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Neueste Kommentare

  • Ulrich Wilke sagt:

    Julia Gebert machts richtig: solange Leben ist, ist Hoffnung. Es gibt Vorbilder, die Karzinome zum Verschwinden gebracht haben, und zwar ohne Operation, Bestrahlung oder Chemotherapie. Noch besser gehts mit Freude und geeignetem Lebenswandel. Wenn ich zaubern könnte, wünschte ich der Tapferen Glück und Gesundung.

    Artikel: Gegen den Krebs kämpfen - warum der Ausdruck passt

  • Elfriede Harth sagt:

    Danke für diesen Hinweis. Ich bin sehr gespannt auf den Film. Und danke auch für Dein ausgezeichnetes Plädoyer für das Recht auf körperliche Selbstbestimmung von Schwangeren!

    Artikel: Niemals Selten Manchmal Immer

  • Jens sagt:

    @Jutta: Danke! Danke für diesen Beitrag. Du bist eine Frau, und Du darfst es sein. Genauso, wie ich ein Mann bin - es sein darf, es aber ohnehin nicht ändern kann. Ist halt so. Habe mir ja auch nicht aussuchen können, in welchem Jahrhundert ich leben will, oder ob ich als Mensch oder als Amöbe geboren werde. Es gibt eben ein paar Dinge im Leben, die man sich nicht aussuchen kann. Und es ist wohl am besten, wenn man akzeptiert, dass die Dinge so sind, wie sie sind. Du tust das, ich tue es auch. Wichtig ist doch viel mehr, dass weder Du als Frau gegenüber Männern noch ich als Mann ggü. Frauen benachteilgt werden. Eine Bevor- oder Benachteiligung darf es nur geben, wenn wir besser oder schlechter sind als andere, aber niemals aufgrund unseres Geschlechts (unserer Herkunft etc.). Darum lohnt es sich zu kämpfen!

    Artikel: Ich bin keine menstruierende Person.

  • Susanne Stier sagt:

    Dankeschön für diese wunderbaren Gedanken. Sie tun mir gerade in meiner Seele sehr gut. Sprechen sie doch auch soviel von Hoffnung.

    Artikel: Reflexionen über überlebens-notwendige Lebensveränderungen und Verzicht

  • Sandra Divina Laupper sagt:

    Ja, da Generationenverhältnis gibt mir auch immer wieder zu denken, speziell das Verhältnis zwischen Frauen verschiedener Generationen! Ich kann den Autorinnen Recht geben, was die Schwierigkeiten betrifft, wenn es um Konflikte geht, die ich (1967 geboren) zwischendurch mit Frauen auszusehen habe, die der 68er Generation (oder wenig jünger) angehören. Ich denke dabei an Frauen aus der Frauenbewegung, mit denen ich ja in Wirklichkeit eine gute Beziehung habe. Nur der Aspekt "Konflikt" ist immer wieder weniger befriedigend ausgefallen, zumindest für mich. Ich habe dabei das Gefühl, mein Gegenüber zu überfordern, weshalb ich im allgemeinen einlenke... Freilich, es ist auch immer wieder schwierig, die Frauen von vorangehenden Generationen in ihrer Erfahrungswelt zu verstehen. Im Moment lese ich z. B. den Beitrag von Lia Cigarini im Buch "La carta coperta" (Hrg. von Chiara Zamboni), in dem sie von ihren Erfahrungen mit den diversen politischen Praktiken der 70er und 80er Jahre (Selbsterfahrung, Praxis des Unbewussten... ) erzählt. Obwohl ich schon einiges Theoretisches (v. a. natürlich "Wie weibliche Freiheit entsteht" vom Frauenbuchladen von Mailand) dazu gelesen hatte, habe ich bei dieser persönlich gehaltenen Erzählung einiges mehr verstanden. Es war freilich höchste Zeit für solche Erzählungen (in diesem Sammelband gibt es mehrere davon, von verschiedenen Frauen)! Wer weiß, warum das nicht früher möglich war...

    Artikel: Kapitel 3: Das Generationenverhältnis: Verschiebungen und Tradierungsbrüche

  • Dirk Stabernack sagt:

    Geschlechterstereotype haben immer eine kategorisierende und wertende Funktion, im patriarchalen Kontext haben weibliche Stereotype eine abwertende, weil sie sich sofort von der männlichen in nur eine Richtung entfernen: in die, die die negative Konnotation mitliefert. Eine Frau wäre anderes, eine Frau wäre ein Objekt, eine Frau wäre so geboren. Und sie soll stolz darauf sein, das sie so ist. Sich für ihren zugewiesenen Platz bedanken. Im kostenlosen Hörspiel, Hörbuch Salammbo werden Geschlechterstereotype dargestellt und in eine Geschlechterdiskussion gebracht, indem eine Utopie einer antipatriarchalen Gesellschaft gezeichnet wird, die diese Artefakte verstärkt darstellt, auch Frauen, die sich nicht bewusst sind, dass sie Gefangene ihrer Rolle sind, wird bewusst gemacht, dass sie manipuliert werden. Ständig, seit ihrer Kindheit, als Teenager, im Erwachsenenalter, in ihrer Freizeit, im Job, in ihrer Peer-Group. In jeder Rolle, die sie in der Gesellschaft spielen. Brechen sie aus, bekommen sie eine Reaktion zu spüren. Diese sieht, je nach Kontext, drastisch aus.

    Artikel: Das innere Korsett: Rückständige Frauenbilder und wie sie heute noch Frauen die Luft abschnüren

  • Adelheid Ohlig sagt:

    Wie schön, ja, ich mochte den Film auch, er schwingt durch diesen Text wieder in mir, merci von Herzen Adelheid

    Artikel: Nachdenken über Arrival III (von III): Über den Lebenssinn und die Sterbebett-Theorie

  • Heike sagt:

    Danke für Eure verschiedenen Perspektiven und Kommentare, es ist ein Thema was viel berührt, bewegt, privat und auch politisch ist und jede Generation anscheinend neu verhandelt.

    Artikel: Mut zum Blut

  • ClaudiaBerlin sagt:

    Ich habe die Pille in den 70gern 3 Jahre genommen - und erst nach dem Absetzen bemerkt, dass "Kopfweh" nicht zwingend zum Leben gehört! Dass dem Körper vorgegaukelt wird, frau sei schwanger, ist ein so tiefer Eingriff... das war mir damals nicht wirklich klar. Dass ich z.B. kaum Lust auf Sex hatte, war auch eine Pillenwirkung - im Kontext "Schwangerschaft" aber nachvollziehbar. Ich finds gut, wenn junge Frauen pillenkritischer werden. Und auch, dass es nicht alle toll finden, gar keinen Zyklus mehr zu haben. Dass mit Pille nur ein "Fake-Zyklus" erzeugt wurde, war mir damals auch nicht klar. Gleichzeitig finde ich den neuen "Kult ums Bluten" nicht besonders ansprechend. Mir ist das zuviel Bohei um körperliche Vorgänge. Die einen machen Körperoptimierungen, Identitätsfestigungen per Tattoos, Sporteln bis zum Schönheitsideal - die anderen vertiefen sich ins selbst bestimmte Bluten - mir kommt das alles vor wie eine Kompensation der gefühlten äußeren Machtlosigkeit auf politischer und wirtschaftlicher Ebene.

    Artikel: Mut zum Blut

  • Adelheid Ohlig sagt:

    Ja, auch ich erfahre in meinen Luna Yoga Kursen die Neugier der jungen Frauen, was alles körperlich selbst zu bestimmen ist. Mit Luna Yoga lässt sich nämlich dank ausgleichender Übungen der Zyklus in seiner natürlichen Weise erfahren. Durch die Stärkung der Beckenmuskulatur kann mit der Menstruation ebenso verfahren werden wie mit den anderen Ausscheidungen: so wie frau spürt, wann sie zur Toilette muss, können wir lernen, wann wir das Blut entlassen. In einigen Kulturen in Afrika und in Asien lernen Mädchen dies von Müttern oder Tanten.Im Luna Yoga geben wir dieses Körperwissen weiter. Eine wunderbare Erfahrung!

    Artikel: Mut zum Blut

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Rava (du) schrieb(st) die Tage: „ .. lass die Ohnmacht doch einfach da sein, du musst im Hier und Jetzt gar nicht handlungsfähig sein, DU DARFST ohnmächtig sein, lass dich ohnmächtig SEIN.“ DAS ist dann genau die Ohnmacht, die alle Lebenskraft in sich birgt und in Dankbarkeit zu ganz eigener Handlungs- d.h. für mich auch Bewegungsfähigkeit ermächtigt. - Ich möchte mit meinem kleinen Kommentar den Blick bzgl. Ravas Erfahrung erweitern und von mir erzählen: diese „Ohnmacht“ habe ich z.B., die ich in fortschreitend, chronischer Krankheit(MS) lebe, zunehmend und seit Jahren als Kraftquelle freigelegt. Will euch nur sagen: diese Lebens“macht „ lässt sich überall finden... (-und wohl auch ohne Gewalterfahrung oder Krankheit)

    Artikel: Sexuelle Gewalt: Wi(e)der das Schweigen. Wider die Diktatur der Heilung

  • Brigitte Leyh sagt:

    Sehr interessante Gedanken. Trotzdem: Die Pille bedeutete für mich jahrzehntelang, frei von Angst vor Schwangerschaft zu sein. Ich hatte nie Probleme damit und hätte sie liebend gerne ohne Pause durchgenommen, wenn ich gewusst hätte, dass das Pausieren unnötig war.

    Artikel: Mut zum Blut

  • Rava Katz sagt:

    Liebe Frauen, liebe An, Brigitte, Regine, Mieke, Mechthild, Judith Danke für eure Rückmeldungen. Es macht mich sehr froh, dass ich mich mit-teilen konnte, dass meine Erfahrungen und Gedanken teil-bar sind. Bin erstmal so ein bisschen sprachlos, - vor Freude - aber 'es spinnt' weiter in mir. Ich würde diesen Raum gerne offen halten, erweitern .... habe da so 'analoge' Visionen ... so etwas wie einen Kongress … Liebe Judith, Was du schreibst, berührt mich. Ich, und ich denke wir alle, die wir sexuelle Gewalt erfahren haben, kennen diese überflutenden Gefühle. Und klar hilft es, sie in der Vergangenheit zu verorten. Aber trotz allem wollen sie ja erinnert und 'verarbeitet' werden, und mit dieser Flut von Gefühlen kommt dann auch sozusagen die doppelte Ohnmacht. Die Ohnmacht aus der Vergangenheit und die Ohnmacht der Gegenwart, weil die Gefühle so überflutend da sind, und eine sich dann auch in dem Moment der Erinnerung, der ja aber in der Gegenwart liegt, so handlungsunfähig fühlt. Ich kenne dieses Bedürfnis, dagegen anzukämpfen, irgendetwas zu tun, um handlungsfähig zu bleiben, oder irgendetwas zu tun, um diese Gefühle, die mich so handlungsunfähig machen, wieder zu verdrängen, weil ich sie nur stückchenweise erinnern und verdauen kann. Irgendwann kam dieser Moment, so etwas wie eine Kehrtwende, da war so etwas wie eine innere Stimme, die gesagt hat : lass die Ohnmacht doch einfach da sein, du musst im Hier und Jetzt gar nicht handlungsfähig sein, DU DARFST ohnmächtig sein, lass dich ohnmächtig SEIN. Und das war so erleichternd! So wie du das auch beschreibst, ein zärtliches und zugleich stärkendes Gefühl für mich selbst. Ich freu mich sehr, dass das bei dir angekommen ist! Rava

    Artikel: Sexuelle Gewalt: Wi(e)der das Schweigen. Wider die Diktatur der Heilung

  • Rava Katz sagt:

    Ich denke schon, dass es Verhaltensweisen von Menschen gibt, wo es wichtig ist, dass eine sich ganz klar positioniert. Dass wir als Frauen unserem Bedürfnis, der Intension und Intuition nach einer ich nenne es mal 'weiblichen Ordnung' nachgeben und nachgehen. Kommunikation und Kompromissbereitschaft sind sicherlich auch wichtige ( weibliche) Qualitäten, aber genauso wichtig finde ich es in bestimmten Situtionen Stellung zu beziehen, kompromisslos zu sein, Grenzen zu ziehen. Aber, da gebe ich Juliane Blumberg recht, das geht nicht durch Verachtung. Andererseits das Wort : 'Kritik' , und die Haltung die damit signalisiert wird, finde ich für bestimmte Situationen nicht klar genug. Ich würde an dieser Stelle den Begriff : "MISS-ACHTUNG" vorschlagen. Weil ich finde der macht es möglich, mich klar von einem bestimmten Verhalten eines Menschen abzugrenzen ohne die Achtung von ihm als Menschen zu verlieren. Und das was Antje Schrupp schreibt, dass sie es wichtig findet, die 'Verachtung" auch zuzulassen, dass diese instinktiv ( einer weiblichen Ordnung entspingt) und unter Umständen überlebenswichtig ist, das denke ich auch. Aber ich würde das lieber den "heiligen Zorn" nennen, dieses instinktive Wissen, wann es - um das Leben, das Lebendige zu erhalten, not-wendig ist sich abzugrenzen, im Zweifesfall auch zu 'zerstören', oder gar zu' töten', und das meine ich jetzt eher im übertragenen Sinne. Ich glaube das haben wir Frauen verlernt. Uns fehlt das Vorbild der zornigen Göttin, die auch zerstörerische Kräfte besitzt, nicht gegen, sondern aus Achtung vor dem Leben. Von Ute Schiran habe ich mal den Satz gehört : Die Frauen müssen wieder lernen zu töten, damit das Morden endlich aufhört. Aber das ist sehr dünnes Eis!! Also insgesamt ein Terrain, das nur mit sehr viel Sorgfalt, Achtung und Achtsamkeit betreten werden sollte! Ich finde den Ausdruck "heiliger Zorn" geeigneter, weil er ent-personifiziert ist, sich also nicht gegen eine Person richtet, sondern gegen ein bestimmtes Verhalten, z.B. die Anwendung von Rücksichtslosigkeit, von Macht und Gewalt usw.

    Artikel: Vom rationalen Umgang mit unzivilisierten Gefühlen

  • Judith sagt:

    mir gefällt die auseinandersetzung von dir mit diesem thema auch sehr! aber ich merke auch, wie es mich ängstigt, auch weil bei mir diese ängste aus einer zeit her rühren, die ich nicht wirklich abrufen kann, da möglicherweise und wahrscheinlicherweise sie ein sehr frühes stadium meines lebens betreffen. und ich tappe da immer noch im dunklen von: war da was?, wahrscheinlich schon!, fühlt sich so an!, aber auch eine verdrängung dieser überflutenden gefühlen, die ich so gerade nicht zulassen möchte, weil ich mich dann nicht selber auffangen kann, eben eine enorme ohnmacht spürbar wird, die mich bedrückend ängstigt. all die jahre habe ich mir immer gewünscht auf menschen zu treffen, die nicht gleich mit vorgefertigtem daherkommen, wie man zu fühlen und zu denken hätte, und einen neuen druck in mir ausgelösen, so ähnlich wie du es beschreibst mit der heilung. so hat ein heilungsprozeß auszusehen, sonst ist er keiner, sonst macht man wieder etwas falsch, und nicht richtig, bemüht sich zu wenig und und und... im moment denke ich mir das diese heilung wahrscheinlich so individuell ist wie unsere leben. ich habe mir immer eine ehrliche auseinandersetzung gewünscht, auch mit anderen frauen, wo auch dieser bereich eben nicht von konkurrenz geprägt ist, und jede das benennen kann wo sie gerade steht, und was ist, ohne relation zu irgend etwas, und ohne gleich eine bewertung aufgebrezelt zu bekommen. ich muß sagen ich bin ein bisschen müde geworden dabei... aber wenn ich solche beiträge lese, dann macht mir das schon auch mut, und ich spüre auch ein bisschen eine zärtlichkeit bei der auseinandersetzung mit diesem thema für mich selber, und ich spüre wie es zu mir dringt, und mit mut macht ganz behutsam und zärtlich mit mir zu sein in diesem heilungsprozeß, in diesem leben. also dein text hat in mir ein zärtliches gefühl im umgang mit mir selber ausgelöst, transportiert und dafür wollte ich mich bedanken!

    Artikel: Sexuelle Gewalt: Wi(e)der das Schweigen. Wider die Diktatur der Heilung

  • Mechthild Auf dem Berge sagt:

    Vielen Dank für diesen berührenden Text, Rava! Deine Erfahrungen kann ich total nachempfinden und merke, dass auch ich dieses "Nichtteilenwollen" meiner Erlebnisse durch andere Frauen nur zu gut kenne. Auch ich fühle mich fremd im "gültigen System". Das Schwierigste war es lange Zeit für mich, meine "Schwester Einsamkeit" als ständige Wegbegleiterin zu akzeptieren. Es gelingt mir allerdings immer besser! Deine Beschreibung des "Ohne-Macht-Seins" als weiten weiblicher Raum, als Teil des menschlichen Daseins, finde ich schön. Auch wie du beschreibst, dass genau in diesem Raum Verbundenheit und Geborgenheit auffängt und trägt. Ganz großartig und zukunftsweisend finde ich folgende Sichtweise, die du aus deinen Erfahrungen extrahierst: "Für mich sind die Frauen, die sexuelle Gewalt erlebt haben, Botschafterinnen, Wegbereiterinnen, ‚Lehrerinnen‘, die den Weg aus der Gewalt kennen, weil sie bereits Räume kennen, die außerhalb des Systems liegen. Räume voller Möglichkeiten, größer und weiter als die, die innerhalb des Systems vorstellbar sind." Diese prophetischen Funktionen werden von betoffenen Frauen wahrscheinlich aus einem inneren Drang heraus wahrgenommen. Denn nur Schweigen geht ja einfach gar nicht mehr mit all dem Erlebten, oder? Für mich jedenfalls nicht! Jedesmal, wenn ich versuchsweise bei geeigneten Anlässen meine eigenen Gewalt-/Missbrauchserlebnisse oder ähnliche heikle Themen aufgreife, gibt es unterschiedliche Reaktionen: Manchmal gibt es plötzlich Totenstille und offene Ablehnung, manchmal in unterschiedlichem Umfang Nachfragen, manchmal sogar ein Danke. Ich jedenfalls will NICHT schweigen, wenn ich von den schrecklichen Dimensionen aktueller Sexueller Gewalt gegen Kinder vom Säuglingsalter an lese oder höre. Und wenn ich von den belastenden Ermittlungen der Polizeibeamt*innen zur Befreiung dieser Kinder erfahre. Oder wenn ich von Frauen in der Prostitution erfahre, die durch frühen erlebten sexuellen Missbrauch nichts anderes gelernt haben, als dass ihr Körper für andere zur Benutzung da ist. Oder wenn ich von Manipulation und Einschüchterung in hierarchischen Verhältnissen beispielsweise in medizinischen Behandlungen höre, die zu sexuellen Übergrifen führen. Es kann gut sein, Rava, dass die Ablehnung anderer Frauen darauf beruht, wie du es herleitest, dass sie nicht an ihre eigene "Ohnmacht" erinnert werden wollen. Bislang hatte ich vermutet, es könne fehlende Sprachfähigkeit zu Sexuellen Themen sein, vielleicht weil diese als Tabu empfunden werden. Deine Vermutung finde ich noch schlüssiger, weil tiefgehender und umfassender. Ich bin froh über deinen Artikel. Er zeigt mir, ich bin gar so nicht allein mit meinen Empfindungen und Themen und mit meinem drängenden Begehren, an den frauen- und kinderfeindlichen Zuständen etwas zu ändern!

    Artikel: Sexuelle Gewalt: Wi(e)der das Schweigen. Wider die Diktatur der Heilung

  • Mieke Hartmann sagt:

    Danke für diesen Text. Ich bin auch als Kind vergewaltigt worden. Jetzt bin ich 50, bald 51. In den letzten Monaten, in denen ich mich auch mit all den Schwankungen der Wechseljahre auseinandersetze, schält sich mir mehr und mehr heraus, in welchen Zusammenhängen ich mich wohl fühle, und in welchen nicht. Und ich stelle zu meinem Leidwesen fest, dass die Orte und Zusammenhänge, in denen ich mich nicht wohl fühle, in der großen Mehrheit sind. All mein Leben habe ich versucht mich anzupassen. Warum? Um mich in Sicherheit zu fühlen. Aber das hat natürlich nie geklappt. Nach und nach habe ich all diese Räume verlassen, Familie, Arbeitsstellen, politische Gruppen... Jetzt fühle ich starke Einsamkeit und Unsicherheit, die mich sehr ängstigen, denn es sind noch keine Strukturen an die Stelle der alten getreten. Aber ich weiß jetzt besser wonach ich suchen muss, und ich bin zuversichtlich, dass ich die Orte und Zusammenhänge, in denen ich mich wohl fühle, finden kann. Ich denke, dass ich diese Strukturen auch selber schaffen kann, und auch mit Menschen, die mir schon nahestehen. Es fällt mir nur schwer, diese "guten" Strukturen zu beschreiben. Der Begriff Ohnmacht war mir bisher nicht so in den Sinn gekommen, aber er trifft auf gute Resonanz in mir. Vielen Dank dafür. Und auch: immer wieder habe ich Zweifel und falle wieder in das Denken zurück, dass ich mich anpassen muss, dass ich falsch bin und "richtig" werden muss - Heile werden muss. Dieser Text hilft mir, meinen Weg weiterzugehen, indem er mir Zuversicht gibt, andere unterwegs treffen zu können, denn alleine werde ich ihn nicht lange gehen können.

    Artikel: Sexuelle Gewalt: Wi(e)der das Schweigen. Wider die Diktatur der Heilung

  • Regina Hunschock sagt:

    Danke, genau da gehts lang. Das pathologische System, die kranken Herrschafts- und Macht-über-Systeme benennen. Den 8.3.2021 nicht zu einem Forderungskatalog machen, was Frauen noch brauchen, wollen, können..., Klin(i) kenputzen, sondern anprangern, was wirklich der Heilung bedarf. Dorothea Walter schreibt in ihrem Buch über die Ankunft der Zärtlichkeit, „dass in Wahrheit mit der Schändung an Frauen das heilige sakrale Zentrum der Menschheit geschändet wird". Und die Frauen der Syrischen Revolution, die Frauenarmee der Rose, die sich selbst verteidigt im Krieg, weil es sonst niemand tut, weiten den Begriff der Selbstverteidigung der Frau auf alle Bereiche aus. Ökologie, Ökonomie und gründen eine Soziologie der Frau. Ich kann da mal etwas zu schreiben.

    Artikel: Sexuelle Gewalt: Wi(e)der das Schweigen. Wider die Diktatur der Heilung

  • Brigitte Leyh sagt:

    Mich macht der großartige Text sehr betroffen. Seit immer mehr Frauen "zugeben" (!), dass sie mißbraucht und/oder vergewaltigt worden sind (wozu MeToo meiner Meinung nach einen Beitrag geleistet hat), steigt die politische Brisanz. Wie oft habe ich gehört "Kennst du vielleicht eine Frau, die vergewaltigt worden ist?" und ich habe nicht ehrlich geantwortet und auf weit Entfernte verwiesen, um der Pathologisierung zu entkommen. Ihre Zeilen, Frau Katz, haben mich überzeugt, wie wichtig es ist, dass wir Frauen dieses Spiel nicht mehr mitmachen: Ich wurde vergewaltigt und werde in Zukunft dazu stehen! Sie sind nicht allein.

    Artikel: Sexuelle Gewalt: Wi(e)der das Schweigen. Wider die Diktatur der Heilung

  • an sagt:

    Das spricht mir aus der Seele. Vielen Dank für den Text

    Artikel: Sexuelle Gewalt: Wi(e)der das Schweigen. Wider die Diktatur der Heilung

  • Ute Plass sagt:

    Mir leuchtet weiterhin das ein, was der israelische Historiker Moshe Zuckermann u.a. zur 'Banalität des Bösen' schreibt: "Man braucht keine großen Hasser und blutrünstigen Mörder, man muß die perfekt arbeitenden Bürokraten haben, die dann beschließen, hunderttausend in diesem Zug und die nächsten hunderttausend mit jenem Zug zu deportieren."

    Artikel: Vom rationalen Umgang mit unzivilisierten Gefühlen

  • Anja sagt:

    Liebe @Ute, ja, genau. Selbsterkenntnis um unbewusste Projektion zu vermeiden oder wenigstens sich davon (im Nachhinein wieder) distanzieren zu können, falls es passiert. Genau darum geht es mir. Damit sich keine Feindbilder verfestigen. Und @Antje, den Satz von dir finde ich auch sehr zutreffend: ***Eichmann hatte sich gerade NICHT zwischen Denken und Fühlen aufgespalten, denn der DACHTE sich die Legitimiät des Bösen zurecht und FÜHLTE dann auch genauso.*** Wenn wir das nämlich zur Kenntnis nehmen, dass diese Leute genau so fühlen, wie sie reden und denken, dann gelingt es uns besser, die Gefahr, die von ihnen ausgeht, ernst zu nehmen und über diese Gefahr vernünftig nachzudenken, anstatt unsere Zeit damit zu verschwenden, nach Gründen zu suchen, die z.B. psychologisierend oder pathologisierend "erklären", warum die das "nicht so gemeint haben" oder was für "Hilfe" die brauchen oder irgendwelche anderen Gedanken, die v.a. die Funktion haben, uns zu beruhigen, zu entängstigen, moralisch zu überhöhen oder sonstwie zu entlasten. Um @Antje zu kolportieren: Vielleicht kann es uns - im Gegensatz zu Eichmann - gelingen, die *Legitimität des Bösen zu FÜHLEN*, damit wir besser und sachgerechter über das Böse NACHDENKEN können?! Und @Ute, wenn ich meine eigenen Schatten und Abgründe realistisch kenne, bin ich wohl auch realistischer in der Einschätzung anderer, die diese Abgründe gerade (aus)leben.

    Artikel: Vom rationalen Umgang mit unzivilisierten Gefühlen

  • Antje Schrupp sagt:

    @Ute - Arendt bescheinigt Eichmann nicht ein Unvermögen im Selberdenken, sondern ein Unvermögen, sich in das Schicksal anderer hineinzuversetzen. Ich glaube nicht, dass Arendt die Banalität in staatlichen Machtstrukturen und Institutionen sah, sie hielt Regierungen und Institutionen im Gegenteil für wichtig. Die Banalität bestand darin, dass Menschen wie Eichmann schulterzuckend bekundeten, dass sie sich für das von ihnen selbst mitverursachte Leid anderer Menschen weder interessierten noch zuständig fühlten, und über ihre eigene Rolle dabei weder groß nachdachten noch irgendwie ein Problem darin sahen, Befehle auszuführen, die für alle wissbar darin bestanden, Menschen zu ermorden. Eichmann hatte sich gerade NICHT zwischen Denken und Fühlen aufgespalten, denn der DACHTE sich die Legitimiät des Bösen zurecht und FÜHLTE dann auch genauso.

    Artikel: Vom rationalen Umgang mit unzivilisierten Gefühlen

  • Ute Plass sagt:

    @Anja –“Ich weiß auch nicht, ob ich damit aufhören SOLLTE, denn wie gesagt, laut Hannah Arendt ist die Banalität des Bösen durchaus ansteckend, wenn man sich zu lange in seine Gesellschaft begibt.” “Die Banalität des Bösen” verstehe ich nicht nur als das ‘personifizierte, individuelle Böse’ , sondern gesellschaftliche (Macht)Strukturen, Institutionen, Wirtschaft, Kultur, Familie......die Angepasstheit, Gehorsam, Denkverbote .... einfordern. Gerade die Erfahrungen eines Nazi-Regimes zeigen, was dazu führen kann zu MittäterInnen/ MitläuferInnen zu werden. Das beschreibt H.Arendt ja eindrücklich in ‘Eichmann in Jerusalem’, den sie als ‘normalen Menschen’ bezeichnet, dem sie allerdings so etwas wie Unvermögen im Selberdenken attestiert. Dieses Unvermögen dürfte sehr viel damit zu tun haben, dass sich Menschen, wie Eichmann, in ihrem Denken und Fühlen aufgespaltet haben. Nun, ein weites Feld, welches Persönlichkeiten wie Fromm, Adorno, Marcuse .... mit beackert haben. Verstehe ich dein Anliegen auch dahin gehend, dass du anregen und ermutigen willst, dem Eigenen (auch bösen) auf den Grund zu gehen, und das dazu die Beachtung ‘aller’ Emotionen, gehört, da diese ‘Selbsterkenntnis’ lehren? D.h. Gefühle gehören dann auch be-dacht, sprich reflektiert, um sie nicht ‘auf andere’ zu projizieren. Ist natürlich nichts Neues (Freud lässt grüßen), aber gut sich immer wieder darauf zu besinnen. Was die Angst vor ‘böser-Menschen-Ansteckung’ betrifft, diese hat ja durch Corona derzeit Hochkonjunktur. So wünsche ich mir sehr, dass dieser Angst, und den vielleicht noch nicht sichtbaren Gründen, nachgespürt wird.

    Artikel: Vom rationalen Umgang mit unzivilisierten Gefühlen

  • Anja sagt:

    Danke, Susanne! Ja, so sehe ich es auch. Gefühle, die nun mal da sind, nicht rationalisierend "wegzumachen" (und an ihre Stelle Pflichten, Tugenden oder andere starre Handlungsschemata zu setzen), kann etwas verändern, das insgesamt dann wieder gut und nützlich sein wird. Zum Beispiel kann ich mir vorstellen, dass wenn ich es vollkommen zulasse, zu fühlen, was Verachtung mit mir macht, dann komme ich ganz tief am Grunde dieses erschreckenden Gefühles auf die Erkenntnis, dass auch ich voller Hass und Rachegedanken bin und dass ich selbst es bin, die auch den anderen (weil er so "völlig falsch" ist) existentiell bedrohen und "wegmachen/vernichten" will. Und DARAUS könnte dann vielleicht wieder das (echte) Mitgefühl erwachsen ("Feindesliebe"), ohne das ein Dialog ja tatsächlich nicht möglich ist. Da hat Antje schon Recht mit ihrer ursprünglichen Bemerkung, dass wenn ich nicht mehr glaube, dass der andere irgendwie Recht haben *könnte* (und sei es nur sein Recht auf eine eigene Meinung!), gibt es keine Beziehung, keine Hinwendung, keinen Dialog.

    Artikel: Vom rationalen Umgang mit unzivilisierten Gefühlen

  • Susann Tracht sagt:

    Hallo Anja Boltin. Schon im Rahmen der metoo- Debatte ging es um das Anerkennen und Aussprechen empfundener Gefühle. Und ja, ich denk_fühle, dass das Zulassen von Gefühlen und aus ihnen heraus zu handeln, ganz neue Wege – individuell und gesellschaftlich - eröffnet. Wo und wie geben wir eigenen und fremden Gefühlen Raum? Geben wir ihnen den Raum, um daraus etwas entstehen zu lassen? Ich denk_fühle, das es insb. für „zivilisierte Menschen“ eine bedeutsame Erfahrung ist, sich dem Gefühl der Verachtung hinzugeben. Die Verachtung „einfach“ zulassen – und ja, das einfach ist bewusst in Anführungsstriche gesetzt- und schauen was daraus erwächst. Ein Gefühl, ein unangenehmes Gefühl, zuzulassen ohne etwas dagegen zu tun, ohne es abändern zu wollen, ohne einzugreifen, ohne zu bewerten. Die Verachtung aufsteigen lassen, fühlen wie sich Verachtung anfühlt. Was ist da noch? Und dabei auch nicht gleich in Lösungen und Erklärungen, Rationalisierungen aller Art zu flüchten. Und ich kann mir vorstellen, dass dieser Weg über das Gefühl der Verachtung brückenbauend wirken kann, hin zu echter Begegnung und damit Austausch mit „dem_der Verachteten“, da auch diese in ihrem Gefühl berührt werden. Und dies denke ich, da Verachtung wie du beschreibst einer existenziellen Erfahrungen entspringt. Gerade diese Erfahrungen werden als Körpererinnerungen im Körper verarbeitet und gespeichert. Dabei ist es egal, ob diese erinnerbar ist oder nicht. (So kommt es auch dazu, dass sich Menschen an sehr frühe Kindheitserlebnisse erinnern. Erlebnisse aus einer Zeit in der das Gehirn entwicklungsbedingt dazu nicht in der Lage ist.) Und genau diese Körpererinnerungseben braucht das Fühlen, da die kognitiv- rationale Ebene diese nicht erreicht. „Die Wissenschaft“ übrigens kennt keine Körpererinnerungen. (Ledoux, Joseph: Das Netz der Gefühle) ;). Liebe Grüße, Susann

    Artikel: Vom rationalen Umgang mit unzivilisierten Gefühlen

  • Anja sagt:

    Man kann das noch weiterdenken, was den Einfluß Natur/Kultur betrifft, wie ich es oben ja schon angedeutet habe: ***Und ich meine halt “du sollst nicht verachten” ist so ein tief verwurzeltes christiches Gebot, das – zugespitzt formuliert – nicht im Einklang mit unserer Natur steht. Es ist/war eine kulturelle Leistung damals und es hat Vor- und Nachteile. Und ich meine, es lohnt – gerade jetzt und heute und unter den gegebenen Umständen – über diese Nachteile nachzudenken.*** Es liegt in unserer Natur, dass wir etwas, das uns existentiell bedroht (oder zu bedrohen scheint) "wegmachen /weghaben/vernichten" wollen. Und reflexhaft tun wir das ja dann auch. Heute eben meist nicht mehr durch reale Vernichtung, Kriegsführung oder ähnliches, sondern "nur" durch Entwertung, Entsolidarisierung oder Maßnahmen der Marginalisierung und eben auch mittels Verachtung (Entzug von Achtung) ... in der Hoffnung, dass sich die Gefahr so verkleinert. Das äußert sich dann z.B. politisch in einem als absolut gesetzten Nichtzusammenarbeitsbeschluß gegenüber der AfD. Man hält das auch für richtig und notwendig und doch spürt man die "offene Flanke", die darin besteht, dass einem das vom Gegner als "undemokratisch", "diktatorisch", gar "rechtswidrig" um die Ohren gehauen wird. Und das geschieht ja auch. Und verhärtet die Fronten. Wenn wir nun unsere tiefen, instinktiven Gefühle als wertvolle Informationshilfe nutzen, und die/unsere Not der existentiellen Gefährdung mit ins Gespräch bringen können ... das wäre schon eine Hoffnung oder einen Versuch wert. Aber eben begründet ("wir verachten euch und müssen euch unsere "normale" Achtung, unseren Respekt entziehen, weil wir wahrnehmen, dass ihr unsere Existenzgrundlagen bedroht) und nicht als bloßen, hilflosen, emotionsgesteuerten Abwehrreflex ("ihr seid doof und kein Gespräch wert, weil ihr doof seid!", ganz platt gesagt).

    Artikel: Vom rationalen Umgang mit unzivilisierten Gefühlen

  • Anja sagt:

    Für mich ist es so: Wer "zivilisierte Kritik" oder "begründete Kritik" sagt, bleibt in dem Modus der rationalisierenden Distanziertheit, die ich zwar wirklich gut verstehen, aber menschlich nicht immer gutheißen kann. Wenn man (nur) von Kritik spricht, dann will man etwas versachlichen, bleibt im ("wohltemperierten") Diskursraum, den man jederzeit mit einem "ist ja nur Diskurs", "wir tauschen ja hier nur Meinungen aus" wieder verlassen kann (was durchaus seinen Reiz hat). Wenn man "Verachtung" sagt, dann bringt man sich selbst als fühlendes Wesen mit ins Gespräch und das macht natürlich angreifbarer. Deshalb schrieb ich, bei der Diskussion müssen wir die zumutbare Selbstgefährdung und die berechtigten Schutzbedürfnisse mitdenken. Es hat gute Gründe, warum wir in Konflikten gern auf die reine Diskursebene ausweichen. Und uns notfalls so problemlos gesichtswahrend zurückziehen können. Aber meine These ist, dass diese Strategie, die ja sonst sehr weit führt, an ihre Grenzen stößt, wenn das Gegenüber so geartet ist, dass sein Denken und Handeln an meine eigene Substanz geht (die Grundlagen der Demokratie) und es offensichtlich an dem Ast sägt, auf dem ich (oder wir alle!?) sitze.

    Artikel: Vom rationalen Umgang mit unzivilisierten Gefühlen

  • Liss sagt:

    @ Antje... bin stets etwas "ganzheitlich" unterwegs es spiegelt sich mE die allseits gegenwärtige kollektive Verachtung im alltäglichen Schubladendenken

    Artikel: Vom rationalen Umgang mit unzivilisierten Gefühlen

  • Antje Schrupp sagt:

    @Liss - das ist ein interessanter Artikel, aber er hat mit dem Thema dieses Posts hier nichts mehr zu tun. Dies nur als Hinweis, normalerweise schalten wir Kommentare, die nicht beim Thema bleiben, nicht frei...

    Artikel: Vom rationalen Umgang mit unzivilisierten Gefühlen

  • Liss sagt:

    ff und das war doch vorhersehbar, oder nicht? : https://www.zeit.de/kultur/2020-09/care-arbeit-migration-frauen-jobs-gefluechtete-deutschland --- die andere Seite: meine "weisse, biodeutsche" Tochter, Tochter einer kinderreichen Familie, die allerdings nie arm war, aber dafür ohne Vitamin B (im ausgeprägten Klassismus dieses Landes) arbeitet nach Studienabschluß in einem besch. Schichtjob für Mindestlohn, absolut unterste Stufe der Hierarchie, ohne Perspektive, ausbeutend und krankmachend. Fachkräfte gesucht? Freie Stellen?

    Artikel: Vom rationalen Umgang mit unzivilisierten Gefühlen

  • Anja sagt:

    Und ich gebe noch zu bedenken, dass es eine Form von Respekt sein könnte, (auch!) Verachtung ehrlich und in Beziehung bleibend mitzuteilen. Es gibt kaum etwas, das mich in meinem Leben mehr verletzt hat als (für mich spürbare) falsche, aufgesetzte, bemühte Freundlichkeit ohne echtes Interesse. Sicher gut gemeint, aber nie gut angekommen.

    Artikel: Vom rationalen Umgang mit unzivilisierten Gefühlen

  • Anja sagt:

    Liebe Antje, vielen Dank!!! genau darum geht es mir. Ich bin froh, dass du das so klar aussprichst. @Ute Ich meine, das Empfinden kann - rein hirnphysiologisch - dem Denken niemals vorausgehen. Zumindest nicht das Instinktive, das ich hier meine. Diese unwillkürliche Ablehnung, der wie Ekel ganz spontan ist und aus der eigenen Tiefe, der eigenen "wesensmäßigen Substanz" kommt. Natürlich können wir anfangen, über etwas nachzudenken und infolgedessen wird es wieder neue Empfindungen bzw. Gefühle geben und die erlauben uns dann zum Beispiel mitfühlend, verständnisvoll oder eben such strategisch auf das Gegenüber zu reagieren. Ich glaube, wir machen das sowieso ständig, aber wir machen es uns nicht bewusst und viele Kommunikationsprobleme haben ihren Ursprung genau dort. Es wird uns wahrscheinlich v.a. dann nicht bewusst, wenn es unserem Selbstbild (bzw. unserem Gewissen) widerspricht. Und ich meine halt "du sollst nicht verachten" ist so ein zief verwurzeltes christiches Gebot, das - zugespitzt formuliert - nicht im Rinklang mit unserer Natur steht. Es ist/war eine kulturelle Leistung damals und es hat Vor- und Nachteile. Und ich meine, es lohnt - gerade jetzt und heute und unter den gegebenen Umständen - über diese Nachteile nachzudenken. In dem Zusammenhang zum Beispiel auch darüber, warum bestimmte christliche Milieus den Rechten und Konservativen - ihrer Kommunikationskultur und Denkweise - so ähnlich und anverwandt sind. Beispiel ist schwierig. Ich selbst habe bis zur völligen Erschöpfung darunter gelitten, immer wieder darüber *nachzudenken* bzw. mich innerlich auf "meiner Seite" damit zu beschäftigen, warum ein Gegenüber nicht erreichbar bzw. kontaktfähig oder dialogbereit ist. Für mich war es irgendwann eine Art "Überlebensnotwendigkeit" anzunehmen, dass der andere "falsch" ist, dass ich ein Recht darauf habe, ihm meine Achtung zu entziehen, wenn alle Kommunikationversuche, die mir denkbar und möglich sind, scheitern. Und das geht genau in die Richtung, die Antje beschreibt: "Auch mansplainende Männer ohne jedes Sensorium für ihre Umgebung oder die Frauen darin. Oder arrogante Wirtschaftsbonzen, die vor lauter Geld platzen, aber finden, dass ihnen das zusteht. Diese Verachtung ist tatsächlich ein unmittelbares Gefühl, und ich bin mir nicht sicher, ob es eine Verpflichtung für mich gibt, jeden dieser Menschen für voll nehmen zu müssen. Normalerweise meide ich die Beziehung zu diesen Menschen (Hannah Arndt gab uns den Ratschlag, Beziehungen mit dem Bösen zu verweigern), aber das ist natürlich nicht immer möglich. Eventuell ist es auch politisch nciht mehr möglich, wenn im Gefolge von Trump und Consorten solche Menschen massenhaft in Ämter und Entscheidungspositionen kommen. Das heißt, ich muss mich mit ihnen auseinandersetzen, ich muss ihnen begegnen, aber ehrlich, ich weiß nicht, wie ich aufhören könnte, sie (Menschen mit einer bestimmten toxischen Vermishchung aus Boshaftigkeit, Egoismus und Dummheit) zu verachten. Ich weiß auch nicht, ob ich damit aufhören SOLLTE, denn wie gesagt, laut Hannah Arendt ist die Banalität des Bösen durchaus ansteckend, wenn man sich zu lange in seine Gesellschaft begibt." Ich würde mit euch gern genau diese Frage nach der Verpflichtung, nach dem "Anteilhaben am Bösen" ausloten, wenn man nicht aufsteht und ehrlich benennt, dass der/die andere eine Grenze der Zivilisiertheit überschreitet. Egal ob im Kleinen oder im großen, politischen Rahmen. Und ich meine, diese Diskussion beinhaltet einen Austausch über das Maß zumutbarer Selbstgefährdung und um berechtigte Schutzbedürfnisse.

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  • Liss sagt:

    würde mich hier der Sichtweise von Ute Plass anschliessen. Bundestagspräsident Schäuble hatte im Interview mit der Neuen Westfälischen gesagt: „Die Corona-Krise ist eine große Chance. Der Widerstand gegen Veränderung wird in der Krise geringer. Wir können die Wirtschafts- und Finanzunion, die wir politisch bisher nicht zustande gebracht haben, jetzt hinbekommen auf der Grundlage der Überzeugung, daß derjenige, der entscheidet, auch die Verantwortung dafür übernimmt.“ Und hat mal jemand das Youtube der Rede von JF Kennedy (Neffe) in Berlin aufgerufen? Sorry. Ich gehöre längst nicht mehr zu den eindeutigen Recht-s/Link-s-HaberInnen, die vehement DIE EINE SEITE verteidigen. Aufgrund meiner Erfahrungen sehe und denke ich oft die andere mit und informiere mich entsprechend. Nicht gleichgeschaltet in einem Chorgeist, wird man (Frau) so allerdings leicht zu "jedermanns" Feindbild. Von daher würde ich mich gewiss nicht mehr links verorten und finde es andererseits abscheulich, wenn in jener (bis neoliberal kaltherzigen) "Genuss-Rechten" z.B. einer Claudia Roth immer wieder dieselbe falsche Aussage (auf einer Demo hinterher laufend) angehaftet und in den Mund geschoben wird. (Es schadet auch nicht, mal auf gewisse "Vergangenheiten" etwa von Steinmeier oder die Lobbygeschäfte von Scholz zu schauen. Da bekommt "Rot" plötzlich eine andere Dimension) Ich selber habe reichlich mein "Minderheiten-und Nischen-Thema" prozessiert. :- ( Als kinderreiche Mutter bzw. Nur-Hausfrau Anfang 80er Jahre, spätgebärend, ohne Ideologie im Hindergrund durchaus in der kirchlich-christlich-feministischen Szene dafür aber VER-achtet, natürlich nicht nur dort, sondern allgemein gesellschaftlich, stehe ich heute - im Alter - keineswegs mehr so unaufgeklärt und nur naiv da bei dem, was vorgegaukelt wird und aufs Tablett kommt.

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  • Ute Plass sagt:

    @Anja Boltin - "Warum ist es uns unangenehm oder fühlt sich geradezu tabu an, einen echten qualitativen Unterschied zwischen mir und einem anderen Menschen zu behaupten/definieren aufgrund meiner Empfindungen, der es rechtfertigt, ihm jegliche Achtung/Respekt (eine zeitlang!) offensiv zu entziehen und das auch zu kommunizieren? Ist es das Empfinden oder das Denken (welches ja meist Empfinden vorausgeht ) auf welches sich dein Verhalten gründet? Kannst du deine obige Äußerung an einem 'Fall-Beispiel' konkretisieren?

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  • Antje Schrupp sagt:

    @Juliane - ja, genau das ist doch die Frage. Wie kann ich mit einem Menschen angemessen kommunizieren, den ich nicht für voll nehme? Denn: Es gibt Menschen, die ich nicht für voll nehme, das ist eine schmerzliche, aber ehrliche Erkenntnis. Nicht nur jetzt bei den Corona-Leugnern. Auch mansplainende Männer ohne jedes Sensorium für ihre Umgebung oder die Frauen darin. Oder arrogante Wirtschaftsbonzen, die vor lauter Geld platzen, aber finden, dass ihnen das zusteht. Diese Verachtung ist tatsächlich ein unmittelbares Gefühl, und ich bin mir nicht sicher, ob es eine Verpflichtung für mich gibt, jeden dieser Menschen für voll nehmen zu müssen. Normalerweise meide ich die Beziehung zu diesen Menschen (Hannah Arndt gab uns den Ratschlag, Beziehungen mit dem Bösen zu verweigern), aber das ist natürlich nicht immer möglich. Eventuell ist es auch politisch nciht mehr möglich, wenn im Gefolge von Trump und Consorten solche Menschen massenhaft in Ämter und Entscheidungspositionen kommen. Das heißt, ich muss mich mit ihnen auseinandersetzen, ich muss ihnen begegnen, aber ehrlich, ich weiß nicht, wie ich aufhören könnte, sie (Menschen mit einer bestimmten toxischen Vermishchung aus Boshaftigkeit, Egoismus und Dummheit) zu verachten. Ich weiß auch nicht, ob ich damit aufhören SOLLTE, denn wie gesagt, laut Hannah Arendt ist die Banalität des Bösen durchaus ansteckend, wenn man sich zu lange in seine Gesellschaft begibt.

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  • Juliane Brumberg sagt:

    Ich kann mir nicht vorstellen, wie ich einen oder eine, die ich verachte, im Gespräch den nötigen Respekt/ die nötige Achtung entgegenbringen kann. Wen ich verachte, nehme ich doch gar nicht für voll. Wie kann ich dann mit diesem Menschen angemessen kommunizieren?

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  • Anja Boltin sagt:

    @Juliane Brumberg Warum ist es uns unangenehm oder fühlt sich geradezu tabu an, einen echten qualitativen Unterschied zwischen mir und einem anderen Menschen zu behaupten/definieren aufgrund meiner Empfindungen, der es rechtfertigt, ihm jegliche Achtung/Respekt (eine zeitlang!) offensiv zu entziehen und das auch zu kommunizieren? Das wüsste ich wirklich gern. Bzw. eure Antwort darauf interessiert mich.

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  • Fidi Bogdahn sagt:

    Also, für mein denkendes Empfinden hat die Art zu definieren, wie sie bei Wikipedia geschieht, nicht viel mit den Wortversuchen von Anja in ihrem Eingangsbeitrag gemein.

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  • Ute Plass sagt:

    @Juliane Brumberg - "Also lieber von “zivilisierter Kritik” oder “begründeter Kritik” sprechen. Ja, unbedingt. Ich kann mit "Verachtung" nichts anfangen, aber viel mit der ablehnenden Haltung gegenüber jeglicher Menschenfeindlichkeit, die sicht- und hörbar werden muss - nicht nur auf Demos. Was nun die Bewertung hier zu den Demonstrationen betrifft, interessiert mich zu wissen, wer mit Menschen im Gespräch ist, die an Demonstrationen teilgenommen haben zur Grundrechte-Wahrung und gegen unverhältnismäßige regierungsamtliche Corona-Verordnungen? Woher wird hier gewusst, dass diese sich nicht gegen rechts, Nazis, Antisemitismus.... abgrenzen? Auf 'querdenken711' heißt es ausdrücklich: " Rechtsextremes, linksextremes, faschistisches, menschenverachtendes Gedankengut hat in unserer Bewegung keinen Platz. Gleiches gilt für jede Art von Gewalt." Und Uli Gellermann schreibt in seinem Beitrag " Die Reichtags-Sturm-Inszenierung": "Leute wie die „ Reichsbürger“, die das wilhelminische Reich mit seinem Militarismus, seiner Aggressivität gegen seine Nachbarn und seinem Kadavergehorsam nach innen, zurück haben wollen, sind gefährlich für die Demokratie. Im konkreten Fall waren sie, offenkundig von V-Leuten des Geheimdienstes geführt, allerdings nur nützlich: Für den Senator einer Rot-Rot-Grünen Koalition, der sie prima als Komparsen für eine Inszenierung vor dem Bundestag zur bewussten Täuschung der deutschen Öffentlichkeit hat verwenden können. " Ich kann mich gut an Demonstrationen gegen den Nato-Doppelbeschluss erinnern. Abgrenzungsforderungen und Kontaktschuldvorwürfe von KritikerInnen lauteten damals: "Dann geht doch nach drüben" oder "Lieber tot als rot".

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  • Juliane Brumberg sagt:

    Liebe Anja Boltin, ich finde, Du hast eine interessante Debatte angestoßen. Ich bin voll bei Dir und Deinem vorletzten Satz: "Ich plädiere hier also für einen rational begründenden Umgang mit unseren Gefühlen und Emotionen – den zivilisierten ebenso wie den sogenannt unzivilisierten, den einfacheren ebenso wie den komplexen." Probleme habe ich aber damit, wie Du den Gebrauch des Wortes "Verachtung" vorschlägst. Mir ist es im Umgang mit anderen Menschen, selbst wenn ich Verachtung spüre, weil sie sich nicht gegen rechte Demos abgrenzen oder erwieswenermaßen falsche Dinge behaupten, die Achtung zu bewahren. Nur mit Menschen, denen ich Achtung entgegenbringe, kann ich in ein sinnvolles Gespräch kommen. Bei Wikipedia steht zu Verachtung Folgendes: " Verachtung entsteht durch die Bewertung einer anderen Person als minderwertig. (...) Wirkungen von Verachtung sind die Entwürdigung der Person oder Entwertung einer Institution unter Umständen einer damit einhergehenden Nicht-Beachtung der entsprechenden Person oder sozialen Gruppe,[3] sowie Pein, Distanzierung, Stress, Wut, Zorn, Aggressivität bei der verachteten Person und in dessen Folge Leid und Krankheit – auch mit volkswirtschaftlichen Schäden." Insofern finde ich es wichtig, nicht nur an unseren eigenen verachtenden Emotionen zu arbeiten (wie Du vorschlägst), sondern auch bei der Wortwahl vorsichtig - und nicht verachtend - zu sein. Also lieber von "zivilisierter Kritik" oder "begündeter Kritik" sprechen.

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  • Ute Plass sagt:

    " Und jede/r sollte sich (mehr als bisher) anstrengen, mehr als bisher zu verstehen. Und wir sollten uns dazu gegenseitig um Hilfe und Unterstützung bitten, anstatt Unwissenheit oder Fehleinschätzungen zu verlachen oder gar zu verachten." Schließe mich dem an. Dazu braucht es, was den Umgang mit der Corona-Krise betrifft, offene Debatten über die unterschiedlichen, interdisziplinären Sichtweisen aus Forschung und Wissenschaft. Diese Debatten vermisse ich in den hiesigen Leitmedien, auch öffentlich-rechtlichen. Stattdessen gab es sehr früh eine Fokussierung auf eine virologische Sichtweise, ohne zu hinterfragen, ob die daraufhin erfolgten beispiellosen Beschränkungen im Verhältnis zur Virus-Gefährdung standen und noch stehen? Die einseitige Berichterstattung dürfte mit zur Polarisierung und Verhärtung der Debatte über den Umgang mit der Corona-Krise beigetragen haben. Hoffe sehr, dass diese notwendigen Diskussionen in gegenseitigem Respekt endlich auch hierzulande geführt werden.

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  • Antje Schrupp sagt:

    @dDagmar - Ich glaube, dass niemand behauptet, irgendjemand wisse, wo es langgeht, aber man kann nun wirklich auch nicht alle möglichen Meinungen als gleichberechtigt nebeneinander stehen lassen. Thema des Beitrags hier war ja auch nicht der Streit über unterschiedliche Einschätzungen zur Corona-Politik, sondern zu politischen Aktionen wie gemeinsame Demonstrationen mit Nazis oder die Verbreitung antisemitischer Verschwörungsmythen als legitime "Meinungen". Mich hat noch dein Verweis auf die Theologie stutzig gemacht, also dass es problematisch sei, "das bloße Am-Leben-Bleiben" als höchsten Wert anzusehen. Ich finde gerade die christliche Tradition an diesem Punkt sehr problematisch, denn sie hat schon sehr oft das "bloße am Leben Bleiben" als Wert kleingeredet gegenüber "höheren Werten" wie dem Seelenheil oder dem Sieg über die Ketzer. Ich denke an die vielen Frauen, die ertränkt wurden, um herauszufinden, ob sie Hexen waren - die Unschuldigen waren hinterher tot, aber ihre Seele war gerettet. Oder, um ins Heute zu gehen, christliche Länder, in denen Abtreibung auch dann verboten ist, wenn die Schwangere dafür stirbt. Auch sie wird wohl aufs Jenseits vertröstet. Angesichts dieser Geschichte müsse die allzu große Leichtfertigkeit, mit der christliche Theologie in der Vergangenheit mit dem Leben anderer umgegangen ist, dringend einmal selbstkritisch reflektiert werden, jedenfalls hat sie für mich keine moralische Autorität, dieses Argument in einer Situation wie einer Pandemie anzubringen. Was anderes ist natürlich die Frage, wie man mit dem eigenen Leben umgeht: Da sehe ich es wie du, dass alle selbst entscheiden sollen, wie sie das handhaben, zum Beispiel ob sie das Risiko einer Infektion eingehen möchten oder nicht. Aber gerade was den selbstbestimmten Umgang mit dem eigenen Leben betrifft, ist die christliche Theologie da ja keineswegs so offen, wenn man ihre weitgehend sture Haltung beim Thema Sterbehilfe anschaut. Also, ganz schwieriges Terrain, würde ich sagen. Ansonsten ist das Problem beim Thema Corona ja gerade, dass gehandelt werden muss, obwohl man vieles noch nicht wissen konnte. Zumindest war das im März und April der Fall, inzwicshen sieht die Situation ja ganz anders aus, weil wir mehr Wissen haben, und entsprechend gezielter agiert ja die Politik jetzt. Ich denke auch, man kann durchaus schon eine erste Bilanz ziehen: In Deutschland gibt es bisher fast keine Übersterblichkeit, d.h. die 9000 Covid-Todesfälle stehen etwa ebenso vielen verhinderten Toden (weniger Verkehrsunfälle, weniger Grippe usw.) gegenüber. In den USA hingegen sind allein in den Monaten März bis Mai 122.300 Menschen mehr gestorben als normalerweise in diesem Zeitraum. https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/114349/USA-Uebersterblichkeit-uebertrifft-die-Zahl-der-gemeldeten-Todesfaelle-an-COVID-19 Seither sind die Zahlen kaum gesunken, was vermuten lässt, dass die Größenordnung Juni-August nicht viel anders ist. In Brasilien sieht es ähnlich aus. Ich finde es schon ziemlich eindeutig, dass diese vielen Toten auf das Konto einer Politik gehen, die die Gefährlichkeit des Virus in den ersten Wochen geleugnet hat und jegliche Maßnahmen abwehrte. Ich kann mir nicht vorstellen, wie wir das in Deutschland in den nächsten Monaten noch "nachholen", egal wie viele negative Folgen der Maßnahmen es möglicherweise geben wird.

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  • Anja sagt:

    Liebe Dagmar, danke für deine Bemerkung. Ich mag dazu nur eines sagen: Ich stehe letztendlich einzig und allein an meiner eigenen Seite (auch wenn ich von dort aus zum Beispiel dem Handeln der Regierung im Großen und Ganzen zustimme) und halte die Vorstellung vom Vorhandensein "richtiger" oder "falscher" Seiten für insgesamt unsinnig. Tut mir leid, wenn der Eindruck so entstanden ist, das war nicht meine Absicht. Eigentlich geht es mir ja geradezu darum, das fürchterliche Schwarzweiß-Denken und die simplifizierende Rede von den zwei Fronten ein bisschen ins Wanken zu bringen.

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  • Dagmar Gruß sagt:

    Liebe Anja Boltin, deine Analyse der beiden Deutschländer mit ihrer Melange von Bildungsbürgertum und Wutbürgertum ist sicher nicht von der Hand zu weisen. Hinter der Analyse ist aber auch deine unbekümmerte Selbstgewissheit zu erkennen, mit der Mehrheit der Vernünftigen auf der richtigen Seite zu stehen. Die rechten Demokratiefeinde, deren Vorgehen ich indiskutabel finde, mal ausgeklammert, wäre ich aber nicht so sicher, wer am Ende als Covidiot_in dasteht. Mit Virologie allein lässt sich keine Politik machen. An einem viralen Infekt zu sterben, ist kein wirklich neues Phänomen. Das bloße Am-Leben-Bleiben als höchsten Wert anzusehen, ist mindestens theologisch problematisch. Die körperliche Unversehrtheit von Kindern diesem Wert unterzuordnen (durch Grippeimpfung), ebenso ... Also hier zu behaupten, die Mehrheit wisse, wo's langgeht, wenn sie nur denen folgt, die ein kleines Forschungsgebiet wie die Virologie beackern, ist doch auch ein bisschen naiv. Ich geselle mich lieber zu denen, die nicht so selbstgewiss in der Mitte der Mehrheit stehen, sondern sich ganz bescheiden mit Sokrates (ich weiß, dass ich nichts weiß) am Nachdenken der Vordenkenden beteiligen. Nicht nur der NS-Zeit folgte eine Kritische Theorie, sie wird auch der Pandemie folgen. Trotzdem danke für deine Ost-West-Analyse. Viele Grüße, Dagmar Gruß

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  • Anja Boltin sagt:

    Liebe Antje, danke für deinen Kommentar. Im Grunde steckt ja in dem Wort Verachtung der Prozess oder die Handlung des "ich entziehe dir meine Achtung" (die dir grundsätzlich ja gebührt). Man kann sich Zeiten und Gemeinschaftsformen vorstellen, in denen es noch höchst relevant war, wenn das jemand zu einem Mitmenschen gesagt hat. Es hatte Bedeutung und konnte nicht einfach schulterzuckend ignoriert werden. Zum Beispiel, weil man beidseitig voneinander abhängig war und das auch genau wusste. Oder weil ein Rufmord einem Todesurteil gleichgekommen wäre, ein Geschäft ruiniert hätte etc. Heute sind wir - objektiv und/oder subjektiv - nicht mehr so abhängig voneinander, vielleicht haben wir deshalb so manche sozial-emotionalen und kommunikativen Grundkompetenzen verlernt? Eine meiner festen Überzeugungen ist die, dass unsere Gefühle einen wertvollen Informationsgehalt haben und dass es sich lohnt, diesen zu entschlüsseln. Eben gern auch vernünftig-rational. Anja

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  • Antje Schrupp sagt:

    Liebe Anja, danke für diesen Text, der mich herausfordert, aber auch einen Ausweg aus einem Dilemma weist. Ich war bisher immer der Meinung, dass ein Dialog nur möglich ist, wenn man theoretisch die Möglichkeit einräumt, dass man selbst falsch liegt und das Gegenüber recht haben könnte. In der Tat ist mir das bei rechtspopulistischen Verschwörungsmythiker*innen aber nicht mehr möglich, weil ich einfach ganz sicher weiß, dass Bill Gates kleine keinen Kinder frisst und der Coronavirus nicht von Angela Merkel in die Welt gesetzt wurde, um das deutsche Volk zu unterjochen. Tatsächlich ist mein spontanes Gefühl bei so etwas "Verachtung" und ich war bisher der Meinung, dass deshalb ein Gespräch gar nicht möglich ist. Der Gedanke, dass über die Gründe für diese Verachtung ein Dialog möglich sein könnte, ist sehr spannend. Vor allem weil man das auch andersrum "anwenden" könnte. Ich weiß, dass es Leute gibt, die einiges von dem, was ich sage, für absolut auf einer emotionalen Ebene falsch und verachtenswert finden (Männer, die es inakzeptabel finden, wenn ich in Bezug auf Reproduktion von "Spermagebern" spreche zum Beispiel), und ich überlege, ob es sinnvoll sein könnte, mich für die Gründe ihrer Verachtung zu interessieren. Spannend.

    Artikel: Vom rationalen Umgang mit unzivilisierten Gefühlen

  • Kathleen Oehlke sagt:

    Bemerkenswert finde ich auch die Ausdrucksweise des Sprechers. Ihm zufolge hat Herr Ehn sich eine Eigentumswohnung gekauft, in der er jetzt lebt. Ich hätte ja zumindest gedacht, dass sich die Eheleute Ehn gemeinsam eine Wohnung gekauft haben, in der sie nun im Alter leben. So finde ich es noch schlimmer, aber vielleicht sogar ehrlicher. Es ist SEINE Wohnung, in der ER lebt. Nun ja. Und zur Entscheidung der UBI: Ja, in der Sendung ging es um Ergänzungsleistungen und evtl. Rückzahlungen. Immerhin wurde die Pflegearbeit seiner Frau nicht als Liebesdienst an Herrn Ehn bezeichnet. Und den Kindern und Enkeln bleibt mehr vom Erbe, wie schön. Was aber bleibt Frau Ehn, sollte ihr Mann vor ihr sterben? Angesichts des Gesundheitszustandes von Herrn Ehn ist das ja gar nicht so unwahrscheinlich. Zumindest dieser Aspekt hätte erwähnt werden müssen. Denn was ist, wenn Frau Ehn, womöglich verwittwet, selbst pflegebedürftig wird? Wird sie die Wohnung erben und verkaufen dürfen, um einen Platz in einem guten Pflegeheim zu finanzieren? Es ist ja fast schon ironisch, dass Frau Ehn selbst nicht gezeigt wird, wenn auch auf eigenen Wunsch. So bleibt die Pflegearbeit auch im wörtlichen Sinn unsichtbar. Bravo, SRF. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich partout kein Ehepaar finden ließ, bei denen beide Beiteiligten hätten zu Wort kommen wollen.

    Artikel: „Seine Frau pflegt ihn…“ Warum falsches Framing von Care zu falschen Analysen führt. Ein Fallbeispiel.

  • Monika Krampl sagt:

    Liebe Karin Spangler, freue mich über den Kommentar, und dass Cambra Skades Wort "Auslichten" Anklang findet - klingt doch ganz anders als ausmisten oder entsorgen, nicht? Licht ins Dunkel bringen - dazu habe ich gestern die aktuelle Erzählung über das innere Auslichten auf meinem Blog veröffentlicht. Bei Interesse: https://monikakrampl.wordpress.com/2020/08/30/die-frau-oberlehrerin-meine-igel-bucher-und-hermann-hesse/ Mit lieben Grüßen und weiter viel Freude beim Auslichten Monika

    Artikel: Die Vergangenheit wird ausgelichtet – Platz für die Gegenwart

  • Esther Gisler Fischer sagt:

    Aus meiner Sicht unverständich der Entscheid er UBI: Die durch die Ehefrau kostenlos erbrachten Leistungen hätten in die Gesamtsicht zwingendeinbezogen werden müssen, auch wenn diese sich nicht persönich dazu hat äussern wollen!

    Artikel: „Seine Frau pflegt ihn…“ Warum falsches Framing von Care zu falschen Analysen führt. Ein Fallbeispiel.