern, die Verantwortung für die Welt zu übernehmen, in welche sie die Kinder hineingeboren haben.“1

Ich vermute, der antiautoritären Bewegung der 1968er war dieses Zitat verhasst und doch diskutieren wir heute wieder genau oder immer noch darüber, Verantwortung zu übernehmen. Eines der großen Themen der Hannah Arendt, vielleicht DAS Thema?

In der Ausstellung sind ihre Lebenslinien: weibliche jüdische Philosophin, Journalistin, Historikerin, Verfolgte des Naziregimes, Flucht, Auseinandersetzung mit neuer Staatsbürgerschaft – in diesem Fall mit dem amerikanischen Staat – und die Beobachtung der Entwicklung in der neugegründeten BRD aufbereitet und natürlich das, was sie dazu gedacht, gesagt und geschrieben hat, zu erleben, mitzudenken. Sie ist eine der prägenden Denkerinnen des 20. Jahrhunderts. Ihre Texte, Gedanken, Ahnungen, Abgrenzungen, ihre kontrovers diskutierten Einschätzungen, insbesondere zum Eichmann Prozess, ihre WeggefährtInnen und ArbeitsbegleiterInnen, FreundInnen, Männer, ihr Fotograf, all dies eröffnet sich der/m BesucherIn in dieser Ausstellung. Ein-Blick in und auf die Vor- und Nachkriegszeit und die weitere historische Entwicklung aus ihrer zwangsläufig besonderen internationalen Perspektive werden gegeben, so wie ihr Wirken war: international, zwischen den Staaten, zunächst zwangsweise und später freiwillig.

Viele der zu lesenden Zitate entstammen dem berühmten Interview von Günter Gaus aus den 60er Jahren. Sie war die erste Frau, die in dieser bekannten Interviewserie zu Wort kommen durfte. So, wie sie als eine der ersten Frauen eine Professur in Amerika erhielt. Die multimediale Ausstellung hat die interessantesten Thesen und Aussagen dieser politischen Theoretikerin und Publizistin aufgegriffen und mit Zeitdokumenten in Szene gesetzt.

Die gesammelten Zeitdokumente, Fotostrecken, private Gegenstände, – Ja, das Zigaretten Etui! -, lassen Hannah Arendt und ihre politisch, philosophische Auseinandersetzung lebendig werden. Ihre zeitlos gültigen Sätze und Thesen, die nach wie vor hoch aktuell sind, an denen die Gesellschaft immer noch und immer wieder zu knabbern hat, beeindrucken und wecken auf – in einer Zeit des angepassten Neoliberalismus und des erwachten Rechtspopulismus.

Besonders intensiv wird das Erleben jetzt in diesen Coronazeiten. Wir führen in der Ausstellung maskierte 1,5 m-Abstands-Choreografien aus. Das individuelle Fokussieren wird – gefühlt – genau dadurch verstärkt. Die Distanzregelungen schaffen auf spezielle Art mehr Raum für individuelle Konzentration. Das Gefühl von: Jede/r kann sie sehr intim aufsaugen, nachfühlen, versuchen zu erfassen, entsteht. Wenn wir zu stark berührt werden, hilft es auch, sich ein bisschen besser verbergen zu können, es geht schließlich um eine Verfolgte des Naziregimes, der Holocaust ist allgegenwärtig.

Nähe und Distanz – ein Thema das in Hannah Arendts Leben immer wieder zu finden ist, ausgelöst durch private und gesellschaftliche Zwänge. Vielleicht passt diese Ausstellung daher so gut in die aktuelle Zeit, die zum Nachdenken über Macht, das Böse und andere philosophisch-politische Aspekte anregen kann.

Persönlich würde ich vorab die Lektüre der biografischen Graphic Novel empfehlen und auch, sich das berühmte Interview mit ihr von Günter Gaus anzuhören. Beides als Hintergrundwissen mit zu bringen bietet die Chance, sich auf die inhaltlichen Details der umfassenden und sehr gelungen Ausstellung noch besser konzentrieren zu können.

Anmerkungen:
1Hannah Arendt: Die Krise in der Erziehung. In: Zwischen Vergangenheit und Zukunft. Übungen im politischen Denken I., München 1994, hier (2000), S. 276

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Tod und Rose http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/05/tod-und-rose/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/05/tod-und-rose/#comments Thu, 21 May 2020 21:10:42 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15739

„Kollateralschäden durch Anti-Corona-Maßnahmen: Mehr Tote als durch das Virus selbst?“ (Gérard Krause)

„Wir retten Menschen, die möglicherweise sowieso bald sterben.“ (Boris Palmer)

„U.S. will see more death by keeping the economy shut than by Coronavirus.“ (Donald Trump)

Der Wind wird rauer, ein kalter Schauer läuft mir über den Rücken. Klar, es war von Beginn an davon auszugehen, dass der Wirtschaftssektor der Marktwirtschaft, der etwa 20% allen Wirtschaftens ausmacht, verbal massiv aufrüsten wird, denn ihm ist natürlich sehr daran gelegen, dass der alte weiße Mann Kapitalismus, auf den schon so oft halbseidene Abgesänge angestimmt worden sind, noch eine Weile weiterlebt. „Der Wirtschaftssektor“ und „alter weißer Mann Kapitalismus“, das sind natürlich Personifikationen… ; denn „der Wirtschaftssektor“ ist ja kein Lebewesen und kann deswegen auch nicht „verbal aufrüsten“ und der Kapitalismus aus denselben Gründen auch nicht „weiterleben“… also… aber ihr versteht schon, was ich sagen will, oder?

Bereits ein oder zwei Tage nachdem Trump Ende März von den „more death“ zu reden begann, fluteten hier in Deutschland „Wirtschaftsexpert*innen“ und sogar „Wirtschaftsethiker*innen“ (Dominik Enste) die Talkshows und Nachrichtensendungen, um diese Aussage für Deutschland in ähnlicher Form zu wiederholen. Nach ein paar Wochen der Corona-bedingten Schockstarre kommt der Kapitalismus in Gestalt all seiner von ihm profitierenden alten weißen Männer wieder hervorgekrochen und beginnt seinen Kampf ums Überleben. „Kampf ums Überleben“, „hervorgekrochen“: das ist… also das meine ich auch wieder… Kapitalismus ist ja kein… also… überleben und hervorkriechen können ja wie gesagt nur Lebewesen… ihr versteht mich schon, oder?

Seit ich diesen „more death“-Satz zum ersten Mal hörte, summt er in mir in den verschiedensten Tönen als Ohrwurm. Warum nur? Vielleicht, weil es für mich eine Herausforderung darstellt, mir vorzustellen, was genau – welche Tode oder Toten also – damit gemeint sind. Um den Satz nun nicht mehr nur in mir klingen zu hören, sondern um ihn auf einer „bodenständigeren“ Ebene auch denken zu können, musste ich genauer verstehen, wer oder was diese Tode oder Toten sind. (Insgeheim wunderte ich mich nur, dass ich – also gefühlt – anscheinend die einzige war, die nicht genau wusste, welche Tode oder Toten damit gemeint sind.) Ich habe nun drei mögliche Bezüge gefunden:

1. Zunächst einmal stellte ich mir vor, „die Wirtschaft“ höchstselbst erschießt, erwürgt oder schmeißt uns von der Klippe, wenn wir sie nicht sofort wieder hochfahren. Wie hat man sich „die Wirtschaft“ dann vorzustellen? Darf ich mir von ihr ein Bild machen oder von wem oder welcher Institution bekomme ich dann Ärger? Automatisch – das heißt, ohne es zu wollen – war ich wieder 10 einhalb Jahre alt und stellte sie mir als eine Mischung aus Gott, also einen alten weißen Mann mit weißem Rauschebart und dem Weihnachtsmann vor (und natürlich mischte sich auch immer wieder ein Trump-Putin-Bolsonaro-etcpp.-Verschnitt mit rein in Gesicht, Statur und Haar, ob ich nun wollte oder nicht). Zugegebenermaßen, diese Vorstellung reizte mich zunächst sehr: denn dann gäbe es eine Person, (oder drei-vier Personen,) auf die ich all meinen Ärger und Frust projizieren könnte. Ich könnte diese Person Wirtschaft richtig gemein und egoistisch und raffgierig finden. Und ich würde unschuldig mit den Augen klimpern, wenn irgendwer mir Nähe zum Antisemitismus vorwerfen würde. Aber dann gewann die Vernunft. Dass der Weihnachtsmann Menschen mit seiner Rute verdrischt, bis sie tot sind, oder Gott Menschen von der Klippe schmeißt… nein… das konnte einfach nicht sein. Unvorstellbar.

Eine andere Möglichkeit war, dass es sich bei dieser „Wirtschaft“ um eine Art abstraktes Monster handelt, so wie beispielsweise das Nichts in Die unendliche Geschichte von Michael Ende. Oder wie eine Computer-Höllenmaschine mit ganz vielen Schrauben und Ventilen und Schläuchen, die uns Menschen nur noch als Energiequelle nutzt und uns derweil immerhin den schönen kapitalistischen Traum träumen lässt á la Matrix. Aber irgendwie passte auch diese Version der Wirtschaft nicht so recht zu den Sprüchen der Männer zu Beginn des Artikels. Also warf ich diese Option aus meinem gedanklichen Klangkörper und versuchte, mein Hirn auf andere Denk- und Recherchierwege zu schicken.

2. Handelt es sich also vielleicht um eine Metapher? Ist das Runterfahren der Wirtschaft also tatsächlich gleichzusetzen mit dem Tod von vielen Menschen? In dem Falle müsste ich psychologisieren, oder? Weil es für manche Menschen, vor allem finanziell reiche und mächtige, schlicht „Tod“ bedeutet, wenn das Wirtschaftssystem, aus dem sie all ihren Reichtum und ihre Macht schöpfen, zerbrechen würde: So wie es Alexander Dibelius ganz klar in einem Interview mit dem Handelsblatt äußert: eventuelle Fahrverbote ist gleich Löffel abgeben (seine Wortwahl); radikaler Kohleausstieg ist gleich Löffel abgeben und ein Stopp der Autoproduktion wäre natürlich auch gleich Löffel abgeben. Es handelt sich dann für Männer wie Herrn Dibelius um eine Art gefühlte Wahrheit, bei der sie nur sich und niemanden als sich selbst im Blick haben. „Die Autoindustrie verliert ihre Macht“ ist gleich „Ich verliere meine Macht“, ergo „Ich bin ein Nichts“, ergo „Ich bin tot.“ Und/Oder: „Ich bin (finanziell) am Ende“, ergo „Ich bin nichts mehr wert“, ergo „Ich bin tot.“ Die Generierung abstrakten Reichtums durch Kapitalverwertung ist für diese Herren einfach Leben, das gilt es zu verstehen in dieser psychologisierten Lesart.

Ich weiß nicht warum, plötzlich sang ich öfter das Lied „Heidenröslein“. Das schöne Röslein wurde gebrochen. So wie Gretchen. Die Rose war die Metapher für ein Gretchenmädchen. Johann Wolfgang von Goethe verwandelte das Mädchen oder die Frau in eine Rose; anders hätte er selbst damals nicht über diese… ja um was handelt es sich hier… ja wahrscheinlich wie immer in Literatur und Poesie, um eine Mischung aus Realem, Fiktivem und Imaginärem… schreiben können.

Hätte er es nicht in eine schöne Metapher gepackt, würde es wohl ungefähr so klingen: „Sah ein Knab ein Mädchen steh’n, […] Und der wilde Knabe vergewaltigte das Mädchen auf der Heiden, obwohl sie sich wie verrückt wehrte und danach ihr ganzes Leben lang deswegen litt.“ Klingt nicht so gut, nicht so romantisch, so rotwangig und nach Wildfang, oder? Sehr clever also mit der Metapher, denn nun singen die Mädchen und Frauen – sich selbst im Blick des Jünglings erkennend oder projizierend und somit auch immer und immer wieder reproduzierend als rotwangig, romantisch, duftend etcpp. – dieses „Geschichtenlied“ selber auf den Heiden oder auch sonstwo. Warum? Ist die Kontiguität (in diesem Artikel erklärt Antje Schrupp den von Luisa Muraro in unser Denkspektrum gebrachten Begriff), die Verbindung zwischen Symbol und Bezeichnetem durch die Metaphorisierung derart zerstört, dass die Frauen sich selbst zwar als unwiderstehliches Ding, aber nicht als Opfer in dem Lied erkennen können, was sie dann wiederum befähigen könnte, zumindest gegen das Lied aufzubegehren? Oder erhalten sie die bedrohliche „Message“ doch als eine Warnung auf der bewussten oder unbewussten Ebene? Und falls ja, was ändert es, was können sie überhaupt ändern? Was also dann damit tun? (Mit genau dieser Frage der in Kinder- und Volksliedern enthaltenen Warnungen beschäftigen sich auch Elsa und Honeymaren in Frozen II. Hier habe ich darüber geschrieben.) Einfach weitersingen, das Nachdenken darüber einfach sein lassen, weil es „eh nichts bringt“, da sich ja sonst einfach alles ändern müsste, wenn die Dinge tatsächlich bis zum Ende durchgedacht und durchfühlt würden?

Was hat das Heidenröslein nun zu tun mit den Toden oder Toten durch wirtschaftlichen Shutdown? In dieser Lesart kann das Nachdenken und Schlussfolgern von einer Metaphorisierung auf die andere übertragen werden: So wie die Rose für das Mädchen steht, so steht das Runterfahren der Wirtschaft für den Tod von „mehr Menschen als durch das Virus“. Und wie die Frauen ihr Lied vom Heidenröslein, so zwitschern auch wir das Lied von den „more death“ bereits von allen Dächern. Wir glauben es bereits, wenn auch nur vielleicht ein ganz kleines bisschen. Und obwohl wir Trump, Palmer und Krause und wie sie alle heißen, natürlich weiterhin „gar nicht mögen“.

Und ganz plötzlich sind dann vor unserem inneren Auge doch nicht mehr die Männer allein Schuld, die solche Ungeheuerlichkeiten von sich geben, sondern nun ist es wieder „der Kapitalismus“, aus dem wir ja dann doch irgendwie nicht rauskommen (wollen). Den Kapitalismus statten wir eben nur mit menschlichen Eigenschaften aus (z.B. mit Sterblichkeit oder Gemeinheit), wenn es uns in den gedankenlosen Kram passt. Beispielsweise wenn… ja wenn auf Trumps Anordnung hin kleine süße Migrant*innenkinder ihren Müttern aus den Armen gerissen werden oder wenn er alle globalen Klima-Abkommen einfach so ins Meer kippt. Das Monster! Wir zählen eins und eins einfach nicht zusammen, wir können weder Trumps Handlungen in ihrem Zusammenspiel sehen, oder wollen es nicht, und wir wollen den Kapitalismus bitte sehr nur dann via Zauberkraft in leibhaftige Personen verwandeln, wenn wir das „Böse“ in Gestalt vor uns sehen wollen. (Hauptsache ist immer, wir sehen es nicht in uns selbst, nicht wahr, wir wollen uns ja nicht selbst „gemein“ und „egoistisch“ und „raffgierig“ finden.)

In Märchen gesprochen, stelle ich mir das folgendermaßen vor:

„Spieglein Spieglein an der Wand, zeig mir den, wegen dem alles grad an die Wand fährt!“

„Den einen Bösen gibt es nicht, das ist leider zu komplex, um das sehen zu können, um was es dir geht, müsste ich eine profunde Kapitalismuskritik vornehmen. Wir treffen uns von nun an auf unbegrenzte Zeit jeden Tag vier Stunden und beginnen auf S.49 des Kapitals…“

„Dafür habe ich keine Zeit und kein Hirn! Dann… zeig mir halt einfach einen bösen, sehr kapitalistischen Menschen!“

„Na gut, dein Wunsch sei mir Befehl, Schneewittchen gab es ja auch nicht, also here we go.“

Um Punkt zwei nun abzuschließen… also auch wenn das Metaphernlied leicht singbar ist und sicher an der „more-death“-Erzählung mitwebt: auch in dieser Lesart bleibt ein Rest, etwas Ungelöstes. Es muss noch eine andere Erklärung geben.

3. a) Sind damit also – und beim Umhören in meinem Bekannt*innenkreis war dies die Hauptlesart – eher indirekte Todesformen durch Firmenpleiten und finanziellem Ruin gemeint wie etwa Suizide?

b) Oder folgendes Szenario: Firma am Ende führt zu Arbeitslosigkeit führt zu Armut. Wird man/frau in den USA zudem krank – ob durch das Covid-19-Virus oder durch etwas anderes, ist dann egal –, ist das sehr schlecht, denn dann haben sie keine Krankenversicherung mehr und kein Geld, den Krankenhausaufenthalt zu bezahlen; ergo, es wird viel mehr Tote geben.

c) Zudem lese ich so viel zu häuslicher Gewalt, zumeist ausgeübt von Männern. Die Zahl von Femiziden und auch Kindertötungen seien seit dem Shutdown in allen Ländern, in denen Covid-19 aufgetreten ist, stark erhöht.

d) Auch könnten die Hungertoten gemeint sein, die in Ländern auf dem afrikanischen und asiatischen und amerikanischen Kontinent durch die nochmals gesteigerte Armut durch Arbeitslosigkeit rapide ansteigen werden. Zudem wird es Engpässe in der Versorgung geben, aus denen Hungersnöte entstehen; ergo es wird mehr Tote geben. Aber meint Trump diese Toten? I doubt it.

e) Dann gibt es noch dieses Szenario: Die Kämpfe um die noch verbliebenen Ressourcen in einem zwar zusammenbrechenden, aber bis zum bitteren Finale materialeinsaugenden System, werden noch härter ausgefochten werden, es wird mehr Kriege – vielleicht sogar den einen letzten Krieg – geben, ergo es wird sehr sehr viele Tote geben.

Vielleicht klinge ich gerade sehr apokalyptisch und kalt und von oben herab. Dabei ist das ja gar nicht mein Denken, sondern es ist dem „more-death“-Denken inhärent, das ich hier versuche aufzudröseln! Und so komme ich einfach nicht umhin, mir bei all dem verwundert die Augen zu reiben und mich zu fragen…: Was sagt das über das Gesellschaftssystem aus, in dem wir leben? Aber eben auch: Was sagt das über uns und unser Denken aus?

Wie kann das Gefühl in einem Menschen entstehen, dass mit dem finanziellen Aus – ob selber Schuld oder nicht, ist dabei völlig belanglos – auch das Leben zu Ende sein muss? Ist das nicht in allerhöchster Form unfassbar?

Wie kann es sein, dass ein Mann eine Frau tötet, weil er zu Hause mit ihr rumhängen muss? Es scheint ja beinahe so, als ob wir – lösungsorientiert wie wir sind – insinuieren: Um die Femizide und Kindertötungen wieder runterzuschrauben, sollen halt die toxischen Männlichkeitsmänner ganz schnell wieder arbeiten, damit sie weniger Chancen haben, ‚ihre‘ Frauen und Kinder zu töten“. Nochmal: Hören wir uns noch zu? Denken wir Gedanken zu Ende?

Wie kann es sein, dass es theoretisch und praktisch möglich wäre, Menschenleben zu retten, indem die Kranken medizinische Versorgung erhalten, aber dies wegen Fehlen finanzieller Mittel vieler Kranker einfach nicht getan wird? Wenn es theoretisch und praktisch möglich wäre, nahezu jeden Hungertod auf der Welt zu vermeiden, das aber nicht getan wird, weil… weil… ja weil es ja nicht UNS… also „uns“, damit meine ich jetzt gerade wieder nur uns „Westler*innen“… betrifft. Also… noch nicht. Checken wir dann eigentlich, dass diese prognostizierten und nun auch schon zu beklagenden Toten auch wieder zurückzuführen sind auf unser systeminhärentes Denken und Handeln, weil wir eben so umfassend umschlungen und gefangen sind in patriarchal-kapitalistischen Denk- und Fühlformen? Können wir uns jetzt ganz ehrlich nur Tote, erneuten und womöglich noch brutaleren Wachstumszwang, Krieg, Ausschluss, Grenzschließungen und den nackten Kampf ums eigene Überleben auf Kosten vieler anderer Menschenleben vorstellen?

Werden also all die Palmers und Krauses und Trumps auch diesmal mit ihrer neoliberalen „more death“-und „Alte-egal“-Erzählung durchkommen? Lassen wir uns eigentlich gern von neoliberalen Dystop*innen in Angst und Schrecken versetzen? Werden wir am Ende gar kuschen und sagen: „Okay okay, ich habe so viel Angst vor den ‚more death‘; also bitte ganz schnell wieder die Wirtschaft hochfahren, mit welcher wir dann zwar unseren Planeten binnen weniger Jahrzehnte lebensunwert für uns Menschen und so viele anderer Mitlebewesen rocken werden, aber hey… es geht doch ums JETZT! JETZT, AKUT müssen wir handeln… oder so… ist doch so… oder? Also los, fahren wir hoch! Business as usual! Alle wieder aufgesessen! Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt und das Gehirn auf dem Weg zur Arbeit ausgeschaltet und erst im Büro wieder angeschaltet, wenn es darum geht, die Frage zu beantworten, wie das Bruttosozialprodukt wieder gesteigert werden kann.“

Ist diese neoliberale Erzählung also weiterhin stark genug? Und dann? Ich sag nur Klimakatastrophe…. Und die ist schon jetzt mitten unter uns: April, April, er tut was er will, aber so wenig geregnet hat’s in diesem Monat noch nie… und zwar bereits in den letzten elf Jahren.

Sollten wir uns in dieser Phase, wo wir die Chance haben, die Krisen der Welt – vor allem die Corona- und die Klimakrise – als eine Krise zu erkennen, nicht regelrecht gezwungen fühlen, endlich über andere und neue Formen des Zusammenlebens nachzudenken? Sollten wir nicht gerade jetzt jene, die bereits andere und neue Formen von gesellschaftlichem Miteinander entwerfen und dabei unseren verletzlichen Lebensraum Erde mitdenken, mal laut und zur Prime Time zu Wort kommen lassen?

Ob wir „Westler*innen“ dann nicht mehr verlieren als gewinnen, fragen mich zaghafte Stimmen (unverkennbar in kapitalistischer Denkmanier) aus dem Off. Und: wenn wir uns nun in ein ganz anderes Gesellschaftssystem stürzen, das es ja noch gar nicht gibt, sterben dann nicht noch mehr Menschen? In einer Revolution oder so? Ich frage zurück: Möchten wir – oder lassen wir doch jetzt mal das einmummelnde „Wir“: möchtest DU, dass „noch mehr Menschen“ sterben? Die Stimme flüstert zurück, das läge doch nicht in ihrer Hand.

Hier scheinen sich die Geister immer zu trennen. Es gibt diese Einstellung „Ich kann eh nichts ausrichten“, die dazu führt, dass die Träger*innen dieser Einstellung auch nicht mehr ein Denken und Fühlen für die Welt von sich selbst aus zulassen. Luisa Muraro nennt diese aber notwendige Form des Denkens und Fühlens im 6. Kapitel von Auf dem Markt des Glücks „in erster Person nach Worten suchen“. Und sie fährt fort: „Eine Moral, die nicht die Kraft der Vermittlung zwischen mir und mir und zwischen mir und der Welt hat, taugt nichts. Sie ist nicht praktikabel und überzeugend. […] Vermittlung findet statt, wenn die Worte, die ich finde, um meine Erfahrung auszudrücken, mich diese Erfahrung so wahrnehmen lassen, wie ich es vorher nicht konnte, mir ermöglichen, sie besser zu verstehen, als sie mir zunächst erschien, sie mich akzeptieren und annehmen lassen, wie ich es vorher nicht konnte. Die Vermittlung, genauso wie die Wiederaufnahme, reduziert sich nicht auf eine Reproduktion oder eine Wiederholung, sie aktiviert einen Kreislauf und erweckt ein Mehr.“ (ebd.)

Wenn Worte wie „More death by keeping the economy shut than by Coronavirus“ mit Ideologie derart vollgesogen sind, dass sie schwer wiegen, schwer wie Blei, schwer wie Beton, sollten wir das dann nicht im Körper spüren? Wenn wir ganz genau in uns hineinhören? Was sagt die Erfahrung? Ist das Lied dann noch zwitscherbar?

Vielleicht ist es für viele von uns erstmal beruhigend zu hören, dass der Beginn eines Nachdenkens über andere Formen des Zusammenlebens genau dann beginnt, wenn wir – jede/r für sich oder auch mal alle gemeinsam – Worte suchen für diese Erfahrung, und dass, wenn dieses Mehr, von dem Luisa Muraro spricht, erst einmal erweckt wurde, sehr viel Lust auf mehr macht.

Fotos: Anne Newball Duke
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Gendergerechte Sprache ist mehr als ein paar weibliche Endungen http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/05/gendergerechte-sprache-ist-mehr-als-ein-paar-weibliche-endungen/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/05/gendergerechte-sprache-ist-mehr-als-ein-paar-weibliche-endungen/#comments Sun, 17 May 2020 21:09:36 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15751 Die verordnete Häuslichkeit in der Corona-Zeit brachte es mit sich, dass ich endlich Zeit hatte, mich mit Internetauftritten zu beschäftigen, die mich schon lange interessierten, in diesem Fall das Webportal Genderleicht.de des Journalistinnenbundes .

Das Netzwerk der Journalistinnen engagiert sich auf vielfältige Weise für Menschen- und Frauenrechte sowie einen guten Journalismus. Was liegt da näher, als sich auch mit dem ureigensten Metier zu beschäftigen, nämlich sprachlicher Genauigkeit. Aus dieser Idee heraus wurde im Sommer 2019 eine Plattform etabliert, die allen, die gendergerecht schreiben oder berichten  wollen, vielfältige Hilfestellung gibt. Sie bietet aber auch interessante Informationen rund um Gendergerechtigkeit.

Genderleicht.de wendet sich insbesondere an Medienschaffende, aber ist auch geeignet für Wissenschaftler*innen, Werbetexter*innen, Studierende, überhaupt für alle, die an und mit Texten arbeiten. An keiner Stelle bemerkte ich den erhobenen Zeigefinger nach dem Motto „also, nun gendert mal richtig“, vielmehr wird erklärt und aufgezeigt, warum Gendern sinnvoll ist und was es für Möglichkeiten gibt, sich eindeutig und geschlechtersensibel auszudrücken. Sternchen* oder Unterstrich_, Binnen-I oder neutrale Form – in kleinen Tipps wird erläutert, was sich wann anbietet oder was eine noch bessere Lösung ist: nämlich möglichst genau zu beschreiben, wer gemeint ist. Genderleicht.de verweist immer wieder auf den Duden, der ziemlich viel erlaubt, was ich vorher gar nicht wusste. Darüber hinaus geht es nicht nur um eine korrekte Schreibweise sondern auch darum, gut zu überlegen, ob ich eine Frau oder einen Mann als Beispiel auswähle oder mit welchen Fotos ich meinen Text bebildere. Ganz aktuell berichten in den Blog-Beiträgen der Fernsehmoderator Jo Schück und die Vorsitzende des Journalistinnenbundes, Friederike Sittler, wie sie in ihren Sendungen und Beiträgen versuchen, auf behutsame, aber konsequente Weise das Gendern zu etablieren.

Die Journalistinnen wollen keine Vorschriften machen, sondern Hilfestellung zu einer gendersensiblen Arbeitsweise geben. So ein Projekt könnten sie ehrenamtlich nicht stemmen. Doch es ist dem Journalistinnenbund gelungen, eine Förderung vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zu bekommen. Deshalb können drei Journalistinnen und eine Assistentin das Projekt begleiten und betreuen. Sie bieten eine Gendersprechstunde zum digitalen Gedankenaustausch an, die nächste am 22. Mai 2020, versenden einmal im Monat einen Newsletter, laden Gastautor*innen ein, beobachten, was sich in der Medienlandschaft gendermäßig so tut und betreuen das Textlabor, in dem sie auf Fragen von User*innen antworten.

Projektleiterin Christine Olderdissen beim Start von genderleicht im Juni 2019 Foto: Henning Schacht / berlinpressphoto.de

Als Projektleiterin hat die Fernsehjournalistin Christine Olderdissen viel Herzblut und Know-How in Genderleicht.de gesteckt. Jetzt freut sie sich über die vielen positiven Rückmeldungen, die sie von Nutzerinnen des Portals bekommt. „Montags zum Beispiel saust der Zugriff nach oben, da merke ich, dass die Leute wieder an ihren Texten sitzen und über gutes Gendern nachdenken.“ Darüber hinaus hat sie Tipps, „wie wir Frauen oder das dritte Geschlecht sichtbar machen können, auch wenn die Redaktion das gar nicht unbedingt will und z.B. das Gendersternchen mit Rücksicht auf eine konservative Leserschaft ablehnt“.

Zum Projekt gehören auch Fortbildungen, zum Beispiel für Volontäre und Volontärinnen, wegen Corona kurzfristig ausgebremst. Doch ein Konzept für Webinare ist in Arbeit.

Mir persönlich hat das Textlabor besonders viel Spaß gemacht, denn hier wird – durchaus humorvoll – erörtert, warum etwa Mitgliederin gar nicht geht, Gästin aber schon, wie wir Wichtel gendern können oder ob es bei der Cyberkriminalität nur männliche Hacker oder auch Täterinnen gibt. Aber natürlich werden auch ernsthaftere Fragen diskutiert und beantwortet, wie etwa die Anrede in Geschäftsbriefen oder das Gendern von Doppelwörtern, zum Beispiel Kanzleramt oder Kultusministerkonferenz.

Eine Fundgrube ist auch die Rubrik Wissen mit weiterführenden Links und Literaturempfehlungen. – Also, für die, Zeit zum Stöbern haben: Hier macht es Spaß, zumal die Plattform auf angenehme Weise diskret und seriös daherkommt und ausgesprochen unkompliziert zu benutzen ist. Und nicht vergessen: Bewusstsein schafft Sprache – und Sprache schafft Bewusstsein.

Genderleicht.de

Journalistinnenbund

Siehe auch das Porträt über Marlies Hesse, die langjährige Geschäftsführerin des Journalistinnenbundes.

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Kapitel 4: Mütter und Kinder: mütterliche Autorität stärken http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/05/kapitel-4-muetter-und-kinder-muetterliche-autoritaet-staerken/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/05/kapitel-4-muetter-und-kinder-muetterliche-autoritaet-staerken/#comments Fri, 15 May 2020 07:37:40 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15743 Zum 20. Jubiläum der Flugschrift „Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn. Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik“ wurde das Büchlein im Christel Göttert Verlag neu aufgelegt und wird hier im Forum auch erstmals online veröffentlicht (hier der Link zum Anfang). Dies ist das 4. Kapitel: Mütter und Kinder.

Die Wahl, Kinder zu bekommen oder nicht, gehört zu den wichtigsten Entscheidungen, die Frauen treffen. Die Entscheidung für Kinder ist heute längst keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern von vielerlei Faktoren beeinflusst: von der Abwägung zwischen Erwerbsarbeit und Erziehungsarbeit, von den materiellen Ressourcen, von Hoffnungen und Wünschen für die Zukunft. Sie ist immer mehr auch eine persönliche, oft sogar eine einsame Entscheidung.

Mütter tragen die volle Verantwortung für ihre Kinder. Sie leben jedoch mehr und mehr in dem Bewusstsein (und werden darin von der patriarchalen Propaganda ständig bestärkt), sie seien dazu nicht in der Lage und müssten sich von Männern helfen lassen bzw. seien auf die Anleitung und Unterstützung staatlicher Institutionen angewiesen. Dies macht sie unsicher und entscheidungsschwach, gerade auch in ihrem Erziehungsverhalten.

Wie in jeder Beziehung geht es auch zwischen Müttern und Kindern darum, authentisch zu sein. Die Verunsicherung vieler Mütter durch überfordernde Mütterbilder führt jedoch dazu, dass hier eine gelingende Beziehung häufig nicht ausgehandelt und erarbeitet, sondern nur vorgetäuscht wird. Mütter machen sich zu Mitteln zum Zweck der Erziehung, indem sie die Souveränität der Kinder oder von außen angetragene Erziehungsziele in den Vordergrund stellen, statt die Beziehung in den Mittelpunkt zu rücken.

Die Kinder, vor allem die Söhne, werden so in dem Glauben gehalten, sie könnten in einer gelingenden Beziehung leben, ohne selbst etwas dazu beizutragen. Spannungen aufgrund enttäuschter Erwartungen bei den Müttern wie den Kindern sind so vorprogrammiert. Die gesellschaftlichen und kulturellen Probleme, die aus einer solchen Sozialisation insbesondere der Jungen folgen, sind offensichtlich.

Wenn Frauen sich ihrer vollen Verantwortung für die Beziehung zu ihren Kindern bewusst werden und ihre Entscheidungsmacht wie auch ihre eigenen Wünsche und Maßstäbe bejahen, wird ihr Leben leichter. Sie sind nun in der Lage, ihr Leben mit Kindern nach ihren eigenen Vorstellungen in Auseinandersetzung mit den realen Notwendigkeiten und den Bedürfnissen und Wünschen der Kinder zu gestalten, statt phantasierten Autoritäten und sogenannten „Experten“ für eine „richtige“ Erziehung die Führung zu überlassen. Auf dieser Basis können sie andere, die dies wollen, in ihre Erziehungsaufgaben einbeziehen: Ehemänner und Beziehungspartner, Freundinnen, lesbische Lebenspartnerinnen, und natürlich auch Eltern und Schwiegereltern.

Aus: Ulrike Wagener, Dorothee Markert, Antje Schrupp, Andrea Günter: Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn. Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik. Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim 1999, Neuauflage 2019

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Ich bin nicht deine Mama! – aber soll ich Mutter sein? http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/05/ich-bin-nicht-deine-mama-aber-soll-ich-mutter-sein/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/05/ich-bin-nicht-deine-mama-aber-soll-ich-mutter-sein/#comments Sun, 10 May 2020 15:28:49 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15734
Bild: Antonia Buroh

Heute ist Muttertag.

Muttertag ist bäh, öder Kommerz, faschistisch besetzt, reaktionär etikettiert.

Jedes Jahr findet sich eine neue bodenlos blöde Marketing-Entgleisung – vielleicht muss mensch dieses Jahr ein bisschen tiefer in (Social-)Media danach suchen, weil andere Dinge gerade „wichtiger“ sind. Zugegeben, jedes Jahr finden sich auch eine Menge kluger und kritischer Texte anlässlich des Muttertags. Die vielen Stunden Arbeit, die Menschen (zumeist Frauen) täglich leisten, um ihnen zugeschriebene oder ihnen verbundene Kinder körperlich, emotional und intellektuell zu versorgen sind doch eigentlich jede Anerkennung wert, oder?

Was mache ich mit diesem Feiertag?

Ehrlich gesagt, bislang eigentlich nicht viel. Im Grunde ist er mir schon ziemlich lange ziemlich egal. In meiner Herkunftsfamilie wurde Muttertag nicht begangen. Wegen Hitler und den Nazis und so – eine nicht ganz treffende Verkürzung der historischen Tatsachen, aber trotzdem ok. Mein Bruder und ich durften unsere in Kindergarten und Grundschule gebastelten Geschenke abgeben und die ebenfalls dort auswendig gelernten Gedichte vortragen, dann war der Feiertag vorbei.

Ehrlich gesagt, hatte ich mich auf diesen Teil von Muttertag tatsächlich ein wenig gefreut. Das Kindergartenkind ist ansonsten nämlich nicht sehr freigiebig mit seinen Werken. („Ich mache Kunst, kein Kritzelkratzel. Vielleicht bekommst du etwas zu Weihnachten, aber dieses Bild_Kunstwerk brauche ich noch.“ Und Weihnachten werde ich dann auf Geburtstag vertröstet…) Dieses Jahr also auch (Corona-)Essig. Kein Kindergarten, keine Kindergarten-Muttertags-Bastelei, kein Kunstwerk für mich.

Und damit bin ich emotional beim ersten Teil der Antwort auf die Beziehungsfrage: Muttertag – ich: Easy wegen akuter Hinfälligkeit. Ich hätte gar nichts dagegen, ein Kunstwerk und einen Kuss zu bekommen, weil ich eine geliebte Mama bin. Aber, der einzige Mensch, der mir den Titel „Mama“ rechtmäßig zuerkennen kann, hat im Augenblick keine Außenbeziehungen, die den Bezugskontext „Muttertag“ aufmachen. Deshalb muss ich warten bis einfach mal so „Mamatag“ begangen wird. Und das ist gut so. Denn eigentlich rollen sich mir regelmäßig die Fußnägel hoch, wenn sich jemand anderes auf mich oder irgendeine andere Frau als „Mama“ (alternativ „Mutti“) bezieht.

Warum ich so völlig ok und so völlig nicht ok mit dem Titel „Mama“ bin, ist vielleicht gar nicht so schwer zu verstehen. Ich brauchte dafür trotzdem ein Aha-Erlebnis. Das hatte ich im Chat-Gespräch mit einem Kollegen vor etwa 2 Jahren. Beim Smalltalk (Smallchat?) schrieb er mir, dass er bald „Vater werde“. Ich gratulierte artig und erzählte, dass ich inzwischen ebenfalls ein Kind hätte. Er schrieb zurück, dass er ja gar nicht mitbekommen hätte, dass ich „Mama geworden wäre“. Zack – Fußnägel hoch. In diesem direkten Gegenüber fiel es mir dann auf: Dass dieser Mann seine eigene Elternschaft als „Vater werden“ adressiert, meine Elternschaft jedoch als „Mama werden“, ist m.E. weder absichtsvolle sprachliche Ungleichbehandlung noch eine semantische Lappalie. Vielmehr drückt sich darin eine weithin geteilte meist unreflektierte Ungleichheit von männlicher und weiblicher Elternschaft aus. Während das Verhältnis zwischen einem Mann und seinen Kindern in erster Linie und v.a. in der Öffentlichkeit ein rechtliches ist (er hat gezeugt und ist erziehungsberechtigter Vater), ist das Verhältnis einer Frau zu ihren Kindern ein primär emotionales. „Mama“ ist ein Beziehungsname, ein Kosename, kein juristischer Begriff. Aber die Gestaltung und Adressierung dieser Beziehung ist nicht etwa beschränkt auf die unmittelbaren Beziehungspartner*innen (Mutter und Kinder) sondern ist vielmehr ein öffentlich verfügbarer.

Die Einsicht, dass die Vergemeinschaftung weiblicher Körper und weiblichen Beziehungshandelns durch Elternschaft nicht etwa eingeschränkt und privatisiert sondern im Gegenteil ausgeweitet wird, ist nun nicht gerade neu. Mir hat diese Verknüpfung aber zu einer Begriffsklarheit verholfen: Ich bin keine Mama! Ich bin nur die Mama für eine ganz bestimmte andere Person.

Der Kindergarten, der mich und die andere „Mamas“ auffordert, Plätzchen für die Weihnachtsfeier ranzuschaffen.

Der Biolehrer, der das Verhältnis von Ei zu Körpergröße von Weiß-der-Kuckuck-welchem-Vogel in Richtung unserer Mädchenbank als: „Das ist dann schon unangenehm für euch, wa?“ beschreibt.

Eine Unbekannte auf der Straße, die Bemühungen des Mannes unser Baby zu beruhigen, mir verschwörerisch zublinzelnd, mit: „Da braucht es wohl die Mama“ quittiert.

Reklame, die auf besondere Bedürfnisse von „Mamis“ rekurriert.

Eine Chefin, die keine potentiell zukünftigen „Mamas“ mehr einstellen will.

Journalist*innen, die sich auf Deutschlands wichtigste Politikerin als „Mutti“ beziehen.

Nix da. Übergriffig und total daneben. Alle raus aus anderer Leute Kinder- und Schlafzimmer! Und ist Muttertag nicht genau so eine Übergriffigkeit?

Vielleicht. Vielleicht erfordert dieser und eine Reihe anderer Übergriffe aber genau einen öffentlich begangenen Muttertag. Politik und Öffentlichkeit stehen ja längst drin in meinem Schlaf-, Arbeits-, Kinder- und Wohnzimmer, Vorgarten, Küche und Klo. Vielleicht muss ich mich wohl oder übel als Mutter positionieren, um u.a. meinen „Mama“-Titel zu schützen. Selbst wenn mir das Wort „Mutter“ (wegen Hitler und den Nazis und noch ein paar andern Sachen) tatsächlich auch nicht sooo gefällt, es ist im Augenblick doch das passendste, das mir für meinen öffentlich-politischen Status in dieser Hinsicht einfällt. Und auch wenn die Tatsache, dass ich eine Elternschaft pflege, vielleicht für mich persönlich nicht ständig der wichtigste Identitätsmarker ist, würde ich doch sagen, es gibt mehr als genug Anlass, diesen Umstand nicht komplett zu privatisieren und sich das Fremdprädikat anzueignen um politische Kämpfe situiert austragen zu können. Besteuerung von alleinerziehenden Eltern (meist Müttern), Diskriminierung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt wegen (potentieller) Mutterschaft, Gewaltschutz, Armut, Gesundheitsversorgung vor und während einer Schwangerschaft, am Ende von Schwangerschaften, während Geburten usw. Gerade Corona zeigt, wie mies es eigentlich um den politischen Status von Müttern bestellt ist.

Trotzdem: Reicht das als Grund für einen „Reclaim“ des Muttertages? Der Feiertag hat mit Ann Maria Jarvis ja tatsächlich eine feministische Mutter. Und wie eingangs erwähnt gibt es viele gute Ansätze, den Tag feministisch zu revitalisieren, wie z.B. vor 3 Jahren mit #muttertagswunsch. Funktioniert das? Welchen Wert haben fixe Feiertage für politische Kämpfe? Wenn ich außerdem z.B. Juliane Brumbergs Text zum anderen Muttertag (http://www.bzw-weiterdenken.de/2007/05/von-der-mutter-erzahlen/) und ihre Verweise auf Luisa Muraro lese, überlege ich, ob ich nicht doch noch mal etwas öffentlich freigiebiger über meine Mama-Position nachdenken soll.

So isses. Heute mehr offene Fragen als Einsichten.

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Meine Heldin des Corona-Alltags http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/05/meine-heldin-des-corona-alltags/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/05/meine-heldin-des-corona-alltags/#comments Mon, 04 May 2020 14:25:24 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15648
Illustration von Valerio Vidali im ZEIT-Magazin Nr. 14

In den Medien lese und höre ich momentan oft, die Menschen hätte wieder Langeweile. Sie wüssten nicht, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen. Hazel Brugger zum Beispiel ordnet einen Tag lang ihre Bücher nach Farbe sortiert ins Regal. Herrlich. Irgendwann gegen 23 Uhr, wenn ich müde ins Bett taumle, kichere und gluckse ich mich durch ihr Video und bin so dankbar für diesen kurzen Einblick in ganz fremde Galaxien.

Es wurden schon einige Erwiderungen auf die angebliche Corona-Langeweile geschrieben und gesungen; am allerliebsten ist mir dieses Video von Victoria Emes, das mich seit Wochen regelmäßig zum Lachen bringt.

Jetzt zu Corona-Zeiten könnte ich mich komplett in mein plötzlich wieder über mich hereingebrochenes Hausfrauendasein fallen lassen und mich in mehr Daseinskompetenz üben – bis zu einem gewissen Grad gefällt mir das auch gut – aber das reicht nicht; ich würde buchstäblich durchdrehen, wenn ich keine Zeitfenster finden würde, um mein Fühlen und Denken in die Zukunft zu richten.

Im letzten Oktober gründeten drei eigentlich so schon mit genug Arbeit ausgestattete Frauen Anfang bis Mitte vierzig (zwei davon dreifache Mütter und eine davon noch Vollzeit arbeitend) die Parents for Future in Esslingen am Neckar. Und auf unserem ersten Treffen erschien sie: Waltraud. Mit ihrer ganzen Energie und Entschlossenheit eroberte sie mein Herz.

Auf einer Demo in Schwäbisch Hall im Februar 2020 (Waltraud rechts)
auf Tagesschau.de am 24.04.2020

Seitdem stapfen wir gemeinsam von einem Workshop über Klimagerechtigkeit und von einer FFF-Demo im Umkreis von etwa 20 Kilometern zur nächsten. Waltraud ist 70 Jahre alt und scheint mit schier unendlicher Schaffenslust und -kraft ausgestattet zu sein.

Bereits nach einer Woche Corona-Shut Down beschwerte sie sich im Parents-Verteiler über unser Nichtstun: Was denn los sei, ob wir eingeschlafen seien, jetzt sei doch die Zeit, in der wir die Leute aufrütteln und zu neuem Denken anregen müssten. Also suchten und fanden wir neue Formen des Protestes: kein Spaziergang mehr ohne Kreide in der Tasche, um damit Straßen, Fußgängerwege und Bäume mit Fragen zu beschreiben. Und am 24.04., dem fünften Globalen Klimastreik, gelang uns hier in Esslingen gemeinsam mit dem Klimagerechtigkeitsbündnis eine kleine aber feine Streikform, die es sogar in die bundesweiten Medien schaffte.

Von Waltraud bemalte Steine, die sie u.a. an vielbelaufenen Spazierwegen ablegt.

Waltraud war über 30 Jahre lang Altenpflegerin. Ich habe ihr schon viel von dem Denkansatz „Wirtschaft ist Care“ erzählt. Gestern schickte ich ihr per WhatsApp folgenden Artikel und schrieb darunter: „Typisch ZEIT: macht eine gute Analyse, nennt alles beim Namen, aber gibt dann einfach keine Anregungen zum Weiterdenken oder Hinweise, wo diese Care-‚Misere‘ bereits weitergedacht wird.“ Darauf antwortete Waltraud: „Danke für den Artikel. Gestern spät abends rief mich noch ein Ex-Kollege an. ‚Sie sollen aufhören zu schwadronieren über Systemrelevanz, aufhören zu klatschen, sie sollen ENDLICH einfach nur unsere Arbeit GERECHT entlohnen, unser Tun auch nachher nicht abtun als ‚Hinternputzerjob‘ und geringschätzigem Lächeln. Und sie sollen aufhören sich zu empören, dass die Alten ‚weggesperrt‘ werden, sondern lieber Briefe schreiben, Blumen schicken, vor den Zimmern musizieren und – ja – ein Vaterunser laut MIT IHNEN sprechen. DANN würde es leichter für alle.‘ Ja, wie das da abgeht, weiß nur, wer da je gearbeitet hat. Und das für wenig Geld, später wenig Rente, wenig Anerkennung…. Wirtschaft ist Care – JA, SO IST ES“.

Unermüdlich schreibt sie nun Briefe in Kranken- und Pflegeheime und ruft Bewohner*innen an, die sie kennt, um ihnen einen Anruf lang die Zeit mit Lachen und neuen Eindrücken zu füllen. „Brutal“ sei die Einsamkeit bei vielen, sagt sie. Das hat mich dazu motiviert, zu Ostern auch ein paar Briefe in Pflegeheime und Seniorenresidenzen zu schreiben; meine Töchter haben bunte Osterbilder dazu geliefert.

Wahrscheinlich brauche ich nicht zu erwähnen, dass sich Waltraud auch noch bei „Omas gegen rechts“ engagiert. Langeweile? Leider das Gegenteil. Vor drei Wochen hörte ich einige Tage nichts von ihr. Endlich antwortete sie mir: „Mit den Pausen – das klappt schon mein Leben lang nicht so gut. Aber ich übe! Atemnot und gepresste Brust ist nicht so lustig, da kommen Pausen gezwungenermaßen allein. Abgeben und loslassen, bei sich sein und glauben (wissen!), dass andere das noch besser können… daran hapert es noch.“

Handstand üben ist keine dumme Sache. Frau/man sieht die Welt dann aus einer ungewohnten Perspektive. Nur diese Perspektive dann auch zu nutzen… das Gefühl der Brustenge nehmen wir Menschen wie Waltraud nur, wenn wir mehr werden, die aktiv und laut für ein gutes Leben für alle einstehen und jenen Menschen, denen es gerade nicht so gut geht, das Gefühl geben, nicht allein zu sein. Daran hapert es noch.

Gestern hatte ich einen schwarzen Tag. Alles, was ich las und dachte, gab mir Anlass zu deprimierenden Gedanken. Waltraud fühlte das wohl aufgrund meiner etwas negativen Kommentare und Links, die ich ihr schickte, zündete eine Kerze für mich an und schrieb dazu: „Wir müssen das GUTE, ZUKÜNFTIGE, RICHTIGE anschauen, sonst werden wir verrückt.“

Danke, liebe Waltraud, dass es dich für mich und so viele andere Menschen gibt, und wir uns gegenseitig Mut machen und motivieren können.

Engagement für das Klima, auch in Corona-Zeiten. Fotos Anne Newball-Duke und Waltraud Jäger
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Mut und Zuversicht für alle http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/05/mut-und-zuversicht-fuer-alle/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/05/mut-und-zuversicht-fuer-alle/#comments Fri, 01 May 2020 11:50:39 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15553 Veränderung / Wenn die Wirtschaft still steht / Vom Haben zum Sein / Corona
Zen-Garten Foto: Monika Krampl

Veränderung

Ich habe zwei Mal in meinem Leben ein behagliches und gesichertes Leben verlassen, und mich damit einer Ungewissheit ausgesetzt. Ich wusste – so kann / so will ich nicht mehr leben. Doch – wie ich leben wollte, wusste ich noch nicht.

„Was konnte, was sollte man mit all der Zeit anfangen, die nun vor uns lag, offen und ungeformt, federleicht in ihrer Freiheit und bleischwer in ihrer Ungewissheit?“ (Pascal Mercier)

Ich wusste nicht, was ich plötzlich mit all dieser Freiheit anfangen sollte. Wie ich meinen Tag gestalten sollte. Frei ohne Zwänge von außen, die mir vorgaben wie ich zu leben hatte.

Und doch – zwischendurch fühlte ich das Lüftchen der Freiheit um meine Nase wehen.

Die Ungewissheit lastete bleischwer auf mir, weil ich nicht wusste, wie ich meinen Lebensunterhalt bestreiten sollte. Ob ich jemals wieder Geld verdienen würde, um gut leben zu können.

Und doch – zwischendurch fühlte ich das Lüftchen der Freiheit um meine Nase wehen.

Macht es einen Unterschied aus, ob diese Veränderung nun freiwillig initiiert geschieht oder von Außen geschaffen wird? Ich weiß es nicht.

Von der bleischweren Ungewissheit her gibt es, denke ich, keinen Unterschied. Und ich hoffe – ich wünsche es mir sehr – dass so manche / nein, viele Menschen / doch zwischendurch das Lüftchen der Freiheit schnuppern.

Wenn die Wirtschaft still steht

Wenn das Glück der Menschen im Kaufen und Haben liegt, dann muss es ‚der Wirtschaft‘ gut gehen. „Geht es der Wirtschaft gut, dann geht es den Menschen gut“ – plärrt / brüllt / donnert / es aus allen Medien. Immer wieder.

Eine magische Formel, die immer wieder wiederholt werden muss, damit es alle für wahr halten.

Nein, so ist es nicht.

Schon lange ist es so, dass es ‚der Wirtschaft‘ gut gehen muss – damit es ‚der Wirtschaft‘ gut geht. Denn ‚die Wirtschaft‘ verschlingt mittlerweile ihre Söhne und Töchter, weil sie immer mehr will – für sich. Die Wirtschaft als Nimmersatt. Immer mehr / immer größer / immer mehr Geld und Besitz – für einige wenige / sehr wenige Söhne und Töchter.

Die Frage der Mehrheit der Söhne und Töchter sollte nun sein:

Was braucht es zu einem guten Leben?

Vielleicht relativiert sich die Sicht gerade etwas – mehr Freiheit / mehr Zeit für gute Beziehungen / mehr Zeit um sich um gute Ernährungsmöglichkeiten zu kümmern / mehr Zeit um ein gutes Buch zu lesen / mehr Zeit ….

Falls die Existenz gesichert ist, kann man sich diese Fragen stellen.

Ansonsten stellen sich existenzielle Fragen.

Was braucht es zu einem guten Leben?

Grundlegend ist daher eine Existenzsicherung, von der alles andere abhängt.
„Das Bedingungslose Grundeinkommen ist eine bedingungslose, finanzielle Zuwendung, die jedem Mitglied der Gesellschaft in existenzsichernder Höhe, ohne Rücksicht auf sonstige Einkommen, auf Arbeit oder Lebensweise als Rechtsanspruch zusteht und eine Krankenversicherung inkludiert.“ *)

Existenzsichernd laut BGE bedeutet, die zur Verfügung gestellte Summe soll ein bescheidenes, aber dem Standard der  Gesellschaft entsprechendes Leben, die Teilhabe an allem, was in dieser Gesellschaft zu einem normalen Leben gehört, ermöglichen.
Ich empfinde tiefes Mitgefühl mit den Menschen, die jetzt ihre Existenz verlieren. Hätte ich jetzt noch meine Mietwohnung und meine (leere) Praxis, und würde die Situation länger als zwei Monate dauern, müsste ich alles aufgeben. Trotzdem weiß ich, dass ich keine Ängste hätte, weil ich die Situation bereits kenne. Und weil ich weiß – aus Erfahrung weiß – dass es immer weiter geht / ‚anders‘ weiter geht. Weil ich einen Kopf habe zum Denken und zwei Hände zu arbeiten – weil ich Mut habe.
Und diesen Mut und auch Zuversicht – die vielleicht zeitweise immer mal verschwinden wird, aber auch immer wieder auftaucht – wünsche ich allen, die jetzt in dieser Situation sind.

Kaufen als Zeitvertreib

Ich empfinde kein Mitgefühl mit den Menschen, die sich nicht mehr das neuerste Smartphone, den größten Fernseher, den stärksten SUV, die angesagtesten Klamotten, die nächste Kreuzfahrt etc. leisten können.

Ich empfinde kein Mitgefühl mit den Menschen, deren Zeitvertreib es ist, täglich durch die Einkaufszentren – die ‚Tempel des Konsums und der Wirtschaft‘ zu schlendern, um zu konsumieren und zu kaufen, zu kaufen, zu kaufen, zu kaufen …

Was ich mir wünsche

Für alle Menschen wünsche ich mir das Grundeinkommen, damit sie sich, weil ihre Existenz gesichert ist, in Ruhe entscheiden können, was sie machen möchten. Und keine Angst haben müssen, wenn etwas nicht klappt.

Und – keine Angst, es gibt nur sehr wenige Menschen, die nichts tun wollen. Diejenigen tun das jetzt auch schon. Das hält unsere Gesellschaft aus. Und wenn es sie glücklich macht oder sie nicht anders können, haben sie ein Recht darauf, nichts zu tun. Die Mehrheit der Menschen jedoch möchte etwas tun.

Vom Haben zum Sein

Eine Möglichkeit die sich auftut.

Jetzt.

Vom Haben zum Sein – entlehnt aus dem Buchtitel Erich Fromms: „Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft“.
1976 ist dieses Buch erschienen, seit 1990 steht es in meinem Bücherregal. In diesem Buch steht eigentlich alles was notwendig ist, um ein gutes Leben zu führen – seit 1976! Und auf vieles davon wurde bereits ein Jahrhundert früher hingewiesen, wenn ich z.B. an Henry David Thoreau und Ralph Waldo Emerson denke.

Ich möchte hier nur auf einige wenige Punkte hinweisen, die, wie Fromm es formuliert, notwendig für den „neuen Menschen“ seien:

  • die Bereitschaft, alle Formen des Habens aufzugeben, um ganz zu sein
  • Sicherheit, Identitätserleben und Selbstvertrauen, basierend auf dem Glauben an das was man ist, statt des Verlangens zu haben, zu besitzen und die Welt zu beherrschen
  • Freude aus dem Geben und Teilen, nicht aus dem Horten und der Ausbeutung anderer schöpfen
  • sich eins zu fühlen mit allem Lebendigen und daher das Ziel aufzugeben, die Natur zu erobern, zu unterwerfen, sie auszubeuten, zu vergewaltigen und zu zerstören, und statt dessen zu versuchen, sie zu verstehen und mit ihr zu kooperieren

Ich habe jetzt nur diese vier Punkte aus den zwei Seiten an Notwendigkeiten des Seins angeführt. Es ist lesenswert. Noch immer und immer wieder.

Um noch einmal auf das Thema Wirtschaft einzugehen, schreibt Fromm: „Der erste entscheidende Schritt auf dieses Ziel hin (eine gesunde Wirtschaft) ist die Ausrichtung der Produktion auf einen ‚gesunden und vernünftigen Konsum‘.“
Und weiter:
„Gesunder und vernünftiger Konsum ist nur möglich, wenn wir das Recht der Aktionäre und Konzernleitungen, über ihre Produktion ausschließlich vom Standpunkt des Profits und Wachstums zu entscheiden, drastisch einschränken.“

Das alles wissen wir.
Wird es uns möglich sein, dies zu ändern?
Jetzt.
Wird es der Wille der Politik sein, dies zu ändern?
Jetzt.
Wir können jetzt sehen, was alles möglich ist, wenn die Politik will / muss.   

Corona

Nun als Abschluss doch noch einige wenige Worte zu Corona. Der Worte gibt es ja täglich / stündlich viele, jetzt in diesen schwierigen Tagen.
Die Zahl der Toten geht welt weitweit in die Abertausende.
Ich denke an den Klimawandel, die Umweltkatastrophen, die es weltweit geben wird / bereits gibt; Inseln, die im Meer verschwinden, etc. etc.
Und ich denke an die Millionen von Menschen, die ihre Lebensgrundlage verlieren und sterben werden.
Der Klimawandel steht vor der Tür und hat mit den zunehmenden Klimakatastrophen bereits einen Fuß in der Tür. Es wurde bis jetzt nichts unternommen.
Nun ist Corona zur Tür hereingekommen – und es wird reagiert. Und das ist gut so. Denn jeder tote Mensch ist einer zu viel.
Wir leben in einer Burnout-Situation der Welt. Nicht nur den Menschen ist alles zu viel, auch der Natur – sind wir doch ein Teil der Natur. Das wird vielfach vergessen.

Wir Menschen sind ein Teil der Natur.

Die magische Formel sollte lauten: Geht es der Natur gut, geht es den Menschen gut.

Wir muten uns zu viel zu / veraltete Strukturen / Überreizung der Systeme – viele Menschen sind nur mehr gereizt / wir vergiften uns selbst und unsere Umwelt / Kraftlosigkeit und Erschöpfung breitet sich aus …
Muss erst wieder die Katastrophe – der Kollaps – bei der Tür herinnen sein, bevor reagiert wird?
Ich befürchte, dass es dann zu spät sein könnte.
Deshalb hoffe ich auf einen Wandel / eine Veränderung der Menschen und vor allem auch der Politik.

Mut und Zuversicht für alle

Infos:

*) Das Bedingungslose Grundeinkommen ist
> allgemein: alle BürgerInnen, alle BewohnerInnen des betreffenden Landes müssen tatsächlich in den Genuss dieser Leistung kommen;
> existenzsichernd: die zur Verfügung gestellte Summe soll ein bescheidenes, aber dem Standard der  Gesellschaft entsprechendes Leben, die Teilhabe an allem, was in dieser Gesellschaft zu einem normalen Leben gehört, ermöglichen;
> personenbezogen: jede Frau, jeder Mann, jedes Kind hat ein Recht auf Grundeinkommen. Nur so können Kontrollen im persönlichen Bereich vermieden werden und die Freiheit persönlicher Entscheidungen gewahrt bleiben;
> bedingungslos soll das von uns geforderte Grundeinkommen deshalb sein, weil wir in einem Grundeinkommen ein BürgerInnenrecht sehen, das nicht von Bedingungen (Arbeitszwang Verpflichtung zu gemeinnütziger Tätigkeit geschlechter-rollenkonformes Verhalten etc) abhängig gemacht werden kann.
Das bedeutet:
> Arbeits-unabhängig: mit Grundeinkommen ist weder eine Kontrolle unbezahlter Arbeit, noch eine Verpflichtung zur Erwerbsarbeit verbunden. Die ethische Verpflichtung zu sinnvoller Tätigkeit ist damit nicht aufgehoben, gleichzeitig soll deutlich werden, dass Arbeit nicht einfach mit Erwerbstätigkeit gleichgesetzt werden kann;
> ohne Armutsfalle: Leistung drückt sich keineswegs nur in Geldeinkommen aus. Trotzdem soll Grundeinkommen so gestaltet sein, dass jedes zusätzliche Einkommen das verfügbare Einkommen erhöht;
> demokratisch: die Inanspruchnahme von Grundeinkommen darf nicht diskriminierend sein, deshalb >> müssen es alle Mitglieder der Gesellschaft bekommen.  

Grundeinkommen

***

Erich Fromm: Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft.
Erich Fromm: Die Kunst des Liebens.

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Abschied vom Vater-Namen? http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/04/abschied-vom-vater-namen/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/04/abschied-vom-vater-namen/#comments Tue, 28 Apr 2020 06:06:13 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15642

Ich gebe zu, ich bin in meiner persönlichen emotionalen Corona-Verfasstheit an einem Punkt angekommen, an dem ich die einschlägigen Nachrichtenseiten mehrmals am Tag nach Neuigkeiten durchforste, die nichts mit dem aktuellen Ausnahmezustand zu tun haben. Das gestaltet sich öfter schwierig. Umso euphorischer war ich, als ich vor zwei Wochen auf folgende Nachricht gestoßen bin: Eine Expertenkommission der Bundesregierung hat Empfehlungen für Reformvorschläge des Namensrechts veröffentlicht. Zu den Vorschlägen gehört, dass Menschen ihren Vor- und Nachnamen in Zukunft ändern können sollen, ohne einen anderen Grund dafür angeben zu müssen, als den, dass sie sich das wünschen. Das Ganze soll natürlich nicht komplett ohne Einschränkungen laufen, aber wenn mensch das nicht alle Nase lang macht und außerdem nicht, um sich irgendwo „aus der Affäre“ zu ziehen, soll es möglich sein.

Ich habe mich bei der Gelegenheit an die Erfahrung eines Freundes erinnert, der als Jugendlicher eine Zeit in Thailand verbracht hatte. Als er einige Jahre später noch einmal ins Land reiste, hatten fast alle seiner damaligen Freund*innen inzwischen einen anderen Namen. Viele Thailänder*innen legen sich neben dem eigentlichen Geburtsnamen einen Spitznamen zu, der aber je nach Kontext und auch Lebensalter meist von der ihn tragenden Person geändert wird. Diese Spitznamen treten an die Stelle des eigentlichen Vornamens und werden als Rufnamen genutzt. Für meinen Freund eine seltsame Erfahrung, dass Menschen mit ihrem Namen nicht dauerhaft zu identifizieren sind. Eigennamen fungieren in unserem kulturellen Kontext als Identitätsgarant, also als Garantie dafür, dass ein Mensch heute derselbe ist wie gestern und wie morgen. Das ist wichtig, z.B. wenn jemand heute eine Straftat begeht oder sich morgen Geld leiht. Dann ist es entscheidend, dass dieses Schuldverhältnis, das er*sie damit zu anderen eingeht, zweifelsfrei demselben Menschen zuzuordnen ist. Aber dass der gleichbleibende Name eines Menschen im Grunde Teil seiner*ihrer Beziehung zu anderen Menschen ist, vielleicht deshalb sogar in mindestens ebensolchem Umfang den Mitmenschen wie einem*r Namensträger*in selbst „gehört“, scheint für alle möglichen Beziehungshandlungen als wichtig erachtet zu werden. Der Roman „Stiller“ von Max Frisch thematisiert den Versuch und letztlich das Scheitern eines Menschen, sich von einem Namen zu lösen.

Und doch ändern nach gegenwärtigem Namensrecht ständig Menschen ihren Namen, und zwar in den allermeisten Fällen Frauen. Ich musste ein bisschen im Archiv von Antje Schrupps Blog kramen, um ihren Artikel „Im Namen des Mannes“ (https://antjeschrupp.com/2010/05/11/im-namen-des-mannes/) noch mal wiederzufinden, den ich vor einigen Jahren gelesen habe. Sie teilt darin, unterfüttert von Statistik, ihre Irritation darüber, dass trotz der Reform des Namensrechts 1994 bei der Eheschließung die allermeisten Frauen den Namen ihres Mannes annehmen. Auch ich teile diese Irritation nach wie vor. Es gibt dafür auf der individuellen Ebene sicher viele, auch gute Gründe. Für den ernüchternden statistischen Befund gibt es nur ernüchternde Gründe. Für mich persönlich war ein starkes Gefühl von „Ich-bin-Ich“, also Selbstidentität, der Grund, weshalb ich mir eine Änderung meines Nachnamens nie hätte vorstellen können. Beunruhigt hat mich aber nachhaltig Antjes zweite Beobachtung, dass selbst in den Ehen, bei denen Mann und Frau ihren jeweiligen Geburtsnamen behalten, die Kinder eigentlich immer den Vater-Namen bekommen. Nun kann ich aus meiner Privatempirie sagen, dass ich tatsächlich Ausnahmen kenne. Aber, und jetzt kommts: Ich gehöre nicht dazu. Mein Kind trägt den Vater-Namen. Und ich bin damit nicht glücklich. Dabei hat sich meine Meinung zu dem Thema verändert. Sehr lange war ich trotz des beschriebenen Umstands, dass eine Namensänderung für mich selbst nicht in Frage kam, der Meinung, ein Kind von mir ist ein neuer Mensch, kann also auch einen neuen Namen haben. Die Krux ist ja aber gerade, dass der Name nicht neu ist, sondern eben der Vater-Name. Und als ich dann schwanger war, sah ich das alles auch schon sehr anders. Mein Körper, meine Schwangerschaft, mein Kind, mein Name. Am Ende hat das Los entschieden, und ich habe verloren. Damit kann ich meistens leben. Das Kind ist nun schon sehr viel länger auf der Welt, als es in meinem Bauch war, die Papa-Beziehung ist nicht weniger wichtig als die Mama-Beziehung, und da eben nicht beides geht, ist eine Losentscheidung irgendwie fair. Es bleibt aber der Groll darüber, dass es ja im Ergebnis nichts ändert – mein Kind trägt den Vater-Namen und damit die patriarchale Namenstradition des Machtanspruchs von Väter-Männern und der Unsichtbarkeit von Mütter-Frauen weiter.

Und nun schlägt die Kommission weiter vor, dass Familien und damit auch Kinder Doppelnamen tragen dürfen, es also möglich wird, einem Kind die Traditions-Identitäts-Linien von zwei Eltern mitzugeben. Das allein finde ich schon grandios. Aber zusammen mit der oben beschriebenen Möglichkeit für Menschen, ihren Vor- wie Nachnamen zu ändern, weil sie es wollen, eröffnet sich noch mehr: Wie das Beispiel der thailändische Freund*innen, aber auch von vielen Frauen und ein paar Männern zeigt, die ihren Geburtsnamen bei einer Heirat abgegeben haben, muss die Beziehung zwischen einem Menschen, seinem*ihrem Namen und seinen*ihren Beziehungsmenschen ja doch differenzierter funktionieren, als es der Identitätserhaltungssatz „Ich-bin-Ich“ ausdrückt. Durch die Möglichkeit, den eigenen Namen freier zu ändern, steht also auch nicht der komplette Identitätsverlust zu befürchten. Menschen verlieren bei Namensänderung weder ihre Identität noch ihre Beziehungen zu anderen Menschen. Die Annahme eines Ehenamens und Abgabe eines Geburtsnamens macht die familiäre Herkunftsidentität zwar auf Kosten der Beziehung zu der Person, mit der die Ehe eingegangen wird, unsichtbarer. Aber die Menschen verlieren de facto trotzdem nicht die Beziehung zu ihren Eltern und Geschwistern. Die Tradition des Ehe(mann)-Namens und des Vater-Namens gehören zur symbolischen Ordnung des Patriarchats, und sie sind wirksam. Frauengenealogieforschung ist ungleich komplizierter, Wissenschaftlerinnen sind schwieriger mit Teilen ihres Werkes zu verknüpfen, Enkelinnen schwieriger mit ihren Großmüttern. Aber: Frauen haben auch nach einer Namensänderung Eltern, Geschwister und wissenschaftliche Karrieren. Sie haben daneben auch wichtige Freund*innen, sind Vereins- und Parteimitglieder und haben Stammkneipen. Identitäten sind komplex in einer Weise, wie sie ein Name und auch fünf Namen nicht abbilden können. Und komplex bleiben auch die Identitäten von Frauen und anderen Menschen, die einen Geburtsnamen abgeben und_oder diesen nicht an ihre Kinder weitergeben. Sie gehen eben nicht völlig in den Besitz des Patriarchen und Namenslassers über.

Also ist die Sache mit den Namen im Grunde egal und deshalb auch nicht reformbedürftig? Nicht ganz, wie die überwiegende Mehrheit der Frauen zeigt, die ihren Namen bei Eheschließung abgeben und_oder nicht an die eigenen Kinder weitergeben. Wäre es wirklich egal, wäre das Geschlechterverhältnis hier in etwa ausgeglichen.

Was also können nun diese Reformen bewirken? Ich denke zweierlei: Zum einen, die theoretische Abkehr von der Fetischisierung der männlichen Namensidentität. Nicht nur Frauen-Subjekte fallen nicht auseinander, wenn sie nicht immer den gleichen Namen haben und diesen nicht weitergeben. Auch Männer können in sich integre Personen und Staatsbürger sein, selbst wenn sie heute Klaus Müller, morgen Klaus Maier und sagen wir in 10 Jahren Peter Maier heißen . (10 Jahre wollen die Expert*innen dann doch als Kontinuitätsgrenze behalten…) Zum anderen und damit verbunden entsteht für den*die Einzelne praktisch eine größere Freiheit im Ausdruck der eigenen Identität, in der sich wiederum auch die Gestaltung seiner*ihrer Beziehung zu anderen Menschen ausdrückt. Ich hätte bspw. als junger Mensch die Möglichkeit, den Prozess des Erwachsenwerdens und der Ablösung von meiner Herkunftsfamilie nicht nur durch eine ungewöhnliche Berufswahl zu unterstreichen, sondern mir, sagen wir, auch einen Vornamen zuzulegen, der weniger das Milieu meiner Eltern und die Mode meiner Geburtsjahrgänge als meine eigenen Vorlieben und Wünsche für die Zukunft spiegelt. Vielleicht stimmt auch die geschlechtliche Zuschreibung nicht mehr. Vielleicht begegnet mir im weiteren Leben tatsächlich ein Mensch, dem ich mich so eng verbunden fühle, dass wir diese Verbundenheit durch einen gemeinsamen Nachnamen, den wir aus unseren beiden Nachnamen zusammenbasteln, Ausdruck verleihen möchten. Den Vornamen eines geliebten Menschen trage ich nach dessen Tod als zweiten Vornamen weiter. Aus beruflichen Gründen wähle ich irgendwann einen Nachnamen, der in dem Land, in dem ich nun lebe, besser verstanden wird. Und dann komme ich an einen Punkt in meinem Leben, an dem meine Herkunftsfamilie wieder einen wichtigen Platz einnimmt, ich also meinen „Mädchennamen“ wieder hinten mit einem Bindestrich dranhänge.

Mit dem Recht auf die Bestimmung des eigenen Namens gewinnen Menschen die Freiheit, selbst auszudrücken, ob sie nach jemandem oder mit jemandem benannt sein möchten, und wie das Ich für andere Menschen ansprechbar sein soll.

Die Veränderungen des Namensrechts sind bislang nur Vorschläge, und es gab wenig Aufmerksamkeit und natürlich auch schon Kritik. An eine gesetzliche Umsetzung wird sich, wenn überhaupt, erst eine neue Bundesregierung ab Herbst 2021 machen. Und dass ein verändertes Recht die gängige Namenspraxis tatsächlich tiefgreifend verändert, muss mit einem historischen Blick auf die Hartnäckigkeit von Namenstraditionen eher bezweifelt werden. Trotzdem glaube ich, dass eine Umsetzung dieser Vorschläge Freiheit schafft für vorwiegend, aber nicht ausschließlich Frauen. Ein weiterer Vorschlag bezieht sich auf geschlechtlich differenzierte ausländische Familiennamen, bei denen gegenwärtig die weibliche Form im Deutschen einfach gestrichen wird. Auch dieses zwangsläufige Unsichtbarmachen von weiblicher Identität könnte bald Geschichte sein.

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Das Gespür für die notwendige Vermittlung http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/04/das-gespuer-fuer-die-notwendige-vermittlung/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/04/das-gespuer-fuer-die-notwendige-vermittlung/#comments Sat, 25 Apr 2020 13:33:25 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15627
Auf dem Markt des Glücks

Wenn ein Land militärisch sehr viel stärker geworden ist als seine Nachbarn, geschieht es immer wieder, dass ihm die Fähigkeit zu einer guten Außenpolitik verloren geht, es macht schlimme Fehler und lernt nichts daraus. In der Antike wurde das mit einer gefährlichen Arroganz erklärt, die zu Dummheit führe, was als Strafe der Götter interpretiert wurde.

Luisa Muraro hat eine andere Erklärung: Im Besitz bedrohlicher Machtmittel zu sein, verführt dazu, die Arbeit der notwendigen Vermittlung nicht mehr für nötig zu halten, die unter der vorherigen Bedrohung durch einen Gegner getan werden musste. Und so wird einfach damit aufgehört, nach Worten zu suchen, die von der Gegenseite verstanden werden könnten und die vielleicht sogar zu einer Einigung führen könnten. Das geht so weit, dass ein Denken vorherrscht, in dem der Standpunkt des Anderen nicht mehr verstanden und auch nicht mehr vorhergesehen werden kann. Und schließlich denkt man die Welt so, als würden die Anderen gar nicht existieren. Als Muraro die vielen Nachrichten über den 11. September 2001 hörte und las, war sie besonders betroffen von der, dass die Regierung der Vereinigten Staaten erst nach dem Terroranschlag bemerkte, dass sie keine Übersetzer aus dem Arabischen beschäftigte. 

Muraros Erklärung zum Verlust der Vermittlungsfähigkeit hat den Vorteil, dass sie auch dann zutrifft, wenn es keine Überlegenheit über die Anderen gibt. Jene Dummheit trete aus sehr unterschiedlichen Gründen auf, aus Unsicherheit, Einsamkeit und Angst beispielsweise, und sie bedeute, dass aufgehört wird, nach Worten zu suchen, die zum Ausdruck bringen könnten, was dem jeweiligen Menschen geschieht, was er oder sie fühlt, wahrnimmt und will. Gesprochen wird nur noch mit Floskeln und Wiederholungen dessen, was andere gesagt haben, oder es wird gar nicht mehr gesprochen. Jene Menschen verzichten darauf, sich in einen größeren Zusammenhang zu stellen, in dem es auch noch andere Menschen gibt und solche Dinge wie beispielsweise den Wechsel der Jahreszeiten. Das kann sehr früh im Leben geschehen, oft schon in der Grundschule. 

Auch wenn Muraro ein paar Gründe genannt hat, wie es zu jenem Verlust kommen könnte, hat sie eigentlich keine Ahnung, warum die sprachliche Intelligenzentwicklung bei bestimmten Menschen zum Stillstand kommt. Es könnte auch eine Art Resignation sein, weil die Vermittlung, die immer notwendig ist, niemals ausreicht. Die Arbeit der notwendigen Vermittlung beginnt mit dem Sprechenlernen und wird wieder aufgenommen beim Erlernen des Lesens und Schreibens. Man müsse anerkennen, meint Muraro, dass das Erlernen der alphabetischen Schrift entmutigend sei, dass es eine ungeheure Mühsal bedeute, bis man schließlich die Früchte der Anstrengungen ernten könne. Sie zählt auf, was sie alles konnte, als sie in die Schule kam, und das sei dann alles plötzlich nichts mehr wert gewesen. Geholfen hat ihr die Freude an der Schönschrift. Es sei so wichtig, dass die Grundschullehrkräfte darauf achten, dass keines der Kinder zurückbleibt und aufgibt.

Da in den feministischen Gruppen der 1970er-Jahre sehr viel gestrickt wurde, stellte Muraro sich vor, die Wollknäuel in den Taschen seien beim Aufziehen der Maschen alter Kleidungsstücke entstanden, so wie es in ihrer Kindheit war, in einer durch den Krieg verarmten Region. Und deshalb wählte sie das Bild vom Maschen-Aufziehen für die Arbeit der notwendigen Vermittlung, um zu zeigen, dass das Material aus der Vergangenheit wiedergewonnen werden muss, bevor das Leben neu beginnen kann. Der wahre Anfang kommt als etwas Zweites, nach etwas, das schon da war, das vor dem Verlorengehen gerettet worden und neu präsentiert worden ist, indem es in die Möglichkeit des Seins eingeschrieben, ins Sein gebracht wird.

„Vermittlung“ ist ein klassisch philosophischer Begriff, es gibt jedoch auch große DenkerInnen, die von einer „Wiederaufnahme“ oder „Wiederbelebung“, von einer „Reprise“  sprechen. Vielleicht wollen sie damit auch daran erinnern, dass das Ergebnis nicht garantiert ist und auch nicht ein für alle Mal gewonnen wird, sie wollen sich also von jeder Art von „euphorischem verbalen Optimismus“ (Elvio Fachinelli) distanzieren. Für Luisa Muraro macht die unterschiedliche Bezeichnung hier keinen substanziellen Unterschied. Für sie ist die Wiederaufnahme dasselbe wie Vermittlung. Beide haben gemeinsam, dass sie die Vergangenheit rehabilitieren und sie neu darstellen, wodurch sie sie in die Gegenwart holen, lebendig und verfügbar machen und wieder in Umlauf bringen. Und das bezieht sich nicht nur auf die Vergangenheit, sondern auf alles, was dazu verdammt war, ein Nichts zu sein.

Dem Begriff der Vermittlung ist auch eine religiöse Bedeutung aufgepfropft worden, und zwar in Form der christlichen Tradition von Jesus Christus, dem Vermittler zwischen Gott und den Menschen, dem Retter der Menschheit und der ganzen Schöpfung. Zu diesem Thema kam Simone Weil immer wieder zurück, mit Verzweigungen, die sich über ihre ganze philosophische Forschung erstrecken. Die religiöse Sprache habe im Allgemeinen die Gabe, vor allem wenn sie von der Kunst begleitet werde, dem, was Muraro „Arbeit am Symbolischen“ und „notwendige Vermittlung“ nennt, eine dramatische Intensität zu verleihen. Muraro betont aber, die religiöse Sprache könne hilfreich sein, doch sie ersetze nicht die Aufgabe, in erster Person nach Worten zu suchen. Die Heiligen hätten immer nach den passenden Worten gesucht, doch die Priester täten das nicht und könnten dies auch nicht lehren. Stattdessen lehrten sie, sich gut zu benehmen, ohne die Arbeit der Vermittlung weiterzuführen. Ihnen fehle die Erkenntnis, dass beides nur zusammen möglich sei oder zusammen scheitere. Eine Moral, die nicht die Kraft der Vermittlung zwischen mir und mir und zwischen mir und der Welt hat, taugt nichts. Sie ist nicht praktikabel und überzeugend.

„Vermittlung findet statt, wenn die Worte, die ich finde, um meine Erfahrung auszudrücken, mich diese Erfahrung so wahrnehmen lassen, wie ich es vorher nicht konnte, mir ermöglichen, sie besser zu sehen, als sie mir zunächst erschien, sie mich akzeptieren und annehmen lassen, wie ich es vorher nicht konnte. Die Vermittlung, genauso wie die Wiederaufnahme, reduziert sich nicht auf eine Reproduktion oder eine Wiederholung, sie aktiviert einen Kreislauf und erweckt ein Mehr. Das zeigen viele Beispiele, positive und negative“ (S.122). 

Um jenem „Mehr“ einen Wert zuzusprechen, wurde früher und wird auch noch heute auf Bezeichnungen wie Wahrheit, Gerechtigkeit und Güte zurückgegriffen. Muraro hat es sich, soweit sie dazu in der Lage ist, zur Aufgabe gemacht, jene Worte vor dem leider allzu häufigen Missbrauch zu schützen und damit auch vor dem daraus folgenden Misstrauen gegenüber solchen Begriffen. Für Muraro geht von diesen Worten eine Resonanz auf die stumme Bitte um Rettung aus, die in erster Linie von den Dingen kommt, aber auch von den Menschen. 

Vermittlung ist nicht notwendigerweise das Werk besonders kluger Köpfe und besteht auch nicht notwendigerweise in großen Werken oder gehobenen Diskursen. Sie kann einfach nur ein Gefühl sein, das von einem flüchtigen Gedanken begleitet ist, von einem halben Wort wie jenem, das einem beim Aufwachen am nächsten Morgen nach einem Einweihungsfest oder einer wichtigen Zeremonie einfällt: Jetzt fängt es wirklich an, ich bin eine Schülerin, eine verheiratete Frau, ein Priester, ich habe die Verantwortung für eine Firma, ich werde nicht zurücktreten … Manche Erfahrungen müssen Jahr um Jahr warten und unzählige Male wiederholt werden, sie können wie tief verschüttet sein, bevor sie auf einen Dialog stoßen, der sie in das Gegenwärtige einmünden lässt. Zu wieder anderen werden die passenden Worte blitzschnell gefunden. Manchmal muss man, um bestimmte Worte zu finden, darauf warten, dass eine Sprache und ein Kontext dafür geschaffen werden. So geschah es bei den Treffen zwischen feministischen Frauen, die voller Worte und Schweigen waren.

Die Sprache, die wir normalerweise sprechen, ist ein ständiges Sich-Bilden, Sich-Auflösen, Sich-Neu-Bilden, denn sie arbeitet immer an der Vermittlung, häufig ohne dass uns das bewusst ist. Aber in manchen Phasen, in bestimmten Epochen und in bestimmten Kontexten geschieht das mit einer solchen Intensität, dass wir beinahe den Lärm ihrer Betriebsamkeit hören können. 

Als lebendig gilt eine Sprache in dem Maße, „wie sie den Kreislauf aktivieren kann, der sie selbst ist, den Kreislauf zwischen dem unmittelbaren und vermittelten Sprechen, der Erfahrung, die das Bewusstsein weckt, und dem Bewusstsein, das die Erfahrung erhellt, in einem kontinuierlichen Wechsel der jeweiligen Ausgangspunkte, wobei keiner davon eine Vorrangstellung bekommt“ (S. 123). Innerhalb eines solchen Kreislaufs lernen wir sprechen und beginnen, „ich“ zu sagen. Bekannterweise erscheint das „ich“ spät in der kindlichen Sprache, und doch ist es dieses „ich“, das von da an immer im Hintergrund des sprachlichen Kreises auftaucht wie ein ununterdrückbares Trugbild. 

Wenn manche Menschen Erzählungen über die Vergangenheit hören, in denen sie sich nicht wiederfinden, protestieren sie und sagen: „Aber ich war doch dort“. Sie berufen sich dabei auf die eigene Erfahrung im Namen jenes Kreislaufs der Vermittlung, in dem sich, wie wir nie vergessen sollten, das unmittelbar Erlebte immer weiter repräsentiert. Es geht ihnen also nicht um eine Erinnerung oder um eine eingeforderte Identität, sondern um ein Mehr. Etwas von ihnen hat sich im Zentrum des Kreislaufs niedergelassen, und dessen unvergleichlichem Leuchten kann das Vergehen der Zeit nichts anhaben. Wer solche Erfahrungen macht, die sich nicht im Raum-Zeit-Gefüge des alltäglichen Geschehens einordnen lassen und sich nicht mit gewöhnlichen Worten abfinden, verliert dieses „Mehr“ also nicht durch das Vergehen der Zeit, doch durch Einsamkeit kann es durchaus verloren gehen. 

Luisa Muraro erzählt dazu eine Erinnerung aus ihrer Kindheit: Ein entfernter Verwandter kam aus einem deutschen Gefangenenlager, wo er zweimal knapp dem Tod entronnen war, und trat durch die Hintertür ins Haus, die direkt in die Küche führte, wo Muraros Mutter gerade eine Mahlzeit zubereitete. Mit lauter Stimme sprach er über seine Erlebnisse – „die Erlebnisse eines ins Leben Zurückgekehrten“ könnte man sie nennen – und zog schließlich ein Stück dunkles Brot aus seiner Tasche, das er sich trotz des Hungers aufgespart hatte, das hielt er hoch wie eine Hostie. Muraros Mutter hatte weder Lust noch Zeit, ihm zuzuhören. Schließlich merkte er das, verstummte und ging weg. So ging es wohl sehr vielen Menschen, die am Ende des zweiten Weltkriegs gebraucht hätten, dass ihnen jemand zuhört, als sie sich selbst und den anderen Menschen erklären wollten, wie es kam, dass sie noch am Leben waren.

Im Gegensatz zu jenem Leid erinnert Muraro sich an die Freude in den feministischen Bewusstwerdungsgruppen, als die Frauen damit begannen, Erfahrungen einer Herrschaft in Worte zu fassen, die sie bis dahin erlitten und über die sie geschwiegen hatten, von denen sie sogar noch nicht einmal etwas gewusst hatten, genauso wenig wie über ihre Wünsche und Sehnsüchte. Es war ein großes Glück, dass sie sich über ihre Erfahrungen und die fehlenden Worte dafür austauschen konnten. Muraro erinnert sich an den „Tanz des Wörtchens ich, der sich von der einen zur anderen verlagerte, wie es dieses Pronomen immer tut, wenn mehrere Menschen miteinander sprechen, ohne einer vorgefassten Ordnung zu folgen. Doch das würde noch nicht für einen Tanz ausreichen. Zum Tanz kam es, weil das Wort ich von einer zur anderen wanderte, ohne zu demselben Ort, derselben Rolle oder derselben Identität zurückzukehren, da sich ja von einem Übergang zum nächsten die Positionen schon verändert hatten“ (S.125). Anders als bei einer Pluralität von schon Gedachtem kam es dabei zu einer Beweglichkeit des Geistes, die dann vorhanden ist, wenn eine Person aufhört, sich an der Übereinstimmung mit etwas schon Gedachtem oder einem Sagen-Müssen auszurichten, und stattdessen die Erfahrung zum Motor des Denkens macht. Was dann allmählich sichtbar wird, ist nicht mehr die Welt der schon abgeschlossenen Vermittlungen. Wenn gerade eine solche Beweglichkeit im Entstehen ist, kündigt sich das durch ein großes Schweigen an. Muraro erinnert sich tatsächlich auch an diese Schweigephasen, die so tief waren, dass darin das Rauschen der Gedanken zu hören war.

Was Muraro hier beschreibt, ist keineswegs die Entdeckung von etwas, das sich hinter dem Ich verborgen hatte. Es ist eine Art Sich-Lösen von etwas Festgezurrtem, das einer Bewegung zum Leben verhilft. Mit dem gemeinsamen In-Bewegung-Kommen von Dingen und Worten, ohne vorher festgelegte Positionen und ohne Prioritäten, kommt die Subjektivität ins Spiel (im Italienischen gibt es auch den Ausdruck mettersi in ballo: die Tanzfläche betreten). „Ins Spiel kommen“ bedeutet immer auch, „sich aufs Spiel setzen“, also aus einem geschützten Raum heraustreten und sich vorbehaltlos der Veränderung aussetzen, die gerade im Gange ist. Jenem „Tanz“ oder „Spiel“ gaben die Diotima-Frauen den Namen Von-sich-selbst ausgehen (partire da sé). Damit ist Folgendes gemeint: „Auf den objektiven Standpunkt von außen verzichten, um sich in die jeweilige Realität hineinziehen zu lassen. Sich dabei von sich selbst lösen (das Ausgehen von etwas, also das Losgehen, ist ein Sich-Lösen vom vorherigen Ort), um sich in die Bewegung der Veränderung von sich selbst und der Sprache hineinzubegeben, wobei das eine vermittels des anderen geschieht“ (S. 126). Das heißt: Die Selbstveränderung geschieht durch die Sprache und die Veränderung der Sprache durch die Selbstveränderung. 

In der Linguistik wird unter linguistischer Kompetenz die Autorität verstanden, die denen zugesprochen wird, die in einer bestimmten Sprache aufgewachsen sind. In Analogie dazu gibt es auch eine symbolische Kompetenz, mit dem Unterschied, dass hier im sprachlichen und nicht-sprachlichen Kontext Autorität ausgeübt wird, mithilfe der Fähigkeit, Dinge und Worte zusammenzubringen und sich selbst mitten hinein zu begeben und sich dabei auch selbst aufs Spiel zu setzen. Das meint Muraro, wenn sie vom Sinn oder dem Gespür für die notwendige Vermittlung spricht, andere sprechen vom Verantwortung-Übernehmen. Dabei wird ein spezieller Zusammenhang hergestellt, der nicht logisch ist, weil er nicht nur die Beziehungen zwischen den Worten in Betracht zieht, sondern auch die zwischen Dingen und Worten. Und diese Beziehungen können nur stabilisiert werden, wenn man sie nicht festlegt, so wie beim instabilen Gleichgewicht des Radfahrens oder Seiltanzens, das dort ja ebenfalls die Voraussetzung für Mobilität ist.

Um verständlich zu machen, was mit symbolischer Kompetenz gemeint ist, erzählt Muraro von einer alten Frau, die diese Kompetenz in ihrer Nachbarschaft ausübte. Manchmal kommentierte sie nur, was geschah, manchmal urteilte sie oder gab denen einen Rat, die sich mit der Bitte darum an sie wandten. Das tat auch ein junges Ehepaar, das gerade ein schwer krankes Kind bekommen hatte. Sie sagte: „Wenn es leben will, bringt es ins Krankenhaus, wenn nicht, lasst es gehen“ (S. 127). Muraro zufolge ist dabei bemerkenswert, dass dem Kind das Wort gegeben wird, das dann von den Eltern interpretiert wird und zu einer Entscheidung führt, was die Schuldgefühle der Eltern mildern kann.

Heutzutage erwarten viele Menschen, so Muraro weiter, vom Recht, von der Ethik und von den Naturwissenschaften Antworten auf Fragen, die durch Situationen entstanden, die noch nicht einmal versuchsweise in Worte gefasst worden sind. Dabei geht es um schwerwiegende Fragen zum Beginn und zum Ende des Lebens, zu dem, was dabei bestimmend oder hinderlich ist, zur Verantwortlichkeit der Einzelnen und der Gemeinschaft. Es sind Probleme, zu denen die alten Formulierungen verlorengegangen sind, zusammen mit der symbolischen Kohärenz einer Welt, die etwa bis zu Muraros Kindheit dauerte.

Muraro hält es für nutzlos und meint, es führe auf Abwege, wenn in festgefügten sprachlichen Werken, beispielsweise in Gesetzestexten, nach Antworten gesucht wird, wobei die Arbeit der Vermittlung zwischen Menschen in Fleisch und Blut übersprungen wird. Denn nur bei dieser Tätigkeit werden wir dazu gebracht, aufs Neue und besser über die Beziehung zwischen denen, die wir durch unsere soziale Identität sind, und unserem Sein als lebendige und begehrende Körper in dieser Welt nachzudenken. Die Fachsprachen haben schon ihre jeweilige Nützlichkeit, aber sie werden auf schlechte Weise genutzt, wenn nicht bedacht wird, dass es ihnen nicht entspricht, die Worte des originarium einzubeziehen, das „hier“ und „jetzt“, „du“ und „ich“. Und daher erleichtern sie nicht die Verknüpfung der Sprechenden mit ihren Erfahrungen und verhindern die Möglichkeit der Erneuerung sowohl für die Sprache als auch für die Sprechenden. So kommt es, dass wir uns mit vielen auf absurde Weise präzisen Antworten auf schlecht oder gar nicht formulierte Fragen wiederfinden. Es wird auf Werte gepocht, ohne diese im Austausch mit seines- oder ihresgleichen herauszuarbeiten, es kommt zu einer Frontenbildung und ideologische Unterschiede schieben sich vor das tatsächlich gelebte Leben. 

Nicht bedacht beim Gebrauch von Fachsprachen wird auch, dass sich menschliches Leben unentwirrbar aus Natur, Geschichte und unvorhersehbarem Geschehen zusammensetzt. Es gibt Lebensläufe, die schon vor ihrer biologischen Datierbarkeit beginnen, im Begehren, in Träumen und in Prophezeiungen, während es bei anderen schwierig ist, einen Anfang zu finden. Nicht bedacht wird zudem, dass das Ja jeder einzelnen Frau ein notwendiger Übergang ins Leben ist. Das Leben ist von sich aus ein Prozess ohne Beginn und ohne Ende, das seinen Rhythmus durch Sprünge und Übergänge bekommt.

Am Beginn eines menschlichen Lebens steht ein symbolischer Akt. Bei den alten Römern nahm ihn der pater familias vor. Nach christlicher Lehre beginnt das menschliche Leben, wenn Gott die Seele des ungeborenen Kindes erschafft. „Und was sagen wir?“, fragt Muraro. Wenn wir die Antwort darauf ohne die Arbeit der notwendigen Vermittlung finden wollen, kommen wir in richtige Sackgassen. „Wann können wir davon ausgehen, dass jemand tot ist?“, wird gefragt, doch für besser hält Muraro die Frage: „Wann sollen wir ihn oder sie gehen lassen, bis wohin können wir ihm oder ihr folgen, wo müssen wir mit unseren Bemühungen aufhören? Wir sollten auf die Bitten der sterbenden Person hören, denn Sterben ist ihr Wagnis, nicht unseres. 

Persönlich in etwas verwickelt zu werden, wird immer mehr vermieden. Wenn die Antworten in den Gesetzbüchern zu finden sind, wie man uns ständig glauben lässt, wird sich ja auch niemand mehr einmischen wollen. Wer wird die Fragen stellen, wenn wir uns alle aus der Verantwortung stehlen? Wenn die Antworten an die Fachsprachen delegiert werden, sind sie nicht mehr mit dem Kreislauf der großen Vermittlung verbunden, der auch den nicht-sprachlichen Kontext einbezieht (und damit das bildet, was „Welt“ genannt wird). Dadurch verlieren wir den Sinn für die Realität und damit jegliche Orientierung. 

Nach Jakobson ist es das symbolische Handeln, das in uns den Sinn für die Realität nährt. Ohne symbolisches Handeln geschieht das, was wir jetzt schon wahrnehmen: Alles wird vorgetäuscht, und schließlich glauben wir, dass alles vorgetäuscht werden könne. 

Als der Bürgermeister von Muraros „reicher Stadt“ (Mailand) mitten im Winter anordnete, die Luftschächte der Metro mit scharfen Spitzen zu überbauen, angeblich um die Schönheit des Stadtbilds zu erhalten, weil dadurch Wohnungslose daran gehindert werden konnten, sich nachts wie üblich dort hinzulegen und sich aufzuwärmen, wie sollte man das deuten? Dass die Einwohner ein Monstrum gewählt hatten? Oder vielmehr einen Dummkopf? Oder dass er, ihr rechtmäßiger Repräsentant, ihnen vorführen wollte, wie weit man sich schon vom städtischen Ethos entfernt hatte, was ihnen bis dahin noch nicht bewusst geworden war? Und was inspirierte ihn, der als mittelmäßig tüchtiger Mann bekannt war, den der Zufall in dieses Amt gehoben hatte, dazu, den diffusen Egoismus der Einwohnerschaft zu einem solchen Extrem zu verdichten, dass man sich wirklich schämen musste? War das auf seiner Seite eine zwar gewagte, aber im Grunde korrekte Interpretation des Auftrags derer, die ihn gewählt hatten, oder hatte er sich mit all seinem guten Willen des in der Öffentlichkeit stehenden Mannes schwerwiegend in der Interpretation vertan? War es ein politischer Fehler, ein Mangel an Ethik oder der Verlust der Orientierung? Schließlich löste sich alles auf durch ein allgemeines Erschrecken und Fremdschämen, das dann zur Zurücknahme der Anordnung führte.

Gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts gab es in der Philosophie eine „ethische Wende“. Viele begannen darüber nachzudenken, dass die Wirtschaft, die Politik und die Wissenschaften eine moralische Korrektur oder Ergänzung nötig hätten. Dafür gab es nach der Niederlage des Kommunismus mit seinen Plänen für soziale Gerechtigkeit, nach der Globalisierung der Märkte und der Kriege und der Hochentwicklung naturwissenschaftlicher Technik viele Gründe.

Aber niemand in diesem Umfeld scheint wahrgenommen zu haben, dass sich gerade ein weibliches Begehren zeigte, das darum kämpfte, eine Rolle zu spielen, und das sich selbst ins Spiel brachte. Oder es wurde in dem Ungleichgewicht nicht erkannt, das durch das Auftauchens eines Begehrens nach Freiheit, moralischer Ressourcen und eines Ansatzpunktes für Veränderung entstanden war. Stattdessen wurde nur eine Forderung nach Gleichheit wahrgenommen. Es wird behauptet, dass sich andere, beispielsweise diejenigen, die nach „Humanressourcen“ für den Arbeitsmarkt und für Machtpositionen suchten, hier nicht so sehr geirrt haben.

Als eine, die nicht an das Gutsein von guten Vorhaben glaubt, lässt sich Luisa Muraro in Theorie und Praxis von der Autorität leiten, die dem Leben der Sprache immanent ist. Erstmals lernte sie darauf zu hören während der Achtundsechziger-Zeit in ihrem Kampf um die Befreiung der Worte, dann trat sie in die Gemeinschaft der Frauen ein und nahm teil an einer Erforschung der Sprache, die sie damals „Welterschaffung“ nannten oder „die Welt zur Welt bringen“. Das Begehren nach Freiheit ist nicht der Wunsch nach einem Ding, das Freiheit genannt wird, sondern es ist das Begehren, sich frei ausdrücken zu können. Denn das Begehren spricht – von Natur aus, könnte man sagen – es will sprechen, und wenn es daran gehindert wird, spricht es trotzdem, in den Träumen und in bestimmten Symptomen. Die einzig wahre Autorität, die dem Begehren wirklich entspricht, ist die Autorität der Sprache und der Ausdrucksfähigkeit allgemein.

Die lebendige Sprache, die uns für unser Realitätsgefühl Orientierung bietet, tut das, ohne rational oder irrational, ohne logisch oder unlogisch, wahrhaftig oder falsch, gerecht oder ungerecht zu sein. Wie gelingt ihr das? Zweifellos durch uns, die wir sie sprechen, doch diese Antwort reicht noch nicht aus. Muraros Erfahrungen und Beobachtungen zufolge sind, wenn der Kreislauf der Entsprechungen zwischen Worten und Dingen funktioniert und diejenigen einbezieht, die sich zum Ausdruck bringen, keine kodifizierten Gesetze und Moralvorstellungen notwendig. Dagegen braucht jede soziale Ordnung, in der es keine symbolische Aktivität gibt, die alle einbezieht, ob sie das will oder nicht, bestimmte Auflagen, die sich in eine Form der Herrschaft verwandeln, und diese ruft wiederum unseren Widerstand hervor. Ohne jenen Kreislauf, der das wenige oder viele an Gerechtigkeit und Wahrheit hervorbringt, zu dem wir fähig sind und das uns akzeptabel erscheint, werden Wissen und Gerechtigkeit zu offenen Türen für eine willkürliche Macht, die darüber entscheidet, was wahr und gerecht ist, und das führt zu Formen der Irrealität und des Misstrauens.

Notwendig, aber nicht ausreichend sei die symbolische Arbeit, die dem Sein ermögliche, nicht ins Nichts zu fallen, die der Gerechtigkeit eine Stimme gebe und die Güte über den Egoismus siegen lasse. Muraro spürt der Bedeutung des „notwendig, aber nicht ausreichend“ nach: Was geschieht genau, weil die symbolische Arbeit nicht ausreicht? Die einfache Antwort lautet: das Ergebnis ist diese Welt. Sie ist das Ergebnis einer nicht ausreichenden Vermittlung, einer fehlenden Entsprechung zwischen den Dingen und den Worten, die laufend Überflüsse und Mangelsituationen hervorbringt. Die Vermittlungsarbeit ist wie eine Leiter, der die letzten Sprossen fehlen, wie ein Schiff, das wegen starker Strömung nicht anlegen kann. Warum das so ist, dafür fand Muraro mehr Antworten in den Märchen als in der Philosophie.

Der „große Platon“ entwickelte die Theorie, das Sein und genauso die Gerechtigkeit, die Güte und die Schönheit seien nicht von dieser Welt. Mithilfe der Mythen lehrte er, jenseits von dieser Welt gäbe es einen Himmel, in dem die Ideen, die uns Orientierung geben, auf vollkommene Weise gelten. Vor unserer Geburt hätten wir in diesem Himmel gelebt. Platon konzipierte also das Plus als ein Licht, das schon lange vor uns existierte und das unsere symbolische Arbeit unterstützt und ihr den Charakter einer Wiederaufnahme verleiht. Denn sie besteht nach dieser Theorie im Wesentlichen in der Arbeit, uns an unsere vergessene Existenz als Bewohner des Ideenhimmels zu erinnern.

Muraro „wagt es nicht“, Platon in diese Höhen zu folgen, auch wenn Denkerinnen, die ihr bei dieser Untersuchung am nächsten standen, dies taten: Simone Weil, Iris Murdoch und Cristina Campo. Stattdessen schlägt sie eine Antwort vor, zu der sie ein altes Buch chinesischer Philosophie angeregt hat, Die Kunst des Krieges von Sun Tzu (oder Sun Zi), das älter ist als die Werke des Konfuzius. Hier wird die Unvollkommenheit der Vermittlung nicht als Begrenztheit oder Mangel verstanden, sondern als Übergang, als eine weitere Möglichkeit, die uns angeboten wird und die, einfach nur weil sie da ist, den Blick auf die Dinge verändert. 

Dieses Buch „voller Weisheit“ richtet sich an einen General, der vor 2500 Jahren seine Armee in den Krieg führte. Doch die Lehre des taoistischen Meisters lässt sich Muraro zufolge auf viele Situationen anwenden, vom Geschäftsleben bis zu Liebesbeziehungen. Sun Tzu lehrt, die Konfliktsituationen mit den vorhandenen Mitteln zu meistern, durch Selbsterkenntnis und Wissen über den Gegner und die umgebende Welt. In der Sprache des Buches heißt das, den Krieg ohne schwere Schäden zu gewinnen, möglichst ohne überhaupt zu kämpfen und – noch besser – ohne dass der Sieg sichtbar wird.

Der Gehorsam des Generals gegenüber dem Kaiser wird in dem Text ständig betont. Aber im achten von dreizehn Kapiteln, in dem verschiedene Variationsmöglichkeiten des Kampfes aufgeführt sind, steht als eine der Varianten folgendes: „Es gibt Wege, die nicht gegangen werden dürfen, Heere, die nicht angegriffen werden dürfen, Städte, die nicht belagert werden dürfen, Positionen, die nicht durch einen Überraschungsangriff eingenommen werden dürfen und Befehle des Herrschers, die nicht ausgeführt werden dürfen“ (Su Tzu, zit. n. Muraro S. 132). Muraro betont, dass es hier nicht um einen Widerspruch zum übrigen Text gehe, in dem ja der Gehorsam unterstrichen wird, und auch nicht um eine Ausnahme, die die Regel bestätigt. So wie auch Simone Weil oft wiederholt, dass die notwendige Vermittlung eine Form des Gehorsams gegenüber der Notwendigkeit sei, steht auch hier außer Frage, dass es notwendig ist, den Befehlen des Kaisers unbedingt Folge zu leisten. Doch es kann auch vorkommen, dass das nicht gilt, was wir für gesichert hielten. Und der Autor des Textes will einfach nur, dass der General weiß, dass das vorkommen kann. 

Muraro zufolge zeigt Sun Tzu hiermit, dass die notwendige Vermittlung nicht ausreicht und dass man darüber sonst nichts wissen muss. Die Bedeutung dieses Rätsels wird aber erst in seiner Wirkung offensichtlich: Wenn wir den gedachten Ungehorsam als Möglichkeit präsent halten, wie es der taoistische Meister lehrt, wirkt das auf den Gehorsam zurück und macht aus gehorsamem Handeln ein freies Handeln. Denn jedes Mal, wenn der Bote des Kaisers mit dessen Befehlen kommt, kann er Befehle überbringen, die nicht befolgt werden dürfen. Und so trägt die Unterwerfung des Generals unter den Kaiser sowie unsere Unterwerfung unter die Notwendigkeit und die Notwendigkeit der Vermittlungsarbeit von Anfang bis Ende das Kleid der Freiheit.

Mit dieser „Variationsmöglichkeit“ bindet sich das Gleichgewicht, das in der Lage ist, bei der Suche nach Worten das Reale zu retten und mit dieser Arbeit etwas Wahres und Gerechtes zu schaffen, von jeglicher idealen, materiellen oder normativen Festlegung los und kann wieder in Bewegung kommen. Es wird zum instabilen Gleichgewicht des Seiltänzers und der Radfahrerin und erfüllt damit die Bedingung der symbolischen Kompetenz. Ebenso wie Muttersprachler in ihrer Sprache immer neue Sätze bilden können, passend zu den Kontexten und zu ihren jeweiligen Erfordernissen, was linguistische Kompetenz genannt wird, bedeutet symbolische Kompetenz, zu lernen, sich in der Welt zu orientieren, ihre noch nicht verwirklichten Möglichkeiten herauszulesen und umzusetzen. Dabei entdecken wir auch, wie wir verhindern können, dass die notwendigen Vermittlungen sich zu einem Herrschaftssystem verschließen. Dass sie nicht ausreichen, ruft unsere Freiheit auf, die Kraft und die Klugheit zu entwickeln, um einen Durchgang zu schaffen zwischen all dem, was schon entschieden, interpretiert und vorhergesehen ist auf der einen Seite und dem noch nicht auf der anderen. Also zwischen all dem, was von meinen Erfahrungen schon interpretiert ist, all dem, was schon definiert ist als etwas, das zählt, oder das stattdessen als unwichtig oder verachtenswert gilt, all dem, was schon durch Expertenwissen geklärt ist, all dem, was schon von den Mächtigen dieser Welt entschieden worden ist, in erster Linie hinsichtlich der Wirtschaft – und dem noch nicht. Und dieses noch nicht ist nur eine kaum sichtbare Spur, aber wenn wir ihr folgen, kommen wir an ein Meer, ja an einen riesigen Ozean von Möglichkeiten oder sogar an mehrere davon.

Um zu erklären, was sie mit einer lebendigen Vermittlung meint, schlägt Muraro ein Gedankenexperiment vor: „Denkt an all die Gerechtigkeit, die aus Respekt vor dem Gesetz nicht verwirklicht wird, an all die Freiheit, zu der die soziale Ordnung den Zugang versperrt, an all das Wissen, das aufgrund der Wissenschaften verloren geht, an all die Schönheit, die durch ästhetische Vorstellungen unsichtbar gemacht wird, an all die Liebe, die durch moralische Gesetze pervertiert wird, an all die Freuden und Genüsse, die wir durch die Technik verlieren“ (S.137). Anstatt darüber zu verzweifeln, könnten wir uns, wie Platon das lehrte, dem Wahren und Schönen, der Liebe, der Freiheit und der Freude zuwenden, mit der Sicherheit, dass das, was fehlt, irgendwo zu finden ist, vielleicht nicht im Ideenhimmel, aber in mir, als kleiner Lichtblitz, und ganz sicher auch im Geist der anderen. 

Mit folgenden Worten über die lebendige Vermittlung beendet Muraro das Kapitel und auch ihr Buch: Diese sei, „als gehe man als Schwangere durch die Welt, schwanger mit dem, was die Welt in diesem Moment tatsächlich nicht ist, nicht weiß und nicht kann. Oder, falls man den Blick dafür hat, als gehe man der Welt entgegen und könne wahrnehmen, dass sie schwanger ist mit ihrem Plus“ (ebd.).

Link zum Beginn der Serie

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Immer nur völlig kraftlos, müde und erschöpft http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/04/immer-nur-voellig-kraftlos-muede-und-erschoepft/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/04/immer-nur-voellig-kraftlos-muede-und-erschoepft/#comments Wed, 22 Apr 2020 19:35:40 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15615 Die Autorin erzählt, wie es ist, wenn der halbwüchsige Sohn plötzlich an ME/CFS erkrankt, einer Krankheit, von der die meisten Menschen gar nichts wissen.

Ich habe es häufig als sehr bereichernd empfunden, mit Kindern zu leben und gleichzeitig meiner Arbeit als Philosophin und Schriftstellerin, als Kursleiterin und Vortragende, als Auftretende und Vorlesende nachzugehen. Nicht immer konnte ich es auch genießen, denn es bedeutete viel Arbeit und viele Spannungen. Manchmal fühlte ich mich wie zerrissen, wenn ich aus einem Seminar in die Kindergruppe und dann nach Hause ging. Dabei habe ich jedoch viel darüber gelernt, wie wenig unsere Gesellschaft – trotz aller Beteuerungen – auf Kinder, und schon gar nicht auf deren Mütter eingerichtet ist.

Vor etwa zehn Jahren, 2009, begann ich, mit einem Teil dieser mütterlichen Verpflichtungen abzuschließen. Ich freute mich darauf, mehr Zeit für mein eigenes Tun zu haben, unabhängiger zu sein, wieder mehr meinen eigenen Tagesablauf leben zu können, länger an meinen Texten bleiben zu können. Unser jüngster Sohn besuchte damals die Oberstufe. Es bestand kein Anlass, daran zu zweifeln, dass er in zwei Jahren Abitur machen würde.

Kurz nach Schulbeginn Mitte September erkrankten kurz hintereinander unsere beiden Söhne an etwas, das wir für eine sehr heftige Grippe hielten. Länger als vierzehn Tage war noch niemand von uns am Stück krank gewesen. Als die beiden nach vier Wochen noch immer das Bett hüteten, wurden wir langsam unruhig. Blutuntersuchungen bestätigten den Verdacht auf das Eppstein-Bar-Virus. Das Semester begann und ich fuhr schweren Herzens, immerhin nur alle vierzehn Tage, nach München, wo ich mit Blick auf die neue Unabhängigkeit einen Lehrauftrag angenommen hatte. Das ging nur, weil es dem älteren zumindest so gut ging, dass er ein vorbereitetes Essen aufwärmen konnte. Die beiden verschliefen fast den ganzen Tag. In den wenigen wachen Stunden waren sie sehr schwach. Der Versuch des jüngeren, sich in die Schule zu zwingen, endete mit einem Zusammenbruch, glücklicherweise noch im Haus. Weihnachten waren sie noch immer nicht gesund.

Die Fahrt zum Hausarzt war eine Qual; beide waren extrem geräusch- und lichtempfindlich. Der Arzt meinte, da könne man wenig anderes tun als abwarten, verschiedene Zusatzstoffe ausprobieren, das Blut kontrollieren …; es war eine Zeit voller Unruhe und Sorgen. Wir hofften, sie würden einfach ihre eigene Zeit brauchen, um wieder gesund zu werden. Als es nach etwa einem Jahr dem älteren besser ging und er langsam wieder in das wachsen konnte, was wir für ein normales Leben halten, nährte das die Hoffnung, sein jüngerer Bruder würde ihm nachfolgen. Wie lange es tatsächlich dauern würde, das konnten wir uns damals nicht vorstellen. Wir wissen es auch heute noch nicht.

Der eigene Lebenskreis verengt sich – notgedrungen

Das Leben um uns herum stand und steht nicht still. Andere Menschen in unserem Umfeld und wir wurden ebenfalls krank und wieder gesund. Manche wurden auch nicht gesund und starben. Feste wurden gefeiert, Beerdigungen organisiert, Aufführungen standen bevor. Wann habe ich angefangen, das Leben ‚da draußen‘ als das ‚andere Leben‘ wahrzunehmen? Viele Termine konnte oder wollte ich nicht mehr wahrnehmen; manche Menschen hatten Verständnis für unsere Lage, andere nicht. Ich war gezwungen, mir ganz genau zu überlegen: Was ist wichtig für mich? Was möchte ich wirklich und von ganzem Herzen tun, und was ist entbehrlich? Dieselbe Frage musste ich mir für Freundinnen, Freunde und Bekannte stellen. Wer hat noch Platz in meinem Lebenskreis? Wer tut mir gut? An erster Stelle stand die Versorgung des Kranken – und auch für mich selbst zu sorgen, musste ich neu lernen.

Nach anderthalb Jahren war er immer noch krank, sein 18. Geburtstag lag hinter ihm. Ein mehrtägiger Versuch im darauf folgenden Sommer, gesund zu ‚spielen‘, endete wieder mit einem Zusammenbruch, von dem er sich einige Wochen lang erholen musste. An Rückkehr in die Schule war nicht zu denken. Dort wurden sie ‚langsam‘ ungeduldig. Jede übermäßige Anstrengung, und sei sie auch noch so klein – zum Beispiel ein längeres Gespräch –, verstärkte die permanenten Kopf- und Muskelschmerzen, die Schwäche. Schwindel und Herzrasen waren die Folgen. Hinzu kam, dass jede minimale Überanstrengung eine unverhältnismäßig lange Erholungszeit nach sich zog. Hausarzt, Ergotherapeutin, Psychotherapeutin, lange Gespräche mit befreundeten Ärzt*innen – niemand konnte wirklich helfen. Was könnte man tun? Blutuntersuchungen gaben wenig Hinweise. Heilpraktikerin, astrologische Beratung, Ernährungsberatung, Energiemedizin, wir probierten viel. Die meisten Menschen, mit denen wir sprachen, waren betroffen, engagiert, voller Ideen und doch ratlos. Ein Internist kannte sich etwas besser aus, konnte uns viel über den Stoffwechsel der Erkrankten erklären, doch die lange Liste an einzunehmenden Stoffen umzusetzen, war für den immer noch äußerst schwachen Patienten nicht möglich. Das meiste davon vertrug er nicht. Gab es überhaupt etwas, das er, das wir tun konnten?

Das Geräusch der Schnecke beim Essen

Mittlerweile hatte ich meine Mutter beerdigt und ein Jahr später meinen 50. Geburtstag gefeiert, groß, was ich noch nie getan hatte. Ich konnte ja nur noch sehr eingeschränkt verreisen und entschloss mich, all meine Freund*innen, Kolleg*innen und Verwandten zu mir zu holen und sozusagen mit einem weinenden Auge, aber doch zu feiern. Zu dieser Gelegenheit bekam ich das Buch „Das Geräusch einer Schnecke beim Essen“ geschenkt. Danke Ursula! Der Hausarzt hatte ein ‚Chronisches Erschöpfungssyndrom‘ diagnostiziert. Was das genau bedeutete, erlebten wir zwar, hatten aber letztlich keinen Begriff davon. Die meisten Ärzte übrigens auch nicht. Elizabeth Tova Bailey, die Autorin der ‚Schnecke‘ berichtet von einem Krankheitsverlauf, der uns sehr bekannt vorkam. Auch die Ratlosigkeit, die uns befiel, weil wir ‚nichts‘ oder wenn, dann nur sehr vorsichtig etwas tun konnten und können, kannten wir aus eigenen Erfahrungen. Die Langsamkeit der titelgebenden Schnecke war ein passendes Bild für den Lebensrhythmus, an den auch wir uns mit unserem Sohn hatten gewöhnen müssen.

Dieses Buch ist in erster Linie eine wunderbare Erzählung, für die die Erkrankung der Ich-Erzählerin / Autorin den Rahmen abgibt. Am Schluss fand ich wichtige Hinweise, allen voran im deutschsprachigen Raum den Verein Fatigatio e.V. Wir waren also nicht allein. Die Krankheit bekam einen Namen: ME/CFS. Es gibt Listen von Symptomen und eine Skala der Einordung von deren Schwere. Alles, was wir dort fanden, passte nur allzu gut auf den Zustand unseres Sohnes. Warum aber wusste niemand, mit dem wir zu tun gehabt hatten, davon!? Kein Arzt, keine Ärztin, niemand beim Gesundheits- oder beim Versorgungsamt?

Die Autorin mit dem T-Shirt der Aktion #Millions Missing, die auf die Millionen Menschen aufmerksam macht, deren Krankheit von der medizinischen Forschung bisher kaum berücksichtigt wird. Foto: privat

Die Krankheit ist seit Anfang des 20. Jahrhunderts bekannt, in den 1960er Jahren bekam sie die Bezeichnung Myalgische Enzephalomyelitis (ME). Später führte der neue Name Chronisches Fatiguesyndrom (CFS), auf Deutsch manchmal auch Chronisches Müdigkeitssyndrom, eher zu einer Verharmlosung und zu einer Ablenkung von den in erster Linie körperlichen Symptomen und Ursachen. Seit 1992 ist die Krankheit international offiziell anerkannt. Aber was bedeutet das? Sowohl die lange Zeit gültige Empfehlung von Training sowie Psychopharmaka sind häufig kontraindiziert und, folgt man den Erfahrungsberichten, nicht nur nicht hilfreich, sondern manchmal sogar richtig gefährlich. Erst 2019 wurde in Deutschland vom Robert Koch Institut die Empfehlung ausgesprochen, CFS/ME wieder als physiologische Erkrankung zu führen.

Häufig beginnt CFS/ME mit einer Virusinfektion, von der man sich nicht mehr erholt. Es sieht so aus, als könne es jeden treffen – viele der Erkrankten waren sogar besonders sportlich. Derzeit versteht man sie als eine Autoimmunerkrankung. Es ist als ob das Immunsystem eine Art Schock oder Traumatisierung erlitten hat und sich davon nicht mehr oder nur sehr schwer erholt. Im Verlauf kommt es manchmal zu kleineren Verbesserungen. Manche Betroffene können einige Stunden arbeiten oder zumindest das Haus für einen kleinen Spaziergang oder zum Einkaufen verlassen. Andere sind vollständig ans Bett gefesselt, müssen in abgedunkelten und schallisolierten Räumen liegen, können sich nur flüsternd oder durch ausgeklügelte Zeichen verständigen, müssen gefüttert oder künstlich ernährt werden, weil der Körper selbst dafür zu schwach ist. Unser älterer Sohn ist inzwischen vollständig genesen und kann ein eigenständiges Leben führen. Die Gründe dafür sind ebenfalls unbekannt.

Nichts zu tun ist manchmal das Beste

„Was ich tun kann. Nicht viel“ – mir fällt Ute Schiran ein, die diesen Satz in ganz anderem Zusammenhang geschrieben hat. Unser Sohn hat gelernt, besser mit seiner Schwäche umzugehen und seinen kleinen Handlungsspielraum nur hin und wieder zu Testzwecken zu überschreiten. Wir haben gelernt, dass diese Methode ‚Pacing‘ genannt wird. Wir sind froh, dass er sich alleine im Haus bewegen kann, dass er die Körperpflege mit kleinen Vorbereitungen unsererseits meist alleine bewältigt. Sich selbst ein Essen zuzubereiten, ist eine zu große Anstrengung, doch immerhin kann er eine vorbereitete und klein geschnittene Mahlzeit selbstständig essen, nur manches püriere ich. Und auch kleine Gesprächsrunden sind mittlerweile möglich, sowie – nicht allzu häufig – Besuche von Freund*innen, nur eine, maximal zwei und natürlich nicht zu lange. Seit einigen Jahren geht er regelmäßig nach draußen in den Garten. Das Licht verträgt er mittlerweile etwas besser als zu Beginn der Erkrankung. Fünf Minuten kann er gut verkraften, wenn es draußen nicht zu laut ist. Alle paar Monate versucht er, einen längeren Spaziergang zu unternehmen und schafft fünfzig bis hundert Metern in seinem Schneckentempo (15-20 Minuten). Bisher konnte er das noch nicht in die wöchentliche Routine integrieren. Wenn er eine Viertelstundebei uns sitzt – wirkt er ein bisschen blass und ruhig, aber sonst ‚ganz normal‘ Wir dürfen nur nicht zu sehr durcheinander reden und auf keinen Fall hektisch sein.

Seinen Tagesablauf hat er gut strukturiert. Er schläft längst nicht mehr so viel wie zu Beginn der Erkrankung, ca. zwölf Stunden Nachtruhe braucht er mindestens. Leider ist der Schlaf selten erholsam. Einen großen Teil des Tages kann er in einem Sessel sitzend verbringen. Soweit es möglich ist, nimmt er am politischen und intellektuellen Leben teil und er findet sich auch im Internet zurecht. Da das Lesen längere Passagen eine zu große Anstrengung bedeutet, bieten Podcasts und Hörbücher willkommene Abwechslung. Auch Filme, Sportübertragungen, sogar Computerspiele sind – in kleine Einheiten aufgeteilt – als Zeitvertreib möglich.

Nach zehn Jahren haben wir immerhin die Anerkennung einer Schwerbehinderung erreicht. Das war so mühsam, dass wir auf weitere Schritte vorerst verzichtet haben. Die hierfür notwendigen Termine sind für unseren Sohn extrem anstrengend und für uns bedeuten sie zusätzliche Arbeit. Der erste Antrag wird in der Regel abgelehnt, dann meist noch einmal. Das nährt in mir die Vermutung, die zuständigen Stellen würden darauf hoffen, dass die Betroffenen unterwegs aufgeben und sich nicht zu einer Klage entschließen. Eine weitere und zugleich verletzende Hürde ist, dass uns immer wieder Simulation unterstellt wird.  

Ich will hier nicht ausführlich über unsere Erfahrungen mit Ämtern und manchen Ärzt*innen schreiben, darüber, was es bedeutet, wenn eine Krankheit nicht in die vorgegebenen Raster passt oder wenn die Therapieempfehlungen schlichtweg falsch und kontraproduktiv sind. Meine Erwartung, dass es für solche Fälle Notfallpläne gibt, hat sich nicht bestätigt. Es sei denn man wählt den Notfallplan ‚Klage‘. Aber wann sollen wir das tun in einem Alltag, in dem wir ohnehin aufs Äußerste herausgefordert sind? Unseren Kampf um den Hausbesuch eines Arztes habe ich in einer Art langem Gedicht beschrieben. Wieso überhaupt Kampf? Wir hätten doch Verständnis und Unterstützung gebraucht, brauchen sie noch immer. Von verständnisvoller Betroffenheit bis hin zu geradezu böswillig wirkendem Nichtverstehen – oder bequemem Nichthinsehenwollen – ist uns alles begegnet. Klar, die Schule, die Ärzt*innen, die Sachbearbeiter*innen, sie stehen auch unter den Zwängen ihrer Arbeit. Von einem ‚hochdekorierten‘ Neurologen musste ich mir sagen lassen, dass es wohl an mir liegen müsse, weil ich meinen Sohn nicht loslassen könne. Es sei ja nicht normal, rief er aus, dass ein Sohn in diesem Alter noch zuhause wohne. Dass ich daraufhin seine fachliche Autorität anzweifelte, war auch nicht förderlich. Im folgenden Arztbrief fand ich mich dann falsch zitiert und die Anwesenheit meines Mannes und Vaters des erkrankten Sohnes mit keinem Wort erwähnt. Ich hatte den Eindruck, das geschah, damit wir ‚verrückter‘ wirken. Nun konnte ich verstehen, dass manche Eltern minderjähriger Kinder mit dieser Erkrankung, leider vor allem alleinerziehende Mütter, Gefahr laufen, das Sorgerecht entzogen zu bekommen. Es gibt herzzerreißende Berichte über die Situation, in England zum Beispiel den sehr berührenden Film „Voices from the Shadows“. Zuhause sind die Patientinnen und Patienten meist am besten aufgehoben, denn es gibt keine Kliniken oder sonstige Orte, die darauf eingerichtet wären, Menschen mit ME/CFS zu betreuen. Deren spezielle Sensibilität, die in schweren Fällen zu völliger Licht- und fast vollständiger Geräuschintoleranz führt, macht dies weitgehend unmöglich.

Neben Verzweiflung und Trauer auch Lebensfreude und Glück

Kürzlich habe ich über eine Frau gelesen, die mit etwa zehn Jahren erkrankt ist und nun auf dreißig Jahre Krankheit zurückblickt. Auch in einem solchen Leben gibt es neben Verzweiflung und Trauer Lebensfreude, Humor und sogar so etwas wie Glück. Wir haben mit unserem Sohn gelernt, von einem auf den anderen Tag zu leben. Geduldig zu sein. Uns nicht länger als unbedingt nötig mit Ämtern herumzuärgern, auf uns und vor allem auf unseren Sohn zu hören. Meist weiß er bei aller Ratlosigkeit der Situation gegenüber am besten, was ihm gut tut. Da wir kaum reisen und auf gesunde Ernährung achten, er viele Chemikalien nicht verträgt, sei es im Essen oder etwa in flüssiger Seife, leben wir relativ umweltverträglich. Das einzige ist, dass ich deutlich mehr Wege als früher mit dem Auto zurücklege, da ich ihn zwar alleine lassen kann, aber nicht allzu lange: maximal ein oder zwei Mahlzeiten können vorbereitet werden.

Wie mit einem Brennglas zeigt diese Krankheit, dass es eine Illusion ist, in Autonomie zu leben. Tatsächlich sind wir alle aufeinander angewiesen. Nur sind das Leben und der Alltag heute so organisiert, dass wir die Abhängigkeit nicht so deutlich spüren. Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, dass wir für diejenigen sorgen, die Fürsorge benötigen, einige mehr, andere weniger, und damit wären wir mitten in der aktuellen Care-Debatte.

Auch wenn ich mir diese Nähe von Mutter und Sohn nie so gewünscht habe, so ist es auch schön, mit ihm zusammen zu sein. Er ist ein angenehmer, freundlicher und kluger Patient. Seine Erkrankung entschleunigt unseren Alltag und ich habe zuhause sozusagen gratis ein Schweige-Retreat, gegen dessen Gebote ich immer wieder mal verstoße. Er erinnert mich dann freundlich, wenn es ihm zuviel wird. Er spürt es sofort, wenn ich Hektik von draußen mitbringe. Mittlerweile fällt es mir selbst auf und ich atme ein paar Mal tief ein und aus, bevor ich zu ihm gehe. Ich weiß, dass ich nicht einfach drauflos reden darf, sondern warten muss, bis er signalisiert, dass er die Eindrücke des Sprechens auch verarbeiten kann. Soweit es ihm möglich ist, nimmt er – übers Internet – am politischen und geistigen Leben teil. Manchmal hat er ein Interview, einen Artikel oder einen Buchtipp für mich. Die seltenen Gesprächsmöglichkeiten entschädigen mich durchaus für das philosophische Oberseminar, an dem ich schon lange nicht mehr teilnehme. Dann denke ich mir: was könnte er nur alles tun und erreichen, wenn er wieder rauskönnte, wenn er aktiver sein könnte. Auch den Kontakt zu seinen Freund*innen hat er gehalten und sie scheinen die wenigen Gespräche, die mit ihm möglich sind, ebenso interessant zu finden wie wir.

So sehr das, was geschehen ist, dem ähnelt, was man als ‚Schicksalsschlag‘ bezeichnet, so sehr waren wir uns doch auch bewusst, dass wir in einer relativ privilegierten Situation leiden. Wir sind nicht auf der Flucht. Wir haben ein Dach über dem Kopf. Und auch wenn wir das nie so geplant hatten, reicht der Verdienst meines Mannes zur Zeit für uns drei aus. Wir wussten vorher, dass das Leben nicht immer glatt und leicht geht, dass es viele herausfordernde Lebenssituationen gibt. Dies selbst zu erleben ist allerdings eine andere Sache, zu der glücklicherweise die Erfahrung gehört, dass in diesem Leid auch manche Schätze verborgen sind. Meine Demut gegenüber Situationen, die nicht zu ändern sind, ist gewachsen. Das kommt mir und auch meiner philosophischen Praxis zugute, in der ich Menschen in schwierigen Lebenssituationen begleite. Ich habe gelernt auszuwählen und möglichst nur Dinge zu tun, die ich als wesentlich empfinde. Soweit möglich, habe ich die Herausforderung, den Schmerz, genutzt, um daraus zu lernen und mich weiter zu entwickeln. So wie auch unser Sohn es tut, selbst wenn er nicht viel davon nach außen tragen kann. Statt seines Abiturs sollte er ein ME/CFS-Diplom bekommen! Und ich habe gelernt, milder mit mir umzugehen, nicht immer alles machen zu müssen, mir Pausen von, Nichtstun, Faulsein, Vor-mich-Hingucken zuzugestehen. Die Schönheit der Welt schätzen.

Auch mein Schreiben ist nach dem ersten Schock wieder gewachsen. Ich hatte schon immer autobiographische Passagen in meinen Texten. Doch diese Erfahrung hat meine Sprache in der ersten Zeit völlig überfordert. Es war wohltuend, nach einer Weile Worte dafür zu finden. Mit seinem Einverständnis erwähne ich hin und wieder einen kranken Sohn, der in den Texten Jonathan heißt. Es bleibt ja immer mein Blick auf ihn, den ich da beschreibe. Gerade auf solche Passagen kamen Rückmeldungen von Müttern, denen es ähnlich geht oder von Leser*innen, die mehr darüber erfahren wollen. So ist, beeinflusst von den Erfahrungen mit Jonathan, der Gedichtband LÄCHELN WEBEN LEBEN WELT entstanden.

Etwa 250.000 – 300.000 Menschen in Deutschland sind an dieser Schwäche erkrankt. Ein Viertel aller Patienten kann das Haus nicht mehr verlassen, viele sind bettlägerig und auf Pflege angewiesen. Schätzungsweise über 60 Prozent können nicht mehr arbeiten. Was bedeutet diese Krankheit? Darauf gibt es keine endgültige Antwort. Wenn ich das Wort Erschöpfung höre, fällt mir auch ein, was wir Menschen der Erde – hauptsächlich zu unserem eigenen Schaden – antun. Energie scheint auf allen Ebenen ein Problem zu sein. Manchmal denke ich mir, dass so viele Menschen so übermäßig, ja überdreht aktiv sind, dass andere zum Ausgleich umso ruhiger sein müssen. Es gibt Menschen, die unter den Symptomen der Schwäche noch viel stärker leiden als Jonathan. Doch es gibt auch viele erschöpfte Menschen, die nicht wie er bei 20 %, sondern vielleicht bei 60 % oder sogar 80 % ihrer Fähigkeiten auf der Bell-Skala liegen und doch auch um ihren Alltag, die Anerkennung ihrer Schwierigkeiten und um Hilfe kämpfen. Auf alle Fälle ist diese Krankheit, bei der Nicht-Handeln oft die gesündeste Strategie ist, eine Herausforderung:  für die Medizin und für unsere Einstellung zu ‚Aktivität‘. Das hilft den Patient*innen zwar nur ein wenig, jedoch enthält gerade dieses Krankheitsbild auch einen wichtigen Kommentar zu Entwicklungen, die in unserer Gesellschaft falsch laufen. Es lohnt sich, auf die Schwächeerkrankten genau einzugehen, hinzuschauen, wie ein guter medizinischer Gutachter (einen solchen haben wir auch erlebt) und ihre Botschaft zu hören. Und es ist wichtig, den Schmerz zu sehen, zu empfinden, ihn zu respektieren und ein Stück weit mitzutragen. Wie hilfreich das ist, gerade wenn man sonst wenig tun kann, habe ich neulich in einem Kurs gemerkt, als ich davon erzählte.

Es gibt keine Standardtherapie für die Krankheit und auch kaum Spezialärzte, wobei für viele Betroffene noch immer das Problem besteht, wie überhaupt ein Arzt/Ärztinnen-Kontakt zustande komm. Zur CFS/ME-Sprechstunde an der Charité in Berlin oder der Kindersprechstunde für CFS/ME in einer Münchner Klinik muss man reisen und abwägen, ob der Schaden der Anstrengung oder der Nutzen von Diagnose und Beratung, ev. sogar Therapie, größer ist. Ansprechpartner*innen sind also überwiegend Hausärzt*innen, die meistens ohnehin an der Grenze ihrer eigenen Belastbarkeit arbeiten und wenig Spielraum für Hausbesuche haben.

Ist es nicht immer ein Maß für die Qualität, die Güte (!) einer Gesellschaft, wie sie, wie wir mit den Schwächsten umgehen. Haben wir dieses Maß verloren?

dieses Leben

dieses schöne Leben
dieses grausame Leben
dieses zwiegespaltene Leben

was sagen uns diejenigen,
die es nicht so leben können,
wie wir uns einbilden,

dass es zu leben wäre;

dieses Leben

die es nicht so kraftvoll
und überschäumend leben,
wie sie es gerne wollen

und was tun diejenigen,
die das können?

in: Bettina Schmitz, LÄCHELN WEBEN LEBEN WELT

Mehr Infos:

Ende März 2020 fand in Würzburg, der Stadt, in der die Autorin lebt, – wegen der aktuellen Corona-Situation nur übers Internet – für Betroffene und deren Angehörige ein Treffen zur Bildung einer Selbsthilfegruppe ME/CFS statt; weitere Informationen darüber über: Fatigatio e.V., Bundesverband Chronisches Erschöpfungssyndrom

Deutsche Gesellschaft für ME/CFS e.V.       

Lost Voices Stiftung – Hilfe für Menschen mit ME/CFS   

Internationale Bewegung #Millionsmissing. Diese organisiert am 12. Mai 2020 den Internationalen Tag ME/CFS mit der Aktion #Millions Missing, der 2019 reges Medienecho gefunden hat.

CFS-Ladestation, der Blog einer Betroffenen.

Elizabeth Tova Bailey, Das Geräusch einer Schnecke beim Essen, Nagel & Kimche Verlag, Zürich 2012, 171 Seiten, 16,90 Euro.

Bettina Schmitz, LÄCHELN WEBEN LEBEN WELT, Gedichte, Bilder von Traute Schneider-Zech, éditions betweena, Würzburg 2019, Privatverlag, editions.betweena@online.de.

Ute Schiran, Lilith und Mermaid begegnen einander. Knochengesang. Schicht, 2. Aufl. 2007, Privatdruck, Vertrieb über Lillemors Frauenbuchladen München, viertletzte Seite.

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„Poesie – Auflehnung – Einsamkeit“ – „Fantastische Frauen“ in der Frankfurter Schirn http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/04/poesie-auflehnung-einsamkeit-fantastische-frauen-in-der-frankfurter-schirn/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/04/poesie-auflehnung-einsamkeit-fantastische-frauen-in-der-frankfurter-schirn/#comments Sun, 19 Apr 2020 17:07:52 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15591
Jane Graverol: Das Blutbad an den Unschuldigen, 1969

Mitte Februar, unmittelbar nach der Eröffnung, hatte ich noch Gelegenheit, diese Ausstellung in der Frankfurter Schirn zu besuchen: Fantastische Frauen. Surreale Welten von Meret Oppenheim bis Frida Kahlo. Seit Mitte März ist sie nur noch online durch eine digitale Video-Tour auf Youtube zu sehen. Besser als nichts, aber eben nicht das Wahre: Ein Bild ist ein Bild ist ein Bild – ein Gegenstand und ein Zeichensystem. Während sich das Zeichensystem auch über Reproduktionen erschließen und – vielleicht – entschlüsseln lassen mag, kann die Wahrnehmung der Gegenständlichkeit des Bildes eben nur in seiner Präsenz erfahren werden. Vielleicht wird das bald wieder möglich sein, wenn nach Möbelhäusern auch wieder Museen und Galerien öffnen dürfen. 

Die Macherinnen der Frankfurter Ausstellung setzen bei Plakat und Titel, wohl aus Marketing-Gründen, auf bekannte Namen wie Meret Oppenheim und Frieda Kahlo. Viel spannender ist jedoch, wie die Ausstellung die Werke weniger bekannter Künstlerinnen in den weit gespannten Kontext des Surrealismus rückt: Die Arbeiten von 36 Künstlerinnen aus 11 Ländern, die technisch und stilistisch sehr unterschiedlich sind, werden präsentiert. Es zeigt sich die Dichte der Beziehungen zwischen den verschiedenen Künstlerinnen über Kontinente und auch Generationen hinweg: zwischen Meret Oppenheim und Leonor Fini zum Beispiel oder Leonora Carrington und Lee Miller, Claude Cahun und Dora Maar, Jacqueline Lamba und Frida Kahlo. Die Ausstellung konzentriert sich dabei auf die Schaffensphase all dieser Künstlerinnen zwischen 1940 – 1960, obwohl viele der Künstlerinnen ein hohes Alter erreichten und auch danach noch wichtige Werke schufen. Sie bezieht sich damit auf den gemeinsamen Fixpunkt: die surrealistische Bewegung von André Breton, der 1966 starb. Das ist ein nachvollziehbarer Ansatz, aber er weckt auch das Bedürfnis nach Folgeausstellungen zu den Werken einzelner Künstlerinnen und Künstlerinnen-Verbünde, die sich von dieser Fixierung lösen könnten.

Dass „die Frau“ im Zentrum vieler philosophischer und künstlerischer Anstrengungen der surrealistischen Bewegung stand, ermöglichte einerseits, dass in dieser Bewegung mehr Frauen als je seit der Romantik eine Rolle spielten, andererseits wurde auch hier „die Frau“, durchaus auch mittels Idealisierung, wiederum zur Suggestionsfläche eines männlichen Kunstwillens. Wie die beteiligten Künstlerinnen sich aus diesen Zuschreibungen lösten, sie be- und verarbeiteten, um zu eigenen künstlerischen Aussagen zu gelangen, wird in der Frankfurter Ausstellung auf eindrucksvolle Weise deutlich. 

Mich haben vor allem Werke von Künstlerinnen beeindruckt, die weniger bekannt sind als die Blockbuster-Garantinnen Frieda Kahlo, Meret Oppenheim oder Louise Bourgeois. Hervorstechend sind u.a. die großartigen fotografischen Arbeiten von Dora Maar, Emila Medková oder Claude Cahun. Emila Medková (1928-1985) arbeitete als Fotografin und Laborantin an universitären Instituten in Prag, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen. Dies ermöglichte ihr die künstlerische Arbeit an ihren technisch brillanten, abstrakt inszenierten Fotografien, die sehr stark mit Schwarz/Weiß-Kontrasten und Schattenspielen operieren.Die Verfremdung bei Medková ist unaufdringlich, eingebettet in eine minimalistische Formensprache, die nicht überwältigen, sondern irritieren will.

Ganz anders arbeitet Claude Cahun (1894-1954), die mit geschlechtlicher Ambivalenz spielt. Ihre Arbeiten zeigen sie und ihre Lebensgefährtin Marcel Moore in eigentümlich inszenierten, montierten und collagierten Porträts und Selbstporträts, die Mythologie, Stilleben und kunsthistorische Ikonographie verbinden, u.a. die Serie „Nichtige Geständnisse“ von 1929/30.

Ganz neu für mich waren die Collagen von Jane Graverol (1905-1984). Von Graverol ist die Aussage überliefert: „Meine Malkunst: Poesie – Auflehnung – Einsamkeit.“ Graverols Werke zerlegen die Anschauungswerte einer als unerträglich empfundene Wirklichkeit in ihre Bestandteile, um sie neu zusammenzusetzen. Die Fragmentierung ist dabei zugleich unheimlich und beängstigend, aber auch neue Perspektiven eröffnend.

Die Frankfurter Ausstellung in der Schirn ermöglicht die Entdeckung (oder Wiederbegegnung) mit Künstlerinnen, die zum Teil hohen Bekanntheitsgrad genießen, aber auch mit herausragenden Arbeiten von weitgehend unbekannt gebliebenen. Sie weckt Erwartungen an die Kuratorinnen der Museen für moderne Kunst in Deutschland und anderswo. Denn ich möchte mehr sehen in Zukunft von Jane Graverol, Rachel Baes, Claude Cahun, Emila Medková u.v. a., auch in den Dauerausstellungen. 

Schirn Frankfurt: Fantastische Frauen. Temporär geschlossen.

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Rot, die Farbe der Menstruation http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/04/rot-die-farbe-der-menstruation/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/04/rot-die-farbe-der-menstruation/#respond Sat, 11 Apr 2020 20:09:07 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15583

Rot ist schön, Blut ist Leben, warum sich also beim menstruieren schämen und obendrein noch rot werden? Das fragte sich Lucia Zamolo und schrieb ihre Bachelorarbeit im Fach Design zu diesem Thema. Aus der Abschlussarbeit wurde schliesslich eine graphic novel, die mit schöner Schrift und zauberhaften Zeichnungen in schwarz und weiss sowie den Zwischentönen in grau plus verschiedenen Rot-Tönen die Vorgänge während der Menstruation darstellt. Anatomisch korrekt – die Gynäkologin Dr. Susanne Hofmann gab fachliche Unterstützung – grafisch ansprechend und inhaltlich deutlich möchte die Autorin «allen, die noch nie eine Menstruation hatten und nie haben werden, ermöglichen, dieses Ereignis nachzuempfinden.»

Das Nachempfinden gelingt dank persönlichem Erzählen, fröhlichen Bildern, einer klaren Sprache. Auf witzige Weise präsentiert die Autorin Zitate aus alten Zeiten; bizarre Vorstellungen berühmter Philosophen und Mediziner nimmt sie auf die Schippe. Zamolo bedauert, dass in der Menschheitsgeschichte «die negative Sicht» auf die Menstruation dominierte. «Die Tatsache, dass die Hälfte der Weltbevölkerung monatlich blutet und dies keineswegs etwas Giftiges oder Unheilbringendes ist, scheint in unserem Kulturkreis verstanden worden zu sein.» Doch Tampon- und Bindenverpackungen suggerieren häufig, dass Frauen während der Menstruation ungeschützt und unsicher sind: 5mal taucht allein das Wort Schutz auf einer Tamponpackung auf.

Bei Menstruationsschmerzen können Tee, Yoga, Bananen und ein Kirschkernkissen gute Dienste tun, empfiehlt die Illustratorin. Sie ermuntert dazu, sich über Menstruation offen auszutauschen: schliesslich bedeutet Menstruation Leben!

Wenn Informationen über die Menstruation so leicht und lustig, gleichzeitig sachlich stimmig präsentiert werden, profitieren wahrscheinlich beide Hälften der Menschheit: die der Menstruation fähigen Frauen wie auch diejenigen, denen die Autorin das Nachempfinden ermöglichen will.

Lucia Zamolo: Rot ist doch schön – Fun & Facts rund ums Thema Menstruation, Bohem Press Münster, 2019, 93 Seiten

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Kapitel 3: Das Generationenverhältnis: Verschiebungen und Tradierungsbrüche http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/04/kapitel-3-das-generationenverhaeltnis-verschiebungen-und-tradierungsbrueche/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/04/kapitel-3-das-generationenverhaeltnis-verschiebungen-und-tradierungsbrueche/#comments Wed, 08 Apr 2020 12:37:31 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15575 Zum 20. Jubiläum der Flugschrift „Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn. Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik“ wurde das Büchlein im Christel Göttert Verlag neu aufgelegt und wird hier im Forum auch erstmals online veröffentlicht (hier der Link zum Anfang). Dies ist das 3. Kapitel über das Generationenverhältnis.

Dinge, die ein Leben überdauern und von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden, wie Land, Häuser, Berufe, gestalten das Verhältnis der Generationen mit. Persönliche Zeugenschaft macht Erfahrungswissen und Sinn zugänglich, die nicht über die theoretische Vernunft zu erschließen sind. Sie werden von den Älteren an die Jüngeren tradiert. Dies ist aufgrund des Erfahrungsvorsprungs der Älteren nicht umkehrbar. Gleichzeitig ist das Verhältnis zwischen Jüngeren und Älteren eine Wechselbeziehung, die von beiderseitiger Dankbarkeit lebt.

Gegenwärtig erlebt das Generationenverhältnis bedeutsame Verschiebungen. Zum einen beobachten wir eine Idealisierung des Jungseins. Autorität wird den Jungen zugesprochen. So wird sehr jungen Managern die Aufgabe zugeteilt, ökonomische Entscheidungen zu treffen. Dahinter steht das kapitalistische Kalkül, dass sie dies ohne Rücksicht auf Bindungen tun können.

Ein anderes Beispiel ist die öffentliche Behandlung von Frauenbewegung und Feminismus in den Medien, wobei den jungen Frauen die Autorität zugesprochen wird, über Sinn und Notwendigkeit von Frauenbewegung zu urteilen. In beiden Fällen wird Autorität denen zugewiesen, die sie eigentlich noch nicht ausüben können, da sie die Erfahrung der Niederlage, des Scheiterns und des Altwerdens noch nicht gemacht haben.

Zum anderen ist festzustellen, dass Ältere ihren Platz in der Generationenfolge nicht einnehmen, indem sie betonen, wie jung sie sich fühlen. Aber der eigene Platz in einer Altersgruppe wird definiert durch den Abstand zu den Neugeborenen, nicht durch das persönliche Empfinden.

Nachdem in Deutschland die 68er-Generation die Tradierung von Erfahrungswissen wegen der Unglaubwürdigkeit ihrer Eltern als Nazi-Generation unterbrochen hatte, weigert sie sich heute auch selbst, als ältere Generation Autorität auszuüben, das heißt, Position zu beziehen und mit einer respektvollen Haltung gegenüber den Jüngeren Konflikte auszutragen. Respekt vor den Jüngeren schließt die Bereitschaft ein, sich mit deren „großen Wünschen“, Phantasien und Utopien ernsthaft auseinander zu setzen, ohne diese mit Hinweis auf die eigenen Erfahrungen des Scheiterns und eigener Resignation vom Tisch zu wischen, sondern sie vielmehr als Ausgangspunkt dafür zu nehmen, Möglichkeiten des Tätigwerdens zu eröffnen.

Aus: Ulrike Wagener, Dorothee Markert, Antje Schrupp, Andrea Günter: Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn. Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik. Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim 1999, Neuauflage 2019.

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Care, Corona und eine Politik der Beziehungen http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/04/care-corona-und-eine-politik-der-beziehungen/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/04/care-corona-und-eine-politik-der-beziehungen/#comments Sun, 05 Apr 2020 08:57:57 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15564 Das Thema der Care-Arbeit, das Feministinnen schon seit Jahrzehnten diskutieren, ist inzwischen auch im allgemeinen Diskurs angekommen, und die durch den Coronavirus ausgelöste Pandemie hat diese Sichtbarkeit jetzt nur noch einmal verstärkt. Umso wichtiger ist es, darauf hinzuweisen, dass „Care“ nicht einfach nur ein weiteres ökonomisches Thema ist, sondern etwas mit unserer gesamten Kultur, der symbolischen Ordnung und unseren Beziehungen zu tun hat.

Foto: Evgeni Tcherkasski on Unsplash

Die klassischen linken und emanzipatorischen Bewegungen setzen stark auf ent-persönlichte Lösungen. Forderungen sind zum Beispiel eine bessere Entlohnung von Care-Arbeiter*innen und die Überführung von unbezahlter (Haus-)Arbeit in bezahlte Care-Arbeits-Berufe. Natürlich ist es notwendig und richtig, Arbeitsbedingungen in Care-Berufen und Entlohnung zu verbessern. Aber das reicht eben nicht.

Genauso ist es mit einer anderen klassischen Forderung, der nach gerechter Verteilung von Care-Arbeit, vor allem zwischen den Geschlechtern. Darauf will zum Beispiel der Equal Care-Day am 29. Februar hinweisen, eine Initiative, die auf Almut Schnerring und Sascha Verlan zurückgeht – dazu als Lesetipp ihr aktuelles Buch „Equal Care. Über Fürsorge und Gesellschaft“ (Verbrecher Verlag 2020, 159 Seiten, 16 Euro). Auch das ist nur ein Baustein, aber nicht genug.

In der Tat hängt das Dilemma der Care-Arbeit wesentlich mit der Idee zusammen, diese Arbeit würde quasi „von Natur aus“ in den Zuständigkeitsbereich bestimmter Menschen fallen – und in den der anderen nicht. Hier leben letztlich die alten Ungleichheiten der griechischen Polis fort: Freie Männer sind von den banalen Tätigkeiten des Lebens befreit, für die Arbeiten sind Frauen sowie Sklavinnen und Sklaven zuständig. Während unbezahlte Care-Arbeit vor allem von Frauen gemacht wird, wird die schlecht bezahlte Care-Arbeit vor allem von Migrant*innen gemacht.

Diese Zuweisung, dass eine bestimmte Gruppe von Menschen „zuständig“ ist, führt mit einer gewissen Zwangsläufigkeit zu schlechten Rahmenbedingungen und fehlender Anerkennung: Wenn der Grund dafür, warum eine bestimmte Person eine bestimmte Arbeit macht, nicht ihre „Profiterwartung“ ist, sondern ein komplexes Geflecht von Zuschreibungen, von Sich-verantwortlich-Fühlen, fehlenden Alternativen und so weiter – dann muss diese Arbeit laut Marktgesetzen eben nicht gut bezahlt werden.

Der Gender Care Gap (Frauen machen mehr unbezahlte oder schlecht bezahlte Care-Arbeit als Männer) ist allerdings, ähnlich wie der Gender Pay Gap, lediglich ein Symptom dieser Problematik, nicht die Ursache. Ungerechtigkeiten werden nicht dadurch gelöst, dass wir sie gleichmäßig unter Frauen und Männer aufteilen – das gilt für Einkommen genauso wie für Care-Arbeit. Stattdessen sollten wir radikaler vorgehen, also an die Wurzeln: Wie kam es überhaupt zu der Vorstellung, dass bestimmte Menschen für das gesellschaftliche Sorgetragen zuständig wären, andere hingegen nicht?

Die erste Care-Arbeit, die einer bestimmten Person zugewiesen wird, ist die Mutterschaft. Das „Mater semper certa est“ („Die Mutter ist immer sicher“) des Römischen Rechts – das in Deutschland bis heute gilt – besagt letztlich: Wer ein Kind geboren hat, ist Mutter dieses Kindes. Hier wird nicht einfach die Binsenweisheit ausgesprochen, dass man immer weiß, wer ein Kind geboren hat – um das zu wissen braucht es kein Gesetz. Sondern hier wird aus einer biologischen Tatsache, nämlich der Geburt, juristisch eine soziale Beziehung abgeleitet: Die Person, die ein Kind geboren hat, ist nach der Geburt auch dafür zuständig, die Mutterrolle einzunehmen, also für dieses Kind zu sorgen. (Mehr dazu in meinem Buch „Schwangerwerdenkönnen“ )

Die bloße Tatsache, dass diese soziale Verpflichtung für Mütter per Gesetz festgeschrieben werden musste, ist schon ein Beweis dafür, dass Mutterschaft eben kein „natürliches“ Verhältnis ist, sondern eine soziale, gesellschaftliche Übereinkunft. Aus der biologischen Verbindung von Schwangerer und Fötus (die ja keine gesellschaftliche Übereinkunft ist, sondern ein physischer Fakt) wird die Legitimation abgeleitet, eine gegenseitige Verpflichtung auch nach der Geburt gesellschaftlich vorzuschreiben – also zu einem Zeitpunkt, wo diese Notwendigkeit nicht mehr von der Biologie vorgegeben ist. Denn nach der Geburt könnten prinzipiell auch andere Menschen für ein Baby sorgen.

Aber das ist – laut Römischem Recht ebenso wie nach Bürgerlichem Gesetzbuch – nicht vorgesehen, beziehungsweise nur in Not- und Ausnahmefällen, wenn die Mutter ausfällt. Wie stark diese Idee immer noch wirkt, sieht man daran, dass trotz aller neueren Versuche, auch Väter oder andere Erwachsene in diese Verantwortlichkeit einzubinden, immer „letzten Endes“ die Mutter zuständig gemacht wird. Dabei geht es nicht unbedingt um die tatsächlich zu leistende Arbeit: Die Mutter darf durchaus das eine oder andere oder vielleicht sogar vieles delegieren, sie darf sich bei der Bewältigung der Aufgabe helfen lassen oder andere dafür bezahlen. Aber die Zuständigkeit dafür, das zu organisieren, liegt bei ihr – ein Umstand, der neuerdings auch unter dem Stichwort „Mental Load“ diskutiert wird.

Dass die kulturelle Erwartungshaltung, wonach Menschen, die Kinder geboren haben, auch für die Care-Arbeit an diesen Kindern zuständig sind, nicht einfach „in der Natur der Sache“ liegt, zeigt sich auch daran, dass sie sich nicht auf Menschen, die tatsächlich geboren haben, beschränkt. Zuschreibungen von „Mütterlichkeit“ wurden vielmehr kulturell auf alle Menschen ausgeweitet, von denen man annimmt, dass sie möglicherweise gebären können – „Frauen“. Und die über Care strukturierte Verbindung zwischen Mutter und Kind endet auch dann nicht, wenn dieses erwachsen ist, sondern bleibt ein Leben lang bestehen. Nicht nur ist die Mutter verpflichtet, das Kind zu versorgen, später ist wiederum das Kind gegenüber der Mutter und – als Co-Elternteil – dem Vater verpflichtet.

Dieser Aspekt gewinnt heute in Zusammenhang mit der Veralterung der Gesellschaft an Bedeutung und er verläuft unmittelbar analog: Wenn alte Menschen sich nicht mehr selbst versorgen können, sind ihre Kinder zuständig, nicht unbedingt dafür, die konkrete Care-Arbeit zu erledigen, sondern doch dafür, sie zu organisieren. Wenn aber die organisierte Lösung wegfällt, wenn zum Beispiel die „Polin“ jetzt in der Corona-Krise nicht mehr von einer Kollegin abgelöst wird, weil die Grenzen geschlossen wurden, dann sind zunächst wieder die Kinder zuständig, sich zu kümmern, und nicht etwa Nachbarn, Freundinnen, die Kommune… und zwar unabhängig von den konkret bestehenden Beziehungen.

Diese Zuständigkeiten werden so selbstverständlich vorausgesetzt, dass es fast schon unhöflich erscheint, auch nur darauf hinzuweisen oder sie politisch zu diskutieren. Sie gelten als selbstverständlich, als naturgegeben. Es ist aber wichtig, sich diese Dynamik klar zu machen, um zu verstehen, warum bestimmte Probleme auftreten. Zum Beispiel ist es momentan wohl so, dass Hilfsangebote, angesichts des Infektionsrisikos für ältere Menschen einkaufen zu gehen, nicht so stark nachgefragt werden, wie man annehmen sollte. Sicher möchten manche Ältere lieber selbst einkaufen, um ihre Autonomie zu wahren. Es spielt aber auch eine Rolle, dass „beziehungslose“ Hilfe keine eingeübte Kulturtechnik ist. Denn von den eigenen Kindern oder Enkelinnen würden viele das Angebot durchaus annehmen.

Das liegt daran, dass wir für „beziehungslose“ Hilfe einen anderen Modus kulturell eingeübt haben: das Tauschgeschäft. Wenn wir für eine Dienstleistung bezahlen, fühlen wir uns weniger abhängig, weniger bedürftig, weniger hilflos. Aus diesem Grund sind derzeit alle Lieferservice-Angebote ausgebucht: Vielen ist es lieber, sofern sie es sich leisten können, jemanden fürs Einkaufen zu bezahlen, als diese Hilfe von „Fremden“ anzunehmen. Deshalb hilft es auch, bei Initiativen ausdrücklich auf ein gemeinsames Beziehungsnetz hinzuweisen: Hilfsangebote für alle, die im selben Haus leben oder zu einer Kirchengemeinde gehören, werden zwar nicht so gut angenommen wie die von Familienmitgliedern, aber doch besser als völlig anonyme. Die Hausgemeinschaft oder die Kirchengemeinde sind sozusagen eine „schwächere“ Form von Familie.

Das ist ein Aspekt, den wir zum Beispiel nutzen können und sollten, um die Zukunft von Care besser zu gestalten. Dass eine Organisation gegenseitiger Abhängigkeit, die auf reinen Tauschgeschäften beruht, aus vielen Gründen in vielen Fällen nicht gut funktioniert, ist ja klar. Die Alternative zu Fürsorge-Verpflichtungen, die aus biologischen Fortpflanzungs-Verbindungen erwachsen, ist nicht das beziehungslose Tauschnetzwerk von vermeintlich „Gleichen“, sondern vielmehr eine Community, die auf anderen Fundamenten steht. Auf welchen?

Eine Möglichkeit ist hier das Versprechen, das laut Hannah Arendt eine Möglichkeit darstellt, sich auf eine unsichere Zukunft einzustellen. Indem wir einander versprechen, uns im Bedarfsfall umeinander zu kümmern, schlagen wir Wege in das Dickicht des Ungewissen. Und zwar – anders als bei der Zuschreibung qua Geburt/Gebären – auf freiwilliger Basis. Eine Verpflichtung qua Versprechen wird bewusst eingegangen, und sie setzt Verhandlungen und bewusste Entscheidungen voraus, was auch den Vorteil hat, dass Erwartungen, Umfang und so weiter festgehalten sind.

Zu Problemen kommt es nämlich heute oft an der Schnittstelle zwischen bezahlter und damit sichtbarer Care-Arbeit und unbezahlter und unsichtbar gemachter. So wie bei jener Frau, deren Mutter ihr beim Krankenhausbesuch freudestrahlend mitteilte, dass sie morgen entlassen wird. Die Mutter hatte überhaupt nicht daran gedacht, dass die ganze Nachsorge und Pflegearbeit dann bei der Tochter liegen würde. Hätten wir eine Kultur des Versprechens, wäre offengelegt worden, was hier geschieht, Mutter und Tochter hätten über die Bedingungen der Krankenhausentlassung sprechen, sie damit auch bewusst machen müssen. Ein anderes Beispiel: Ein junger Mann leiht sich von seinen Großeltern ein Auto und bringt es verschmutzt zurück – und die Großeltern erwarten jetzt nicht nur von ihm, sondern ersatzweise auch von seiner Mutter (ihrer Tochter), dass sie das Auto putzt oder sich zumindest darum kümmert, dass er es putzt. Auch hier liegt das Problem darin, dass die Erwartungen, sich zu kümmern, unausgesprochen, aus dem Verwandtschaftsverhältnis hergeleitet werden, anstatt besprochen und sichtbar gemacht zu werden.

Versprechen sind ein Beziehungsgeschehen, sie begründen eine Zusammengehörigkeit, die nicht als automatisch gegeben vorausgesetzt wird, aber auch nicht jederzeit davon abhängig ist, dass die Bedürftigen materielle Ressourcen zum Tauschen haben. Deshalb ermöglichen Versprechen Freiheit in Abhängigkeit. Eine Freiheit, zu der eben unter anderem auch das Recht gehört, keine Care-Arbeit leisten zu müssen. Dieser Aspekt ist wichtig, wenn wir eine wirkliche Care-Revolution wollen: Es geht nicht nur darum, dass jeder Mensch die Möglichkeit haben soll, Care-Arbeit für andere zu tun, wenn er oder sie das möchte. Sondern es geht auch darum, dass niemand dazu gezwungen werden darf, Care-Arbeit für andere zu leisten, wenn er oder sie das nicht möchte.

Gleichzeitig stimmt aber: Care-Arbeit hat mit Beziehungen zu tun. Es sind keine anonymen „Arbeitskräfte“, sondern Personen, mit Namen, Individuen. Es ist egal, welcher Arbeiter am Band steht, wenn ein Auto produziert wird, aber nicht, welcher Pfleger oder welche Pflegerin zu mir kommt.

Ein Grund, warum es uns so schwer fällt, Care-Beziehungen weder als Tausch und Dienstleistung, noch als „von Natur aus“ gegebene Verpflichtung zu verstehen, sondern als Beziehungen der Freiheit, des gegenseitigen Versprechens, des Respektes und der Verhandlungen, liegt auch daran, dass wir uns angewöhnt haben, persönliche Beziehungen (zum Beispiel Liebesbeziehungen) vorwiegend auf der Grundlage individueller Autonomie zu konzipieren: Zwei selbstständige Menschen treffen auf Augenhöhe aufeinander und haben eine Beziehung. Im Bereich von Care funktioniert das aber nicht. Care-Beziehungen beruhen vielmehr notwendigerweise auf Ungleichheit – die Mutter kann sich nur um ein Baby kümmern, weil sie selbst kein Baby ist, die Kranken können nur von Menschen versorgt werden, die selbst nicht (auf dieselbe Weise) krank sind, die Alten können nur betreut werden von Menschen, die nicht selbst eine solche Betreuung benötigen.

Wenn diese Ungleichheiten thematisiert werden, ist es aber wichtig, daraus gerade keine pauschalen Kategorien zu machen wie „Gesunde versus Kranke“ oder „Alte versus Junge“ oder dergleichen. Wie schädlich diese Kategorisierung ist, zeigt sich gerade jetzt in der Corona-Krise in der Unterscheidung von „Risikogruppen“ versus „Leute, die nicht gefährdet sind“. Mit Ungleichheiten realistisch umgehen bedeutet aber, sowohl zu sehen, dass „nicht alle Menschen gleich sind“ (und also etwa über 80-Jährige ein höheres Risiko haben, bei einer Corona-Infektion zu sterben), dass es sich aber gleichzeitig nur um Wahrscheinlichkeiten handelt und Jüngere auch gefährdet sein können. Und dass auch viele Alte einen milden Verlauf haben.

Sicher ist jetzt schon absehbar, dass in einigen Wochen der harte Lockdown gelockert werden muss. Es werden wieder mehr Menschen unterwegs sein. Aber Diskussionen, wie sie zurzeit geführt werden, wonach „die Jungen“ raus müssen, während „die Alten“ sich isolieren sollen, sind sehr schädlich. Sicher ist es richtig, Unterschiede zu machen, aber die müssen viel komplexer, individueller, weniger pauschal sein. Es geht nicht nur um das Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs oder um die „Systemrelevanz“ der eigenen Tätigkeit, sondern auch um viele andere Dinge: Menschen mit kleinen Kindern, in kleinen Wohnungen zum Beispiel, müssen dringender wieder „raus“ als solche mit großen. Aber die Unterschiede sind auch individuell: Manchen macht Alleinleben nichts aus, anderen sehr viel. Manche sind ängstlicher und die Möglichkeit, sich anzustecken, versetzt sie in Stress, andere sehen das lockerer. Die persönlichen Befindlichkeiten decken sich hier nicht immer mit den „objektiven“ Risiken.

Wir brauchen jetzt eine Kultur, die in der Lage ist, zivilisiert mit diesen komplexen Ungleichheiten und Differenzen umzugehen. Die weder alle Menschen gleich behandelt, noch aber die Menschen in bestimmte Kategorien einteilt und einsperrt. Obwohl Care-Beziehungen also auf Ungleichheit beruhen, können – und müssen – sie dennoch freie Beziehungen sein, damit sie zum guten Leben für alle passen. Wir müssen verstehen, dass Gleichheit keine Voraussetzung für Freiheit ist (wie es die westliche Moderne irrtümlich behauptet hat).

Als Care-Maxime würde ich das vorläufig so formulieren: Jeder Mensch hat das Recht, dass im Falle der Bedürftigkeit jemand für ihn oder sie sorgt. Aber kein Mensch hat das Recht darauf, dass ein bestimmter Mensch für ihn sorgt. Sorge sicherzustellen ist eine gesellschaftliche Aufgabe, keine individuelle, aber gleichzeitig geht das nicht unabhängig von Beziehungen. Niemand hat das Recht, von einer bestimmten Person versorgt zu werden. Aber man hat eben doch ein Recht darauf, dass nicht jeden Tag eine andere Pflegerin kommt, sondern dass dabei eine Beziehung entstehen kann.

Das bedeutet auch, dass sich Sorge-Beziehungen nicht (ausschließlich) als ein Verhältnis zwischen Kunde und Dienstleisterin verstehen lassen. Dafür, dass eine Beziehung gelingt, sind beide Seiten zuständig; das ist anders als bei einem Tausch, wo nur die Verkäuferin dafür zuständig ist, dass das Produkt den Ansprüchen genügt. Alle, auch die Care-Nehmenden, sind dafür mitverantwortlich, Umstände zu schaffen, in denen Menschen gerne für andere sorgen.

Und zwar sowohl auf einer gesellschaftlichen als auch auf einer persönlichen Ebene: Man muss Care-Arbeiter*innen respektvoll und freundlich begegnen, es reicht nicht, sie zu bezahlen – was nämlich eigentlich nur die kapitalistische Variante davon ist, von Töchtern und Schwiegertöchtern Care-mäßiges „Funktionieren“ qua Familienabstammung zu verlangen.

Mir ist klar, dass ich hier heikle Themen berühre, aber ich glaube, es ist wichtig, dass wir in dieser Richtung weiter forschen und diskutieren. Zur Care Revolution gehört auch die Einsicht, dass man auch von bedürftigen Menschen Respekt erwarten kann. Auch zu ihnen kann man ungute Beziehungen lösen, sich also trennen. Wenn die Biologie als Begründung für Care-Verpflichtungen wegfällt, können wir inhaltlich darüber nachdenken, was die Qualität einer Sorgebeziehung ausmacht und welche Einflussmöglichkeiten und Verantwortlichkeiten beide Seiten dabei haben – also das Thema geht weit über die Frage nach dem Geld hinaus. Das ist auch deshalb sinnvoll, weil ja in erzwungenen familiären Sorgebeziehungen keineswegs alles rosig abläuft, sondern dort zuweilen viel Leid herrscht, auf allen Seiten.

Worum es also geht ist, eine Kultur der Bedürftigkeit zu entwickeln, bei der wir uns darin üben, einüben, dass wir prinzipiell alle auf Fürsorge angewiesen sind oder jederzeit sein könnten und dass es in unserer Verantwortung liegt, für diesen Fall vorzusorgen. Nicht individuell, sondern in Bezogenheit, auf persönlicher wie auf gesellschaftlicher Ebene. Denn es ist eine Aufgabe der Kultur, nicht eine Sache der Natur, aber auch nicht ausschließlich eine Sache der Ökonomie. 

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Parität am Theater http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/04/paritaet-am-theater/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/04/paritaet-am-theater/#respond Thu, 02 Apr 2020 17:00:00 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15486 Machtverhältnisse mit Mut und Freundlichkeit ändern

Aschenputtels Strategie neu betrachtet

Eröffnungsbild der Preisübergabe

Während das Parlament im Bundestag noch zum internationalen Frauentag das Pro und Contra zur Parität diskutierte, zeigte die Jury des Berliner Frauenpreises 2020 salopp: Voilà, schaut her, so geht’s mit der Einführung der Quote. Die Preisträgerin Yvonne Büdenhölzer, Theaterintendantin der Berliner Festspiele, hat neue Strukturen am Theater geschaffen. Diese Auszeichnung gilt als Signal. Als Signal, dass es funktioniert und notwendig ist, Gleichberechtigung und Quotenfrage nicht mehr nur auf freiwilliger Basis anzugehen. Von Yvonne Büdenhölzer kann das Thema: „Machtverhältnisse sanft umstrukturieren“ gelernt werden. Sie ist außerdem ein Beispiel dafür, dass es von Vorteil sein kann, eine feministische Großmutter zu haben.

Der Oma-Erna-Preis?

Als Yvonne Büdenhölzer auf die Bühne trat, erklärte sie, dass sie zunächst verwundert gewesen sei, „dafür!?“ ausgezeichnet zu werden. Sie berichtete, dass sie sich persönlich gar nicht als besonders feministisch empfinde. Da sei ihre Großmutter eher eine Feministin gewesen, eine wahre Kämpferin. Diese Großmutter war nicht nur Feministin, sondern eine sehr wichtige Bezugsperson für sie. Ausgerechnet am Tag, als Yvonne Büdenhölzer erfuhr, dass sie Frauenpreisträgerin werden würde, erfuhr sie auch, dass ihre Großmutter, mit 96 Jahren, aus dem Leben geschieden war. Für sie stünde daher der Preis mit Oma Erna in Verbindung, die sicherlich ganz stolz auf sie gewesen wäre. Ihr selbst würde eine Quote am Theater, eingeführt aus pragmatischen Gründen, eher als etwas Selbstverständliches erscheinen, weniger als etwas Preiswürdiges.

Nach dieser kleinen Einführung erklärte sie dem Publikum, dass sie einfach keine Lust mehr gehabt habe, sich die Frage der Jury: „Wie viele (Frauen) seien es denn diesmal?“, stellen zu lassen. Dies sei einer der Beweggründe gewesen, die Verhältnisse in der Theaterlandschaft neu zu gestalten. Aber sie sah auch, dass „die Zeit für die Quote mehr als reif war, Gleichstellungsfragen erhalten eine breite mediale Öffentlichkeit und werden vielerorts heftig diskutiert. “ Also schritt sie mutig voran, damit endlich das absurde Argument, es gäbe ja gar nicht genügend Frauen, die sich bewerben würden, vom Tisch gefegt werden konnte. Gut vorbereitet führte sie einen mittleren Staatsstreich in der Theaterwelt durch: Die Quote, 50 Prozent Frauen, bei der Auswahl der RegisseurInnen für die „10er Auswahl“ für das Berliner Theatertreffen zu berücksichtigen.

„Wenn wir über Fragen der Gleichstellung sprechen, implizieren diese den Kampf gegen strukturelle Ungerechtigkeiten und die Auflösung alter Ordnungssysteme.“ Y. Büdenhölzer

Yvonne Büdenhölzers Feminismus kommt besonders freundlich und sanft daher. Nicht mit großem Tamtam, sondern leise und ernst, auf Augenhöhe, das bezeugen die, die sie kennen. Die richtigen Partner zur Umsetzung der Mission Quoteneinführung hatte sie sich gesucht, der Intendant der Berliner Festspiele stand ihr zu hundert Prozent an der Seite. Den richtigen Partner zu Hause hat sie als Mutter von zwei Kleinkindern zum Glück ebenfalls: Ohne die paritätisch aufgeteilte Arbeit zu Hause könnte sie diesen Job gar nicht machen, erklärte sie in der Dankesrede.

Yvonne Büdenhölzer und andere Berliner Frauenpreisträgerinnen

„Wie macht die das, dass die nicht zornig wird, sondern eher freundlich?“ Sonja Andres

Sie schaffte neue Strukturen. Dafür wird sie nicht nur von Schauspielerinnen in einer extra inszenierten Video-Botschaft für ihren Mut gelobt, bewundert und gefeiert, sondern auch von anderen Intendantinnen, wie Sonja Anders vom Schauspiel Hannover. Sonja Anders zog in der Laudatio den Vergleich zum Aschenputtel: „Sei mutig und freundlich“, sagte die Mutter am Sterbebett zu diesem. Und diese speziellen Zutaten sind es, die typisch für die Preisträgerin seien, die ohne großes Lamentieren „die Segnungen der Emanzipation derart weitergeben könne“.

Kulturbetriebe, eine männliche Domäne?

Die Theaterwelt ist noch immer eine von Männern besetzte Domäne, zumindest in den Führungsetagen und bei der Regie. Frauen sind dafür im Publikum zu Zweidrittel vertreten und gehäuft als Schauspielerinnen oder Theaterpädagoginnen anzutreffen. Es geht um viel Macht und Machtverhältnisse, weibliche Karrieren bremst die bekannte gläserne Decke.

Der männlich dominierte Kulturbetrieb schreibt sich in Zahlen folgendermaßen:
76 Prozent der Theater-Leitungsstellen in Deutschland sind männlich besetzt;
70 Prozent der Stücke werden von Männern produziert.

Yvonne Büdenhölzer schaffte also Tatsachen, indem sie die Quote an den Berliner Festspielen einführte. Heute lächelt sie über die anfänglichen Unkenrufe und Weltuntergangsszenarien, die gleichermaßen sowohl von Männern als auch von Frauen kamen. Sie formuliert es ganz klar:

„Quoten dienen nicht dazu, Menschen in Positionen zu bringen, die da nicht hingehören, sondern Menschen dahin zu bringen, wo sie längst hätten sein sollen.“

Für Yvonne Büdenhölzer geht es noch weiter, die Quote ist nicht alles, was ihr in den Sinn geschrieben steht. Da sei noch einiges zu bewerkstelligen, wie z. B. das längst überfällige Engagement für mehr Gendergerechtigkeit in den Künsten. „Ein Sinneswandel ist im Theater von Nöten, ein generelles Umdenken, wenn Theater relevant bleiben will“, erklärt sie, „und um Strukturen zu schaffen, brauche es Entscheidungen“. Sie hat vorgemacht, wie es geht.

Der Berliner Frauenpreis wurde anfangs an Projekte, später auch an einzelne Frauen, die sich mit ihrem Engagement für die Gleichberechtigung von Frauen in Berlin stark gemacht haben, verliehen. So erhielt ihn 1989 die Frauenzeitschrift Ypsilon der Ostfrauen unter dem Berliner Verlag, 2019 die Frauengesundheits-Netzwerkerin Karin Bergdoll

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Die Welt steht still und ich mit ihr. http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/03/die-welt-steht-still-und-ich-mit-ihr/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/03/die-welt-steht-still-und-ich-mit-ihr/#comments Tue, 31 Mar 2020 16:20:04 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15543 Die Welt steht still.
Ich stehe still und schließe die Augen.
Konzentriere mich auf das Hören.
Und höre – nichts …
Welche Wohltat.

Foto: Monika Krampl

Kindheitserinnerungen. Ich sitze im Garten im hohen Gras der Wiese. Die Blumen rings um mich duften und ich höre die Bienen summen. Sonst nichts. In unserer Straße gibt es noch keine Autos.

Und jetzt – jetzt sehe ich zwar die Autos auf der Straße und in den Carports stehen. Jedoch sie fahren nicht.

Alles ist still.

Jenseits der Stadtgrenze sehe ich den Ötscher. Jeden Tag, wenn ich mit meinem Hund zu den Seen gehe, habe ich ihn im Blickfeld. Heute ist er mit Schnee bedeckt. Mein Blick hält sich an ihm an. Er ist mein Halt. Sein Gestein ist aus der Zeit der Trias, der ältesten Zeit des Mesozoikums. Sie erstreckt sich über den Zeitraum vom etwa 251,9 bis 201,2 Millionen Jahre. Da kann man sich schon anhalten. Einerseits. Andererseits relativiert es den Zeitbegriff und unsere menschliche Wichtigkeit. Was sind da schon unsere Menschenjahre. Noch einmal andererseits – haben Menschen es in den letzten 100 Jahren locker geschafft, die Natur zu Grunde zu richten. Oder ist die Natur – nicht zu vergessen, dass wir ein Teil dieser Natur sind – gerade dabei, uns zu Grunde zu richten?

Alle Grenzbalken und –mauern, ja selbst ein ‚Eiserner Vorhang‘ zwischen den Ländern wird das Virus nicht aufhalten. Es zeigt uns die Grenzen des Menschenmöglichen.

Immer wieder wird in dieser Zeit Friedrich Hölderin, der große Europäer, zitiert:

„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“

Ist das so?

Ist es nicht auch so, dass Menschen erst in Gefahr und Not sein müssen, um wieder zu Besinnung zu kommen. Zur Besinnung auf die Werte der Menschlichkeit. Auf Zusammenhalt und gegenseitige Unterstützung statt Konkurrenz.

Ich gehe durch die stillen Straßen und um die Seen. Und die Menschen, denen ich begegne, sehen nicht weg. Wir sehen uns an und grüßen uns. Macht es das Verbot uns berühren zu dürfen möglich, uns in die Augen zu schauen? Uns zu sehen und uns zuzunicken?

Und ich erinnere mich wieder an meine Kindheit. Als jedes mal, wenn auf der Straße jemand vorbei ging, ich mit Freude zum Gartenzaun lief und hinaus rief „Grüß Gott!“. Und die Menschen sagten „Was für ein freundliches Kind sie haben …“ Obwohl es damals noch üblich war, dass auch fremde Menschen sich auf der Straße grüßten.

Ich merke, etwas verändert sich. Die Menschen verändern sich. Ich lese Berichte von Menschen über ihren Alltag. Diese Berichte, die ich schon immer interessanter fand als alles andere, interessieren mich jetzt noch mehr. Auf jeden Fall sind sie berührender als die neuesten Corona-Statistiken. Sie berühren mich / sie berühren jeden von uns / nehme ich mal an. Auf jeden Fall findet Berührung statt, – in Zeiten, in denen wir uns körperlich nicht berühren dürfen / sollen.

Ich empfinde Mitgefühl mit all den leidenden Mensch in allen Ländern / mit den Verstorbenen und den Sterbenden. Gerade auch das Leid in Italien berührt mich sehr. Wie sehr ich dieses Land doch liebe.

Wird sich jetzt, auf Grund dieser Katastrophe, etwas verändern?

Werden wir verstehen?

Oder brauchen wir noch die nächste Katastrophe – die Klimakatastrophe, – um aufzuwachen, aus der Unmäßigkeit / der Überheblichkeit / der Maßlosigkeit in allem Tun?

Werden wir verstehen, oder kommt es ganz schlimm – dass nachher – alles weitergeht wie bisher …

Am tiefblauen Himmel gibt es keine Kondensstreifen.
Das Wasser des Sees plätschert ans Ufer.
Enten schnattern leise …
Die Welt steht still.

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Auch eine Deportation: In eine Männlichkeit, die von der Welt der Frauen getrennt ist http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/03/auch-eine-deportation-in-eine-maennlichkeit-die-von-der-welt-der-frauen-getrennt-ist/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/03/auch-eine-deportation-in-eine-maennlichkeit-die-von-der-welt-der-frauen-getrennt-ist/#comments Fri, 27 Mar 2020 08:18:02 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15519
Foto: Dorothee Markert

Wie eine Deportation sei es gewesen, als Frauen meinten, sie müssten wie Männer werden, um beruflich voranzukommen und politisch ernst genommen zu werden. Die so verstandene Emanzipation sei durch die Frauenbewegung gestoppt worden, weil die Frauen durch sie von sich selbst, von ihrem Erleben und von ihrem Begehren weggeführt worden seien. Diese Gedanken Luisa Muraros und vor allem der Begriff der Deportation regten mich zum Weiterdenken an.

Ich fragte mich, ob eine solche Deportation für kleine Jungen, die zu patriarchalen Männern werden sollen, nicht bereits mit etwa 10 Jahren stattfindet, wenn sie endgültig begreifen müssen, dass sie die Nähe zur Mutter und die von ihr gestaltete und beseelte Welt aufgeben müssen, um in eine kalte und harte Männerwelt einzutreten, in der ihnen alle Weichheit und jegliche Gefühlsäußerung mit Spott ausgetrieben werden und in der sie lernen müssen, sich körperlich abzuhärten, um mit der allgegenwärtigen Gewalt klarzukommen und einen erträglichen Platz in der männlichen Hierarchie zu erkämpfen. Eine Welt, in der ihre bisherigen Erfahrungen in der mütterlichen Welt nichts mehr gelten, in der all das, was bis dahin zur mütterlichen Autorität gehörte, abgewertet und verächtlich gemacht wird, einschließlich all dessen, was mit einem liebevollen Umgang mit dem eigenen Körper zu tun hatte, mit einer schön gestalteten Umgebung, manchmal auch mit Sprache und Bildung. Von den Freundinnen aus der Nachbarschaft, mit denen sie seit früher Kindheit gespielt hatten, müssen sie sich nun abwenden, wenn sie sich nicht den Sticheleien und hämischen Bemerkungen aussetzen wollen, die von anderen Jungen über diese Freundschaften gemacht werden.

Hat der kleine Junge bis dahin gern der Mutter bei der Care-Arbeit geholfen und war stolz auf sein Können in diesem Bereich, muss er sich nun hüten, dass es jemand mitbekommt, wenn er einen Putzlappen in die Hand nimmt. Obwohl er immer noch bei der Mutter lebt, muss er sich in der Öffentlichkeit von allem distanzieren, was mit diesem Leben zu tun hat. Neulich hörte ich auf der Straße, wie ein Junge seinem Kumpel gegenüber über den „Fraß, den meine Mutter kocht“, sprach. Für das bis dahin bei allen so beliebte Tafelputzen in der Schule meldeten die Jungen sich etwa ab der 4. Klasse immer weniger und überließen es schließlich ganz den Mädchen. Immer öfter weigerten sie sich sogar, ihren eigenen Müll zum Papierkorb zu bringen, denn solche verachtenswerte „Weiberarbeit“ war ihnen nicht mehr zuzumuten.

Viele weitere Beobachtungen dieser Art machte ich als Lehrerin, wenn ich jenen Wechsel der Jungen in ein völlig anderes Leben und Erleben schulisch begleitete. Und ich weiß, dass ich die damit verbundenen Quälereien nur verhindern oder mildern konnte, wenn sie vor meinen Augen stattfanden, doch was in den Toiletten und auf dem Schulweg geschah, konnte ich kaum beeinflussen. Damals war ich oft wütend auf meine männlichen Kollegen, die nichts dagegen unternahmen. Sprach ich sie darauf an, gaben sie mir zu verstehen, ich würde mich da über etwas aufregen, wovon ich nichts verstehe, Jungen seien halt so und die bräuchten das einfach. Ich versuchte die Gewaltkultur wenigstens etwas zu zivilisieren, indem ich auf Fairness drängte und es nicht duldete, dass mehrere auf einen einprügelten. Nachhaltigen Eindruck machte es auf meine Klasse und deren Eltern, dass ich einmal sogar einen (demokratisch gewählten!) Klassensprecher absetzte, weil er sich an den Schikanen gegen den kleinsten Jungen der Klasse beteiligt hatte.

Gegen die Behauptung, die Jungen würden von sich aus diesen Wechsel vollziehen und wollten es nicht anders, spricht die Tatsache, dass sehr viel Druck ausgeübt wird, dass sie mit Gewalt und Spott dazu gezwungen werden, sich mit Todesverachtung von ihrem bisherigen Leben abzuwenden. Ich denke dabei auch an den Sohn einer Freundin, der mit 10 Jahren bitterlich weinte, als er begriff, dass er nie „zu einer Mama“ werden konnte. Ich denke an die Erzählung über den Trans-Prozess eines anderen Menschen, der bei der Frage nach dem Zeitpunkt, bei dem er merkte, dass er „im falschen Körper“ lebte, ebenfalls das Alter von 10 Jahren nannte. Und ich denke an mein Mitgefühl für den Sohn einer anderen Freundin, wenn dieser in unserem gemeinsamen Urlaub allein in die Männertoilette in einem anderen Gebäude gehen musste, während wir Frauen und seine kleine Schwester fröhlich plaudernd zusammen in „unsere“ Toilette gingen. Mir fallen auch viele Gespräche mit feministischen Müttern von Söhnen ein, die sich Gedanken machten, wie das Feine, das Weiche und Zärtliche ihrer Söhne bewahrt werden könnte, während sie zu Männern heranwachsen. Auch vom Schuldgefühl war die Rede, weil es jenen Müttern nicht gelang, ihre Söhne zu beschützen vor dem brutalen Männlichkeitsdrill in jener anderen Welt.

Ich denke, dass dieses Schuldgefühl ein Grund ist, warum bis heute immer noch viele Mütter geneigt sind, ihre Söhne mehr zu verwöhnen als ihre Töchter, bis weit in das Erwachsenenleben hinein. Darunter leiden dann wiederum die späteren Partnerinnen der Söhne, die darüber klagen, dass sie in Bezug auf die alltägliche Care-Arbeit, anstatt zuverlässig unterstützt zu werden, eher noch ein „zusätzliches Kind“ zu versorgen haben. Umgekehrt könnte es auch sein, dass ein Teil der Frauenverachtung, die bei manchen Männern bis zum Frauenhass geht, aus einer frühen und tiefen Enttäuschung genährt wird, dass die Mutter sich als doch nicht so stark und mächtig herausstellte, wie sie sie in den ersten Lebensjahren empfunden hatten. Dass sie also das Gefühl hatten, in den ersten Lebensjahren betrogen bzw. später im Stich gelassen worden zu sein. Wie der kleine Junge diese Erfahrung interpretiert, hängt wahrscheinlich auch stark davon ab, wie die Beziehung zum Vater ist, wie viel Nähe und Schwäche in dieser Beziehung erlaubt sind, wie der Vater diesen Übergang begleitet und seinen Sohn beschützt und unterstützt. Und wie sehr er seine Frau liebt und respektiert und dies seinem Sohn vermittelt. Doch bis vor kurzem waren die Väter in solchen Rollen kaum vorhanden, und auch heute ist es nur eine Minderheit, die dort verlässlich Verantwortung übernimmt.

Zum Bild der Deportation passt es, dass auch eine „Rückkehr“ in die Welt der Frauen in Aussicht gestellt wird. Aber dafür müssen bestimmte Bedingungen erfüllt werden. Man muss ein richtiger Mann geworden sein. Man muss eine Frau „ficken“ können, das heißt, wie es im Schimpfwort „fuck“ noch deutlicher ist, vor allem, sie unterwerfen zu können. Dafür braucht es „Potenz“, Geld, Macht, Ruhm, eine hohe Stellung in der Hierarchie. Man muss hohe Türme bauen können, höhere als andere, man muss vielleicht auch großen und mächtigen Organisationen angehören und den einzigen und größten Gott an seiner Seite haben. Dass so vielen Männern Geld, Macht, Ruhm und Überlegenheit wichtig sind, wofür sie unglaubliche Leistungen erbringen, aber auch viele Zerstörungen in Kauf nehmen, hat vielleicht letztlich mit der tiefen Sehnsucht nach Rückkehr aus der Deportation zu tun, mit der einen tollen Frau oder den zahlreichen „Jungfrauen“, die es dann als Belohnung gibt. 

Zum Glück gelingt es manchen Männern ja auch, eine gute Beziehung mit einer Frau zu leben, mit der sie ein schönes Zuhause schaffen und vielleicht Kinder haben. Doch wehe, einem Mann wird die Frau, die er so mühsam für sich gewonnen hat und nun zu besitzen meinte, wieder genommen! Viel zu viele Frauen, die einen Bewerber zurückweisen oder ihre Partner verlassen wollen, riskieren damit ihre körperliche Unversehrtheit oder gar ihr Leben. Wer so lange warten und so viel dafür tun und erleiden musste, bis er schließlich seine eigene Frau bekam, lässt sich diese nicht mehr nehmen, eher nimmt er ihr das Leben, und manchmal auch noch das Leben der gemeinsamen Kinder.

Jene Deportation aus der Welt der Frauen in die der Männer in so frühen Jahren gilt nach wie vor als völlig normal, und es gibt kaum Mitgefühl für das, was die kleinen Jungen, vor allem die schwächeren unter ihnen, in dieser Zeit durchmachen, was ihnen genommen und was ihnen aufgezwungen wird. So ist es kein Wunder, dass vielen von ihnen bei diesem Wechsel auch die Empathiefähigkeit und das Mitgefühl verlorengehen. Die Empfindungsfähigkeit muss durch eine dicke Panzerung abgetötet werden. Ich denke, es gibt einen Zusammenhang zwischen dieser Erfahrung und der Tatsache, dass Deportationen und alles, was damit zu tun hat, in der patriarchalen Geschichte weit verbreitet waren und es immer noch sind: Umsiedlungen, Vertreibungen, Zwangsbekehrungen, Umerziehungen, kulturelle Auslöschung usw., bis hin zum Völkermord. Beispielsweise lesen wir in der Bibel, wie das Volk Israel nach Babylonien deportiert wurde, bei Griechen und Römern wurden die im Kampf Unterlegenen als Sklaven weggeführt, Menschen aus Afrika wurden nach Amerika verschleppt, Ureinwohner überall auf der Welt wurden in Reservate gebracht oder zwangsintegriert, während des zweiten Weltkriegs wurden Menschen in Lager verschleppt und Kriegsgefangene mussten weit weg von zuhause als Zwangsarbeiter schuften, – es gibt unzählige Deportationen in „unserer“ Geschichte, und so viele Beispiele für Mitleidlosigkeit und Zerstörungswut in unserem Alltag.

Allerdings wissen wir inzwischen, dass es eine andere Lebensmöglichkeit gibt, in der die kleinen Jungen die Welt der Frauen nicht verlassen müssen. Es gibt nämlich dort nur die Welt der Frauen, die aber eine Welt für alle ist. Nur wenige Völker leben so auf der Welt, aber es gibt sie, beispielsweise die Minangkabau auf Sumatra oder die Mosuo in China. Und sie haben die Probleme nicht, die wir überall sonst mit „den Männern“ haben, mit ihrer Aggressivität, ihrer Neigung zu Gewalttätigkeit, zu Übergriffen und Zerstörungswut. Diese Gemeinschaften leben matrilokal, man nennt sie auch matriarchale Gemeinschaften, aber dieser Begriff ist missverständlich, denn sie sind keine spiegelbildlich umgekehrte Entsprechung patriarchaler Gesellschaften, mit Frauenherrschaft statt Männerherrschaft. Hier dürfen alle in der Welt der Mütter und Großmütter bleiben, auch als Erwachsene, niemand wird „deportiert“. 

Weil es solche Gemeinschaften noch gibt und diese erforscht wurden, wissen wir, dass es den dort lebenden Männern gut geht, dass sie trotzdem Männer geworden sind und als solche ernst genommen werden und sich in ihren Fähigkeiten entwickeln können, dass sie auch Partnerschaften haben, allerdings ohne mit ihren Geliebten zusammenzuleben. 

Obwohl unsere Welt sich durch die Frauenbewegungen sehr stark verändert hat und es die Männerwelten, für die jene Zurichtung der kleinen Jungen eine Vorbereitung sein sollte, zum Glück in westlichen Ländern kaum noch gibt, haben wir immer noch die Vorstellung im Kopf, jene Deportation der kleinen Jungen sei notwendig, damit sie zu Männern werden können. Dieser Gedanke ist aber eine patriarchale Erfindung. Die patriarchalen Herrscher brauchten (und brauchen) jene gefühllosen, mitleidlosen, abgehärteten jungen Männer, denen ihre Menschlichkeit ausgetrieben worden war, für ihre Eroberungskriege und für ihre Raubzüge sowie für die Etablierung und Aufrechterhaltung ihrer Herrschaft. 

Doch wir, die nicht mehr wollen, dass „der Mann hinaus (muss) ins feindliche Leben“, wir, die am guten Leben für alle arbeiten, so dass junge Männer und junge Frauen irgendwann hinausgehen können in ein freundliches Leben, sollten nun auch in unseren Köpfen die Vorstellung aufgeben, um Männer zu werden, müssten kleine Jungen sich in einer „Männerwelt“ behaupten lernen. Schließlich leben wir ja längst in einer Welt, in der Männer und Frauen fast überall zusammenarbeiten und in der Männer während der Vätermonate und danach teilhaben können an dem Leben in der mütterlichen Welt, aus der auch bei uns immer mehr eine Welt für alle werden kann.

Zu Beginn der Flugschrift Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn haben wir behauptet, das Patriarchat sei zu Ende, weil Frauen nicht mehr daran glauben, weil sie nicht mehr glauben, dass sie schwächer und weniger wert seien als Männer. Es wird Zeit, dass Frauen und Männer auch nicht mehr daran glauben, um ein Mann zu werden, müssten kleine Jungen lernen, sich allein unter Jungen und Männern zu behaupten, in einer Parallelwelt, in der die Würde des Menschen und die Grundrechte, vor allem das Recht auf körperliche Unversehrtheit, keine Gültigkeit haben.

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Brief der Erde an uns Menschen http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/03/brief-der-erde-an-uns-menschen/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/03/brief-der-erde-an-uns-menschen/#comments Tue, 24 Mar 2020 04:00:00 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15341
„Säfrau oder die selbstwachsende Saat“, Linoldruck von Claudia Nietsch-Ochs

Geht es nicht darum, eine andere Einstellung zur Erde zu bekommen?

Worte können vernebeln. So auch, Bewahrung der Schöpfung oder, Rettung der Erde. Die Schöpfung ist der gesamte Kosmos. Den können wir nicht bewahren. Wir können auch nicht die Erde retten, sondern nur die Lebensgrundlagen. Aber alles, was wir tun, erschien mir nur Symptombehandlung.

Hanna Strack hat einen Brief im Namen der Erde geschrieben. Den Anstoß dazu erhielt sie durch einen Hinweis der Theologin Musa Dube, aus Botswana, auf das Earth-Bible-Project:Aus der Perspektive der Erde, will dieses Projekt die Bibel lesen. Dies war für sie ein bedeutsamer Perspektivwechsel. Und auch Silvia Schroers Aufsatz über Erdgöttinnen und Texte zum Erdmutterglauben seien ein weiterer Impuls gewesen. Dieser Brief der Erde geht durch die Welt und erhält viele verschiedene Reaktionen, von Ablehnung aus der naturwissenschaftlichen Perspektive bis zu viel Dank, Inspiration, Freude und Nachdenklichem über die Worte. Wir veröffentlichen ihn auch auf beziehungsweise-weiterdenken. Hanna Strack bittet um Hinweise für eine Liturgie der Erde, an der sie zur Zeit arbeitet.

Ihr lieben Frauen, Männer und Kinder – die ihr mein Haus bewohnt!

Ich segne euch Menschenkinder mit dem Segen eurer Mutter Erde, mit meiner Nahrung und Kraft für euch! Hört ihr meinen Herzschlag? Wir sind miteinander verbunden im Gewebe des Lebens. Ich bin wie ihr ein lebendiges Wesen. Ich bin viel mehr als eure Mutter, ich bin eine sehr große Kraft. In meinem innersten Kern brodelt es voll Energie und Kraft, Feuer und Wasser. Und der Mantel, meine Oberfläche, hat fruchtbare Böden, Wasser und auch Trockengebiete. Er ist wie eure Haut, dünn, aber so wichtig. Ihr nennt ihn Erdkruste – es ist keine Kruste, sondern pures Leben!

Ihr wisst, dass ihr diesen Mantel und damit eure Lebensgrundlagen so unachtsam behandelt, dass ihr sie zerstört. Das tut mir weh. Da ist ein Gefühl von Ausbeutung statt von der Liebe, die wir füreinander brauchen. Die Narben schmerzen noch lange, auch dann noch, wenn ihr ausgestorben sein werdet. Ihr wollt mit eurem Wissen mein Geheimnis erforschen und euch nutzbar machen. Aber damit werdet ihr scheitern, denn mein lebendiges Wesen ist immer in Bewegung und antwortet auf eure Ausbeutung.

Ich spüre die vielen kleinen Anstrengungen von allen und in allen Ländern, diese Zerstörung aufzuhalten. Ich spüre die Sanftmut, die Ehrfurcht, die diese Leute mir entgegen bringen. Sie sagen, sie wollen mich heilen, damit meinen sie meinen Mantel. Das tut mir gut. Dabei heilen sie ja auch sich selbst.

Einst wurde ich als heilig verehrt, als Trägerin, Gebärerin und geheime Urkraft des Lebens, denn ich bin die weibliche Schöpfungskraft, die alles durchdringt. Was glaubt ihr? Bin ich die unerschöpfliche Quelle, der Busen der Natur, eure Mutter, die ich euch geboren habe und wieder in meinen Schoß zu mir nehme? Bin ich ein Gegenstand oder bin ich lebendig? Bin ich eurem Vatergott untertan oder bin ich selbst eine Göttin? Wie GAIA, die Erdgöttin der Griechen. Wie Pachamama, die Erdmutter der Latinos? Euer Dichter singt: Es war, als ob der Himmel die Erde still geküsst, dass sie im Mondenschimmer von ihm nun träumen müsst! Vater Himmel und Mutter Erde – wir sind ein Paar. Vater Himmel ist das große Universum, ich bin darin die Lebendige und Leben schaffende Kraft.

Wenn ihr um meine große Bedeutung für euch wisst, habt ihr dann eine Liturgie, mit der ihr mich ehrt? Lieder und Tänze? Ihr – die Menschen der Industrie-Länder habt es nicht. Schaut auf die Menschen auf den Hawaii-Inseln. Schaut auf die Rituale der Völker Lateinamerikas zu meinen Ehren! Erzählt euch Märchen von der Erde und Schöpfungsmythen. Auch sie öffnen eure Augen und euer Herz.

Ihr meine lieben Menschenkinder! Ich möchte euch vor eurem Untergang und all den Kriegen, die dem voran gehen, bewahren. Achtet auf die Momente, in denen ihr ergriffen seid von kleinen und großen Ereignissen, die euch erschüttern können! Und von der Schönheit, die ich euch biete, den Schneeflocken, dem neugeborenen Baby, den Schmetterlingen, dem Sonnenaufgang über den Bergen!

Singt das Lied von der Schöpfung! Umarmt euren Baum! Tanzt einfach!

Eure Erde, eure Quelle und Kraft!

Schroer: Vermutlich Göttinen im Kontext von AhnInnenverehrung, Zeichnung Ulrike Zurkinden

Literatur

Franz Vonessen: Signaturen des Kosmos. Welterfahrung in Mythen, Märchen und Träumen, Die Grau Edition, Witzenhausen 1992.

Leonardo Boff: Die Erde ist uns anvertraut. Eine ökologische Spiritualität, Kevelaer 2010, 14, „… weil wir Erde sind, wird es ohne die Erde keinen Himmel geben“.

Leonardo Boff: Zukunft für Mutter Erde. Warum wir als Krone der Schöpfung abdanken müssen, Claudius Verlag München 2012.

Isis Ibrahim: Geschaffen zum Leben. Entwurf einer (Schöpfungs-)Theologie des Geborenseins, Freiburg: Herder 2015.

Aramäisches Vaterunser in verschiedenen Übertragungen.

Earth Bible Project: Aus der Perspektive der Erde die Bibel lesen. https://www.webofcreation.org/earth-bible/the-earth-bible-project, 21.3.2020

Silvia Schroer: Lectio difficilior, Jan 2019, Zugang für ESWTR-Mitgliedsfrauen.

Barbara Stamer (Hg.): Märchen von Mutter Erde. Zum Erzählen und Vorlesen, Urania Königsfurt 2017, 5. Aufl.

Rosemary Radford Ruether: Gaia & Gott. Eine ökofeministische Theologie der Heilung der Erde. Edition Exodus, Luzern 1994

Dies (Ed.): Woman Healing Earth. Third World Women on Ecology, Feminism, and Religion, New York 1996

Sallie McFague: The Body of God. An Ecological Theology, Minneapolis 1993

Bildnachweise

Erdmutter:
Claudia Nietsch-Ochs, Quelle: CANTATE. Vom Leben singen mit Leidenschaft. Cantabo Verlag Nürnberg, 1994, Bestelladresse: Erzbischöfliches Jugendamt Bamberg.

Göttinnen Abb.1+2:
Silvia Schroer/Othmar Keel, Die Ikonographie Palästinas/ Israels und der Alte Orient. Eine Religionsgeschichte in Bildern. Band 1: Vom ausgehenden Mesolithikum bis zur Frühbronzezeit, Freiburg CH 2005, No 106 (Zeichnung: Ulrike Zurkinden)

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Frauen pflegen Frauen mit Demenz – Plädoyer für Fassungslosigkeit statt Gewalttätigkeit. http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/03/frauen-pflegen-frauen-mit-demenz-plaedoyer-fuer-fassungslosigkeit-statt-gewalttaetigkeit/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/03/frauen-pflegen-frauen-mit-demenz-plaedoyer-fuer-fassungslosigkeit-statt-gewalttaetigkeit/#comments Fri, 20 Mar 2020 07:58:56 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15306

Meine Überlegungen zum Thema beginnen mit einer Szene aus dem Spielfilm „Nichts für Feiglinge, in der etliche Aspekte von Gewalt im Zusammenhang mit Frauen und Demenz deutlich werden.

Lisbeth Dircksen, eine alte Frau, die ihr ganzes Leben sehr unabhängig als gebildete Kunstliebhaberin verbracht hat, muss fassungslos zur Kenntnis nehmen, dass sie nicht mehr allein leben kann und in ein Pflegeheim ziehen muss. Dort ist alles fremd und manches auch ziemlich unheimlich. Das erste Abendessen beginnt. Eine junge Frau in blauem Arbeitsmantel geht umher und sieht nach dem Rechten. Sie lobt und tadelt, fordert auf, lächelt zu. Stimme aus dem Off, möglicherweise von der Pflegekraft: „Alles o.k.? Sie sind ein braves Kind, das ist gut, das freut mich. Was wollen Sie?“

Die Frau gegenüber von Frau Diercksen setzt die Zuckerdose an den Mund und die Betreuerin tadelt sie: „Frau Rohm!“ Als sie weg ist, hebt Frau Rohm eine volle Zuckerschale von ihrem Schoß auf und lächelt Frau Diercksen verschmitzt lächelnd zu. Auch Frau Diercksen lacht. Unvermittelt spricht die junge Pflegerin Lisbeth Diercksen an: „Und schön Ihren Tee trinken, Frau Diercksen, Flüssigkeit ist wichtig!“ Lisbeth Diercksen (langsam und bestimmt): „Ich würde trinken, wenn das, was Sie Tee nennen, in der Tat Tee wäre.“ Pflegerin (genervt): „Ach, wir wollen damit sagen, das ist nicht gut genug für uns!“ Lisbeth Diercksen (angriffslustig): „Ich weiß nicht, was wir sagen wollen, ich jedenfalls sage, es ist eine labbrige Brühe“. Pflegerin (ironisch): „Ja, dann bereite ich Ihnen mal rasch einen Latte Macchiato zu“. Jemand lacht über diese Bemerkung.

Gleich darauf beginnt der Tischnachbar von Lisbeth Diercksen von ihrem Teller zu essen. Sie reagiert empört: „Entschuldigung?!“ Dann steht sie auf und strebt dem Ausgang zu. Pflegerin (alarmiert): „Wo soll es denn hingehen?!“ Lisbeth Diercksen (hoheitsvoll): „Ich versichere Ihnen, das geht Sie absolut nichts an, aber ich bin sicher, dass ich irgendwo ein Lokal finde, wo man unbehelligt zu Abend essen kann.“

Vor dem Ausgang wird sie von der Pflegerin und einem Kollegen eingeholt, der Pfleger legt ihr den Arm um die Schultern und hält sie zurück. Frau Diercksen: „Sie werden mich jetzt gehen lassen“. Pflegerin: „Genau das werden wir nicht machen, denn Sie sind nämlich in unserer Obhut.“ Frau Diercksen (aufgeregt): „Genau darauf verzichte ich!“ Sie schlägt zu, die Pflegekraft stürzt zu Boden. Pfleger: „Frau Diercksen, so geht das nicht!“ Er schleppt Frau Diercksen gegen ihren deutlichen Widerstand vom Ausgang weg.

Wenig später findet Enkel Philip seine Großmutter fixiert und sediert vor. Erregt beschwert er sich bei der Heimleiterin über diese Vorgangsweise. Die Frau hält ihm vor, dass das in Deutschland absolut gängige Praxis sei, und dass seine Großmutter schon am ersten Tag eine Pflegekraft niedergeschlagen habe. Sie empfiehlt ihm, dem Gesundheitsminister zu schreiben und ihn zu fragen, wie das gehen soll, dass eine Pflegekraft für 12 ‚Heiminsassen‘ zuständig sei. In Deutschland würden zurzeit etwa 50.000 Pflegekräfte fehlen.

Heimleiterin (erregt): „Ihre Großmutter leidet an vaskulärer Demenz. Und wenn Ihnen nicht klar wäre, was das für alle Menschen in ihrer Umgebung bedeutet, dann hätten Sie sie doch gar nicht erst hierhergebracht!“

Was hat hier eine Rolle gespielt?

Es sind nie nur einzelne Personen, die sich gegenüber demenziell veränderten Menschen gewalttätig verhalten, es handelt sich vorrangig um strukturelle Gewaltrisiken und um Dynamiken und Kreisläufe der Gewalt – zwischen den handelnden Personen, in den Teams, in den Einrichtungen, in der Gesellschaft.

Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V. beschreibt verschiedene Formen von Gewalt in der Pflege. Zur personellen Gewalt zählen das Festhalten, Fixieren und Sedieren, aber auch das Lächerlichmachen von Pflegebedürftigen. Bei einem starr hierarchisch wirkenden Beziehungsmuster zwischen Bewohner_innen und Mitarbeiter_innen wird von kultureller Gewalt gesprochen. Dazu gehört auch, das Fixieren als Selbstverständlichkeit zu betrachtenund dass die Pflege vergeschlechtlicht wird. Auf struktureller Ebene spiegelt sich Gewalt z. B. durch Personalmangel und widersprüchliche Anforderungen wider.

Die Hauptakteurinnen sind Frauen

Altenpflege ist eine Welt der Frauen – daher der Titel „Frauen pflegen Frauen“. Laut der Interessengemeinschaft pflegender Angehöriger wird häusliche Pflege in Österreich zu über 70 Prozent von Frauen geleistet, die im Durchschnitt 62 Jahre alt sind. Das deutsche Bundesamt für Statistik weist 2019 ganz ähnlich darauf hin, dass der größte Pflegedienst mit 76 Prozent aus Angehörigen besteht, laut einem Gutachten des Sozialverband Deutschland e.V. tragen auch in Deutschland Frauen zu 70 Prozent die Hauptverantwortung für die Pflege von Angehörigen, was das Risiko geringerer Versicherungszeiten durch Lohnarbeit nach sich zieht. Ein Viertel der pflegenden Frauen und fast ein Fünftel der pflegenden Männer ist zwischen 60 und 64 Jahre alt, über 70-jährige Angehörige leisten den höchsten Umfang an Unterstützung, jede dritte Pflegeperson fühlt sich stark oder sehr stark belastet, Frauen erleben diese Belastung stärker (39,2 Prozent) als Männer (20,3 Prozent).

Die Dynamik von Gewalt beginnt bereits darin, dass Frauen in der informellen Pflege meist allein gelassen werden. Unfairness und Unentrinnbarkeit sind Gewalt begünstigende Faktoren von Pflegesituationen. Daher darf es nicht verwundern, dass als größte Täterinnengruppe pflegende Töchter wahrgenommen werden.

Bei den Pflegekräften in den mobilen Diensten betrug laut dem statistischen Bundesamt in Deutschland 2015 der Frauenanteil 88 Prozent, 84 Prozent im stationären Bereich. In Österreich betrug laut Statistik Austria 2016 der Frauenanteil in den mobilen Diensten 92 Prozent, 84 Prozent im stationären Bereich. Bei den betreuten Menschen sind sowohl in Deutschland als auch in Österreich rund zwei Drittel (mobile Dienste) bis annähernd drei Viertel (stationäre Dienste, Kurzzeitpflege, alternative Wohnformen) Frauen.

In der Pflege zeigt sich eine Tradition von Bildern weiblicher Zuwendung als Folge einer in den Beruf getragenen Mütterlichkeit: Bewusste oder unbewusste Familialisierung, Nestbauen, Pflegebedürftige schonen, aber auch Mütterlichkeit im Sinne von Pädagogisierung und Strenge. Pflegewissenschaftlerin Ursula Koch-Straube schreibt in „Fremde Welt Pflegeheim“: „Schwäche und Regression der Bewohnerinnen einerseits und Infantilisierung andererseits greifen ineinander. Hinter der mit Mütterlichkeit verbrämten Infantilisierung verbergen sich jedoch nicht selten Macht und Aggression, die die Gefügigkeit alter Menschen bewirken. (…) Auf diese Weise vereinigen sich Überlastungssymptome der Mitarbeiter_innen, Fürsorge und Macht zu einem nicht ohne weiteres zu entwirrenden Knäuel.“ Damit wird nicht zuletzt die Distanz der Andersartigkeit geschaffen, die vor der Angst schützt, selbst in die Rolle der Betreuten zu kommen.

Zurück zu Lisbeth Diercksen aus dem Film

Wie die meisten Bewohner_innen von Pflegeheimen erlebt sie den Einzug in das Heim als einen zutiefst erschütternden Einschnitt in ihr bisheriges Leben. Trotzdem scheint mir der einzige Lichtblick dieser Szene ihr spontanes Lachen zu sein, als Frau Rohm ihr spitzbübisch die versteckte Zuckerdose zeigt; das entspannt die Situation, und zwar für alle Beteiligten, auch für sich selbst.

Die junge Pflegerin, die in diesem Heim arbeitet, will ihre Sache ganz offensichtlich gut machen. Sie sieht sich als verantwortlich für die Bewohner und Bewohnerinnen und wendet sich ihnen zu. Vor allem aber will sie Ordnung halten und Verhaltensweisen verhindern, die etwas mit dementiellen Einschränkungen zu tun haben. Etwa dass Frau Rohm die Zuckerdose wie ein Trinkglas benutzt oder dass Frau Diercksen das Haus verlassen will. Vermutlich spürt sie auch spontane Antipathie gegen Frau Diercksen, weil es Hinweise auf einen Milieuunterschied gibt. Sie will sich also ihr gegenüber auch positionieren als diejenige, die hier das Sagen hat. Daher gibt sie zu verstehen, dass es über das Verhalten von Frau Rohm nichts zu lachen gibt. Dass die Bewertung des Tees eine Frechheit ist, die sich Frau Dircksen herausnimmt. Dass keine Bewohnerin unerlaubt das Haus verlassen darf, weil das Personal die Verantwortung hat. Diese Verantwortung kleidet sich auch in pädagogisierende Anweisungen. Dann braucht es nur noch den Übergriff eines anderen Heimbewohners auf das Essen von Frau Diercksen, und schon ist das Maß voll und die Gewaltdynamik nimmt ihren Lauf.

Die Heimleiterin macht dem Enkel dann auch noch klar, dass es nicht zuletzt an den Rahmenbedingungen liegt, dass seine Großmutter sediert und fixiert wurde. Und sie weist auf einen häufig ins Treffen geführten Grund für die Gewalttätigkeit hin: Die Demenzerkrankung, an der Frau Diercksen leidet.

Der männliche Hauptakteur, der Enkel von Lisbeth Dircksen, tut, was die meisten Männer tun: Er organisiert die nötige Hilfe, mischt sich auch ein. Wie viele pflegende Angehörige leidet er darunter, die Verantwortung für seine an Demenz leidende Großmutter mit seinem Studium, seiner Arbeit und seinem Leben in einer Wohngemeinschaft zu vereinbaren. Auch an einer langen Verstrickung mit dieser Großmutter leidet er.

Was sieht man in dieser Szene nicht? Die meisten gewalttätigen Übergriffe finden in der Körperpflege statt. Vor allem Intimpflege lehnen viele Frauen ab – aufgrund ihrer Lebenskompetenz und früheren Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt.

Das Pflegepersonal sieht sich dann vor dem Dilemma: Im Kot liegen lassen oder übergriffig werden? Hier braucht es Zugangsweisen über Kommunikation wie z. B. beim Konzept „Validation“ nach Naomi Feil. Danach wird mit dem Waschen nicht am Unterleib begonnen, sondern zuerst Kontakt am Oberkörper aufgenommen.

Gesellschaftliche bzw. strukturelle Rahmenbedingungen

Pflegepersonen geraten nicht nur unter Druck durch fehlendes Personal, sondern durch widersprüchliche bzw. paradoxe Anforderungen wie sie für die gesellschaftliche Modernisierung typisch sind. Funktionalisierung und Ökonomisierung führen zu einer daran ausgerichteten Beschleunigung. In den Ausbildungen werden zugleich immer ausgefeiltere Konzepte individualisierter Pflege vermittelt, die sich aber aufgrund der Realität in der Altenpflege meist nicht umsetzen lassen. Dies hat Eva Ohlert in ihrem Buch „Albtraum Altenpflege“ herausgearbeitet. Die Professionalisierung zeigt sich auch als formalisiertes, standardisiertes Handeln im Sinne von Kontrolle, Standardisierung und Verrechtlichung. Man denke an Qualitätssicherungsstandards mit Zertifikaten und Dokumentationsvorschriften. Die zunehmende Belastung führt schließlich dazu, dass sich gut ausgebildetes Personal aus der Beziehungsarbeit zurückzieht. Dadurch zerbrechen kommunikative Brücken zwischen Zentrum und Peripherie in Organisationen. Schließlich wird der Widerspruch zwischen der Anforderung von Service orientierter Dienstleistung an „Kund_innen“ und dem Schutz von „Klient_innen“ häufig mit einem grotesken Pendeln zwischen dem Verhalten von Kellner_innen und Kerkermeister_innen verarbeitet.

Das Problem – vor allem der häuslichen Pflege – ist die Vergeschlechtlichung in der Pflege und die daraus resultierende Beziehungsentwicklung im Kontext von gesellschaftlicher Modernisierung. In der häuslichen Pflege hat der Druck, der zu Gewalttätigkeit führen kann, verschiedene mögliche Ursachen. Zu den hohen Anforderungen in Beruf und Privatleben kommen belastende Familiendynamiken. Im Kontext Familie eskalierende Konflikte um ungleiche Verantwortung und innerfamiliäre Isolation der Pflegenden sind bedeutende Ko-Faktoren von Gewalt. Die zentrale Überforderung ist es, Pflege zu leisten und zugleich das Familienleben zu bewahren. Dies verschärft sich, wenn Vorbeziehung, verstrickte lange Beziehungen, Abhängigkeit und Dominanz innerhalb der Familie eine Rolle spielen. Auch Gewalt in der Altersehe ist ein Thema, das eng verknüpft mit der Rollenunsicherheit der Männer nach der Pensionierung ist.

Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sind von Prinzipien geleitet, die nichts mehr Undefiniertes, Zweckfreies zulassen. Adorno schreibt in der Minima Moralia „Die praktischen Ordnungen des Lebens, die sich geben, als kämen sie den Menschen zugute, lassen in der Profitwirtschaft das Menschliche verkümmern, und je mehr sie sich ausbreiten, umso mehr schneiden sie alles Zarte ab.“ (Theodor W. Adorno, Minima Moralia, Kapitel 20, S. 43f). Ökonomisierung, Technisierung und Funktionalisierung dringen in jede Ecke dieser Gesellschaft, in spezieller Weise auch in die Pflege. „Schön Tee trinken, Flüssigkeit ist wichtig!“

Das Plädoyer für die Fassungslosigkeit spitzt folgende Gedanken zu:

Die Handlungen von Menschen mit Demenz können fassungslos machen: Frau Rohm trinkt aus der Zuckerdose, der Tischnachbar von Frau Diercksen isst von ihrem Teller. Solche Erlebnisse können fassungslos machen – speziell in einer Welt, in der sich Qualitätsmanagements immer mehr Feinheiten der Standardisierung ausdenken.

Demenzielle Erkrankungen widersetzen sich dem gesellschaftlichen Trend von Formalisierung, Standardisierung, weil Menschen, die daran leiden, sich einfach nicht standardmäßig verhalten können, so dass alles seine Ordnung hat. Sie reagieren in irgendeiner Form auffällig, und speziell auf eine pädagogisierende Art der Kommunikation können Menschen mit Demenz sehr heftig reagieren. Menschen mit Demenz sind nämlich selbst fassungslos angesichts der Symptome dieser Erkrankung und machen fassungslos – auch weil man ja als Pflegeperson permanent mit der eigenen möglichen Zukunft konfrontiert ist.

Daher entwickelt sich hier rasch eine Dynamik der Abgrenzung im Sinne von „wir und sie“. Man bewegt sich schneller, überholt die langsamen alten Menschen, vermeidet dieselbe Augenhöhe, verschanzt sich hinter formalen Regeln und dokumentiert Handlungen, die gar nicht stattfinden, spricht nur mehr über sie und nicht mit ihnen, infantilisiert sie, äfft sie nach, wertet sie ab, wirft ihnen ihre Gebrechlichkeit und kognitive Inkompetenz vor, wird immer erschöpfter und daher zynischer und in der Folge womöglich auch systematisch grausam und gewalttätig. Gegenüber Menschen mit Demenz kann es schon grausam sein, für mehrere Lärmquellen zu sorgen: Radio, TV, Staubsauger. Oder jemandem, von dem man weiß, dass er klassische Musik liebt, nur Volksmusik vorzuspielen. Dass man nicht mehr erklärt, was pflegerisch gerade abläuft, d.h. Patient_innen bzw. Bewohner_innen werden wie Objekte behandelt.

Menschen mit Demenz haben alle möglichen Beeinträchtigungen. Für eines aber haben sie eine hohe Sensibilität: Atmosphäre. Durch eine Kultur des „Wir und sie“ wird die Atmosphäre aber regelrecht vergiftet. Das betrifft auch Frontenbildungen innerhalb des Personals, aber vor allem die Front der Pflege gegen die Bewohner_innen.

Auf schlechte Atmosphären reagieren Menschen mit Demenz sehr ungehalten. Sie frieren ein oder reagieren „herausfordernd“ aggressiv. Womöglich werden sie dann ins Krankenhaus geschickt, um „eingestellt“ bzw. ruhig gestellt zu werden durch Psychopharmaka, bzw. gleich einmal ein Medikament bekommen, dass sie ruhig gestellt sind wie Frau Diercksen.

Kommt es zu besonders sadistischen und tödlichen Übergriffen durch Teamdynamiken wie z.B. in Lainz in Wien oder Kirchstetten in Niederösterreich, können solche Vorfälle an die Öffentlichkeit dringen und verursachen medial inszenierte Skandale. Dort, beim Skandal, beginnt in der Regel die öffentliche Aufmerksamkeit, und nimmt einzelne Täterinnen und Täter ins Visier, also etwa Waltraud Wagner in Lainz oder Dominik G. in Kirchstetten.

Was kann helfen?

Eine der wichtigsten Voraussetzungen für empathische Pflege von Menschen mit Demenz ist Empathie den Pflegenden gegenüber, daher braucht es empathische Führungskräfte, die den Druck von oben abpuffern und sich als Rolemodels im humanen Umgang mit Menschen erweisen. Solche Führungskräfte schauen nämlich auch schon früher hin, wenn Pflegekräfte in ein quälendes Korsett eines kontrollierenden Regelwerks geschnürt werden und im Team daraufhin spontane empathische Zuwendung als Drückebergerei gilt. Präsente Führungskräfte prägen auch die Atmosphäre einer Institution, in der klar ist, dass sich Pflegekräfte Zeit nehmen können für die Kontaktaufnahme, speziell vor der Körperpflege, und sorgen für entsprechende Fortbildungen.

Sehr unterstützend für die Kultur einer Einrichtung ist die Einbindung in die Umgebung, ganz im Sinne der Idee „demenzfreundlicher Kommunen“. Demenzkranke werden dann nicht in abgeschlossenen „Burgen“ versteckt, sondern als Teil der lokalen Gesellschaft verstanden. Beeindruckende Arbeit in Formen künstlerischer Arbeit als Brücke zwischen Öffentlichkeit und Institutionen für Menschen mit Demenz haben in Deutschland z.B. Jan Sonntag, Dorothea Muthesius, Michael Ganß, Konstanze Gundudis und Michael Hagedorn geleistet.

Wie in allen sozialen Berufen ist eine regelmäßige Selbstreflexion wichtig, was Sympathien und Antipathien betrifft und alte Bilder weiblicher Formen von Zuwendung in Einrichtungen der Pflege. Hierzu braucht es auch entsprechende Arbeitszeiten, um krank machende Selbstausbeutung zu verhindern und Möglichkeiten der Selbstsorge zu entwickeln, und zwar nicht individuell, sondern als Teamkultur.

Pflegepersonen leiden sehr oft am Widerspruch guter Aus- und Fortbildungen und der vorherrschenden Form funktionaler Pflege wegen fehlender Spielräume, das Gelernte umzusetzen. Gut Ausgebildete arbeiten zudem zunehmend im Management und nicht mehr mit den Pflegebedürftigen. Daher braucht es neue Formen professioneller Pflege, die mehr autonomen Spielraum lassen und gut Ausgebildete in die konkrete Pflege einbinden. Ein viel diskutiertes Modell ist z.B. „Buurtzorg“ aus den Niederlanden (Nahversorgung/Nachbarschaftsversorgung) seit 2006 – mit mehr Autonomie von gut ausgebildeten Pflegeteams, ergänzt durch entsprechende Rahmenbedingungen wie eine etablierte Sorgekultur der Freiwilligenarbeit.

Schließlich geht es auch um grundsätzliche gesellschaftliche Fragen wie um eine solidarische Gesellschaft, die nicht mehr Profitmaximierung, sondern menschliche Bedürfnisse und die Sorge umeinander ins Zentrum stellt, wie Gabriele Winker (Care Revolution. Schritte in eine solidarische Gesellschaft, 2015) oder Joan Tronto (Caring Democracy. Markets, Equality, and Justice, 2013) fordern – auch im Sinne von Geschlechtergerechtigkeit und bedingungslosem Grundeinkommen als Basis einer entsprechenden „Culture of Care“. Dazu braucht es naturgemäß politische – auch berufspolitische Einmischung als „menschliches Einmaleins“, wie Frigga Haug in ihrer „Die Vier in Einem Perspektive“ schreibt.

Vor allem kommen wir aber nicht daran vorbei, dass das Leben und das Sterben uns alle fassungslos machen können. In einer Welt, in der alles als beherrschbar betrachtet wird, gilt es nicht zuletzt zu erkennen: Das Leben und das Sterben sind nicht beherrschbar – trotz oder gerade wegen ausgefeilten Qualitätsmanagements und Zertifizierungen. Daher sind alle Bemühungen, das Leben und das Sterben in den Griff zu bekommen, letztlich zum Scheitern verurteilt. Und demenziell Erkrankte gehören zu jenen gesellschaftlichen Gruppen, die uns das sehr deutlich vor Augen führen. Es geht jedenfalls um die Atmosphäre, um die Nachdenklichkeit in einer schwierigen Situation, um die Präsenz. Das ist zwar auch anstrengend, aber menschlich und daher lohnend.

Reimer Gronemeyer fasst es so zusammen: „Unablässig werden neue Konzepte zum richtigen Umgang mit Demenz entwickelt: Framen, inkludieren, validieren, mappen usw. … Konzepte bringen das Einzelgesicht zum Verschwinden und befreien von der Notwendigkeit, in der konkreten Situation nachdenklich, ja >be-sinnlich< zu sein.“

Literatur und Quellen:

Adorno, Theodor W. (1969): Minima Moralia. Suhrkamp: Frankfurt a.M.

Arbeit&Wirtschaft Blog: https://awblog.at/das-buurtzorg-modell/ (Zugriff am 31.1.2020)

Deutsche Alzheimer Gesellschaft, e.V.: http://www.deutsche-alzheimer.de/unser-service/archiv-alzheimer-info/gewalt-in-der-pflege.html

Engelmeyer, Elisabeth (1995): „Die Putzfrau als Therapeutin. Unsichtbare Frauenarbeit bei der Rehabilitation Chronisch Kranker. In: Bertrams, Anette. (Hg.): Dichotomie, Dominanz, Differenz. Frauen platzieren sich in Wissenschaft und Gesellschaft. Deutscher Studienverlag: Weinheim, S. 155-168.

Gröning, Katharina (2011): Vereinseitigungen, Gender Heft 2/2011, S. 76-89.

Gronemeyer, Reimer (2013): Das Vierte Lebensalter. Demenz ist keine Krankheit. Pattloch: München.

Haug, Frigga (2008): Die Vier in Einem Perspektive. Politik von Frauen für eine neue Linke. Argument Verlag: Hamburg

Knauthe, Katja/Deindl, Christian (2019): Altersarmut von Frauen durch häusliche Pflege. Gutachten im Auftrag des Sozialverband Deutschland e.V.

Koch-Straube, Ursula (1997): Fremde Welt Pflegeheim. Eine ethnologische Studie. Verlag Hans-Huber: Bern.

Nowossadeck, Sonja/Engstler, Herbert/Klaus, Daniela (2016): Pflege und Unterstützung durch Angehörige. In: report altersdaten, Heft 1/2016, hgg. vom Deutschen Zentrum für Altersfragen

Ohlert, Eva (2019): Albtraum Altenpflege, riva: München.

Schützendorf, Erich (2007): Die Lust am Spiel – Demenz und zweckfreies Handeln. In: Immer wieder Premiere. Theater und Spiel als neuer Weg in der Pflegekultur für Menschen. Dokumentation der Fachtagung zum Weltalzheimertag. St. Pölten, S. 12-16

Tronto, Joan (2013): Caring Democracy. Markets, Equality, and Justice, New York University Press: New York.

Wappelshammer, Elisabeth (2018): Dementia Care Mapping im interdisziplinären Diskurs. Personzentrierte Demenz-Pflege in der Dynamik gesellschaftlicher Modernisierung. Springer Verlag: Wiesbaden.

Winker, Gabriele (2015): Care Revolution. Schritte in eine solidarische Gesellschaft. Transkript-verlag: Bielefeld.

Die Zahlen zur Alters- und Geschlechtsstruktur der Pflegenden in Österreich entstammen der „Statistik Austria“ von 2016 (http://www.statistik-austria.at/web_de/statistiken/index.html)

Die Zahlen zur Alters- und Geschlechtsstruktur der Pflegenden und Gepflegten in Deutschland stammen aus:

Knauthe, Katja/Deindl, Christian (2019): Altersarmut von Frauen durch häusliche Pflege. Gutachten im Auftrag des Sozialverband Deutschland e.V.

https://p-werk.de/maenner-in-pflegeberufen/ (Zugriff am 15.2.2020)

Statistisches Bundesamt:https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Pflege/Tabellen/pflegebeduerftige-pflegestufe.html (Zugriff am 15.2.2020)

https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/Zahl-der-Woche/2019/PD19_36_p002.html (Zugriff am 15.2.2020)

report altersdaten Heft 1/2016/DZA.

„Nichts für Feiglinge“ ist eine Tragikomödie aus dem Jahr 2013/14 von Regisseur Michael Rowitz mit Hannelore Hoger als Lisbeth Lissi‘ Diercksen und Frederick Lau als Philip Diercksen. Auszeichnung mit dem Deutschen Filmpreis, Drehbuchautor Martin Rauhaus. https://www.daserste.de/unterhaltung/film/filme-im-ersten/sendung/nichts-fuer-feiglinge-162.html

Der Text entstand als Impulsvortrag in der Frauenhetz in Wien am 2. Dezember 2019.

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