beziehungsweise – weiterdenken http://www.bzw-weiterdenken.de Forum für Philosophie und Politik Sun, 19 Jan 2020 14:55:28 +0000 de-DE hourly 1 Mit Frau Holle ins Neue Jahr http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/01/mit-frau-holle-ins-neue-jahr/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/01/mit-frau-holle-ins-neue-jahr/#respond Sun, 19 Jan 2020 14:55:25 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15137
Göttinnenaltar zum Morgenritual.
Foto: Susanne Schumacher

Es ist schon eine liebe Tradition geworden, während der Zeit der Rauhnächte mit der Akademie Polythea das Hollefest zu feiern. Das erste Fest fand im Januar 2012 bei den Helfensteinen in der Nähe von Kassel statt. Und dann ging es jährlich an wechselnden Orten weiter. Holle ist die Große Göttin unserer Landstriche und unserer Kultur, die immer noch vernachlässigt wird, auch wenn über das Märchen von Frau Holle die meisten zumindest ihren Namen schon gehört haben. Manche wissen auch, dass ihre Pflanze, der Holunder, besonders zu ehren ist. Die Männer zogen früher vor dem Hollerbusch den Hut. Man darf ihn nicht einfach ausreißen, wenn er sich wo angesiedelt hat.

Die Rauhnächte sind eine besondere Zeit. Sie dauern von der Wintersonnenwende bis zum 6. Januar, dem früheren heiligen Fest der Göttin Holle. Der 5. Januar wurde Altjahresabend genannt. In dieser Nacht brachte die Holle traditionell – mit Glöckchengeläut – Geschenke zu den Menschen.  Rein rechnerisch handelt es sich um den Ausgleich zwischen Sonnen- und Mondjahr. Bestenfalls wird daraus eine Zeit der Ruhe, der Besinnung und des Orakelns. Die Träume sind besonders luzide in dieser Zeit, so heißt es, die Schleier zwischen den Welten dünn. Eine kann Vorschau auf das ganze Jahr halten: jede Nacht steht für einen Monat.

Ich bin keine besonders intensive Träumerin, doch zu Beginn dieser Zeit hatte ich einen Traum, der sich mit der Schöpferinnenkraft der Frauen und gleichzeitig mit dem Problem ihres Ausschlusses beschäftigte: ich nahm als Zuschauerin an einer Aufführung teil, deren Choreographie nach dem Vorbild des werdenden Lebens, des Geschehens im Mutterleib gestaltet war. Mit dem Unterschied, dass es sich nicht nur um ein Kind handelte, sondern es viele waren, eine ganze Welt. Was für ein wundervoll bewegender Fruchtwassertanz, ein harmonisches Zusammenspiel für das Wachsen und Werden. Doch später stellte sich heraus, dass schwangere Frauen im Publikum nicht zugelassen waren. Die Aufführung dauere angeblich zu lange und das sei zu anstrengend für sie.

Ist das nicht sinnbildlich für unsere Welt? Ein wesentlicher Teil, alles menschliche Leben ist aus uns Frauen entstanden. Doch immer noch werden wir mit faulen Ausreden ausgeschlossen. Und wenn wir nicht herausgehalten werden, dann wird als Preis häufig die Anpassung an veraltete patriarchale Strukturen gefordert. Ich nehme wahr, dass sich viel geändert hat, doch die alten Muster sitzen tief. Dieser Traum regte mich an, die Rauhnächte in diesem Jahr unter das Motto der Verwirklichung von Frauenkraft und Frauenmacht zu stellen. Damit dies gelingt, braucht es das Zusammenwirken mit anderen Frauen. Ich gebe zu, dass mir das manchmal ein bisschen lästig ist. Zum Wirken brauche ich auch Ruhe und Alleinsein, Rückzug und Schweigen. Doch ebenso wichtig sind Austausch, Kontakt, Inspiration. Also meldete ich mich zum Hollefest an.

Diesmal waren wir eine Gruppe von etwa zwanzig Frauen. Vera Zingsem ist die Begründerin und somit Kopf und Herz von Polythea. Das Fest eröffnete sie mit ihrer Pfeife, mit der sie Himmel und Erde verbindet, die Kräfte und die Richtungen anruft, und auch wir gaben unsere Themen und Wünsche in den Kreis. Danach legten wir aus den Köstlichkeiten des Jahres ein Despacho zu Ehren der Holle, das wegen seines Aussehens mittlerweile auch „Hollepizza“ genannt wird. Später wurde es feierlich verbrannt.

Während des Frau-Holle-Festes leitete Vera Zingsem l immer wieder Kreistänze an und erzählte Geschichten aus der nordischen Mythologie, die zur Jahreszeit passen. Aufgrund unserer deutschen Vergangenheit ist es etwas schwierig, sich mit dieser Tradition zu befassen. Doch wir haben beispielsweise erfahren, dass der legendäre Hammer des Thor weniger Kriegsgerät ist als vielmehr Eispickel, um die Vegetation für den Frühling zu befreien. Noch spannender sind all die mächtigen Frauengestalten, allen voran natürlich die weiße Holle, doch wir hören auch von Freya, Iduna, Gerda und vielen anderen mehr. Die nordische Tradition kennt viele starke Frauen und die meisten von ihnen leben sogar in glücklichen Beziehungen.

Im Verlauf des Tages mischten sich Tänze, Rituale, Meditation, Vorträge und sogar Handarbeit. In diesem Jahr wurden wir in die alte Kunst des Nadelbindens eingewiesen. Das ist eine lange Zeit ins Vergessen geratene Kunst, Wolle zu verarbeiten, die viel älter ist als das Stricken. Funde zeigen nadelgebundene Stücke, die tausende von Jahre alt sind. In der Morgensequenz begegnete mir ein Bild aus meinem Traum als eine Darstellung der mit der Welt schwangeren Göttin Gaia. Auch, gemeinsam über Unterschied und Verbindung von Wirklichkeit und Realität nachzudenken, war anregend. Was sind das für Kräfte, mit denen wir es zu tun haben, wurde in einem Vortrag aus der Erfahrung des Umgangs mit der Geomantie gefragt. Für Rituale, jedweden Umgang mit Energien gilt ähnliches. Ich musste zwar zuerst über den Schatten meiner Univergangenheit springen, die sich mit der Frage meldete: haben wir das im Seminar nicht schon tausendmal diskutiert, doch dann tat es gut, mit den Begriffen unvoreingenommen spielen zu können.

Ich liebe Frauenkreise, in denen wir uns einigermaßen frei von Geschlechterstereotypen erforschen und einander bestärken können. Doch zu Polythea gehört zentral der Begriff der Vielfalt, und so passt es, dass der Kreis auch für Männer offen ist, falls sich welche trauen mitzumachen. Unter all den wundervollen, in sich vielfältigen und auf ihre je eigene Weise weisen Frauen fanden sich auch drei Männer: ein Teilnehmer, ein Referent und der väterliche Betreuer eines kleinen Mädchens. Was diesen Austausch zwischen Männern und Frauen betrifft, stecken wir beim allerbesten Willen tatsächlich noch in den Kinderschuhen. Und wenn ich auch gestehen muss, dass ich es nicht immer angenehm finde, so halte ich es doch für lehrreich und wichtig, die Kommunikation zwischen den Geschlechtern immer wieder zu wagen, und, so lange es nicht allzuviel Raum einnimmt, genau hinzuschauen, was für eine Dynamik sich entfaltet.

Der zweite Abend war dem Jul-Eber-Ritual gewidmet. Wie die alten German*innen legten wir auf dieses machtvolle Tier unseren Schwur ab, was uns das Neue Jahr bringen soll. Zusätzlich gab jede auf einem Kärtchen einen Wunsch in die Runde, den sich eine andere zog, und der dann laut vorgelesen wurde. Inzwischen hat sich für die Mitte schon eine ganze Schar von mehr oder weniger wilden Schweinen angesammelt. Immer noch sagen wir „Schwein gehabt“ und das Glücksschwein zu Silvester ist weit verbreitet. Doch woher das kommt, wissen die wenigsten. Über die alte Schweinegöttin habe ich vor Jahren zum ersten Mal bei Jutta Voss gelesen. Vera Zingsem erzählte von Freyas Eber Hildeswin und von Gullinbursti, dem Goldborstigen, und stellte vielfache Verbindungen her.

Das alles geschah mit reichlich Humor und keine der Geschichten soll die alleinseligmachende sein, ‚poly‘ eben, so wie Polythea. Dass Vera Zingsem seit Erscheinen ihres Buches über die Göttinnen der großen Kulturen „Der Himmel ist mein, die Erde ist mein“ eine Kapazität in Sachen Mythologie der Göttinnen ist, will auch noch gesagt werden. Das Hollefest gibt es allerdings erst, seit sie den Mut hatte, sich in einem späteren Buch ausdrücklich mit dem „Charme der germanischen Göttermythen“ zu befassen. Für mich war es ein kraftvoller Start ins Neue Jahr. Zuhause empfing mich dann die Nachricht, dass Lisa Kuttner und ich nach fünf Jahren Pause wieder eine Jahreskreisgruppe in unserer Akademie „Sapphos Garten“ beginnen können. Ein Jahr der Frauenkraft, das kündigte doch bereits mein Traum an!

Mehr Infos:

Polythea

Die neue Jahreskreisgruppe in Würzburg ist offen für Teilnehmerinnen. Sie findet im TANZRAUM statt. Fragen dazu bitte an Bettina Schmitz.

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Liebe zur Arbeit der Frauen: Die Museumskuratorin Elisabeth von Dücker http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/01/liebe-zur-arbeit-der-frauen-die-museumskuratorin-elisabeth-von-duecker/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/01/liebe-zur-arbeit-der-frauen-die-museumskuratorin-elisabeth-von-duecker/#comments Thu, 16 Jan 2020 11:03:42 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15103 Von der Frauenbewegung im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts kennen wir einige wenige Gesichter, die sich die Medien herausgepickt haben und immer wieder hervorholen. Doch ohne die vielen weniger prominenten Frauen, die es auch noch gegeben hat, wäre der große Erfolg der Frauenbewegung nicht möglich gewesen. In einer kleinen Serie möchten wir auf bzw-weiterdenken über einige von diesen Frauen erzählen. Wie sind sie zu ihrem frauenpolitischen Engagement gekommen, was machen sie heute?

Wir freuen uns übrigens über Artikel oder Vorschläge zu weiteren Frauen, deren Leben wir hier vorstellen können.

Porträt von Elisabeth von Dücker
Elisabeth von Dücker

Bei Hamburger Schmuddelwetter laufe ich den Elbhang hinunter von der Bushaltestelle zum Gebäude Altonaer Seemannsmission in unmittelbarer Nähe des Hafens. Lissi – so wird sie von Freundinnen, Kolleginnen und Mitstreiterinnen genannt – hat es als Treffpunkt für unser Gespräch vorgeschlagen. Klingt merkwürdig bei einer Frau, die immer wieder den Fokus auf die Arbeitsplätze von Frauen gelegt hat. Schon auf dem Weg dorthin muss ich mehrmals den Fotoapparat zur Hand nehmen. Denn immer wieder leuchten mir die farbenfrohen Wandgemälde der FrauenFreiluftGalerie Hamburg entgegen. Das ist ein lebendiges Langzeitprojekt, das auf die Initiative von Elisabeth von Dücker hin 1994 ins Leben gerufen wurde und sich seitdem immer wieder verändert und weiterentwickelt hat. „Wir wollten und wollen die Arbeitswelt von Frauen im Hamburger Hafen sichtbar machen“, berichtet Lissi. Dafür nutzen sie und ihre Malerin-Kollegin Hildegund Schuster die grauen Flächen alter Gebäude oder Mauern von Treppenanlagen.

Wenn nicht anders angegeben alle Fotos von Juliane Brumberg, hier auf dem Weg den Elbhang hinunter.

Sie zeigen darauf zum Beispiel auch noch die Fischarbeiterin aus Portugal, die Fahrerin eines Gabelstaplers im Containerhafen, die Kaffeeverleserinnen, die beim großen Hamburger Hafenstreik 1896 neben höheren Löhnen auch erstritten haben, dass das Verbot von Singen und Reden am Arbeitsplatz aufgehoben wurde – und auch die Zwangsarbeiterinnen, die 1944 unter unmenschlichen Bedingungen die Trümmer der Bombenangriffe im Hafengebiet beseitigen mussten. „Wir wollen eine andere Erzählung des Hamburger Hafens anbieten. Mit unseren Gemälden rückt die Vielfalt der von Frauen getätigten Jobs in den Blick. Der Hafen galt und gilt bis heute als Männerdomäne. Jedoch ohne die Frauen läuft hier nichts rund“, erklärt Lissi.

Foto: FrauenFreiluftgalerie Hamburg
Hildegund Schuster (links) und Elisabeth von Dücker bei der Vorstellung eines neuen Wandbildes im Jahr 2012. Foto: Frauenfreiluftgalerie Hamburg

Hildegund und ich haben in unserem ‚two-ladies-project´ eine Art Arbeitsteilung; hauptsächlich ist sie für die künstlerische Gestaltung der Wandgemälde zuständig. Und alles, was nicht mit dem Malen zu tun hat, mache ich, also die kuratorische Tätigkeit: Neben Kommunikation und Pressearbeit sind das zentral die Recherchen zu den Hafenjobs, die Interviews mit den Hafenfrauen, quasi unsere lebenden Quellen. Wir führen Gespräche nach der ‚oral-history-Methode‘. Häufig im Arbeitsambiente. Und falls das ungünstig ist, auch mal am Küchentisch der Interviewpartnerin. Die meisten Frauen freuen sich, dass da mal nachgefragt wird, ob wirklich nur Männer im Hafen arbeiten; so dekonstruieren wir vermeintliche  Gewissheiten oder langlebige Stereotypien. Und immer gibt es die Frage, wie sich die Arbeit im Hafen mit der Familien-Arbeit, den vielfältigen, meist als Frauensache angesehenen Sorge- und Care-Tätigkeiten unter einen Hut bringen lässt, oder nach Themen, die sich nur schwer visuell darstellen lassen wie Heimweh, Verliebt-Sein oder Lärmbelastung beim Job“.

Lissi spricht von sich selbst als Long-Runnerin: „Wenn Du erst mal Feuer gefangen hast, gehen die Projekte immer weiter. Ich habe so viel erfahren dürfen, aber ich hadere noch, ob ich es schaffe, ein Buch aus dem zu machen, womit die Frauen uns beschenkt haben. Bislang steckt das in diesem zwei Kilometer langen Spaziergang entlang der Wandbilder vom Holzhafen bis nach Övelgönne – und im Internet.“ Der Internetauftritt ist tatsächlich eine Fundgrube. Sehr genau werden da die einzelnen Bilder, ihre Entstehung und ihre aktuellen und historischen Hintergründe beschrieben. Beeindruckend auch die Quellenangaben, der Pressespiegel und der Hinweis auf die Dokumentationen sowie Film- und Buchprojekte, in denen die FrauenFreiluftGalerie vorgestellt wird. Denn auch wenn Lissis eigenes Buch noch wartet, andere haben sehr wohl darüber geschrieben.

Mit dem bloßen Anfertigen der Wandbilder ist es nicht getan. Nach einigen Jahren müssen sie ausgebessert werden, dafür wird Geld gebraucht. Oder Häuser werden abgerissen und damit gehen auch die Wandgemälde verloren. „Durch die moderne Fassadengestaltung aus Glas und Metall ist es mittlerweile fast schwieriger, Wände zu finden als die Finanzakquise zu organisieren“. Sie freut sich sehr, dass „neben privaten Sponsoren und der Kulturbehörde mittlerweile der Bezirk Altona auch die Restaurierung finanziell unterstützt.“ Und: „So ein autonomes Non-Profit-Projekt einer open-air-Galerie zur hafenbezogenen Frauenarbeit findest du in der ganzen Republik nicht noch einmal. Getreu dem feministischen Ansatz nehmen wir uns Raum in der Stadt und an gesellschaftlich genutzten Orten, tun Aufklärungs-,  Vermittlungsarbeit.“ Diese geschieht durch Führungen oder Lesungen mit zündenden Aussprüchen aus den Interviews, organisiert und durchgeführt von Dr. Elisabeth von Dücker persönlich.

Beim genauen Hinsehen fällt auf: Die bislang 15 Gemälde der open-air-Galerie tragen künstlerisch unterschiedliche Handschriften. Denn neben Malerinnen aus Hamburg waren auch Künstlerinnen aus London, New York und aus Argentinien am Werk.  Andere Stilrichtungen und Blickweisen bringen somit Vielfalt ins Projekt. Bevor ich die Frage stellen kann, greift Lissi sie selber auf: „Was ist das Feministische an dem Wandbildprojekt? Wir meinen: Es sind nicht Bilder über die, sondern mit den Zeitzeuginnen, aus dezentraler Perspektive, partizipatorisch, emanzipatorisch. Eben Bilder, die den Stereotypen zuwiderlaufen.“

Begeisterung für das Museum

Wer ist nun diese Frau, die so voller Ideen steckt? Als allererstes ist sie eine leidenschaftliche Museumsfrau. „Nach einem Museumspraktikum während des Studiums war sofort klar: „Ich will ins Museum!“ Geboren wurde sie kurz nach dem Krieg, 1946, und hat, bedingt durch den Beruf ihres Vaters, eine unruhige Schulkarriere „einmal durch die Republik“ hinter sich und dabei acht verschiedene Schulen besucht. „Dadurch habe ich wohl gelernt, mich auf neue Situationen einzustellen.“ Studiert hat sie, zunächst in West-Berlin und Frankfurt/Main, „mein Lieblingsfach Kunstgeschichte“, seinerzeit als Studiengang für ‚höhere Töchter‘ bekannt, sowie Volkskunde und Klassische Archäologie. Zwischendrin absolvierte sie noch eine Buchhändlerinnen-Ausbildung mit Kaufmannsgehilfenbrief. „Das wähnte ich als ein gewisses finanzielles Standbein.“ 1970 hat sie in Hamburg eine Heimat gefunden, „der Liebe wegen“, schloss dort ihr Studium ab und legt Wert darauf, dass sie seitdem Wahl-Altonaerin ist. Das hängt sicherlich auch damit zusammen, dass sie 1975 ein wissenschaftliches Volontariat am Altonaer Museum begann. Altona war bis zur Eingemeindung nach Hamburg 1938 eine zu Dänemark gehörende selbstständige Großstadt und hat deshalb auch eine ganz eigene Geschichte.

Das Altonaer Museum war für die junge, engagierte Kunsthistorikerin der richtige Ort zur richtigen Zeit. „Stadtgeschichte ist eine wunderbare Sache. Vor allem in einem solchen Viel-Sparten-Museum mit umfangreicher kulturgeschichtlicher Palette. Hier lag die Idee, Stadtgeschichte von unten zu versuchen, quasi auf dem Pflaster des Quartiers, in dem das Museum beheimatet ist.“ Noch als Volontärin entwarf sie das Konzept zu einer großen Ottensen-Ausstellung. Immer noch begeistert erzählt sie: „Ende der 1970er Jahre gab es in dem zu Altona gehörenden ehemaligen Industriequartier Ottensen eine bunte Mischung von Alteingesessenen, Handwerksbetrieben, Industriearbeiterschaft und ‚Gastarbeiter_innen´. Mit seinen historischen Industriebauten entwickelte es sich zu einem brodelnden Meltingpott-Stadtteil. Es gab in den 1970/80ern an die 100 Bürgerinitiativen sowie alle Schattierungen von Friedens-, Frauen- und politischen Bewegungen. Anliegen der Ausstellung war es, Ottensens Geschichte vom Dorf zur Industriestadt und als Migrationsort zu erzählen, und zwar in enger Kooperation mit den Menschen, den Akteur_innen vor Ort. In diesem Rahmen wurde 1980 Hamburgs erste Geschichtswerkstatt, das Stadtteilarchiv Ottensen, gegründet, beflügelt von unserer Ausstellungsgruppe. So kam ein Mitspieler als eine autonome Partnerorganisation für das Ausstellungsprojekt im Museum hinzu, übrigens durchaus kritisch beäugt von der damaligen Museumsleitung, galt diese Methode zu jener Zeit als eher unüblich. Die Anwohner_innen waren aufgerufen, sich mit Fotos, Dokumenten und Erinnerungen an der Ausstellung zu beteiligen. Die Geschichtswerkstatt diente damals als Anlaufstelle ohne Hemmschwelle für die persönlichen Erinnerungsstücke.“ Idee und Umsetzung waren museales Neuland: Alltagsgeschichte eines Quartiers unter Beteiligung der Anwohnerschaft. 1982 eröffnet, war sie mit über 70 000 Besucherinnen ein Publikumsrenner. Ganz Museumsfrau, hebt sie hervor: „Außerdem gewann das Haus einen Zuwachs an Sammlungsstücken aus gut 100 Jahren Arbeits- und Alltagsleben im proletarisch geprägten Ottensen. Und neue Freunde.“ Und: die Kuratorin Elisabeth von Dücker durfte im Museum bleiben – festangestellt.

Feministische Fragestellungen ins Museum transferiert

In diese Zeit fallen auch die Anfänge ihrer Politisierung, die schon um 1975 begann, „als ich gegen den frauenfeindlichen § 218 auf die Straße ging und mich einer Frauengruppe anschloss. Und auf der grünen Frauenliste bei der Rathauswahl kandidierte. Doch schon vorher hatte ich Augen und Ohren offen, nicht zuletzt durch meine Promotion über Thomas Theodor Heine, einen der Gründer der Münchner Karikaturenzeitschrift ‚Simplicissimus‘, der nicht nur die wilhelminische Politik und das deutsche Spießertum kritisierte, sondern sich auch in seiner Malerei ironisch mit den Geschlechterverhältnissen beschäftigt hat.“ Die feministischen Fragestellungen nahm Elisabeth von Dücker mit in die Museumsarbeit, kuratierte am Altonaer Museum weitere Ausstellungen und wurde dort Abteilungsleiterin. „In den Jahren lernte ich Museum von der Pieke auf.“

Was ihr nicht gelang, war jedoch, die neuen Methoden der oral history mit dem Blick auf Klasse, Gender, Ethnie und Generation dauerhaft am Altonaer Museum zu etablieren. Insofern reizte sie eine neue Herausforderung: Das in der Gründungsphase befindliche Museum der Arbeit in Hamburg-Barmbek. 1986 wechselte sie als Museumswissenschaftlerin in ein Museum, das noch gar nicht bestand. „Das war eine eher diffizile Sache. Die endgültige Museumseröffnung in dem Gebäude einer ehemaligen Gummiwaren-Company zog sich aus politischen und finanziellen Gründen bis 1997 hin. Konzepte für ein auf Partizipativität ausgerichtetes sozialgeschichtliches Museum mit zu erarbeiten, Sammlungen anlegen, Dauerausstellungen konzipieren und bestücken, einen Museumsalltag organisieren. Und gleichzeitig erschien uns die Anschubfinanzierung für eine Kulturgeschichte von Arbeit eher mager.“

Elisabeth von Dücker war zuständig für den Bereich Alltags- und Frauengeschichte und den ehrenamtlich tätigen ‚Arbeitskreis Frauen im Museum‘. „Dieser Arbeitskreis war für mich wie für das entstehende Museum eine wichtige Ressource mit einer politischen Komponente, war doch der Grundtenor dezidiert frauenbewegt und feministisch. Hauptmotiv war, die Konzeption des Museums mitzubestimmen, da es nicht nur ein Museum der männlichen Arbeiter werden sollte. Die Debatten drehten sich um die Erweiterung des traditionellen Arbeitsbegriffs, um die unbezahlte, gesellschaftlich wenig gewertete Hausarbeit, um Geschlechterrollen und Sammlungsstrategien.“ Und dann holt Lissi noch ein bisschen weiter aus und erklärt den theoretischen Hintergrund ihrer Tätigkeit in der Museumslandschaft: „Die Konfliktlinie hieß damals: Autonomie versus Integration, also autonomes Frauenmuseum gegenüber der Integration von Frauen- und Geschlechterperspektiven in bestehende Häuser. Mich haben der Mut und die Vielfalt fasziniert, wie das Begehren der Frauen nach Repräsentanz im Museum formuliert und strategisch durchgesetzt werden könnte. Mir persönlich war klar, dass mein Weg derjenige durch die Institutionen war, mit dem Anliegen, versuchsweise die Grenzen der Institution zu verschieben. Dazu gehörte auch die wichtige Forderung, die im Arbeitskreis Frauen entstanden war: eine Quotierung der Quadratmeter. Das meinte, nicht nur eine ‚Frauenecke‘ im Museum, sondern mindestens die Hälfte für Frauen- und Geschlechtergeschichte.“ Das gelang zwar nicht, aber immerhin wurde mit der Eröffnung des Museums der Arbeit im Jahr 1997 auch die Dauerausstellung ‚Frauen und Männer – Arbeitswelten und Bilderwelten‘ im Museum der Arbeit auf 400 qm installiert. In einem wissenschaftlichen Aufsatz erläutert Elisabeth von Dücker: „Ich und das Team haben den Versuch unternommen, die Befunde in den Arbeits- und Geschlechterverhältnissen nicht nur zu zeigen, sondern auf ihre Konstruktionsmuster hin zu befragen: Warum gibt es geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, warum ökonomische Privilegierung und Diskriminierung, wie wird mit den Bildern von Weiblichkeit und Männlichkeit soziales Geschlecht konstruiert, wie gestaltet sich Wandel in gesellschaftlicher und individueller Hinsicht.“ Das ist jetzt mehr als 20 Jahre her, ein Zeitraum, in dem Ausstellungen erneuert werden müssen und Strategien sich ändern. Diese Abteilung musste weichen, ist Frauenarbeit im Museum der Arbeit heute immer noch adäquat präsentiert? Lissi antwortet etwas ausweichend: „Eine schöne Frage und eine schwierige. Mir schwebt eine work-in-progress-Abteilung vor, durchlässig für aktuelle, auch historische Debatten über den Wandel von lokaler und globaler Arbeit, der sich wandelnden Geschlechterrollen im Dialog unterschiedlicher Kulturen und Herkünfte. Und das alles in einem inspirierenden Ort im Museum, der zu einem individuellen Mitwirken verlockt – so etwa, wie sich die Abteilung Frankfurt jetzt im Historischen Museum Frankfurt präsentiert. Dort sind die Stadtbewohner_innen eingeladen, ihre Expertise mit dem Leben hier und ihren Zukunftswünschen einzubringen – ihnen ist diese Ausstellungs- und Veranstaltungsfläche gewidmet, wo jetzt, im Jahr 2019 eine große Schrifttafel zum Mittun aufruft.“

Viel zu tun, „manchmal ein bisschen mehr…“

Wenn Lissi sich an die Gründungsjahre des Museums der Arbeit erinnert, fällt ihr als Erstes ein: „Mein Tag hatte nicht unselten immer mindestens 25 Stunden.“ Neben der Berufstätigkeit engagierte sie sich im Stadtteilarchiv Ottensen, war fast von Anfang an im bundesweiten Frauengeschichtsnetzwerks Miss Marples Schwestern dabei und seit 1986 „gab es ja auch noch den Arbeitsplatz ‚Laura‘, meine kleine Tochter, die in der Anfangszeit im Laufgitter im Büro dabei war. Das war ganz schön anstrengend. In der Folge habe ich außerdem in unserem Stadtviertel Ottensen den bilingualen deutsch-türkischen Kinderladen mitgegründet.“

Gleichzeitig wuchs die Ungeduld. „Ich kam von einem seit 1860 etablierten Museum und wollte meine Erkenntnisse und Ideen in die Museumsarbeit einbringen, aber es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, mehr als 10 Jahre. Da das Museum der Arbeit immer noch nicht eröffnet war, wir aber mit neuem Blick auf geschlechtsspezifische Arbeit loslegen wollten, entstand die Idee zu dem ersten Wandbild, und dann gleich ein richtig Großes mit 1000 Quadratmetern! Zum 800. Hafengeburtstag am 1. Mai 1989 gelang es dem Arbeitskreis Frauen im Museum, mir als Kuratorin und in Kooperation mit dem Museum, an einem alten Getreidespeicher das Wandgemälde „100 Jahre Frauenarbeit im Hamburger Hafen“ zu präsentieren. Quasi eine unübersehbare Außenstelle für das Museum der Arbeit.

Das erste große Wandbild im Jahr 1989. Foto: FrauenFreiluftgalerie Hamburg

Leider musste nach vier Jahren der industriehistorische Getreidespeicher umgebaut werden, die Wand erhielt Fenster und damit war das Bild dahin. Wir sind zum Investor gegangen und haben tatsächlich sozusagen als „Wiedergutmachung“ eine fünfstellige Summe erhalten. Damit machten wir, Hildegund Schuster und ich und damals noch für einige Jahre die Sozialwissenschaftlerin Emilija Mitrovic einen Neustart, es war der Anfang der späteren FrauenFreiluftGalerie.“

Bevor Lissi mit dem nächsten großen Projekt begann, hat sie sich mit 53 Jahren ein Jahr Auszeit genommen. „Mein Vater ist mit 53 Jahren gestorben, er hat immer nur gearbeitet, das war mir eine Warnung.“

Prostitution als Arbeitsplatz

Hafenarbeit, Frauenarbeit, Arbeitsplatz Kind – Elisabeth von Dücker interessierte sich nicht nur für herkömmliche Erwerbsarbeitswelten, sondern auch für Themen, die nicht sofort ins Auge fallen: „Mir lag am Herzen, daran mitzuarbeiten, dass Museum nicht als traditioneller Musentempel funktioniert, sondern dass dort auch Neuland betreten, Perspektivwechsel erprobt wird, ein Dialog zwischen Jetzt und Zukünftigem stattfindet.“ Also traute sie sich an das Thema Sexarbeit heran. Ausgangspunkt war das 2002 in Kraft getretene neue Prostitutionsgesetz, das die rechtliche Stellung von Prostitution als Dienstleistung regelt, um die rechtliche und soziale Situation von Prostituierten zu verbessern. Wie bei jeder anderen Arbeit ist es ihnen dadurch möglich, sozialversichert zu sein.

„‘SEXARBEIT – Prostitution – Lebenswelten und Mythen‘ war wohl eine meiner zentralen Ausstellungen, habe ich doch unendlich viel dabei gelernt. Wir hatten eine ausgetüftelte Ausstellungsarchitektur in 14 Räumen auf 700 Quadratmetern. Man stand Schlange, um die Eröffnung im November 2005 zu erleben. Und auch bei der Finissage nach zweimaliger Verlängerung. Die Hafenstadt Hamburg, als Hauptstadt der Prostitution geltend, war schlichtweg der richtige Ort für das Thema.“ Anschließend war die Ausstellung in Bern zu sehen. Das von Lissi als verantwortlicher Kuratorin herausgegebene Katalog-Buch umfasst 346 Seiten. Sie vergisst nicht zu erwähnen, dass es von der Stiftung Buchkunst 2006 als schönstes deutsches Sachbuch ausgezeichnet wurde.

Nicht nur der Erfolg des Buches und der Ausstellung hat sie als Kuratorin glücklich gemacht, sondern auch die Art und Weise, wie sie über zwei Jahre hinweg und mit unterschiedlichen Kooperateur_innen erarbeitet wurde. Ein sehr großer Kreis hat daran mitgewirkt, fachkompetente Soziologinnen, Historiker_innen, Beratungsstellen über ganz Deutschland verteilt und natürlich Frauen und Männer, die im Sexgewerbe arbeiteten und sich auf Interviews eingelassen haben. „Wir haben viele persönliche Materialien bekommen und konnten Protagonist_innen gewinnen, die ihre Arbeitskleidung und -utensilien zur Verfügung stellten. Es war das erste Mal in Deutschland, dass ein Museum solche Artefakte, jeweils mit authentischer Nutzungsgeschichte, gesammelt und gezeigt hat. Das Thema stand bzw. steht nicht unbedingt im Fokus musealen Interesses, doch wir wollten diese vermeintlich ‚dunkle Ecke´ der Gesellschaft ausleuchten. Immerhin spricht man von schätzungungsweise  1,2 Millionen Kunden_innen. Ziel war, das Thema nicht aus der Schlüssellochperspektive zu betrachten.“ Vielmehr sollte die Präsentation eine Einladung sein, sich mit eigenen und fremden (Vor-) Urteilen auseinanderzusetzen. Besonders gefreut hat die Ausstellungsmacherin sich über die positive Resonanz aus dem Milieu: „Aus Stuttgart, Berlin und St. Pauli waren die Akteur_innen gekommen, zufrieden, dass ihre Arbeit in einem gesellschaftlich anerkannten Rahmen wertschätzend repräsentiert wurde. Wir hätten den Job gezeigt, wie er ist, war ihr Urteil.“

Wie gründlich die Ausstellung vorbereitet wurde, zeigen auch die Themen des Buches, an dem 130 Autoren und Autorinnen mitgewirkt haben. Es geht los mit der Frage: ‚Wer arbeitet warum als Prostituierte?‘ Dann folgen Oberkapitel wie ‚Jobs im Sexgewerbe‘, ‚Das große schnelle Geld?‘, Arbeitsmigration‘, ‚Kunden, Freier, Gäste‘, ‚Prostitution und Gesundheit‘, ‚Moral, Sexualität Gesellschaft‘, und selbstverständlich auch, Frauenhandel – Menschenhandel‘. Interessant ist, wie Elisabeth von Dücker in der Einleitung schreibt, dass die Spendenbereitschaft bei diesem Projekt nicht überschäumend war und sie sich deshalb umso mehr über die Zeit- und Wissensspenden freute.

Wertschätzende Anerkennung

Lissis feministisch geprägte Arbeit wurde wahrgenommen und anerkannt. Seit 2008 ehrt der Hamburger Landesfrauenrat alljährlich eine Frau, die sich Verdienste um die Gleichberechtigung von Frau und Mann erworben hat. Allererste Preisträgerin war Elisabeth von Dücker, weil „sie bei ihrer Tätigkeit als Kustodin im Museum auf geschlechtsspezifische Unterschiede aufmerksam gemacht hat, bei dem großen Wandbild zur Frauenarbeit im Hamburger Hafen unsichtbare Frauengeschichte in den öffentlichen Raum gebracht hat und weil sie mit der SEXARBEITs-Ausstellung zur Enttabuisierung des Themas Prostitution beigetragen hat“, heißt es in der Presseerklärung.

Seit 2007 ist Lissi im Ruhestand, was nicht heißt, dass sie nicht mehr arbeitet. Für das Stadtteilarchiv Ottensen ist sie nach wie vor aktiv und als 2010 das Altonaer Museum geschlossen werden sollte, war sie eine der Sprecherinnen der Bürgerinitiative ‚Altonaer Museum bleibt‘; mit Erfolg übrigens, denn der Hamburger Senat revidierte aufgrund der vielen Proteste seine Entscheidung. Ansonsten genießt sie es als über 70jährige, „lustvoll die Museumsentwicklung hier und andernorts zu verfolgen und mich kulturgeschichtlich auf den neuesten Stand zu bringen“. Und jetzt im Januar, zur Hamburger Schmuddelwetterzeit, flieht sie auf eine warme Insel und ist ganz glücklich „dort in einem kleinen Cafè in Ruhe die dicken Bücher zu lesen, zu denen ich hier in Hamburg kaum komme“. Zur Zukunft des Feminismus meint sie: „Ich glaube, das könnte wohl ganz gedeihlich werden, wenn zunehmend mehr Männer sich als Feministen verstehen. Dann haben sie erkannt, wie wichtig es ist, gemeinsam am Strang der Geschlechtergerechtigkeit zu ziehen, denn Feminismus umfasst das ganze Leben und ist für alle gut.“

Elisabeth von Dücker erklärt die Wandgemälde ‚Brückenschlag‘ bei der Hamburger Seemannsmission.

Und natürlich die FrauenFreiluftGalerie. Da gibt es immer was zu tun. Die nächste Führung ist für den 11. März im Rahmen des Internationalen Frauentages und am 8. Mai 2020 im Rahmen des Hafengeburtstags geplant. Abgesehen davon ist sie ja rund um die Uhr geöffnet. Über den Internetauftritt können auch private Rundgänge gebucht werden. Außerdem betreut Lissi seit Neustem auch eine Wanderausstellung mit Fotos und Texten über Hafenarbeiterinnen. Sie ist ausleihbar. Derzeit hängt sie im Speisesaal der Altonaer Seemannsmission; damit ist auch das Geheimnis unseres Treffpunkts gelüftet. Gemütlich im Warmen konnte ich mir dort auf den Text-Foto-Tafeln die Details des großen Wandgemäldes an der Außenfassade der Seemannsmission anschauen, auch das wieder eines von Lissis kreativen Projekten, in diesem Fall sogar bi-kulturell. Auf zwei gegenüberliegenden Wänden ist ein Brückenschlag zwischen Hamburg und New York abgebildet: moderne Frauenarbeitsplätze in den Häfen hier und dort – auf der Basis aktueller Interviews. Wer zu weit entfernt wohnt, um sich selbst vor Ort umzusehen, kann die Details und den Entstehungsprozess des Brückenschlags auf der Homepage nachvollziehen, ohne nach Hamburg oder nach New York reisen zu müssen.

Mehr Infos:

FrauenFreiluftGalerie Hamburg

Elisabeth von Dücker / Museum der Arbeit, SEXARBEIT, Prostitution – Lebenswelten und Mythen, Edition Temmen, Bremen 2005, 346 S.

Im Rahmen dieser Serie wurden bisher die Donaupriesterin Gisela Forster, die Feministin Barbara Linnenbrügger, die Malerin Waltraud Beck, die Professorin Monika Barz, die Historikerin Irene Franken, die Tagungsleiterin Herta Leistner, Dagmar Schultz, die Alltagsforscherin Maria Rerrich, die Matriarchatsfrau Siegrun Laurent, die Gründerin Claudia Gather, die Heilpraktikerin Bali Schreiber, die Verbandsfrau Marlies Hesse, Ika Hügel-Marshall, die Stiftungsverwalterin Gudrun Nositschka, die Berliner Frauenpreisträgerin Karin Bergdoll, die Sozialpädagogin Erni Kutter und die Philosophin Dorothee Markert vorgestellt.

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„… ich bin verdammt, allein durch mein Geschlecht, …“ http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/01/ich-bin-verdammt-allein-durch-mein-geschlecht/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/01/ich-bin-verdammt-allein-durch-mein-geschlecht/#comments Mon, 13 Jan 2020 19:58:41 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15126
Die bzw-Redaktion wünscht unseren LeserInnen alles Gute für 2020

Im Weihnachtsurlaub las ich die Tagebücher der DDR-Schriftstellerin Brigitte Reimann (Ich bedaure nichts. Tagebücher 1955-1963. Aufbau Taschenbuch Verlag 2000). Das folgende Zitat schrieb ich mir daraus ab:

„Warum zum Teufel bin ich nur eine Frau geworden? Ich bin verdammt, allein durch mein Geschlecht, niemals eine Freundschaft zu finden, weil kein Mann im Stande ist, die Seele vom Körper zu trennen, weil nicht einer versteht, dass ich geliebt werden will um meines Geistes, meiner Begabung oder, um noch einmal das Wort zu gebrauchen, meiner Seele willen; weil jeder erwartet, dass ich gute Gespräche, die Neigung eines geistreichen Mannes durch einen Beischlaf erkaufe. Es ist zum Kotzen! Warum wird es einer Frau so schwer gemacht, anständig zu bleiben?“ (S. 88)

In diesen Tagebüchern der Autorin geht es fast ausschließlich um Männer, als habe es in ihrer Welt überhaupt keine Frauen gegeben. Und das war ja wohl auch für die meisten Frauen so, in Ost und West, bis sich mit dem Beginn der Frauenbewegung der 1970er-Jahre unsere Welt mit Frauen bevölkerte, bis wir lernten, uns auf Frauen zu beziehen und von Frauen zu lernen, bis wir anfingen, weibliche Autorität in der Welt wahrzunehmen und zu stärken. Auch für das Engagement der jüngeren Feministinnen können wir dankbar sein, die sich beispielsweise mit „Aufschrei“ und „Me too“ dafür einsetzten, dass Frauen aufhören, sich selbst und ihr Geschlecht für etwas zu verdammen, was Männer ihnen antun.
Und so können manche Frauen heute, zu Beginn der 2020er-Jahre, die Aussage Luisa Muraros, dass es ein Glück sei, als Frau geboren worden zu sein, aus tiefstem Herzen bejahen. Dass immer mehr Frauen dieses Glück empfinden können, wünsche ich mir zum neuen Jahr und für das nächste Jahrzehnt.

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Una Primavera http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/01/una-primavera/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/01/una-primavera/#respond Sat, 11 Jan 2020 06:00:00 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15095
Foto copyright Valentina Primavera

Ein Dokumentarfilm von Valentina Primavera

Der Biskuitteig ist saftig, gelb, weich und sehr groß, ein langes Messer dringt sanft in ihn ein, schneidet Stück für Stück durch ihn hindurch, bis er in zwei Teile zerlegt ist. Dieses Torten backende „Hausfrauenglück“ könnte appetitanregend wirken, wäre es nicht ein Dokumentarfilm über häusliche Gewalt, und so macht diese Szene es schier dramatisch, fast sarkastisch und schlicht betroffen.

Die aus Italien stammende und in Berlin lebende Filmemacherin Valentina Primavera dokumentiert nichts Geringeres als die Scheidung und Rückkehr ihrer Mutter, Fiorina Primavera, nach einem siebenmonatigen Trennungsversuch aus 40 Jahren häuslicher Gewalt. Sie begleitet sie auf der Reise von ihrer Zuflucht bei ihr in Berlin zurück nach Italien. Dabei immer die Kamera – beim Essen, Nachdenken, Autofahren, beim Gang zum Gericht, beim Gang zurück zum Ehemann, bei den Besuchen der Familienangehörigen. Scheinbar harmlose, in Groß- und Nahaufnahmen eingefangene Szenen einer Alltagswelt von einer mit dem Trauma häuslicher Gewalt geprägten Familiengeschichte, lassen die ZuschauerInnen ganz in diese Realität eintauchen, den Kuchen und Braten förmlich riechen. Die Angst vor einer erneuten Eskalation ist fühlbar, die Suche nach Freiheit, Würde und Lebendigkeit blitzt dazwischen immer wieder auf.

Valentina sagt von sich selbst, dass es die Intimität und Vertrautheit zu den Personen möglich gemacht hatten, die beieindruckende Nähe und damit einhergehende Authentizität der gefilmten Personen im Film enstehen zu lassen, und dass das Filmen für sie ein Stück Verarbeitung beinhaltet. Einen Moment des Mutes ihrer Mutter fest zu halten, sei ihr Antrieb und Wunsch gewesen, erzählte die Filmemacherin nach einer Vorstellung in Berlin.

Der Film klagt nicht an, auch nicht die männlichen Personen, und doch offenbart sich das komplette Drama. Unglaublich feinsinnig beobachtend wird offensichtlich, als welche Hürden bei dem Versuch einer Befreiung die Gesellschaft, die eigenen Wünsche und festgelegte patriarchale Strukturen wirken und solche Zustände Jahrzehnte überdauern lassen.

Ein Film, der in Zeiten von ansteigenden Femizidzahlen und häuslicher Gewalt, sehr wichtig ist und international Beachtung erfährt. Der Film erschien 2018 erstmals auf der Dok Leipzig. Seit Januar 2020 ist er mit deutschen Untertiteln zu sehen und wird in Berlin in verschiedenen Programmkinos gezeigt. Es ist zu hoffen, dass noch weitere Städte in der Republik folgen, eine Zusammenarbeit mit den Berliner Frauenhäusern ist geplant.

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Kapitel 1: Politik als Arbeit an der Kultur http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/01/kapitel-1-politik-als-arbeit-an-der-kultur/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2020/01/kapitel-1-politik-als-arbeit-an-der-kultur/#comments Fri, 03 Jan 2020 10:28:56 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15083 Zum 20. Jubiläum der Flugschrift „Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn. Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik“ wurde das Büchlein im Christel Göttert Verlag neu aufgelegt und wird hier im Forum auch erstmals online veröffentlicht. Nach der Einleitung folgt nun das 1. Kapitel: Politik als Arbeit an der Kultur.

Die gesellschaftlichen Probleme, mit denen wir gegenwärtig konfrontiert sind, werden meist als Fragen der Wirtschaft, des Sozialen, der Moral bzw. der Werte dargestellt. Damit sind sie aber noch nicht wirklich verstanden; es sind Probleme der Kultur. Kultur ist die Art und Weise, wie wir die existenziellen Momente des Daseins – Geburt, Erwachsen- und Altwerden, Tod, Schutz gegen Gewalten der Natur, die Erfindung und Herstellung von Gütern, die Verteilung materieller Güter und den Austausch immaterieller Werte – organisieren. In erster Linie aber ist Kultur die Art und Weise, wie Menschen Beziehungen untereinander leben. Politik ist für uns nicht die Folge einer Übereinkunft oder eines Vertrages zwischen vermeintlich autonomen, unabhängigen Individuen, die sich zum Schutz vor Feinden oder zur Überwindung des Mangels notgedrungen zusammenschließen, sondern sie beruht im Gegenteil auf der Erfahrung, dass gelingende Beziehungen unter Menschen möglich und lustvoll sind. Politik ist nichts anderes als das Ermöglichen und Erhalten gelingender Beziehungen zwischen Menschen in ihrer Verschiedenheit.

Nicht nur im engen Bereich dessen, was herkömmlicherweise als „Wirtschaft“ gilt, sondern in allen Aspekten des Lebens sind Beziehungen unter Menschen vor allem Tauschbeziehungen. Tauschen, verhandeln, aushandeln, vermitteln sind Grundformen menschlicher Kommunikation. Auf diesem „Tauschmarkt“ finden wir nicht nur Geld, Güter und Dienstleistungen, sondern auch Zuwendung, Fürsorge, Dankbarkeit und vieles mehr. Patriarchat und Kapitalismus beruhen gerade auf der künstlichen Trennung und Hierarchisierung all dieser Bereiche und verursachen auf diese Weise die kulturelle Unordnung, in der wir uns befinden. Gelingende Beziehungen sind hingegen darauf angewiesen, dass der Verhandlungsraum für die Kommunikation zwischen allen Bereichen möglichst offen gehalten wird.

Es wird keine Erneuerung der Ökonomie, keine Lösung der wirtschaftlichen Probleme ohne eine Erneuerung der Beziehungen geben. Vor allem Frauen haben in den letzten dreißig Jahren viel dafür getan, die Beziehungen der Menschen zueinander neu zu ordnen und festgefahrene Konstellationen wieder für neue Verhandlungen zu öffnen – dies betrifft die Geschlechterbeziehungen, die Familienstrukturen, die Teilhabe an einer Gemeinschaft oder der Gesellschaft insgesamt, die Arbeitsbeziehungen, Beziehungen zwischen Nachbarinnen und Freundinnen, die Liebesbeziehungen.

Was das politische Leben betrifft, scheint dies jedoch bislang wenig Wirkung zu haben und auch kaum wahrgenommen zu werden. Hier herrscht immer noch das Dilemma der falschen Alternativen vor. Die kulturelle Gestaltungsfreiheit der Menschen scheint angesichts der Vorherrschaft wirtschaftlicher Erwägungen auf ein Nichts zusammengeschrumpft. Wirtschaft ist zum Synonym für Kapitalismus geworden, und das Damoklesschwert der „Globalisierung“ hängt über allen Entscheidungen. Gegenüber solchen „Marktgesetzen“, die im allgemeinen Bewusstsein offenbar längst den Charakter von Naturgesetzen angenommen haben, wird höchst hilflos auf verlorengegangene „Werte“ gepocht, denen doch gleichzeitig überall systematisch der Boden entzogen wird: In der politischen Propaganda wird zwar noch die Illusion der gelingenden Beziehungen verbreitet, in Wahrheit aber erheben marktwirtschaftliche Analysen längst den Anspruch, die ganze Welt zu erklären, und Management-Prinzipien geben vor, die Welt gestalten zu können. Doch die Konkurrenz um Eigentum und Besitz ist nicht das Ursprüngliche der Politik. Zudem gibt es so viele Wirtschaftssysteme, wie es menschliche Kulturen gibt – beides ist nicht voneinander zu trennen. Die Beziehungen zwischen Menschen in den Blick zu nehmen und zu verändern heißt deshalb, die Ökonomie zu verändern.

Aus: Ulrike Wagener, Dorothee Markert, Antje Schrupp, Andrea Günter: Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn. Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik. Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim 1999, Neuauflage 2019.

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Das Leben leidenschaftlich lieben! http://www.bzw-weiterdenken.de/2019/12/das-leben-leidenschaftlich-lieben/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2019/12/das-leben-leidenschaftlich-lieben/#comments Mon, 30 Dec 2019 11:08:47 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15071

In ihrem jüngst erschienenen Buch hat Senta Trömel-Plötz das Leben von Mileva Einstein-Marić zum Anlass genommen, das Schicksal weiterer begabter Frauen zu erforschen. Vor etwa fünfzehn Jahren habe ich zum ersten Mal von Mileva Einstein-Marić erfahren. Die Autorin las im Amerikahaus in München aus ihren noch unveröffentlichten Wortstücken. „Wortstücke“, so lautet auch jetzt der Untertitel des Buches. Ich wusste damals nichts von Einstein-Marićs Bedeutung als Physikerin und von ihrem Leben als Frau / Ex-Frau eines Mannes, den wir heute als Genie zu betrachten pflegen. Die besondere, wissenschaftlich-poetische Darstellungsweise Senta Trömel-Plötz‘ hat mich schon damals sehr berührt. Mileva Einstein-Marićs Leben steht für die Leben vieler Frauen, deren Gaben und deren Begabungen Gefahr laufen, in den Arbeiten ihres Mannes aufzugehen oder für die es schwer war, sich neben dessen Werk zu entfalten. Ein besonders tragisches Beispiel hierfür bietet auch die Malerin Josephine Nivison-Hopper, die ebenfalls in dem Band gewürdigt wird. Und viele viele andere! Da uns die Namen der genialen Frauen, die uns Senta Trömel-Plötz in ihrem Buch nahebringt, leider immer noch viel zu wenig vertraut sind und gar nicht oft genug genannt werden können, werde ich sie am Ende noch (fast) alle nennen. Dem menschlichen, künstlerischen und intellektuellen Reichtum dieser Frauen und ihren Schicksalen ist das Buch gewidmet. In seiner Komposition greifen die Erzählungen ineinander, sodass die Wortstücke zu einem Ganzen werden, in das auch das Leben der Autorin eingewoben ist. Senta Trömel-Plötz ist eine der Begründerinnen der feministischen Linguistik im deutschsprachigen Raum. Damit hat sie unschätzbare Pionierinnenarbeit für heutige WissenschaftlerInnen geleistet und damals jede Menge Prügel aus dem patriarchal-akademischen Lager erhalten.

Mein Lesen des Buchs war somit das Wiederaufnehmen des Fadens und ein Wiederlesen. Die Darstellung von Mileva Einstein-Marić und den anderen genialen Frauen gefällt mir in dieser Fassung ausgezeichnet. Ich bewundere die Beharrlichkeit, mit der Senta Trömel-Plötz die wichtigen Fragen stellt, wie „Setzt männliche intellektuelle Produktivität Frauenarbeit und Frauenopfer voraus?“ Oder auch das Leitmotivische in den sich wiederholenden Sätzen „Dazwischen aber kam die Liebe“, „Das Leben leidenschaftlich lieben“ usf. So ziehen sich rote, bunte und leider auch schwarze Fäden durch den Text. Aus den Schicksalen der Frauen wird EIN Frauenschicksal, ohne dem Individuellen Gewalt anzutun. Gewalt ist diesen genialen Frauen schon viel zu viel angetan worden oder sie haben sich aus lauter Menschenfreundlichkeit und Liebe oder Verzweiflung auch noch selbst Gewalt angetan. Genau aus diesem Grund hatte ich mich zuerst sogar ein wenig vor der Lektüre gefürchtet, gerade weil ich wusste, worum es gehen würde, und eine sich ja doch nicht immer gerne damit konfrontiert, rundheraus gesagt, mit diesem Elend der begabten Frau! Doch Senta Trömel-Plötz gelingt es, schreibend, fühlend, (mit)denkend die Auseinandersetzung eben nicht als Konfrontation zu gestalten, sondern als eine Art poetische Meditation über die Leben, die Schicksale, über das Frauenschicksal, insbesondere das Schicksal der genialen Frau. Dazu gehört auch, dass sie genau diesen Begriff „genial“ verwendet, der lange Zeit für das männliche Genie reserviert zu sein schien! Eine könnte verzweifeln über den Geschichten! Doch ohne in irgendeiner Weise zu beschönigen, atmet der Text auch den Geist der Verbundenheit aller Wesen und wird so über die Dokumentation hinaus ein ganz eigenes Gewebe mit einem eigenen Leuchten.

Gleichzeitig ist das Buch Ausdruck des Gesprächs, in dem sich die Autorin schon so lange mit so vielen Frauen befindet, nicht nur mit den Künstlerinnen, um die es hier vor allem geht, sondern auch mit Zeitgenossinnen, auch sie Künstlerinnen, Wissenschaftlerinnen, Freundinnen, die sie unterstützt haben. Vor- und Nachworte und viele kleine Wendungen im Text weisen darauf hin. Ihr Werk ist eingebettet in eine Art immerwährenden Gesprächsfluss, der freilich nicht von alleine besteht, sondern nur dann, wenn er gepflegt wird. Trömel-Plötz ist nicht nur eine Forscherin über Frauengespräche, sondern eine Frau, die diesen Austausch auch lebt. Und nicht zuletzt bekommt ihre persönliche Geschichte ganz selbstverständlich Platz im Buch und sie zeigt sich auf diese Weise als Schwester der Frauen, mit denen sie sich beschäftigt. So legen ihre eigene Lebenspraxis und die Zitate vieler anderer kluger Frauen bis hin zum berühmten Brief von Rosa Luxemburg aus dem Gefängnis Zeugnis ab von der leidenschaftlichen Liebe zum Leben, zu der es keine Alternative gibt; und von einer zutiefst menschlich-mitfühlenden Haltung mit allen lebenden Wesen – so eben auch mit dem Büffel aus Luxemburgs Brief.

Das Buch schreibt die vielen Bücher fort, in denen Künstlerinnen um ihre Geschichte ringen, um Anerkennung und Würdigung und zuallererst um die Möglichkeit, überhaupt arbeiten zu können. Mir fällt spontan „Ein eigenes Zimmer“ von Virginia Woolf ein, das im Jahr 2019 neunzigjährigen Geburtstag hatte und somit zehn Jahre älter ist als die Autorin der „Wortstücke“ . Möge diese Tradition Bestand haben und weiterwirken, so dass wir am Ende mehr hinterlassen als „Die Spur des Schiffs in den Wellen“[1]!

Nachtrag: als wäre es ein Zitat aus dem Buch höre ich im Radio zur Diskussion über die weggeworfene Skizzenmappe des Malers Gerhard Richter, dass er selbst die unsignierten Skizzen als Schund oder mit einem ähnlich abwertenden Ausdruck bezeichnet, einige davon seien gar nicht von ihm, sondern von seiner damaligen Frau Ema Eufinger. – In der Zeitung lese ich über den Schriftsteller Herrmann Lenz, dass seine Frau Hanne Trautwein, die, als die beiden sich kennenlernten, bereits einen Erzählungsband veröffentlicht hatte, ihrem späteren Mann zuliebe dann aufs Schreiben verzichtete, um sie beide von ihrem Gehalt als Sachbuchlektorin zu finanzieren.

Hier nun noch die versprochene Namensliste, unvollständig, im Buch sind noch viele mehr zu finden: Mileva Einstein-Marić, Sophie Taeuber-Arp, Julie Wolfthorn, Marie Bashkirtseff, Elen Luksch-Makowsky, Dora Hitz, Teresa Feodorwna Ries, Ida Boy-Ed, Elsa Asenijeff, Vally Wygodzinski, Marevna, Carmen Herrera, Josephine Nivison-Hopper, Paula Modersohn-Becker, Clara Westhoff-Rilke. Zitiert werden Gedichte u.a. von Else Lasker-Schüler, Rose Ausländer, Gabriela Mistral, Luisa Famos, Ricarda Huch, Gertrud Kolmar.

Was für ein schönes Buch und wie viele wertvolle Hinweise auf Werke und Künstlerinnen! Ich wünsche mir, dass Senta-Trömel Plötz‘ kluge und einfühlsame Auseinandersetzung mit den genialen Frauen unseren Blick schärft, wir immer aufmerksamer werden, sodass immer mehr dieser Frauen hinter ihren Männern auftauchen und den ihnen zustehenden Platz in unserer Vorstellung und damit auch in unserer Überlieferung einnehmen können.

Senta Trömel-Plötz, Mileva Einstein-Marić und andere geniale Frauen. Wortstücke, Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim 2019, 228 S., 17 Euro.


[1] So lautet der Titel eines Buches der Malerin Gisela Breitling, auf die mich ebenfalls Senta Trömel-Plötz aufmerksam gemacht hatte, Oberbaumverlag 1980.

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Aktueller denn je: Rollenbilder von Mädchen und Jungen, Männern und Frauen http://www.bzw-weiterdenken.de/2019/12/aktueller-denn-je-rollenbilder-von-maedchen-und-jungen-maennern-und-frauen/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2019/12/aktueller-denn-je-rollenbilder-von-maedchen-und-jungen-maennern-und-frauen/#comments Fri, 27 Dec 2019 08:05:01 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15063

Es ist nicht das erste Mal, dass wir uns hier und hier mit der Problematik von Rollenbildern beschäftigen. Das Nachdenken und Wirken für die Freiheit von Frauen verläuft im Sande, wenn gleichzeitig herkömmliche Rollenbilder diese ganz erheblich einschränken. Und die Rückwärtsspirale scheint sich an manchen Orten heftig zu drehen.

Das hat auch der Bayerische Landesfrauenrat zu seinem Thema gemacht und im November 2019 eine Stellungnahme zu der verzerrten Wirklichkeit bei Rollenbildern von Mädchen im Kinderfernsehen veröffentlicht. Dort steht: „In fiktionalen Sendungen werden die animierten Figuren unnatürlich, realitätsfern und vor allem hypersexualisiert dargestellt. Durch extreme Wespentaillen, Riesen-Brüste und sehr lange Beine werden Frauenkörper jenseits anatomischer Möglichkeiten abgebildet. Derartige Rollenbilder prägen Mädchen und Jungen schon im Vorschulalter und engen sie in ihrer Entwicklung ein. Sie verhindern die realistische Wahrnehmung des eigenen Körpers und zelebrieren die Klischeevorstellungen der fast ausschließlich männlichen Produzenten und Geldgeber. Und weiter: „Kinderfernsehen hat unter anderem die Aufgabe, die nachfolgende Generation für eine gerechte Gesellschaft zu bilden, ihre Entwicklung zu unterstützen und unterschiedliche Lebensentwürfe als gleichwertig anzubieten. An Diversität orientierte Bilder, Inhalte und Geschichten im Kinderfernsehen können in den Köpfen viel verändern. Mädchen und Jungen werden dadurch bestärkt, die ihnen zugeschriebenen Rollen zu verlassen und ihre eigene Identität zu finden.“ Gefordert wird unter Anderem: mehr Frauen als Expertinnen, finanzielle Förderung für Gendersensibilität bei Filmeinkauf und Produktion sowie gezielte Förderung von Frauen in der Produktion von Kindersendungen.  So weit so gut oder auch so schlecht.

Während der Bayerische Landesfrauenrat sich – berechtigterweise – noch an den Rollenbildern im Kinderfernsehen abarbeitete, hatte sich längst ein anderes Thema eingeschlichen: Die weibliche Selbstinszenierung in den neuen Medien. Als Vorbild dienen dabei junge Frauen und Mädchen, die sich auf Facebook oder Instagram als Expertinnen präsentieren, Beauty-Produkte anpreisen und damit viel Geld verdienen. Zum Teil haben sie eine gigantische Reichweite. Das Fatale: je rückwärtsgewandter das Frauenbild, desto erfolgreicher die Influencerin.

Da politisch engagierte „ältere“ Frauen sich weniger auf diesen modernen Plattformen bewegen, ging das Problem zunächst an vielen vorbei. Doch auch hier hat der Bayerische Landesfrauenrat den Finger in die Wunde gelegt und im Dezember 2019 zu einer öffentlichen Veranstaltung zu dem Thema „Influencerinnen und Konsumentinnen bei Instagram, YouTube und Co. – Frauen im Social Web“ eingeladen. Mit 70 Teilnehmerinnen wurde geplant, an die 300 kamen. Was die Referentin Dr. Maya Götz ihnen vermittelte, bot erschreckende Einblicke in die Medienwirklichkeit der nächsten Generation.

Ausgangspunkt war eine im Januar 2019 veröffentlichte Studie der MaLisa Stiftung. In der Einleitung zu den Studienergebnissen wird festgehalten, dass bereits die Zuschauererwartungen sehr eng sind und sich bei Frauen und Mädchen auf den Beauty-, Näh- und Kochbereich beschränken. Sobald z.B. Youtuberinnen sich neue Genres wie Comedy oder Politik erschließen wollen, müssten sie mit kritischen, manchmal sogar bösartigen, Kommentaren rechnen. Weiter steht dort: „Die Befragungen bei Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren haben studienübergreifend gezeigt, dass jugendliche Konsument*innen Influencer*innen als Vorbilder betrachten und deren Posen und Aussehen nachahmen. (…) Mädchen, die Influencer*innen folgen, bearbeiten ihre eigenen Bilder stärker als solche, die keinen Influencer*innen folgen. Sie empfinden ihr natürliches Aussehen zunehmend als unzureichend.“

Also wird bei den eigenen Bildern mit optischen Filtern nachgebessert, um normierte Klischees von weiblicher Schönheit zu erfüllen: Sie machen sich die Brüste größer, die Hüpften schlanker und die Beine länger. Der Blick für die Unterschiedlichkeit geht dabei verloren. Wer in der Realität das Schönheitsklischee nicht erreicht, versucht, sich schlank zu hungern (Magersucht!) und verliert an Selbstbewusstsein. Mich als ältere frauenbewegte Frau besorgt dabei, wie ganz freiwillig Freiheit aufgegeben und althergebrachte Rollenzuschreibungen übererfüllt werden.

Außerdem zeigen die in der Studie veröffentlichten Statistiken, dass Frauen auf Youtube mit nur 29 Prozent deutlich unterrepräsentiert sind. Aber auch Jungen sind laut der Studie einem Schönheitsdruck ausgesetzt. Sie retuschieren sich die Schultern breiter sowie Arme und Beine muskulöser oder ergänzen ein Sixpack.

Diese Postkarte möchte Jugendliche auf ihre natürliche Schönheit hinweisern. Fotos: Juliane Brumberg

Als kleinen Versuch einer Antwort darauf hat der Bayerische Landesfrauenrat eine Postkartemit dem Motto „Ich bin schön auch ohne Filter“ herausgegeben, die sich eines großen Interesses erfreut. Auf einer Spiegelfolie können die Betrachter_innen dabei in ihr eigenes natürliches Gesicht schauen. Bleibt zu hoffen, dass die Karte nicht nur die Frauen in den engagierten Verbänden, sondern auch die nächste Generation erreicht. Und dass die jungen Mädels mit zunehmendem Alter selber bemerken, dass es auch noch andere Werte als Schönheit gibt.

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Weibliche Freiheit in Zeiten des Patriarchats: Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão http://www.bzw-weiterdenken.de/2019/12/weibliche-freiheit-in-zeiten-des-patriarchats-die-sehnsucht-der-schwestern-gusmao/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2019/12/weibliche-freiheit-in-zeiten-des-patriarchats-die-sehnsucht-der-schwestern-gusmao/#respond Mon, 23 Dec 2019 11:21:00 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15050
Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão: Zwei Frauen auf der Suche nach Freiheit in den Zeiten vor der Frauenbewegung. Szenen-Foto: Pfiffl-Medien.

Wenn die zwanzigjährige Guida (Júlia Stockler) spät abends noch aus dem Haus will, wird sie von ihrer Schwester Euridice (Carol Duarte) gedeckt. Umgekehrt unterstützt Guida die Pläne der Jüngeren: Euridice träumt von einer Karriere als Pianistin. Das liebevolle Bündnis der Schwestern Gusmão ist viel wert im Rio de Janeiro der fünfziger Jahre. In einer Zeit also, als Väter noch unbeschränkte Macht über ihre Töchter hatten, als Mütter sich fraglos unterordneten und sich im Zweifelsfall auf die Seite der Patriarchen schlugen oder ihnen zumindest nichts entgegensetzten.

Der Film des brasilianischen Regisseurs Karim Aïnouz erzählt die Lebensgeschichte zweier Schwestern, deren konservative, mittelständische Eltern – der Vater ist Bäcker, die Mutter Hausfrau – ihnen enge Grenzen setzen in der Hoffnung auf sozialen Aufstieg qua Ehe. In dieser Zeit vor der Frauenbewegung war eine ungeplante und nicht-eheliche Schwangerschaft die größte Katastrophe, die einer Frau zustoßen konnte.

Und tatsächlich: Als Guida mit einem Seemann durchbrennt und schwanger zurückkehrt, trennen sich die Wege der „ehrbaren“ und der „ehrlosen“ Schwester. Guida wird nicht nur vom Vater verstoßen, er unterbindet auch jeden Kontakt zur inzwischen verheirateten Euridice. Im Glauben, einander verloren zu haben, gehen die beiden Schwestern fortan sehr unterschiedliche Lebenswege.

„Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão“ spannt ein ganzes Panorama von Themen auf. Die eher zu Kompromissen bereite Euridice steckt in den Zwängen einer bürgerlichen Existenz, muss als Hausfrau und Mutter ihre Träume von beruflicher Erfüllung begraben. Guida dagegen schlägt sich als Alleinerziehende am unteren Rand der sozialen Skala durch und begegnet dabei ganz anderen Lebensentwürfen außerhalb der bürgerlichen Norm. Es ist oft nicht leicht zu entscheiden, welche von beiden das bessere, welche das schlechtere Los gezogen hat.

Es gibt kein wahres Leben im Patriarchat, ließe sich schlussfolgern, weder die „Heilige“ noch die „Hure“ haben ein freies Leben. Allerdings: Auch unter widrigsten Umständen ist weibliche Freiheit möglich. Weder Guida noch Euridice fügen sich in ihr Schicksal, immer wieder finden beide Wege, Grenzen zu überschreiten, ihrer eigenen Sehnsucht, ihrem Begehren, zu folgen.

Trotz des historischen Settings weist die Geschichte daher über ihre Zeit hinaus. Es geht um allgemein menschliche Fragen, die heute genauso aktuell sind wie damals, um Solidarität und Sehnsucht, um Konfliktfähigkeit und Freiheitswillen, um Freundschaft, Liebe und Treue. Und trotz der traurigen Geschichte ist ein sehenswerter Film, der die Zuschauerin gerade nicht traurig macht, sondern versöhnlich endet – mit einem Gastauftritt von Fernanda Montenegro! In Deutschland kommt er am 26. Dezember ins Kino.

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Zwei Zeiten des Übergangs http://www.bzw-weiterdenken.de/2019/12/zwei-zeiten-des-uebergangs/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2019/12/zwei-zeiten-des-uebergangs/#comments Sun, 15 Dec 2019 09:15:23 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=15033 Das sechste Kapitel von Luisa Muraros Buch „Auf dem Markt des Glücks“ ließ sich gut in zwei Abschnitte aufteilen. Das Kapitel, dem Muraro den Titel „Mehr Frauen als Männer“ gegeben hat, erscheint hier also in zwei Teilen.

Auf dem Markt des Glücks

Link zum Beginn der Serie

In diesem Abschnitt beschäftigt sich Luisa Muraro mit zwei Übergangszeiten oder Zeiten „dazwischen“. Die eine liegt am Ende des 16. Jahrhunderts, als nach der Reformation mit der Gegenreformation die Religionskriege begannen, also zwischen Mittelalter und dem Beginn des Zeitalters der Moderne. Und auch wir leben in einer solchen Übergangszeit, der Zeit nach dem Ende der Moderne und vor etwas, von dem wir noch nicht wissen, was es sein wird, „vorausgesetzt, dass es eine Zukunft gibt“ (S. 80).  Wobei man das eigentlich gar nicht so sagen kann, denn „wenn es eine Zukunft gibt, hat diese natürlich schon begonnen, als eine Zukunft, die sich vor unseren Augen mit den Resten der Vergangenheit vermischt“ (ebd.).

Als einen Zeugen für die erste Übergangszeit zieht Luisa Muraro den „bewundernswerten“ Michel de Montaigne heran. Über sein Werk, auf Französisch Essais (Versuche), sagt er Folgendes: „Ich male nicht das Sein. Ich male den Übergang“. Und er fügt hinzu: „Wenn mein Geist sich stabilisieren ließe, würde ich keine Versuche, sondern Lösungen hervorbringen, doch mein Geist ist immer in der Lehrzeit und am Ausprobieren. Daher kann es vorkommen, dass ich mir widerspreche, doch der Wahrheit widerspreche ich nicht“ (Montaigne, zit. n. Muraro). Auch Muraro selbst gelinge es oft nicht, einen Gegenstand festzuhalten, er tanze und schwanke vor ihr hin und her, als sei er „von Natur aus betrunken“. Montaignes Worte sind bescheiden und selbstbewusst zugleich. Er spricht von der Wahrheit. Und er sagt, es sei nicht an uns, sie auszusprechen, sondern sie zu verstehen und ihr nicht zu widersprechen. Das ist die Haltung eines Menschen, der sich lange für eine Versöhnung der Konfessionen einsetzte und sich, als dies zunehmend aussichtslos erschien, schließlich der Philosophie zuwandte, wobei er metaphysische Fragen ausklammerte. Er blieb aber der Wahrheit treu, wie wir später in Bezug auf die Hexenverfolgungen sehen werden, einem weiteren Übel jener Zeiten in Europa.

Wie auch andere Denker des „Dazwischen“ – Muraro nennt noch Nikolaus Cusano, der die Naturwissenschaft als ein Wissen der Mutmaßungen bezeichnete – widmete sich Montaigne der Lesbarkeit einer Welt, von der er wahrnahm, dass sie im Wandel begriffen war. Die anerkannte Größe dieser Denker verhinderte nicht, dass sie später durch die weitere Entwicklung des westlichen Denkens ersetzt und schließlich als minderwertig oder sogar als überflüssig betrachtet wurden. Das geschah durch eine Moderne, „die mit aller Kraft den Anspruch erhob, uns von dem ‚Ersten’ zu trennen, damit wir autonom, erwachsen und unsere eigenen Herren würden“ (S. 80). So lassen sich Muraro zufolge die Versprechen des aufgeklärten Rationalismus zusammenfassen, die „bis gestern“ die geläufige Denkweise darstellten.

Montaigne zeigt sich als Skeptiker, obwohl er das eigentlich gar nicht ist. Er muss sich so geben, damit die ungeheuer große Menge an mutmaßlichen Gewissheiten, falschen Erklärungen und vereinfachenden Selbsttäuschungen den von ihm angestrebten Weg zur Wahrheit nicht vollständig versperrt und nicht verhindert, dass er verstanden wird. Er versucht, eine schmale Tür offenzuhalten, die die Dogmatiker auf der einen Seite und die Skeptiker aus Prinzip auf der anderen Seite mit aller Macht schließen wollen, „wie heutzutage auch“. Er hält diese Tür mit einer großen Kunstfertigkeit offen, die er sein Leben lang immer mehr verfeinert hat. Dies zeigt sich beim Vergleich zwischen den ersten beiden Bänden der Essais, 1580 erschienen, und dem dritten Band acht Jahre später.

Muraro begann Montaigne zu schätzen, als sie in seinem Werk das Thema „Frauen“ verfolgte. Dieses Thema war zur Zeit Montaignes nicht weniger angesagt als heute und wurde auf ähnliche Weise behandelt. Es gab einen stetigen Strom von Diskursen über eine mutmaßliche Frauenfrage, damals querelle genannt, die untereinander in keinem Zusammenhang standen, stark polarisierend zwischen Bewunderung und Abwertung, wobei das letztere in jener Epoche überwog. Von jenen Zeiten sind wir zwar abgrundtief getrennt durch die naturwissenschaftliche Revolution, doch „keine Wissenschaft der Welt kann die Widersprüche des Lebens auflösen, und das Thema ‚Frauen’ spricht über solche Widersprüche“ (S.81). Das Leben sei eine unebene, unregelmäßige und vielfältige Bewegung, ist eine berühmte Aussage Montaignes, mit der er das dritte Buch der Essais eröffnet. 

In den ersten beiden Bänden der Essais sei er bezüglich seiner Äußerungen über Frauen keine Ausnahme unter den Gelehrten, meint Luisa Muraro. Allenfalls bemühe er sich um eine ausgewogene Mischung von Positivem und Negativem. Auch wenn er selbst den Polarisierungen nicht unterliege, löse er sie jedoch nicht auf. Im dritten Band der Essais können wir wahrnehmen, dass er zwar immer noch die „Autoritäten“ zitiert, aber weniger oft, und dass er diese auch kritisiert. Er bezieht sich mit mehr Präzision auf die umgebende Realität und bewegt sich zu einer gewissen Freiheit des Denkens hin. Luisa Muraro führt diese Veränderung auch auf den Einfluss von Frauen seines intellektuellen Niveaus zurück, mit denen er sich inzwischen zunehmend austauschte.

Montaigne versteht nun einige wichtige Dinge: Zwischen Frauen und Männern bestehe ein tiefgehender Konflikt, behauptet er, und dieser müsse als etwas Natürliches akzeptiert werden. Die Bezugnahmen und jeweiligen Sichtweisen stünden einander oft feindlich gegenüber, und dies sei unauflösbar. Die Männer seien beinahe in allem ungerechte Richter des Handelns von Frauen, und umgekehrt gelte dasselbe. Montaigne räumt schließlich ein und unterstreicht diesen Punkt besonders, dass die Frauen vollkommen Recht hätten, wenn sie sich weigerten, nach den Regeln zu leben, die in der Welt gelten, da diese vor allem gegenüber Frauen widersprüchlich und ungerecht seien, besonders auch deshalb, „weil die Männer sie ohne die Frauen aufgestellt haben“ (Montaigne, zit. n. Muraro, S. 82).

Dieses Bewusstsein hält ihn allerdings nicht davon ab, das Verhalten von Frauen zu kommentieren und gegebenenfalls auch zu verurteilen. Beispielsweise kritisiert er, dass Frauen nun auch die Klassiker zitieren würden, und findet, sie sollten sich lieber der Lyrik zuwenden. Trotzdem bleibt er ein erstklassiger Gesprächspartner für die Politik der Frauen, weil er der Frage der Beziehungen zwischen den Geschlechtern große Bedeutung beimisst „und weil er zugibt, dass er darin parteilich ist. Er steht zu seinen Interessen, legt seine Erwartungen offen und manchmal sogar seine Grenzen“ (S. 82).

Beim Lesen von Montaignes Schriften zeigt sich folgende Veränderung: Von der Tendenz, die Frau an dem zweideutigen Maßstab zu messen, der sich aus dem männlichen Ideal speist, wie eine Frau sein sollte, und gleichzeitig aus dem Maßstab, dem er als Mann zu entsprechen glaubt, kommt er schließlich zu einer Haltung, die zwar immer noch frauenfeindliche Elemente enthalten kann, aber sie nicht mehr selbst hervorbringt. Denn die Frauenfeindlichkeit wird nicht mehr im Dunkeln ausgebrütet, die Bewusstwerdung der männlichen Differenz wirft ein wohltuendes Licht darauf. Im Denken Montaignes fangen die Frauen an, für sich selbst zu existieren, und er erkennt, „dass sie immer schon und zuerst da waren, nämlich vor den Männern, die sie zur Welt brachten. Und dadurch lösen sich die bekannten Paradigmen der Komplementarität, der Hierarchie und der Gleichheit auf “ (S.83). Die Gleichheit werde ja besonders betont, um die Asymmetrie der Geschlechter „geradezurücken“, schreibt Luisa Muraro, „vor allem die Tatsache, dass die Frauen von einer Frau geboren werden und die Männer dagegen … ebenfalls“ (ebd.). Schon Augustinus habe sich in seinem Kommentar zur Schöpfungsgeschichte gefragt, warum Gott die Frau geschaffen habe. Luisa Muraro stellt sich das Gelächter darüber im Paradies vor. 

Doch auf der Erde habe es nicht so viel zu lachen gegeben: Als Montaigne 1580 seine ersten Essais veröffentlichte, erschien in Frankreich die Démonomanie des sorciers von Jean Bodin, eine Anweisung für die Hexenjagd. Gegen dieses todbringende Handbuch schrieb Montaigne einen Text, das elfte Kapitel des dritten Essay-Bandes. Mit seiner Schrift musste er sich vor allem auch verteidigen, denn der berühmte Gelehrte Bodin hatte diejenigen, die nicht an die dämonische Macht der Hexen glaubten, selbst der Hexerei und Häresie angeklagt. 

Die Philosophie-Geschichtsschreibung konnte jenes Handbuch Jean Bodins zwar nicht ganz ignorieren, aber sie tat „bis gestern“ so, als sei dieses üble Werk „etwas anderes“, das mit den damaligen Zeiten zu tun hatte. Doch 1999 erschien ein Text von Ginevra Conti Odorisio, in dem sie nachwies, dass es sehr wohl eine Kontinuität gibt zwischen dem Buch zur Hexenjagd und dem anerkannten Hauptwerk von Bodin, den Sechs Büchern über den StaatLa République. Das Verbindende ist die Feindschaft gegenüber politischer Macht von Frauen. Und im Zeitalter der Katharina von Medici und Königin Elisabeth I. war das nicht nur Theorie. Nach Ansicht Bodins verliert die von ihm dargestellte Staatsform, die er Republik nennt, „ihren Namen, wenn eine Frau die Herrschaft innehat“ (Jean Bodin, zit. n. Luisa Muraro, S. 84). Sehr ähnlich argumentiere die Theologie beim Thema Priesterordination von Frauen, fügt Muraro hinzu. Wenn eine Frau die Hostie reiche, handle es sich nach diesem Denken nicht mehr um ein Sakrament, sondern um seine Parodie.

Montaigne auf der einen Seite und Bodin auf der anderen, beide sind Denker einer Übergangszeit wie der unseren, auf deren Probleme sich in der überlieferten Kultur keine Antwort findet. Auch Bodin weiß, dass es mehr Frauen als Männer gibt, „sowohl in den Staaten als auch in den Familien“ (Bodin, zit. n. Muraro, S. 84). Beide Denker sind sehr nah beieinander, zeitlich, kulturell und was die persönliche Bildung angeht. Gemeinsam ist ihnen auch eine besondere männliche Angst, dessen Auslöser der weiblich-mütterliche Körper zu sein scheint, der vom Begehren bewohnt ist. Der Unterschied ist, dass Bodin das Patriarchat im neuen Staats-Absolutismus wieder aufrichten und alle Widerstände dagegen dem Feuer überantworten will. Montaigne bewegt sich in die entgegengesetzte Richtung: Aus seinen Beobachtungen dessen, was außerhalb und innerhalb von ihm geschieht, und unterstützt durch die Lektüre antiker Texte, hört er dem Ungedachten zu und gibt ihm mit seinen Schriften eine Sprache.

Sein Text über die Hexenverfolgung ist ganz anders als alles, was vom Schreiben eines Mannes zu erwarten wäre, der dachte und fühlte wie er. Wahrscheinlich erfüllte es ihn mit Horror, die geistigen und gesellschaftlichen Manifestationen jenes Wahns mitzubekommen, mit dem die Inhaber politischer Macht sich gemein machten und schließlich jegliche Verantwortlichkeit  gegenüber Gerechtigkeit und Wahrheit mit Füßen traten. Heute (also vor zehn Jahren schon!), fügt Muraro hinzu, werde der Unduldsamkeit der Bevölkerung gegenüber Sinti und Roma und anderen armen Einwanderern ebenfalls nicht mithilfe von Wissen und Veränderungen abgeholfen, sondern sie werde angeheizt und dazu benutzt, die bestehenden Machtverhältnisse zu stabilisieren.

Montaignes Text zeigt jedoch nicht, was ihn bewegt. Wie schon im Titel „Die Hinkenden“ erkennbar, umkreist er das Thema nur von Ferne, bis hin zu freien Assoziationen, die scheinbar nichts mit dem Thema zu tun haben. Der Titel (Gli zoppi, männliche Form) verbirgt, dass er mit den Hinkenden Frauen meint, ebenso wie die Hexer (sorciers) Bodins überwiegend Hexen sind und Freuds Hysteriker ausschließlich Hysterikerinnen. Beim mehrmaligen Lesen merkt man jedoch, dass Montaigne vom ersten bis zum letzten Wort von einer ungeheuren Empörung bestimmt ist, „die er wie ein Segel behandelt, das eingezogen und gut befestigt werden muss, wenn der Wind sehr stark ist“ (S. 85). Man ahnt, und er spielt auch selbst darauf an, dass Montaigne unablässig protestiert und diskutiert hat, ohne gegen die fanatische Gläubigkeit von allzu vielen Menschen anzukommen, auch von „aufrechten Männern“. Er erzählt, dass er sich mit Heftigkeit und Hartnäckigkeit an einen Mächtigen gewandt hat, weswegen dieser sich beleidigt fühlte, so dass Montaigne einlenken musste. All das führte dazu, dass er seine Haltung tiefgehend änderte. Seine Sprache wird die eines Menschen, der sich seiner Ohnmacht bewusst ist, den Lauf der Dinge aufzuhalten. Voller Demut und Klugheit verwandelt er seine Sprache in eine neuartige Überzeugungsrhetorik, die nach Muraros Ansicht auch für uns gut ist.

Darüber hinaus begriff er, dass der Wunsch, die Wirklichkeit mit allgemeinen Theorien zu erklären, der Wunsch, Ursachen und Gründe zu finden, anstatt die Aufmerksamkeit auf die Dinge selbst zu richten, Darstellungen entstehen lässt, die unsere Erfahrungen überlagern und verändern, die geistigen und die emotionalen, „und der Körper und die Seele zerbrechen und verlieren ihr Recht auf die Erfahrung der Welt, in die nun der Anspruch der Wissenschaft mit hineingemischt ist“ (Montaigne, zit. n. Muraro S. 86). In Muraros Worten ausgedrückt, verlieren die Erfahrungen damit ihr Statut unmittelbarer Zeugenschaft des Wahren und nehmen dem fühlenden und denkenden Subjekt die symbolische Kompetenz, die notwendigen Vermittlungen zu finden, um das Erlebte in Wissen und Sprache umzuwandeln.

In kurzen und klaren Worten nehme Montaigne hiermit eine Thematik vorweg, die zu vielen Diskussionen in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts geführt habe, während Muraros Ausbildungszeit: die Frage, ob wir der Erfahrung trauen können. Eine Frage, die er so gut formulierte und die heute auf heimtückische Weise schlecht formuliert wird. „Als ob die Erfahrung eine Methode sei, oder schlimmer noch, ein Instrument oder gar ein Messinstrument!“ (S.86) Hinter jener geistigen Verdrehtheit stehe die Unfähigkeit, einfach mit den Fragen in der Hand vor der Welt zu stehen, eine Verdrehtheit, in die ein Streben nach Wissen einfließe, das vom Wunsch nach Dominanz eingerahmt werde.

Auch die moderne Naturwissenschaft, die ja so anders und so viel differenzierter ist als die zur Zeit Montaignes, kann wenig ausrichten, um uns den Sinn für die Erfahrung der Welt zurückzugeben, leider hat auch sie dazu beigetragen, diesen Sinn abzustumpfen. Da wir an den Gedanken gewöhnt sind, es gebe für alles, was geschieht, eine wissenschaftliche Erklärung, haben wir die Formulierung der Fragen und der Antworten an die Wissenschaft delegiert und damit verlernt, unsere eigenen Erfahrungen zu machen. Stattdessen überlassen wir das den jeweiligen Experten. Das ist ein Betrug, und die Folgen sind deutlich zu erkennen. Sogar in der Alltagssprache wird inzwischen die Welt, einschließlich dessen, wovon man direkte, sinnliche Erfahrungen hat, auch was den eigenen Körper angeht, mit Worten beschrieben, die Pseudoerklärungen und Überreste von Theorien sind. Was in erster Person erlebt wird, wird dann, wenn es keine Worte dafür gibt oder wenn das Erlebte in Allgemeinplätze gekleidet wird, wenn es also nicht in den sozialen Austausch gebracht wird, in die von Fantasmen bevölkerte Leere eingesogen, die das Ungedachte darstellt. Es hat keinen Sinn, auf die Erinnerung zu vertrauen, denn diese kümmert sich nicht um das, was nicht sinnvoll in Worte gefasst worden ist. Da sie unfähig sind, miteinander zu sprechen, ignorieren Nachbarn und Nachbarinnen einander, fürchten sich voreinander und hassen sich schließlich sogar. Soldaten kehren heim aus den gerade stattfindenden Kriegen und erzählen nichts.

Die Forderung, alles in einer Diskursordnung unterbringen zu müssen, die zu allem einen Überbegriff liefern kann und zu jedem Ereignis eine Erklärung, die keine Fragen offenlässt und keine Geheimnisse kennt, wurde historisch durch die Aufklärung vorangebracht (Leopardi hat dies als erster kritisiert und wurde deshalb als Nihilist beschimpft). Unter den Versprechungen der Aufklärung nimmt weiterhin die der Rechte einen wichtigen Platz ein. Nach jener Vision der Welt, die mit der bürgerlichen Revolution gesiegt hat, existieren ebenso, wie es keine Fragen ohne Antworten mehr gibt, auch keine gerechten und begehrenswerten Dinge mehr, die nicht in ein individuelles Recht verwandelt werden können. Das Ergebnis: Wie die Kompetenz der Spezialisten die Erfahrung auffrisst, ohne dass uns das bewusst ist, fressen die Rechte, deren TrägerInnen wir sind, unsere Begehren und unser Hoffen auf.

Daher betonen einige Denker, der Verlust symbolischer Kompetenz sei heute unvermeidlich, aber sie führen dies nur auf einige Charakteristiken der postmodernen Zivilisation zurück und beachten die schlecht gestellte Frage nicht, durch die die Erfahrung diskreditiert wurde. Einer von ihnen fragt sich sogar, ob das Wort „Erfahrung“ nicht aus der Sprache kritisch denkender Menschen entfernt werden müsste. Damit ist der Niedergang dieses Wortes an sein Ende gelangt. Übrig bleiben die Sprache des Geldes, die Erfahrung des Konsumierens und eine freudlose Wirtschaft.

Aber die Erfahrung, die Ressource all dessen, was ohne Vermittlung geblieben ist, misstraut dem kritischen Denken. „Die Erfahrung legt keine Beglaubigungsschreiben vor, sie führt keine Beweise, sie hat keine Grundlagen und gilt trotzdem. Sie ist keine Methode und kein Mittel, sie ist das Erste und das Letzte, wir machen sie, aber sie hängt nicht von uns ab, sie bringt uns dazu, aus uns herauszugehen, sie offenbart uns uns selbst und sie betrügt uns nicht. Allenfalls verraten wir sie, indem wir sie nicht beachten, ihr nicht zuhören, sie nicht berücksichtigen und sie weggeben im Austausch gegen Scheißdreck. Aber sie ist trotzdem da, auch wenn wir sie nicht benennen“ (S. 88). 

In der Sprache der Philosophen der Antike hatte die Erfahrung mehrere Namen und es wäre nicht möglich gewesen, ihr keinen Namen und stattdessen einen leeren Platz anzubieten. Denn „Erfahrung“ ist ja in Wirklichkeit ein königliches Wort, es ist eines der Worte, die sich nicht in eine oder mehrere Definitionen sperren lassen, sondern die mit einer überreichen und äußerst anspruchsvollen Bedeutung gesegnet sind. Und die entdecken wir bei Bedarf. Die Erfahrung ist die Grenzlinie zwischen Sein und Nicht-Sein, sie ist unwiderlegbare Präsenz des Seins und wird als solche verteidigt. Aber sie ist keine demonstrierte oder notwendige Präsenz, sie ist Zufälligkeit und verändert sich pausenlos. Etymologisch steckt in der Erfahrung ja schließlich auch die Wurzel des Wortes „Gefahr“. Daher braucht sie Vermittlungen, immer wieder. Durch Vermittlungen wird sie sich selbst zurückgegeben und wird dabei stärker, aber wehe, wenn eine der Vermittlungen den Platz der Erfahrung einnimmt, wehe, wenn wir der Erfahrung nicht treu bleiben aus dem Wunsch heraus, etwas ausführlicher und dauerhafter zu erklären, als die Erfahrung erlaubt. Denn in diesem Fall verliert sie ihre Gabe zum Kontakt und zum Austausch mit der Realität. (Ohne wirklich zu begreifen, was mich damals so wütend machte, beschrieb ich hier schon einmal eine solche Situation).

„Wenn wir lernen, an diese Grenze zu gehen, und wenn es uns gelingt, dort zu bleiben, dann haben wir einen Gewinn, weil genau hier die Dinge wirklich geschehen. Und was gewinnen wir? Das, was uns am meisten am Herzen liegt. Denn hier zählt wie nirgendwo sonst nur das, an dem uns wirklich etwas liegt“ (S. 89). Und viele, die vorher noch nicht wussten, was das ist, bekommen die Gelegenheit, dies zu erfahren. Hier können wir unsere Begehren und Sehnsüchte entdecken und dafür Worte finden und erfinden. „Gehandelt und Gewinn gemacht wird an der durchlässigen Grenze eines Erlebens, das die Grenzen des festgelegten Wissens überschreitet, auf einem Markt, in den jeder und jede sich selbst einbringt und wo man umso reicher wird, je mehr man sich selbst dem Realen aussetzt und an den Vermittlungen arbeitet“ (ebd.). 

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Was könnte das Glück, eine Frau zu sein, bedeuten? http://www.bzw-weiterdenken.de/2019/12/was-koennte-das-glueck-eine-frau-zu-sein-bedeuten/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2019/12/was-koennte-das-glueck-eine-frau-zu-sein-bedeuten/#comments Thu, 12 Dec 2019 07:37:00 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=14970 Am 22. November fand im Frau*enzentrum in Zürich die Vernissage zur deutschen Übersetzung von Luisa Muraros Buch „Vom Glück, eine Frau zu sein“ statt. Dorothee Markert hat es hier im Forum bereits rezensiert und Esther Gisler Fischer über die Vernissage geschrieben. Nun dokumentieren wir noch die Laudatio, die Antje Schrupp in Zürich gehalten hat.

Lisa Schmuckli eröffnete die Vernissage im frau*m Zürich. Ganz links sitzend: Laudatorin Antje Schrupp, daneben die Übersetzerin Traudel Sattler. Foto: Léa Burger

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Zurzeit läuft ein Film im Kino: Die Sehnsucht der Schwestern Gusmao. Er erzählt die Geschichte von zwei Schwestern, die in den 1950er Jahren in Brasilien erwachsen werden und durch unglückliche Umstände – und ihre patriarchale Umgebung – voneinander getrennt werden. Sie sehen sich nie wieder, aber ihr ganzes Leben lang bleibt die Sehnsucht nacheinander.

An einer Stelle gibt es eine Szene, in der die eine der beiden, nachdem sie im Krankenhaus ein Kind geboren und dort zurückgelassen hat, in ihre ärmliche Wohnung zurückkehrt. Eine Nachbarin fragt, was es denn gewesen sei, ein Junge oder ein Mädchen, und sie antwortet: ein Junge. Die Nachbarin erwidert: der Glückspilz.

Die Filmszene sprang mir natürlich ins Auge, weil ich gerade an diesem Vortrag hier arbeitete, und sie von dem Glück handelt, als Mann geboren zu werden. Der heutige Abend aber handelt vom Glück, eine Frau zu sein. Als Frau geboren zu werden, wie ja der italienische Titel lautet.

„Die Bedeutung, die die Menschen den Dingen geben, ist ein konstitutiver Bestandteil dessen, was geschieht, im Guten, wie im Bösen“, schreibt Muraro. Was ist also der Unterschied zwischen dem Blick der Nachbarin von Guida Gusmao, die Männer qua Geschlecht für Glückspilze hält, und dem Blick, zu dem Luisa Muraro uns einlädt, nämlich unser eigenes, das weibliche Geschlecht als Glück zu verstehen?

Zunächst einmal liegt ein historisches Ereignis dazwischen, die Frauenbewegung. Es war die Frauenbewegung, und damit zusammenhängend die Entdeckung der Freiheit als weibliche Freiheit, die das Pech, als Frau geboren zu werden, in das Glück, eine Frau zu sein, verwandelte.

Viele Frauen, und auch Feministinnen, die ich kenne, würden das allerdings bestreiten. Sie würden sagen: Ja, okay, es ist heute kein Pech mehr, als Frau geboren zu werden, aber ein Glück ist es auch nicht grade. Maximal ist es eher so egal. Glück oder Pech qua Geburt, so würden sie sagen, entscheidet sich heute an anderen Dingen: Ob du reich geboren wirst oder arm, mit europäischem Pass oder nicht, in einem bildungsbürgerlichen Haushalt oder nicht und so weiter.

Was also könnte das Glück, eine Frau zu sein, bedeuten?

Ich erzähle erst mal, was es für mich bedeutet hat. Ich bin 1964 geboren und also quasi zusammen mit der Frauenbewegung erwachsen geworden. Während der revolutionären Hoch-Zeit der Frauenbewegung war ich in der Pubertät, und während ihrer Konsolidierungsphase in Form von Gleichstellungspolitik, also in den 1980er Jahren, wurde ich erwachsen.

Ich habe schon früh gespürt, dass ich in einer Zeit lebe, in der es ein Glück ist, eine Frau zu sein. Das wusste ich lange, bevor ich etwas vom Feminismus erfuhr oder gar selbst zur Feministin wurde.

Zum Beispiel habe ich mich schon als Jugendliche und als junge Frau als einen Körper wahrgenommen, der bereits für sich genommen, also ganz ohne mein persönliches Zutun, die Rolle eines revolutionären Subjekts hat. Als Frau hatte ich viele Gelegenheiten zum Revoltieren, weil ich Diskriminierungen, sexualisierte Anmache, männliche Übergriffe erlebte, gegen die ich laut und empört protestieren konnte – und ich war dabei im Recht!

Die Probleme, die ich aufgrund meines Geschlechts im Vergleich zu gleichaltrigen Männern erlebte, waren zwar handfest und real, aber sie waren auch Anzeichen und Anlässe für einen gesellschaftlichen Wandel. Mein Schicksal war nicht das einer unterdrückten Person ohne Möglichkeiten. Mein Schicksal war es, an der Schwelle zu einer besseren Welt das Neue zu repräsentieren. Da willigte ich natürlich gerne ein.

„Als ich in mir, ausgehend von mir, spürte, dass die Frauen um ihrer selbst willen existieren und nicht als Zweite oder Gleiche oder Komplementäre in Bezug auf die Männer, hat das mich selbst und die Welt verändert“, schreibt Luisa Muraro, und weiter: „Sobald das für mich wahr wurde, begann sich die Welt mit Frauen zu bevölkern – nicht nur in meinem Leben, sondern überraschenderweise auch in der Geschichte: Sie kamen und kommen immer noch hervor aus den Erinnerungen der Menschen, herab von den Dachböden, aus den Kisten der Bibliotheken und Archive, aus den Kellern der Museen…“

So war es auch bei mir, und doch ein bisschen anders. Ich bin ja eine Generation jünger als Muraro, 24 Jahre jünger, um genau zu sein, und ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich mich jemals als zweitrangig oder als komplementär zu Männern empfunden hätte. Ich habe in meiner Wahrnehmung schon immer um meiner selbst Willen existiert.

Von den drei Modalitäten möglicher Verhältnisse der Frauen zu Männern, die Muraro hier kritisiert und die mit der Frauenbewegung überwunden wurden – Nachrangigkeit, Komplementarität, Gleichheit – kann ich selbst mich nur an die Gleichheit erinnern.

Die Gleichheit war schon da, als ich auf die Welt kam, sie war das Prinzip, mit dem ich aufgewachsen bin. Aber ich war mir im Klaren darüber, dass sie noch ganz frisch war. Dass sie erst noch richtig umgesetzt und mit Leben gefüllt werden musste. Und darin sah ich meine Mission, die Mission meiner Generation. Eine glückliche Mission, denn es konnte ja nur besser werden.

Als damals in den 1980er Jahren die vielen Frauen hervorkamen, aus den Kisten der Bibliotheken und Archiven, aus den Kellern der Museen – da dachte ich so etwas wie: Das wurde aber auch echt Zeit. Mir für mich war immer schon klar gewesen, dass diese vielen Frauen irgendwo sein mussten, denn ich war ja auch da.

Bei der Lektüre von Muraros Buch wurde mir aber bewusst, wie sehr MEIN Glück, eine Frau zu sein, sich aus dem Vergleich mit der vorherigen Generation gespeist hat. Im Vergleich zu meiner Mutter und ihren Zeitgenossinnen, den Frauen aus der Generation der Schwestern Gusmao also, war ich ein Glückspilz, denn ihr Schicksal war so ungleich viel schwieriger gewesen als meines. Wenn ich Biografien und Leidensgeschichten las von Frauen aus der noch weiter zurück liegenden Vergangenheit und den vielen patriarchalen Widrigkeiten, mit denen sie zu kämpfen hatten, und von denen wurden damals ja unzählige veröffentlicht, dann gruselte ich mich immer ein bisschen, so als wäre ich dem Patriarchat gerade noch mal so von der Schippe gesprungen. Meine eigenen geringeren Chancen auf Ruhm und Karriere im Vergleich zu gleichaltrigen Männern empfand ich als vollkommen unbedeutend gegen den Stolz, nicht mehr Teil dieses korrupten patriarchalen Systems zu sein, sondern auf der anderen Seite zu stehen, der Seite der feministischen Utopie, der Revolution.

Heute sehe ich, dass meine Version vom „Glück, eine Frau zu sein“, ziemlich arrogant war. Ähnlich arrogant wie die Haltung westlich-emanzipiert-bürgerlicher Frauen, wenn sie sich mit Frauen in anderen Teilen der Welt oder in anderen kulturellen Milieus vergleichen. Und dieses Glück war auch nur eine sehr kurze Zeit haltbar.

Die heute jungen Frauen sind, obwohl es ihnen ja gleichstellungsmäßig noch besser geht als „uns damals“, schon wieder viel weniger glücklich. Und zu Recht. Denn sie vergleichen ihre Situation nicht mehr mit der der Schwestern Gusmao, sondern mit ihren eigenen Wünschen und Vorstellungen von einem guten Leben.

Das Patriarchat ist zu Ende, erkannte Luisa Muraro schon vor 25 Jahren. „Mit der feministischen Bewegung, die in den Sechzigerjahren begann“, schreibt sie nun hier, „haben die realen Frauen angefangen, als begehrende und unabhängig sprechende Subjekte zu existieren, und diese Existenz wird sich gegen das Weiblichkeitsbild der Männerfantasien durchsetzen, das viele Männer an die Stelle der Frauen in Fleisch und Blut gesetzt haben – die realen Frauen sind wesentlich vielseitiger und facettenreicher als die Vorstellung von Weiblichkeit, zu deren Aufrechterhaltung immer weniger Frauen beitragen werden. Und deshalb wird die Welt nicht mehr dieselbe sein.“

Ja, und heute ist die Welt eben nicht mehr dieselbe. Es ist passiert, nicht aus Zufall. Allerdings bedeutet das eben auch, dass die jüngeren Frauen das Patriarchat aus eigener Anschauung gar nicht mehr kennen. Manchmal, wenn sie sich auf Twitter über irgendetwas aufregen, ertappe ich mich dabei, innerlich zu denken: meine Güte, das ist doch Pillepalle im Vergleich zu dem, was früher war. Und dann fühle ich mich wie eine Oma, die vom Krieg erzählt, obwohl ich diesen Krieg ja noch nicht einmal selbst erlebt habe. Aber seine Auswirkungen eben noch. Doch dann freue ich mich, weil ich denke: Super, diese Frauen geben sich nicht mehr mit wenig zufrieden, sie wollen alles, und sie haben recht!

Allerdings kennen sie eben heute auch das Glück nicht mehr, qua Geschlecht bereits ein revolutionärer Körper zu sein. Was für mich als junge Frau neu und – ja – beglückend war, nämlich eine Zeit nach dem Patriarchat zu verkörpern, ist für sie nicht mehr beglückend, sondern normal. Über etwas Normales freut man sich nicht. Glück, das wissen wir aus der Emotionsforschung, ist nicht etwas Absolutes, sondern etwas Relatives. Das Glücksempfinden reagiert nicht auf einen objektiven Zustand, sondern auf eine subjektive Wahrnehmung. Glücklich sind Menschen, wenn sie mehr bekommen als ihnen ihrer Meinung nach zusteht. Unglücklich sind sie, wenn sie weniger bekommen als das. Wir sollten uns alle mehr darüber austauschen, was uns glücklich macht, gerade auch über Generationen hinweg.

„Vom Glück, eine Frau zu sein“, ist in gewisser Weise ein Geschichtsbuch, ein Geschichtenbuch, und als solches knüpft es Fäden zwischen verschiedenen Generationen und Epochen der Frauenbewegung. Luisa Muraros Aktivismus umfasst ja viele Jahrzehnte, damals, 1986, geschah dies, schreibt sie, damals, 1970 machten wir das, damals, 1990, hatte ich folgende Idee.

Mir ist beim Lesen dieser Geschichten klar geworden, dass das von mir empfundene, generationenbedingte Glück, eine Frau zu sein, gar nicht das ist, worauf es ankommt.

Muraro stellt vielmehr die steile These auf, dass es auch unabhängig von historischen Rahmenbedingungen ein gewissermaßen ontologisches Glück gibt, das mit dem Frausein zusammenhängt.

Oder, in ihren Worten: „Eine Frau zu sein ist ein Privileg wie jenes, das den Menschen in den alten aristokratischen Gesellschaften zuteil wurde: Du bist der Sache vielleicht nicht gewachsen, aber das Privileg kannst du nicht verlieren. Ebenso wenig wie du es dir verdient hast.“

Und an anderer Stelle, spricht sie nicht einmal nur von Glück oder Privileg, sondern sogar von weiblicher „Exzellenz“. Sie schreibt den Frauen, uns, mir, gewissermaßen eine weltgeschichtliche Bedeutung zu, ich zitiere:

„Es beginnt der Untergang der Kultur, in der eine Minderheit im Glanz anderer lebte – auf Kosten einer gewöhnlichen Menschheit, die im Schatten stand. Und dieser Kulturwandel trägt ein weibliches Vorzeichen: Frauen sind die Wegbereiterinnen für einen Protagonismus, der nicht auf Kosten anderer geht, Frauen lehren uns, dass die Menschen durch die Beziehung zu anderen mehr gewinnen als durch den Konkurrenzkampf.“

Schluck.

Ist das nicht ein bisschen dick aufgetragen?

Mir fallen sofort eine Million Gegenbeispiele ein.

Wer soll denn dieses Versprechen einlösen? Wir etwa, ICH?

Okay, klar ist jedenfalls, dass es beim Glück, eine Frau zu sein, nicht nur um mich und mein Glück geht, sondern um das Glück der Welt, das Glück, das die Welt hat, weil es Frauen gibt. Nicht nur wegen der Sache mit dem Schwangerwerdenkönnen. Nicht wegen dieser oder jener Fähigkeiten.

„Es geht darum“, schreibt Muraro, „die Größe dessen zu sehen, was Frauen für die Zivilisation der Welt geleistet haben und immer noch leisten.“

Die Größe. Nicht die Menge.

Dass die unsichtbaren Verdienste der Frauen ans Licht geholt werden, die viele Arbeit, die sie im Verborgenen und mit geringer Wertschätzung tun und immer getan haben – das ist ja ein Anliegen aller Feministinnen. Und das wird inzwischen überall vorangetrieben, von zahlreichen Frauen, die in Redaktionen und Institutionen und bei Kongressen und Kampagnen einklagen, dass das, was Frauen für die Zivilisation der Welt leisten, die unsichtbar gemachte Care-Arbeit zum Beispiel, sichtbar und anerkannt wird.

Aber Luisa Muraro meint noch mehr, nicht nur die Quantität, sondern die Qualität, die Größe, die Exzellenz des weiblichen Beitrags. Und das ist der Punkt, wo ihr These ins Steile kippt: Sind Frauen denn wirklich „die Wegbereiterinnen für einen Protagonismus, der nicht auf Kosten anderer geht?“ Sind sie – um es mal in der banalen Form zu sagen, wie es immer diskutiert wird, sind sie, sind wir die besseren Menschen?

Luisa Muraro ist sich völlig darüber im Klaren, wie ihre These ankommt, ankommen muss in einem Diskurs, in dem die Beteuerung, dass „Frauen NICHT die besseren Menschen“ sind, zum Allgemeinplatz geworden ist.

„Es gibt Wahrheiten“, so schreibt sie, „die lassen sich nur in paradoxer Form sagen. Was gesagt wird, scheint überhaupt nicht wahr, aber irgendwie spüren wir, dass es doch wahr ist.“

Eine der vielen Geschichten aus vierzig Jahren Feminismus, die sie in ihrem Buch erzählt, ist folgende, die sich wohl Ende der 1960er Jahre oder Anfang der 1970er abgespielt hat. In einer Villa, wo sich ein links-politischer Gesprächskreis mittelalter bis älterer Männer traf, politisch engagiert, aber eben etwas veraltet. Um sich zu verjüngen und auch um neue Ideen der Zeit aufzunehmen, hatten sie junge Feministinnen eingeladen, darunter eben auch Luisa Muraro. Und die begann zu sprechen mit einer Idee, die noch nicht fertig war, um – wie sie es aus der Frauenbewegung gewöhnt war – die Idee zur Sprache zu bringen. Und ihre Idee war: „Es sind doch jetzt Frauen hier, ihr könnt doch nicht so tun, als wäre nichts passiert“.

Aber die Männer und auch die Gastgeberin verstanden nicht, was Muraro wollte. Für sie hatte sich nichts geändert, nur dass jetzt eben auch Frauen da waren. Dieser Dialog, dieser Konflikt, ist einerseits historisch und zeitgebunden. Aber andererseits spielt er sich auch heute noch tausendfach so ab.

Vielleicht ist es sogar der eigentlich wichtige Konflikt unserer Zeit, der Streit darüber, ob sich mit dem Feminismus und mit der Anwesenheit von Frauen denn nun etwas Wesentliches geändert hat oder nicht.

Luisa Muraro hatte damit eine gute und wichtige Intuition, die seither viel fruchtbares Denken und politisches Handeln nach sich zog. Aber damals konnte sie sich nicht verständlich machen.

„Aber wir behandeln euch doch gar nicht schlecht“, sagten die Männer, und die junge Luisa Muraro entgegnete ihnen „Ich behaupte doch gar nicht, dass Ihr mich schlecht behandelt, und darum geht es auch überhaupt nicht!“

Ich reagiere auch oft mit Wut, Ärger, und inzwischen manchmal auch mit Langeweile, wenn meine Interventionen so aufgefasst werden, als ginge es darum, mich zu beschweren, weil ich als Frau irgendwie schlecht behandelt werde. Nein, will ich dann ja rufen, mir geht es nicht schlecht, mir geht es gut, ich bin glücklich, denn ich bin ja schließlich eine Frau, und als Frau geboren zu sein ist ein unaussprechliches Glück, aber hört mir doch bitte einmal zu!

Neben dem missverstandenen Inhalt geht es in der Geschichte, die Luisa Muraro hier erzählt, aber auch um die Modalität. Was macht eine politische Diskursgruppe mit einer Idee, die erst noch eine Intuition ist? Wird sie gleich zerpflückt und widerlegt, oder bemüht man sich gemeinsam, ihr ins Leben zu verhelfen, das Wahre daran herauszuarbeiten?

Diese Praxis des gemeinsamen Denkens, des „Denkens in Präsenz“, um eine Formulierung von Chiara Zamboni aufzugreifen, hat auch im deutschsprachigen Raum viele Früchte getragen, in Form von Projekten wie ABC des guten Lebens, Denkumenta, bzw-weiterdenken, Kulturschaffen und so weiter. Wir praktizieren das, aber wir wissen natürlich, dass es auch in feministischen Kontexten nicht immer gelingt, sogar oft nicht. Es ist nicht die weibliche Natur, die garantiert, dass das das große Versprechen der Exzellenz eingelöst wird, dazu brauchen wir eine weibliche Kultur.

Wenn man also die Idee vom Glück, als Frau geboren zu werden, und von der weiblichen Exzellenz in der Welt zerpflücken will, dann geht das ganz leicht. Luisa Muraro weiß das natürlich. „Die weibliche Exzellenz“, schreibt sie, „ist nicht nachweisbar, aber erkennbar.“

Wir brauchen also gar nicht erst anzufangen, weibliche Exzellenz beweisen zu wollen. Aber können wir sie erkennen, die weibliche Exzellenz? Also dann, wenn wir ihr irgendwo begegnen, zum Beispiel?

Dafür braucht es, schreibt Muraro, einen „Engel der Wirklichkeit“, das finde ich, ist ein schönes Bild. Es gibt Dinge, die wir ohne diesen Engel nicht sehen oder bemerken, so wie wir auf Reisen die interessantesten Dinge übersehen, wenn wir keinen Reiseführer dabeihaben.

Ein für mich frappierendes Beispiel ist Angela Merkel. Mir und manchen anderen auch springt ihre Exzellenz ins Auge. Aber es gibt viele Leute, die sehen das überhaupt nicht. Sie halten Merkel für eine mittelmäßige Politikerin.

In diesem Zusammenhang hat mich Muraros Beobachtung fasziniert, dass es bei Männern durchaus vorkommt, dass ein mittelmäßiger Mensch durch ein Amt zu regelrechter Größe heranwächst. Bei Frauen jedoch funktioniert das nicht. Sie werden nicht groß durch ein Amt, sondern sie sind es vorher schon, ihre Größe liegt in ihnen selbst.

Aber nochmal zurück zu jener These, die sich nicht beweisen, aber möglicherweise erkennen lässt: „Eine Frau zu sein ist ein Privileg wie jenes, das den Menschen in den alten aristokratischen Gesellschaften zuteil wurde: Du bist der Sache vielleicht nicht gewachsen, aber das Privileg kannst du nicht verlieren. Ebenso wenig wie du es dir verdient hast.“

Privilegien sind ja im heutigen politischen Diskurs nicht gerade gut angesehen. Die eigenen Privilegien zu checken, bevor man sich etwas als Leistung ans Revers knöpft, ist sozusagen erste Bürger- und Bürgerinnenpflicht. Aber genau das, dass man es sich NICHT selbst erarbeitet hat, ist laut Muraro ein großes Plus. Sie schreibt:

„Aus der Wissenschaft der Mystik stammt ein Prinzip, wonach die Größe im Reinzustand nicht persönlich erworben werden kann; sie kommt nicht dank eigener Verdienste zustande, sondern dank eines Privilegs: Ein Mensch empfängt sie als Gabe, als Geschenk.“

Das Gute an der Vorstellung vom Frausein als Privileg ist, dass damit alle Vorstellungen verdrängt werden, die das Frausein als etwas verstehen, das man sich erarbeiten muss, dessen man sich würdig erweisen muss. Das war die große Lüge des Patriarchats – ein richtiges Mädchen macht sich nicht schmutzig, eine richtige Frau hält die Wohnung in Ordnung, eine gute Frau schminkt sich nicht oder schminkt sich unbedingt, je nachdem welche Zeit.

Hingegen Frausein als Privileg – das erlaubt uns zu sagen: screw you! Ich bin eine Frau, und ich muss gar nichts!

Allerdings stimmt auch, wie Muraro schreibt: „Dass es Frauen gibt, ist ein Glück für die Menschen, aber Frau zu sein, ist nicht einfach.“

Dass es nicht einfach ist, liegt natürlich einerseits an den realen Schwierigkeiten, die sich daraus ergeben, dass die Welt immer noch ein Ort voller Ungerechtigkeit und Probleme ist, unter denen im Schnitt Frauen mehr zu leiden haben als Männer. Es liegt aber auch daran, dass wir uns persönlich irgendwie zu diesem Privileg, eine Frau zu sein, verhalten müssen.

Ob es uns gefällt oder nicht: Als Frauen gehören wir zu jenem Geschlecht, das für ein „Anderswo-Anderswie“ steht in einer Welt, die von männlicher Dominanz geprägt ist. Und dieses „Anderswo-Anderswie“ der Frauen ist wichtig für die Welt, so wichtig, dass wir uns nicht leisten können, es geringzuschätzen.

Als ich zum ersten Mal las, was Luisa Muraro über die Größe und die Exzellenz des Frauseins schreibt, dachte ich: Ich weiß, was sie meint, aber ist das nicht nur ein Versprechen, das noch gar nicht eingelöst ist? Ein frommer Wunsch, eine bloße Behauptung? Eine Wette, die wir erst noch gewinnen müssen?

Beim zweiten Lesen dann wurde mir klar: Scheiße, ja, genau so ist es. Und ich bin mit dafür zuständig. Denn ich bin eine von denen, die mit diesem Privileg, eine Frau zu sein, auf die Welt gekommen sind.

Was für eine Verantwortung!

Vor allem eben gemessen an der Tatsache, dass ich ja auch nur so mittelmäßig bin. Und dazu noch weiß, spätestens weil Muraro es in ihrem Buch schreibt, aber um ehrlich zu sein auch aus eigener Erfahrung schon, dass ein möglicher gesellschaftlicher Aufstieg meine Größe nicht vermehren würde. Sondern dass diese Größe schon da sein muss, in mir, in uns. Nein, es ist nicht einfach, eine Frau zu sein.

Vielleicht ist das ja der Grund, warum so viele Menschen dieses Privileg dankend zurückweisen. Und damit meine ich nicht nur diejenigen, die Wert darauf legen, ein Mann zu sein, auch wenn sie bei der Geburt den Frauen zugeordnet wurden, oder die die Geschlechterdifferenz ganz zurückweisen und sich zum Beispiel als non-binary, agender, genderfluid verstehen. Manche von ihnen modifizieren ihren Körper mithilfe von Testosteron, Übungen, Operationen, um alle äußerlichen leiblichen Zeichen unsichtbar zu machen, die sie als weiblich identifizieren könnten. Sie wollen nicht als Frauen gesehen werden, damit ja keine Missverständnisse aufkommen.

Aber nicht nur sie weisen das Privileg, eine Frau zu sein, zurück. Auch jede Menge cis Frauen tun das. Sie bestreiten zwar nicht die Tatsache, dass sie eine Frau sind. Sie bestreiten aber, dass das irgendetwas anderes bedeuten könnte als eine bloße Banalität. Feminismus ist für sie nicht mehr, als ein Kampf gegen Benachteiligung, und sie weigern sich entschieden, zu sehen, zu glauben, zu hoffen, dass im Frausein noch irgendetwas Eigenes angesiedelt sein könnte. Ein Mehr, das über die Gleichheit mit den Männern hinausweist. Das geht sogar so weit, dass selbst das Schwangersein und Gebären als egalitärer Akt erzählt wird, als etwas, das eine Frau auf keinen Fall alleine vollbringen kann: „Wir sind schwanger“, sagen die jungen Paare.

Die kulturelle Sinnentleerung des Frauseins ist heute so weit verbreitet, dass die Geschlechterdifferenz fast ganz in Klischees wie Männer- und Frauen-Bratwürsten und Rosa-und-hellblau-Terror zu versinken droht. Frausein ist über weite Strecken zu einem Spiel, einer Performance, einer Darstellung verkommen. Manche feministische Theorien begrüßen das sogar als einen Weg zur Befreiung von der Geschlechterdifferenz, deren bloße Existenz sie für eine Zumutung halten.

Genau dem widerspricht der Differenzfeminimus, widerspricht natürlich auch Luisa Muraro wenn sie sagt: Nein, Frausein ist kein Spiel, es ist etwas Wesentliches. Etwas Wesentliches, weil es glücklich macht, uns, und die Welt.

Diese Woche las ich in der Zeitung, dass das Krankenhaus in meinem Heimatstädtchen drei seiner Stationen schließt, weil sie kein Pflegepersonal mehr finden. Auch das lässt sich als eine Folge davon verstehen, dass Frauen das Privileg, Frau zu sein, zurückweisen und damit zum Beispiel auch die Freude, die es beinhaltet, sich um andere zu sorgen und eine sinnvolle Arbeit zu tun. Sie werden stattdessen Managerinnen, Designerinnen, Programmiererinnen oder Künstlerinnen – und man kann es ihnen gar nicht verdenken. Ich selbst bin ja auch nicht Krankenschwester geworden, und mit gutem Grund.

Es geht nicht darum, Frauen (oder anderen zu „anderen“ gemachten Menschengruppen) bestimmte Aufgaben zuzuschreiben, sodass der Rest der Gesellschaft davon befreit wird. Das war vielmehr der Konstruktionsfehler des Patriarchats. Aber es reicht nicht, die Frauen von dieser Zuschreibung zu entbinden und zu „Gleichen“ zu erklären. Damit ist das Problem nicht gelöst. Wir erleben heute in einer vielfach scheiternden Politik, was passiert, wenn die Frauen sich emanzipieren, aber sonst alles beim Alten bleibt: Die Welt wird dann in vielerlei Hinsicht nicht besser, sondern schlechter. Nach dem Ende des Patriarchats kommt leider nicht automatisch das Paradies. Es kann sogar schlimmer werden.

Und deshalb möchte ich zum Schluss noch auf einen letzten Punkt zu sprechen kommen, der sich ebenfalls wie ein Faden durch Muraros Buch zieht: Die Notwendigkeit, auch Männern (und anderen nicht-Frauen) die Bedeutung der weiblichen Differenz zu vermitteln.

Als ich diesen Vortrag schrieb, kam ein Freund in mein Arbeitszimmer, sah das Buchcover, und sagte spontan: „Toller Titel“. Ich fragte ihn, was er denn an dem Titel toll finden würde? Seine Antwort: „Ich wäre auch immer gerne eine Frau gewesen“ – „Warum?“ – „Dann hätte ich nicht aufs Sportgymnasium gemusst und hätte später bei der Arbeit keine Krawatte tragen müssen.“

Die Vorstellung, es könnte ein Glück sein, als Frau geboren zu werden, klingt heute auch für immer mehr Männer nicht mehr absurd. Sie sind ja oft selbst nicht zufrieden mit der Welt, so wie sie bisher war. Das ist ein gutes Zeichen.

Auch viele Männer wollen, dass die Welt eine andere wird. Aber es ist für sie schwer zu verstehen, inwiefern der Feminismus oder die weibliche Differenz dabei eine Ressource sind.

Eine weitere der vielen Geschichten, die Muraro in ihrem Buch erzählt, spielt 1986. Damals wurde Luce Irigaray eingeladen zu einem Frauenfest der Kommunistischen Partei Italiens. Sie sollte zum Thema Leben nach Tschernobyl sprechen, kurz davor hatte es diesen Unfall in dem Atomkraftwerk gegeben. Was kann man tun? Und Luce Irigaray hatte eine Idee: Sie schlug vor, an allen öffentlichen Orten schöne Bilder aufzuhängen, die Mutter-Tochter-Paare zeigen, eine Konstellation, die den Zusammenhang von Kultur und Natur besonders eindrücklich zeige. Diese Paare, so ihr Argument, würden außerdem bisher an kulturellen und religiösen Orten auffällig fehlen, das Mutter-Tochter-Paar sei aus der symbolischen Ordnung ausgeschlossen. Es war ein einfacher, leicht umsetzbarer Vorschlag, aber, so erinnert sich Muraro, „er fiel ins Leere, es gab nicht einmal Einwände oder Fragen. Ich erinnere mich an freundliche, respektvolle und gleichgültige Gesichter.“

Die Geschichte ging nicht traurig aus, denn Irigarays Idee ist andernorts durchaus auf fruchtbaren Boden gefallen. Aber diese freundlichen, respektvollen, gleichgültigen Gesichter, die sehe ich auch häufig, ich weiß genau, was hier gemeint ist.

Muraro schreibt, dass sie mit ihrem Buch ein „Licht anzünden“ will, das die Wirklichkeit auf eine bestimmte Weise erhellt, und genau das geschieht heute manchmal und, wie ich meine, immer öfter, auch bei Männern.

Ich habe mich beim Lesen manchmal gefragt: Ist das Glück, eine Frau zu sein, vielleicht so groß, dass es am Ende tatsächlich die Kategorie Geschlecht öffnet und durchlässig macht?

„Der Feminismus“, schreibt Luisa Muraro jedenfalls abschließend, „hat keine Ziele und keine Inhalte außer denen, die in der Erfahrung und den Wünschen der Frauen enthalten sind. Und die holt der Feminismus aus der Unsichtbarkeit und dem Schweigen heraus.“

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Das neue Tapetenglück…. Foto: Heike Brunner

Die Metamorphose vom Rosa Zimmer zum Grünen Salon und mir.

Die Leiter klappert unter mir, die Schere rutscht in der mit Leim verschmierten Hand. Ich strecke mich, markiere mit der Schere die Falte meiner gerade angeklebten Tapete, löse diese wieder und schneide den Übergang ab. Dann streiche ich alles glatt, ganz glatt. Ja, sieht gut aus, kommentiert mein Lebenspartner. Es wird.

Vor einem halben Jahr ist es passiert. Meine Tochter, 17, sagte, sie würde gerne eine kleine Wohnung für sich haben, am liebsten eine mit Balkon. Es wäre ihr schon klar, dass dies wohl frühestens erst in zwei Jahren, bei der momentanen Wohnungslage, klappen könnte. Tatsächlich war es zuerst mein Sohn, der aufgeregt in die Küche schoss und verkündete, dass die kleinere Schwester ausziehen wolle. Wir sind eine Patchworkfamilie und es klappt seit über zehn Jahren richtig gut. Der Vater des Großen ist an Krebs gestorben, als er zwanzig war, da war an Auszug nicht zu denken. Wir gehen zusammen zu Festivals und lachen viel gemeinsam. So lebten wir vergnügt. Die Geschwister steckten zusammen vor dem Rechner und auf den Parties, ich hatte viel Reise- und andere Freiheit, die Familien-WG funktionierte, alles tutti. Wir machten oft Scherze, ach Rosa, ja, die wird vor dem Bruder ausziehen, die ist schon immer tough voran marschiert. „Klar, Mädchen!“, sagen die einen, „die ziehen schneller aus, die sind ja schneller“. Ich hab da meine Zweifel angemeldet, ob das nicht wieder so ein Gender behaftetes Klischee sei, fragte ich. Ich kenne schließlich Jungs und Mädels, die früh und solche die später ausgezogen sind. Der europäische Durchschnitt des Auszugsalter ist indes sowieso wieder gestiegen und liegt bei Ü-Mitte 20. Meine Tante, die jüngste Schwester meines Vaters, zog zum Beispiel erst mit 29 aus. Da war sie zehn Jahre später dran als meine Mutter, die mit mir schon schwanger war und so das Nest mit 19 Jahren verließ. Dafür ist die Tante dann aber auch gleich weg vom schönen Franken, ab nach Florenz ausgewandert, fängt immerhin auch mit F an.

F wie Freiheit.

Nun gut, also das Kind wünschte sich so eine kleine nette Wohnung und hatte wohl schon Anzeigen gewälzt. Wie es der Zufall wollte, bekommt sie tatsächlich über fünf Ecken, Vitamin B und eben irgendwie auch Glück genau das, keine vierzehn Tage nachdem der Wunsch draußen war. Einzug direkt. Abiturzeugnis und Schlüsselübergabe am gleichen Tag. Ich – fasse es nicht. Bin stolz auf ihre Selbstständigkeit und ihren Mut, aber vor allem traurig, besonders wenn sie nicht dabei ist. Bei dem „Glück“ konnten wir ja nicht zurück, so was muss man wahrnehmen, sagte ich mir, und natürlich strahlte sie über alle Backen. Der Abschied überwältigt mich für Wochen, und ich fragte mich, wieso mir das niemand vorher gesagt hat, keine Warnung. Nach und nach untersuche ich den Zustand, die Reaktionen der Umwelt sind sehr verschieden, von: „Warum ich denn da traurig sei?“ und „Ich wäre auch froh wenn meine ausgezogen wäre“. Ich denke nur, wartet es ab, und wechsele schnell das Thema. Gelegentlich fühle ich mich sogar als Rabenmutter verdächtigt: „Wie? Erst 17? Gab es vielleicht Streit?“ Nein, wir lagen uns in den Armen, weinten und lachten zusammen, und der Weg ging einfach nach vorne und 18 werde sie in wenigen Monaten. Zuspruch: „Ja, wenn sie das will und sich zutraut – ist doch super, nicht aufhalten!“ Und manchmal Mitleid: „Oh, ja, autschi, ich erinnere mich, das ist doof, das geht vorbei. Hast ja noch den Sohn.“ Stimmt. Jetzt hab ich eine Männer WG. Wollte ich das?

Ich weinte trotzdem. Um was? Um mich? Um sie? Um das Wissen, es ist nun vorbei, eine neue Ära beginnt, unaufhaltsam, unwiederbringlich? „Wie alt warst du denn bei deinem Auszug? Ha, 17! Siehste! Na, dann.“ Wie, na dann? Ich musste ausziehen, sage ich. Meine Eltern trennten sich, ich zog mit meinem Freund zusammen in die Stadt. Trennte mich vom Bruder, der Mutter und dem Kater, der Katze, das war Mitte der 1980er und ich ein Jahr vorm Abi, das ist was anderes. Denke ich zumindest.

Auch andere erzählen mir davon, wie es so lief mit dem Auszug der Kinder. Ja, erst dachten sie, ach, wie toll ist das doch, dachten sie. Und, jetzt erst mal sofort alles renovieren und dann, als es fertig war, das neue Nähzimmer im ehemaligen Kinderzimmer, totale Krise: Der Magen drehte durch, die Psyche auch, Psychotherapie half. Der Sohn aber ging und lebt sein neues Leben. „Siehste, na das haben wir dir doch alle gesagt, das wird hart, wenn dein Sohn auszieht, du so als Alleinerziehende“, berichtet eine Freundin von ihrem Umfeld. Jetzt sei es wieder gut, das erste Jahr war emotional die Hölle, meint sie. Das neue Leben musste erst erfunden und gefunden werden.

Davor, lange davor dachte ich, (dachte ich etwas?), da gab es jedenfalls dieses Bild im Kopf, von diesen alten Frauen, allein zu Hause, die Kinder sind weg, die Zimmer sind nutzlos und die Frauen Sinn entleert, griesgrämig vor sich hin meckernd, ihrer Aufgabe beraubt. Ich, Sinn entleert? Nein. Hab ich doch eine eigene Selbstständigkeit, dazu parallel, während die Tochter Abi machte, ein Journalismus-Studium abgeschlossen, eine Redaktion mitgeleitet und nebenbei noch ein paar Kunstprojekte am Start gehabt, plus mehrere fachspezifische Fortbildungen absolviert, alles in diesem Jahr. Es kann also nicht nur an der Sinnlosigkeit eines Lebens liegen, dass da Trauer entsteht, stelle ich fest, es kann auch in einem gefüllten Leben passieren. Ein Recht auf Trauer?

Und dann zog sie aus, fiedelte den Sommer und genoss die Freiheit. Ich dachte an meinen Vater. Wie er mir drei Jahre später, nach dem Auszug, die Tür zu einem Lager aufschloss. Der Malerfreund war weg, und da ich ständig umzog, hatte ich dort Möbel eingelagert. Ich kam mit einem alten VW Bus, die Haare pink oder grün, der Fahrer hatte einen Irokesen, die Helfer sahen ähnlich aus. Ich ging mit zwanzig nach Berlin (West), weg. Endgültig. Meine Tochter organisierte ihren Umzug großartig. Am Tag zuvor fotografiere ich ihr Zimmer noch einmal, und als ich sie morgens am Tag vor dem Auszug in ihrem Bett sehe, um ihr Tschüss zu sagen, muss ich auf dem Weg zur Arbeit heulen. Aber warum, frage ich mich immer wieder, wohin zieht es mich gerade, warum habe ich das Gefühl, alles Leben weicht aus mir?

Ich blättere in meinen Büchern, meditiere, atme, nehme Milch- und Muttermittel der Homöopathie, alles hilft ein bisschen. Eine Ladenbesitzerin erklärt mir beim Frustkauf, das wird jetzt alles auf eine andere Ebene kommen. Bei ihr sei es jetzt richtig toll, mit der ausgezogenen Tochter. Ja, denke ich tapfer und mache Frühstückstermine mit meiner Prinzessin auf ihrem Balkon aus. Wir waren und sind eh gut mit einander, denke ich. Zum Glück kenne ich das Haus, in dem sie nun lebt, gut. Damals als ich mit dem bunten Bus losfuhr nach Berlin, war es die gleiche Adresse, in der ich landete und meinen ersten Mietvertrag machte, auch so eine kleine Wohnung, manche Sachen verlassen einen nicht. Ihre Freunde kamen zum Umzug. Ich kochte Suppe und dann verabschiedete ich mich. Zum Glück hatten die auch Irokesen oder jedenfalls bunte Haare. Vertrautes bleibt Vertrautes. Unten auf dem Platz, vor unserer Haustür, steht das halbe Kinderzimmer oder besser Jugendzimmer. Es war schönes Wetter und alle fletzten im Sofa, lachten und warteten auf die nächste Fuhre, mein Sohn half mit. Er war traurig, aber freute sich auch für sie. Die, die nicht gehen, müssen mit der Lücke zurecht kommen. Die Spinnen auf ihrem neuen Balkon, die er ihr jetzt nicht mehr wegfangen wird, schreckten sie nicht davor ab einzuziehen, gemeinsam lachten wir darüber. Ja, das geht, stelle ich dabei immer wieder fest. Ich bin traurig und freue mich aber auch für sie, alles gleichzeitig.

Was tun mit der Freiheit?!

Danach glotzt mich das leere Zimmer an. Was wir nun damit machen? Wir damit machen? Ja, da kann doch wer einziehen, kann, kann, kann…nein, kann nicht, noch nicht. Es braucht Zeit. Ein Wohnzimmer vielleicht, ein Spieleabend-Zimmer für den Hausverein, ein Gästezimmer, ein Büro, ein Yoga-Zimmer, ein Zimmer für wenn es ihr mal zu viel wird und sie doch wieder kommt!? Wie ein Zahn, der gezogen wird, denke ich oft, die Wunde muss heilen, ich brauche Zeit, es ist eine Trennung. Ich denke weiter über mich nach, immer wenn ich traurig werde, das ist dann doch öfter. Wo bin ich, stehe ich, wohin geht es nun weiter? Alles und jedes wird plötzlich in Frage gestellt, geprüft und, ja, auch das bestätigen mir einige Menschen in den Gesprächen. Es kommt die Zeit des sich Sortierens und des sich neu Ausrichtens. Manche hatten es gut, denke ich. Da sind einfach die Eltern ausgezogen. „Hier, Kind, haste den Schlüssel, mach mal deine WG. Ich bin schon in der praktischen, kleineren Senioren-Wohnung.“ So ähnlich hatte ich es mir auch vorgestellt. Wobei eine komplette Umsiedlung in ein neues Land auch in meinen Vorstellungen kreiste, mit einem Koffer in Berlin, (bei den Kindern?), versteht sich. Bei einer Trennung hat der oder die, die geht, immer den aktiven Teil. Das ist doch irgendwie angenehmer, denke ich, statt hier nun passiv Federlesen zu machen, aber vielleicht auch ein bisschen geschummelt? Denn eigentlich halten die Kinder ja dann die alte Basis aufrecht, aber die Kinder sollen doch los in die Welt, in DIE Welt? Gedanken arbeiten weiter und der Wohnungsmarkt erfordert Tribute, große Wohnungen sind rar, natürlich ist es dann leichter, die Kids dort ihre WG machen zu lassen.

Ich habe viel Angst, spüre ich, schlafe schlecht, bin angespannter. Reden darüber tut gut. Jetzt zieht sie allein durch die Welt, kein Bruder, der sie von sonst wo, zu sonst welchen Uhrzeiten abholen kann… Die Wochen vergehen, im Zimmer schieben wir Kartons und zwischendurch Camping-Sachen hin und her, nichts passiert. Obwohl doch, ich fange an, die zurück gelassenen Fenstertomaten zu pflegen, der neue Balkon ist zu schattig, und hole noch ein paar Kräuter dazu. Arbeite ich mich von außen nach innen? Dreimal war ich im Tapeten-Geschäft, endlich eine Rolle gefunden, bestellt und abgeholt. Dann dauerte es aber noch mal ein paar Wochen. Mit Farbe zu tünchen und etwas Tapete, mit Papageien, so was gefällt ihr auch, ist der Plan für unseren neuen Common-Room.

Der Sommer zieht vorüber und die kleine Grille geigt und ist frei. Dann wird es kühler und kurz vor der Renovierung kommt sie noch mal. Krank, zweifelt an allem, da wendet sich das Blatt. Doch Kind, warte mal ab, werd gesund und dann sehen wir weiter, ob du das wirklich nicht schaffst, mach dir keinen Stress, wir sind da. Und ich schlief mal etwas entspannter. Kaum war der Vogel gesund, war er wieder zwitschernd weitergezogen. Ich schlief diesmal weiter gut, prima.

Vier Monate sind fast vorbei, Zeit zu streichen. Wir feiern alle zusammen Geburtstag, davor will ich es geschafft haben. Ich habe viele, sehr viele Wände gestrichen, ich liebe es. Mein erster Freund war gelernter Maler, spätestens seit unserer ersten Wohnung wusste ich, wie Farben zu mischen sind. Also das wird ein Spaß, dachte ich. Niemals hätte ich geahnt, wie schlimm das wird. Dabei hatte ich doch Max Frisch, Andorra, gelesen, hätte es wissen müssen, dass nur Farbe drauf nicht hilft. Ich rührte ein Hellgrün, die Farbe des Herzens. Schon das Mischen war irgendwie schwer und dann erst das Streichen. Die Decke sollte auch grün werden. Ich liebe ungewöhnliche Farben und Aufteilungen, habe klare Bilder davon im Kopf, kann räumlich denken. Es war also eigentlich doch alles klar. Je mehr es grün an den Wänden und dann an der Decke wurde, desto schlimmer wurde es. Die Männer-WG schaute vorbei, sagten nichts zur Farbe, außer „Aha!“, und ich schloss mich ein. Rührte die Farbe verzweifelt, weinte, machte weiter, dachte daran, wie ich meine erste Decke strich, und versuchte mich auf den Prozess zu konzentrieren: Erst gegen das Licht, dann mit dem Lichteinfall, Quadratmeter für Quadratmeter, vom Fenster aus anfangen. Im Schaffen vergingen die Tränen der Endgültigkeitsgefühle und plötzlich klopfte es und sie kam vorbei und sagt: „Ach, schöne Farben!“. Ab da ging es wieder leichter voran. Immerhin sind die Farben der Tapete entnommen, führte ich ihr vor, die Wände sahen total fleckig vom Trocknungsprozess aus, ich hoffte auf später, sie nickte.

Ich hatte es vergessen, wie lange es dauerte, um die Fenster herum zu streichen. Noch eine Farbe mischen, die Tapete enthielt ja auch mehrere Farbnuancen, noch mal mit der Leiter schieben, die Eimer hin und her, Pinsel fallen runter, ich bin zu kurz, wieder die Leiter. Ich schwitze, der weiße Schutzanzug ist kunterbunt und zerrissen, ich turne barfuß in der Farbe und beginne Musik anzumachen und laut zu drehen. Ich tanze mit der Rolle und der Farbe und die Farbe mit mir, das fühlte sich leicht an. Dann am Ende noch Leim gemischt und papp, eine Bahn zwischen die Farbblöcke geklebt. Meine Idee wurde sichtbar, es war vollbracht. „Es war eine rituelle Streichung“, sage ich später. Es tat weh, das Kinderzimmer neu zu gestalten, und doch war es ein guter, wenn auch verwirrender und anstrengender Prozess, fast wie eine Geburt. Am nächsten Tag ganz viel Besuch. Der Auszug und der 18. Geburtstag der Tochter sind das Thema. Im grünen Salon, dem ehemaligen Rosa Zimmer, gibt’s Kuchen, das passt, gehört sie schließlich der Generation: Youtube-Torten-Back-Tutorial-Mädchen an. Vielleicht studiert sie deswegen Technik.

Let`s talk about…Emptynest-Syndrom!

Und alle erzählen von ihrem Auszug oder vom Auszug ihrer Kinder. Wie es sein könnte und wie es war und alle sind sich einig, dass es eigentlich zu wenig Beachtung bekommt. Das habe man einfach zu machen, Hänschen klein lässt grüßen. Zu allem habe es zwar tausend Ratgeber, aber dazu? Doch, eine nennt ein Buch von einer Amerikanerin, auch eine Journalistin, das sei super. Empty-nest-syndrom, ach, so heißt das? Na, von da kam ja auch der Feminismus, lachen wir. Das Austauschen tat allen gut und viele interessante Aspekte kamen dabei auf, Lachen und Aha-Erlebnisse inclusive, nicht allein damit sein hilft einfach. Noch mal vier Wochen vergingen, es klebte nur eine Bahn. Zwischendurch bot das Zimmer schon Asyl für den in den Rosenkrieg geratenen Stiefsohn, Patchwork sagte ich ja. Dann zu Advent ein halbes Jahr später, jetzt endlich die letzten Bahnen Tapete zerschnitten und kreativ kunstvoll zwischen die restlichen Farbübergänge verteilt. Die Palmen aus dem Hof kamen auch noch unter, steht ja sonst nicht viel drin und das alte und neue Zimmer werden eins. Ich mag das neue, das das alte aufgenommen hat.

Langsam bin ich wieder bei mir. Ich hatte das Gefühl, irgendwie hat es ein Loch in meinen Bauch gerissen und langsam ist es wieder verheilt. Vielleicht hat es auch einfach noch ein paar alte Löcher mit aufgerissen und die waren jetzt auch dran. Ich bin ja auch meist lieber gegangen als gegangen-worden und das Gegangen-werden war oft traumatisch. Zwischendurch dachte ich wieder, es war vielleicht doch zu früh, aber inzwischen denke ich: ist egal, es scheint doch so oder so bei den meisten Schmerzen zu bereiten. Trennung ist Trennung. Wo ein Ende, auch ein Anfang: Gleich kommt sie, ich freue mich, wir werden Tee trinken und vermutlich kurz schnacken. Und dann hüpft sie weiter und „Mutter weinet“ – nicht mehr.

Für die gute Mutter-Tochter Beziehung möchte ich mich insbesondere noch mal bei Gertrude Raven Croissier bedanken, die in ihrem Buch „Psychotherapie im Raum der Göttin“ vieles an patriarchalen Mustern aufdeckt, was einer gesunden Beziehung im Weg stehen kann. Mutter-Tochter Beziehungen sind in patriarchalen Strukturen besonders anfällig für Störungen.

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Buchvernissage zu „Vom Glück, eine Frau zu sein“ http://www.bzw-weiterdenken.de/2019/12/buchvernissage-zu-vom-glueck-eine-frau-zu-sein/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2019/12/buchvernissage-zu-vom-glueck-eine-frau-zu-sein/#comments Wed, 04 Dec 2019 16:26:49 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=14999
Foto: Bettina Stehli

Das Frauen*Zentrum an der Mattengasse 27 in Zürich war zum Bersten voll, als sich am 22. November Frauen aus nah und fern trafen, um das neue Buch der italienischen Differenzphilosophin Luisa Muraro zu feiern, beziehungsweise die deutsche Übersetzung davon. „Vom Glück, eine Frau zu sein“  lautet der Titel der bemerkenswerten Schrift, welche von Traudel Sattler aus dem Italienischen ins Deutsche übertragen und im Christel Göttert Verlag veröffentlicht worden ist. Der italienische Titel des Buches heisst „Non è da tutti. L’indicibile fortuna di nascere donna“: „Nicht alle haben es. Das unbeschreibliche Glück, als Frau geboren zu werden“.

Der deutsche Titel sei einem verlegerischen Entscheid geschuldet, verriet die Übersetzerin dem Publikum. Diese kam als Dritte im Bunde zu Wort, nachdem die Initiantin des Übersetzungsprojekts, die Philosophin Lisa Schmuckli, begrüsst und eingeführt hatte. Das Projekt wurde durch Zuwendungen von anonym bleiben wollenden Frauen überhaupt erst möglich! 

Anschliessend hielt die aus Frankfurt angereiste Politikwissenschaftlerin, Journalistin und Bloggerin Antje Schrupp eine Laudatio, in der sie sich auf die Inhalte des Buches konzentrierte. Sie hob dabei Luisa Muraros Konzept der ‚Exzellenz‘ von Frauen besonders hervor. 

Exzellent war auch die musikalische Umrahmung der Feier durch die Stimmkünstlerin und Performerin Isa Wiss aus Luzern. Abgerundet wurde der Anlass durch einen von Dolores Zoé Bertschinger liebevoll vorbereiteten Apéro und von Bettina Stehli an der Bar kredenzten Getränken.

Am Büchertisch war das Buch dann schnell ausverkauft. Sogar eine lange Liste von Bestellungen nahm die Bücherfrau Gerti Camenisch noch mit, was in all den Jahren, seit sie Büchertische mache, noch nie vorgekommen sei.

Und wer Glück hatte, erhielt von einer Teilnehmerin eine Rose mit den Worten: „Ich beglückwünsche dich, eine Frau zu sein!“

Zum Inhalt des Buches hat Dorothee Markert eine tolle Rezension verfasst.

Der Text der Laudatio von Antje Schrupp wird demnächst auch noch hier veröffentlicht. 

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Minne und künstliche Intelligenz. Heike Schmitz über die „Zwei Augen der Liebeskraft. Minnen und Denken“ http://www.bzw-weiterdenken.de/2019/12/minne-und-kuenstliche-intelligenz/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2019/12/minne-und-kuenstliche-intelligenz/#comments Sun, 01 Dec 2019 14:46:31 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=14608

Welche Chancen und welche Risiken ergeben sich für die Repräsentanz weiblichen Denkens durch die Künstliche Intelligenz? Dieser Frage ging – mit einer überraschenden Rück- und Zuwendung zu einer Mystikerin des 13. Jahrhunderts –  im Februar 2019 Heike Schmitz in einem Vortrag in Bazon Brocks Berliner „Denkerei“ nach. Der Vortrag ist nun online auf Youtube anzuschauen und es lohnt sich, den Gedankengängen, die Heike Schmitz entwickelt hat, zu folgen. Im folgenden Text möchte ich auf diesen Vortrag neugierig machen, indem ich kurz seinen thematischen Horizont aufreiße.

Die Liebe und das Denken

Das weibliche Denken im Patriarchat vollzog und vollzieht sich unter den Bedingungen steter Überschreibung und Unkenntlichmachung. Während männliche Denker (wie Bazon Brock) einräumen, dass als Urgrund europäischen Denkens und der europäischen „Zivilisierung“ auf Weiblichkeit bezogene Kulte (Marienkult, Minne) vorauszusetzen sind, versuchen weibliche Denkerinnen seit je, gerade dieser Verfügung über das „Weibliche“ im Denken zu entgehen durch eine eigenmächtige und eigensinnige Verkörperlichung des Denkens, denn: „Liebe (und damit Denken) ist, was mich bewegt“.

Das „Weibliche“ taucht im Denken der tradierten (patriarchalen) Philosophie bloß symbolisch auf, als „die Mutter“, „die Geliebte“, „die Frau“, als Geburtsort männlichen Denkvermögens, als Begehrensmovens und als Anbetungsort. „Das Weibliche“ nimmt unter den männlichen Philosophen, so sie seiner überhaupt gewahr werden als des Anderen, den Platz einer säkularisierten Religion ein. Gerade indem sie sich einer symbolischen „Autorität der Frauen“ unterwerfen, schließen sie die konkreten weiblichen Denkerinnen aus dieser Tradition aus. Die konkrete, lebendige Frau kann wohl „es“, das Begehren (Liebe und Denken), darstellen. Aber um das zu können, darf sie sich nicht selbstständig bewegen. Wenn „die Frau“ selber denkt (also sich bewegt), gerät nämlich dieses ganze Zivilisations- und Denkprojekt ins Wanken. 

Heike Schmitz´ Vortrag nimmt drei Vorgängerinnen in den Blick: Ingeborg Bachmanns Roman „Malina“, der den (philosophischen) Mord an der Frau schreibend nachvollzieht, die Hysterikerin in der Salpetrie, der sich die Psychoanalyse  auf die Spur setzt, und zuletzt Hadewych, die Begine des 13. Jahrhunderts, die sich der „Minne“ verschreibt. Dabei zeigt sich, dass dieser geschichtliche „Rückschritt“ vom 21. Jahrhundert ins Hochmittelalter sich aus der Perspektive weiblichen Denkens durchaus auch als Mobilisierung lesen lässt.

„Ich stehe in der Geistesgeschichte, in der ich meinen eigenen Mord schreibe.“

In Bachmanns Roman wird zweifellos das pessimistischste Bild entworfen: Eingesperrt bleibt die Ich-Erzählerin in ihrer Liebes- und Denkbewegung, denn was und dass gedacht werden kann, hängt davon ab, dass die Frau, die Geliebte, sich nicht bewegt: „Die Dame ist immobil.“ Der Textkörper, durch den das Denken sich ausdrückt, kann nur hervorgebracht werden, indem der weibliche Körper verschwindet, im Riss in der Wand. 

„Frauen, die sehr intelligent waren, aber es nicht nutzen konnten.“ 

Die Hysterikerinnen, die Freud und anderen in der Salpetrie vorgeführt werden, drücken ihr Ungenügen am Denken und Leben durch körperliche Zuckungen aus. Im Gespräch vermögen sie zu faszinieren, aber sie können sich nicht kontrollieren und wollen sich nicht kontrollieren lassen. Der „Sturm im Kopf“ geht gleichsam durch den Körper hindurch und er ist nicht ohne seinen körperlichen Ausdruck. Doch dieses Denken kann sich in der Welt nicht kenntlich machen, indem und weil es pathologisiert wird. 

„Sturmwut“

Heike Schmitz Faszination an der altflämischen Mystikerin Hadewych entzündet sich an einem Wort: „Sturmwut“. Hadewychs „Minne“, ihre Liebe zum Denken und ihre denkende Liebe, sind ihr Freude und bringen ihr zugleich großes Leid. Sich der „Minne“ zu verschreiben, fühlt sich an, als ob „Geburtswehen begönnen“.  Die „Minne“ ist dabei zugleich Begehrensgrund und Begehrensobjekt, sie ist, was bewegt und worauf sich die Minnende zu bewegt. „Dore“ (= „durch“) ist, so Schmitz,  eines der wichtigsten Worte in Hadewychs Texten. Und Schmitz kommt es dabei auf den Doppelsinn an: die Bewegung durch einen Raum von hier nach da, aber auch das „durchunddurch“, das die Bewegung für die sich Bewegende ist.

K.I.

Die künstliche Intelligenz sei, so meint Heike Schmitz, eine neue Überschreibungsweise der Urgründe des Denkens, die mit der „Minne“ verschüttet gegangen sind. Denn die künstliche Intelligenz dockt an die Körperlichkeit unseres Denkens an („Touchscreen“), um uns zugleich unsere Körperlichkeit vergessen zu machen, d.h. den Verlust unseres Körpergedächtnisses zu vervollständigen, der mit der Schriftkultur eingesetzt hat. 

Der Rechner kann wohl lernen, alles immer genauer zu „durchdringen“, aber es wird ihm kaum je etwas „durchunddurch“ gehen, d.h. ihn als Körper denkend erfassen. Denn der Körper des Rechners ist beliebig und austauschbar, während der menschliche, der geborene Körper, endlich und einzig ist. Andererseits kann die Überlieferung (und „Überschreibung“) durch Schrift und – neuerdings – Datensätze und Algorithmen, deren Speicherkapazitäten die der endlichen Körper um ein Vielfaches übersteigt, auch nicht einfach verneint und zurückgewiesen werden. Es gibt kein Zurück. Die Frage ist vielmehr, wie das Körpergedächtnis als Urgrund und Movens des Denkens sich in den neuen Speichermedien bewahren lässt.

Zum Vortrag auf YouTube:

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Mithilfe feministischer Science Fiction neue Welten denkbar machen http://www.bzw-weiterdenken.de/2019/11/mithilfe-feministischer-science-fiction-neue-welten-denkbar-machen/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2019/11/mithilfe-feministischer-science-fiction-neue-welten-denkbar-machen/#comments Fri, 29 Nov 2019 13:38:17 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=14953 Der erste Teil dieses Aufsatzes erschien unter dem Titel „Utopisch denken! Plädoyer für das Ende eines Tabus“.   

Zum wissenschaftlichen Umgang mit literarischen Utopien

Caspar Battegay definiert im Sinne der literarischen Utopie Erzählung folgendermaßen: „Das Mögliche kann neben dem Erfundenen immer auch als das bestimmt werden, von dem immer erzählt werden muss.“ (2018, 34) Ich erkenne in diesem Erzähltwerdenmüssen die unbedingte Sehnsucht des Menschen zu utopischem Denken. Das Erzählen bringt also mitnichten nur eine Sonderwelt neben der wirklichen Welt hervor, sondern sie wirkt – so Albrecht Koschorke – in die gesellschaftliche Praxis hinein und ist selbst ein bestimmendes Element dieser Praxis, was wiederum die Verbindung zwischen Erzähl- und Kulturtheorie stiftet (vgl. 2012, 25). Literatur als eine Erzählform ist somit integraler Bestandteil einer jeden Kultur. Zum richtigen Einordnen von literarischen Utopien und ihrem Wirken ist es fundamental wichtig zu verstehen, dass es sich hier um Literatur handelt (und nicht um gefährliche Gebrauchsanweisungen für Diktatoren und solche, die es werden wollen, wie ihnen gerne nachgesagt wird) und mit literatur- und kulturwissenschaftlichen Verfahrenstechniken analysiert werden muss. Und auch wenn dazu spezielle methodische Zugänge notwendig sind – jede Gattung und jedes Genre erfordert ja ein spezifisches Methodeninventar – können literarische Utopien genauso wie andere Literaturformen auf die Wirklichkeit zurückgebunden werden. Nicht im Sinne der Frage, die an (besonders gerne an weibliche) Schriftsteller*innen herangetragen wird: Wieviel Autobiografisches steckt in dem Roman? Sondern im Sinne von inwiefern und wie ist der fiktional vermöglichte Weltentwurf diskutierbar? Auf welchen Annahmen baut er auf? Wie wird Sprache eingesetzt, um beispielsweise die utopische Welt von der real-fiktiven zu unterscheiden? Das sind viel gewinnbringendere Fragen als jene Aussage (nicht einmal Frage!), die bisher so oft unproduktiverweise über die jeweilige literarische Utopie hereinbricht: Das ist ein Vorschlag zur Umsetzung. Diese bereits pauschal zuvor (!, das heißt, das Tabu wirkt bereits vor der Analyse, und das Ergebnis oder vielmehr das Urteil ist damit bereits zuvor gefällt) getroffene Aussage lässt natürlich die „normalen“ Leser*innen nur mit Angst und Abwehr reagieren und mit der Realisierbarkeits-, Realitätsferne- und Gefahrenkeule um sich hauen. Genau hier wird jegliches utopische Denken, das mit der speziellen literarischen Utopie hätte angeregt werden können, im Keim erstickt. Das soll nicht heißen, dass sich Sozial- und Politikwissenschaftler*innen gar nicht mit der literarischen Utopie beschäftigen dürfen; es wäre allerdings gewinnbringend, wenn beispielsweise gerade die Fragen zum komplexen und vielschichtigen Zusammenspiel der triadischen Beziehung des Realen, Imaginären und Fiktiven zuvor von der Literaturwissenschaft einigermaßen beantwortet worden sind. Erst dann, also aufbauend auf den literaturwissenschaftlichen Analysen, sollten Forschungen der Politikwissenschaften komplementär andocken.

Zur adäquaten Erforschung von literarischen Utopien gehört, wie ich finde, auch die Analyse ihrer Wirkung und Wirkungsgeschichte. Hier müsste nicht nur die Rezeptionsästhetik, sondern auch die Kognitionswissenschaften, vor allem die Neurowissenschaften hinzugezogen werden. So hat Siri Hustvedt in ihrer in diesem Jahr herausgegebenen Essaysammlung Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen Forschungsergebnisse der Neurowissenschaften auf höchst spannende Art und Weise diskutiert, die sich mit der Wirkung des Romanlesens auf die Lesenden beschäftigen.

Literarische Utopien stellen mehr als jede andere Literaturform ganz konkret und prioritär die Fragen an die realen jetzt-lesenden Menschen: Was ist dran an dem von Zukunftsmenschen und Aliens gezeichneten Menschenbild? Inwiefern können sich die Menschen in dem jeweiligen Roman ändern und wie geschieht dies? Und sie werfen uns Leser*innen auf unser ganz konkret gelebtes Leben und Menschsein zurück und fragen indirekt: Wollen wir wirklich die Katastrophe riskieren? Und wenn nicht: Was wollen wir dann? Wie wollen wir leben? In welchen Beziehungsweisen wollen wir leben? Die Fragen, die literarische Utopien in mir aufrühren, haben unglaublich aktivierendes Potenzial. Mit ihnen ist das Begehren gewachsen, die „Wahrheit essen zu können“, wie PeterLicht im Chipslied singt.

Utopische Ideen in Bewegung

Es ist enorm wichtig, so wie Julia Fritzsche es ihrem Buch Tiefrot und radikal bunt (2019) tut und wie auch Alexander Neupert-Doppler es fordert, nach schon bestehenden utopischen Ideen in Bewegung Ausschau zu halten, aber es reicht meines Erachtens nicht aus; ich möchte zumindest ein neues Mosaiksteinchen hinzufügen. Denn die patriarchal-kapitalistische Gesellschaftsordnung ist stark und flexibel. Sie zerbricht, was ihr nicht in den Kram passt, früher oder später. So war es bisher. Nur innerhalb ihres Rahmens kam und kommt es in unterschiedlichen Orten dieser Welt zu unterschiedlichen Veränderungen (zumeist, wenn wir genauer hinschauen, nur zu Verschiebungen). „Viel guter Wille, wenig Fortschritte“, bringt es der Titel eines Artikels in der E&W  (Erziehung und Wissenschaft. Zeitschrift der Bildungsgewerkschaft GEW) mit dem Ausgabe-Schwerpunkt auf nachhaltige Entwicklung, der gerade aufgeschlagen auf meinem Sofatisch liegt, ziemlich gut auf den Punkt. Wir hier weit im Westen glauben uns schon weit vorangeschritten in Sachen Emanzipation und Frieden. Dabei vergessen wir oft, dass das für den Großteil der Menschheit nicht zutrifft. Auch hier sei Greta Thunberg zitiert: wir sind – zumindest bisher noch – die „lucky ones“. Dieses „Glück“ haben wir nur, weil wir größtenteils auf der Sonnenseite des Kapital_ismus[1] leben. Es kommt so sehr in jeder Faser unseres Seins und Denkens vor, dass wir oftmals eigene Unfreiheiten gar nicht mehr als solche erkennen oder leicht verdrängen können; vor allem wenn wir unser Leben vergleichen mit dem Leben jener, die in den Krisenregionen dieser Welt leben oder sich auf der Flucht befinden.

Narrative – so Albrecht Koschorke – sind sozial und politisch gesehen enorm mächtig. Gerade durch ihre Irrealität verfassen sie die Wirklichkeit und entfalten Bindungs- und Identifizierungskraft, z.B. in der Form von Mythen oder heiligen Texten. So könnten meines Erachtens auch literarische Utopien mächtige Erzählformationen hervorbringen. Denn gerade wenn die Fakten gar nicht so klar vor Augen liegen – und so ist es doch immer, wenn wir von der Zukunft reden – bedarf es zur Deutung von wissenschaftlichen Erkenntnissen und ihren Prognosen geradezu eines so machtvollen Mittels wie der Erzählung.

Spannung – gerade im reflektierenden Abgleich zwischen Realem, Möglichem und Erfundenem durch die Lesenden – entsteht, eben weil literarische Utopien auf die Wirklichkeit hinzielen, ‚als ob‘ sie diese verändern könnten. Und ich denke, hier entsteht der Glaube an die „Gefahr“ der literarischen Utopie, denn sie hat womöglich ein viel größeres transformatorisches Potenzial, als wir bisher annehmen. Was ist, wenn von der literarischen Utopie, vor deren Kreieren auch bis heute alle Utopieforscher*innen eindringlich warnen, nur die Gefahr für diese aktuelle Gesellschaftsordnung ausgeht? Was, wenn gerade positive literarische Utopien vielmehr Chancen und Ideen für neue Formen des Miteinanderlebens auf dieser Welt bergen, und sie also nur so lange „unzeitgemäß“ waren, wie wir uns pudelwohl und gut in dieser bestehenden Ordnung gefühlt haben und dafür das leise, aber stetige Knirschen, das wir sicherlich alle mehr oder weniger stetig fühlen und spüren, gut verdrängen konnten?

Feministische Science Fiction hilft und regt das Nachdenken über unser Jetzt-Sein und -Wirken gerade durch den radikalen Außenblick von Lebewesen ferner und fremder Zeiten, Welten und Galaxien auf unser dann schon vergangenes Sein und Wirken an. Wenn wir nur öfter eine solche Außenperspektive einnähmen, würden wir vielleicht weniger fatalistisch oder lethargisch und – Verzeihung – treudoof zukunftsoptimistisch sein im Sinne von: Das wird schon irgendwie. Wir schaffen es sicher noch rechtzeitig, das Ruder rumzureißen. Technologien und so. Wie nun können wir einen solchen Außenblick entwickeln, ihn schulen, ihn regelmäßig praktizieren? Denn ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass wir gar keine andere Wahl haben, als uns diesen anzueignen. Das Knirschen muss sich nicht erst in eine lebensbedrohliche Krise auswachsen; ob es sich nun auf individueller Ebene um eine sozial- und politikinduzierte Depression oder auf gesellschaftlicher Ebene um das Sterben von Menschen im Krieg, im Mittelmeer oder dem Sterben aller möglichen Lebewesen durch die bereits existierende Klimakatastrophe handelt

Feministische Science Fiction nährt in den Leser*innen philosophische Fragestellungen

Fragen, die sich mir auch aus der Lektüre feministischer Science Fiction ergeben, sind in höchstem Maße philosophisch, beginnen wieder ganz am Anfang, beginnen wieder bei den allgemeingültigen Prinzipien, die sowohl das Sein als auch das Denken regeln. Was macht unser Menschsein eigentlich aus? Welche menschlichen Fähigkeiten und Möglichkeiten führen dazu, ein gutes Leben für alle Lebewesen dieser Welt zu erreichen? Weitere spannende utopische und spekulative Fragen schließen sich an. Was würde beispielsweise ein gegenseitiges und wahrhaftes Vertrauenkönnen auslösen, das einzig auf der Prämisse aufbaut, dass jeder einzelne Mensch das gute Leben für alle Lebewesen will? Wie utopisch meine Fragen auch sein mögen: Fakt ist, dass die synaptische Plastizität, also die Lernfähigkeit von Hirnsystemen, ein angeborenes Merkmal eines jeden Menschen ist. Die Frage ist nun, für welche Lernprozesse wir dieses Merkmal nutzen. Wichtig zu verstehen ist: Wir sind keine Immer-so-weiter-Wesen, es ist nur bequem (für uns momentan noch!), das zu glauben. Schauen wir uns beispielsweise an, welche Veränderungen wir schon immer einfach so an uns selbst und an anderen akzeptieren: Wenn eine Literaturwissenschaftlerin mit idealistischen Zielen an ihr Studium gegangen ist, nämlich um die Welt durch Literatur verstehen zu lernen mit der Hoffnung, mit diesem Wissen die Welt ein bisschen besser machen zu können, und „am Ende eines langen Abends“ (wieder PeterLicht) in der Marketingabteilung einer großen Automobilfirma mit guten Texten dafür sorgt, dass möglichst viele das Auto dieser Firma kaufen, dann ist das für mich eine sehr radikale Veränderung. Was macht das mit dem Begehren dieses Menschen, frage ich mich. Aber auch: Wenn eine solche Veränderung möglich ist (weil sie notwendig ist, um in dieser Gesellschaft auf einer gewissen Hierarchieebene überleben zu können), warum soll eine Veränderung nicht auch einsetzbar sein für ein Streben nach einem guten Leben für alle Lebewesen dieser Welt?

Fotos: Anne Newball Duke; aus: Suzy McKee Charnas: Tochter der Apokalypse

Dabei ist mir durchaus bewusst, dass Veränderungen auch in diese positive Richtung bereits im Gange sind: ehemalige Investmentbanker*innen stürzen sich ins Abenteuer Bauernhof oder in die Entwicklungshilfe, ins Sabbatjahr etcpp. Meine Frage ist aber: Warum geraten so viele gute Ideen und Ansätze, viele Bewegungen und Menschen, gerade Frauen, gerade Feministinnen, immer wieder in Vergessenheit? Reicht es, sie immer und immer wieder sichtbar zu machen? Und ist die Gefahr geringer geworden, dass sie auch ein zweites oder drittes oder viertes Mal vergessen werden? Ein ganz aktuelles Beispiel: In der Kulturzeit am 18.11.2019 wird über bisher wenig rezipierte und wahrgenommene Frauen der Münchner Frauenbewegung um 1890 berichtet – so u.a. Anita Augspurg, Sophia Goudstikker und Gabriele Reuter –, deren Leben und Wirken (viele von ihnen waren Schriftstellerinnen) jetzt mit Ingvild Richardsens „Leidenschaftliche Herzen, feurige Seelen“: Wie Frauen die Welt veränderten (Fischer 2019) erneut ans Licht geholt und damit erinnert wird. In dem Kulturzeit-Beitrag sagt Richardsen: „Wenn es für nirgendeine dieser Frauen eine Erinnerungstafel gibt, finde ich das sehr bedenklich.“ Diese „Bedenklichkeit“ nun spinne ich weiter: Woran liegt also das (wiederholte und das auch heute mögliche Wieder-) Vergessen und wer profitiert davon? Das utopische Denktabu ist meines Erachtens nicht nur ein möglicher Zügler des Auskostens von utopischem Denkvermögen, sondern eben auch ein Werkzeug des Vergessens von Menschen mit utopischem Denkvermögen und von utopisch ausgerichteten Projekten – und hier eben fast ausschließlich solcher – oh Wunder –, die die patriarchal-kapitalistische Gesellschaftsordnung in Frage stellen oder zu überwinden suchen. Also ergibt sich daraus wiederum die Frage: Wie stellen wir sicher, dass alles, was wir erarbeiten – in diesem Forum und darüber hinaus – nicht wieder in Vergessenheit gerät? In Suzy McKee Charnas‘ Tochter der Apokalypse (Walk to the End of the World, 1974) ist alles zivilisierte Wissen nach der Katastrophe gelöscht; einzig eine Legende schafft es in die nachapokalyptische Gesellschaft: die Frauen – nein, „Weiber“ sind es! – sind an allem schuld, und deswegen ist ihre totale Unterjochung notwendig für den Erhalt der Menschheit. Eine ähnlich gelagerte Dystopie zeichnet ja auch Margaret Atwood in Report der Magd. Nur dass McKee Charnas darüber hinausgeht und in einem zweiten Band Alldera und die Amazonen (Motherlines, 1978) fernab der grausamen Männerwelt wiederum eine Gesellschaft, oder besser, zwei Gemeinschaftsformen – einmal jene der „freien Weiber“, denen die Flucht gelang, und zum Anderen jene der Amazonen (die sich eigentlich größtenteils nur „Frauen“ nennen) – auspinselt, in denen sie unterschiedlichen weiblichen Freiheitsvorstellungen und -möglichkeiten nachgeht. Eine weitere Frage, die sich bei der Lektüre stellt, ist: Was bleibt eigentlich, wenn heute oder morgen alle Technik zusammenbräche und das jahrtausendealte kulturelle Erbe in Form von Büchern etcpp. nicht mehr zugänglich wäre? Woran würden wir uns erinnern? Wenn es beispielsweise diese Plattform beziehungsweise – weiterdenken nicht mehr gäbe, wenn sie unwiderruflich gelöscht würde, wer erinnert sich dann der Frauen, die hier geschrieben haben und derer hier erinnert wird, ihrer Praktiken und Selbstverständnisse usw. usf.? Was also bleibt? Rettet uns dann dystopisches Denken (, in welchem wir äußerst geschult sind, denn Apokalypsen gibt es zuhauf in Kino, Serien und Büchern; und einziges Ziel der Held*innen ist es dann eigentlich immer oder zumindest vorrangig, die alte zerstörte Ordnung wiederherzustellen) oder vielmehr utopisches Denken?

Kooperationswille, Empathievermögen, dialektische Methode, Begehren: utopisches Denken hat viele Helfer

Für Letzteres haben wir so viele Anknüpfungspunkte. Denn Fakt ist, dass wir Menschen gern kooperieren, dass wir solidarisch miteinander sein möchten, viel mehr, als wir es momentan sein können. Und wer will schon gern, dass das Ökosystem kollabiert? Niemand verschließt doch gern die Augen vor dem seit Wochen brennenden Amazonas. Die meisten wollen ein gutes Leben für alle, und die meisten wünschen sich mehr freie Zeit, um über das eigene Leben und vielleicht auch über unser Leben und Wirken auf diesem Planeten nachzudenken. Wenn wir uns nun auf das konzentrieren und fokussieren, was wir sein wollen, wie wir leben wollen, ist das ein erster Schritt hinaus aus der momentan alles beherrschenden Ordnung. Die Lektüre feministischer Science Fiction kann durch das in ihr angelegte ganzheitliche Denken wesentliche Impulse für ein solches Denken geben, sodass die nächsten Diskussionen über die Zukunft nicht mehr von gähnender Leere oder apokalyptischen Mutmaßungen, die jegliches wahrhaft fortschrittliche Denken sofort abwürgen, geprägt sind, sondern von mutigen Vorschlägen und Ideen, welche wiederum das Nachdenken und dialektische Sprechen darüber anregen, in welchen Beziehungsweisen wir uns eigentlich am liebsten sehen würden. Die dialektische Methode anzuwenden bedeutet dabei – so wie ich sie momentan verstehe, ich befinde mich aber auch noch mitten im Verstehensprozess, man möge mir daher etwaige Unsicherheiten noch verzeihen –, sich zunächst einmal dessen bewusst zu sein, dass das „Denken und sein Gegenstand nicht miteinander zusammenfallen“ (Adorno [1958] 2017, S. 16). Gerade deswegen ist es aber zumindest die Aufgabe der Menschen, nicht von diesem Versuch abzulassen, das, was ist und passiert und also in Bewegung ist, in Worte zu kleiden; und zwar durch ein stetiges Hin- und Herlavieren zwischen dem, was ist und passiert und somit in Bewegung ist, und dem, was wir als Wirklichkeit begreifen und versprachlichen. Die auftauchenden Widersprüche und Widerstände wiederum müssten in Worte gefasst und auf ein vorläufiges synthetisches Ganzes hin reflektiert werden. Und zwar nicht, um die Welt finalistisch und positivistisch zu beschreiben, sondern um mögliche nächste Handlungsoptionen diskutierbar und verhandelbar zu machen. Der Erhalt des planetarischen Ökosystems in der Form, in welcher es sich als Mensch gut und im Einklang mit den anderen Lebewesen leben lässt, ist dabei die einzige Vorgabe. Die dialektische Methode führt also im besten Falle dazu zu fragen, warum menschengemachtes Vergangenes wann wie gedeutet wurde, aber auch, zu welchen gesellschaftlichen Entwürfen biologische Tatsachen wie das Schwangerwerdenkönnen (siehe erster Teil des Artikels) geführt haben und sodann als durchaus bewegliche Geschichten in welcher Version von wem zu welchem Zeitpunkt weitertradiert wurden, und was bei den jeweiligen Versionen – manchmal unwiederbringlich – verlorenging. Und diese Bewegung des Näherns und Prüfens, des Gegen-den-Strich-Bürstens, sollte von unserem Begehren geleitet werden, „ein[em] Begehren in großem Stil, das den Sinn für den Mangel schärft und all denjenigen, die es entsprechend aufrechterhalten, sensible Antennen verleiht“, so Luisa Muraro in Vom Glück, eine Frau zu sein (S.40). Dabei entstehende neue Ordnungen zu versprachlichen bringt dabei wiederum mit sich, Sprache neu und anders zu verwenden, es bedeutet, Gefühle und Sinneseindrücke und eben auch die Lust an utopisch aufgeladenem Denken nicht wegzudrücken, sondern all das durch Versprachlichung für das philosophische und politische Denken relevant zu machen. Es ist zumindest ein Weg, durch Miteinander-Kommunizieren und -Weiterdenken die Diskrepanz zwischen Wirklichkeit und Begehren aufzuheben. (Aber wem sage ich das auf dieser Plattform. ;) Und zum Glück muss das Rad nicht komplett neu erfunden werden, denn auch die dialektischen Bewegungen der hier Lesenden und Schreibenden können von der Lektüre feministischer Science Fiction nochmal ordentlich in Schwung gebracht werden: Es gibt geniale Vordenker*innen – im wahrsten Sinne des Wortes! Samuel R. Delany ist ein solcher. In seinem Roman Triton unterhalten sich zwei (menschliche) Bewohner*innen von unterschiedlichen Monden. Die eine ist die Spike, eine Frau, geboren auf den Eisfeldern des Jupitermondes Ganymed, die als Creative Director – so würde es wohl heute genannt werden – einer nomadischen Theatergruppe zwischen Monden, Satelliten und Welten lebt. Der andere ist Bron, der momentan auf dem Neptunmond Triton lebt, aber auf dem Mars geboren wurde. Die Spike reflektiert über die Erdbewohner, während Bron und sie sich für einen kurzen Moment auf eben dieser Erde aufhalten:

„Sie nehmen einen Gegenstand auf, und irgendwie scheinen sie ihn nicht wirklich zu erfassen. Sie sagen etwas, und ihre Worte kleiden niemals richtig ihre Vorstellungen ein. Weißt du, was ich meine?“ Er verschluckte ein paar dazupassende [sic] M’s. Die Spike lachte. „Vermutlich ist es nicht die beste Art, die interplanetarische Verständigung zu fördern und den gegenseitigen guten Willen, nicht wahr? Vermutlich muss man gar nicht wirklich denken auf einer Welt, wo alles so selbstverständlich aus dem Meer, dem Boden und dem Himmel herauskommt wie hier. […]“ (S. 229f., Hervorh i.O.)

Ich finde die Idee einfach genial und faszinierend, dass wir Erdbewohner*innen mit dem Denken noch gar nicht richtig begonnen haben. Es ist zwar traurig, dass die Menschen erst jetzt und immer noch viel zu langsam begreifen, was sie eigentlich schon immer wussten, nämlich dass eben nicht „alles so selbstverständlich aus dem Meer, dem Boden und dem Himmel herauskommt“, wenn sie genau diese „Selbstverständlichkeit“ immer mehr verbrauchen und zerstören. Egal wie spät es nun schon ist; es ist eben auch eine unglaublich große Chance, nicht nur in einer Bubble wie dieser Plattform, sondern auch darüber hinaus das „wirkliche Denken“ zu beginnen. Lassen wir uns dabei von feministischer Science Fiction anregen, setzen wir sie unserer Intelligenz als delikate Hauptspeise vor, denn Wahrheit – sei sie noch so fiktiv – können wir essen. Das ist die gute Nachricht.

Literatur:

Adorno, Theodor W.: Einführung in die Dialektik. Suhrkamp [1958] 2017.

Battegay, Caspar: Geschichte der Möglichkeit: Utopie, Diaspora und die „jüdische Frage“. Wallstein 2018.

Butler E., Octavia: – Dawn. Xenogenesis I. (1987) / Dämmerung. Erster Roman der Xenogenesis-Trilogie. Übersetzung von Barbara Heidkamp. Heyne Science Fiction & Fantasy 1991.

  • Adulthood Rites. Xenogenesis II. (1988) / Rituale. Zweiter Roman der Xenogenesis-Trilogie. Übersetzung von Barbara Heidkamp. Heyne Science Fiction & Fantasy 1991.
  • Imago. Xenogenesis III. (1989) / Imago. Dritter Roman der Xenogenesis-Trilogie. Übersetzung von Barbara Heidkamp. Heyne Science Fiction & Fantasy 1993.

Delany, Samuel R.: Triton, auch Trouble on Triton (1976) / Triton. Übersetzung von Bodo Baumann. Bastei Lübbe 1981.

Firestone, Shulamith: The Dialectic of Sex (1970) / Frauenbefreiung und sexuelle Revolution. Übersetzung von Gesine Strempel-Frohner. Fischer 1975.

Glaser, Norbert: „Viel guter Wille, wenig Fortschritte“. In: E&W. Erziehung und Wissenschaft. Bildung für nachhaltige Entwicklung. Zeitschrift der Bildungsgewerkschaft GEW 10/2019, S. 12f.

Heyer, Andreas: Der Stand der aktuellen Utopieforschung. Band 1,2 und 3. Verlag Dr. Kovač 2008-2010.

Hustvedt, Siri: Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen. Essays über Kunst, Geschlecht und Geist. Übersetzung von Uli Aumüller und Grete Osterwald. Rowohlt 2019.

Koschorke, Albrecht: Wahrheit und Erfindung. Grundzüge einer allgemeinen Erzähltheorie. S. Fischer Verlag 2012.

McKee Charnas, Suzy: Walk to the End oft he World (1974) / Tochter der Apokalypse. Übersetzung von Thomas Ziegler. Knaur 1983.

  • Motherlines (1978) / Alldera und die Amazonen. Übersetzung von Thomas Ziegler. Knaur 1984.

Muraro, Luisa: Vom Glück, eine Frau zu sein. Übersetzung von Traudel Sattler. Christel Göttert Verlag 2019.

Neupert-Doppler, Alexander: Utopie. Vom Roman zur Denkfigur. Schmetterling Verlag 2015.

Piercy, Marge: Woman on the Edge of Time (1976) / Frau am Abgrund der Zeit. Übersetzung von Karsta Frank auf Grundlage der  1986 bei Heye erschienenen Übersetzung von Norbert Werner und Hertha Zidek, Argument-Verlag 1996 (Zweite Reihe 2015).


[1] Die Idee mit dem Unterstrich entleihe ich von Lothar Galow-Bergemann. Er möchte mit dieser Kennzeichnung die Betonung auf den vorderen Teil der Wortzusammensetzung verschieben, also auf „Kapital“, welcher gerne einfach verschluckt und oft nicht so analysiert wird, wie es erforderlich wäre, um diesen _ismus in seinem Aufbau und Wirken zu verstehen.

Der erste Teils des Artikels lautete: Utopisch denken! Plädoyer für das Ende eines Tabus.   

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Zwanzig Jahre Flugschrift! http://www.bzw-weiterdenken.de/2019/11/zwanzig-jahre-flugschrift/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2019/11/zwanzig-jahre-flugschrift/#comments Tue, 26 Nov 2019 08:42:19 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=14939 Vor zwanzig Jahren, 1999, erschien im Christel Göttert Verlag die „Flugschrift“, ein kleines Büchlein mit dem Titel „Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn. Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik“. Aus Anlass des Jubiläums wurde sie neu aufgelegt und wird hier im Forum auch erstmals online veröffentlicht.

Die Flugschrift war inspiriert von den italienischen „Sottosopras“, den Flugschriften des Mailänder Frauenbuchladens. Wir vier Autorinnen – Ulrike Wagner, Dorothee Markert, Antje Schrupp und Andrea Günter – hatten die Thesen an mehreren Wochenenden diskutiert und formuliert. Unsere Absicht war, einen neuen Impuls für feministische und frauenpolitische Debatten zu setzen, die in den 1990er Jahren entweder eingeschlafen waren, oder stark auf Gleichstellung, formale Rechte und Zugang zu Erwerbsarbeit fokussierten.

Stattdessen wollten wir die feministische Perspektive erweitern und fragten, wie sich die Freiheit der Frauen auch verändernd auswirken müsste auf Philosophie. In der Einleitung schrieben wir:

„Die Liebe der Frauen zur Freiheit hat die Welt verändert. Frauen glauben nicht mehr an das Patriarchat, sie lassen sich nicht mehr von der Vorstellung beirren, schwächer und weniger wert zu sein als Männer. Sie haben die Verantwortung für ihr Leben und für die Welt übernommen und die Herausforderung akzeptiert, die das bedeutet. In den letzten hundert Jahren, und vor allem in den letzten dreißig Jahren, erkämpften Frauen sich den Zugang zu allen gesellschaftlichen Institutionen, zu den Parlamenten, zu den Gerichten und Universitäten. Vor allem aber erkämpften sie sich den Zugang zum Arbeitsmarkt.

Frauen glauben aber auch längst nicht mehr daran, dass dies allein schon ihre Freiheit bedeutet. Und in Zeiten, in denen alle Bereiche der Politik sich dem Primat der Ökonomie unterwerfen, widersprechen sie energisch der Vorstellung, die Lösung der gegenwärtigen Probleme unserer Gesellschaft liege in der Sicherstellung einer vorgeblich „gesunden“ Wirtschaft. Frauen weisen die gegenwärtige Wirtschaftspolitik, die unter dem Vorzeichen des Mangels steht, als unrichtig zurück. Politik geht vielmehr von all dem, was schon da ist, und damit von der Fülle aus, denn sie wurzelt in der Verschiedenheit der Menschen.

In der politischen Debatte ist derzeit eine fatale Lähmung zu beobachten. Niemand traut sich aufzubrechen – in welche Richtung auch immer. Die alten politischen Analysen und Strategien taugen nicht dazu, dass wir beherzt die Aufgaben anpacken können, die sich uns stellen. Es sind neue Denkansätze notwendig, die von der längst veränderten Realität ausgehen. Die Herausforderung ist also, Politik neu zu erfinden, und das heißt, das Zusammenleben der Menschen neu zu organisieren.

Entgegen dem verbreiteten Lamentieren über die Resignation sozialer Bewegungen beobachten wir eine neue Lust auf frauenbewegte Politik. Diese Lust beruht nicht auf den alten Machbarkeitsmythen, sie lässt sich nicht davon lähmen, dass sich Teile der Frauenbewegung politisch nicht weiterentwickelt haben, und sie ist unbeeindruckt von der Langeweile, mit der die staatliche Gleichstellungs- und Frauenförderpolitik ihrer Pflicht nachgeht. Frauenbewegte Politik nährt sich vielmehr von der weiblichen Liebe zur Freiheit und dem Wunsch nach gelingenden Beziehungen, von der Freude an einer Politik mit Sinn, von der Lust, Neues in die Welt zu bringen und Dinge zum Besseren zu verändern.

Diese Flugschrift ist ein Diskussionsangebot an Frauen, die jenseits der alten Denkschemata zu einem neuen politischen Denken und Handeln finden wollen. Wir wagen mit diesem Text klare Stellungnahmen. Dabei sind wir uns der Gefahr bewusst, dass unsere Aussagen in die alten politischen Lager eingeordnet und im Rahmen der falschen Alternativen, die wir überwinden wollen, interpretiert werden könnten.“

Die Flugschrift war zugleich das erste Büchlein in der Reihe „kleine philosophische Bändchen“ im Christel Göttert Verlag. Da sie ausdrücklich nicht als fertiges Manifest, sondern als Diskussionsanregung und Denkanstoß gemeint war, richteten wir nach der Veröffentlichung auch eine Internetseite ein, auf der wir auch Diskussionen, damals – lange bevor es Blogs und Soziale Netzwerke gab – dokumentierten. Unter Flugschrift.de sind diese Diskussionen aus der Frühzeit des Internets bis heute nachlesbar.

Im Christel Göttert Verlag ist die Flugschrift jetzt aus Anlass des Jubiläums neu verlegt worden. Im Internet ist der Text jedoch bislang nicht verfügbar. Das möchten wir nun zum Jubiläum ebenfalls ändern und werden in loser Reihenfolge die einzelnen Kapitel hier im Forum veröffentlichen, um sie erneut zur Diskussion zu stellen.

Vieles von dem, was wir in dem Büchlein angesprochen haben, ist inzwischen in der Mitte des feministischen und teilweise auch gesellschaftlichen Diskurses angekommen. Andere Themen sind eher aus der Wahrnehmung verschwunden. Was könnte heute noch genauso geschrieben oder sogar noch klarer zugespitzt werden? Was sehen wir heute vielleicht anders?

Wir freuen uns auf eure Kommentare, Meinungen, Anregungen, Widersprüche!

Auf folgende Kapitel könnt Ihr gespannt sein:

1. Politik als Arbeit an der Kultur
2. Freiheit und in der Welt Sein: aus Beziehungen und vermittels Bindungen leben
3. Das Generationenverhältnis: Verschiebungen und Tradierungsbrüche
4. Mütter und Kinder: Mütterliche Autorität stärken
5. Der Beitrag von Vätern und Mit-Erziehenden und die Klage über die vaterlose Gesellschaft
6. Freundinnenschaften und Konflikte unterschiedlicher weiblicher Lebensmodelle
7. Beziehungsvielfalt und Engagement jenseits von Paar- und Familienstrukturen: Die „allein“lebende Frau
8. Abstrakte Beziehungen und formalisierte Rechte: wie Gesellschaft denken?
9. Geld als Symbol der Abhängigkeit und Mittel der Politik
10. Reichtum und Armut als Beziehungsfragen
11. Notwendigkeit und Wertschätzung der Familien- und Hausarbeit
12. Jenseits marktwirtschaftlicher Zweckrationalität: Care-Arbeit
13. Sinnvolle Arbeit, gelingende Beziehungen: Orientierungen von Frauen in der Erwerbsarbeit
14. Das innovative Potential des „Ehrenamts“
15. Zu wenig und zu viel: Arbeitslosigkeit und Arbeitsüberlastung
16. Die Öffentlichkeit, die Frauen und das männliche Imaginäre
17. Noch einmal: Politik und Wirtschaft

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Was Feministinnen vom Apostel Paulus lernen könnten http://www.bzw-weiterdenken.de/2019/11/was-feministinnen-vom-apostel-paulus-lernen-koennten/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2019/11/was-feministinnen-vom-apostel-paulus-lernen-koennten/#comments Sat, 23 Nov 2019 17:33:19 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=14911

Auf dem Markt des Glücks

Das Bekehrungserlebnis des Apostels Paulus, wie es in der biblischen Apostelgeschichte (Apg. 9, 1-9) und von ihm selbst in seinen Briefen berichtet wird, interpretiert Luisa Muraro ebenfalls als Erfahrung des Hereinbrechens von Ungedachtem. Durch das Schockerlebnis eines gleißenden Lichts und das Hören einer Stimme bei einer Reise nach Damaskus war der spätere Apostel zunächst erblindet und hatte sich dann vom Christenverfolger zum Verkünder der christlichen Botschaft gewandelt. Obwohl er Jesus nicht persönlich gekannt hatte, wurde er zum dreizehnten Apostel. (Auch die Zahl der Apostel ist übrigens symbolisch zu verstehen). Da er sich nun berufen fühlte, die Botschaft nicht nur seinem eigenen Volk, sondern allen Völkern der Erde zu bringen, kann jenes Hereinbrechen von Ungedachtem dafür verantwortlich gemacht werden, dass aus dem Christentum nicht nur eine jüdische Sekte, sondern schließlich eine Weltreligion wurde.

Zunächst geht Muraro anhand dieser Geschichte auf das Durchbrechen der Kontinuität des Zeitablaufs ein, das mit einem solchen Ereignis verbunden ist. Die Erfahrung der Zeit ändere sich radikal, wenn das Ungedachte in das bewusste Leben des Denkens einbreche und sich als Einziges aufzwinge, über das nachzudenken sei, „umso rechthaberischer und anmaßender, je mehr ihm die Worte fehlen“ (S. 61). Wie ein Keil im Felsen stoppe es das sonst so mächtige Zeitgeschehen, das von einem „Hofstaat“ an Gewohnheiten, Beschäftigungen, Verpflichtungen und Erwartungen getragen wird, es halte den unaufhörlichen Zeitfresser an, der keine Leere in unserem Leben entstehen lässt. Mit dem Ungedachten tue sich plötzlich eine unvorhergesehene Unterbrechung des Festgelegten, Vorgeschriebenen und Unumstößlichen auf, durch die das „von nun an“ leer erscheine wie ein unbeschriebenes Blatt. 

„In der Unterbrechung der Realität durch ein extremes Erlebnis, durch einen Unglücksfall, durch die Liebe oder die Begeisterung für eine Entdeckung wird der Zeitablauf angehalten, mit seiner Last an Dingen, die Gegenwart und Zukunft verdunkeln, und wird zu einer Vergangenheit, die nicht zählt, nicht bedrückt, nichts mehr vorschreibt und fordert. Alles ist abgeschafft. Als Subjekt, das wir waren, mit einer Unmenge an Beschäftigungen, gleichgültig ob frei gewählt oder auferlegt, entdecken wir jetzt die Freiheit, oft ohne zu wissen, was wir mit ihr anfangen sollen, und manchmal löst das eine schreckliche Angst aus. […] Die Erfahrung der Freiheit ist nicht immer so schön, wie sie klingt. Auch die Welt ist abgeschafft.“ (S.61/62). Und doch kann ein solches Geschehen auch eine Rettung sein. Das Lebendige verlangt, aus dem Nicht-Sein-Dürfen errettet zu werden. Aber auch die normalen Dinge wollen ja weiter bestehen, wofür man sie nicht tadeln kann. 

Es kommt tatsächlich oft vor, dass nach einem solchen Schockerlebnis alles wieder wie vorher wird. Das passiert meist aus Trägheit oder einer Art Automatismus heraus und bedeutet einen großen Verlust. Ein möglicher Umsturz, eine Lebenswende, die immer etwas Großes ist, ob sie nun für ein Leben gilt oder für Millionen, wird wieder von der Vergangenheit eingeholt und zugedeckt. „Das Leben geht weiter“, sagen wir oft zu den Menschen, die ein Unglück getroffen hat.

Es kann aber auch anders laufen, nämlich dann, wenn die Welt – für Muraro können das auch nur drei oder vier Personen sein – nicht der Trägheit der Dinge unterliegt, dem sozialen Druck der VerteidigerInnen der Kontinuität, den Entscheidungen derer, die sich als Herren aufspielen, im Denken oder in der Politik. Das gelingt aber nur dann, wenn eine Vermittlung für das vorher Ungedachte und Undenkbare gefunden wird, wenn Worte und Bilder da sind oder erfunden werden, um das nun komplett leere Blatt zu beschreiben. Das, so Muraro, geschah bei der Bekehrung des Saulus zum Paulus, die von dem Maler Caravaggio wie ein wirkliches Umgeworfensein, ein Auf-den-Kopf-gestellt-Werden dargestellt wird. 

Paulus ist für Luisa Muraro eine ungewöhnliche und großartige historische Persönlichkeit. Über ihn und vor allem über seine Briefe, die ja lange vor den eigentlichen „Evangelien“ geschrieben wurden, wurde „jahrhundertelang meditiert, studiert, gemalt, geschrieben, polemisiert und gelehrt, bis heute“ (S.64). Und zwar von einer langen Reihe unterschiedlichster Personen, zu denen sich auch Muraro selbst zählt, wenn auch eher als eine Person, die sich in abgerissener Kleidung von der Straße her eingeschlichen hat, um mit prächtig gekleideten Menschen an einem Fest teilzunehmen.

Was mit Paulus geschah, konnte gar keine Bekehrung in der späteren Bedeutung sein, denn es gab ja das Christentum noch gar nicht, auch das Wort „christlich“ existierte noch nicht. Es gab nichts, auf das er sich beziehen und woran er sich festhalten konnte. Durch etwas, was in seinem Inneren explodiert war, wurde Paulus aus seiner Welt eines gelehrten Juden herausgeschleudert und fiel buchstäblich ins Leere. Der Theologe und Philosoph Meister Eckhart, der am Anfang des 14. Jahrhunderts manche seiner Predigten auf Deutsch schrieb, damit Frauen und das einfache Volk sie verstehen konnten, beschreibt die Blindheit des Paulus folgendermaßen: „Er stand auf und sah mit offenen Augen das Nichts, und dieses Nichts war Gott“. Später wurde daraus: „Als er das Nichts sah, sah er Gott“ (zit. n. Muraro S. 66). Wenn ein Unglück einen Menschen niederschlägt, wenn eine Liebe entsteht oder wenn jemand eine große Entdeckung macht, sind solche extremen Erfahrungen Muraro zufolge möglich.

Von da an ist Paulus immer in Eile, wie seinen Briefen zu entnehmen ist. Denn, so Muraro, in Gegenwart des Allergrößten zieht sich die Zeit zusammen wie eine nasse Schnur. Sie sich wieder ausdehnen zu lassen, sie für nichts verstreichen zu lassen, würde bedeuten, dass man sich selbst zu Abwegen verdammt, die ins Verderben führen. 

In seinen Briefen (z.B. in Phil 3, 5-8)  schreibt Paulus immer wieder über die Ungeheuerlichkeit dessen, was ihm im Moment des Niedergeworfenseins aufgegangen ist: Der Messias ist gekommen, und „wir gesetzestreuen Juden, wir Auserwählten Gottes, haben ihn verurteilt, also ist das Gesetz, dem ich mein Leben gewidmet hatte, nicht Quelle des Lebens, es macht uns nicht gerecht. Stattdessen rechtfertigt und rettet uns einer, den das Gesetz verurteilt hat, einer, der am Kreuz gestorben ist“ (S. 67). Für Paulus war der Tod am Kreuz wohl eine größere Erschütterung als die unglaubliche Vorstellung einer Auferstehung von den Toten. Paulus bezeichnet sich von da an oft als Jesu Sklave, Jesus Christus ist sein Herr. Vielleicht sei es für Männer etwas besonders Wichtiges, einen Herrn (eine Zugehörigkeit, ein Vaterland, ein Ideal …) zu haben, überlegt Muraro an dieser Stelle, und führt den Film „Ronin“ an, in dem dies ebenfalls deutlich wird.

In den Briefen an die Gemeinden, die er bei seinen Reisen gegründet bzw. besucht hat, vermittelt Paulus die Vorstellung, dass die Vollendung der Welt nahe bevorstehe, was übrigens nicht gleichbedeutend mit dem Ende der Welt ist. Und er lädt die „Brüder“ dazu ein, sich entsprechend der Liebe zu verhalten, mit der sie immer schon geliebt wurden. Manchmal spüre man dabei die „typische Präpotenz einer Mutter“, schreibt Luisa Muraro, beispielsweise bei den Worten „Mach mir diese Freude, mach mich glücklich“.

Doch wo findet Paulus die Vermittlungen, die Worte, Bilder und Gedanken, um das Unsagbare zu sagen?, fragt Muraro weiter. Merkwürdigerweise, wahrscheinlich ist das aber auch unumgänglich, findet er sie in der Vergangenheit, mit der er gebrochen hat, in der religiösen Kultur eines hellenisierten gebildeten Juden. Er nimmt alles aus dieser Kultur und gestaltet es neu, so wie er selbst durch das ungedachte Denken umgestaltet worden ist, das nun zum Leitgedanken wird. Muraro hat schon lange versucht, diese einzigartige Kontinuität zwischen Judentum und Christentum zu begreifen, die auch in den Texten des Paulus zu Komplikationen geführt hat. Für sie bleibt es ein Geheimnis der menschlichen Geschichte, das auf schmerzliche Weise verschärft wurde durch die wiederholten Judenverfolgungen von Seiten der Christen.

Die Vision des Paulus war ganz anders: „Christus ist unser Friede. Er hat uns allen den Frieden gebracht und Juden und Nichtjuden zu einem Volk verbunden. Er hat den Zaun abgerissen, der beide trennte und zu Feinden machte“, schrieb er an die Gemeinde in Ephesus (Eph 2, 14). Hat er sich also geirrt?, fragt Muraro. „Nein, ich glaube vielmehr, dass er nicht die Vorstellung hatte, eine neue Religion ins Leben zu rufen, wie es dann ja, auch aufgrund seiner Predigten, geschehen ist, sondern dass er etwas anderes schaffen wollte als alles, was Religion genannt wird. Und in gewissem Sinne ist ihm das auch gelungen, aber nur in Bezug auf die Mystik“ (S. 69). In der Geschichte des Christentums würden nur durch die Mystiker und Mystikerinnen Paulus’ eigentliche Anliegen wieder aufgenommen, habe einer zu Muraro gesagt, der sich damit auskenne. 

Muraro bezweifelt, dass sich bei Paulus tatsächlich die Dialektik zwischen Bestätigen, Ablehnen und Wiederaufnehmen findet, die u.a. Luther und Hegel ihm zugesprochen haben, insbesondere in Bezug auf das Gesetz (die Torah), die er durch Christus sowohl abgeschafft als auch zur Vollendung gebracht sieht. Hier gibt es nicht die kanonischen drei Momente der Dialektik, sondern nur zwei, die durch einen Schnitt (oder eine Wende) getrennt sind. Für Paulus drückt das Kreuz der Welt den Stempel eines paradoxen Handelns auf, das sich im Verborgenen und in der Schwäche vollzieht, unter denen, die nicht den Glauben der Macht dieser Welt haben bzw. suchen und die ebenso wenig daran glauben, dass die Befolgung von Gesetzen zur Gerechtigkeit führt. Diese streben nicht den Fortschritt der Dinge an, sondern verwandeln sie aus ihrem Inneren heraus. Für sie scheint die Geschichte in der Schwebe zu sein, in einer Unterbrechung, ohne Entwicklungen vor sich zu haben: in sich selbst, „in ihren Eingeweiden“, trägt sie den Samen der Transformation.

In Worten, die nicht aus einer Religion stammen, aber auch nicht höherwertig als eine Religion oder gegen sie sind, ist das Ungedachte die Berührung zwischen der göttlichen Gnade und unserer Freiheit, ein Kontakt im Sinne von den beiden Seiten einer Münze. Freiheit ohne göttliche Gnade macht Angst. Und umgekehrt? Die Göttliche Gnade „ohne unsere Freiheit kann es nicht geben, scheint Paulus zu antworten, nicht in spekulativen Worten, sondern mit seinem Leben selbst, dem Leben eines Eilenden, weil sich in unserer Freiheit die Wirksamkeit des göttlichen Worts manifestiert“ (S.70).

Wenn beides in Kontakt miteinander ist, entsteht daraus jene Intensivierung der Zeit, die kairós genannt wird, die Zeit der zusammengezogenen nassen Schnur, die Zeit, in der sich alles verschärft, die Zeit eines „Mehr“, das dem „Extra“ entspricht, das bestimmten Kunden zu einer Ware hinzugegeben wird. 

Die Geliebte und heimliche Ehefrau des französischen Sonnenkönigs, Madame de Maintenon, schrieb einer Freundin: „Er nimmt all meine Zeit; den Rest bekommt Saint Cyr, dem ich alles geben möchte“ (zit. n. Muraro, S. 71). Die Schule Saint Cyr, in der arme Mädchen unterrichtet wurden, hatte sie gegründet. Zu dem Gedanken einer Zeit besonderer Qualität könnte Madame de Maintenon durch einen Text des Paulus angeregt worden sein, doch sie könnte dieses Phänomen auch selbst entdeckt haben durch die Erfahrung einer außerordentlichen Beschäftigung jenseits der vollständig von der Vereinnahmung durch den König besetzten normalen Zeit. In dieser besonderen Zeit versteckt sich das, was am kostbarsten ist. Das wissen besonders auch jene Frauen, die kleine Kinder zuhause haben und außer Haus arbeiten.

Für Muraro gibt es keinen Zweifel, dass von einem politischen Erbe des Paulus gesprochen werden kann. Dieses steht nicht für sich allein, sondern ist immer mit seiner religiösen Schöpferkraft verbunden. Muraro widerspricht der Aussage, er habe sich wie die anderen Gläubigen der ersten Generation des Christentums aus „eschatologischer Gleichgültigkeit“ nicht für Macht und Politik interessiert, weil er an die baldige Wiederkehr Christi geglaubt habe. „Paulus lehrt dagegen die Abkehr von der Macht, die keineswegs Gleichgültigkeit gegenüber der Politik bedeutet, sondern eine befreiende Umgewichtung der auferlegten Sichtweisen. Er kennt sehr wohl das Leiden unter dem römischen Imperialismus und die – inadäquate – Antwort des jüdischen Separatismus darauf, auch sind ihm die Fragen sehr präsent, die die damalige Gesellschaft und daher in gewissem Maße auch die christlichen Gemeinden bewegen. Für ihn gibt es eine Antwort darauf, bei Jesus Christus, der ein Mysterium ist“ (S. 72). Paulus verzichtet nicht darauf, diese Antwort bekannt zu machen und Worte dafür zu finden: „Der Welt, die sich nach Freiheit und Glück sehnt, sagt und schreibt er, dass Gott uns liebt und dass er die Klage seiner Kreatur gehört hat, dass es genügt, ihm zu vertrauen“ (ebd.). Was das heißen soll, zeigt er mit seinem Leben, und es gelingt ihm immer wieder, die unerschöpfliche Antwort, die im Unsagbaren seiner inneren Erfahrung eingeschlossen ist, auch in Worten auszudrücken. Dabei entwirft er nicht die ganz andere ideale Endzeitwelt und stellt sie einer verdorbenen und verdammten Welt gegenüber, sondern er weist auf „das Durchscheinen der einen in der anderen Welt hin, nicht durch großartige Zeichen, doch durch wahrhaftige“, die sichtbar machen, dass da etwas arbeitet, dass es eine arbeitende Präsenz gibt. „Die geistige Haltung und die Praxis, um das Reich Gottes ankommen zu lassen, wird also von ihm entworfen, gelehrt und selbst ausgeübt – immer in einer engen Austauschbeziehung mit den anderen, mit Frauen und Männern – in überraschend neuen und revolutionären Begriffen. Wir können dies vertiefen und für uns selbst nutzen, es aber auch kritisieren, wo das notwendig ist“ (S. 72/73) .

An dieser Stelle geht Muraro auf die Paulus zugesprochene Frauenfeindlichkeit ein, wobei sie diesen Begriff für übertrieben hält. Heute sei der große Beitrag von Frauen zum beginnenden Christentum – in Jerusalem, in Rom und in anderen Städten – gut dokumentiert. Zweifellos habe Paulus das wahrgenommen und wertgeschätzt, vielleicht mehr, als er gezeigt habe. „Doch auch er tendierte wie andere Männer in allen Zeiten und an allen Orten dazu, den Frauen Vorschriften zu machen, um das Problem zu lösen, das Männer mit Frauen haben. Und er kannte ja den Jesus der Evangelien nicht, die später geschrieben wurden. Von ihm hätte er vielleicht lernen können, sich den Männern zuzuwenden, um sie dazu einzuladen, sich das bewusst zu machen“ (S. 73).

Die Passage aus dem Galaterbrief (Gal 3, 27-28), die oft herangezogen wird, um Paulus vom Vorwurf der Frauenfeindlichkeit freizusprechen, hält Muraro allerdings nicht für hilfreich: In Christus sei nicht Jude oder Grieche, Sklave oder Freier, nicht Mann oder Frau, sondern alle seien eins. Da ja auch Paulus ein Mann war, der von einer Frau geboren wurde, leuchtet ihr nicht ein, warum in einer geschlechtlich geprägten Menschheit nicht gerade die Geschlechterdifferenz als das Heil oder ein Mittel dazu gesehen werden konnte, anstatt als etwas, das Probleme schafft.

Dies schmälert für Muraro jedoch nicht die politische Bedeutung der Predigten des Paulus. Er wirbt für eine radikale Nicht-Anpassung an eine Welt, in der das Gesetz der einzige Schutz vor der inneren Unordnung des Egoismus und der kollektiven Unordnung der Machtbeziehungen sein soll. „Der Sinn der Einladung des Paulus an die römischen ChristInnen, sich nicht vom Bösen besiegen zu lassen, sondern das Böse mit Gutem zu überwinden, sticht gerade in unserer Zeit ins Auge, in der die Feindseligkeit gegen das Andere, ausgelöst durch die Hektik unserer Zeit und die räuberischen Methoden der Globalisierung, sich in Teufelskreisen hochschaukelt, die weder das Gesetz noch die Ethik stoppen können. Wenn Paulus die Höherwertigkeit von Glaube und Vertrauen gegenüber dem Gesetz betont, lehrt er uns die einfachste Methode, um die Überflutung des Raums der Freiheit durch die gesetzgebende Macht aufzuhalten. Er lehrt, anstatt Rechte einzufordern die Kraft des inneren Lebens zu verstärken und damit das Zusammenleben zu verbessern. […] Er lädt dazu ein, sich nicht mit dem und jenem zu begnügen, sich nicht an vergängliche Dinge zu binden, nicht die gesellschaftliche Realität, das realisierte Reale, zum Maßstab zu machen, sondern sich stattdessen auf die große Herausforderung der Freiheit einzulassen und sich in einen größeren Horizont einzuschreiben“ (S. 74).

Wir können beobachten, wie Paulus sich vom jüdischen Nationalismus und vom römischen Imperialismus freimacht, nicht durch Dialektik, sondern durch Ausweichen, mit einem Schritt zur Seite, ohne in Opposition zu gehen, indem er scheinbar unbedeutende symbolische Mittel einsetzt, die jedoch außerordentlich wirkungsvoll sind. Durch sein Ausweichen tritt er aus der Zeit des Königs heraus und tritt ein in die Freiheit der Kinder Gottes. Dadurch entkommt er auch dem Extremismus des Alles-oder-Nichts, der zwar weiterhin am Horizont droht, aber nicht die Führung übernimmt. Es ist die Geduld, die die Führung übernimmt, und das Achten auf Zeichen in den kleinen Dingen.

Muraro hält es auch „gerade für uns“ für ein gutes politisches Erbe, dass Paulus der Innerlichkeit so viel Wert beimisst, die nach seinem Denken der universelle und nicht der außergewöhnliche Ort für die Begegnung mit dem Göttlichen darstellt. Paulus spricht oft vom inneren Menschen. „In seiner Nachfolge wird das Christentum zu einer „Philosophie“ der Innerlichkeit werden, nicht im Geheimen kultiviert wie unter den Philosophen der Antike, sondern gesprochen, gesungen und darüber hinaus praktiziert mit den Nächsten und den Anderen“ (S. 75). In der Innerlichkeit wird Gott für alle erreichbar, auch für „alte Frauen, Kinder und Arbeiter“, wie ein Kritiker jener neuen Philosophie einmal schrieb.

Eine enge Verbindung besteht zwischen der öffentlichen Wertschätzung für das inwendige Leben und der Loslösung von der Macht. Paulus lehrt die Praxis dieser Loslösung und der Neutralisierung der Auswirkungen der Macht, die ja auch in unserem Inneren vorhanden sind, in Form von Angst, Untertanengeist und Vergötterung. Das Subjekt kann sich durch jene Praxis von der Fixierung auf Machtbeziehungen und die Logik der Frontenbildung lösen. Das hat sehr konkrete, praktische Auswirkungen. Denn die Macht, andere zu dominieren, nährt sich ja von dem Vertrauen, das die Untertanen den Mächtigen entgegenbringen. Ohne das Denken und die Praxis der symbolischen Unabhängigkeit von der dominierenden Macht sei die Ausdehnung des Christentums in den ersten Jahrhunderten nicht zu erklären, betont Luisa Muraro.

In der Sekundärliteratur zum Denken des Paulus fiel ihr auf, dass gerade der politische Aspekt seiner Lehre zur Loslösung von der Macht nicht angemessen gewürdigt wird. Die christliche Tradition habe diese Gedanken wohl aus den Augen verloren und sei zur alten Verwechslung von Politik und Macht des römischen Reiches zurückgekehrt. Die Schwierigkeit bestehe Muraros Ansicht nach auch darin, dass das christliche Denken aus Erfahrungen, symbolischen Bedürfnissen und einem Austausch von Männern und unter Männern geformt und in einer nicht weniger einseitigen Tradition weitervermittelt worden sei. Auch die Denker, die in der Auseinandersetzung mit einer bestimmten modernen Philosophie einräumen, dass Menschen nicht unabhängig, nicht autark sind, landen in ihrer Argumentation direkt bei der Abhängigkeit von Gott und überspringen die Abhängigkeit von der Mutter. Damit überspringen sie etwas, das für die Rettung der Welt unabdingbar notwendig ist, nämlich die Entwicklung des sozusagen banalen, alltäglichen Sinns für das Prekäre und Verletzliche. Etymologisch kommt „prekär“ von „etwas durch Gebete Erhaltenes“, „etwas Kostenloses“, und gibt gut die Art und Weise wieder, wie die kleinen Kreaturen, die zur Welt kommen, auf die mütterliche Potenz bezogen sind.

Muraro sieht viele Anzeichen dafür, dass es für einen Mann, der in unserer Kultur erzogen wird, wirklich schwer ist, die eigene Erfahrung in symbolischen Formen zu leben und zu denken, die nicht im Einklang mit der Ordnung von Recht und Gesetz und dem Maßstab der Macht stehen, ob er sich nun unterwirft oder ob er rebelliert. Auch wenn er entdecke, dass es im Leben der Beziehungen und der Gesellschaft oder in wenig beachteten Spuren der Vergangenheit eine Ordnung gibt, die unabhängig ist von der des Gesetzes, tendiere er dazu, dies als Annäherung an ein bestimmtes Recht zu interpretieren, nicht als eine ganz andere Möglichkeit, Ordnung zu denken und zu schaffen. (Mir fällt dazu ein, wie schon die Herausgeber seines Werks und dann auch die späteren Interpreten die Entdeckung des Ethnologen Marcel Mauss, dass es eine Welt der Gabe gibt, die ganz anders funktioniert als die Welt des Tauschs, schnell wieder in der Versenkung verschwinden ließen, indem sie seine Beobachtungen in die als umfassender verstandenen Tauschregeln einordneten).

„Und doch wurde jener Mann, der überzeugt davon ist, dass menschliches Zusammenleben nicht ohne Recht und Gesetz möglich ist, geboren und aufgezogen von Frauen. Und mit Frauen zusammen lebt, isst und schläft er und genießt manchmal das Leben. Merkt er nicht, dass das Innere des Haushalts keiner gesetzlichen Ordnung folgt? Und dass die Qualität des Zusammenlebens nicht von einer gut oder schlecht eingesetzten Macht abhängt? Das ist wie bei einem riesengroßen Flüchtigkeitsfehler, an dem wir so nah dran sind, dass er gleichsam nicht erkennbar ist“ (S. 77).

Vielleicht stellte das Dasein der Frauen immer und überall und bis gestern das größte Ungedachte unserer Menschheit dar? Es zu denken, bedeutet dann eine unerschöpfliche Quelle von Umbrüchen für alle.

Zum Schluss erzählt Luisa Muraro noch ein eindrückliches Beispiel dazu: Bei einem gemeinsamen Essen mit gebildeten und engagierten Menschen kam das Gespräch auf das Massaker an jungen Männern, das der erste Weltkrieg bedeutete. Muraro erinnerte an die ungeheure Menge vernichteter Arbeit jener Frauen, die diese Männer zur Welt gebracht und aufgezogen hatten. Darauf schwieg der Mann an der Stirnseite des Tisches und erklärte später sein Erstaunen, das ihn als marxistischen Denker besonders traf: Er hatte noch nie daran gedacht.

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Feministisches Urgestein: Die Philosophin Dorothee Markert http://www.bzw-weiterdenken.de/2019/11/feministisches-urgestein-die-philosophin-dorothee-markert/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2019/11/feministisches-urgestein-die-philosophin-dorothee-markert/#comments Wed, 20 Nov 2019 21:00:47 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=14784 Von der Frauenbewegung im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts kennen wir einige wenige Gesichter, die sich die Medien herausgepickt haben und immer wieder hervorholen. Doch ohne die vielen weniger prominenten Frauen, die es auch noch gegeben hat, wäre der große Erfolg der Frauenbewegung nicht möglich gewesen. In einer kleinen Serie möchten wir auf bzw-weiterdenken über einige von diesen Frauen erzählen. Wie sind sie zu ihrem frauenpolitischen Engagement gekommen, was machen sie heute?

Wir freuen uns übrigens über Artikel oder Vorschläge zu weiteren Frauen, deren Leben wir hier vorstellen können.

Dorothee Markert liebt es, zu denken – am liebsten mit anderen zusammen.

Eigentlich wollte ich gar nicht über meine bzw-weiterdenken-Kollegin Dorothee Markert schreiben, denn sie hat so viele Bücher und Artikel veröffentlicht, dass sie eher zu den bekannten und nicht zu den weniger bekannten Feministinnen gehört. Andererseits ist es mir ein Anliegen, auch eine feministische Philosophin in dieser Serie vorzustellen – und da ist Dorothee ein besonders eindrückliches Beispiel, denn sie ist eine philosophische Denkerin aus tiefstem Herzen. Schon vor Jahren hat sie mich einmal gefragt: „Kannst Du mit Deinem Mann zusammen denken? Für mich ist es in einer Beziehung besonders wichtig, dass wir gemeinsam denken können.“ Und so heißt denn auch ihr Blog, in dem sie ihre Gedanken mitteilt, (wenn sie es nicht auf beziehungsweise-weiterdenken tut) Ich kann nicht ohne … politisches Denken. Außerdem ist sie ein feministisches Urgestein und hat 1972 entscheidend zur Gründung der Frauenbewegung in Freiburg beigetragen. Da war sie noch Lehramtsstudentin.

Und damit sind wir schon mittendrin in ihrer Geschichte, die immer wieder von Denkanstößen, Initiative und Neubeginn, aber auch von Enttäuschungen geprägt ist. 1950 geboren, ist Dorothee Markert auf der Schwäbischen Alb aufgewachsen und hat, wie sie in ihrem Blog beschreibt, schon in der Küche ihres Elternhauses mit ihrer Schwester diskutiert: Über alltägliche Fragen wie das Für und Wider von Sonntagskleidern ebenso wie über die Bedeutung des Vietnamkrieges für die Familien der gefallenen Soldaten. Da lag es nahe, dass sie sich als junge Studentin in Freiburg linken Basisgruppen anschloss. Von Feminismus war zunächst noch keine Rede. „Doch zwei Frauen von uns“, berichtet Dorothee, „hatten Kontakt zu einer Frauengruppe in Frankfurt – und die wiederum hatten Texte von amerikanischen Feministinnen übersetzt. Das war die Initialzündung für mich. Da wir an der Pädagogischen Hochschule zu 70 Prozent weiblich waren, hatten wir uns überlegt, dass auch wir jetzt etwas nur für Frauen machen wollten. Aber: Die Genossen von der linken Basisgruppe haben das nicht erlaubt. Sie hatten Angst, dass wir den vermeintlichen Nebenwiderspruch zum Hauptwiderspruch machen würden. Wir haben es aber trotzdem gemacht.“

Von sich selbst ausgehen

„In dem Buch der Amerikanerinnen ging es auch um Consciousness-Raising“, erzählt sie. Ein Begriff übrigens, den ich bis heute nicht in der deutschen Wikipedia finde und der sich auch nur schwer übersetzen lässt. Dorothee erklärt ihn folgendermaßen: „Frauen treffen sich, um sich mit ihrem eigenen Leben zu beschäftigen. Sie nehmen ihre Sichtweise darauf wichtig, ziehen Schlüsse daraus und entwickeln dadurch ihr politisches Denken. Es geht nicht um die Erfahrungen Anderer, sondern um den eigenen Ansatz.“

Nach einigen Wochen Consciousness-Raising beschlossen die sechs Freiburgerinnen – und mit ihnen Dorothee – eine eigene Frauengruppe zu gründen, luden mit Flugblättern dazu ein und hatten gleich viel Zuspruch. Für Dorothee mündete das schon bald in eine gewisse Enttäuschung: „Mir war Consciousness-Raising ganz, ganz wichtig. Ich habe die Methode erklärt und dafür gesorgt, dass sich Gruppen bildeten. Leider hat das nicht so viele interessiert. Während ich wollte, dass wir selber herausfinden, was für uns das Wichtigste ist, wurden stattdessen politische Themen und Schlagworte übernommen. Auch das Aufbegehren gegen den § 218, was ich grundsätzlich wichtig fand, kam ja von außen. Die männlichen Genossen haben uns dabei unterstützt, aber mich haben die Slogans gestört, die waren so platt. Unterdrückung und Benachteiligung waren nicht mein Thema, ich wollte weibliche Stärke und weibliche Würde entwickeln, etwas, worauf wir stolz sein können.“

Einige Jahre hat Dorothee Markert sich in der Freiburger Frauengruppe engagiert und sich dann langsam zurückgezogen. „Gleichzeitig war das die Zeit meines Coming-Outs als gleichgeschlechtlich liebende Frau.“ Parallel dazu nahm ihr beruflicher Werdegang seinen Lauf. Nach dem Lehramtsstudium von 1969-1972 folgte 1974 der Abschluss als Diplom-Pädagogin. Mehr als 20 Jahre arbeitete sie dann als Lehrerin an verschiedenen Schulen im Schwarzwald. „Doch eigentlich war dieser Beruf nichts für mich. Ich habe gedacht, ich muss mich durchbeißen und habe das einigermaßen hingekriegt. Doch glücklich war ich nicht.“ Zwischendrin ließ sie sich beurlauben, um „Ausländerpädagogik, wie man es damals nannte“ zu studieren, bevor sie sich dann im Januar 1997 entschloss, ihre sichere Beamtenstelle aufzugeben und den Schuldienst zu verlassen. „Ich bin heute noch heilfroh, dass ich mich so entschieden habe. Den Weg über Krankheit und Frühpensionierung wollte ich nicht gehen, obwohl ich einige gesundheitliche Probleme hatte. Stattdessen hatte ich mir ausgerechnet, wie viele Stunden ich putzen müsste, um zu überleben.“ So weit kam es nicht. Vielmehr arbeitete sie fünf Jahre in der sozialpädagogischen Familienhilfe. „Doch das stimmte mich unbefriedigt und traurig, weil ich erlebte, wie wenig man in den Familien helfen konnte. Die Hauptprobleme wurden ja meistens von den Männern verursacht, und die waren bei den Gesprächen nicht dabei.“ Nach einer Weiterbildung in Legasthenie-Therapie hat sie schließlich eine eigene Praxis für Lerntherapie aufgemacht und Kinder gefördert, die nicht lesen konnten. „Das war genau das Richtige für mich, und ich habe es fast bis zum Rentenbeginn 2015 gemacht.“

Dieses Denken muss in die Welt

Neues zu lernen, zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben dieser denkfreudigen Frau, die sich während ihrer beruflichen Entwicklung immer auch Gedanken über die Welt gemacht hat und offen für noch nicht etablierte Strömungen war. „In der Evangelischen Erwachsenenbildung in Freiburg gab es in den 1980er Jahren Gruppen, in denen zu besonderen Themen gearbeitet wurde. In der ersten Gruppe ging es nach einem Seminar mit Gerda Weiler zunächst um Matriarchatsforschung. In der zweiten Gruppe haben wir gemeinsam das grüne Sottosopra ‚Mehr Frau als Mann‘ von den mir damals noch unbekannten italienischen Philosophinnen gelesen. Da hat es mich erwischt, das war mein Schlüsselerlebnis.“ Immer noch begeistert erläutert Dorothee: „An bestimmten Worten ist mein Begehren aufgeflammt, zum Beispiel: ‚Eine gemeinsame Welt der Frauen‘, ‚Stärke gewinnen‘, oder ‚Im Licht eines lebendigen Begehrens‘. Ich hatte das Gefühl, dieses Denken muss in die Welt.“ Als ich Dorothee frage, was denn das Besondere an dem Denken der Italienerinnen ist, erklärt sie: „Die Italienerinnen gehen nicht von Defiziten wie Unterdrückung und Benachteiligung aus, sondern von Stärke. Einer Stärke, die aus dem Begehren kommt, aus dem, wonach sich die einzelne Frau sehnt – und vom Fruchtbarmachen der Unterschiede zwischen den Frauen.“ Wegen der Bedeutsamkeit der Unterschiede und weil es nicht um Gleichheit der Frauen geht, läuft das Denken der Italienerinnen auch unter dem Begriff ‚Differenzfeminismus‘. Dorothee konnte damit an das anknüpfen, was sie schon beim Consciousness-Raising fasziniert hatte und was verloren gegangen war, „nämlich von mir selbst auszugehend zu denken und daraus etwas zu machen.“

Dann haben die Frauen der ersten Gruppe drei Jahre lang gemeinsam das Buch ‚Wie weibliche Freiheit entsteht‘ der Libreria delle donne di Milano, des Mailänder Frauenbuchladens, gelesen, in dem die oben erwähnte neue politische Praxis vorgestellt wurde. Während der Zeit kam es auch zu einer Reise zu den Diotima-Philosophinnen nach Verona. Das war für Dorothee Markert sehr wichtig, „denn immer, wenn ich Ideen gut finde, muss ich mich überzeugen, wie die Menschen sind, die dahinter stehen. Wenn ich eine Philosophin bin, dann eine, die schaut, wie das Denken ins Leben kommt. Wie die italienischen Frauen sich präsentiert und uns mit in ihr Denken hineingenommen haben, hat mich sofort sehr überzeugt. Zuhause haben wir dann angefangen, dieses Denken auch an andere Frauen weiterzugeben und erste Artikel geschrieben.“ Die Schlangenbrut (eine nach mehr als 30 Jahren 2013 leider eingestellte Zeitschrift zur Feministischen Theologie) zum Beispiel gab 1997 ein ganzes Heft über ‚Affidamento – weibliche Autorität‘ heraus, zu dem Dorothee einen Artikel über die politische Bedeutung von Dankbarkeit beisteuerte.

Leidenschaft für gründliches Forschen

Um die Texte der Diotima-Philosophinnen besser zu verstehen, begann Dorothee damit, sich autodidaktisch auch in der klassischen Philosophie weiterzubilden. Sie denkt noch einmal über ihre Entwicklung nach: „Meine erste Begegnung mit philosophischen Texten hatte ich in den linken Schulungsgruppen. Sie faszinierten mich, weil sie etwas bewirken wollten. Aber von der Linken hatte ich mich ja mit Beginn der Frauenbewegung wieder abgewandt, weil sie so dogmatisch war. Da war so wenig Freiheit. Durch die Italienerinnen ist Hannah Arendt für mich wichtig geworden, die ja nie von sich gesagt hat, dass sie Philosophin ist, sondern sich als politische Denkerin bezeichnet hat.“ Sie fügt hinzu: „Ich finde Bildung was ganz Tolles. Nur: Das abgehobene Bildungsbürgertum, das einfach nur gescheit ist, interessiert mich nicht. Wenn man mal links gedacht hat, bleibt der Blick auf die soziale Umsetzung immer wichtig.“

Die italienische Denkerin Chiara Zamboni (von der Dorothee später viele Texte übersetzt hat, zuletzt ihr Buch ‚Denken in Präsenz‘ über mündliche Philosophie) veranstaltete zu der Zeit in Freiburg ein Seminar über Simone Weil. „Ich habe sie so beneidet, weil sie so viel wusste. Sie wusste alles über Simone Weil und konnte jede Frage beantworten. Das entsprach mir. Ich wollte mir nicht viele Themen vornehmen, sondern an einem Thema richtig gründlich arbeiten.“ Und so kam es, dass Dorothee Markert eine Dissertation anfertigte über ‚Weibliche Autorität in Kinderbüchern‘. Es geht darin um Lesen und Leseerziehung, um Vorbilder und um die Wirkung von Kinderbüchern. Sie kommentiert das folgendermaßen: „Gründlich zu forschen, das tue ich total gerne, das macht mir Spaß. Das habe ich ja später auch über die Gabe oder über den Pietismus getan.“ Doch es blieb nicht beim Forschen, Dorothee wurde zu einer großartigen Vermittlerin. Sie war nun unterwegs mit Seminaren und Vorträgen, in denen sie das Denken der Italienerinnen weiter entwickelt hat. Ein Teil dieser Vorträge erschien 2002 als wunderbares Buch mit dem Titel ‚Wachsen am Mehr anderer Frauen‘. Es geht darin um Themen wie Dankbarkeit, Arbeit am Symbolischen, Begehren, Beziehungen unter Frauen, Welt verändern und Macht. Während die Originaltexte der Italienerinnen auch in der Übersetzung recht mühsam zu lesen sind, werden die Gedanken bei Dorothee, auch durch zusätzliche Beispiele, recht anschaulich. Sie selbst meint dazu: „Im Rückblick war mein Lebensweg gar nicht so schlecht. Weil ich Grund-, Hauptschul- und Förderlehrerin war, hab ich das Vermitteln gelernt, das mir so viel Freude macht.“

Geniale Vermittlerin

Inzwischen ist es eine Spezialität von ihr, Texte der Italienischen Philosophinnen, die nicht auf Deutsch erschienen sind, zusammenfassend und kommentierend zu übersetzen. Sie macht das abschnittsweise hier im Forum beziehungsweise-weiterdenken. Aber auch das 2005 erschienene Buch unverbrauchte Worte,  / frauen und männer in der sprache von Chiara Zamboni ist ein schönes Beispiel dafür. Darin hat sie jedem Kapitel Bemerkungen mit ihren eigenen Gedanken und Assoziationen angefügt. Diese Übersetzungsarbeit gehört nun schon viele Jahre zu ihrem Philosophinnenalltag, doch sie gesteht mir: „Eigentlich konnte ich kaum Italienisch und ich kann bis heute nicht gut italienisch sprechen. Aber als mich ein Text so brennend interessiert hat, habe ich, mit Unterstützung einer der Diotima-Frauen einfach angefangen, zu übersetzen. Ich sehe mich selber als Philosophie-Vermittlerin, als eine, die die Philosophie ins Leben und in das politische Denken einbringt.“

Und sie präzisiert das noch: „Ich mag denken, mit anderen zusammen denken. Von sich selbst ausgehend denken und Gedanken von anderen fruchtbar machen für die Arbeit am guten Leben.“ Diese Leidenschaft für gemeinsames Denken brachte Dorothee in verschiedene Denkgruppen ein. Eine dieser Gruppen hat ein wichtiges Zeichen gesetzt mit der Flugschrift ‚Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn‘, die 1999 in der Reihe der kleinen quadratischen Bändchen im Christel Göttert Verlag erschien. Im Jahr 2012 erschien ebenfalls dort das mit anderen Denk-Kolleginnen erarbeitete ‚ABC des guten Lebens‘. In dieser Reihe finden sich übrigens weitere Bändchen von Dorothee, mit so anregenden Titeln wie ‚Fülle und Freiheit in der Welt der Gabe‘ oder ‚Nicht Mangel, sondern Fülle. Arbeiten neu Denken‘.

Dorothee Markert beim Übersetzen an ihrem Schreibtisch.

Dorothee Markert ist der Gegend um Freiburg treu geblieben. Seit fast 20 Jahren lebt sie mit ihrer Partnerin in einem kleinen Dorf bei Freiburg. Wenn sie an ihrem Schreibtisch im Dachgeschoss des Hauses sitzt, fällt ihr Blick auf die Vorberge des Schwarzwalds. Mit ihren fast 70 Jahren arbeitet sie dort immer noch viel. Zu ihrem Rentnerinnen-Dasein, in dem sie erst einmal alle Verpflichtungen hinter sich lassen wollte (und darüber auch geschrieben hat), hat sie bemerkt: „Richtig zufrieden bin ich erst wieder, seit ich begonnen habe, das Buch von Luisa Muraro ‚Auf dem Markt des Glücks, Die unverzichtbare Kraft des Begehrens’ zu übersetzen.“

Das Üben am Akkordeon gefällt Dorothee. Fotos: Juliane Brumberg

Daneben nimmt sie sich aber auch Zeit für Hobbies. „Ich habe mir einen großen Wunsch erfüllt und spiele in einem alteingesessenen Freiburger Akkordeon-Orchester mit. Dafür muss ich sehr viel üben – und das ist schön. Außerdem habe ich 2013 mit Karate angefangen und bereite mich gerade auf die Prüfung zum braunen Gürtel vor. Es ist ein Sport, der mir gut tut. Und bei beidem lerne ich ganz andere Menschen kennen, das gefällt mir.“

Da ich weiß, dass sie mehrere Jahre in ihrer evangelischen Kirchengemeinde engagiert war, frage ich sie zum Abschluss, wie es ihr gelungen ist, ihren Feminismus mit dem Christentum zusammenzubringen. Dorothee erzählt: „Mir ist Spiritualität wichtig und ich mag Gottesdienste. Sie tun mir gut und regen mich zum Denken an. Auch da brauche ich den politischen Bezug. Ich hatte das Glück, dass in unserer Gemeinde ein Pfarrer war, bei dem alles passte, auch die Freude an der Sprache. Leider war das vorbei, als der Pfarrer in Pension ging. Spiritualität interessiert mich nur im Zusammenhang mit dem Leben und mit Politik.“ Und dann holt sie noch etwas weiter aus und berichtet von einer weiteren Enttäuschung: „Mein erster Vortrag, den ich in Freiburg bei der Evangelischen Erwachsenenbildung hielt, hieß: ‘Auf dem Weg zu einer Kirche der Frauen‘. Nach diesem Vortrag hat sich eine Gruppe gebildet, von der ich hoffte, dass es eine politische Gruppe wird, die die Institution Kirche verändert. Aber bis auf eine Frau wollten die anderen eigentlich nur Spiritualität leben. Es wurde ein Ritualkreis daraus. Das hat mich zu wenig interessiert und ich habe die Gruppe ganz schnell wieder verlassen.“ Nach dem Gespräch habe ich das Bild einer Frau, die viele Impulse gegeben und viel angestoßen hat, damit aber nicht immer im Mainstream lag. Das war nicht einfach. Doch sie hat beendet, was ihr nicht behagte, und ist gleichzeitig auf der Suche und offen für ‚anderes‘ Denken geblieben. Nach fast 50 Jahren mitgestalteter Frauenbewegung in all ihren Höhen und Tiefen, freut es sie, „dass es jetzt in der jüngeren Generation wieder mehr Frauen gibt, denen Feminismus ganz wichtig ist“.

Zum Weiterlesen:

Ich kann nicht … ohne politisches Denken 

Unter diesem link findet sich eine Liste der von Dorothee Markert veröffentlichen Bücher und Übersetzungen.

Und hier die Auflistung ihrer Artikel auf bzw-weiterdenken.

Im Rahmen dieser Serie wurden bisher die Donaupriesterin Gisela Forster, die Feministin Barbara Linnenbrügger, die Malerin Waltraud Beck, die Professorin Monika Barz, die Historikerin Irene Franken, die Tagungsleiterin Herta Leistner, Dagmar Schultz, die Alltagsforscherin Maria Rerrich, die Matriarchatsfrau Siegrun Laurent, die Gründerin Claudia Gather, die Heilpraktikerin Bali Schreiber, die Verbandsfrau Marlies Hesse, Ika Hügel-Marshall, die Stiftungsverwalterin Gudrun Nositschka, die Berliner Frauenpreisträgerin Karin Bergdoll und die Sozialpädagogin Erni Kutter vorgestellt.

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Philosophinnen. http://www.bzw-weiterdenken.de/2019/11/philosophinnen/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2019/11/philosophinnen/#comments Wed, 20 Nov 2019 09:23:03 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=14919

Kürzlich ist als Sonderausgabe des Philosophie-Magazins ein Heft über „Philosophinnen“ erschienen, das ich euch empfehlen möchte. Ich durfte dafür sogar einen Beitrag über die Philosophinnengemeinschaft Diotima in Verona schreiben, und es ist ja nicht selbstverständlich, dass der Differenzfeminismus in solchen Kontexten wahrgenommen wird.

Natürlich ist die Auswahl der vorgestellten Denkerinnen letztlich etwas willkürlich, denn es gibt einfach zu viele. Und auch der Untertitel „Eine andere Geschichte des Denkens“ lässt jede Feministin kurz die Stirn runzeln. Anders als wer nochmal?

Aber die insgesamt fünf nach Zeitepochen gegliederten Abschnitte des Heftes sind doch eine gute Mischung aus Klassikerinnen (Hypatia, Hannah Arendt, Judith Butler) und weniger bekannten Namen (Anne Conway, Gabrielle Suchon, Philippa Foot). Insgesamt also eine anregende Lektüre. Gibt’s zur Zeit in allen Zeitschriftenläden.

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„Vom Glück, eine Frau zu sein“ http://www.bzw-weiterdenken.de/2019/11/vom-glueck-eine-frau-zu-sein/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2019/11/vom-glueck-eine-frau-zu-sein/#comments Sun, 17 Nov 2019 14:45:07 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=14886

Schon vor acht Jahren erschien dieses Buch in Italien. Dass es nun auf Deutsch übersetzt und veröffentlicht werden konnte, verdanken wir einer Gruppe Schweizer Frauen, die das Geld dafür gespendet haben. Eine Vernissage der deutschen Übersetzung findet am 22.11.2019 um 17 Uhr im Fraum in Zürich, Mattengasse 27 statt, mit einem Vortrag von Antje Schrupp.

Der Blick, mit dem Luisa Muraro hier auf unser Frausein schaut, löst Verblüffung aus. „Wir sind Frauen, das Glück haben nicht alle“, zitiert sie eine arbeitslose Frau, die bei einer Fabrikbesetzung eine Rede hielt. Wir Frauen sind so sehr und schon so lange gewöhnt, dass wir das zweite Geschlecht sind, das zweitrangige, abgeleitete, das benachteiligte, dass wir uns erst einmal die Augen reiben müssen, wenn wir hier lesen, es sei ein Privileg, eine Frau zu sein. 

Beim ersten Lesen fiel mir eine Bemerkung aus einer Vortragsreihe über Frauen in Christentum, Judentum und Islam wieder ein, die bei mir irgendwann in den 1990er-Jahren eine ähnliche Verblüffung ausgelöst hatte: Ausgerechnet in ihrem Vortrag über den Islam widersprach die Philosophin Regine Kather der Vorstellung, Frauen seien von der Religion ausgeschlossen worden. Zumindest in der Anfangszeit sei es eher so gewesen, dass Frauen diese Art von Religion nicht nötig gehabt hätten, also beispielsweise die Einübung in Demut, Almosengeben und Vertrauen, da sie all das in ihrem Alltag sowieso lebten. Dies passt zu Muraros Aussage, Frauen seien eben nicht so sehr Ausgeschlossene, sondern Außenstehende, anderswo und anderswie Tätige (S. 19/20). Schon 2002 veröffentlichte die Philosophinnengemeinschaft Diotima ein Buch mit dem Titel „Von der Abwesenheit profitieren“. Auch damals klang das Privileg an, die Machtspiele der Männer nicht nötig zu haben und stattdessen etwas Sinnvolleres tun zu können.

Was Luisa Muraro über das Frausein schreibt, geht auch weit über den Buchtitel „Spät habe ich gelernt, gern Frau zu sein“ der Autobiographie von Marga Bührig hinaus, eine Aussage, die mich damals sehr glücklich gemacht hat. Auf immer wieder neue Weise schreibt Muraro über dieses Glück, dieses Privileg, über die Exzellenz, den Adel, die Stärke. Ich habe mich beim Lesen gefreut, zu denen gehören zu dürfen, die „ein Glück für die Menschheit“ sind. Auch unter schwierigen Umständen verschwinde eine Stärke der Frauen nicht, sondern werde manchmal noch größer: die nicht verleugnete Größe der eigenen Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht. Eine Frau zu sein sei „ein Privileg wie jenes, das den Menschen in den alten aristokratischen Gesellschaften durch adlige Geburt zuteil wurde: Du bist der Sache vielleicht nicht gewachsen, aber das Privileg kannst du nicht verlieren. Ebenso wenig wie du es dir verdient hast. […] Doch anders als bei den Privilegien aufgrund von Blutsbanden genießt eine Frau das Privileg, von dem hier die Rede ist, vor allem im eigenen Inneren, in der vertrauensvollen Beziehung mit Ihresgleichen oder in Gesellschaft von Männern, die ein Bewusstsein darüber haben, oder auch dann, wenn sie große Schwierigkeiten überwinden muss. Dieses Privileg schlägt sich hingegen nicht in der gesellschaftlichen Rangordnung nieder; in der Gesellschaft ist es nur sporadisch sichtbar“ (S.11). 

Allerdings müsse die Frau ihr Privileg annehmen und pflegen, so wie es die Adligen zu manchen Zeiten und in manchen Ländern taten. „Wenn sie das kann, dann macht es keinen wesentlichen Unterschied, ob sie auf einem Lehrstuhl sitzt oder in der Küche steht, das lehren schon die Märchen“ (S. 13).

Damit wir diese Erkenntnisse Luisa Muraros wirklich bei uns ankommen lassen können, damit wir uns einüben können in diese andere Sichtweise auf unsere Situation als Frauen, antwortet sie an mehreren Stellen des Buches auf die Einwände, die ja fast automatisch kommen, beispielsweise die Frage: Redet sie hier nicht etwas schön, was in Wirklichkeit doch eher unerfreulich ist? Ausführlich geht Muraro also auf die Gegenreden zu ihrer Sichtweise ein, allerdings mit anderen Argumenten als den üblichen. So beginnt schon der zweite Teil der Einleitung mit dem Satz, „Dass es Frauen gibt, ist ein Glück für die Menschheit, aber Frau zu sein ist nicht einfach“ (S. 8). Dabei denkt Muraro jedoch gerade nicht in erster Linie an ungünstige Umstände wie Armut, verhinderte Bildung, fehlende Arbeitsplätze und erlittene Gewalt. Stattdessen behauptet sie, auch unter den besten Bedingungen sei das Frausein „eine schwierige conditio humana“. Denn wir seien in der Realität sehr präsent und sehr nah, „ja sogar tief innen im Menschsein von uns allen“, doch extrem wenig repräsentiert in Worten und symbolischen Figuren. Und sie nennt Beispiele ganz unterschiedlicher Frauen, von Marilyn Monroe und ihren Großmüttern über eine Schulfreundin von ihr, die einen Mann aus der Fiat-Dynastie heiratete, bis zu den afghanischen Frauen, „zuerst unter den Taliban und dann unter der NATO-Besatzung“, deren Leben zweifellos nicht einfach war. „Ob eine arm oder reich, schön oder hässlich, ein kleines Mädchen oder eine alte Frau ist, ob sie gedemütigt oder verehrt wird – es ist nicht einfach“ (S.9). Und ja, es gäbe Frauen, die würden jetzt sagen, Frausein mag ein Glück für die Menschheit sein, „aber für viele von uns ist es ein Unglück“ (S. 10). Und im vorletzten Kapitel schreibt sie nochmals über die „heute“ neu aufgetretenen Schwierigkeiten: „Es gibt viele Gründe zum Verzweifeln“, heißt dessen Überschrift.

Ein zweiter roter Faden, der sich durch das ganze Buch zieht, ist die Frage, was diese Sichtweise für die Politik der Frauen bedeutet. Und da kritisiert Muraro nochmals auf neue Weise die „pseudofeministische“ Auffassung als pauschalisierend und vereinfachend, Frauen seien das Opfer von Ungerechtigkeit und dieser müsse entgegengewirkt werden durch Angleichung ihrer Lebenssituation an die der Männer auf dem Weg über Recht und Gesetz. Es sei die Vorstellung einer weiblichen Exzellenz, die nicht nachweisbar, aber erkennbar sei, die den Frauen Gerechtigkeit verschaffe. Der große Gewinn dieses anderen Ausgangspunkts sei, „dass wir sofort damit beginnen können, uns Gerechtigkeit zu verschaffen, in dem Sinne, wie ich bereits erklärt habe: die Wirklichkeit mit Kriterien zu betrachten, die unabhängig von den herrschenden Werten sind, und entsprechend zu handeln, ohne mit einer bloßen Anti-Haltung Zeit und Energie zu verlieren. Diese Möglichkeit ist zum Greifen nah, wenn wir das Geheimnis der Beziehung in der Hand haben – der Beziehung, die einer Person Wert verleiht für das, was sie ist, samt ihren größten Wünschen und ihren verborgensten Potenzialitäten“ (S. 71).

Im letzten Kapitel erklärt Muraro schließlich, warum und inwiefern die Unabhängigkeit der Frauen von den Männern wichtig ist. Es hat mich überrascht, dass sie hier auch von den Mosuo, einer matrilokal und matrilinear lebenden Volksgruppe im heutigen China erzählt, in der die Frauen mit ihren Kindern in der mütterlichen Großfamilie leben und ihre Liebhaber nur zu Besuch empfangen, die wiederum in ihrer mütterlichen Herkunftsfamilie zu Hause sind.

Natürlich hängt „die einzigartige, unersetzliche Nähe zum Menschengeschlecht“, von der Muraro schreibt, auch mit der biologischen Fähigkeit von Frauen zusammen, Leben weiterzugeben. Doch sie denkt dabei weniger an die einfache Fortpflanzung, „also dass wir alle von einer Frau geboren werden“, sondern „an die wirklich exquisite Art und Weise, wie Frauen, die Mütter werden – abgesehen von unglücklichen Fällen – ihre Geschöpfe austragen und zur Welt bringen: mit Gedanken, Zukunftsplänen, Träumen, und dann mit Küssen, Umarmungen, Kleidchen, Mützchen, zärtlichen Worten, Wiegenliedern … Und noch mehr denke ich an den Rest, ich meine all das, was nicht Fortpflanzung ist. Und das ist so viel!“ (S. 13/14). Und so steht eben nicht das Bild einer Mutter mit neugeborenem Kind am Anfang des Kapitels mit der Überschrift „Das Privileg“, sondern das der kleinen Tochter an der Hand ihrer Mutter. Denn „das Mutter-Tochter-Paar ist nicht nur ein Segment der biologischen Kontinuität, die uns mit den Ursprüngen des menschlichen Lebens verbindet. Da ist noch etwas anderes, die biologische Kontinuität allein genügt nicht. Damit der Faden nicht abreißt, muss von einer Frau an die andere das ursprüngliche Engagement weitergereicht und erneuert werden, das ich im vorigen Kapitel so ausgedrückt habe: sich für die Lebenden einsetzen und den Lohn in der Liebe suchen“ (S.81). 

Wenn ich dieses Buch lese, habe ich trotz der anfänglichen Verblüffung das Gefühl, irgendwie schon immer etwas von meinem Privileg geahnt zu haben – oder doch immer mal wieder, wenn es kurz aufblitzte. Beispielsweise war es spürbar in meinem Mitgefühl für den damals 10-jährigen Sohn meiner Freundin, wenn diese und ich mit der kleinen Tochter zusammen fröhlich plaudernd auf die Toilette gingen, während der Junge ganz allein auf die andere Seite gehen musste. 

Was Muraro zu tun glaubte, als sie dieses Buch schrieb: Sie zündete ein Licht an. Beim Lesen hatte ich mehrmals genau dieses Gefühl, dass da für mich ein Licht angezündet wird, dass es hell und ruhig in mir wird. Und auch wenn es mir zwischendurch wieder verlorengeht, blitzt dieses Licht mir seither immer wieder entgegen aus Zeitungsberichten, Büchern und Filmen sowie bei Begegnungen im Alltag. 

Luisa Muraro: Vom Glück, eine Frau zu sein. Übersetzung Traudel Sattler. Christel Göttert Verlag Rüsselsheim 2019. 146 Seiten, 17 €

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Utopisch denken! Plädoyer für das Ende eines Tabus. http://www.bzw-weiterdenken.de/2019/11/utopisch-denken-plaedoyer-fuer-das-ende-eines-tabus/ http://www.bzw-weiterdenken.de/2019/11/utopisch-denken-plaedoyer-fuer-das-ende-eines-tabus/#comments Thu, 14 Nov 2019 12:57:23 +0000 http://www.bzw-weiterdenken.de/?p=14814

Dreh- und Angelpunkt meines Nachdenkens ist die These, dass in jedem Menschen utopisches Denkvermögen als Möglichkeit angelegt ist. Vielleicht klingt das für einige gar nicht mehr so neu und provokant – schon gar nicht den Leser*innen auf dieser Plattform; und es erscheint auch nicht mehr so provokant wie noch vor gut einem Jahr, als ich mit der Arbeit an diesem Thema begann. Seitdem mehren sich nämlich die Aufrufe zum Entwerfen von Utopien. Gemeint sind aber häufig noch immer nur halbherzig gemeinte und nur in partielle Lebensbereiche hineinreichende Utopien.

Bei der Frage nach dem utopischen Denkvermögen gehe ich von meinem eigenen Begehren aus, neue freiheitliche Gesellschaftsordnungen jenseits der patriarchal-kapitalistischen Gesellschaftsordnung zu imaginieren. Viele Jahre suchte ich vergeblich nach solchen Entwürfen, die meinem Denken Futter hätten geben können. Erst mit der Entdeckung der französischen, aber vor allem der US-amerikanischen feministischen Science Fiction der 1970er bis weit hinein in die 1990er Jahre, fühlte ich ein Ende der Melancholie und der Einsamkeit nahen. Bis dahin dachte ich wirklich, ich sei die Einzige auf dieser Welt, die die Mär vom „Ende der Geschichte“ nicht glaubte. Als ich die ersten Werke von Monique Wittig, Joanna Russ, Marge Piercy, Ursula K. LeGuin, Samuel R. Delany, Suzy McKee Charnas, Octavia E. Butler und vielen anderen las, wurde mir klar, dass fast nichts, was ich bisher über literarische Utopien[1] gelesen hatte, stimmte. Sie waren weder statisch noch starr, schon gar nicht langweilig oder dogmatisch. Ganz im Gegenteil: Gehirn, Herz und Bauch vibrierten wieder im Einklang. Endlich.

Die Wirkung des Bilderverbotes

Diskussionen über die Zukunft verknüpfe ich seitdem mit Zitaten aus den Büchern; und jede Diskussion nimmt von da an neue, ungeahnte Richtungen an. Menschen, die ich mit Gedanken aus den Büchern beträufle, werden sich ihres utopischen Denkvermögens gewahr und aktivieren es. Etwas scheint wie ein lästiger schwerer Schleier von ihnen zu fallen, und ich beobachte gern, wie er fällt: als wenn hinter ihm eine Form von Freiheit schlummerte. Bei dem Schleier handelt es sich um das Bilderverbot, das gerade im deutschsprachigen Raum von konservativer (Saage, Popper etcpp.) und von linker (Adorno, sogar Bloch) Seite über Jahrzehnte propagiert wurde: Denke ruhig utopisch, aber denke irgendwie dann doch nicht ZU utopisch, denn das ist gefährlich, pinsle NIEMALS zukünftige Gesellschaftsformen aus! ‚Wo ist dann die Grenze zwischen erlaubt und verboten, das ist ja echt anstrengend zu wissen, also lasse ich es gleich‘, war vielleicht bei vielen Rezipient*innen, die eventuell utopische Impulse in sich spürten, die Reaktion. Und dann all die negativen Seiten der positiven Utopie – so vor allem die Utopieforscher Saage und Popper, an denen bis heute niemand vorbei kommt: Sie verfechte falsche Rationalität, unterliege trügerischem Denken, sei auf das Ende fixiert und somit sei ihr Gewalt inhärent. Alle, die da noch ein Funken und Glimmen, herrührend von utopischer Denklust, in sich verspürten, gossen spätestens jetzt endgültig kaltes Wasser drauf. Das schmerzte kurz, aber man hatte ja immer noch die Melancholie und den Sarkasmus, und zur allergrößten Not auch noch den Hass. Interessant bei dem Argument der „Fixiertheit auf das Ende“ ist, dass Fukuyamas „Ende der Geschichte“ hingegen jahrzehntelang positiv oder zumindest „neutral zustimmend“ besprochen wurde. Bedeutet das – im Angesichte der Vorwürfe an die literarische Utopie, dass diese unsere reale Gesellschaft keine Gewalt in sich trägt? Oder verbirgt sich hier nicht wieder einmal lediglich eine durch und durch patriarchal-kapitalistisch durchtränkte Deutungsmacht, für deren Profiteur*innen die real existierende Gewalt an Frauen und Minderheiten in der real existierenden Gesellschaft nicht spürbar und daher unsichtbar ist? Wie dem auch sei: Das Resultat dieses Denktabus war enorm: über Jahrzehnte projizierten Menschen Zukunft nur noch ins Private: wo sehe ich mich beruflich in fünf Jahren wann bauen wir ein Haus wann bekommen wir welches und wie viele Kinder wie werden unsere Kinder wohl die Schule meistern hoffentlich legt sich die „jugendliche Rebellion“ hoffentlich werden sie „erwachsen“, was gleichbedeutend war und noch immer ist, sich in die bestehende (gemeint ist die patriarchal-kapitalistische Gesellschaftsordnung; das wird von den Eltern oft nicht dazugesagt, aber ich sage es hier mit Absicht ständig und immer wieder) Ordnung einzufügen, um in dieser überhaupt und vor allem weitestgehend unbehelligt bestehen zu können. Bewegst du dich in ihrem Rahmen und stellst sie nicht in Frage, bekommst du auch keinen Ärger, war im Grunde die Message der jeweils Alten an die jeweils Jungen. (Vor diesem Hintergrund des „Generationenkonflikts“ ist es übrigens wahnsinnig geil, Suzie McKee Charnas‘ Tochter der Apokalypse zu lesen, aber das hier nur so am Rande…)

Der menschliche Widerspruch: Intelligenz versus hierarchisches Denken

Wie ist es möglich, dass wir uns für intelligente Wesen halten und dennoch geradewegs darauf zusteuern, uns im Glauben, die einzig mögliche Gesellschaftsordnung zu bewohnen, selbst zu vernichten? Und da reden wir noch nicht von all den Lebewesen dieser Welt, die wir schon ausgelöscht haben und gerade auslöschen. Während ich diesen Artikel schreibe, brennt der Amazonas seit fast vier Monaten und es bricht mir jeden Tag aufs Neue das Herz. Sind wir wirklich zu nichts anderem fähig, als unserer Vernichtung sehenden Augen entgegenzueilen? Oder hält uns wirklich die fatale Hoffnung, dass sicher nicht alle sterben werden, und garantiert nicht WIR/ICH? Und dann? Denken wir nicht darüber nach, was das dann für ein Leben wäre? Wäre es lebenswert?

Um diese Unfähigkeit zu politisch-gesellschaftlichem utopischem Denken zu verstehen, ist es meines Erachtens wichtig, das Ausmaß des Bilderverbots zu begreifen und zu hinterfragen. Denn lange – und außerhalb einer gewissen progressiven Debatte um gesellschaftliche Neuentwürfe bis heute unangetastet – herrschte die Meinung, man könne nur zwischen dieser jetzigen Gesellschaftsordnung oder der kommunistischen Diktatur á la Sowjetunion wählen. Tja. Was sollte auch sonst noch vorstellbar sein. Nichts. Leere. Gedankliche Ödnis. Grauen. Schnell zurück ins gemütliche Hier und Jetzt, in dem es bei näherer Betrachtung (und „nah“ bedeutet hier „extra ungenau“ bzw. reicht nicht über das nächste Sofakissen hinaus) soooo schlimm doch nun auch wieder nicht ist. Sind wir wirklich nicht fähig, uns aus der patriarchal-kapitalistischen Gesellschaftsordnung hinauszudenken, nur weil wir alle von Kopf bis Fuß darin verstrickt sind? Unterfordern wir damit unser Intelligenzvermögen nicht massiv? (Fiktive) Menschen aus der Zukunft, die noch gerade so nach einer Katastrophe die Biege bekommen haben (so in Marge Piercys Frau am Abgrund der Zeit) und Aliens, die die letzten unserer Spezies nach einem weltvernichtenden Krieg evakuieren müssen (die Oankali und Ooloi in Octavia E. Butlers Xenogenesis-Trilogie), sind jedenfalls dieser Meinung. Wir Jetzt-Menschen halten uns für das Maximum? Besser hätten wir es bis dato nicht machen können? Zukunftsmenschen, die die Katastrophe überlebt haben, und auch Mondbewohner und Aliens zeigen uns in brutalster und für uns äußerst ungemütlicher Klarheit auf, dass die „paar Abstriche“ und „Kollateralschäden“ der patriarchal-kapitalistischen Gesellschaftsordnung wie – ich zähle jetzt ungeordnet, bei weitem unvollständig und kategorienlos auf – die Hexenverbrennungen, der Kolonialismus, Genozide, Sklaverei, Antisemitismus, Holocaust, Rassismus, zwei Weltkriege und viele andere Kriege mehr um Ressourcen und geopolitische Vorherrschaft, stetig zunehmende Zerstörung der Umwelt – eben keine anormalen und damit vermeidbaren „Phänomene“ sind, die vom Grunde her nichts mit der Ordnung an sich zu tun haben, sondern eben in dieser Ordnung höchstselbst angelegt, also systeminhärent sind und von daher notwendig für das Bestehen der Ordnung, weswegen all dies auch immer wieder passieren wird, so gerne wir es auch wegreden oder gar nicht erst ansprechen wollen. Unsere (fiktiven) Nachfahren versuchen nachzuvollziehen, wie ihren Vorfahren das ganzheitliche Denken abhandenkam; bzw. warum sie es trotz der puren Möglichkeit aufgrund ihrer Intelligenz nie wirklich bemühten. Sie sezieren deren gewaltvolles Verdrängen und Verleugnen der eigentlich doch so banalen Tatsache, dass sie Teil dieses planetarischen Ökosystems sind.

Fotos: Anne Newball Duke

Feministische Science-Fiction-Autor*innen legen dabei oft den Fokus auf die Sprache und Kultur dieser vorapokalyptischen Menschheit, auf deren konsequente Nicht-Rückbindung ihrer Sprache und Kultur an die materiellen Lebensgrundlagen, die allem lebenden Sein auf der Welt zugrunde liegen. Nicht selten rätseln auch sie, warum die einstigen menschlichen Erdbewohner es nie geschafft haben, das hierarchische Denken hinter sich zu lassen – trotz ihrer Intelligenz. In Marge Piercys Frau am Abgrund der Zeit beginnt hierarchisches Denken mit der biologischen Ungleichheit. Die Idee zum Roman entstand u.a. durch Piercys Lektüre von Shulamith Firestones The Dialectic of Sex (1970), worin Firestone diese biologische Realität den „natürlichen reproduktiven Unterschied zwischen den Geschlechtern“ (S.16) nennt. (Noch präziser kann nun mit Antje Schrupps Ausführungen in ihrem im August diesen Jahres erschienenen Essay Schwangerwerdenkönnen gesagt werden, dass es Menschen gibt, die schwanger werden können und solche, die es nicht werden können.) Die US-amerikanischen feministischen Science-Fiction-Schriftsteller*innen ließen sich stark von feministischer Forschung und Philosophie beeinflussen. Ihre fiktiven Welten pinseln oftmals diese Theorien aus, sie bauen eine Welt um sie herum. So erklärt also ein weiblicher Zukunftsmensch der utopischen Reisenden aus der (fiktiven) Jetzt-Welt, warum es in ihrer Welt, also in der von morgen, nur noch Bruthäuser gibt und keine Schwangeren und somit auch keine Gebärenden mehr:

„Das war Teil der Revolution der Frauen, die die alten hierarchischen Strukturen zerbrochen hat. Am Ende war da die eine Sache, die wir auch aufgeben mussten, die einzige Macht, die wir jemals besessen hatten, im Austausch für keine Macht für niemand. Die ursprüngliche Form der Reproduktion: die Macht, Kinder zu gebären. Denn solange wir biologisch in Ketten lagen, konnten wir niemals gleich sein. Und die Männer konnten niemals so weit humanisiert werden, dass sie Liebe und Zärtlichkeit entwickelten. Also wurden wir alle Mütter. Jedes Kind hat drei. Um die Fixierung auf die Kleinfamilie zu unterbinden.“ (Marge Piercy, Frau am Abgrund der Zeit, S. 125)

Und? Knirscht es im Getriebe? Wächst die Lust, darüber nachzudenken und mit anderen darüber zu reden? Macht es also Spaß, sich hinauszudenken aus unserer Ordnung, denn nichts anderes wird hier angeregt? Womit – wenn es denn so ist – gleichsam bereits die Frage beantwortet wäre, ob es möglich ist, sich hinauszudenken: Ich bin fest davon überzeugt: Wir können es. Wir könnten es. Wenn wir uns die Zeit nähmen. Wenn wir es für wichtig hielten. Wenn wir bereit wären, zumindest den kleinen Zeh aus der jetzigen Ordnung hinauszustrecken. Denn das könnte ein Beginn sein, dem eigenen Bewusstsein konsequent immer weiter und weiter und weiter folgen zu wollen ohne Angst und Scheu wie bisher, um hinter die „fairytales of eternal economic growth“ zu schauen, wie Greta Thunberg es in ihrer Rede beim UN-Klimagipfel am 24.09.2019 auf den Punkt bringt.

Die Welt erkennen mit feministischer Science Fiction

Und dafür müssen wir uns ganz unbedingt mit ganzheitlichen Utopien befassen, wir müssen das Bilderverbot weit hinter uns lassen. Saage, Adorno und Co mögen historisch fundierte und ideologisch bedingte Gründe für das Ausrufen des Denktabus gehabt haben, aber in heutigen Zeiten ist es unzeitgemäß. Es beeinträchtigt uns in der Suche nach dem guten Leben. Und es ist höchste Zeit, die Welt zu retten. Beginnen wir damit, feministische Science Fiction in uns wirken zu lassen. Keine Angst: sie ist weder starr noch gefährlich. Wir werden danach keiner Ideologie folgen und unbedingt und mit Gewalt eine neue Gesellschaftsordnung aufbauen wollen. Wir werden nur Lust bekommen, mit anderen über unsere Eindrücke und Gedanken zu reden, uns intensiv auszutauschen. Wir werden eine Bereitschaft entwickeln, im Zuge dessen Dinge um uns herum anders und neu zu erfassen. Dazu gehört auch, das Fundament zu hinterfragen, auf der früher Diskussionen erst begannen: ist das wirklich das Fundament, oder müssen wir nicht noch tiefer bohren, um der Wahrheit näher zu kommen? Ich habe mir beispielsweise angewöhnt, immer dann hellhörig zu werden, wenn mir Denkgrenzen auferlegt werden, die mit der „Endlichkeit“ oder dem „Tod“ begründet werden. Das ist dann für mich der Anstoß, erst recht genauer und tiefer hinzuschauen, denn vielleicht handelt es sich bei dieser Art „Tod“ ja auch nur um einen Foucault’schen Spiegel, hinter den wir ganz unbedingt schauen müssen. Und genau dazu leiten uns die Gesellschaftsentwürfe von fernen Planeten und fernen Zukünften an: Sie wollen uns regelrecht zwingen, über mögliche Beziehungsweisen und mögliche Wünsche und Träume jenseits patriarchal-kapitalistischer Gesellschaftsordnung nachzudenken, und uns eben auch über unser Sein und Wirken über unseren eigenen Tod (ja tragisch, aber so what) hinauszudenken. Was wäre wahrer Fortschritt? Wann fühlen wir uns wirklich frei? Was also ist Freiheit, wenn keine neoliberale Ideologie uns vorgibt, was wir darunter verstehen sollen („Reisefreiheit“ als Nonplusultra jeder Freiheitsdefinition zum Beispiel ist so eine schräg interpretierte, ideologisierte Freiheitsvorstellung)? Welche Freiheiten sind erstrebenswert? Und müssten wir dann eventuell gar nicht mehr darauf achten, dass „meine“ Freiheit die meiner Mitmenschen einschränkt, weil ein neues Konzept von Freiheit diese vielleicht gleich mit einschließt?

In der Auseinandersetzung mit Inhalt, Sprache und Form dieser Literatur erlernen wir neue Fähigkeiten der Welterkennung. Das haben bisher weder die Literaturwissenschaften verstanden, die die Beschäftigung mit literarischen Utopien zu oft den Politik- und Sozialwissenschaften überlassen haben, in welcher sich dann wiederum spezielle Utopieforscher*innen mit den Utopias dieser Welt befassten. Leider verfügen diese nicht über das notwendige methodische und analytische Handwerkszeug, um der meines Erachtens sehr komplexen Funktions- und Wirkungsweise von literarischen Utopien gerecht zu werden. Aber auch wenn Literaturwissenschaftler*innen sich mit dieser Gattung auseinandersetzen, fehlt es ihnen entweder oft an adäquatem Werkzeug, das zudem nicht ideologisch imprägniert ist, oder aber meines Erachtens interessante Forschungsansätze und -ergebnisse, die Mitte der 1980er Jahre und Anfang der 2000er Jahre einmal verfolgt und erreicht wurden, sind nicht auf die notwendige Resonanz gestoßen und weiter verfolgt worden. Und Science Fiction, zumal feministische Science Fiction, hatte es seitdem schwer, im Visier der deutschsprachigen Literaturwissenschaften zu bleiben; sie wurde als Trivial- oder Populärliteratur abgetan. Wer sich mit ihr dennoch hätte befassen wollen, hätte sich dem „Dilemma“ ausgesetzt gesehen, dass der Diskurs der „Frauenliteratur“ – so nennt sie der Utopieforscher Andreas Heyer in seinem 2008 herausgegebenen Band 2 seiner Bestandsaufnahme der aktuellen Utopieforschung auf Seite 13 – „durch feministische Argumente teilweise ideologisch oder ideologieähnlich aufgeladen ist. Die Utopien selbst ebenso wie die Werke ihrer Erforschung.“ Zum Glück gibt es mittlerweile so positive Ausnahmen wie Caspar Battegays 2018 publizierte Forschungsarbeit Geschichte der Möglichkeit: Utopie, Diaspora und die „jüdische Frage“, in welcher er u.a. Marge Piercys He, She and It (Er, Sie und Es) analysiert, und Rolf Löchels Utopias Geschlechter. Gender in deutschsprachiger Science Fiction von Frauen (2012). Und durch die seit einigen Jahren auch durch Deutschland schwappende neue feministische Welle scheint ein frischer Wind durch Produktion und Rezeption zu wehen; ganz aktuell sichtbar in der Auswahl der Texte und Autor*innen für den Bachmannpreis 2019: Von den 14 Texten hatten gerade die Frauen in der Jury – Insa Wilke und Nora Gomringer – mindestens zwei Texte von zwei Frauen, Katherina Schultens und Sarah Wipauer, ins Rennen geschickt, die der feministischen Science Fiction zugeordnet werden können.

Denn was fast genauso wichtig wie die adäquate Erforschung von feministischer Science Fiction ist – und das formuliere ich gleich mal als Aufruf: Liebe Schriftsteller*innen und solche, die es werden wollen: Haltet euch nicht an die Mahnungen, die immer noch auch aktuelle Utopieforscher wie Andreas Heyer oder Alexander Neupert-Doppler an euch herantragen. Letzterer sagt beispielsweise in seinem 2015 herausgegebenen Band Utopie, es komme heute nicht darauf an, neue utopische Romane zu schreiben, weil sie nicht im Plural denkbar wären. (vgl. S. 171) Warum nicht, frage ich sodann? (Warum er dieser Ansicht ist, in welchem Kontext er also diese Aussage macht, bespreche ich ausführlich in dem von mir geplanten Buch.) Warum sollen literarische Utopien nicht im Plural denkbar sein? Je vielstimmiger in einem Roman Handlung, Form und Sprache in sich sind, und je mehr Romane es von dieser Art gibt, desto besser! Denn desto mehr Vorlagen haben wir, um neue Welten zu denken und zu diskutieren. Und deswegen ist es geradezu zwingend notwendig, neue feministische Science Fiction zu schreiben! Also: Pinselt Zukünfte aus und schmeißt sie verwegen unter die Leute!

Hier geht es zum zweiten Teil des Artikels.


[1] Auf Unterschiede, Überschneidungen und Deckungsgleichheiten zwischen literarischen Utopien und feministischer Science Fiction komme ich in dem von mir geplanten Buch zu sprechen, da dies den hiesigen Rahmen sprengen würde. Hier müssen sich die kritischen Lesenden vorerst mit der schlichten Feststellung begnügen, dass es sich für mich bei feministischer Science Fiction um literarische Utopien handelt.

Literatur:

Battegay, Caspar: Geschichte der Möglichkeit: Utopie, Diaspora und die „jüdische Frage“. Wallstein 2018.

Butler E., Octavia: – Dawn. Xenogenesis I. (1987) / Dämmerung. Erster Roman der Xenogenesis-Trilogie. Übersetzung von Barbara Heidkamp. Heyne Science Fiction & Fantasy 1991.

  • Adulthood Rites. Xenogenesis II. (1988) / Rituale. Zweiter Roman der Xenogenesis-Trilogie. Übersetzung von Barbara Heidkamp. Heyne Science Fiction & Fantasy 1991.
  • Imago. Xenogenesis III. (1989) / Imago. Dritter Roman der Xenogenesis-Trilogie. Übersetzung von Barbara Heidkamp. Heyne Science Fiction & Fantasy 1993.

Delany, Samuel R.: Triton, auch Trouble on Triton (1976) / Triton. Übersetzung von Bodo Baumann. Bastei Lübbe 1981.

Firestone, Shulamith: The Dialectic of Sex (1970) / Frauenbefreiung und sexuelle Revolution. Übersetzung von Gesine Strempel-Frohner. Fischer 1975.

Glaser, Norbert: „Viel guter Wille, wenig Fortschritte“. In: E&W. Erziehung und Wissenschaft. Bildung für nachhaltige Entwicklung. Zeitschrift der Bildungsgewerkschaft GEW 10/2019, S. 12f.

Heyer, Andreas: Der Stand der aktuellen Utopieforschung. Band 1,2 und 3. Verlag Dr. Kovač 2008-2010.

Koschorke, Albrecht: Wahrheit und Erfindung. Grundzüge einer allgemeinen Erzähltheorie. S. Fischer Verlag 2012.

Neupert-Doppler, Alexander: Utopie. Vom Roman zur Denkfigur. Schmetterling Verlag 2015.

Piercy, Marge: Woman on the Edge of Time (1976) / Frau am Abgrund der Zeit. Übersetzung von Karsta Frank auf Grundlage der  1986 bei Heye erschienenen Übersetzung von Norbert Werner und Hertha Zidek, Argument-Verlag 1996 (Zweite Reihe 2015).

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