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	<title>beziehungsweise - weiterdenken</title>
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	<description>Forum für Philosophie und Politik</description>
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		<title>„Keiner war immer schon da.“</title>
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		<pubDate>Mon, 14 May 2012 07:30:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Antje Schrupp</dc:creator>
				<category><![CDATA[lesen]]></category>

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		<description><![CDATA[Ulrike Bail empfiehlt Michèle Minellis Europa-Romen Die Ruhelosen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.bzw-weiterdenken.de/2012/05/%e2%80%9ekeiner-war-immer-schon-da/die-ruhelosen/" rel="attachment wp-att-5210"><img class="alignright size-medium wp-image-5210" title="Die Ruhelosen" src="http://www.bzw-weiterdenken.de/wp-content/uploads/2012/05/Die-Ruhelosen-180x300.jpg" alt="" width="180" height="300" /></a>„Keiner war immer schon da.“ Dies sagt Abel Lazzaro Israël zu seiner Enkelin Aude, die in den 1960er Jahren in der Schweiz geboren wird und durch Zufall auf ihre Familiengeschichte stößt: eine Geschichte von vier Familien, die sich über ganz Europa erstreckt, bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein.</p>
<p>Diese Familiengeschichte erzählt die Schweizer Autorin Michèle Minelli in ihrem Roman <em>Die Ruhelosen </em>auf 752 Seiten mit langem Atem, ohne aber langatmig zu werden. Minelli erzählt poetisch und unterhaltsam von acht Generationen und drei Familien, von Friseuren, Maskenbildern, Gastwirten, Musiker und Musikerinnen, Kaufleuten und der Vogelkundlerin Aude, die dieses genealogische Geflecht aufdröselt, um es zu einem neuen Text zu weben, zu einem „Vlies, das uns zusammenhält“.  Als ihr Sohn Aurelio Vater wird, übergibt sie ihm eine DVD und dreizehn dicke Aktenordner voller Briefe, Fotos, Notizen und Bilder. „Das ist, was wir sind.“ – antwortet sie auf eine Frage Aurelios.</p>
<p>Michèlle Minellis wunderbar erzählte Genealogie ist ein Textil, das aus vielen Fäden aus allen möglichen Teilen Europas gewoben ist, aus Materialien verschiedener Länder, Sprachen und Religionen. Die Genealogie fächert sich weitläufig und bereichernd auf, Migration gehört zur Geschichte und Identität dieser Menschen, die zugleich auch eine europäische ist.</p>
<p>Samira Europa Senigaglia – diesen Namen bekommt Audes Enkelin, die 2012 in Zürich geboren wird und in der sich beim Erscheinen des Romans die Zeit der Ruhelosen und die Zeit der Leserinnen und Leser überschneidet. Die Genealogie der vergangenen Geschichten und Orte wurde für mich beim Lesen zu einem zukünftigen Ort, zu einem Europa, das an jedem Ort, an jedem Heimatort um seine vielfältigen Wurzeln weiß: „Keiner war immer schon da“.</p>
<p><em>Michèle Minelli: Die Ruhelosen, Aufbau Verlag Berlin 2012, 24,99 Euro.</em></p>
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		<title>Fünf schöne Königinnen: Ein neues Bild für souveräne Auftritte in der Öffentlichkeit</title>
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		<pubDate>Fri, 11 May 2012 13:06:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Dorothee Markert</dc:creator>
				<category><![CDATA[hervorbringen]]></category>
		<category><![CDATA[Öffentlichkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Schöne Königinnen]]></category>
		<category><![CDATA[Souveräninnen]]></category>
		<category><![CDATA[Wirksamkeit]]></category>

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		<description><![CDATA[Bei einem Denkwochenende ging es mal wieder um die Frage nach der öffentlichen Sichtbarkeit und Wirksamkeit von Frauen. Dabei wurde das Bild der fünf schönen Königinnen erfunden, das nach Ansicht von Dorothee Markert großes Veränderungspotential besitzt.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_5204" class="wp-caption alignright" style="width: 235px"><img class="size-medium wp-image-5204" title="237442_web_R_K_B_by_Norbert Höller_pixelio-1.de" src="http://www.bzw-weiterdenken.de/wp-content/uploads/2012/05/237442_web_R_K_B_by_Norbert-Höller_pixelio-1.de_5-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" /><p class="wp-caption-text">Rosen sind Königinnen. Foto Norbert Höller / pixelio.de</p></div>
<p>Chiara Zamboni von der Philosophinnengemeinschaft „Diotima“ hat es in ihrem schönen Buch „<a href="http://www.bzw-weiterdenken.de/2006/09/frauen-und-manner-in-der-sprache/">Unverbrauchte Worte</a>“ beschrieben: Manchmal geht es in einem Bereich unseres Lebens, der uns wichtig ist, einfach nicht voran. Wir ackern lustlos mit den immer gleichen Praktiken, Ideen, Worten und Bildern an einem Thema herum, und längst „langweilt sich unsere Seele und geht weg“. Weil wir das Thema wichtig finden, lassen wir es nicht ganz fallen, aber auf unserem Tun ist kein Strom mehr drauf, aus Pflichtbewusstsein und mithilfe der Erinnerung an die Zeiten, als unsere Aktivitäten noch von unserem Begehren Kraft bekamen, machen wir sporadisch damit weiter, halbherzig, ohne jede Begeisterung. Und dann taucht plötzlich ein neues Wort, ein neues Bild auf. Noch bevor wir so recht mit dem Verstand erfasst haben, was dieses Bild bedeutet, noch bevor es „scharf gestellt“ und klar erkennbar ist, wissen wir genau: „Das geht mich an“, „Das kann ich brauchen“, „Dieses Bild wird mein Leben und wird etwas in der Welt verändern“.</p>
<p>So ging es mir mit der Frage nach öffentlicher Wirksamkeit von Frauen, nach weiblicher Autorität in der Welt. Unter dem Titel „Sichtbar und einflussreich, ohne sich anzupassen“ hat die Redaktion von bzw-weiterdenken zu diesem Thema auch schon einmal eine <a href="http://www.bzw-weiterdenken.de/wp-admin/post.php?post=1111&amp;action=edit">Tagung</a> veranstaltet. Und es ist ja auch in der Mainstream-Diskussion immer wieder Thema, vor allem im Kontext der Quotenfrage. Ich war ziemlich resigniert, denn, wie ich fand, hat auch eine Frau an der Spitze unserer Regierung nicht wirklich etwas daran geändert, dass die guten Ideen von Frauen in der Welt immer noch viel zu wenig sichtbar und wirksam werden.</p>
<p>„Wirksamkeit unseres feministischen Engagements in der ‚wirklichen’ Welt, also über unsere Frauen-Nischen hinaus“, war auch beim diesjährigen Denkwochenende von „<a href="http://schoenekoeniginnen.wordpress.com/wer-wir-sind/">Kultur-schaffen</a>“ eines unserer Themen. Wir begannen zwar mit dem Thema „Status und Habitus“, wechselten dann aber in der Diskussion unmerklich zwischen beiden Themen hin und her. Und da erfand Hildegard Wustmans plötzlich das Bild von den <em>Fünf schönen Königinnen</em>, das gleich begeistert aufgegriffen wurde. Den größten Teil des restlichen Wochenendes spielten wir mit diesem Bild, umkreisten es mit Assoziationen und beschlossen schließlich, ein <a href="http://schoenekoeniginnen.wordpress.com/">Blog</a> dazu einzurichten, um weitere Bilder und Texte dazu zu sammeln.</p>
<p>Zuerst fielen einigen von uns Situationen ein, in denen sie etwas Positives erlebt hatten, zu dem das Bild der <em>fünf schönen Königinnen</em> passte, ohne dass sie damals Worte dafür zur Verfügung gehabt hätten. Antje Schrupp erzählte, wie sehr sie es bei einer noch nicht lange zurückliegenden gemeinsamen Veranstaltung mit Ina Praetorius genossen hatte, zwischen ihnen einen öffentlichen Diskursraum aufzuspannen und sich gegenseitig die Bälle zuzuwerfen. Ich erinnerte mich an mehrere Tagungen Ende der 90-er Jahre, als es noch mehr öffentliche Gelder für Frauen-Bildungsarbeit gab: Bei einer waren gleich drei Referentinnen der Affidamento-Richtung zusammen mit einer Referentin eingeladen worden, die eine andere Denkrichtung vertrat, die wir dann aber ein Stück weit in unser Königinnengespräch mit einbeziehen konnten.</p>
<p>Mir fielen aber auch Situationen ein, bei denen ich das Bild von den <em>fünf schönen Königinnen</em> dringend gebraucht hätte: Bei einer Tagung, die wir zu siebt vorbereitet und für die wir die Leitungsaufgaben unter uns aufgeteilt hatten, bezog sich das Publikum fast ausschließlich auf eine von uns, die öffentlich am bekanntesten war, machte sie gleichsam zur einzigen Königin. Ich war sauer, dass sie dieses falsche Bild nicht zurechtrückte, wobei sie es wahrscheinlich gar nicht gemerkt hatte, weil sie so mit den Inhalten der Diskussion beschäftigt war, und zog mich gekränkt zurück. Mir ging also mein Königinnentum und unser gemeinsames Königinnentum verloren. Und die Tagung musste von da an ohne mein Engagement und meine Ideen auskommen. Bei einer Podiumsdiskussion bei einem Kirchentag hatte ich ein mir sehr wichtiges Statement über die Bedeutung der Wertschätzung von Hausarbeit für eine nachhaltige Entwicklung vorbereitet. In der ersten Runde, als wir unsere Statements abgeben sollten, nutzte die Rednerin nach mir, eine Uni-Professorin, deren Bücher ich schätzte und die ich von ihrer Denkrichtung her eher als Verbündete sah, ihren Rederaum noch vor ihrem Statement dafür, mit äußerst unfairen Argumenten und Unterstellungen mein Statement vernichtend zu kritisieren. Ich war so entsetzt über ihr Verhalten, dass ich noch nicht einmal in der Lage war, später, als ich endlich wieder zu Wort kam, ihre Aussagen zurückzuweisen, und in der restlichen Diskussion ein sehr schwaches Bild abgab. Als Königin einer anderen Königin gegenüber hätte ich souveräner mit der Situation umgehen können, so gab es für mich nur die Wahl zwischen Rückzug und Resignation gegenüber einem Kampf um die Vorherrschaft, wie sie ihn vorgab.</p>
<p>Als das Bild der <em>fünf schönen Königinnen</em> auftauchte, „wusste“ ich sofort, dass es Frauen das Auftreten und das wirksame Vertreten ihrer Meinung in der Öffentlichkeit erleichtern könnte. Und dass das für Frauen wie mich, die sich mit öffentlichen Auftritten eher schwer tun, ebenso gilt wie für Frauen, denen solche Auftritte leicht fallen. Denn die meisten Bilder für öffentliche Auftritte, die unsere bisherige Kultur zur Verfügung stellt, sind männliche Bilder: Bilder von einem einzigen, herausragenden, bedeutenden Mann, Bilder vom Politiker als Platzhirsch, vom guten oder strengen König, vom charismatischen Prediger, vom großen Philosophen, vom genialen Wissenschaftler und Erfinder. Um ebenfalls öffentlich auftreten zu können, glaubten Frauen, in solche und ähnliche Figuren schlüpfen zu müssen, und einigen ist das auch recht gut gelungen. Doch es sind immer noch zu wenige, diese öffentlich wahrgenommenen und wertgeschätzten Ausnahmefrauen, und bei ihrer Anpassung an die Figuren, in die sie sich einpassen zu müssen glauben, geht oft Wichtiges, Eigenes, verloren. Und deshalb ist der Einfluss der guten Ideen von Frauen auf den öffentlichen Diskurs, die die Welt dringend bräuchte, weiterhin viel zu gering, und das öffentliche Bild von Frauen und ihrer Bedeutung für die gemeinsame Welt bleibt weiterhin auf peinliche, ärgerliche und schädliche Weise verzerrt.</p>
<p>Es gibt negative Bilder über das Großwerden von Frauen in der Öffentlichkeit: Das Bild von der Stutenbissigkeit, vom Sich-Hochschlafen in eine bestimmte Position, und das niederschmetternde Bild vom Krabbenkorb, in dem jede Frau, die versucht, sich über die anderen zu erheben, sofort von diesen wieder heruntergezogen wird. Zu Beginn der Frauenbewegung der 70-er Jahre hatten wir das Bild der Schwesterlichkeit und des gemeinsamen Starkseins von Frauen, sowie die aus der Arbeiterbewegung übernommene Vorstellung von der Frauensolidarität. Völlig ungelöst blieb in den Anfängen der Frauenbewegung die Frage, wie eine einzelne Frau öffentlich auftreten und öffentlich sprechen könnte, souverän und mit eigenem Profil, und doch auf andere Frauen und ihr eigenes Frausein bezogen. Konnte und durfte sie auf diese Weise herausragen, begab sie sich dann nicht den Schwestern gegenüber in eine männliche Position? Und doch musste es öffentliche Auftritte geben. Dabei überließen wir dann oft Frauen das Feld, mit deren Positionen wir nicht wirklich einverstanden waren, beispielsweise Alice Schwarzer. Einerseits lehnten wir das Bild ab, das sie über die Frauenbewegung vermittelten – und gegen dieses falsche Bild kämpfen wir bis heute &#8211; , andererseits waren wir froh, dass die Frauenbewegung durch sie immerhin „irgendwie“ öffentlich in Erscheinung trat. Die ersten Frauen, die aus unseren Reihen heraus öffentlich gesprochen haben &#8211; manchmal mussten sie sogar dazu gedrängt werden &#8211; haben wir dafür eher bestraft als belohnt und gelobt. Auch die mühsam zusammengesammelten Bilder von „starken Frauen aus der Bibel“, die die feministische Theologie in die Diskussion einbrachte, halfen nicht wirklich weiter, am ehesten inspirierten noch einige der Bilder, die die Matriarchatsforschung ausgrub bzw. neu gestaltete.</p>
<div id="attachment_5200" class="wp-caption alignleft" style="width: 160px"><img class="size-thumbnail wp-image-5200" title="454882_web_R_K_by_Rolf Handke_pixelio.de" src="http://www.bzw-weiterdenken.de/wp-content/uploads/2012/05/454882_web_R_K_by_Rolf-Handke_pixelio.de_1-150x150.jpg" alt="Insignien der Macht  - oder der Autorität" width="150" height="150" /><p class="wp-caption-text">Foto: Rolf Handke / pixelio.de</p></div>
<p>Mich begeistert das Bild von den <em>fünf schönen Königinnen</em>. Denn diese sind nicht nur gemeinsam stark, sondern jede von ihnen ist eine Königin und kann auch allein öffentlich auftreten. Jede steht fest und hoch aufgerichtet auf ihren eigenen Beinen, keine geht in der anderen auf oder braucht die andere, um Stabilität zu gewinnen. Doch in ihrem Auftreten bleibt jede von ihnen in dem Bewusstsein, dass sie nicht allein Königin sein will, sondern dabei bezogen bleibt auf die anderen, besonders natürlich auf ihre Denkfreundinnen und politischen Freundinnen, die ihr Rückhalt geben, dann aber auch auf andere, fremdere Königinnen. Vielleicht sogar auf solche, die sich feindlich verhalten. Als Königin kann ich mich außer auf heute lebende auch auf frühere „Königinnen“ wie Hannah Arendt, Rosa Luxemburg, Margarete Porete, Theresa von Avila oder Hildegard von Bingen beziehen. Es ist sicher kein Zufall, dass wir das Bild von den <em>fünf schönen Königinnen</em> fanden, als wir im Kloster der Hildegard von Bingen tagten.</p>
<p>Da Frauen nicht in dem Maße wie Männer untereinander in Hierarchien denken, unterstützt sie wahrscheinlich der Gedanke, es nach ganz oben geschafft zu haben, die einzige und beste zu sein, nicht dabei, sich als souverän zu erleben. Frauen wollen in der Regel keine Platzhirsche sein. Allenfalls noch eine Königin neben einem König.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Fünf &#8230;</strong></p>
<p>Natürlich ist die Zahl fünf hier nicht quantitativ, sondern qualitativ zu verstehen. Denn wir werden weiterhin eher allein unsere öffentlichen Auftritte bestreiten müssen, werden weiterhin oft die einzige Frau in Kollegien, Gremien oder Teams von Männern sein, vor allem in den höheren Positionen. Und doch hat die Zahl fünf eine Bedeutung, sie ist nicht beliebig.</p>
<p>„Fünf“ bedeutet zunächst, nicht eine einzige Königin allein sein zu wollen und zu müssen. Es ist eine Alternative zu dem Bild vom einen König als dem Größten, Höchsten, Einzigen, dem genialen charismatischen Führer. Es ist der endgültige Abschied vom umgekehrten Krabbenkorb-Bild, und von dem können sich auch Männer verabschieden: Um oben zu bleiben, musste der König die anderen, die hochkommen wollten, hinunterschubsen, treten und zertreten, kleinmachen, ducken, lächerlich machen, verspotten, sie denunzieren, ihnen die Glaubwürdigkeit absprechen, ihre Fehler groß herausstreichen und ihre Verdienste sich selbst anrechnen. Er musste mögliche Rivalen einschüchtern, ihnen Angst machen, sich aufblasen, brüllen wie ein Löwe, bis er schließlich dann doch von einem von ihnen gestürzt oder gleich ermordet wurde, und das Spiel von vorn losging. Er durfte keine Schwäche zeigen, musste eigene Fehler überspielen, zudecken, sie anderen zuschreiben. Er musste seine Untergebenen zur Arbeit antreiben, ihnen befehlen, um dann mit den Ergebnissen selbst noch größer herauszukommen.</p>
<p>Fünf Königinnen heißt, dass eine Königin in diesem Sinne andere Königinnen um sich haben möchte, nicht Dienerinnen und Zuarbeiterinnen. Und dass sie sich freut, wenn andere neben ihr stark sind, sie muss ihnen diese Stärke nicht nehmen, um sich selbst zu &#8220;behaupten&#8221;.</p>
<p>„Fünf“ heißt aber auch „mehr als zwei“. Es ist etwas anderes als das öffentliche Paar, das frühere Paar aus König und Königin oder die Doppelspitze aus einem männlichen Politiker und einer weiblichen Politikerin. Für öffentliche Auftritte reichen auch die Affidamento-Bilder von zwei aufeinander bezogenen Frauen nicht aus. Diese Bilder und Erfahrungen vom Wachsen am „Mehr“ einer anderen Frau, vom Voneinander-Lernen und gegenseitigen Sich-Bestärken bleiben zwar weiterhin wichtig, sie bleiben eine wichtige Grundlage unseres Königinnen-Seins. Denn um Königin unter Königinnen sein zu können, müssen wir uns gegenseitig Autorität zusprechen können. Doch durch die Affidamento-Bilder bleiben wir auch gefährdet, uns zu sehr auf unsere Beziehungen und zu wenig auf die Welt auszurichten, uns mit unseren stärkenden Beziehungen doch wieder in eigenen Nischen einzurichten. Königinnen sind öffentliche Personen.</p>
<p>„Fünf“ gefällt mir auch besser als „drei“. Denn hier können wir an den Bildern von der Dreieinigkeit hängenbleiben, von der heiligen Familie Vater-Mutter-Kind oder von Großmutter-Mutter-Tochter, Bilder, denen der Schritt in die Weite, ins ganz Andere, Unbekannte, Fremde fehlt.</p>
<p>Fünf heißt, dass ich nicht nur Königin bin zusammen mit anderen Königinnen, mit denen ich in allem einig bin, sondern auch mit solchen, deren Begehren in eine andere Richtung geht als meines. Ich kann auch einer feindlichen Königin als Königin begegnen, wenn ich mich mit ihr streite, und muss sie nicht von ihrem Thron stoßen und klein und hässlich erscheinen lassen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>&#8230; schöne &#8230;</strong></p>
<div id="attachment_5199" class="wp-caption alignleft" style="width: 226px"><img class="size-medium wp-image-5199" title="576065_web_R_by_Mika Abey_pixelio.de" src="http://www.bzw-weiterdenken.de/wp-content/uploads/2012/05/576065_web_R_by_Mika-Abey_pixelio.de_-216x300.jpg" alt="Nofretete" width="216" height="300" /><p class="wp-caption-text">Foto: Mika Abey / pixelio.de</p></div>
<p>Bei unserem Denkwochenende ertappten wir uns dabei, dass wir schließlich nur noch von „Königinnen“ sprachen und das Wort „schöne“ unterschlugen. Bis eine betonte, es sei wichtig, dass wir <em>schöne</em> Königinnen sind. „Schön“ steht für das Körperliche dieses Bildes, für das körperliche Frau- und Königinsein. Wir sammelten dann Assoziationen zu dem, was „schön“ hier bedeuten könnte. Unter anderem fiel uns Folgendes dazu ein:</p>
<p>- Spielerisch, erotisch, mit Leichtigkeit, attraktiv. Schönheit kommt von selbst durch die Königinnenhaltung.</p>
<p>- Schönheit im Kontext von Königinnen bedeutet, dass wir gern hinhören, gern hinschauen, uns gern in Beziehung setzen. Schön ist, was Begehren weckt. Das kann auch Angst auslösen, wenn das Gegenüber dieses Begehren bei sich nicht haben will.</p>
<p>- Schönheit hat auch mit Haltung und Lebendigkeit zu tun.  Doch auch das, was gesprochen wird, ist wichtig, die Schönheit der Worte, der Stimme. Ebenso die Ausstrahlung, die zur Lebensphase passt.</p>
<p>- Schönheit hat auch mit Spiritualität zu tun.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>&#8230;Königinnen</strong></p>
<p>Mit dem Königinnenbild waren einige von uns schon vor unserem Denkwochenende beschäftigt. Andere Bilder waren wichtig, um es zu finden. Ina Praetorius spricht schon länger von den sechseinhalb Milliarden Würdeträgerinnen und Würdeträgern, die die Erde bewohnen. Besondere Bedeutung hatte ein <a href="http://schoenekoeniginnen.wordpress.com/2012/04/26/hello-world/">Text von Annarosa Buttarelli</a> aus dem Buch „<a href="http://helmer.txt9.de/cgi-bin/WebObjects/TXTSVHelmer.woa/54/wo/HRlIp0mw3ZibihyDv5/1.0.15.1.5.1.7.6.1.ShopArtikelSmall.1.5.0">Macht und Politik sind nicht dasselbe</a>“, das Antje Schrupp und ich gerade übersetzt haben. In dem Text mit dem Titel „Souveräninnen“ zeigt Buttarelli, auf welche Weise Frauen im Lauf der Geschichte auf ihre je eigene Weise souverän waren und was Souveränität für heutige Frauen bedeuten könnte. In einem <a href="http://antjeschrupp.com/2011/12/23/tod-einer-konigin/">Blogpost zum Tod von Cesaria Evora</a> setzte sich Antje Schrupp mit Buttarellis Gedanken auseinander. Sie beschrieb das Königin-Sein folgendermaßen:</p>
<p>„Eine Königin ist nämlich nicht dasselbe wie ein König. Ihre Souveränität hängt zum Beispiel nicht davon ab, dass sie die Einzige ist, sie ist keine Alleinherrscherin, keine Monarchin. Sondern ihre Souveränität zeigt sich in der Entschiedenheit und Eigenwilligkeit ihres Handelns. Eine Königin folgt nicht den Strömungen der Zeit, sondern ihrem eigenen Begehren, und das bringt ihr Respekt und Bewunderung ein, natürlich auch Feinde und Neid. Eine Königin ‚repräsentiert’ auch nicht ihr Volk, sie repräsentiert nur sich selbst. Aber dadurch, wie sie sie selbst ist, bietet sie Anknüpfungspunkte für andere, gibt ihnen Orientierung, Zuversicht, Inspiration.“</p>
<p>Und: „Jede Frau kann eine Königin sein, denn keine einzige von uns ist völlig ohne Einfluss. Weibliche Souveränität bedeutet, das, was eine an Einfluss und Macht hat (sei es viel oder wenig), im oben beschriebenen Sinn zu nutzen.“</p>
<p>Diese Aussage von Antje Schrupp, jede von uns könne eine Königin sein, wirkte weiter, bis hin zur Erfindung der <em>fünf schönen Königinnen</em> bei unserem Denkwochenende. Ich freue mich auf das, was dieses Bild bewirken wird, wenn Frauen (und Männer) es sich aneignen, es ausarbeiten und variieren, wenn sie selbst in das Bild hineinwachsen und sich mit ihm zusammen verändern.</p>
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		<title>Wegschauen wäre leichter</title>
		<link>http://www.bzw-weiterdenken.de/2012/04/wegschauen-ware-leichter/</link>
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		<pubDate>Thu, 26 Apr 2012 10:16:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Juliane Brumberg</dc:creator>
				<category><![CDATA[heilen]]></category>
		<category><![CDATA[lesen]]></category>
		<category><![CDATA[sexuelle Gewalt; Missbrauch; Mutter; Demenz; Tochter]]></category>

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		<description><![CDATA[Was ist, wenn die Mutter die Tochter nicht schützen kann? Zu dem Buch von Gita Iff: Ich lebe. Ich bin.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="http://www.bzw-weiterdenken.de/2012/04/wegschauen-ware-leichter/2012_04_03-cover-ich-lebe-ich-bin-2/" rel="attachment wp-att-5112"><img class="alignright size-medium wp-image-5112" title="2012_04_03 Cover Ich lebe. Ich bin." src="http://www.bzw-weiterdenken.de/wp-content/uploads/2012/04/2012_04_03-Cover-Ich-lebe.-Ich-bin.1-219x300.jpg" alt="" width="219" height="300" /></a>Was ist, wenn die Mutter die Tochter nicht schützen kann? Zu dem Buch von Gita Iff: Ich lebe. Ich bin.<br />
</strong></p>
<p>Eine Frau hat gekämpft – und sie kämpft immer noch. Das Buch, das sie über diesen Lebenskampf geschrieben hat, zeigt, dass es sich lohnt, zu kämpfen – und dass es verdammt hart ist. Es geht um sexuelle Gewalt, die ‚Mann‘ ihr angetan hat und auch ihrer Mutter. Und weil ihre Mutter ihr eigenes Leid so verdrängt hatte und nicht daran erinnert werden wollte, konnte sie auch ihrer Tochter nicht helfen.</p>
<p>Meine Haltung zu Lebensberichten, in denen die Erfahrungen mit sexueller Gewalt beschrieben werden, ist sehr zwiespältig. Wenn ich die Passagen lese, fühle ich mich unbehaglich und voyeuristisch. Ich finde, dass mich die Details nichts angehen. Außerdem befürchte ich, dass solche Schilderungen ein hohes Erregungspotential für potentielle Täter enthalten. Und das finde ich ziemlich schrecklich: dass die Leiderfahrungen von Frauen und Kindern von Männern dazu benutzt werden könnten, sich aufzugeilen. Andererseits: Wenn solche Dinge in unserer Gesellschaft geschehen – und wie wir wissen, nicht zu selten –, darf niemand wegschauen, auch ich nicht.</p>
<p>Die Autorin Gita Iff macht es der Leserin leicht. Die Atmosphäre in ihrem Lebensbericht ist so dicht und berührend, dass ich das Buch nicht mehr aus der Hand gelegt und die 228 Seiten an einem Tag bzw. in einer Nacht durchgelesen habe. Oft fühlte ich mich an Ulla Hahn erinnert, die in ihrem Roman ‚Das verborgene Wort‘ über ein begabtes, empfindsames Mädchen geschrieben hat, das in der geistigen Enge und der erschütternden Armut einer Arbeiterfamilie am Niederrhein aufwächst. Gita Iff ist, ähnlich wie die Protagonistin Ulla Hahns, als Nachkriegskind am Niederrhein aufgewachsen. Nur dass ihr Buch kein Roman, sondern bittere Erfahrung ist. Die Leserin kann keine innere Distanz zu einem fiktiven Geschehen herstellen, sondern ist mit brutalen Ereignissen, die wirklich so passiert sind, konfrontiert.</p>
<p>Glücklicherweise belässt es Gita Iff nicht bei der Schilderung ihrer Erfahrungen. Sie stellt Fragen und möchte verstehen, warum das, was geschehen ist, so geschah. Sie hat die Hoffnung, dass ihr Buch dazu beitragen könnte, die Gewaltstrukturen, denen sie und ihre Mutter ausgeliefert waren, zu erkennen und zu verändern. Ganz warm ums Herz wurde mir bei den liebevoll formulierten Einblicken in die Kindheit ihrer Mutter, deren Details sie nur zum Teil erfragen konnte und die sie sich aus Bruchstücken zusammengereimt hat. Wie befriedend kann so eine Beziehungsarbeit sein!</p>
<p>Da Gita Iff literarisch begabt ist, gelingt es ihr, das Leid, das sie beschreibt, in immer wieder eingefügten Gedichten aufzufangen, zu verwandeln und bis zu einem gewissen Grade zu heilen.</p>
<p>Zwei Gedankenstränge wirken nach. Der eine dreht sich um die Männer, die zu Tätern wurden: Was haben Armut, totalitäre Erziehungsmethoden, Kriegserfahrungen und faschistische Regimes in ihren Seelen angerichtet, dass sie so viel Gewalt in ihre Familien tragen mussten? Der andere Gedankenstrang ist auf gewisse Weise tröstlich und dreht sich um die Altersdemenz von Gita Iffs Mutter: Dann nämlich, als die Demenz alle Erinnerungen an die Gewalterfahrungen der Kindheit verschluckt hat und keine Kraft mehr gebraucht wird, um diese ‚einzusperren‘, dann kann die Mutter ganz gelöst im Hier und Jetzt leben.</p>
<p><strong> Gita Iff, Ich lebe. Ich bin. Mutter und Tochter im Schatten von sexueller Gewalt – ein Aufbruch, Christel Göttert Verlag Rüsselsheim 2012, 228 S., 17 Euro. </strong></p>
<p><strong> </strong></p>
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		</item>
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		<title>Du sollst? Konzepte der Ethik und Kausalitäten von Geschlechterverhältnissen</title>
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		<pubDate>Thu, 19 Apr 2012 11:32:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Christel Göttert</dc:creator>
				<category><![CDATA[studieren]]></category>
		<category><![CDATA[Ethik]]></category>
		<category><![CDATA[Geschlechterdifferenz]]></category>
		<category><![CDATA[Geschlechterkonzepte]]></category>
		<category><![CDATA[Moral]]></category>

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		<description><![CDATA[Seminartagebuch von Andrea Günter zum „Denken der Geschlechterdifferenz“. 3. Teil]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_5136" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><img class="size-medium wp-image-5136" title="Bild 4P1070446" src="http://www.bzw-weiterdenken.de/wp-content/uploads/2012/04/Bild-4P1070446-300x224.jpg" alt="" width="300" height="224" /><p class="wp-caption-text">Im Frühjahr: Zwischen Vertrocknetem und Zäunen sprießt neues Grün.</p></div>
<p style="text-align: justify;" align="left">Ethik ist nicht gleich Ethik. Die Verschiedenheit von Ethikkonzepten zu realisieren hat Konsequenzen dafür, Geschlechterfragen zu entwickeln. Zu allererst: Warum das wichtig ist? Weil die menschliche Eigenart, moralisch zu sein und ethisch reflektieren zu können, eine eigene Kausalität im Leben der Menschen ist. Also: Nicht einfach die Natur oder der Wille Gottes bestimmen, wie Geschlechterverhältnisse sich entwickeln. Im Gegenteil, die Tatsache, dass Menschen moralische Wesen sind und ethisch reflektieren können, bringt Bedingungen hervor, die menschliches Leben bestimmen.</p>
<p align="left">Die moralische Weise der Bedingtheit menschlichen Lebens hat dabei zwei Seiten, einmal die, dass Individuen immer mit schon vorhandener Moral konfrontiert sind, dann aber, dass ein jedes Individuum selbst ethisch reflektiert. Und diese beiden Seiten stehen in einem spannungsvollen Wechselspiel. Dieser Komplex soll im Folgenden genauer entwickelt werden. Ethische Konzepte werden profiliert. Und Konsequenzen für den Umgang mit Geschlechterkonzepten können formuliert werden.</p>
<p align="left"><strong>1. Humanität und Ethik</strong></p>
<p align="left">Ein Moral bildendes Wesen zu sein und ethisch reflektieren zu können, das macht Menschen zu Menschen, lässt Menschen gewissermaßen human sein. Dabei sind Moralität und ethische Reflexionsfähigkeit Kräfte, die Menschen ihr Leben gestalten lassen und folglich Dinge verursachen, denken wir etwa an die Leidenschaft für Gerechtigkeit, die dafür sorgt, dass Menschen sich für Vieles einsetzen, um das Leben der Menschen zu verbessern, so dass praktisch und theoretisch-reflektierend neue Bedingungen geschaffen werden: ein neues Bürgerengagement, eine neue Sozialgesetzgebung zum Beispiel ebenso wie eine neue Diskussion um die Menschenwürde oder das Verständnis des Phänomens „Gerechtigkeit“.</p>
<p align="left">Aber aufgepasst: Es gibt Teufelskreise und es gibt befreiende, Gerechtigkeit stiftende Kreisläufe vom Verständnis davon, dass und wie Menschen moralische und ethisch reflektierende Wesen sind.</p>
<p align="left"><strong>2. Moral und Ethik</strong></p>
<p align="left">Moral kommt vom lateinischen Wort <em>mores, </em>was<em> </em>Sitten und Gewohnheiten benennt. Sich diese etymologische Herkunft bewusst zu machen,  nämlich unter Moral ganz profan Sitten und Gewohnheiten zu verstehen, hilft beim Bewusstmachen, dass Moral nicht moralisch aufgeladen sein muss.</p>
<p align="left">Sitten und Gewohnheiten transportieren, wie Menschen sich in Beziehung setzen, zu Dingen, vor allem aber zu anderen Menschen und dann zum Zusammenleben der Menschen. Moral im engeren Sinne verstanden bewertet dagegen, ob dies gut oder schlecht ist, gute oder schlechte Wirkungen auf die Dinge, die Menschen oder das Zusammenleben hat.</p>
<p align="left">Auch das aus dem Griechischen hergeleitete Wort „Ethik“ meinte hier zunächst Sitten und Gewohnheiten. Eine weitere Bedeutungsebene kann vom Wort „Ethos“ erschlossen werden: eine Haltung zu etwas einnehmen. Eine Haltung muss jedoch nicht unbedingt in einem gewohnten Verständnis „gut“ sein, auch Missgunst ist eine Haltung. Traditionellerweise wurde diese Doppelseitigkeit von Haltungen in Form von Tugend- und Lasterkatalogen thematisiert. Allerdings kann auch hier umgewertet werden, Neid etwa kann eine „gute“, produktive Eigenschaft werden, wenn er richtig kultiviert wird.</p>
<p align="left">Ethik im engeren Sinne wird als Reflexion von Moral, Werten und moralischen Fragen verstanden. Diese Reflexion ist notwendig, weil Situationen nicht vollständig determiniert, also nicht klar festgelegt sind. Deshalb sind Spielräume vorhanden. Mehrwertigkeiten sind zu beachten, so dass Menschen entscheiden müssen, was sie tun werden. Hierdurch sind sie häufig in einem Dilemma. Sie müssen sich dabei nämlich nicht einfach nur zwischen „gut“ und „böse“ entscheiden, sondern vor allem auch zwischen „gut“ und „gut“. Denn viele Konflikte zwischen Menschen oder Kulturen sind Wertekonflikte: Konflikte zwischen Werten wie z.B. Freiheit/Selbstbestimmung und Solidarität. Und gerade auch für solche Konflikte gibt es keine einfachen Lösungen. Sogar wenn sie für eine Situation entschieden sind, stellen sie sich für eine nächste Betrachtung wieder aufs Neue. Genau hierzu, zu dieser Uneindeutigkeit und Unbestimmbarkeit nun eine Haltung zu entwickeln, ist ein Zeichen moralischer Reife, von Moralität. Das Ethische begründet eine Kausalität, die mit dem Uneindeutigen und Unbestimmbaren zu tun hat. Und damit zeigt sie eine Kausalität des Offenen und Öffnenden an.</p>
<p align="left">Daher kann Ethik erst einmal ganz allgemein als die Lehre von der Reflexion begriffen werden, genauer gesagt von der Reflexion, die die Unterscheidung von „gerecht“- „ungerecht“ für mich, für andere und für das Zusammenleben der Menschen stark macht. Und da Gerechtigkeit nie genau definiert und berechnet werden kann – wer kann schon sagen, was gerecht ist? –, also eine unbestimmte Größe ist, zählt zur ethisch profilierten Reflexionsfähigkeit, sich Unbestimmbarem bzw. dem stellen zu müssen, sich auf der Grenze von Bestimmbarem und Unbestimmbarem zu bewegen, gerade auch, wenn es um das Gute geht.</p>
<p align="left"><strong>3. Deontologie</strong></p>
<p align="left">Menschen haben Pflichten. Menschen tragen Verantwortung. Diesen Aussagen ist ohne Weiteres und gleichermaßen zuzustimmen. Dennoch gibt es zwischen beiden Aussagen darin wesentliche Unterschiede, welche Vorstellung von Moral und Moralität sie transportieren.</p>
<p align="left">Zunächst zum ersten Verständnis von Moralkonzepten: Menschen haben Pflichten, sie müssen aufgrund dieser Pflichten handeln. Im Fachvokabular der Ethik heißt dieses Konzept Deontologie, das Wort kommt vom gr. <em>deon</em>: Pflicht.</p>
<p align="left">In Bezug auf die Deontologie stellen sich folgende Fragen: Wie begründet sich eine Pflicht? Von einem <em>Gott</em>, der Gebote und Verbote erlässt oder als Schöpfergott unhintergehbare (Vorher)Bestimmungen geschaffen hat (wie auch immer wir davon wissen können)?</p>
<p align="left">Oder begründet sich eine Pflicht von der <em>Natur</em> und den Bedingungen, Zwecken und Zielen, die diese mit sich bringt. Wenn sie vorgibt, was Menschen tun können, schreibt sie damit auch vor, was Menschen tun müssen, dürfen und sollen? Muss sich beispielsweise eine jede Frau, weil Frauen die Potenz Kinder zu gebären haben, dem Kinderbekommen widmen?</p>
<p align="left">Oder begründet sich eine Pflicht durch die menschliche <em>Vernunft</em>, die jeden einzelnen für alle Menschen geltenden Pflichten erkennen lässt? Um es gleich hier deutlich zu machen: Ob Gott, Natur oder Vernunft, für die Weise der Begründung einer Pflicht unterscheiden sich diese drei Größen nicht, sofern sie (kausal)logisch gleich eingesetzt werden, nämlich als absoluter und vereindeutigender Grund.</p>
<p align="left">Gott als die Ursache, Natur als die Bedingung und Vernunft als der Grund für eine Pflicht werden als absolute Größe behauptet, wenn es darum geht, allein von ihnen Pflicht herzuleiten. Allerdings, alle drei sind deutlich angefragt. Und das nicht erst seit der Aufklärung oder Postmoderne, diese Anfrage gibt es schon immer! Aufklärung und Postmoderne haben dieses Anfragen endlich in den Vordergrund gespielt, sie wollen die Begrenztheit solcher (Kausal)Logiken nicht länger mitschleppen, sondern neue Sinnzusammenhänge entwickeln. Zumal Pflichtmodelle auch jenseits solcher Anfragen auf eine schlechte Theologie hinauslaufen, ein naives Naturverständnis, ein unterkomplexes Verständnis von Vernunft.</p>
<p align="left">Zum Beispiel die Pflichtursache „<em>Gott</em>“: Es gab immer Atheisten, für diese gilt Gott schlicht und ergreifend als Ursache von Pflichten nicht. Theismus wiederum kann sehr unterschiedliches bedeuten. Beispielsweise wird in Theologien wie der jüdischen und christlichen deutlich, dass Gottes Vorgabe(<em>n</em>) widersprüchlich, sogar ambivalent sind. Freiheit/Kreativität und Gebote/Verbote, in dieses Spannungsfeld situiert der jüdische Schöpfergott die Menschen. Und dieses Spannungsfeld macht auch Jesus stark, etwa wenn der betont, dass nicht der Mensch für die Gesetze, sondern die Gesetze für die Menschen da sind.</p>
<p align="left">Darüber hinaus bin ich mir gerade als Theologin darüber bewusst, dass Moralität und ethische Reflexionsfähigkeit sich nicht Gott, sondern der Weltlichkeit der Menschen verdankt. Die Entwicklung des vatikanischen Denkens über Sexualmoral zeigt beispielsweise, dass weltliche Moralität eine größere Moralität und Sittlichkeit aufweisen kann als abstrakt formulierte Pflichten. Und bei der Sexualmoral geht es um etwas sehr Grundsätzliches, nämlich um eine Moral des Begehrens. Gerade die vatikanische Enge in Bezug auf die Sexualmoral verdeutlicht, dass die theologische Moral ein Legitimationsdefizit gegenüber den weltlichen Errungenschaften der Moral und ethischen Reflexivität hat. Dies aber gilt letztlich gegenüber der Moral des Begehrens.<a title="" href="#_ftn1">[1]</a></p>
<p align="left">Jedoch, mit der <em>Natur</em> als Bedingung von Moral steht es auch nicht besser. In der Ethik wird dies deutlich mit der Aussage festgehalten, dass vom Sein nicht auf das Sollen geschlossen werden darf. Denn damit wäre eine jede Veränderung und folglich Humanisierung menschlichen Handelns unmöglich gemacht, Menschen würden sich jagen, Reviere abgrenzen, um die Begattungshoheit kämpfen. Unter den Sein-Sollen-Kurzschluss fällt z.B. auch: Es steht also immer schon fest, was es heißt, dass ein Kind von einer Frau geboren wird, das zeige ja schon der Geburtsvorgang an. Die Konsequenzen aus der Natur des Mannes bzw. der Frau können in einer Weise vereindeutigt werden, indem allein von einem idealisierten Kind oder von einer stereotypisierten und derart idealisierten Geburt her auf Kinder, Frauen und Menschen geschaut wird.</p>
<p align="left">Heute schlägt sich ein solches Verständnis in Positionen nieder, die etwa vertreten, dass Bürgermeister nur Frauen sein können, weil sie mehr Sinn für Beziehungen haben. Oder? Eine solche Kausalität aufzustellen folgt der gleichen kausalen und geistigen Enge wie die zu behaupten, dass eine jede Frau keine Bürgermeisterin sein kann, weil es sein kann, dass sie ein Kind bekommt. Wie unterschiedlich kann außerdem der Sinn für Beziehungen ausfallen?  Oder können Männer etwa besser einparken, weil sie besser räumlich denken können? Ist das eigentlich tatsächlich bewiesen? Findet hier nicht ein Kurzschluss statt, der auch wesentlich damit zu tun hat, dass gutes Einparken nicht bloß von einem besseren räumlichen Denken abhängt, sondern auch von vielen anderen Faktoren, angefangen vom Selbstbild „ich bin DER Autofahrer“, „ich agiere schnell“ oder „ich habe das super-xy-Auto, deshalb…“ bis hin zu der Persönlichkeitsstruktur „ich schaue genau hin“ und „ich handle aufmerksam“, usw.</p>
<p align="left">Ethisch denken hingegen heißt,  ein vereindeutigendes, geistige Engen produzierendes Denken als inhuman zu erkennen. Ethisch denken heißt, Besonderheiten von komplexen  Entscheidungssituationen und individuellen Entscheidungslagen zu erkennen und situationsadäquate Lösungen zu finden. Ethik ist wie gesagt eine besondere Qualität von Kausalität, es ist im besten Falle die humane Qualität von menschlicher Kausalität.</p>
<p align="left">Auch die <em>Vernunft </em>als absoluter Grund ist diskreditiert, spätestens seit Kant, wenn es um die Philosophie nach der Neuzeit geht. So macht Kant selbst deutlich, dass Vernunft sich genealogisch qualifiziert: in einem „öffentlichen Gebrauch“, der „die ganze Welt als Lesepublikum“ hat und die Wirkungen auf die zukünftigen Generationen berücksichtigt (soweit diese kalkulierbar sind, und da sie das nur rudimentär sind, ist Vorsicht angebracht, wodurch die Menschen also gerade dann auch mit Unbestimmbarem konfrontiert sind, wenn sie Verantwortung übernehmen …)</p>
<p align="left"><strong>4. Der Sinn von Pflichten</strong></p>
<p align="left">Nun, sind aufgrund dieser Kritik an den Begründungen  tradierte Pflichten keine Pflichten mehr? Haben Pflichten ausgedient, weil ihre Begründungszusammenhänge falsch kategorisiert sind? Sind also bestimmte Pflichten oder aber ihre Begründungen falsch? Wie falsch ist dieses Falsch überhaupt?</p>
<p align="left">Haben also Pflichten wie „du sollst nicht töten“, „du sollst deine Eltern ehren“ oder „du sollst keinen vorehelichen Geschlechtsverkehr haben“ grundsätzlich ihre Gültigkeit verloren, weil sie als unumstößliche Pflicht deklariert wurden?</p>
<p align="left">Allein schon beim Aufzählen dieser drei Pflichten fällt auf, insbesondere wenn wir von der dritten ausgehend zurück auf die erste blicken: aufgrund historischer Entwicklungen entlang von Freiheitsbewegungen hat sich verändert, ob wir diese Pflichten akzeptieren, relativieren oder zumindest situationsspezifisch differenzieren. Denn sogar das Tötungsverbot galt auch in der Vergangenheit gleichzeitig absolut und nicht absolut. Früher wurde diese Ambivalenz am Beispiel des Tyrannenmords diskutiert, denn ob ein Tyrann getötet werden darf oder nicht, dass ist nicht eindeutig zu beantworten.<a title="" href="#_ftn2">[2]</a> Heute wird sie rechtlich beispielsweise zwischen Notwehr, Totschlag, vorsätzlicher Tötung oder Tötung aus niedrigen Beweggründen differenziert. Selbsttötung wird erst seit kurzer Zeit als Krankheit, nicht mehr als Verstoß gegen Gott oder die Vernunft bewertet, etc.</p>
<p align="left">Relativieren zu können, nämlich in Beziehung setzen, also kontextualisieren und situationsspezifisch differenzieren, hierbei Wertekonflikte wahrnehmen zu können, genau das bezeugt die Möglichkeit, <em>ethisch</em> zu reflektieren .</p>
<p align="left"><strong>5. Utilitarismus</strong></p>
<p align="left">Den Menschen zu nützen: Funktionen und Zwecke zu erfüllen, die unmittelbar die Welt, also keine höheren Instanzen vorgeben, das gilt als das große ethische Kontrastprogramm zur absoluten Pflicht. Unbehagen bereitet, dass hier gerechnet werden muss/müsste. Menschen sollen zum Beispiel nicht durch die Hand von anderen Menschen sterben. Nun könnte ein Mensch in einer Situation entscheiden müssen, ob 23 oder ob 25 Menschen sterben. Reicht es, hier die Zahlen aufzurechnen? Gibt es eine/die richtige Rechnung? Irgendwie kommt es dahin, dass entweder die konkreten Situationen im Leben der Menschen ganz andere Dynamiken mit sich bringen, als solche Rechenspiele es vorgaukeln, bzw. sie doch wieder auf übergeordnete Kriterien zurückgreifen müssen.</p>
<p align="left">Gleichzeitig wird etwas anderes thematisierbar: Pflichten zu befolgen, die sich absoluten Größen verdanken, wie utilitaristisch ist eigentlich das? Nützt es mir nicht vor Gott, wenn ich seine Gebote und Verbote befolge? (An dieser Utilitarisierung der Deontologie ist die mittelalterliche katholische Ablasspraxis gescheitert.) Allerdings, wenn Freiheit als  „Geschenk Gottes“ begriffen werden kann, dann wird das Ganze wieder verflixt kompliziert. Denn kann Freiheit nützen? Kann es eine Pflicht zur Freiheit geben? Und inwiefern gibt es Pflichten, wenn Menschen Freiheit geschenkt ist?</p>
<p align="left"><strong>6. Wirkungsethik</strong></p>
<p align="left">Wirkungsethik gibt es zwar bislang nicht als eigens formuliertes Konzept, allerdings gibt es einige Blicke auf das Ethische, die in diese Richtung lenken.<a title="" href="#_ftn3">[3]</a> Im Vordergrund dieser Perspektive steht nicht länger, wie etwas begründet ist, sondern wie sich etwas auswirkt. Hiermit findet zugleich eine Differenzierung entlang der Zeitlichkeit des Ethischen statt: Gilt das, woher etwas kommt, also seine (logische) Vergangenheit absolut? Oder steht nicht vielmehr das, worauf etwas hinausläuft, was entsteht und entstehen wird, im Vordergrund, gerade auch, wenn es um das Bewerten von Handlungen geht?</p>
<p align="left">Der Utilitarismus, die Frage nach dem Nutzen, zeigt diese Dimension des Ethischen an. Er lässt sich sozusagen gegen seinen positivistisch-funktionalen Sinn entutilarisieren, wenn er in den Kontext einer Moral des Begehrens gestellt wird. Augustinus hat dies angeregt: nutzen, jedoch nicht, um zu gebrauchen und einem falschen Pragmatismus zu frönen, nein, im Gegenteil, nutzen, um zu genießen.<a title="" href="#_ftn4">[4]</a></p>
<p align="left">Wenn das Ethische also eine eigene Wirkungen erzeugende Größe und Kraft im Leben der Menschen darstellt, dann verkehrt sich alles! Dann verkehren sich überkommene Ableitungs-, Erklärungs-, Bewertungs- und Begründungsmuster dessen, was jemand tun „soll“. Auf die Probe gestellt: Was am Zusammenleben der Menschen und der Geschichte der Menschheit lässt sich daraus erklären, dass es immer wieder einige besonders außergewöhnliche, überzeugte, handlungskreative, motivierende und mutige Menschen gab/gibt, die gelingende Beziehungen, sogar Gerechtigkeit wollen? Menschen, die sich außerdem dafür mit anderen zusammenschließen? Daraus entstanden viele nicht vorhersehbare Dinge, Liebesgedichte, politisierende Dramen, Friedensbemühungen, Befreiungsbewegungen, neue Rechte und Rechtssysteme, Konzepte gewaltfreier Kommunikation ebenso wie religiöse Ideen.</p>
<p align="left">Und mit diesem Verständnis des Ethischen kann weitergefragt werden: Was an der Geschichte der Frauen schließt sich gerade über ein solches Ethos auf? Jenseits von Gott, Natur und Vernunft, Frauenbewegungen lassen sich wesentlich von einem solchen Ethos, dem Verlangen nach gelingenden Beziehungen in Verbindung mit dem Hunger nach Freiheit, Sinn und Gerechtigkeit her verstehen.<a title="" href="#_ftn5">[5]</a></p>
<p align="left">Was das Verständnis von Ethik betrifft, gilt damit grundsätzlich: Eine Wirkung ist nicht mit dem/einem Anfang oder gar absoluten Grund identisch. Dazwischen gibt es eine Wirkmacht, die das Humanum genannt werden könnte. Wissenschaftstheoretisch gesprochen: Zwischen Induktion und Deduktion steht die Abduktion. Diese kann eine ethische Seite haben, sie kann ethisch sein: Gerechtigkeit verlangt eine kreative Verbindung von überlieferten Normen und neuen Situationen. Und das, was hier zur Entscheidung beiträgt und eigene Kräfte entfaltet, lässt sich als Humanum klassifizieren.</p>
<p align="left">Wird die Welt beispielsweise besser oder schlechter, wenn ein Tyrann getötet wird? Werden die Generationenbeziehungen besser oder schlechter, wenn die Beziehung zwischen Kindern und Eltern moralisiert wird? Werden die Beziehungen zwischen den Geschlechtern besser oder schlechter, wenn es keinen vorehelichen Geschlechtsverkehr gibt? In diesen Fragen treffen überlieferte Normen und Fragen nach Wirkungen auf das Zusammenleben (gerade auch der Geschlechter) aufeinander.</p>
<p align="left">Allgemeinverständlicher formuliert besagt das: Wir denken in mehreren Richtungen gleichzeitig. Wir leiten aus Erfahrungen Prinzipien ab (Induktion) und wir wenden Prinzipien auf Situationen an (Deduktion). Auf  diese beiden Weisen gehen wir auch mit Werten und moralischen Normen um. Normalerweise tun wir nie nur eines davon und eines gar in Reinform. Wir versuchen immer eine mögliche Variante dessen, wie diese beiden Erkenntnisweisen gemischt werden können. Dazwischen allerdings gibt es einen Moment der „Abduktion“ (Peirce): der Kreativität, diese beiden elementaren und mangelhaften Formen menschlichen Denkens aufeinandertreffen zu lassen und eine kreative Variante von Erklärung und letztlich komplexer Begründung zu erzeugen.</p>
<p align="left">Was nun heißt das, wenn es um Ethik geht? Ethik entwickelt sich nicht nur von Gründen her, sondern gerade auch von den Wirkungen, die Entscheidungen und Handlungen erzeugen. Das Ethische repräsentiert eine Kraft des Dazwischens.</p>
<p align="left">Genauer gesagt, Ethik handelt gerade davon: Wenn Menschen als Menschen und also als eigene Kausalitäten erzeugende Wirkkräfte tätig werden, dann müssen die Wirkungen überprüft werden, ebenso die Prozesse, die Wirkungen aufgrund des Handelns von Menschen veranlassen. Denn woher kann man schon ableiten, dass es G-8 Gymnasien und nun doch zusätzlich wieder G-9 Gymnasien, bessere Bezahlungen für Hochschulprofessoren oder Frauenquoten für Dax-Unternehmen geben <em>soll</em>, wenn nicht ausmitten den Geschehnissen der Welt heraus? Woher ist denn zudem ableitbar, dass ein Vater <em>an sich</em> oder eine Mutter <em>an sich</em> für ihr Kind wichtig und gut ist, wenn es regelmäßig solche Väter und Mütter gibt, die ihr Kind misshandeln?</p>
<p align="left">Diese Beispiele zeigen: Ethisches Reflektieren bedeutet, Spannungsfelder zu umreißen und situationsspezifisch zu bewerten: Ein Vater/eine Mutter ist für sein/ihr Kind wichtig – solange er/sie nicht misshandelt. Nicht misshandelt zu werden ist für ein Kind wichtig, und insofern einem Kind das nicht geschieht, ihm im Gegenteil Möglichkeiten dazu geboten werden, sich zu entwickeln, sind seine biologischen Eltern eine Bereicherung. Geben diese ihm das nicht, dann behindern sie gerade auch gegen seine menschliche Möglichkeit, ein verantwortlicher Mensch zu werden. In einem solchen Kreislauf ist die Wichtigkeit der biologischen Eltern für ein individuelles Kind zu beurteilen.</p>
<p align="left">Damit treffen zwei moralische Kriterien aufeinander, die nicht eindeutig <em>an sich</em> entschieden werden können, sondern im Einzelfall differenziert werden müssen. Die Entwicklung der Bindungsfähigkeit des Kindes als Basis seiner  Lebens- und Handlungsfähigkeit, führt zum dritten und entscheidenden Kriterium. Denn diese Basis zeigt an, dass es hierbei nicht um das Vorrecht einer individualisierten Person geht, sondern um eine Qualität von Reifung, die die Gemeinschaft der Menschen, nämlich ihr Zusammenleben betrifft. Denn grundsätzlich bindungsfähig zu sein, das macht einen einzigartigen Menschen aus, der in Verbindung mit anderen steht und somit lebensfähig ist, im Unterschied zu einem isolierten Organismus, der vereinzelt nicht überlebensfähig ist. Und gleichzeitig strukturiert es vor, wie eine Einzelperson seine Beziehungen zu anderen zu gestalten vermag.</p>
<p align="left"><strong>7. Güterethik</strong></p>
<p align="left">Das Konzept der „Wirkungsethik“ kann noch genauer profiliert werden. Menschen denken gleichzeitig von der Vergangenheit her – von ihrer Geschichte, dem, was sie daraus gelernt, haben, den Normen, die sie gebildet haben, – und von der Zukunft her: von dem her, was auf sie zukommen wird, kann und könnte. In dieser Position inmitten der Zeit spielt eine dritte Größe eine zentrale Rolle: die Haltung, die Menschen einnehmen, wenn sie sich dieser zeitlichen Struktur ihres Handelns nähern.</p>
<p align="left">Entscheidungen sind getragen, sie sind von dem Ethos getragen, mit dem sich jemand in Beziehung setzt, sich etwa daran ausrichtet, die Unterscheidung gerecht &#8211; ungerecht stark zu machen. Denn die Haltung ist das Medium, in dessen Licht Menschen auf Entscheidungen blicken, erläutert Platon. Damit bekommen sie eine Orientierung.</p>
<p align="left">Die Güterethik nun thematisiert genau diese Ausrichtung als die maßgebliche Qualität des Handelns. Dabei behauptet sie das Ausrichten am Guten. Die für das Zusammenleben der Menschen &#8211; in Verbindung mit der Entwicklung von der Individualität der einzelnen Personen &#8211; zentrale Ausrichtung ist Platon zufolge dabei genauer die Gerechtigkeit: sich für den Stärke-Schwäche-Ausgleich zu engagieren.</p>
<p align="left">Die güterethische Anfrage gilt dabei auch für den Umgang mit moralischen Gewohnheiten: Wie können überlieferte Normen und moralische Wertungen so gebraucht werden, dass sie zur Moralität der Menschen beitragen, also das Gute, das sie präsentieren, so tradiert wird, dass es weiterhin Gutes stiftet, dieses sogar mehrt? Genau damit aber verändern sie sich. Sie werden kontextualisiert, geprüft, vergütet, reformuliert. Ihr Wert wird erhalten, getauscht oder aber sogar vermehrt, indem er verzeitlicht wird.</p>
<p align="left"><strong>8. Ethikkonzepte als Kausalitätskonzepte: Perspektiven für Geschlechterfragen </strong></p>
<p align="left">Die vorgestellten Differenzierungen, was Ethik meint und das Ethische transportiert, eröffnen Analysemöglichkeiten und Perspektiven für die weitere Auseinandersetzung mit Geschlechterfragen.</p>
<p align="left">1. So zeigen die Deontologie und ihre Kritik an, dass die Ethik und die Frauen ein gemeinsames Schicksal haben.</p>
<p align="left">2. Damit steht im Raum: Jedes Ethikkonzept bringt andere Geschlechterkonzepte und andere Denkfiguren für Geschlechterfragen mit sich. Welche Wirkungen hat welches Ethikkonzept auf Geschlechterverhältnisse und wie prägt es diese?</p>
<p align="left">3. Zugleich kann thematisiert werden: Frauenthemen, Geschlechterthemen, sie brauchen eine Haltung. Denn von der Haltung hängt ab, in welche Richtung Analysen und Veränderungsbestrebungen verlaufen.</p>
<p align="left">4. Ethikkonzepte und das Ethische in frauen-geschlechter-ethischen Texten, wie werden diese hier außerdem aufgegriffen?</p>
<p align="left">5. Das Ethische muss als Dimension von Geschlechterverhältnissen ernst genommen werden. Was aber kann das heißen?</p>
<p>&nbsp;</p>
<div></div>
<hr align="left" size="1" width="33%" />
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref2">[1]</a> Vgl. Andrea Günter: Die Säkularität der Moral und die derzeitigen Krisen der Religionen, http://www.bzw-weiterdenken.de/2010/12/die-sakularitat-der-moral-und-die-derzeitigen-krisen-der-religionen/</p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref2">[2]</a> Vgl. Simone de Beauvoir: Moralischer Idealismus und politischer Realismus, in: dies., Auge um Auge. Artikel zu Politik, Moral und Literatur, Reinbek 1987, 7-34.</p>
</div>
<div>
<p><a title="" href="#_ftnref3">[3]</a> Unter dem Paradigma „Wirkungsethik“ lassen sich verschiedene ethische Konzepte versammeln, der Utilitarismus, der Konsequentialismus, die Vertragsethik ebenso wie die Diskursethik. Der Verbindungspunkt, der damit profiliert wird, ist die Bedeutung des Ethischen als die „Zeit“, sofern sie Entscheidungen von Menschen strukturiert.</p>
</div>
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<p><a title="" href="#_ftnref4">[4]</a> Diese Paradoxie frauenbewegt zu engagieren verdanke ich Luisa Muraros Buch „Der Gott der Frauen“, vgl. Andrea Günter: Märchenhafte Theologie. http://www.bzw-weiterdenken.de/2011/11/4164/</p>
</div>
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<p align="left"><a title="" href="#_ftnref5">[5]</a> Dieser Ethos als frauenbewegte Kraft wurde thematisiert in: Ulrike Wagener, Antje Schrupp, Dorothee Markert, Andrea Günter, Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn. Flugschrift über Weiberwirtschaft und den Anfang der Politik, Rüsselsheim 1999; Maren Frank u.a.: Sinn – Grundlage von Politik, Rüsselsheim 2005.</p>
</div>
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		</item>
		<item>
		<title>Postpatriarchal gedacht macht das Grundeinkommen Sinn</title>
		<link>http://www.bzw-weiterdenken.de/2012/04/postpatriarchal-gedacht-macht-das-grundeinkommen-sinn/</link>
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		<pubDate>Thu, 05 Apr 2012 13:19:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Antje Schrupp</dc:creator>
				<category><![CDATA[handeln]]></category>
		<category><![CDATA[Grundeinkommen]]></category>
		<category><![CDATA[postpatriarchal]]></category>
		<category><![CDATA[Volksinitiative]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Eine Anmerkung von Ina Praetorius zur Debatte um die „eidgenössische Volksabstimmung für ein bedingungsloses Grundeinkommen“. ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_5117" class="wp-caption alignright" style="width: 356px"><a href="http://www.bzw-weiterdenken.de/2012/04/postpatriarchal-gedacht-macht-das-grundeinkommen-sinn/imgp0017/" rel="attachment wp-att-5117"><img class=" wp-image-5117  " title="IMGP0017" src="http://www.bzw-weiterdenken.de/wp-content/uploads/2012/04/IMGP0017.jpg" alt="" width="346" height="259" /></a><p class="wp-caption-text">Wirtschaftsleben. Foto: Ina Praetorius</p></div>
<p>In der Schweiz läuft derzeit die Debatte um das Grundeinkommen so richtig an. Das hat einen einfachen Grund: Am 21. April wird mit einem großen Fest im Zürcher Theaterhaus „Schiffbau“ die <a href="http://bedingungslos.ch/" target="_blank">„eidgenössische Volksinitiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen“</a> lanciert. Hunderttausend Unterschriften müssen in den kommenden achtzehn Monaten gesammelt werden, damit in ein paar Jahren dann hoffentlich das ganze stimmberechtigte Volk über den vorgeschlagenen neuen Verfassungsartikel wird abstimmen können. Und damit dieses groß angelegte Unternehmen gelingt, braucht es eben diese Debatte, die über die Kerngruppe der Initiantinnen und Initianten hinaus möglichst viele Bürgerinnen und Bürger einbezieht.</p>
<h4>Eine scheinbar harmlose Workshop-Ausschreibung</h4>
<p>Am Sozial- und Umweltforum Ostschweiz 2012 ( <a href="http://www.sufo.ch/">http://www.sufo.ch/</a> ) zum Beispiel ist ein Workshop zum Thema ausgeschrieben. Im Programmheft steht dieser kurze Text:</p>
<blockquote><p><em>Das Grundeinkommen ist nicht Lösung aller Probleme. Es könnte lediglich Teil einer neuen Ausgangslage sein: Damit in der Wirtschaft alle mitmachen können, die wollen, und keiner mitmachen muss, der nicht will. Das macht nicht nur mehr Spass, sondern unsere Gesellschaft erst noch effizienter. Der Workshop setzt sich mit den interessantesten Fragen der Grundeinkommens-Skeptiker auseinander.</em></p></blockquote>
<p>Auf den ersten Blick sieht das gut aus: Der Workshopanbieter oder die –anbieterin gesteht schon im ersten Satz zu, dass das Grundeinkommen kein Zaubermittel zur Lösung sämtlicher Probleme ist. Nein, es wird „Teil einer neuen Ausgangslage“ sein, also eine Art veränderte Verhandlungsposition, von der aus alle Mitglieder der Gesellschaft, Frauen, Männer, Kinder, Alte, MigrantInnen und so weiter, neu definieren werden, wie sie ihr Zusammenleben welt- und menschenfreundlich gestalten wollen.</p>
<p>Ja, so sehe ich das auch. Und dass die „interessantesten Fragen der Grundeinkommens-Skeptiker“ im Mittelpunkt stehen sollen, das ist gut eidgenössisch konsensdemokratisch gedacht.</p>
<p>Aber dann steht da plötzlich ein nur vermeintlich harmloser Halbsatz im Weg: &#8230;<em>Damit in der Wirtschaft alle mitmachen können, die wollen, und keiner mitmachen muss, der nicht will. </em></p>
<p>Hoppla: bin ich denn frei, mich aus der Wirtschaft einfach auszuklinken? Wie soll das gehen?</p>
<h4>Was ist Wirtschaft?</h4>
<p>Wer irgendein beliebiges Lehrbuch der Wirtschaftswissenschaft aufschlägt, findet mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit gleich auf einer der ersten Seiten eine Definition, die sich auf die Tatsache bezieht, dass Menschen bedürftig sind. Zum Beispiel heißt es da, Ökonomie sei die&#8230;</p>
<blockquote><p><em>&#8230;gesellschaftliche Veranstaltung zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse der Lebenserhaltung und der Lebensqualität. (</em>Peter Ulrich, Integrative Wirtschaftsethik. Grundlagen einer lebensdienlichen Ökonomie, Bern/Stuttgart/Wien (Haupt) 1998</p></blockquote>
<p>Oder:</p>
<blockquote><p><em>Es ist Aufgabe der Wirtschaftslehre zu untersuchen, wie die Mittel zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse am sinnvollsten hergestellt, verteilt und ge- oder verbraucht werden. (</em>Günter Ashauer, Grundwissen Wirtschaft, Stuttgart 1973, 5.</p></blockquote>
<p>Nehme ich solche allgemein akzeptierte Definitionen des Begriffs „Wirtschaft“ zum Maßstab, sind Menschen nicht frei, zu entscheiden, ob sie in der Wirtschaft „mitmachen wollen“ oder nicht. Denn es gibt keine nicht bedürftigen Menschen, weshalb die Entscheidung, in der „gesellschaftlichen Veranstaltung zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse“ nicht mitzumachen, einem Selbstmord gleichkäme.</p>
<p>Zwar hat man immer wieder versucht, den „unabhängigen“ Menschen zu konstruieren: Robinson Crusoe, das „sich selbst setzende Subjekt“ der europäischen Aufklärung oder den <em>Self made Man</em>. Alle drei sind Fiktion.</p>
<h4>Die Wirtschaft: nur der Markt?</h4>
<p>Unser Workshop-Ausschreiber ist mit seiner seltsamen Vorstellung, man könne in der Wirtschaft „mitmachen oder nicht“, nun aber keineswegs allein. Ganz im Gegenteil: Er spricht bloß nach, was der Mainstream der ökonomischen Wissenschaft ihm vorsagt. Wahrscheinlich ist dieser Halbsatz aus diesem Grund auch diskussionslos ins Programm aufgenommen worden.</p>
<p>Auch die Autoren der Wirtschaftslehrbücher springen nämlich, nachdem sie ihren Gegenstandbereich zunächst sehr allgemein als arbeitsteilige Bedürfnisbefriedigung definiert haben, unversehens – und fast immer ohne Begründung – in eine bestimmte institutionelle Sphäre: den Markt (und nebenbei noch den Staat). Dass sie mit diesem Sprung eine Menge realer Bedürfnisbefriedigung, je nach Berechnung mehr als die Hälfte, <em>über</em>springen<em>,</em> sollte man eigentlich inzwischen wissen: Der Ökonom überspringt nämlich all die Bereiche des menschlichen Zusammenlebens, in denen Bedürfnisse <em>ohne den Umweg über das Tauschmittel Geld</em> befriedigt werden, insbesondere die Privathaushalte, und viele gesellschaftliche Bereiche, in denen Geld zwar eine gewisse Rolle spielt, aber nicht die dominante: zum Beispiel Nachbarschaftshilfe, bäuerliche Subsistenzwirtschaft, ehrenamtliche Tätigkeiten und einen grossen Teil dessen, was feministische Ökonominnen inzwischen „<em>Care</em>-Arbeit“ nennen (zum Beispiel Maren Jochimsen in „Careful Economics. Integrating Caring Activities and Economic Science”, Boston/Dordrecht/London 2003).</p>
<p>Ohne eine plausible Erklärung zu liefern, setzt die noch gängige Ökonomie Bedürfnisse also mit dem gleich, was sie „Nachfrage“ nennt, mit denjenigen speziellen Bedürfnissen also, die auf dem Markt als Elemente von monetär vermittelten Tauschgeschäften in Erscheinung treten.</p>
<h4>Zweiteilung und Ausblendung</h4>
<p>Warum ist das so? – Weil man schon seit vielen Jahrhunderten die unmittelbare, also nicht über das vermeintlich allgemeine Tauschmittel Geld gehandelte Befriedigung menschlicher Bedürfnisse nicht als „richtige“ Wirtschaft anerkennt: In der griechischen Antike hat man sie als „niedere“ Arbeit den Sklavinnen, Sklaven und Ehefrauen zugeschoben, die unter der Aufsicht „freier“ (?) Bürger deren scheinbare „Unabhängigkeit“ herzustellen hatten.</p>
<p><em>„Die Wissenschaft des Herrn ist &#8230; diejenige, die die Sklaven zu verwenden weiss. Denn der Herr zeigt sich &#8230; im Verwenden von Sklaven &#8230; und die Herren selbst treiben Politik oder Philosophie</em>“ schreibt Aristoteles in seiner „Politik“ schon im vierten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Bis in die Neuzeit ist uns diese Zweiteilung der Welt in freie und unfreie Angehörige der Gattung Mensch im wesentlichen erhalten geblieben, trotz aller Bekenntnisse zu unverlierbarer Menschenwürde und allgemeinen Menschenrechten.</p>
<p>Aber heute befinden sich in der höheren Sphäre vermeintlicher „Unabhängigkeit“ nicht mehr nur, wie im antiken Athen, „Politik und Philosophie“ sondern zusätzlich: das Geld und mit ihm der scheinbar unfehlbare Mechanismus, der angeblich dazu führt, dass menschliche Bedürfnisse gewissermaßen „automatisch“ befriedigt werden: der sogenannt freie Markt. Offiziell gibt es keine Sklaverei mehr, was aber nicht bedeutet, dass keine Menschen mehr als zweitklassig und von Natur aus dienstbar behandelt würden. Die schlecht oder gar nicht begründete Ausgrenzung der Bereiche der unbezahlten Versorgungsleistungen aus der ökonomischen Wissenschaft – und aus unserer Workshop-Ausschreibung – ist nur ein Indiz für die Zähigkeit des zweigeteilten Weltbildes.</p>
<h4>Das Grundeinkommen als ein möglicher Anfang postpatriarchaler Ökonomie</h4>
<p>Heute allerdings geht das Patriarchat stillschweigend oder manchmal auch mit viel Getöse zu Ende. Im vierbändigen „Neuen Handbuch theologischer Grundbegriffe“ steht zum Beispiel im Artikel „Grundlagen der Wirtschaftsethik“ dieser Satz:</p>
<blockquote><p>&#8220;<em>Wirtschaft&#8221;ist zu verstehen als eine Gesamtbezeichnung für alle Massnahmen zur Bedarfsdeckung, also Güterbeschaffung, -verteilung und -verwendung: vom plazentaren Tauschverhältnis zwischen Fötus und Mutterleib bis zum Supermarkt, von der Muttermilch bis zum weltweiten Devisenhandel.</em></p></blockquote>
<p>Diese Definition, die immerhin schon sieben Jahre alt ist, aber bis heute nur wenig zitiert wird, macht Ernst mit der Aufhebung der Grenzen zwischen „eigentlichen“ und vernachlässigbaren, höheren und niederen, bezahlten und unbezahlten Wirtschaftsbereichen.</p>
<p>Dabei gibt sie die allgemein akzeptierte Definition der Öko-Nomie (von griechisch <em>oikos</em>/Haus, Haushalt und <em>nomos</em>/Gesetz, Lehre) keineswegs auf, im Gegenteil: Sie erweckt sie zu neuem zukunftsfähigem Leben. Und sie müsste der Debatte um das bedingungslose Grundeinkommen zugrunde liegen, wenn es in ihr tatsächlich um mehr gehen soll als um einen Befreiungsschlag für Leute, die endlich das Recht haben wollen „zu tun, was sie wollen“. Nämlich darum, von Grund auf neu zu überlegen, wer in dieser Weltgesellschaft aus sieben Milliarden geborenen, bedürftigen, verletzlichen und freien Menschenwesen was wie unter welchen Rahmenbedingungen tun und lassen soll. Erst wenn wir ausdrücklich aufhören, die Wirtschaft willkürlich und gedankenlos auf den Bereich zu begrenzen, in dem vorzugsweise weisse erwachsene bezahlte Männer zunehmend unnütze Produkte herstellen und gegen Geld tauschen, wird die Debatte um das bedingungslose Grundeinkommen werden, was sie sein könnte: spannend und zukunftsschwanger.</p>
<p>Die Workshopausschreibung fürs Sozial- und Umweltforum 2013 könnte dann übrigens so heißen:</p>
<blockquote><p>D<em>as Grundeinkommen ist nicht die Lösung aller Probleme. Es könnte lediglich Teil einer neuen Ausgangslage sein: Damit in der Wirtschaft alle das tun können, was gleichzeitig ihren unverwechselbaren Fähigkeiten und Wünschen und den gegebenen Notwendigkeiten entspricht. Das macht nicht nur mehr Spass, sondern unsere Gesellschaft erst noch effizienter. Der Workshop setzt sich mit den interessantesten Fragen der Grundeinkommens-Skeptikerinnen und Skeptikern auseinander.</em></p></blockquote>
<h4>Zum Weiterlesen:</h4>
<p><a href="http://antjeschrupp.com/2012/04/03/kampf-gegen-windmuhlen-carearbeit-und-grundeinkommen/" target="_blank">Antje Schrupp: Kampf gegen Windmühlen. Carearbeit und Grundeinkommen</a></p>
<p><a href="http://www.kath-kirche-vorarlberg.at/organisation/kirchenblatt/links-dateien/TagederUtopie-2011_Ina-Praetorius_Geburtlich-leben.pdf">Ina Praetorius: Geburtlich leben (pdf)</a></p>
<p><a href="http://www.ne-fw.de/docs/ina_praetorius.pdf" target="_blank">Ina Praetorius: Ökonomie der Geburtlichkeit</a></p>
<p><a href="http://www.inapraetorius.ch/d/gedankenblitze.php" target="_blank">Ina Praetorius: Das bedingungslose Grundeinkommen als postpatriarchales Projekt</a></p>
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		<title>Hinter der Tür: Ein Film über weibliche Souveränität</title>
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		<pubDate>Wed, 04 Apr 2012 08:31:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Antje Schrupp</dc:creator>
				<category><![CDATA[anschauen]]></category>
		<category><![CDATA[Helen Mirren]]></category>
		<category><![CDATA[Hinter der Tür]]></category>
		<category><![CDATA[István Szabó]]></category>
		<category><![CDATA[Magda Szabó]]></category>
		<category><![CDATA[Martina Gedeck]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Film basiert auf einem Roman der ungarischen Schriftstellerin Magda Szabó. Erzählt wird die Beziehung zwischen der Schriftstellerin Magda und ihrer Putzfrau Emerenc. Eine Empfehlung von Antje Schrupp.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ich möchte wieder einen Film empfehlen, und zwar „Hinter der Tür“ des ungarischen Regisseurs István Szabó. Er basiert auf einem Roman der inzwischen verstorbenen ungarischen Schriftstellerin Magda Szabó (der gleiche Nachname ist Zufall), der bereits 1987 erschienen ist und ein weltweiter Erfolg war. Die Geschichte spielt in den 1960er Jahren und erzählt von der Beziehung zwischen der Schriftstellerin Magda und ihrer Putzfrau und Köchin Emerenc.</p>
<p><a href="http://www.bzw-weiterdenken.de/2012/04/hinter-der-tur-ein-film-uber-weibliche-souveranitat/hdt5-2/" rel="attachment wp-att-5097"><img class="aligncenter size-full wp-image-5097" title="hdt5" src="http://www.bzw-weiterdenken.de/wp-content/uploads/2012/04/hdt51.jpg" alt="" width="600" height="385" /></a>Die Beziehung zwischen den beiden Frauen gestaltet sich schwierig, vor allem wegen des – gelinde gesagt – merkwürdigen Verhaltens von Emerenc, die mal freundlich, mal schroff abweisend ist. Sie hat offenbar ein Geheimnis, zum Beispiel lässt sie niemanden in ihr Haus. Außerdem benimmt sie sich unmöglich, scheint ihre Arbeitgeberin ständig in Machtkämpfe zu verwickeln, zeigt an vielen Stellen ein geradezu zwanghaftes Verhalten, das der Zuschauerin oft unerträglich wird. Im Verlauf des Films erfährt man ihre Lebensgeschichte und bekommt so einige Erklärungen für ihr Verhalten.</p>
<p>Der Schlüssel zu der Geschichte lag für mich in einem an einer Stelle wie nebenbei gesagten Satz (wer ihn ausspricht, habe ich tatsächlich vergessen), wo jemand, mit einer Portion Unverständnis in der Stimme, über Emerenc sagt: „Sie benimmt sich wie eine Königin.“</p>
<p>Das ließ mich aufmerken, weil ich mich derzeit mit der Idee von „weiblicher Souveränität“ beschäftige, die Annarosa Buttarelli in ihrem Beitrag zu dem neuen <a href="http://www.antjeschrupp.de/macht-und-politik-sind-nicht-dasselbe" target="_blank">Diotima-Buch „Macht und Politik sind nicht dasselbe“</a> entwickelt. Darin stellt sie die These auf, dass weibliche Souveränität eher „Herrschen“ sei als „Regieren“, allerdings ein Herrschen, das nicht auf Befehlsketten und Untergebene angewiesen ist, sondern sich auf die Übernahme von Verantwortung bezieht, auf die Fähigkeit und Bereitschaft, Entscheidungen zu treffen und sich „über das Gesetz“ zu stellen, wenn es notwendig ist, und auch bereit zu sein, die Konsequenzen der eigenen Entscheidungen zu tragen.</p>
<p><a href="http://www.bzw-weiterdenken.de/2012/04/hinter-der-tur-ein-film-uber-weibliche-souveranitat/hdt4-kopie/" rel="attachment wp-att-5100"><img class="aligncenter size-full wp-image-5100" title="hdt4 Kopie" src="http://www.bzw-weiterdenken.de/wp-content/uploads/2012/04/hdt4-Kopie.jpg" alt="" width="600" height="396" /></a></p>
<p>Unter dieser Perspektive ist die Haushälterin Emerenc ein wahres Paradebeispiel für weibliche Souveränität – und so ist es vielleicht kein Zufall, dass sie (ganz großartig übrigens) von Helen Mirren gespielt wird, die vor einigen Jahren für ihre Rolle als Queen Elizabeth II den Oscar bekommen hat. Hier nun spielt sie erneut eine Königin, allerdings eine, die ganz ohne jede äußerliche Macht auskommen muss, und die, mehr noch, auch keine „insgeheime“ Heldin ist, sondern schlicht und ergreifend psychisch krank und mit traumatischen Erinnerungen belastet.</p>
<p>Dass der Film aber (meiner Ansicht nach) nicht einfach von einem unglücklichen Frauenschicksal mit tragischen Entwicklungen erzählt, sondern eigentlich von einer bestimmten Art weiblicher Stärke, wird besonders herausgehoben durch den Vergleich zwischen Emerenc und der anderen Hauptfigur, der Schriftstellerin Magda (gespielt von Martina Gedeck), die nämlich eine solche Souveränität über weite Strecken vollkommen vermissen lässt – und die entsprechend von Emerenc zunächst auch nicht ernst genommen wird.</p>
<p>Zusätzlich interessant ist, dass diese sehr unterschiedlichen weiblichen Haltungen auch an ihrer Beziehung zu Männern durchgespielt werden, speziell zu Magdas Ehemann. Während Magda eine „emanzipierte“ Ehe führt (und ihr Mann sie zum Beispiel in ihren beruflichen Ambitionen unterstützt), tritt Emerenc dem „Hausherren“ gegenüber betont unterwürfig auf, spricht ihn zum Beispiel ständig als „Gebieter“ an, worüber Magda (und ihr Mann) sich lustig machen. Aber es wird deutlich, dass diese Unterordnung nicht im Entferntesten Emerencs Eigenwilligkeit beeinträchtigt, sondern sich sozusagen auf einer völlig anderen Ebene abspielt, während Magda für ihre Selbstsicherheit durchaus auf das Lob und die Zustimmung von Männern angewiesen ist.</p>
<p>Aber trotzdem ist auch Magda für mich eine Heldin, weil sie im Gegensatz zu den anderen Emerencs „Königinnentum“ erkennt und deshalb von ihr fasziniert ist. Ich habe den Film tatsächlich als Liebesgeschichte gelesen, weil nämlich Magdas Begehren, Emerenc für sich zu gewinnen, sie selbst stark werden lässt. Tatsächlich schafft sie es, eine Beziehung aufzubauen – und das wiederum hat mich an der Figur der Magda beeindruckt. Allerdings muss ich sagen, dass ich damit unter denjenigen, die den Film zusammen angeschaut haben, die einzige war. Die anderen Zuschauerinnen fanden es einfach nur schrecklich, wie sich Magda von Emerenc „unterbuttern“ lässt.</p>
<p>Aber urteilt selbst: Der Film „Hinter der Tür“ kommt in Deutschland morgen, am 5. April, in die Kinos. (Fotos: Piffl Medien)</p>
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		<title>Wir sind ein Kreis</title>
		<link>http://www.bzw-weiterdenken.de/2012/03/wir-sind-ein-kreis/</link>
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		<pubDate>Wed, 28 Mar 2012 14:37:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Juliane Brumberg</dc:creator>
				<category><![CDATA[lesen]]></category>
		<category><![CDATA[vertrauen]]></category>
		<category><![CDATA[Ritual; Lied; Jahreskreisfeste]]></category>

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		<description><![CDATA[Juliane Brumberg freut sich, dass es endlich ein Buch mit Ritualliedern in deutscher Sprache gibt.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p align="left"><strong>Juliane Brumberg freut sich, dass es endlich ein Buch mit Ritualliedern in deutscher Sprache gibt.</strong></p>
<p align="left"><a href="http://www.bzw-weiterdenken.de/2012/03/wir-sind-ein-kreis/2012_03_27_ritualliederbuch-2/" rel="attachment wp-att-5080"><img class="alignright size-medium wp-image-5080" title="2012_03_27_Ritualliederbuch" src="http://www.bzw-weiterdenken.de/wp-content/uploads/2012/03/2012_03_27_Ritualliederbuch1-212x300.jpg" alt="" width="212" height="300" /></a>Wenn es mit Worten nicht mehr weitergeht, ist oft die Musik hilfreich, um in Beziehung zu gehen, insbesondere wenn es um die Beziehung zum Göttlichen, zum Unverfügbaren geht. Nicht umsonst blicken wir auf eine reiche Tradition an evangelischer Kirchenmusik zurück. Nur leider kommen in den alten wohlfeilen Kirchenliedern nur die Brüder vor und die Frauen sind mal wieder unsichtbar. Veränderungen gab es erst, als die Frauenbewegung im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts aufdeckte, dass Frauen neben den politischen Veränderungen auch spirituelle Nahrung brauchen, um Geist und Seele zu stärken. Die Frauen machten sich auf die Suche, brachten Songs aus Amerika mit und übersetzten sie oder behalfen sich mit alten Kirchenliedern, denen sie einen frauengerechten Text verpassten. Erst mit dem Entwickeln eigener, neuer Rituale entstand nach und nach eine Kultur von Frauenliedern in deutscher Sprache.</p>
<p align="left">Per kopiertem Handzettel oder Tonkassette – später dann auf selbstgebrannter CD – wurden sie weitergegeben und mussten immer wieder neu zusammengesucht werden. Im Vorwort berichtet die Herausgeberin Donate Pahnke McIntosh: „Wohl hunderte von Malen habe ich am Telefon gesungen, und es wurde immer deutlicher: Ein Liederbuch musste her.“ In der Dresdner Komponistin Sylke Zimpel fand sie dann schließlich die Frau, die ihr die Notenfassungen aufschreiben konnte.</p>
<p align="left">Und nun gibt es endlich ein handliches Ritualliederbuch mit 94 Liedern für alle Gelegenheiten und einer ausführlichen Einleitung, die Mut macht zu Musik und Klang, zu Rhythmus und Stimme im Ritual. Fast ein wenig merkwürdig, Lieder und Chants, die Jahrzehnte lang von Frauen nur nach Gehör mitgesungen wurden (z.B. wir sind ein Kreis, das Lied von den Hexen die wiederkommen oder das Wandlungslied), nun gedruckt vor sich zu sehen. Für viele Anlässe – Anfang und Ende, Heilungsschritte, Jahreskreisfeste, das Schweigen der Nacht, das Labyrinth oder Frauen mit Power – finden sich Liedvorschläge. Unter einigen Liedern steht ein Begleittext, z. B. wenn es um die Mythen von Inanna, Artemis oder Frau Holle geht; oder es gibt Erklärungen dazu, was Weben und Spinnen mit der Großen Göttin zu tun hat. Zum Schmunzeln ist das – zumindest mir – bislang unbekannte Lied über die Großstadtheiden und deren Versuche, in die Natur hinauszugehen. Schade, dass nur drei Lieder von <a href="http://www.bzw-weiterdenken.de/2008/03/bis-in-die-kleinste-zelle-des-korpers/">Arunga Heiden</a>, deren Kraftlieder und Mantren zumindest im süddeutschen Raum eine wichtige Rolle spielen, aufgenommen wurden. Trotzdem ein überfälliges Buch, das sicher viele Liebhaberinnen finden wird.                   <em></em></p>
<p align="left"><strong>Hg. von Donate Pahnke McIntosh, Wir sind ein Kreis, Die schönsten Rituallieder in deutscher Sprache, Christel Göttert Verlag Rüsselsheim 2011, 168 S., 24 Euro.</strong></p>
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		<title>Die UNESCO widmet ihre Ausstellung zum Internationalen Frauentag den matriarchalen Gesellschaften</title>
		<link>http://www.bzw-weiterdenken.de/2012/03/die-unesco-widmet-ihre-ausstellung-zum-internationalen-frauentag-den-matriarchalen-gesellschaften/</link>
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		<pubDate>Thu, 22 Mar 2012 16:49:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Christel Göttert</dc:creator>
				<category><![CDATA[unterwegs]]></category>
		<category><![CDATA[Matriarchat]]></category>
		<category><![CDATA[UNESCO]]></category>
		<category><![CDATA[Welt]]></category>
		<category><![CDATA[Weltfrauentag]]></category>

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		<description><![CDATA[Dagmar Margotsdotter-Fricke berichtet von der Eröffnungsveranstaltung in Paris]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Die Filmemacherin Uschi Madeisky und die Autorin Dagmar Margotsdotter-Fricke, beide seit Jahren zu matriarchalen Themen forschend, waren nach Paris eingeladen zur 10-tägigen Ausstellung „Matriachal Societies“ der UNESCO und nahmen am 8. und 9. März 2012 an den Eröffnungsveranstaltungen teil.<em></em></strong></p>
<div id="attachment_5028" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><img class="size-medium wp-image-5028" title="women's day die Vorsitzende" src="http://www.bzw-weiterdenken.de/wp-content/uploads/2012/03/womens-day-die-Vorsitzende-300x243.jpg" alt="" width="300" height="243" /><p class="wp-caption-text">Generaldirektorin der UNESCO, Irina Bokova li. und die Deutsche Diplomatin Martina Nibbeling-Wrießnig</p></div>
<p>Das Wetter in Paris war dem „International Women&#8217;s Day“ angemessen: frisch und sonnig. Der hier so typische Wind ließ die kunterbunten Fahnen der Länder dieser Welt, die in Paris vertreten sind, sanft schwingen, als wir – Uschi Madeisky und ich gemeinsam mit Prinzessin Béatriz Von Hohenlohe und ihrer Tochter Manuela – aus dem Taxi stiegen. Das also ist der Hauptsitz der UNESCO, ein freizügig wirkendes, lichtes Gebäude aus den sechziger Jahren. Wenn nicht die Sicherheitsvorkehrungen gewesen wären, hätte der Komplex für eine Universität gehalten werden können. Allerdings fehlten dafür Graffitis, bunte Anschlagzettel, Parolen und andere Formen des politischen Ausdrucks. Alles war sauber und ordentlich.</p>
<p>Schon beim Gang durch die Glastüren entdeckten wir einen Teil der Ausstellung: Fotos aus heutigen matriarchalen Gesellschaften, fotografiert von Prinzessin Béatriz. Eine Texttafel erklärte:</p>
<p>&#8220;Die Prinzessin ist im Schloss von Rothenhaus in Böhmen geboren. Sie verbrachte ihre Kindheit in England, Frankreich und Spanien, wo sie heiratete und drei Kinder zur Welt brachte.  Zwanzig Jahre lang ist sie um die Welt gereist, um Frauen, Kinder und Männer zu fotografieren, die in matriarchalen Gesellschaften leben. Das erste Mal war sie in Imilchil in Marokko darüber gestolpert, dass hier Frauen ihre Ehemänner nach  eigenem Gutdünken aussuchen, die Familienfinanzen regeln, selbst eine Scheidung durchsetzen können und die wichtigsten Entscheidungen in ihrer Gemeinde treffen.             Seitdem ist sie fasziniert dabei, matriarchale Sitten und Bräuche rund um die Welt zu entdecken. Prinzessin Beatriz ist davon überzeugt, dass alle matriarchalen Gemeinschaften einen gemeinsamen Nenner haben: Harmonie und Ordnung. Keine Kriege. Mit ihren Fotos gelingt es ihr, die Stärke dieser Frauen zu zeigen, welche stolz darum kämpfen, ihre Familie, ihr Volk und ihre Menschlichkeit zu schützen.&#8221;</p>
<div id="attachment_5030" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><img class="size-medium wp-image-5030" title="uscha, prinzessin und Diplomatin" src="http://www.bzw-weiterdenken.de/wp-content/uploads/2012/03/uscha-prinzessin-und-Diplomatin-300x189.jpg" alt="" width="300" height="189" /><p class="wp-caption-text">Uschi Madeisky li. überreicht der Prinzessin Béatriz Von Hohenlohe ihre Filme, re.  Gülser Corat, die Direktorin der Gleichstellungsstelle der UNESCO.</p></div>
<p>Stellwand auf Stellwand folgte mit großen Momentaufnahmen, in denen sich der Stolz, der Freigeist und das Selbstbewusstsein dieser Frauen zeigen. Sie kennen keine patriarchale Unterdrückung, sondern nur Schutz und Unterstützung durch ihren Clan und ihre Gemeinschaften. Die Prinzessin beweist mit diesen Porträts ihr sicheres Auge für die selbstbewusste Sinnlichkeit matriarchal lebender Frauen. Sie selbst wirkt mit ihren großen blauen Augen dabei als ständig Beobachtende, Fragende und Fühlende, die auf diese Weise die innere Wahrheit einer Person erkennen möchte. Sie kann sich nicht schreibend ausdrücken, sagt sie über sich selbst, dabei würde sie das gern. Doch dass sie mehr sieht, als so manch andere (be-)schreiben kann, davon zeugen ihre Bilder.</p>
<p><img title="Tšchter der 7HŸtten" src="http://www.bzw-weiterdenken.de/wp-content/uploads/2012/03/Tšchter-der-7HŸtten-169x300.jpg" alt="" width="1" height="2" /><img class="alignleft size-medium wp-image-5041" title="Tšchter der 7HŸtten" src="http://www.bzw-weiterdenken.de/wp-content/uploads/2012/03/Tšchter-der-7HŸtten2-169x300.jpg" alt="" width="169" height="300" />Zwischen den hohen Ausstellungswänden stand ein großer Bildschirm, in dem der Film „Daughters of the Seven Huts“ (Die Töchter der sieben Hütten) von Uschi Madeisky und Klaus Werner in einer Endlos-Schleife zehn Tage lang zu sehen sein wird. Eine Texttafel erklärte, was die Filmemacherin mit ihrem Film präsentiert: eine matriarchale Gesellschaft im Nordosten Indiens. Die Khasi leben seit Jahrhunderten im Nordosten Indiens in einer matriarchalen Gesellschaft. Die Großmutter ist Oberhaupt und Priesterin des Clans und vererbt ihr gesamtes Wissen und ihre Stellung an die jüngste Tochter der Familie. Aileen möchte ein Restaurant eröffnen, um ihrem Clan eine notwendige Einnahmequelle zu erschließen. Für die Finanzierung überredet sie ihre Mutter, Land vom heiligen Ahnenwald zu verkaufen – nicht ohne Folgen.</p>
<p>Die politische Dimension dieser Ausstellung ist kaum zu überschätzen. Sie setzt ein Zeichen: In diesem politisch so bedeutsamen Haus mit Menschen aller Ränge und Nationen – von KönigInnen, PräsidentInnen, DiplomatInnen bis hin zu Schulkindern – ist gleich der lichte Eingangsbereich ausgestattet mit der Botschaft: „Schaut her, hier wird gelacht, getanzt und gefeiert. Hier ist es bunt und voller Leben. Hier zeigt sich eine Lebensform, über die wir alle nachdenken sollten: die matriarchale Gesellschaft.“</p>
<p>Kaum hatten wir uns davon überzeugt, dass Bilder und Film gut präsentiert wurden, begann auch schon die „Feierliche Eröffnung der weltweiten Ausstellung zum Internationalen Frauentag“, so die offizielle Ankündigung. Die Eröffnungsrede hielt die Generaldirektorin der UNESCO, Irina Bokova. Dann sprachen Gülser Corat, die Direktorin der Gleichstellungsstelle der UNESCO, und die jeweiligen Diplomatinnen und Diplomaten aus den sieben Ländern, aus denen die zu dieser Ausstellung eingeladenen Künstlerinnen stammen: Algerien, Ungarn, Malaisien, der Dominikanischen Republik, dem Tschad, Uruguay und Deutschland.</p>
<p>Die Vorstellung von Prinzessin Béatriz Von Hohenlohe und Uschi Madeisky übernahm „Ihre Exzellenz Frau Martina Nibbeling-Wrießnig, Diplomatin und Permanente Delegierte von Deutschland an der UNESCO“, so ihr offizieller Titel. Alle Anwesenden waren hoch erfreut und beeindruckt von der Ausstellung, die Stärke und Kreativität von uns Frauen zeigt, vertreten durch sieben Länder.</p>
<p>Nach der Vorstellung und dem Sektempfang standen wir bis zum Abend im Foyer bei den Bildern und dem Film zum Thema „matriarchal societies“  den Fragenden aus aller Welt Rede und Antwort. Ein langer und beglückender Tag: Uschi Madeisky und Prinzessin Beatriz haben allen Grund, stolz auf ihr Werk zu sein!</p>
<p>Am nächsten Vormittag, dem 9. März, eröffnete erneut die Generaldirektorin Irina Bokova die Veranstaltung. Dann moderierte I.E. Martina Nibbeling-Wriesßnig die Podiumsdiskussion über Menschenhandel und Zwangsprostitution von Frauen und Mädchen. Auf das Podium eingeladen waren Maria Grazia Giammarinaro, eine wortgewandte Vertreterin und Koordinatorin zur Bekämpfung von Menschenhandel in Europa (OSCE), und Phillip Decourroux, ein Schweizer Filmemacher und Sänger, der einen beeindruckenden Videoclip mit dem Titel „Girls from the East“ vorstellte.<br />
Etwas verspätet hinzu kam die Vietnamesin Kim Phuc Phan Thi, deren besondere Botschaft erst klar wurde, als sie sich vorstellte. Dazu hielt sie ein weltbekanntes Foto von einem nackten Mädchen hoch, welches schreiend um sein Leben rennt, während hinter ihm Napalmbomben fallen. Es war das Jahr 1972 und Amerika bombardierte Vietnam. Kim Phuc Phan Thi war mittendrin. Ihre Brüder konnten schneller laufen als sie und überlebten, erzählte sie, ihre beiden kleineren Kusinen jedoch starben bei diesem Angriff. Sie selbst erlitt eine 65 prozentige Verbrennung der Haut und ein lebenslanges Leid an der hochgiftigen Chemikalie Napalm, das bis heute in ihrem Körper wirksam ist. Ja, dieses kleine existentiell bedrohte, nackte Kind, dessen Abbild vielen von uns vor 40 Jahren das entsetzliche Geschehen in Vietnam offenbarte, war Frau Phan Thi, heute Goodwill Ambassador der UNESCO (Sonderbotschafterin). Ihr Vorname Kim Phuc bedeutet so viel wie „Besondere Botschaft“ und die vermittelt sie wahrhaftig: „Selbst wenn eine Person Opfer der schlimmsten Verbrechen wurde wie sie selbst“, sagte sie mit Tränen in den Augen, „gibt es Möglichkeiten, erlittenes Leid zu verstehen und in Hoffnung, Liebe und Versöhnung umzuwandeln.“ Wir können nicht nur auf die Zerstörung und ihre Opfer schauen, welche das Patriarchat mit sich bringt, betonte sie. Sich auf Stärken und Chancen zu besinnen, ist mindestens ebenso wichtig, um etwas verändern zu können. Immer nur auf die Schrecken zu schauen, lähmt. Was die Welt dringend braucht, sind Hoffnung, Liebe und Versöhnung.</p>
<p>Phan This Aufforderung, auf positive Dinge zu schauen, gab Uschi Madeisky die Gelegenheit, die Teilnehmenden darauf aufmerksam zu machen, dass Matriarchate weder Kriege kennen noch einen Begriff für Prostitution besitzen, und I.E. Nibbeling-Wrießnig erwähnte noch einmal den „matriarchalen“ Teil der Ausstellung.  Diese energische Diplomatin weiß, was sie will. „Drumherum reden“ ist nicht ihr Ding und Emotionen zu unterdrücken auch nicht. Sie besitzt beides: die Fähigkeit, zuzuhören, sich einzufühlen und konzentriert zu erfassen, was das Gegenüber möchte, und gleichzeitig die Bestimmtheit, einen Redeschwall höflich zu unterbrechen, wenn das Wichtigste gesagt worden ist, um andere zu Wort kommen zu lassen – sehr mütterliche Eigenschaften, durch die alle zu ihrem Recht kommen. Sie sei eine „Generalistin“, erzählte sie uns – offensichtlich eine gute Voraussetzung für eine erfolgreiche Diplomatin! Denn eher als manche ihrer KollegInnen begann sie wohl zu ahnen: Es gibt mehr als ausschließlich patriarchale Probleme, mit denen sich die UNESCO beschäftigen sollte. Die Aufmerksamkeit kann nicht immer nur auf den Schrecken und das Negative gerichtet werden. Wenn wir die Menschheit „generaliter“, also im Ganzen, verstehen wollen, dürfen wir das Phänomen und die Existenz matrilinearer, matrifokaler, matrizentrierter oder wie auch immer genannter Gesellschaften nicht übersehen oder gar leugnen, die in einer völlig anderen Ordnung leben und gedeihen, als das Patriarchat: einer Ordnung mit mütterlichen Werten, die Frieden und Wohlstand für alle garantiert. Vielen Menschen sind solche Gesellschaften immer noch völlig unbekannt oder suspekt. Es gibt Kreise, in denen das Thema Matriarchat abgewehrt wird oder sogar eine irrationale Angst erzeugt.</p>
<p><img class="alignleft size-medium wp-image-5064" title="DSC00715 prinzessin" src="http://www.bzw-weiterdenken.de/wp-content/uploads/2012/03/DSC00715-prinzessin3-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" />Ob es nicht noch einen anderen Begriff als „Matriarchat“ gäbe, fragte uns am nächsten Tag die deutsche Diplomatin am Ende der Veranstaltung nach einem feierlichen Mittagessen. Der Begriff sei problematisch und würde bei vielen Personen Vorurteile hervorrufen. Sie wirkte jetzt, am Ende der zweitägigen Veranstaltung, ein wenig erschöpft, aber zufrieden. Ganz offensichtlich hatte sie einen Großteil der Verantwortung für diesen Internationalen Frauentag getragen, die Ideen gehabt, Beziehungen geknüpft und SponsorInnen gefunden. Doch die Zeiten ändern sich: Die Tatsache wird immer offensichtlicher und lässt sich immer weniger leugnen, dass Gewalt und Krieg, Reichtum und Armut, Hass, Ausbeutung und Prostitution eben <em>nicht</em> zur menschlichen Natur gehören, wie die „Wissenschaft“ lange postulierte. Durch den Vergleich von patriarchalen und matriarchalen Kulturen ist es deutlich geworden, dass diese kulturellen Erscheinungen unübersehbare Zeichen vom Niedergang der Menschheit darstellen, die gerade nicht überall zu finden sind: Matriarchate kennen keine Kriege. Sie haben keine Begriffe für patriarchale Phänomene wie Prostitution. Stattdessen praktizieren sie gegenseitigen materiellen Ausgleich und leben in fürsorglicher Bezogenheit miteinander – in „Schenk-Ökonomien“. Sie pflegen eine Beziehungs- und Liebeskultur, in der kein Platz für Einsamkeit und Eifersucht, Hass und Krieg ist.</p>
<p>Wenn die UNESCO sich zur Aufgabe gemacht hat, Minderheiten zu schützen, dann gehört es m.E. auch dazu, die Besonderheiten und Eigenarten dieser Minderheiten zu kennen, um sie überhaupt an-erkennen zu können. Bisher waren matriarchal lebende Volksgruppen zurückhaltend damit, zu zeigen, dass sich ihr Leben nach gänzlich anderen Werten richtet, als ein jedes Patriarchat – was auch von Vorteil war, denn so konnten sie ihre Gesellschaftsform einigermaßen bewahren. Mehr denn je werden sie gleich auf mehreren Ebenen diskriminiert und nicht verstanden: Traditionelles Wissen galt nicht nur für „Westler“ bisher nicht als Wissen. Herrschende Kulturen besaßen schon immer die Selbstgefälligkeit, ihre eigenen Wissenssysteme als die einzig wahren darzustellen. Die Führungskraft der Großmütter und Mütter matriarchaler Gesellschaften muss in Gesellschaften, in denen der Mann in der Hierarchie über anderen Männern und über der Frau im Allgemeinen steht, fremd, ja bedrohlich erscheinen.</p>
<p>Doch etwas scheint sich zu verändern. Kürzlich hat Leymah Gbowee, eine der drei Frauen, welche 2011 den Friedensnobelpreis erhalten haben, stolz der Welt bekannt gegeben, dass sie aus einem Matriarchat in Liberia stamme und von ihren Großmüttern und Müttern<a title="" href="#_ftn1">[1]</a> ihre Durchsetzungskraft habe. Diese selbstbewusste Aussage wäre vor ein paar Jahren noch ganz undenkbar gewesen. Sie wäre untergegangen, weil der Mainstream nichts hätte damit anfangen können, oder sie wäre gar nicht erst abgedruckt worden. Und nun gehen die Menschen in den nächsten zehn Tagen hier im Hauptquartier der UNESCO an einer lebendigen Präsentation eben dieser Lebensform vorbei, die sie staunen lassen wird. Sie werden von höchster politischer Ebene darauf aufmerksam gemacht: Es gibt noch etwas anderes als das Patriarchat und seine Erscheinungen. Wie erfreulich, das zu erleben!</p>
<p>Die Einladung zum gemeinsamen Mittagessen durch die Diplomatin stellte für uns einen ganz besonderen Höhepunkt dar, denn unsere Hoffnung, bei diesem zwanglosen, informellen Zusammensein Pläne für eine weitere Zusammenarbeit schmieden zu können, erfüllte sich voll und ganz. Die Stimmung zum Abschluss dieses Internationalen Frauentages 2012 war angeregt. Wir alle fühlten uns auf einem guten Weg: Gemeinsam halten wir Frauen einen unermesslichen Schatz an Wissen, politischem Verstand, Einfluss, Kreativität und Mitteln in den Händen. Es gilt, ihn zu nutzen.</p>
<div id="attachment_5044" class="wp-caption aligncenter" style="width: 310px"><img class="size-medium wp-image-5044" title="DSC00749, dagmar+prinzessin+uscha" src="http://www.bzw-weiterdenken.de/wp-content/uploads/2012/03/DSC00749-dagmar+prinzessin+uscha2-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /><p class="wp-caption-text">von li.: Dagmar Margotsdotter-Fricke, Prinzessin Beatriz Von Hohenlohe, Uschi Madeisky</p></div>
<p>Mit diesem Besuch schauen wir bereits auf das zweite Event zum Thema „Matriarchal Societies“  im Hauptquartier der UNESCO zurück: Bereits im Jahr 2011 waren Prinzessin Beatriz Von Hohenlohe und Uschi Madeisky im Rahmen des Internationalen Frauentages zum Thema Matriarchat eingeladen worden. Eine dritte Veranstaltung dieser Art wird gewiss folgen – wir dürfen hoffen!</p>
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<p><a title="" href="#_ftnref1">[1]</a> Ja, Mütter, denn in matriarchalen Gesellschaften werden von einem Kind auch die Schwestern ihrer Mutter als Mütter betrachtet.</p>
</div>
</div>
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		<title>Geschlechterthemen &#8211; „Geschlecht“ und „Natur“</title>
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		<pubDate>Thu, 22 Mar 2012 12:16:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Christel Göttert</dc:creator>
				<category><![CDATA[studieren]]></category>
		<category><![CDATA[Geschlecht]]></category>
		<category><![CDATA[Natur]]></category>

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		<description><![CDATA[Seminartagebuch von Andrea Günter zum „Denken der Geschlechterdifferenz“. 2. Teil]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>In der Rubrik studieren lädt Andrea Günter wieder ein, Theorien kennen und vertiefen zu lernen. Zum „Denken der Geschlechterdifferenz“ gibt es hier nun ihren zweiten Beitrag.</strong></p>
<p>In der Einstiegssitzung des Seminars sollten<img class="alignright size-medium wp-image-5020" title="KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA" src="http://www.bzw-weiterdenken.de/wp-content/uploads/2012/03/Ethik-2-größer-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /> die Studierenden verschiedene Themen und Aspekte sammeln, die Anlass für Geschlechterdiskussionen sind. Das hierbei genannte Spektrum reichte von der Problematik biologischer Erklärungsmuster, Fragen der Erziehung (insbesondere in der Schule), dem Einfluss von Religionen oder Mediendiskursen auf Geschlechterbilder, der politischen Konzeption von Quoten über die gerechte Entwicklung der Arbeitsteilung, den Umgang mit Geschlechterrollenvorgaben und -stereotypen bis hin zu der Frage danach, wie aus persönlichen Wünschen und Vorstellungen zu Geschlechterverhältnissen Chancen und Wirklichkeiten werden.</p>
<p>Von Frauen-Männer-Problematisierungen also bis hin zu gender-und-queer-Theoremen: Die Seminargruppe war für die gemeinsame Seminardiskussion theoretisch sehr heterogen aufgestellt. Dennoch, die meisten waren über das breite Spektrum erst einmal überrascht, das in dieser Sammlung zusammengetragen wurde.</p>
<p>Nach der Themensammlung bekamen die Studierenden die Möglichkeit, zwei der Themen auszuwählen und in Kleingruppen zu diskutieren. Die Entscheidung fiel auf „Die Bedeutung der Erziehung für Geschlechterverhältnisse“ und „Der Einfluss der Medien auf Geschlechterbilder“. Zu jeder Kleingruppe gab es zwei BeobachterInnen, die darauf achten sollten, welche Argumentationsmuster eingebracht werden. Über diese Muster sollte im anschließenden gemeinsamen Gruppengespräch dann nachgedacht werden.</p>
<p>Die BeobachterInnen haben das Folgende gespiegelt: Egal, um welches Thema oder um welche theoretische Vorentscheidung und vermeintliche Konzeptklarheit es sich  handelte, die Diskutierenden berufen sich in Problemklärungen und längeren Argumentationen relativ kunterbunt entweder auf „die Natur“ oder „die Sozialisierung“/„die Rolle“, auf „sex“ oder „gender“. Über das vertraute Argumentationsgewirr hinaus konnten sie feststellen, dass  sich die Sprechenden hierbei nicht einig werden konnten, <em>was</em> eigentlich <em>womit</em> gemeint und <em>wie</em> im Spiel ist.</p>
<p>Dies liegt daran, dass die gewohnte Unterscheidungspraxis bei den Fragen zu den Geschlechterverhältnissen häufig das Entweder-Oder beinhalten: entweder „Natur“ oder „Sozialisation“. Dieser Entweder-„Natur“-oder-„Sozialisation“-Dualismus wird aber sofort kompliziert, wenn eine Entscheidung nicht programmatisch für die eine oder die andere Seite fällt. Denn entscheiden wir uns klar dafür, eine Größe herauszustellen, z.B. zu untersuchen, wie die Sozialisation zur Erziehung beiträgt, erfahren wir zwar vieles über den Einfluss der Sozialisation auf Erziehung, nicht aber unbedingt etwas darüber, <em>welche</em> Größen und Kräfte überhaupt die Erziehung und ferner <em>wie</em> jene diese beeinflussen. Außerdem kann aus dem Blick geraten, dass es „die“ Sozialisation nicht gibt, dass Sozialisationsprozesse unterschiedliche Weisen und Größen für Erziehung mit sich bringen.</p>
<p>Oder aber für „Natur“ zeigt sich, dass sie einmal als Materialität (als Bedingung des Körpers) und dann als Kausalität (als natürliche Wirkweise) im Spiel ist. So kann eine natürliche und damit unveränderliche Kausalität und sogar Materialität angenommen werden (z.B. Pubertät: Kinder wachsen und spielen dabei ihren Hormonhaushalt neu ein), ohne dass klar sein muss, welche Identität daraus hervorgeht (wir wissen, dass es Pubertätskämpfe zwischen Erwachsenen und Jugendlichen geben kann, in denen u.a. Haltungen und Rollenerwartungen durchgearbeitet werden, ohne dass wir absehen können, was die Jugendlichen einmal für sich daraus ziehen werden.)</p>
<p>Werden beide Größen „Natur“ und „Sozialisation“ nun von einem Problemfeld her diskutiert, und dies dann auch noch in einer Gruppe, entsteht ein Feld von Differenzierungen mit Uneindeutigkeiten, die kaum aufgelöst werden können. Vorannahmen, die die Größen mit sich zu bringen scheinen, verlieren ihre Selbstverständlichkeit.</p>
<p>Die BeobachterInnen der Diskussion stellten hierzu fest: Sobald begonnen wird, sich mit gesellschaftspolitischen Fragen zu Geschlechterverhältnissen auseinanderzusetzen, hält keine/r die eigene theoretische Vorentscheidung tatsächlich durch. Wird aber die Beschränkung auf dieses Entweder-Oder aufgegeben, bildet die Unterscheidung zu hier „Natur“ und da „Sozialisation“ den Durchgang zu einem komplexen und mehrdeutigen Gebilde, das als solches konstatiert und dann auch ausdifferenziert werden kann.</p>
<p>Erfreulich war im Verlauf dieser Sitzung, dass die Studierenden mehr und mehr damit etwas anfangen konnten, der gewohnten Unterscheidungspraxis nicht auf den Leim zu gehen, sondern sie hingegen zu überschreiten. „Natur“ und „Sozialisation“ sind schon jeweils für sich komplexe und mehrdeutige Gebilde, von ihrer Kombination oder Unterscheidung ganz zu schweigen. Genau diese Beobachtung aber kann zu der Bereitschaft führen, diese Begriffe jeweils als Homonyme zu behandeln: also ein und dasselbe Wort („Natur“ oder „Sozialisation“ oder „Geschlecht“) hat verschiedene Bedeutungsebenen. Und wenn jeweils der Sinn für die unterschiedlichen Bedeutungsebenen dieser Begriffe entwickelt wird, können ganz unterschiedliche Akzente gesetzt und Argumentationen erarbeitet werden, die wiederum unterschiedliche Kombinationen der Zusammensetzung erlauben.</p>
<p>Eine solche Differenzierung erleichtert in der Analyse konkreter Geschlechterfragen. Wollen wir aber nur auf einen einfachen Nenner kommen, führt genau dies zu schwachen Erklärungen und einseitigen Handlungsoptionen. Das Bestreben zu vereinfachen, führt zu Kurzschlüssen, zu anhaltenden Selbstwidersprüchen, die dann mit der theoretischen Vorlage und weniger mit dem Phänomen zu tun haben. Akzeptieren wir jedoch, dass es gerade um komplexe Konstellationen und nicht um einfache Entweder-Oder-Nenner geht, trägt die erkenntnistheoretische Position, „Natur“ und „Sozialisation“ für komplexe Gebilde zu halten, zur Klärung bei. Sie führt jedenfalls aus den Engführungen heraus, die entstehen, wenn Theoreme in den Vordergrund gestellt werden, statt ein Problemfeld herauszuschälen.</p>
<p>Die Erfahrungen, die die BeobachterInnen zu den Diskussionen festhielten, wurden zum Ausgangspunkt dafür, sich mit den Grundworten der Geschlechterdiskussion, mit „Geschlecht“ ebenso wie mit „Natur“ jeweils eigenständig auseinanderzusetzen und sie als Homonyme zu betrachten.</p>
<p>Für beide Begriffe lässt sich festhalten: Ihre Bedeutungsdimension wird uneindeutig bzw. mehrdeutig in Anspruch genommen, ausgetauscht, identifiziert.</p>
<p>Eine erste Annäherung zur Homonymität der Worte „Natur“ bzw. „Geschlecht“ hat zu einer Unterscheidung der zunächst vorgestellten Bedeutungsebenen geführt. Um diese Begriffsdimensionen zu erweitern, werden danach in Form eines Anhangs I und II Bedeutungsebenen benannt, die zugleich die Etymologie der Worte transportiert.</p>
<h4><strong>1. Natur</strong></h4>
<ul>
<li>Materialität, Faktum, Verhaltensmuster, Bedingung, Vorgabe (Körper, Substanz): was ist die Natur (von)?</li>
<li>Kausalitätsmuster, Wirkungszusammenhang, Begründungszusammenhang (Ursache): wie wirkt die Natur (von)?</li>
</ul>
<h4><strong>2. Geschlecht</strong></h4>
<ul>
<li>Geschlechtliches, Sexuelles, Fortpflanzung: Wirkungszusammenhang, Verhaltensmuster</li>
<li>Kategorisierung, Rolle, Identitätsmerkmal</li>
<li>Identifikations<em>angebot, </em>Individuierungsgröße</li>
</ul>
<h5><strong>Anhang 1: Etymologische Bestimmung „Natur“</strong></h5>
<ul>
<li>Griechisch <em>physis</em>: Gewordensein, Natur; Naturanlage; natürliche Beschaffenheit, Eigenschaft; Körper(lich); angeborene Fähigkeit, Talent, Begabung; Naturordnung; der natürliche Vater; Naturkraft; das Gewordene, Geschöpf, Wesen; Kreatur; Gattung, Art;</li>
<li><em>phylo</em>: Familie, Geschlecht, Stamm</li>
<li><em>phyō</em>: werden; erzeugen, wachsen lassen, schaffen; eine Zunge bekommen, an Verstande zunehmen. Intr.: hervorgebracht, von Natur beschaffen sein, abstammen (Lat: fui, futurus (werden, in Zukunft sein…)</li>
<li>Latein <em>natura</em>: Geburt; Beschaffenheit, Wesen, Natur; Naturell, Charakter; Weltordnung (gr. <em>kosmos; </em>lat<em>. mundus</em>) Naturgesetz, Naturkraft; Weltall; Wesen, Ding, Stoff, Substanz</li>
<li><em>naturalis</em>: natürlich, von Geburt an, naturrechtlich</li>
<li><em>natus</em>: geboren, geschaffen, geeignet, bestimmt; geartet</li>
<li><em>nascor</em>: geboren werden, entstammen; wachsen, heranwachsen, vorkommen; entstehen, entspringen</li>
</ul>
<h5><strong>Anhang 2: Etymologische Bestimmung „Geschlecht“</strong></h5>
<ul>
<li>althochdeutsch: <em>gislahti: </em>was in dieselbe Richtung schlägt</li>
<li><a title="mittelhochdeutsch" href="http://de.wiktionary.org/wiki/mittelhochdeutsch">mittelhochdeutsch:</a><em> geslahte, geslehte</em>: Geschlecht, Stamm, Stammbaum, Abstammung, Herkunft, Spross, Sprössling“</li>
<li>Duden: Sinn- und sachverwandte Wörter (1972) Abkunft; Dynastie; Familie; Penis; das dritte Geschlecht; das schöne G: Frauen</li>
<li>-&gt; Die Genealogie -&gt; Die Fortpflanzung -&gt; Das Sexualorgan -&gt; Die Geschlechter</li>
</ul>
<p>&nbsp;</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Durcheinander – durch einander!</title>
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		<pubDate>Fri, 16 Mar 2012 16:21:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Antje Schrupp</dc:creator>
				<category><![CDATA[denken]]></category>
		<category><![CDATA[Gebürtigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophiewerkstatt Meißen]]></category>

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		<description><![CDATA[Bei der diesjährigen Meißner Philosophiewerkstatt beschäftigten sich 22 Frauen mit Texten zum geburtlichen Denken.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.bzw-weiterdenken.de/2012/03/durcheinander-durch-einander/meissen/" rel="attachment wp-att-4964"><img class=" wp-image-4964 alignright" title="meissen" src="http://www.bzw-weiterdenken.de/wp-content/uploads/2012/03/meissen.jpg" alt="" width="300" height="196" /></a><strong>Bei der diesjährigen Meißner Philosophiewerkstatt beschäftigten sich 22 Frauen mit Texten zum geburtlichen Denken.</strong></p>
<p>Wer das Leben eher praktisch am Schopfe fasst als es vornehmlich philosophisch zu betrachten, für die- und denjenigen mag sie erstaunlich sein – die männlich-dominierte Philosophensicht auf das Dasein als ein „Sein zum Tode“. Dem stellen spätestens seit Hannah Arendt Denkerinnen starke Argumente und kluge Gedanken entgegen. Besser gesagt: sie wollen und werden eine Weltsicht vom Kopf auf die Füße stellen.</p>
<p>Das ist Graswurzelarbeit. Zu der trafen sich 22 Teilnehmerinnen vornehmlich aus Sachsen und Bayern am ersten Märzwochenende zur Philosophiewerkstatt für Frauen in der Evangelischen Akademie Meißen. „Immer wieder Anfang. Die Bedeutung des Geborenseins“ hatte <a href="http://www.bzw-weiterdenken.de/personen/ina-praetorius/" target="_blank">Ina Praetorius</a> die von ihr geleitete dreitägige Werkstatt betitelt. Es war die sechste Ausgabe einer von Kerstin Schimmel an der Meißner Akademie ins Leben gerufenen und vorbildlich betreuten Reihe „Denken im Dialog“. Die Veranstaltung kann mittlerweile auf ein Stammpublikum zählen. Allesamt sind wir Frauen, die diese Form geistigen Austauschs nicht missen möchten.</p>
<p>Die Tatsache, dass fast jede von uns ein- oder mehrmals geboren hat, ermöglichte jeder von uns einen ganz eigenen Zugang zum Thema. Und mit Neugier, was dazu wohl eine „freischaffende Autorin, Referentin und Hausfrau“ – so der Waschzettel einer Publikation von Ina Praetorius – zu sagen hätte. Die Schweizer Theologin nahm „Denken im Dialog“ beim Wort. Sie gab Anstöße, erreichte Anteilnahme, skizzierte Anfänge. Sie forderte von uns Mit- und Weiterdenken im großen Kreis und bei Gruppenarbeit ein. Was dabei an Kreativität freigesetzt wurde, hat die Runde wohl selbst überrascht.</p>
<p>Das von Ina Praetorius als Schlüsselbegriff eingebrachte Wort vom „postpatriarchalen Durcheinander“ war den meisten neu. Auch, dass sie damit das Aufweichen, Verschwimmen, (wohl doch noch nicht) Verschwinden einer Jahrtausende alten, künstlich gezogenen und mit aller Macht aufrechterhaltenen Trennlinie meint. Einer zwar gedachten, aber zugleich sehr realen Trennlinie zwischen Gott, Geist und Theorie oben, Materie und Praxis, Natur und Geburt darunter. Eine Linie auch, die den Geschlechtern ein gesellschaftlich determiniertes Oben und Unten zuweist. Dagegen rebellieren Frauen, die Natur und die Menschen in der sogenannten dritten, der ausgebeuteten Welt – und verlangen nach einer neuen lebensfreundlicheren Ordnung.</p>
<p>Wie könnte die aussehen, fragte Ina Praetorius, fragten wir uns. Ihr kleiner Kniff bei der Graswurzelarbeit: jede sollte ihre Lieblingswörter in diesem Zusammenhang aufschreiben. Und so nannte und schöpfte die Runde so wunderbare Wörter wie Geh-Wissen, All-Tag, Oiko-Sophia, Älterlichkeit, weltliches Bezugsgewebe. Das „Durcheinander“ vom Anfang wurde zum „Durch-Einander“. Wir hatten das Gefühl, selbst ein kleines Beispiel für geburtliches Denken geschaffen zu haben. Auf solche Weise konnte Ina Praetorius uns mit Texten von Hannah Arendt, Christina Schües, Hans Saner, Andrea Günter und anderen Philosophinnen und Philosophen nahebringen, was „Sein von der Geburt her“, als „lebendiges Prinzip des Schaffens in der Welt“ bedeutet. Mit der Idee, die Welt als Haushalt zu denken, ging es ganz praktisch und mit dem auch Widerstand hervorrufenden Begriff der „Scheißologie“ ganz deftig zur Sache. Aber das ist schon ein anderes Kapitel.</p>
<p>Am Ende unserer Werkstatt jedenfalls kamen wir uns wohl alle bereichert vor. Und das Beste daran: Mit dem „Denken im Dialog“ haben wir uns selbst beschenkt.</p>
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		<title>„Wenn Mädchen, wenn Jungs nicht so erzogen würden …“ Weltliebe, das Streben nach Geschlechtsfreiheit und die Religion der Weltlosigkeit</title>
		<link>http://www.bzw-weiterdenken.de/2012/03/%e2%80%9ewenn-madchen-wenn-jungs-nicht-so-erzogen-wurden-weltliebe-das-streben-nach-geschlechtsfreiheit-und-die-religion-der-weltlosigkeit/</link>
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		<pubDate>Mon, 12 Mar 2012 12:35:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Christel Göttert</dc:creator>
				<category><![CDATA[denken]]></category>
		<category><![CDATA[Geschlechterdifferenz]]></category>
		<category><![CDATA[Weltliebe]]></category>

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		<description><![CDATA[Ist Geschlechterdifferenz eine Frage des Privaten und welche Rolle spielt Weltliebe?]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignleft size-medium wp-image-4946" title="P1060635" src="http://www.bzw-weiterdenken.de/wp-content/uploads/2012/03/P1060635-184x300.jpg" alt="" width="184" height="300" /></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Am 8. März 2012 sah ich mir Beckmanns Talkshow zum Thema „Frauen und Macht“ mit Ur­su­la van der Leyen, Wibke Bruhns und Marina Weisband an. Ich entschied mich dafür, weil ich eine erstaunlich hochkarätige, mit strukturell denkenden und politisch handelnden, ein­fluß­reichen Frauen be­­setzte Gesprächsrunde angekündigt fand. In dieser Sendung wurde dann auch wieder einmal die Ansicht vertreten „Wenn Mäd­chen, wenn Jungs nicht so erzogen würden, dann …“. Und dem wurde zugleich deutlich widersprochen. Ver­mutlich hat mich die be­son­dere Qualität dieses Gesprächs dann auch dazu gebracht, nochmals über diese so oft gehörte Meinung nachzudenken.</p>
<p>In diesem Gespräch waren drei Frauengenerationen präsent: die Journalistin Wibke Bruhns, die zu der Ge­ne­ra­tion der Anfänge der Frauenbewegung zählt; die Politikerin Ursula van der Leyen, die zu der Töch­ter­ge­ne­ra­tion gehört; dann die Studentin und Geschäftsführerin der Pi­ra­tenpartei Marina Weisband, die die gegenwärtige junge Frau­engeneration mit durchaus po­si­tiv zu bewertendem Naivitätshabitus repräsentiert – „wie gut, dass wir politisch nicht etabliert sind“ – und einfordert, dass genau das nicht belächelt werden darf. (Ist es wichtig, dass die Generation dazwischen fehlte, die der U-40jährigen Frauen?)</p>
<p>Es war im Herkunftsland der Studentin, in der Ukraine, nun kein Thema, dass Mütter be­rufs­tätig sind, zum Glück. Jedoch, was war der Grund, dass ihre Familie nach Deutschland emi­grier­te? Die Gründe, aus der Ukraine wegzugehen, waren ausschlaggebender als die Ein­bußen, die die deutlich ungerechtere Geschlechterarbeitsteilung in Deutschland mit sich brachte. Galt das allein für die Muttergeneration? In Deutsch­land war die Sozialhilfe hilfreich, er­klärt Marina Weisband, das gab ihrer Familie Mög­­­lichkeiten, die sie in der Ukraine nicht hat­te. Sie selbst hätte zum Beispiel nie studieren können, wäre nie in einer solchen Talkshow ge­sessen – eine auffällige Geschichte und Geschlech­ter­kon­stel­la­tion…</p>
<p>Die Ansicht nun „Wenn Mäd­chen, wenn Jungs nicht so erzogen würden, dann wäre in Politik und Beruf alles anders …“ kam aus dem Mund der Psychologiestudentin, während die ca. 60-jährige Journalistin Wibke Bruhns auf­grund ihrer Lebens- und Politikerfahrenheit festhielt, dass der Geschlechtsunter­schied nicht nur nicht heraussozialisierbar, sondern auch an sich nicht schlimm sei. Die so­zial­­­kon­struk­ti­vis­tisch ar­gu­mentierende junge Psychologin reagierte daraufhin mit der Unter­scheidung, dass die Ge­schlech­ter­differenz im Bett und privat wichtig sei, sonst aber nichts bedeuten dürfe. Bruhns merkte die schlechte Naivität dieser will­kür­li­chen Unterscheidung an. Ihre eigene Lebensgeschichte als Journalistin hält viel zu viele Bei­spie­le bereit, die dem widersprächen. Als sie bei­spiels­wei­se eine Nacht mit Willi Brandt „verbrachte“, in der dieser einen Gesprächspartner suchte, wur­de ihr unterstellt, dass sie mit ihm ein Verhältnis – also ein sexuelles! Verhältnis – hat. Wenn Brandt stattdessen mit einem männlichen Kol­legen die Nacht mit Whisky und Bekenntnissen ver­bracht hät­te, wäre diesem niemals ein se­­xuelles Ver­hält­nis unterstellt worden. Jedoch, wenn neben Wib­ke Bruhns sonst nur männ­li­che Jour­na­lis­ten in dieser Situation zur Wahl dafür stan­den, für Brandt Ge­sprächs­part­ner zu werden, dann spielte es wohl eine Rolle für Brandt, sich eine Frau als Gesprächs­part­nerin zu wählen. Wenig­stens für Brandt war diese Situation sexualisiert. Und sie hatte wohl auch für ihn damit noch nichts mit Sex zu tun.</p>
<p>Nun kann man in der Unterscheidung von Marina Weisband die überkommene, femi­nis­ti­scher­seits kri­ti­sier­te Dualisierung von Privatheit und Öffentlichkeit auffinden, während die Ge­schichte von Wibke Bruhns mit Willi Brandt die komplizierte Verflechtung beider „Räume“ ins Spiel bringt. Die Privatisierung des Gesprächs des Politikers mit einer Journalistin, die die Öffent­lichkeit vertritt, in Form des gemeinsamen Trinkens in seinem Hotelzimmer, ein Ge­spräch, das außer­dem zur Nachtzeit stattfand, privatisiert die Journalistin, womit einhergeht, ihr eine Bettgeschichte zu unterstellen.</p>
<p>Zugleich tut sich mit einer solchen Rekonstruktion auf, inwiefern die Frage nach den Geschlechterverhältnissen vereinfacht wird, wenn „sex“ nunmehr als Pri­vat­­­heit beibehalten und „gender“ in der Öffentlichkeit und als öffentliche Größe neutralisiert werden soll. Wenn es um Bett­­­­geschichten geht, mag frau das vielleicht akzeptieren. Jedoch, gibt es Bett­ge­schich­ten ohne „öf­fent­li­­chen“, also gesellschaftlich erzeugten und organisierten Bereich? Und gibt es die po­ten­ti­el­len Folgen von Bettgeschichten, also die Frage nach stabilen Paarbeziehungen und wo­mög­lich auch Kindern ohne Auswirkungen auf den beruflichen, ökonomischen und politischen Be­reich? Wieviele Menschen, Frauen und Männer, haben aus Liebe, weniger aus Berufsgründen Lie­bes- und Berufsentscheidungen getroffen, sind irgendwo hängengeblieben, weil der Zufall der Liebe oder der Zufall des Berufs sie gebunden hat?</p>
<p>Das Geschlecht der Politik, Beruflichkeit und Ökonomie außen vorlas­­sen, sich mit der An­nah­me „Wenn Mädchen, wenn Jungs anders so­zialisiert würden …“ wenigstens die­ser Illusion hin­geben zu können, Geschlechtsfreiheit in der Öffentlichkeit der Welt anzustreben, das lässt mich an &#8220;die Religion der Welt­lo­sig­keit“ (Pe­ter Sloterdijk) denken. Geschlechtslosigkeit, Welt­losigkeit, spielen sie Ringelreihen? Die Welt ohne Geschlechter? (Ei­­gent­lich: ohne Be­mer­ken der Geschlechterdifferenz?) Daneben und zugleich die Ge­schlech­ter­­be­­­ziehungen, welt­bereinigt: bettlakenrein?</p>
<p>Die Sehnsucht nach geschlechts­fre­ien Räumen transportiert die Sehnsucht nach Weltlosigkeit, nach der Weltlosigkeit der Geschlech­ter­­­iden­tität und der Geschlechterbeziehungen: weder natürlich noch sozial vermittelt. Die Sehnsucht nach weltlosen Räumen transportiert zugleich die nach Geschlechtslosigkeit? Die „Religion der Welt­lo­sig­keit“ (Pe­ter Sloterdijk) nunmehr inkarniert als Geschlechtslosigkeit des Weltlichen, noch nie zuvor stand mir diese Bedeutungsebene des gender-Konstruktivismus so deutlich vor Augen</p>
<p>In einem Bereich, nämlich im Bett und seiner vermeintlichen Privatheit, die Geschlechterdifferenz als Zweigeschlechtlichkeit akzeptieren und auch genießen zu wollen, während im anderen Bereich, in dem des Berufs, der Öko­no­mie und Politik, Geschlechtsfreiheit als Ideal in eine Zu­kunft projiziert werden können soll, setzt auf eine weltlose Zukunft des Geschlechtlichen.</p>
<p>Doch welcher Gott soll die Geschlechter von der Welt erlösen? Oder die Welt vor den Ge­schlech­tern? Doch dieses Zweite, wollen wir DAS tatsächlich? Eine Welt, die bereinigt von den Geschlechtern, genauer gesagt von der Geschlechterdifferenz ist?</p>
<p>Die Zukunft des Ge­schlecht­­li­chen scheint genau darüber weltlos zu werden, dass die viel­fäl­ti­gen und un­über­sicht­li­chen, den­­noch immer wieder wahrnehmbaren und An­stoß er­re­gen­den Er­­schei­nungsformen der Zwei­­geschlechtlichkeit der Menschen in allen Le­bens­be­rei­chen hin­weg­­gewünscht wird. Eine sol­­che Sehnsucht mag verständlich sein. Re­ligionskritisch, nämlich mit dem Misstrauen, dadurch eine Religion der Weltlosigkeit zu forcieren, ist sie allerdings streng zu be­­trachten.</p>
<p>Die Geschlechterfrage vor dem Hintergrund der Prägekraft der Religion der Weltlosigkeit re­li­gionskritisch zu diskutieren, als Frage nach einer Welt, die maß­geb­lich in Form der Religion der Welt­lo­sig­keit die eigene Welthaftigkeit außer Kraft setzen will, was zeigt eine solche Sicht­weise an? Vielleicht bildet die Ge­schlech­ter­frage den Aus­gangs- und nunmehr auch Schlusspunkt einer Religion der Welt­lo­sig­keit, stellt als Geschlechts­frei­heit regelrecht deren Kul­minationspunkt dar? Das wäre eine interessante Erklärung dafür, wa­rum der Lebens­be­reich der Sexualität und die Lebensführung von Frauen das Herzstück vieler Religionen bil­den. An diesen erweist sich die Möglichkeit der Weltlosigkeit.</p>
<p>Ist das die perfide Botschaft des Geschlechtskonstruktivismus? Wir wollen Geschlechtlichkeit jenseits aller Konstruktionen, also jenseits von allem Weltlichen? Gibt es eine heimliche Allianz zwischen dieser Perspektive auf Geschlechterfragen und der Religion der Weltlosigkeit?</p>
<p>Der Weltflucht ab­­zusagen, nicht in die Religion der Weltlosigkeit zu flüchten, dazu braucht es dann wohl die Gegenbewegung: die Weltliebe. Etwas kaum zu Denkendes, zu Wagendes? Hannah Arendt, die in ihrer Doktorarbeit wie keine andere rekonstruiert hat, wie sehr Religion Weltlosigkeit erzeugt und ihre nächsten Untersuchungen der Weltliebe widmen wollte, hat den Titel des Werks, das sie <em>amor mundi</em> nennen wollte, vermieden, es statt dessen „Vita activa, oder Vom tätigen Leben“ genannt. Zugleich bekennt sie, wie schwer ihr die Liebe zur Welt fällt, obgleich ihr bewusst ist, dass diese eine der größten politischen Herausforderung darstellt.</p>
<p>Die Welt mitten hinein in die Geschlechterfrage, die Geschlechterfrage mitten hinein in die Weltlichkeit, das wäre die Bewegung, die verhindern könnte, die Geschlechterfrage zur Religion, nämlich zur Religion der Geschlechtslosigkeit zu machen.</p>
<p>Weltliebe ist eine Herausforderung. Es handelt sich um die Herausforderung, mit der größten Ambivalenz umzugehen, mit der Menschen zu tun haben: mit dem, was die Welt ihnen bietet, näm­­lich das Schlimmste und das Beste im Leben der Menschen gleichermaßen. Die Welt­haf­tig­­keit des Geschlecht­li­chen lieben, das ist kein bloßes Gutheißen. Es meint nicht länger das Escha­tologisieren, das Verschieben aller Geschlechterproblematiken auf eine neue Welt. Hin­ge­gen meint Weltliebe das Verarbeiten der größten Ambivalenz des menschlichen Ge­schlecht­lichen. Und mit Hannah Arendt meine ich: Politik ohne Weltliebe ist unmöglich. Dies gilt auch für Geschlechterpolitik.</p>
<p>.</p>
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		<title>Geheimnisse</title>
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		<pubDate>Tue, 06 Mar 2012 10:44:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Juliane Brumberg</dc:creator>
				<category><![CDATA[vertrauen]]></category>
		<category><![CDATA[Vertrauen; Glaubensbekenntnis; Beziehung; Geheimnis;]]></category>

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		<description><![CDATA[Bei einem Workshop in Ansbach hat Juliane Brumberg ihr ganz persönliches Glaubensbekenntnis aufgeschrieben. ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Bei einem Workshop in Ansbach hat Juliane Brumberg ihr ganz persönliches Glaubensbekenntnis aufgeschrieben. </strong></p>
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<div id="attachment_4903" class="wp-caption alignleft" style="width: 235px"><a href="http://www.bzw-weiterdenken.de/2012/03/geheimnisse/2012_03_04_regenbogen-4/" rel="attachment wp-att-4903"><img class="size-medium wp-image-4903" title="2012_03_04_Regenbogen" src="http://www.bzw-weiterdenken.de/wp-content/uploads/2012/03/2012_03_04_Regenbogen3-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Foto: Juliane Brumberg</p></div>
<p>Ich glaube, dass es zwischen Himmel und Erde mehr gibt, als Menschen verstehen können. Die Schöpfung ist so großartig, dass der menschliche Geist nicht ausreicht, sie zu erfassen.</p>
<p>Ich glaube, dass Menschen, Tiere und die ganze Natur die Welt mitgestalten können. Davon, wie sie miteinander in Beziehung gehen, hängt es ab, wie die Welt sich entwickelt und verändert. Ich glaube, dass Menschen Einfluss auf ihr Leben nehmen können, ohne dass sie ihr Schicksal und die Entwicklung der Welt jemals werden steuern können. Es bleibt immer ein unverfügbarer Rest: die göttlichen Kräfte, an die ich glaube!</p>
<p>Ich glaube, dass nichts auf dieser Welt verloren geht, sondern sich alles immer wieder verwandelt. Ich glaube, dass wir den Sinn dessen, was geschieht, nicht immer verstehen können – und dass wir die Kraft haben, dem, was geschieht, einen Sinn zu geben. Ich glaube, dass sich immer etwas Unvorhergesehenes, Unerwartetes ereignen kann – im Schweren wie im Guten. Ich glaube an die Geheimnisse der göttlichen Kräfte, die uns leiten und schützen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em><a href="http://www.bzw-weiterdenken.de/2012/03/geheimnisse/praetorius_ich_glaube_cover-indd-4/" rel="attachment wp-att-4904"><img class="alignright size-thumbnail wp-image-4904" title="Praetorius_Ich_glaube_Cover.indd" src="http://www.bzw-weiterdenken.de/wp-content/uploads/2012/03/2012_03_04_Cover_Ich-glaube-an-Gott3-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a>Dieser Text entstand bei einem Workshop in Ansbach, den Ina Praetorius zu ihrem Buch <a href="http://www.bzw-weiterdenken.de/2011/04/eine-uberlieferung-die-unserer-kultur-schwer-im-magen-liegt/">Ich glaube an Gott und so weiter… </a>  gehalten hat. Aufgabe war, nach einem Input der Referentin ein  eigenes Glaubensbekenntnis aufzuschreiben, für das als Struktur die Dreigliederung erhalten bleiben sollte. Ich hatte nicht erwartet, dass ein selbst formuliertes Glaubensbekenntnis zu so viel eigener Klarheit führen könnte. </em></p>
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<p>&nbsp;</p>
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		<title>„Die Katastrophe ist auch jetzt noch allgegenwärtig“</title>
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		<pubDate>Tue, 06 Mar 2012 08:57:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Antje Schrupp</dc:creator>
				<category><![CDATA[leben]]></category>
		<category><![CDATA[Atomkraft]]></category>
		<category><![CDATA[Fukushima]]></category>
		<category><![CDATA[Japan]]></category>
		<category><![CDATA[Tsunami]]></category>

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		<description><![CDATA[Barbara Inui über ihren Alltag in Japan ein Jahr nach Fukushima.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p align="left"><em><a href="http://www.bzw-weiterdenken.de/2012/03/%e2%80%9edie-katastrophe-ist-auch-jetzt-noch-allgegenwartig/hi3e0377-2/" rel="attachment wp-att-4926"><img class="alignright size-full wp-image-4926" title="HI3E0377" src="http://www.bzw-weiterdenken.de/wp-content/uploads/2012/03/HI3E03771.jpg" alt="" width="240" height="320" /></a>Seit 1987 ist die gebürtige Schweizerin Barbara Inui-Gehrig mit dem Japaner Tadashi Inui verheiratet. Das Paar lebt in Oyodo, einem Dorf in der Nähe von Nara, also etwa 600 Kilmeter südwestlich von Fukushima. In einem Brief an Freundinnen und Freunde in Europa erzählt Barbara Inui, wie sie das Unglück von Fukushima erlebt hat, und schildert ihren Alltag ein Jahr danach.</em></p>
<h4 align="left">Liebe Freundinnen und Freunde,</h4>
<p align="left">Ihr fragt mich, wie das vor einem Jahr für uns gewesen ist, als der Tsunami 600 Kilometer nordöstlich unseres Dorfes die Küste überschwemmt hat, und als wir dann kurz danach von der Katastrophe im Atomkraftwerk Fukushima erfuhren. Ich werde versuchen, Euch meine Erinnerungen zu erzählen und von meinem heutigen Alltag zu berichten:</p>
<p align="left">Mein Mann und ich haben durch meine Schwiegermutter vom Erdbeben und dem Tsunami erfahren. Normalerweise kommen im japanischen Fernsehen schon Minuten nach einem Erdbeben die Informationen als Schriftzeilen am Bildschirm. Wir hatten den Apparat aber nicht eingeschaltet und spürten auch nichts vom eigentlichen Erdbeben, obwohl andere Leute in der Gegend es als Schwanken wie auf einem Schiff wahrgenommen haben.</p>
<p align="left">Heute heisst es offiziell, man habe es praktisch auf der ganzen Hauptinsel Honshu gespürt. Bei kleineren Beben wird im Fernsehen auch sofort auf installierte Überwachungskameras geschaltet, damit die Menschen sich ein Bild der Lage machen können. Aber bei diesem schweren Beben vom 11.März 2011 wurde so viel Infrastruktur zerstört, dass wir erst nach und nach vom eigentlichen Ausmass der Katastrophe erfahren haben.</p>
<p align="left">Ich kann mich nicht erinnern, am Tag des Unglücks selbst Bilder gesehen zu haben, obwohl natürlich in den Nachrichten von nichts anderem die Rede war. Erst in den darauffolgenden Tagen sah man den ungeheuren Schaden, den vor allem auch der Tsunami angerichtet hatte. Noch nie habe ich eine so vollständige und breitflächige Zerstörung gesehen. Nicht nur verlorengegangene Häuser, sondern wochenlang kein Strom, kein Wasser, keine Toiletten, kein Benzin, kein Heizöl, keine Habe ausser dem, was man am Körper trägt, funktionsuntüchtige Krankenhäuser, keine Lebensmittelgeschäfte, keine Straßen, um Hilfsgüter zu transportieren, keine funktionierende Verwaltung, weil die Hälfte der Beamten umgekommen ist und so weiter. Es hat einfach nichts mehr von all dem funktioniert, was wir sonst als so selbstverständlich ansehen.</p>
<p align="left">Meine Schwiegermutter meinte, so sei es nach dem Krieg in Japan gewesen. Leute, die das Katastrophengebiet besucht haben, sagten, die Bilder im Fernsehen seien nichts im Vergleich zur wirklichen Situation. Dazu komme noch der penetrante Gestank von Verwesung, und die vielen Fliegen, die dadurch angezogen werden. Das haben wir natürlich ebenso wenig mitbekommen wie ihr.</p>
<p align="left">Mein Gefühl war: Das kann doch nicht menschenmöglich sein. Das darf doch nicht wahr sein. Wir sind stundenlang vor dem Fernseher gesessen und haben Berichte angeschaut, Geschichten von Eltern gehört, die immer noch nach den Leichen ihrer beiden Kinder suchen, ein siebenjähriges Mädchen gesehen, das seine gesamte Familie verloren hat. Da war die Verzweiflung von Leuten, die sämtliche Evakuierungszentren in der Umgebung tagelang zu Fuss nach ihren Familienmitgliedern absuchten und nicht wussten, ob sie noch leben oder nicht. Solche Einzelschicksale berühren und schockieren noch mehr als allgemeine Zahlen und Statistiken.</p>
<h4 align="left"><strong>Alltag ein Jahr danach</strong></h4>
<p align="left">Für uns ist die Katastrophe auch jetzt noch allgegenwärtig. Es vergeht kein Tag, ohne dass in irgendeiner Form davon die Rede ist, sei es in einem Bericht darüber, wie die Aufräumarbeiten und der Wiederaufbau fortschreiten, oder zum Beispiel in einer Reportage, wie Fischer sich die wenigen übriggebliebenen Boote teilen und versuchen, so ihr Überleben zu sichern. Dann der viele Schnee und die grosse Kälte jetzt in der Gegend, die das Leben in den Notunterkünften zur Qual machen. Gerade über den Jahreswechsel wurden am Fernseher viele Amateuraufnahmen gezeigt von Betroffenen und wie sie den Tsunami erlebt haben. Die Gewalt der Natur ist überwältigend. Wir täten gut daran, das nicht wieder zu vergessen.</p>
<p align="left">Das Atomkraftwerk Fukushima 1 bringt leider noch eine weitere schreckliche Dimension zur Naturkatastrophe. Einerseits kann man wegen der Verstrahlung in der Umgebung keine Aufräumarbeiten leisten, andererseits können die Bauern und Fischer ihre Produkte nicht verkaufen, weil diese eben auch verseucht sind. Sie kommen dadurch nicht zu dringend benötigten Einnahmen.</p>
<p align="left">Und dann war da noch das Schauspiel der Politiker zu betrachten, die versuchten, so wenig beängstigende Informationen wie möglich publik zu machen. Obwohl ich damit einverstanden bin, dass Panik zu vermeiden ist, habe ich doch manchmal das Gefühl, dass die Gefahr und das Ausmass der Verstrahlung hier in Japan unterschätzt werden. Es ist noch lange nicht alles unter Kontrolle, und erst kürzlich erfuhren wir, dass auch das AKW Fukushima 2 kurz davor stand, die zur Kühlung notwendige Stromzufuhr zu verlieren.</p>
<p align="left">Für die notwendigen Aufräumarbeiten innerhalb des AKWs werden offenbar Arbeitslose im ganzen Land angeworben, die zunächst nicht darüber informiert werden, um welche Art von Arbeit es genau geht. In der Zeitung habe ich gelesen, dass diese Arbeiter zwar mit Geigerzählern ausgestattet sind, die sie aber während ihrer Schicht ausschalten, weil die akkumulierte Bestrahlung sonst schnell den Grenzwert überschreiten würde und sie dann ihre Arbeit verlieren würden. Kürzlich hat sich aufgrund einer Untersuchung herausgestellt, wie insbesondere in Bezug auf das AKW in der Regierung fehlendes Fachwissen, zurückgehaltene Information von seiten des AKW-Betreibers und schlechte Zusammenarbeit geherrscht haben.</p>
<h4 align="left"><strong>Aufräumarbeiten und beginnender Wiederaufbau</strong></h4>
<p align="left">Im Moment steht die Dekontamination im Vordergrund. Da wird zum Beispiel die oberste Erdschicht von Kindergartenspielplätzen und Schulhöfen abgetragen, was die Verstrahlung erheblich senkt. Aber da man nicht weiss, wohin mit dieser Erde, wird sie einfach in einer Ecke der Kindergärten und Schulen angehäuft und mit einer Plastikplane bedeckt.</p>
<p align="left">Auch die Unmengen von Trümmern sind ein Problem. Eigentlich sollten sie zwecks Aufarbeitung oder Endlagerung auch in andere Provinzen gebracht werden, aber die Bewohner dort befürchten, dass sich verstrahlte Abfälle darunter befinden und lehnen sie darum ab.</p>
<p align="left">In den betroffenen Gemeinden werden jetzt Projekte für den Wiederaufbau ausgearbeitet. Die Ausführung bietet man Privatfirmen an, die sie jedoch wegen der Verstrahlung nicht übernehmen wollen. So verzögert sich der Wiederaufbau.</p>
<p align="left">Auch Gegenden ohne Verstrahlung haben ihre Probleme. Ganze Dörfer und Stadtquartiere sind verschwunden, und die Bevölkerung steht vor der Frage, wo sie wieder neu aufgebaut werden sollen. Ich habe den Eindruck, dass Japanerinnen und Japaner oft erwarten, dass ihnen gesagt wird, was sie tun sollen. Viele ärgern sich lautstark über die Unfähigkeit der Regierung, aber ich habe auch von Dörfern gehört, wo die Leute über Wochen immer wieder zusammenkamen und miteinander redeten, bis eine Lösung für ihre Ortschaft gefunden war.</p>
<p align="left">Viele wollen weg vom Meer und sich landeinwärts neu ansiedeln. Ganze Städte werden neu konzipiert, Schulen, Krankenhäuser, Wohnhäuser und auch Evakuierungszentren sollen in höher gelegenen und vom Meer entfernten Gegenden neu gebaut werden, während die Fischereiindustrie zwangsweise am Meer bleibt. Dazwischen sollen breite, geradlinige Straßen gebaut werden, die eine schnelle Evakuierung ermöglichen. Viele Flüchtende blieben ja am 11.März 2011 im Verkehrschaos stecken und wurden in ihren Autos vom Tsunami erfasst. Es ist bestimmt eine gute Chance, ganz neu anzufangen, aber es wird wohl noch Jahre und Jahrzehnte dauern, bis alles umgesetzt ist, von den Finanzierungsschwierigkeiten ganz zu schweigen.</p>
<p align="left">Nicht nur Privathäuser, sondern auch sehr viele Firmen und Fabriken wurden zerstört, sodass Tausende nicht nur obdachlos, sondern auch arbeitslos sind, und ohne Aussicht auf eine neue Stellung in naher Zukunft. Weil in ganz Japan die Elektrizitätszufuhr immer noch knapp ist, werden auch wir hier im Süden zum Sparen aufgerufen. Ich finde es gut, dass wir dadurch alle diese Katastrophe nicht so schnell vergessen.</p>
<p align="left">Es gäbe noch viel mehr zu schreiben, denn die Katastrophe ist hier immer noch eines der wichtigsten Themen, auch wenn wir, die nicht direkt Betroffenen, den Luxus haben, uns auf unser tägliches Leben konzentrieren zu können. Mir persönlich hat diese Katastrophe gezeigt, dass nichts selbstverständlich ist und sich alles von einem Tag zum andern ändern kann. Und ich frage mich, was ich denn in diesem Leben wirklich will und was mir wirklich wichtig ist. Ich hoffe doch sehr, dass wir durch dieses Ereignis zu einem reicheren und volleren Leben finden.</p>
<p align="left">Ich grüsse euch alle ganz herzlich und wünsche euch alles Gute,</p>
<p align="left">Barbara Inui</p>
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		<title>Geschichte, Spiritualität und Theologie der Beginen</title>
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		<pubDate>Sat, 03 Mar 2012 22:05:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Antje Schrupp</dc:creator>
				<category><![CDATA[erinnern]]></category>
		<category><![CDATA[Hadewich]]></category>
		<category><![CDATA[Hildegund Keul]]></category>
		<category><![CDATA[Irmgard Kampmann]]></category>
		<category><![CDATA[Margarete Porete]]></category>
		<category><![CDATA[Mechthild von Magdeburg]]></category>
		<category><![CDATA[Mystik]]></category>
		<category><![CDATA[Sofia Gubaidulina]]></category>
		<category><![CDATA[St. Petri]]></category>
		<category><![CDATA[Ulrike Eichler]]></category>

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		<description><![CDATA[Quellen der Mystik: Judith Palm berichtet von einem Symposium, das sich mit Mechthild von Magdeburg, Hadewuch (oder Hadewijch) und Marguerite Porete beschäftigte.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em><a href="http://www.bzw-weiterdenken.de/2012/03/geschichte-spiritualitat-und-theologie-der-beginen/vortrag_mittelalter_nonnen/" rel="attachment wp-att-4871"><img class="alignright size-medium wp-image-4871" title="vortrag_mittelalter_nonnen" src="http://www.bzw-weiterdenken.de/wp-content/uploads/2012/03/vortrag_mittelalter_nonnen-300x255.jpg" alt="" width="300" height="255" /></a>Da offenbarte sich Gott meiner traurigen Seele ohne Verzug,<br />
</em><em>indem er das Buch in seiner Rechten trug und sprach:</em></p>
<p><em>»Meine Liebe, betrübe dich nicht zu sehr,<br />
die Wahrheit kann niemand verbrennen.<br />
Wer mir das Buch aus der Hand nehmen will,<br />
muß stärker sein als ich.<br />
Dieses Buch ist dreifaltig und bezeichnet alleine mich.<br />
Das Pergament, das es rings umhüllt,<br />
ist Bild meiner reinen, weißen, gerechten Menschheit,<br />
die deinetwillen den Tod erlitt.<br />
Die Worte bedeuten meine wunderbare Gottheit.<br />
Sie fließen von Stunde zu Stunde<br />
in deine Seele aus meinem göttlichen Munde.<br />
Der Klang der Worte erklärt meinen lebendigen Gott<br />
und erschließt mit ihm die richtige Wahrheit.<br />
Nun sieh aus allen diesen Worten,<br />
wie rühmlich sie mein Geheimnis verkünden:<br />
Du sollst keinen Zweifel an dir finden.«</em></p>
<p>Wem diese Zeilen mystisch, das heißt geheimnisvoll erscheinen, ist schon mitten im Thema des Symposiums „Quellen der Mystik“ im Mai 2011 mit etwa 150 Teilnehmerinnen in der Evangelischen Stadtkirche St. Petri in Dortmund stattfand.</p>
<p>Drei Frauen des Mittelalters sollten vorgestellt werden in diesen anderthalb Tagen: Mechthild von Magdeburg, Hadewuch (oder Hadewijch) und Marguerite Porete. Die Frauen und ihre Zeit wurden lebendig und aktuell, indem der lichte Raum der mittelalterlichen Kirche, Lesungen aus den Schriften der Mystikerinnen und Musik – auch – aus ihrer Zeit sich zusammenfügten und diese vergangene Welt in die Moderne transponierte.</p>
<p>Anstoß zu diesem Symposium war die Arbeit von Ulrike Eichler an der Ruhr Universität Bochum, wo sie gemeinsam mit Katharina Greschat ein Blockseminar zur Mystik anbietet und die Studierenden in das Symposium mit einband. Das hatte auch das schöne Ergebnis, das sich hier Junge und Ältere trafen und sich über die Welt der Mystik austauschen konnten.</p>
<p>„Nicht nur Institutionen arbeiten hier zusammen, sondern auch Personen, in diesem Fall: Frauen!“ – so brachte Ulrike Eichler die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Institutionen auf den Punkt. Die Stadtkirche St. Petri, das Frauenreferat der evangelischen Kirche von Westfalen, die Akademie Villigst  und die Ruhruniversität Bochum waren gemeinsam Veranstaltende.</p>
<p>Von den Besucherinnen und Besuchern der Kirche St. Petri fällt normalerweise der Alltag ab, denn sie betreten gleichsam einen anderen Raum, in dem sich die Seele öffnen und leben kann. Aber an diesem Freitagnachmittag sind die Geräuschkulisse der Fußgängermeile und zusätzlicher Baulärm stärker und dringen doch ins Innere der Kirche und in die offenen Ohren und Herzen.</p>
<p>„Einmischung von außen durch die städtischen Baustelle“ nennt Almut Begemann, Pfarrerin an der Stadtkirche und damit Gastgeberin dies in der Begrüßung, die fast im Lärm untergeht, so wie die ersten Töne der folgenden Musik: <em>The flight beyond the time </em>von<em> Petri Makkonen </em>spielt Ines Ringe, die die Tage musikalisch begleitet, auf dem Akkordeon. Es ist, als sei diese wundersame Musik die Brücke, über die nun alle hineingelangen in diesen fremden und wundersamen Raum der Mystik, als ziehe sie die Zuhörenden in die Stille und Tiefe. Tatsächlich bricht nun auch der Lärm von außen ab: Feierabend. Am Ende der Musik gebannte Stille.</p>
<p>Der zufällig so anstrengende Beginn wirkt fast wie ein Teil der gesamten eindringlichen Inszenierung, die die gesamte Veranstaltung prägte. So durchdacht, so feinsinnig waren Lesungen, Musik und Vorträge aufeinander abgestimmt, dass es schien, als würde auch dieser Lärm nur darauf hinweisen, wie schwierig es ist, sich in der Alltagswelt der Suche nach dem Göttlichen zu öffnen .<strong><em>                 </em></strong></p>
<h4><strong>„Zahlreich wie die Sterne am Himmel“</strong></h4>
<p>Ulrike Eichler skizziert in ihrem Einführungsvortrag die Grundlagen des Lebens der Beginen:<strong><em> </em></strong>Die Überlieferung ist lückenhaft, man hat sie weitgehend aus dem Bewusstsein gedrängt, denn sie passen nicht in die offizielle (Kirchen-)Politik.</p>
<p>Wie die Katharer und Waldenser sind die Beginen ein Teil der mittelalterlichen Gegenbewegung zur katholischen Kirche und den klerikalen Machthabern. In diesen Bewegungen haben auch die Laien das Recht, öffentlich und in ihrer Muttersprache zu predigen, und Frauen übernehmen ebenso Ämter wie die Männer. Diese Struktur der Freiheit und das Laienelement prägen auch die Beginenbewegung, die sich über ganz Europa ausbreitet.</p>
<p>Eine der größten Gemeinschaften lebte in Köln, wo allerdings nichts mehr darauf hinweist. Aber in Städten wie Amsterdam oder Brügge kann man noch immer die eindrucksvollen Höfe besuchen und ihre einstige wirtschaftliche Kraft erkennen. <strong><em></em></strong></p>
<p>Als Einführung in die Gedankenwelt Mechthild von Magdeburgs liest Jele Brückner hinreißend aus „Das fließende Licht der Gottheit“, einem Dialog zwischen Seele und Gottheit. Man mag den Ohren kaum trauen, mit wie viel Hingabe und Witz, reiner Lust und offenem Begehren die beiden umeinander werben. Ihr Verlangen nach einander äußern sie<em> sehr</em> direkt: Prickelnd, lebendig und äußerst anziehend. Ein Lächeln entsteht auf den Gesichtern und hier da und da ist ein amüsiertes Glucksen zu hören.</p>
<p>So modern diese alten Worte klingen, so modern wirkt auch die Musik von <em>Rowland</em> und <em>Byrd</em> (beide 16. Jahrhundert) auf dem Akkordeon. Es entstehen nie gehörte Klänge auf dem Instrument: fein und lebendig, Orgel und Leier und immer unverkennbar – Akkordeon. Die Brücke zwischen mittelalterlichem Gedankengut und Moderne trägt.</p>
<h4><strong>„Auferstehung als Lebenskunst“</strong></h4>
<p>Da die Kunst des Lesens im Mittelalter ein Privileg war, wurden damals Texte ganz selbstverständlich laut vorgelesen, so knüpft Hildegund Keul mit ihrem Vortrag über Mechthild von Magdeburg an die Lesung aus deren Buch an. Andere sollten so von dieser Kunst profitieren. So entstanden „Hörbücher in anderer Form“ – live und lebendig, und sie bewegten die Menschen. „Menschen, weil sie lieben, weil sie Menschen lieben, weil sie sogar sich selbst lieben, weil sie Gott lieben, machen sich auf“ und lassen so eine ganze Bewegung entstehen.</p>
<p>In Abgrenzung zu dem Klischee vom „dunklen Mittelalter“ zeichnet Keul ein lebensfrohes Bild jener Zeit: Lebendige und kräftige Farben sind typisch – Rot, Blau und Gold. Die Männer sind wohl für die Waffen zuständig, die Frauen aber für die Kultur – anders, als viele über das Mittelalter denken.</p>
<p>Die wachsende Geldwirtschaft im 13. Jahrhundert unterstützt den Handel, und so entwickeln sich die Städte zu selbstbewussten Handelszentren, die stolz ihren Reichtum zeigen. So wirken sie auch anziehend für die Menschen auf den Burgen, sodass viele von dort abwandern und in die Städte ziehen. Die neuen Bewohner entwickeln schnell ein eigenes Selbstbewusstsein und beginnen, sich selbst als „Bürger“ zu bezeichnen: Sie verstehen sich als die modernen, die eigentlichen Burgherren, und sehen sich stolz als Elite des Landes.</p>
<p>Die andere Seite dieser Entwicklung aber ist die Armut, die rasant wächst: Frauen werden bezahlt wie Kinder – deren Arbeit selbstverständlich war –, das entspricht der Hälfte des Lohnes der Männer. Damit waren Frauen damals schon die potentiell Armen.</p>
<p>Die spirituellen Bewegungen jener Zeit entstehen als Antwort auf diese Herausforderungen: Die neue kulturelle Offenheit und der enorme Reichtum durch die Wirtschaftsbeziehungen, und die sozialen Umbrüche als deren Folge. Mechthild stellt sich dem auf ihre Weise: Obwohl sie wohl einer adligen Familie entstammt – sie hat eine gute Bildung genossen – wählt sie freiwillig die Armut als Lebensform, auch als Protest gegen die Schere zwischen Reich und Arm, die immer weiter auseinanderklafft.</p>
<p>Hildegund Keul wirft die Frage auf: Was passiert, wenn die freiwillig Armen mit den erzwungenermaßen Armen zusammentreffen? Die Armutsbewegung hat darauf eine Antwort gefunden. Ihre Lebensgrundlage ist die Erkenntnis: Wenn du reich werden willst, teile deine Ressourcen! So gibt die Armutsbewegung den Armen ihre Selbstachtung zurück, weil sie spüren können, dass auch sie Ressourcen haben und reich sind – zum Beispiel, weil sie ihre Kinder haben.</p>
<p>Die große Leidenschaft und tiefe Liebe, die Mechthild in sich trägt, zeigt sich im „Fließenden Licht der Gottheit“, ihren Schriften, in denen sie die Sehnsucht, das Leiden und die Hingabe der Seele beschreibt, die sich mit der Gotteskraft vereint. Das Geheimnis (griechisch mystikos) Gottes wird im Gefühl und im eigenen Erleben ergründet und erfahren.</p>
<p>Dass dies kein denkerischer Ansatz war und darüber hinaus auch noch von Frauen vertreten wurde, machte die Schriften für die Kirche zu einer Provokation. „Der Geist Gottes spricht auch aus dem ungelehrten Mund der Frau“ – für die scholastische Theologie jener Zeit, die sich an Aristoteles und dessen abwertendem Frauenbild orientierte, konnte dies nicht akzeptiert werden.</p>
<p>In Abgrenzung zur herrschenden Theologie und Kirche war die Mystik der Frauen darauf angewiesen, ihre eigene Sprache zu finden. Sie entstand eben nicht in der Abgeschiedenheit einer Weltflucht, sondern erwuchs mitten aus ihrem Leben: Aus dem Kampf darum, das eigene Leben selbstbestimmt gestalten zu können und damit gegen alle Regeln zu verstoßen, aus der Krankenpflege und aus der Not der Armut.</p>
<p>Darum hat Hildegund Keul, deren Arbeitsfeld die Frauenpastoral ist, sie für die Seelsorge entdeckt: „In den Brücken des Lebens zerbricht die Sprache, aber gleichzeitig wartet sie auf das richtige Wort.“ Aus ihrer Erfahrung entwickeln die Beginen – allen voran Mechthild – eine Gebetsspiritualität, die „ein bitteres Herz süß“ macht. In ihren Texten geht es nicht um billigen Trost, sondern um das Geheimnis des Lebens und die Leidenschaft für Gott: Der Gesang der Mystik ist die Liebe, die Gesangmeisterin die Hoffnung und Gott selbst nimmt die Noten und senkt sie in die Herzen ein.</p>
<p>In der Vergangenheit ist die Mystik aus der Theologie ausgeschlossen worden, heute aber besteht die Chance, sie neu einzubeziehen in die Theologie und ihre Erfahrungen zu nutzen, zum Beispiel für die Pneumatologie, also die Lehre vom Geist Gottes.</p>
<h4><strong>Die Wandlung des Altars</strong></h4>
<p>Die St. Petri-Kirche besitzt einen wunderbaren doppelten Flügelaltar aus den Antwerpener Werkstätten des 16. Jahrhunderts. Diese Flügel lassen sich „wandeln“, das heißt, sie können in doppelter Weise geschlossen werden und zeigen im jeweiligen Zustand der „Wandlung“ unterschiedliche Bildszenen.</p>
<p>Geöffnet strahlt das Rentabel in prächtigem leuchtenden Gold und präsentiert eine beeindruckende Fülle von Szenen und Figuren. Das „goldene Wunder“, so wird der Altar auch genannt, repräsentiert durch seine Opulenz und materielle Kostbarkeit auch den Reichtum der mittelalterlichen Stadt. So glanzvoll zeigt sich der Altar zwischen Ostern und Pfingsten; je nach Kirchenjahreszeit werden die beiden Flügelbilder geschlossen.</p>
<p>Das Symposium war nun der Anlass dafür, die „Wandlung“ früher zu vollziehen und als dessen Teil zu erleben. Die Betrachterinnen und Betrachter erlebten, staunten, wie sich der Altar und seine Aussage verändert und damit dem ganzen Raum der Hallenkirche eine andere Atmosphäre verleiht. Es war – ja, ein mystischer Moment, als die beiden Flügel jeweils langsam geschlossen wurden und der Glanz verschwand. Es war, als verdunkle sich nicht nur der Altar, sondern die ganze Kirche. In die dann erscheinende Bildseite muss man sich erst „einlesen“ und dann ist auch hier Besonderes zu entdecken: Erzählt wird (nur!) hier die Legende der Heiligen Emerenzia, der Urgroßmutter Jesu.</p>
<p>Insofern war dies eine doppelte Einführung in den zweiten Tag des Symposiums: Die Wandlung des Altars verändert die Sicht und Perspektive der Anwesenden und mit Emerenzia steht wiederum eine Frau im Mittelpunkt der Betrachtung.</p>
<h4><strong>„Mir graut, dass ich lebe“</strong></h4>
<p>Heike Schmitz widmet sich der Erforschung der Hadewuch (Hadewijch), einer Begine aus den Niederlanden, die einen regen Austausch mit der höfischen Kultur ihrer Zeit hatte. Sie lebte und wirkte um 1230 – und mehr weiß man über sie nicht. Hinterlassen aber hat sie viele Gedichte, Schriften und Briefe, aus denen man herauslesen kann, was sie bewegte.</p>
<p>Heike Schmitz betreibt ihre Forschungen nicht als Theologin, sondern als Germanistin, sodass sie ganz eigene Fragestellungen an die Texte der Mystik hat. Eine ihrer zentralen Frage ist, warum das Wort „Minne“ aus unserem Wortschatz verschwunden ist. Es ist die Ausgangsfrage ihres Vortrags.</p>
<p>1512 tauscht ein Buchdrucker den Begriff „Minne“ in einem Text durch das Wort „Liebe“ aus. Seine Begründung ist, dass „Minne“ doch in einem religiösen Zusammenhang nicht passe, da mit ihr nicht nur die rein geistige, sondern auch die sehr körperliche Liebe benannt werde.</p>
<p>Das Wort war ganz üblich, wenn es um Liebesdinge ging, auch in den mittelalterlichen Wirtshäusern, wo Lachen, Gesang, buntes Getriebe – und eben auch die Minne herrschte. Man kann sich vorstellen, dass es recht deftig dort zuging.</p>
<p>Die offizielle Kirche jedoch wollte das Verhältnis von Körper und Geist in ihrem Sinne definieren und nutzte das Wort „Amor“, das die körperlose, „reine“ Liebe bezeichnete. Allmählich wurde so der Begriff der „Minne“ verdrängt und damit auch der sehr irdische Zusammenhang von Körper und Seele, der in höchst erotischem Sinne in den Schriften der Mystikerinnen in Bezug auf die Vereinigung mit Gott verwendet wurde.</p>
<p>Schließlich empfand dann jener Buchdrucker das Wort „Minne“ als zu anstößig, um es noch in den von ihm gedruckten Büchern zu verwenden, und nach und nach verschwand es ganz – zunächst aus dem religiösen, dann aus dem ganzen Wortschatz.</p>
<p>Wenn man bedenkt, dass den Eskimos zehn verschiedene Begriffe zur Verfügung stehen, um die Farbe „weiß“ zu beschreiben, ist das nur zu bedauern. Diese differenzierenden Feinheiten werden ja genutzt, um etwas Wichtiges im Leben sehr genau wahrzunehmen und zu beschreiben. In Liebesdingen ist das der deutschen Sprache – und vielleicht nicht nur der Sprache – abhanden gekommen. „Liebe“ ist da ein eher oberflächlicher Begriff für ganz unterschiedliches Erleben.</p>
<p>Bei Hadewijch aber ist „Minne“ ein zentraler Begriff und meint die Liebe – in allen Facetten – zwischen Gott und der Seele. Das bedeutet für sie auch Leiden, denn die Minne ist Liebe, die nicht nur seicht daherkommt, sondern auch mit dem Liebesschmerz zu tun hat, mit unerfülltem Verlangen, mit Darben und Wüten.</p>
<p>Hadewijch durchquert die viele Schichten des inneren Lebens und weicht auch den quälenden nicht aus. „Dure“ – „durch“ ist daher ein wichtiger Begriff für sie: durchqueren, durchwaten. In unterschiedlichster Form erlebt sie sich selbst und lässt alles zurück. Wie schwer dieser Weg auch für sie war, zeigt sich an dem Satz „Mir graut, dass ich lebe“.</p>
<p>Minne als leidenschaftliche Liebe zu Gott hat auch ihre höllischen Seiten. Hier deutet Heike Schmitz eine Verbindung zu Ingeborg Bachmann an, als diejenige, die vom Schmerz in der Liebe weiß und im Verlangen lebt. Leider gibt es keine Gelegenheit, diesen Hinweis auszuführen, er macht aber neugierig darauf, den Spuren der Mystik in der Gegenwart zu folgen – auch an Stellen, die unerwartet sind.</p>
<h4><strong>De profundis</strong></h4>
<p>Die Musik von Sofia Gubaidulina ist das leibhaftige Erleben dessen, was Heike Schmitz zuvor erläutert hat. Man meint nicht, dass dies alles aus einem Instrument kommen kann, und doch ist es so. Dies scheint die Musik der Minne zu sein: Mal zärtlich, mal stürmend, mal wütend, mal lieblich kommt sie daher, sie lockt, tiriliert und seufzt, lotet Seelentiefen aus und macht Höllensturz und Himmelfahrt hörbar. Das Ringen und Suchen, das Flirren und Ver-rückt-sein der Minne verbindet sich hier in der Musik mit Körper und Geist.</p>
<p>Die anschließende Fragerunde zeigt, wie erfüllt die Zuhörenden vom Vortrag über Hadewijch sind – und sicher trägt die Musik ihren Teil dazu bei. Eine Zuhörerin fragt, welche Schichten in uns unzugänglich geworden sind, sodass wir auch nicht mehr unserere Tiefen in uns erreichen. So modern scheint auch Hadewijch mit ihren Schriften, dass jemand vorschlägt, ihre Texte für junge Menschen als Liebeslyrik zu empfehlen. Da sage noch jemand, das Mittelalter habe uns nichts mehr zu sagen!</p>
<h4><strong>Im Nichts befestigt</strong></h4>
<p>Die letzte der drei Mystikerinnen wird von <a title="Irmgard Kampmann" href="http://www.bzw-weiterdenken.de/personen/irmgard-kampmann/">Irmgard Kampmann</a> vorgestellt: <a title="Im Nichts befestigt" href="http://www.bzw-weiterdenken.de/2010/04/im-nichts-befestigt/">Marguerite Porete</a>, eine Begine, die im 13. Jahrhundert im Hennegau lebte. Ihr Anliegen in ihrer Schrift – meist als „Spiegel der einfachen Seelen“ bezeichnet – ist es, die theologische Vernunft zu überwinden, da die Vernunft nur das Grobe begreife und die Menschen eitel mache.</p>
<p>Den Willen bezeichnet Porete als „Donnerskeil“, er besiegelt die Knechtschaft des religiösen Leistungsdenkens, das aber nicht zur Erkenntnis führt. Feineres Erkennen ist aber nur möglich, wenn man eine andere Grundhaltung einübt: sich der Absichtslosigkeit hinzugeben, um sich dem zu öffnen, was sich schenken will.</p>
<p>Seelen in solcher Gestimmtheit wissen nichts von sich, sie können sich nicht beurteilen – und so entsteht ihre Freiheit. Die freie Seele ist daher eine Tochter der göttlichen Liebe. Sie ist ohne Stolz und Scham, denn beides (Stolz und Scham) sind nur die Reaktionen auf die Beurteilungen von außen und machen unfrei.</p>
<p>Was so einleuchtend und einfach klingt – loszulassen von allem, was die Seele von außen beschwert und unfrei macht – ist auch für Marguerite ein Prozess, der nicht harmonisch verläuft, sondern ebenso Kampf bedeutet. Es gibt dabei Rückschläge, aber hinzufallen ist in ihren Augen nur Ausdruck der Leidenschaft, die diesen Prozess antreibt. Das Loslassen kann– scheinbar paradox – nur gelingen durch Kampf und Wut.</p>
<p>Ihre eigene innere Freiheit zeigte sich nicht nur in ihren freien Gedanken, sondern auch in ihrem Mut, über die offizielle Kirche zu spotten. Besonders gern machte sie sich über ein bestimmtes klerikales Gehabe lustig und auch über „typisch männliche“ Verhaltensweisen. Mit ihrem geistreichen Spott hatte sie die Lacher auf ihrer Seite. Sie war eine Frau mit viel Esprit – und unwillkürlich fragt man sich, was sie heute zu sagen hätte und wie sie ermutigt, heute die eigenen Wege zu gehen und sich frei zu machen.</p>
<p>Marguerite ist mit ihrem Buch durch die Lande gezogen und hat daraus gelesen. Es ist ins Lateinische übersetzt worden, später wurde es in anonymisierter Form ein „Bestseller“. Dass all das – der Aufruf zur Freiheit der Seele, die Unabhängigkeit von und der Spott über die Kirche, das öffentliche Auftreten als Frau und ihr Erfolg dabei – dass dies nicht lange geduldet wurde, liegt auf der Hand.</p>
<p>Um 1300 gab es daher einen ersten Prozess gegen sie, als sie nicht von ihrem Tun abließ, folgte ein weiterer. Dabei weigerte sie sich, inhaltlich Stellung zu beziehen und erst recht, die beanstandeten Stellen ihrer Schrift zu widerrufen. Sie schwieg einfach, mit der Begründung, eine freie Seele sei nicht anzutreffen, wenn man sie vorlade; „ihre Feinde erhalten keinerlei Antwort von ihr“. 1310 wurde schließlich das Todesurteil gegen sie verhängt.</p>
<p>Was bleibt von diesen anderthalb Tagen ist das Gefühl, den Schlüssel zu den tieferen Schichten in mir selbst wieder gefunden und zu haben und wieder zu wissen, welcher Reichtum sich darin verbirgt. Die Suche und Bergung dieses Schatzes ist im Alltag Musik.</p>
<p>Das letzte Musikstück dieser Tage ist <em>Oasis</em> von <em>Moondog. </em>Es scheint mutig, dieses rhythmische, schwebende und zugleich ganz erdige Stück nur auf dem Akkordeon zu spielen – und genau darin nimmt es den Mut Marguerits auf, Gedankenexperimente zu wagen und Denkverbote zu aufzulösen. Diese Musik macht noch einmal hör- und fühlbar, was zur Minne gehört: Die Geisteskraft, die Sanftheit, das Anliegen von Ferne, die Sehnsucht. Wie nach jeder Musik und jeder Lesung scheint die Luft in der Kirche zu flirren und zum Stillstand zu kommen.</p>
<p>Die BesucherInnen gehen ungern – und erfüllt, denn die Brücke ins Mittelalter war tragfähig und hat gezeigt, wie nah uns modernen Menschen die Gedankenwelt der Beginen ist. Es ist zu hoffen, dass dies nur Anfang der Zusammenarbeit von Institutionen und Personen – in diesem Fall: Frauen, war und auch andere Mystikerinnen durch Lesungen, Musik und Vorträge wieder lebendig werden können.</p>
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		<title>Die Ökonomie des Glücks</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Mar 2012 13:13:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ursula Pöppinghaus</dc:creator>
				<category><![CDATA[anschauen]]></category>
		<category><![CDATA[Glück; Globalisierung; Ökonomie;]]></category>

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		<description><![CDATA[In den vergangenen Wochen ist ein bemerkenswerter Film in den Kinos angelaufen: Die Ökonomie des Glücks.
]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>In den vergangenen Wochen ist ein bemerkenswerter Film in den Kinos angelaufen: Die  Ökonomie des Glücks.</strong></p>
<p>Im Angesicht der Umweltkrise, der Wirtschaftskrise und der Krise des menschlichen Geistes brauchen wir positive Visionen für Mensch und Planet. „Mehr Hoffnung als Hoffnungslosigkeit“, so beginnt der Film der Wissenschaftlerin und Autorin Helena Norberg-Hodge. Sie gründete die Internationale Gesellschaft für Ökologie und Kultur ISEC (International Society for Ecology and Culture) sowie vor 35 Jahren das Ladakh-Projekt, dem Vorgänger von ISEC. Am Bespiel des über Jahrhunderte vom Rest der Welt isolierten Ladakh zeigt sie auf, wie seit den 1970er Jahren das reiche und erfüllte Leben der Ladakhis sich wandelt zu Abhängigkeit und Armut.<a href="http://www.bzw-weiterdenken.de/2012/03/die-okonomie-des-glucks/2012_03_01_okonomie-des-glucks/" rel="attachment wp-att-4852"><img class="alignright size-medium wp-image-4852" title="2012_03_01_Ökonomie-des-Glücks" src="http://www.bzw-weiterdenken.de/wp-content/uploads/2012/03/2012_03_01_Ökonomie-des-Glücks-212x300.jpg" alt="" width="212" height="300" /></a></p>
<p>Mit Beiträgen aus allen Kontinenten beschreibt der Film in beeindruckenden Bildern, unterlegt mit fundierten Fakten die grausame Zerstörung unserer Welt durch die Folgen der Globalisierung. <em>Globalisierung ist die Deregulierung</em> von Handel und Finanzen um ein globales Handeln für <em>einzelne</em> Unternehmen und Banken zu ermöglichen. Es ist das Entstehen von weltweit einheitlichen Märkten, die beherrscht werden von transnationalen Unternehmen. Zu oft wird Globalisierung mit internationaler Zusammenarbeit, gegenseitigen Wechselbeziehungen und einer Welt-Gemeinschaft verwechselt.</p>
<p>Der Film zeigt die unbequemen Wahrheiten über die Globalisierung:</p>
<ul>
<li>sie macht uns unglücklich, durch den dauerhaften Druck zur Expansion.</li>
<li>sie erzeugt Unsicherheit. Werbung bestimmt heute was unsere Kinder essen, anziehen, denken. Kinder verlieren schon in der Kindheit ihre regionale Identität.</li>
<li>Globalisierung verschwendet natürliche Ressourcen, wir werden verstärkt weltweiten Hunger und Hungersnöte erhalten. Die ökologischen Systeme werden kollabieren.</li>
<li>Globalisierung beschleunigt den Klimawandel. Es ist belegt, dass wir identische Produkte in fast gleichem Umfang importieren und exportieren.</li>
<li>Globalisierung zerstört die Existenzgrundlagen, die Arbeitslosigkeit wächst, Menschen müssen ihr Land verlassen um zu überleben.</li>
<li>Globalisierung verstärkt Konflikte. Die immer stärker anwachsenden Städte fördern den Druck auf die Menschen, sind Nährboden für religiöse Konflikte und fundamentalistisches Gedankengut. Sprachen und Kulturgut werden zerstört, der Mensch wird entwurzelt.</li>
<li>Die Globalisierung konnte nur entstehen durch staatliche Subventionen und Steuererleichterung für die marktbeherrschenden Konzerne.</li>
<li>Globalisierung basiert auf der irrigen Bilanz: Mehr Energie gleich ökonomisches Wachstum gleich wirtschaftliches Wachstum.</li>
</ul>
<h4>Unser System läuft Amok</h4>
<p>Ein Weg aus dieser Falle ist die sog. Grüne Revolution: Weniger Autofahren, regionale Produkte verwenden, individuelles Handeln, sich dem globalen Konsum verweigern. Die ersten Schritte zur Lokalisierung der Politik, der Wirtschaft, der regionalen Gemeinschaft und Kultur sind im Werden. Lokalisierung bedeutet:</p>
<ul>
<li>Abbau steuerlicher und anderer Unterstützungen für transnationalen Konzerne und Banken.</li>
<li>Verringerung der Abhängigkeit von Exportmärkten zu Gunsten der Produktion von lokalem Bedarf .</li>
</ul>
<p>Regionale Unternehmen und Banken, regionale Lebensmittel und Energie, dezentrale Infrastruktur, das alles kann wieder eine lokale Identität erzeugen, ein kulturelles Selbstbewusstsein. Weltweite Vernetzung  auf lokaler Ebene heißt <em>lokale Globalisierung</em> anstelle von globaler Macht einzelner Konzerne. Es bedeutet die Schaffung einer verantwortlichen Ökonomie, einer Produktion die näher an dem Nutzungsort hergestellt wird. Es bedeutet ein verantwortlicher Umgang mit den begrenzten Ressourcen und der vorhandenen Energie.</p>
<p>Wir können die Welt-Ökonomie nicht tatenlos den selbsternannten Experten überlassen, wir brauchen eine weltweite Bewegung im Sinne einer regionalen Ökonomie. Wir sind eine Welt und müssen lernen als eine Welt zu agieren, im Interesse unserer Kinder und des Überlebens. Der Film veranschaulicht diese Problematik in hervorragender Weise. Er hat weltweit Anerkennung und Lob erhalten und ist mehrfach ausgezeichnet.</p>
<p><em>Eine DVD ist über den Buchhandel oder über <a href="http://www.theeconomicsofhappiness.org/">www.theeconomicsofhappiness.org</a> zu beziehen .</em></p>
<p><em>Bitte auf deutsche Untertitelung achten!</em></p>
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		<title>Interview mit der Schlangenbrut</title>
		<link>http://www.bzw-weiterdenken.de/2012/03/interview-mit-der-schlangenbrut/</link>
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		<pubDate>Thu, 01 Mar 2012 10:48:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Antje Schrupp</dc:creator>
				<category><![CDATA[hervorbringen]]></category>

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		<description><![CDATA[Die aktuelle Ausgabe der „Schlangenbrut“ beschäftigt sich mit dem Thema „Neue Medien“. In diesem Zusammenhang sprach Redakteurin Janet Hromadko mit Antje Schrupp auch über bzw-weiterdenken. ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="http://www.bzw-weiterdenken.de/2012/03/interview-mit-der-schlangenbrut/img_01941/" rel="attachment wp-att-4832"><img class="alignright size-medium wp-image-4832" title="IMG_0194[1]" src="http://www.bzw-weiterdenken.de/wp-content/uploads/2012/03/IMG_01941-300x224.jpg" alt="" width="300" height="224" /></a>Die aktuelle Ausgabe der <a href="http://www.schlangenbrut.de" target="_blank">„Schlangenbrut“</a>, einer Zeitschrift für feministisch und religiös interessierte Frauen, beschäftigt sich mit dem Thema „Neue Medien“. In diesem Zusammenhang sprach die Schlangenbrut-Redakteurin Janet Hromadko mit <a href="http://www.bzw-weiterdenken.de/personen/antje-schrupp/" target="_blank">Antje Schrupp</a> über das Projekt „beziehungsweise weiterdenken“ – wir dokumentieren hier das Interview.</strong></p>
<p><strong>Janet Hromadko:</strong> <em>Sie sind Autorin und Redakteurin bei dem Internetforum „beziehungsweise weiterdenken“ – was können sich unsere Leserinnen hierunter vorstellen?</em></p>
<p><strong>Antje Schrupp</strong>: Das ist ein Internetforum für philosophische und politische Texte von Frauen, das im Januar 2007 online gegangen ist. Wir Redakteurinnen arbeiten schon länger inhaltlich zusammen, zum Beispiel durch Veröffentlichungen oder auf feministischen Mailinglisten oder Treffen. Die meisten von uns sind ursprünglich vom Denken der italienischen Feministinnen um den Mailänder Frauenbuchladen und die Universität von Verona inspiriert, eine feministische Richtung, die sich inzwischen ja auch im deutschsprachigen Raum etabliert hat, unter Stichworten wie „Affidamento“ oder „postpatriarchales Denken“. Auch viele der Autorinnen kennen wir schon länger aus gemeinsamen Projekten. Wir wollten im Internet eine Plattform schaffen, auf der unsere verschiedenen Aktivitäten zusammenlaufen und die auch die Möglichkeit bietet, auf interessante Projekte hinzuweisen oder politische Entwicklungen zu kommentieren und zu reflektieren. Wir übersetzen hin und wieder auch Texte aus dem italienischen oder französischen Feminismus, die uns interessant erscheinen. Unsere Leserinnen kamen anfangs auch überwiegend aus diesen Zusammenhängen, inzwischen hat sich die Bekanntheit der Seite aber darüber hinaus ausgeweitet. Das freut uns, weil wir explizit auch mit anderen feministischen Ansätzen in einen Austausch kommen wollten. Unser „Organisationsprinzip“, wenn man so will, ist das Knüpfen von Beziehungen, wie der Name ja auch schon sagt. Das heißt, es geht uns nicht um möglichst große Massenaufmerksamkeit, sondern um einen qualitätsvollen Austausch unter Frauen – und, wenn sie es wünschen, auch mit Männern – die sich füreinander interessieren und die Ideen und Gedanken der anderen aufgreifen und eben „beziehungsweise weiterdenken“.</p>
<p><em>Warum haben Sie sich für einen Internetauftritt entschlossen?</em></p>
<p>Ganz am Anfang hatten wir überlegt, ob wir eine Papierzeitung machen, aber bei den Vorüberlegungen zeigte sich schnell, dass das Internet für unser Anliegen die bessere Plattform ist. Einmal weil es kaum Kosten verursacht, außerdem, weil es ein schnelles und niedrigschwelliges Medium ist, und vor allem natürlich, weil es durch die Link-Struktur möglich macht, sich aufeinander zu beziehen und Diskussionsstränge kontinuierlich zu verfolgen, sich also auf frühere Texte zu beziehen und diese weiter zu entwickeln. Außerdem ist es via Internet möglich, auch über räumliche Entfernungen zusammen zu arbeiten, denn wir Redakteurinnen und erst recht die Autorinnen leben ja über ganz Deutschland, die Schweiz und Österreich verstreut. Mit den sozialen Netzwerken Facebook (www.facebook.de/bzwweiterdenken) und Twitter (@bzwweiterdenken) haben sich noch mehr gute Möglichkeiten der Vernetzung und Diskussion eröffnet. Allerdings war uns von Anfang an klar, dass es nicht reicht, nur über das Internet miteinander verbunden zu sein. Daher treffen wir uns zwei bis dreimal im Jahr zu Redaktionssitzungen, außerdem veranstalten wir manchmal inhaltliche Tagungen, zu denen wir dann auch die Autorinnen und Leserinnen einladen. Vor zwei Jahren diskutierten wir zum Beispiel ein Wochenende lang mit dreißig Frauen darüber, wie wir in Institutionen und in der Öffentlichkeit sichtbar und einflussreich sein können, ohne uns an die vorhandenen Strukturen und Spielregeln anzupassen. Die Ergebnisse dieser inhaltlichen Treffen bieten dann Stoff und Themen, die in weitere Artikel und Beiträge einfließen.</p>
<p><em>Wie waren und sind die Reaktionen auf Ihr Internetforum?</em></p>
<p>Die Reaktionen waren und sind eigentlich ausschließlich positiv. Inzwischen haben wir um die 700 Newsletter-Abonnentinnen, die sich per Mail über neue Beiträge informieren lassen, und um die 8000 Seitenzugriffe im Monat. Negative Erfahrungen, zum Beispiel mit Shitstorms oder sexistischen Troll-Kommentaren, haben wir bisher keine gemacht. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass wir für unser Forum gezielt Werbung über „Beziehungen“ machen, also bei Veranstaltungen, die wir selbst besuchen, in Publikationen wie eben der Schlangenbrut, bei feministischen Treffen oder in Mailinglisten, die zu unserem Anliegen passen. Wir legen keinen Wert darauf, in den üblichen Netz-Rankings und Blog-Charts vertreten zu sein. Deshalb ist unser Publikum auch überwiegend eines, das ähnliche Anliegen hat, wie wir, das uns also im Prinzip wohlgesonnen ist, was inhaltliche Kritik ja keineswegs ausschließt. Kontroverse Diskussionen sind uns nämlich sehr, sehr wichtig, denn wir wollen ja gerade die Unterschiede unter Frauen und feministischen Positionen fruchtbar machen. Aber eben auf der Grundlage einer konstruktiven und aneinander interessierten Diskussionskultur. Auch unsere Leserinnen legen darauf sehr großen Wert, weshalb wir eine relativ strikte Moderationslinie haben. Das heißt, polemische, sich im Ton vergreifende oder sich nicht auf das Thema beziehende Kommentare schalten wir nicht frei. Aber, wie gesagt, sehr viele davon haben wir auch gar nicht.</p>
<p><em>Wie empfinden Sie feministische Internetauftritte?</em></p>
<p>Auf jeden Fall als einen Segen. Gerade für nicht-mainstreamige Themen und Ideen gibt es kein besseres Medium. Leider wird das Internet von vielen, tendenziell älteren Frauen noch viel zu wenig genutzt. Jedenfalls nicht im Sinne des Selbst-Schreibens – zum Lesen und Recherchieren nutzen sie es natürlich schon. Aber wir erleben es oft, dass wir Frauen treffen, die unser Forum regelmäßig lesen und im persönlichen Kontakt dann auch sehr interessante Ansichten zu diesem oder jenem Thema äußern, aber das nicht in Kommentaren oder gar eigenen Artikeln „ins Internet schreiben“ möchten. Oder wir kennen Frauen, die tolle Initiativen oder Projekte haben, darüber aber keine Artikel schreiben möchten. Ein großes Hindernis, das da immer wieder genannt wird, ist auch die Zeit. Viele politisch aktive Frauen sind schon in so vielen Aktionen eingebunden, dass sie keine Zeit finden, um darüber auch noch zu schreiben. Wir versuchen, sie in solchen Fällen so gut wir können zum Schreiben zu ermutigen, denn wir finden, dass die Gedanken von Frauen mehr in die Öffentlichkeit getragen werden sollten. In gewisser Weise bieten wir mit unserem Forum ja auch die Möglichkeit, mit dem Publizieren der eigenen Gedanken niedrigschwellig anzufangen, nämlich vor einem interessierten und aufgeschlossenen Publikum und ohne gleich einen eigenen Blog starten zu müssen.</p>
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		<title>Gegen „rechts“ zu demonstrieren, ist nicht genug</title>
		<link>http://www.bzw-weiterdenken.de/2012/02/gegen-%e2%80%9erechts-zu-demonstrieren-ist-nicht-genug/</link>
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		<pubDate>Wed, 29 Feb 2012 13:28:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Juliane Brumberg</dc:creator>
				<category><![CDATA[Blitzlicht]]></category>
		<category><![CDATA[demonstrieren]]></category>

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		<description><![CDATA[In vielen Städten wird  derzeit gegen „Gewalt von rechts“ demonstriert. Das finde ich einerseits gut. Es ist wichtig, dass die deutsche Bevölkerung zeigt, dass sie nationalsozialistisches und rassistisches Gedankengut nicht toleriert. Andererseits überkommt mich bei solchen Demonstrationen immer ein ungutes Gefühl, denn hier wird nicht miteinander geredet sondern gegen die Anderen plakativ Stellung bezogen. Was [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>In vielen Städten wird  derzeit gegen „Gewalt von rechts“ demonstriert. Das finde ich einerseits gut. Es ist wichtig, dass die deutsche Bevölkerung zeigt, dass sie nationalsozialistisches und rassistisches Gedankengut nicht toleriert.</p>
<p><a href="http://www.bzw-weiterdenken.de/2012/02/gegen-%e2%80%9erechts-zu-demonstrieren-ist-nicht-genug/img_1057_ausschnitt/" rel="attachment wp-att-4814"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-4814" title="IMG_1057_Ausschnitt" src="http://www.bzw-weiterdenken.de/wp-content/uploads/2012/02/IMG_1057_Ausschnitt-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" /></a>Andererseits überkommt mich bei solchen Demonstrationen immer ein ungutes Gefühl, denn hier wird nicht <em>mit</em>einander geredet sondern <em>gegen </em>die Anderen plakativ Stellung bezogen. Was fehlt, ist das in-Beziehung-gehen. Das kann zu Polarisierung führen und unerwünschte Gegenaktionen provozieren.</p>
<p>Allerdings ist mit Nazis und Faschos schwer ins Gespräch zu kommen, denn eine auf Toleranz bedachte Politik und Kompromisse sind ja das, was sie ablehnen.</p>
<p>Trotzdem meine ich, dass noch wichtiger, als zu demonstrieren, ist, herauszufinden, welches Begehren hinter dem Engagement dieser Menschen steckt: Woran liegt es, dass rechtes Gedankengut auf junge Männer und auch Frauen solche Faszination ausübt? Wie können ihre Lebensbedingungen so verändert werden, dass rechte Gruppierungen an Attraktion für junge Menschen verlieren? Was können wir als Gesellschaft, aber auch jeder und jede Einzelne von uns, die „Gewalt von rechts“ ablehnt und /oder gegen sie demonstriert hat, tun, jungen Menschen attraktivere Visionen von einem guten Leben anzubieten?</p>
]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>Ethikkonzepte und Geschlechterdifferenz</title>
		<link>http://www.bzw-weiterdenken.de/2012/02/ethikkonzepte-und-geschlechterdifferenz/</link>
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		<pubDate>Tue, 21 Feb 2012 23:24:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Christel Göttert</dc:creator>
				<category><![CDATA[studieren]]></category>
		<category><![CDATA[Ethikkonzepte]]></category>
		<category><![CDATA[Geschlechterdifferenz]]></category>

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		<description><![CDATA[Seminartagebuch von Andrea Günter zum „Denken der Geschlechterdifferenz“. 1. Teil]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Eine neu hinzugefügte Rubrik studieren erweitert ab sofort das beziehungsweise Denken.  Andrea Günter eröffnet diese Sparte und lädt alle ein, Theorien kennen und vertiefen zu lernen. So beginnt das Studium mit dem „Denken der Geschlechterdifferenz“. Künftig wird sie in regelmäßigen Abständen neue Beiträge zur Verfügung stellen, die ein intensives Eintauchen möglich machen und zum Austausch anregen.</strong></p>
<p><img class="alignright  wp-image-4774" title="Mail0006" src="http://www.bzw-weiterdenken.de/wp-content/uploads/2012/02/Mail0006-150x150.jpg" alt="" width="194" height="251" /></p>
<h4><strong>Das Denken der Geschlechterdifferenz</strong></h4>
<p><em>Konzepte der Ethik – Konzepte der Geschlechterverhältnisse</em>, zu dieser Fragestellung veranstalte ich dieses Semester erstmalig ein Seminar zum Geschlechterdenken. Was mich auf eine solche Seminar-Konzeption zu Geschlechterfragen brachte? Die gute Erfahrung, Studierende mit unterschiedlichen Konzepten der Ethik vertraut zu machen und sie daraufhin aufzufordern zu überlegen, wie sich diese so unterschiedlichen Konzepte jeweils auf Geschlechterkonzepte auswirken.</p>
<p>Welche Überlegungen legen die verschiedenen Ethikkonzepte nahe? Was lassen sie jeweils formulieren, entwickeln, vorantreiben?</p>
<p>Eine Pflichtethik (deontologische Ethik) unterscheidet sich von einer Tugendethik, diese unterscheidet sich wiederum von einer Strebensethik (teleologischen Ethik) und von einer Güterethik. Und je nachdem formulieren sich Geschlechterkonzepte sehr unterschiedlich. Oder? Wenn nicht, dann tut sich die Frage auf, was es für die ethischen Konzepte und ihre Unterscheidung bedeutet, wenn sich Geschlechterkonzepte doch als sehr ähnlich erweisen. Geschlechterkonzepte erhellen Ethikkonzepte, Ethikkonzepte erhellen Geschlechterkonzepte, so lässt sich dieses Denken in einem Kreislauf umreißen. (Genaueres zu den Inhalten dieser beiden Denkbewegungen erfahren Sie in einem der nächsten Tagebucheinträge.)</p>
<p>Ich hatte dieses Verfahren schon mehrfach in meinem Seminar zum Thema „Geschlechtergerechtigkeit, Gender Mainstreaming und Schule“ für Lehramtsstudierende angewandt. In meinen Ethik-Seminaren für Lehramtsstudierende an der Universität Freiburg biete ich wenigstens zwei Sitzungen an, in denen ich eine Art Grundlagenwissen vermittle, was Begriffe und Konzepte von Ethik und Moral betrifft. Und um diese eher allgemeinen Ausführungen zu konkretisieren, lasse ich die Studierenden in einer anschließenden Reflexionssitzung diese auf das jeweilige Seminarthema anwenden. Das erweist sich als sehr erhellend, was die Konkretisierung der Ethikkonzepte, aber auch, was die Möglichkeiten der Perspektivierung der jeweiligen Fragenstellung des Seminarthemas betrifft. Und diese Erfahrung machen ich und die Studierenden auch in Bezug auf Geschlechterkonzepte.</p>
<p>Eine der wichtigsten Erfahrung hierbei war: Sobald wir anfangen, ethische Konzepte zu unterscheiden und ihre unterschiedlichen Perspektiven auf Geschlechterfragen zu realisieren, ist die Diskussion um die/eine Natur der Geschlechter wie weggeblasen. Die Frage danach stellt sich einfach nicht mehr. Zumindest nicht mehr so wie zuvor. Hingegen wird deutlich, dass das Konzept „Natur“ differenziert werden muss. Auch darauf wird in einem späteren Bericht zum Seminar noch genauer eingegangen.</p>
<p>An dieser Stelle bietet sich eher eine wissenschaftstheoretische Überlegung an. Ethik boomt. Eine Ethikerin kann sich einerseits darüber freuen, sie ist gefragt. Aber es beschleicht mich vor allem ein Unbehagen, wenn ich mich mit den Erwartungen auseinandersetzen muss, die damit einhergehen.</p>
<p>Der Ethikboom steht für die Vorstellung, dass ein Wissenschaftler sagt, was richtig, gut oder böse, was zu tun ist. Endlich wissen, was wir tun <em>sollen</em>, endlich mit frauenbewegten Forderungen gerechtfertigt sein, so dass keine mehr widersprechen oder das genaue Gegenteil tun kann, diese Sichtweise steht dafür, dass nun auch die Geisteswissenschaften in einen Pragmatismus und Positivismus überführt werden (sollen). Es steht dafür, die Differenz zwischen Sein und Sollen zu überwinden, die einige Ethiker als die wesentliche ethische Fragestellung verstehen. Jedoch, konstituiert diese Differenz das, was als das Ethische bezeichnet werden kann?</p>
<p>Aber es gibt zum Glück noch eine andere Sichtweise auf die neue Bedeutung des Ethischen. Ich persönlich bin davon überzeugt, dass die neue Wichtigkeit des Ethischen einen Paradigmenwechsel in der Ontologie bedeutet, in der Lehre vom Sein. Ich gehe davon aus, dass der Ethikboom ein Hinweis auf die Notwendigkeit einer <em>ethischen</em> Ontologie ist. Das (menschliche) Sein als Ausdruck und Erscheinung des Ethischen zu verstehen, besagt, es nicht von der Natur, Gott, der Vernunft herzuleiten, sondern es von den Dilemmata her zu verstehen, mit denen Menschen zu tun haben, und den Möglichkeiten, die sie haben, um diese durchzuarbeiten und entlang von Gerechtigkeitsforderungen zu entscheiden.</p>
<p>Allerdings, damit ist auch das Ethische genauer profiliert. Auch darauf muss noch genauer eingegangen werden. An dieser Stelle möchte ich vorerst mit meiner Lieblingsdefinition des <em>Ethischen</em> schließen. Es stammt von der französischen Denkerin Julia Kristeva:</p>
<p>„Ich nenne diese Überlegung ethisch, weil sie, wie jede andere Theorie, aus einem Festhalten an der Beweisführung hervorgeht, am Sinn, an der These, an der Mitteilung einer Wahrheit, auch wenn sie neu zu begründen wäre. Aber in jedem Fall operiert diese Ethik, im Gegensatz zur Moral, mit dem ihr entsprechenden Lustempfinden: Die Verfahrensweise, von der ich spreche, berücksichtigt das Beweisbare ebenso wie das, was sich ihm entzieht, den Sinn wie den Nicht-Sinn, die These wie das, was sie nicht setzt, die Wahrheit wie das, was sich ihr entgegenstellt …“</p>
<p>Julia Kristeva machte diese Äußerung über das Ethische, als sie dazu befragt wurde, inwiefern sie sich für die Frauenfrage interessiert. Und sie antwortet, sie interessiere sich in diesem Sinne für die Frauenfrage als ethische Frage.</p>
<p>Die Frauenfrage als ethische Frage: als Frage aus einem Festhalten an der Beweisführung, am Sinn, an der These, an der Mitteilung einer Wahrheit, auch wenn sie neu zu begründen wäre. Diese Frage geht mit einem entsprechenden Lustempfinden einher. Das Beweisbare wird ebenso berücksichtigt wie das, was sich ihm entzieht, der Sinn wie der Nicht-Sinn, die These wie das, was sie nicht setzt, die Wahrheit wie das, was sich ihr entgegenstellt…</p>
<p>Die Frauenfrage als ethische Frage erweist sich als Frage der Haltung, die sich im Umgang mit Erkenntnis, Kausalität, Repräsentationssystemen und Rechtfertigung niederschlägt. Sie verlangt eine ethische Haltung, die in dem von Kristeva formulierten Sinne mit ihr umgeht.</p>
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		<title>Weich und stark zugleich</title>
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		<pubDate>Sat, 18 Feb 2012 00:45:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Juliane Brumberg</dc:creator>
				<category><![CDATA[unterwegs]]></category>
		<category><![CDATA[Amerika]]></category>
		<category><![CDATA[Malerei]]></category>

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		<description><![CDATA[Zum allerersten Mal ist in Deutschland eine Ausstellung der amerikanische Malerin Georgia O‘ Keeffe zu sehen. Juliane Brumberg hat sie sich in München angeschaut.  ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Zum allerersten Mal ist in Deutschland eine Ausstellung der amerikanische Malerin Georgia O‘ Keeffe zu sehen. Juliane Brumberg war in München und hat sie angeschaut.<br />
</strong></p>
<p><a href="http://www.bzw-weiterdenken.de/2012/02/weich-und-stark-zugleich/img_1080-3/" rel="attachment wp-att-4736"><img class="alignright size-medium wp-image-4736" title="IMG_1080" src="http://www.bzw-weiterdenken.de/wp-content/uploads/2012/02/IMG_10802-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a>98 Jahre alt wurde Georgia O&#8217;Keeffe und konnte, als sie 1986 starb, auf ein Jahrhundert voller Veränderungen zurückblicken. Diese Veränderungen waren in Europa dramatischer als in den USA. Aber Europa war auch nicht ihr Terrain. Gehörte sie doch zu der ersten Generation, die ihre künstlerische Ausbildung nicht mehr bei ausgedehnten Studienaufenthalten in den europäischen Kunstmetropolen München oder Paris erhalten hatte. Nein, sie lernte bei amerikanischen Professoren und über sie die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Europa entwickelnden Stilrichtungen kennen. Doch nicht nur aus diesem Grund war sie eine wirklich <em>amerikanische</em> Malerin. Für mich ist sie auch deshalb typisch amerikanisch, weil sie in so vielen Landschaften dieses großen Landes gelebt hat, bevor sie schließlich nach dem Tod ihres Mannes 1949 in der kargen Wüste New Mexicos ihre Heimat fand. Und all diese Landschaften spiegeln sich in ihren &#8211; immer auf das Wesentliche reduzierten – Bildern wieder. Wie reizvoll würde es sein, auf den Spuren der Lebensstationen von Georgia o’Keeffe die USA zu bereisen und kennenzulernen: Von Wisconsin im Mittleren Westen nach Virginia, dann die großen Städte Chicago und New York, wo sie studierte und lebte, schließlich Texas, wo sie als Lehrerin arbeitete und Lake George, der Landsitz der Familie ihres Ehemanns Alfred Stieglitz im waldreichen Norden des Staates New York, auf dem sie so viele Sommer verbrachte.</p>
<p>In München sind nun nicht nur ihre Bilder zu sehen, sondern, didaktisch gut aufbereitet, auch Filmsequenzen von den Plätzen, an denen die Bilder entstanden. Und was in der Natur rau und kantig wirkt, erscheint bei Georgia O’Keeffe weich und warm, ohne die Einsamkeit der Orte auf irgendeine Weise zu überspielen oder zu verfremden, ganz im Gegenteil, wir erkennen sie sofort wieder. Viele ihrer Werke, und das gilt für die Landschaften ebenso wie für die großen Blütenbilder, für die sie so berühmt ist, vermitteln eine höhlenartige Geborgenheit. In einen Blütenkelch oder zwischen Gesteinsformationen &#8211; es ist der Blick ins Innere, den die Malerin herausgearbeitet hat und der von der Kunstkritik als sinnlich, sexualisiert und weiblich interpretiert wurde.</p>
<p>Doch in diese Ecke ließ die Malerin sich nicht drängen. Ab Mitte der zwanziger Jahre nahm sie systematisch und mit Erfolg ihre Selbstdarstellung in die Hand. Sie malte gegenständlicher und verwahrte sich gegenüber den an Siegmund Freud angelehnten Assoziationen, die die Kritiker ihr unterschieben wollten, obwohl es doch deren eigener – männlicher – Blick war, der etwas sehen wollte, was die Malerin nicht gemeint und gemalt hatte. Außerdem ließ sie sich nur noch in sehr selbstbewussten Posen bei ihrer künstlerischen Arbeit fotografieren. Die Zeit der Aktfotos von ihr – so weich und warm wie ihre Ölbilder -, mit denen ihr großer Förderer und spätere Ehemann, der berühmte Fotograf Alfred Stieglitz, 1921 eine große Ausstellung bestückt hatte, war endgültig vorbei.</p>
<p>Der Katalog informiert darüber, dass Georgia O’Keeffe Feministin und langjähriges Mitglied der National Woman’s Party (NWP), einer radikalen feministischen Gruppierung war, der sie von 1914 bis zu deren Auflösung 1930 angehörte. Zum neuen Feminismus der 1970er Jahre hielt sie sich jedoch auf Distanz, vermutlich um nicht wieder einem geschlechtsspezifischen Kunstverständnis zum Opfer zu fallen. Ihr ging es darum, dass nicht die „Weiblichkeit“ ihrer Kunst wahrgenommen wurde, sondern dass das Publikum verstand, wie sie, die Malerin, die Kräfte der Natur in ihrem Wirken auf das menschliche Erleben abbildete. Leider konnten die Überschriftenmacher <em>der</em> überregionalen Münchner Tageszeitung es trotzdem nicht lassen, ihren Ausstellungsbericht mit „Unbeschreiblich weiblich“ zu betiteln.</p>
<p>In der Ausstellung hat mich überrascht, dass schon die allerersten Bilder, die allererste Blume, entstanden in Aquarelltechnik noch vor ihrer New Yorker Zeit, die spätere Georgia O’Keeffe erkennen lassen mit ihrer Fokussierung auf das, was aus dem Inneren hervorquellen möchte. Wahrlich eine Malerin, die sich selber treu geblieben und ihren Weg gegangen ist, ohne sich beirren zu lassen. Und ihre großformatigen Bilder, bisher hierzulande fast nur auf Abbildungen im Postkarten- oder Kalenderformat zu sehen, überzeugen in ihrer weichen und zugleich starken Konsequenz. Bei aller Detailtreue und allem Realismus lassen viele von ihnen ein Geheimnis, fast möchte ich sagen etwas Unverfügbares, erahnen.</p>
<p><strong>Georgia O‘Keeffe: Leben und Werk, Hypo-Kunsthalle München, bis 13. Mai 2012.</strong></p>
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		<title>Caroline und Wilhelm von Humboldt: Zwei in Freiheit verbundene Leben</title>
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		<pubDate>Sat, 11 Feb 2012 15:53:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Antje Schrupp</dc:creator>
				<category><![CDATA[erinnern]]></category>
		<category><![CDATA[lesen]]></category>
		<category><![CDATA[Caroline von Humboldt]]></category>
		<category><![CDATA[Ehe]]></category>
		<category><![CDATA[Liebe]]></category>
		<category><![CDATA[Wilhelm von Humboldt]]></category>

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		<description><![CDATA[Doreen Heide empfiehlt die neue Biografie von Dagmar von Gersdorff und ist vor allem fasziniert von der freiheitlichen Eheführung der beiden. ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignleft size-medium wp-image-4708" style="border-style: initial; border-color: initial;" title="17476609" src="http://www.bzw-weiterdenken.de/wp-content/uploads/2012/02/17476609-265x300.jpg" alt="" width="265" height="300" /></p>
<p>Caroline von Humboldt (1766-1829) wird – wie so oft – heute meist nur als Ehefrau Wilhelm von Humboldts und im Schatten der Humboldtbrüder stehend wahrgenommen. Dabei war sie zu ihrer Zeit in ihrer Bedeutung und Anerkennung diesen durchaus ebenbürtig. Eine neue Biografie von Dagmar von Gersdorff zeigt sie als geachteten Mittelpunkt des damaligen gesellschaftlichen Lebens und als emanzipierte und kluge Frau. Ihr großer Kunstverstand wurde von Goethe und Schiller besonders geschätzt und machte sie zu einer beliebten Gesprächspartnerin und Kunstkritikerin.</p>
<p>Am bemerkenswertesten fand ich dennoch die selbst für heutige Maßstäbe sehr moderne Eheführung Carolines und Wilhelms.</p>
<p>Bereits aus den frühen Briefen Carolines, geborene von Dacheröden, spricht eine ungeheure Liebes- und Lebenssehnsucht. So schrieb sie mit 22 Jahren an ihre lebenslange Freundin Charlotte von Lengefeld (die spätere Ehefrau Friedrich Schillers): „Mein Herz ist unbändig in seinen Wünschen und unersättlich in dem Genuß der Liebe und Freundschaft.“ Eine ihre Freiheit einengende Ehe kam für Caroline nicht in Frage. Freiheit in Liebesdingen wurde damals jedoch nur den Männern zugestanden. Caroline wusste darum, wenn sie erklärte: „Sie [die Freiheit] in einem so engen Verhältnis wie die Ehe respektiert zu sehen, war das einzige, was ich bei dem Mann suchte, dem ich meine Hand geben wollte.“</p>
<p>Einen solchen toleranten Partner fand sie in Wilhelm von Humboldt. Er entschied sich für das Ehebündnis mit Caroline, „weil er ihren Charakter kenne und ihr Wesen liebe“, schreibt Gersdorff. Er brauche die Nähe „großer und schöner Seelen“ und eine solche erkannte er in Caroline. In einem Brief an Georg Forster, in welchem er dem Freund seine Heiratsabsichten mitteilte, erläuterte Wilhelm seine Auffassung von Ehe: „Sollte einer von uns nicht mehr in dem anderen, sondern in einem Dritten das finden, worin er seine ganze Seele versenken möchte; nun so werden wir beide genug wünschen einander glücklich zu sehen, und genug Ehrfurcht für ein so schönes, großes, wohltätiges Gefühl, als das der Liebe ist, besitzen.“</p>
<p>Die Eheschließung geschah aus „Herzensneigung“, aber nicht nur das. Mehr noch war sie das Projekt zweier gleicher Seelen, die nach Verwirklichung streben. Das Verbündnis zwischen Caroline und Wilhelm wollte nicht einfach das Glück der anfänglichen Verliebtheit zementieren, sondern suchte den Anderen zur höchsten charakterlichen Weiterentwicklung zu bringen. So schrieb Wilhelm an Caroline: „Immer gewisser fühl ich es, daß du allein der Freiheit und der Liebe bedarfst, um alles zu werden, was Menschen zu werden vergönnt ist.“ Angst vor einer persönlichen Auseinanderentwicklung gab es dabei nicht. Freiheitsdrang und die Liebe zu einem anderen Menschen wurden nicht als unversöhnliche Gegensätze verstanden, denn „es gibt keine Freiheit ohne die Liebe“ (Caroline v. Humboldt).</p>
<p>Wilhelms von Humboldts Bildungsideal „Bilde dich selbst, und dann wirke auf andere durch das, was du bist“, welches ihn später das preußische Schulwesen reformieren ließ, zeigte sich bereits in diesem frühen Bekenntnis zur gleichberechtigten Ehe. Für Caroline galt: „Eheschließung und Ehealltag sollten nicht das Resultat, sondern der Beginn einer gelebten Liebe sein.“ (von Gersdorff) Schon fünf Jahre nach ihrer Heirat wurde das beidseitige Ehe- und Lebensmotto auf eine erste Probe gestellt: Caroline verliebte sich in den sechs Jahre jüngeren Wilhelm von Burgsdorff. Dies ging sogar soweit, dass der „Hausfreund“ von Burgsdorff bei den Humboldts in Jena einzog.</p>
<p>Die vier Jahre andauernde Liebesbeziehung zwischen Caroline und Wilhelm von Burgsdorff bietet kaum einen Hinweis auf Eifersüchteleien zwischen beiden Männern. Nur einmal ist in einem Bericht von Burgsdorffs der Hinweis zu finden, sich in Humboldts Gegenwart „steif und gehemmt“ gefühlt zu haben. Und der Ehemann? Dieser schwieg dazu, musste er sich doch an dem Postulat größtmöglicher Freiheit messen lassen, welches er selbst aufgestellt hatte. So versicherte er Caroline auch später noch, während ihrer großen Zuneigung zum Grafen Schlabrendorff: „Wenn du also nicht recht frei wärst mit mir, und wenn du entbehrtest, was du gern hättest, so störtest du mein ganzes inneres und äußeres Leben.“</p>
<div>
<p>Liebe war beiden mehr als ein wonniges Gefühl, sondern Voraussetzung zum Erkenntnisgewinn und Blick auf das Wesentliche. So schrieb Caroline über ihre Liebe zu von Burgdorffs, diese gebe ihr das Gefühl, „alles zu verstehen. Ich bin in mir frei und ruhig, der Genuß des Lebens ist mir errungene Kraft, Sinn für alles Menschliche und für alles Göttliche im Menschen. Der Punkt des innern Zusammenhalts bleibt ewig die Liebe.“</p>
<p>Der ehelichen Bindung taten diese Liebschaften keinen Abbruch. So schrieb Wilhelm an Caroline, die nach der Geburt ihres dritten Kindes matt und abgekämpft war, so dass er sie in der Obhut von Burgsdorff ließ, während er unterwegs war, um wichtige Familienangelegenheiten nach dem Tod seiner Mutter zu klären: „Unser Dasein ist so innig ineinander verschlungen … teures, einziges Wesen, möchtest du endlich nicht mehr duldend und leidend, möchtest du ganz und vollkommen glücklich sein.“ Es war ihm offensichtlich zweitrangig, ob er oder von Burgsdorff derjenige sei, der Caroline dieses Glück schenkte.</p>
<p>Es war von Burgsdorff, der die Beziehung zu Caroline schließlich beendete. Nach einem beglückenden vierwöchigen Aufenthalt auf dem Land, allein mit Caroline, stand ihm plötzlich der Sinn nach Abreise. Dagmar von Gersdorff deutet diese als Flucht. Offensichtlich wollte er mehr, gleichzeitig war ihm klar, dass das bei einer verheirateten Mutter mit drei Kindern aussichtsloses Hoffen war. Die Freiheit der Liebe war an ihre Grenzen gekommen, da sie für Burgsdorff jenseits des gegenseitigen „Elektrisierens“ keine weitergehende Perspektive bot. Er wollte nicht ewig Zweiter sein. Als Burgsdorff nach sechs Monaten zurück kam, war die Liebe Carolines erloschen, der „goldene Zauber“ vorbei.</p>
<p>Auch der Graf von Schlabrendorff schien der Humboldtschen Liebes- und Weltoffenheit nicht nur positive Seiten abzugewinnen. Glückliche Stunden mit Caroline wurden von umso schmerzlicheren Abschieden gefolgt: „Schlabrendorf stand still in sich gebohrt, bis wir ihn aus dem Gesicht verloren – sein liebes Gesicht bleibt mir gegenwärtig, ach in dem Augenblick wußte er, er verlor die, zu der er alles sagen durfte, aber er stand wie einer der längst, der immer gewohnt gewesen ist, zu entbehren, zu verlieren.“</p>
<p>Die Wirkung und Ausstrahlung Caroline von Humboldts muss eine ganz besondere gewesen sein. Mehrere Hauslehrer der Kinder mussten entlassen werden, da sie sich unsterblich in die Mutter verliebt hatten. Wo auch immer sie lebte, entwickelte sie sich zu einem wichtigen Treffpunkt des künstlerischen und intellektuellen Wirkens, dessen Förderung ihr ein ganz besonderes Anliegen war.</p>
<p>Bei all dem waren die Härten des Alltags zu bestehen. Acht Kinder hat Caroline geboren, die zu umsorgen und deren Erziehung zu organisieren war. Die Liebschaften und Bekanntschaften Carolines standen nie außerhalb dieses häuslichen Treibens, sondern wurden wie selbstverständlich darin integriert.</p>
<p>Drei ihrer Kinder musste Caroline zwischen 1803 und 1807 sterben sehen. Humboldt blieb auch in dieser unerträglichen Situation seinen Lebensmaximen treu und tröstete sich und Caroline mit den Worten: „Ich weiß wohl, dass unser Leben von jetzt an nicht mehr so glücklich sein kann. Aber Liebe, es kommt nicht eigentlich darauf an, glücklich zu leben, sondern sein Schicksal zu vollenden und alles Menschliche auf seine Weise zu erschöpfen.“</p>
<p>In der Hoffnung, ihre Trauer zu überwinden, ließ Caroline Wilhelm mit den zwei jüngsten Kindern in Rom zurück und reiste, bereits erneut schwanger, mit den zwei älteren Kindern zu dem Geliebten Schrabrendorf nach Paris – und war dennoch ganz mit dem Herzen bei ihrem Mann und den Kindern. So berichtete sie Wilhelm nach ihrer Ankunft in Paris: „Ich habe Paris mit einer Freude wieder gesehen, die ich dir kaum beschreiben kann und die vollkommen wäre, wenn du und die geliebten Kinder mir nicht fehlten.“ Wilhelm seinerseits wünschte ihr in aller Aufrichtigkeit: „der Umgang mit Schrabrendorff und die ganze mannigfaltige Welt um Dich werden Dich aufs neue beleben, und ich bitte und beschwöre Dich noch einmal, genieße es recht nach Lust und ohne Dich einzuschränken.“ Er wusste, dass Caroline diese Freiheit benötigte, „um ihr auf seltne Weise großes und liebendes Gemüt in aller Fülle und Empfindung zu entfalten“.</p>
<p>Gleichzeitig wusste Wilhelm, dass die Freiheit, die er Caroline immer wieder zugestand, sie diese auch anderen erlaubte, denn „sie ehrte mit gleicher Zartheit auch die Freiheit an Anderen“. Wilhelm selbst war nicht frei von Liebschaften, die Caroline frei von Eifersucht akzeptierte. So schrieb sie ihm auf seine gestandene Zuneigung gegenüber Johanna Motherby: „Was du mir von Madame Motherby sagst, hat mich sehr gefreut. Ach, jawohl, das einzig Tiefbewegende im Herzen sind doch Menschen, und es ist recht unmenschlich, wenn man sie nicht zu brauchen meint oder fühlt.“</p>
<p>Profitiert haben von dem konsequenten Bekenntnis zur Freiheit und Liebe vor allem die Humboldts selbst. Keine Affäre konnte ihre Ehe und ihr tiefes Bekenntnis zueinander ernsthaft gefährden. So schrieb Wilhelm an Caroline im Alter von etwa 50 Jahren: „Mir ist es immer gewesen, als gäbe es zwei ganz verschiedne Arten der Leidenschaft, eine heftige, mehr äußere …, und eine heiligere, innere –  sie hat der Jugend nichts zu beneiden und hüllt sich still in die scheinbare Ruhe der späteren Jahre.“ Caroline pflichtete ihm bei, er habe ihr „aus der Seele geschrieben“.</p>
<p><img class="alignright size-thumbnail wp-image-4719" title="17502" src="http://www.bzw-weiterdenken.de/wp-content/uploads/2012/02/175021-150x150.jpg" alt="" width="150" height="150" />Dabei zeigte sich, dass Freiheit alleine nicht ausreichend ist, sondern größtmögliche Freiheit auch größtmögliche Bindung benötigt, um sich Sinn und Glück stiftend zu entfalten. Caroline konnte sich so trotz damaliger Konventionen, die eine Frau auf ihre Rolle als Ehefrau beschränkten,  trotz Kindersorgen und –sterben, trotz immer wiederkehrender eigener schwerer Erkrankung große Freiräume und Schaffenskraft bewahren.</p>
<p>Das Seelenprojekt war erfolgreich. „Es ist ein Mensch fertig“, soll Caroline kurz vor ihrem Tod gesagt haben. Ich kann das Buch über Caroline von Humboldt nur von ganzem Herzen empfehlen.</p>
<p><em>Dagmar von Gersdorff: Caroline von Humboldt. Eine Biographie, Insel Verlag 2011, 22,90 Euro.</em></p>
</div>
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