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Ein Frauen-Credo

Von Dorothee Markert

Mitte August dieses Jahres fand die zweite Denkumenta in St. Arbogast in Österreich statt. Dort hatte ich das Glück, u. a. an drei Workshops teilzunehmen, die alle auf unterschiedliche Weise Zukunftsvisionen zum Thema hatten: Anne Newball Duke sprach über ihr Projekt, mithilfe feministischer Science Fiction „neue Welten denkbar“ zu machen, Petra Kuenkel veranstaltete ein „Laboratorium als dialogische Denkreise in eine neue symbolische Ordnung“ und Anne-Claire Mulder stellte 25 Jahre nach seinem Erscheinen den Text „A Woman’s Creed“ zur Diskussion, der ein Jahr vor dem UNO-Frauenkongress in Beijing bei einer internationalen Frauentagung entstanden ist und sofort in viele Sprachen übersetzt wurde, allerdings nicht auf Deutsch. Bei den beiden erstgenannten Workshops wurde mir deutlich, wie schwer es fällt, einfach nur zu formulieren und zu beschreiben, wie die Welt aussehen soll, die wir uns wünschen.

Im Workshop „A Woman’s Creed“ überlegten wir, ob jenes „Frauen-Credo“ heute noch für uns gelten könnte. Wir stellten fest, dass der Abschnitt „Wir sind die Alten … Wir sind das Mädchen aus Sambia, die Großmutter aus Birma …“ heute wohl nicht mehr so geschrieben werden könnte, weil es als übergriffig empfunden werden würde. Andrerseits waren ja Frauen aus den genannten Ländern bei der Formulierung beteiligt. Insgesamt freuten wir uns aber an der poetischen Sprache, an einigen witzigen Wendungen und an der wunderbaren Gesamtkomposition. Für Anne-Claire Mulder könnte der letzte Teil, die eigentliche Zukunftsvision, auch ein religiöser, ein liturgischer Text sein, was ich gut nachvollziehen konnte.

Eines meiner Vorhaben nach der diesmal sehr politischen und in vieler Hinsicht anregenden Denkumenta war, diesen politisch-poetischen Text ins Deutsche zu übersetzen.

Wir sind weibliche Menschen, die am Rande des neuen Jahrtausends stehen. Wir sind die Mehrheit unserer Spezies, aber wir haben im Schatten gewohnt. Wir sind die Unsichtbaren, die Analphabetinnen, die Arbeiterinnen, die Geflüchteten, die Armen. 

Und wir schwören: Nicht mehr.

Wir sind Frauen, die hungern – nach Reis, nach Heimat, nach Freiheit, nach einander, nach uns selbst.

Wir sind Frauen, die dürsten – nach sauberem Wasser und Lachen, nach Alphabetisierung, nach Liebe.

Wir haben zu jeder Zeit und in jeder Gesellschaft existiert. Wir haben den Mord an Frauen überlebt. Wir haben rebelliert und Spuren hinterlassen.

Wir sind Kontinuität, denn wir weben die Zukunft aus der Vergangenheit, verweben Logik mit Lyrik.

Wir sind Frauen, die für unsere Sache einstehen und „Ja“ rufen.

Wir sind Frauen, die gebrochene Knochen, gebrochene Stimmen, gebrochene Gedanken und gebrochene Herzen mitbringen – doch wir sind auch Frauen, die es wagen, „Nein“ zu flüstern.

Wir sind Frauen, deren Seelen nicht in einem fundamentalistischen Käfig leben können.

Wir sind Frauen, die sich weigern, die Aussaat des Todes in unseren Gärten, in der Luft, in den Flüssen und auf den Meeren zuzulassen.

Jede von uns ist kostbar, einzigartig, notwendig. Wir sind gestärkt, glücklich und erleichtert, dass wir nicht alle gleich sein müssen. Wir sind die Töchter der Sehnsucht. Wir sind die Mütter, die Geburtsarbeit leisten, um die Politik des 21. Jahrhunderts hervorzubringen.

Wir sind die Frauen, vor denen Männer uns gewarnt haben.

Wir sind die Frauen, die wissen, dass alle Themen uns gehören, Frauen, die unsere Weisheit zurückgewinnen, unser Morgen neu erfinden, alles hinterfragen und neu definieren, auch die Macht.

Wir haben nun jahrzehntelang daran gearbeitet, die Einzelheiten unserer Not, unserer Wut, unserer Hoffnung und unserer Vision zu benennen. Wir haben unser Schweigen gebrochen, unsere Geduld erschöpft. Wir sind es leid, unsere Leiden aufzuzählen – zur Unterhaltung oder um einfach ignoriert zu werden. 

Wir haben genug von vagen Versprechungen und realem Warten; wir hungern nach Taten, Würde und Freude. Wir werden mehr tun, als nur alles zu ertragen und zu überleben. 

Sie haben versucht, uns zu verleugnen, uns zu definieren, uns zu verurteilen; uns einzusperren, zu versklaven, zu verbannen, zu vergasen, zu vergewaltigen, zu schlagen, zu verbrennen, zu begraben – und uns zu langweilen. Doch nichts, nicht einmal das Angebot, ihr gescheitertes System zu retten, kann uns aufhalten.

Seit Tausenden von Jahren hatten Frauen Verantwortung ohne Macht – während Männer Macht hatten, aber verantwortungslos waren. Wir bieten jenen Männern, die das Wagnis eingehen, uns Brüder zu sein, ein Gleichgewicht, eine Zukunft, Unterstützung. Aber mit oder ohne sie werden wir weitergehen. 

Denn wir sind die Alten, die Neugeborenen, die Eingeborenen, die zuerst kamen und immer noch da sind, Ureinwohnerinnen in einer völlig anderen Dimension. Wir sind das Mädchen in Sambia, die Großmutter in Birma, die Frau in El Salvador und Afghanistan, Finnland und Fidschi. Wir sind Walgesänge und Regenwald; die aus der Tiefe hoch aufsteigende Welle, die mächtige gläserne Gebäude am Strand zertrümmert; die Verlorenen und Verachteten, die weinend ans Licht taumeln.

All das sind wir. Wir sind Intensität, Energie, sprechende Menschen, die nicht mehr warten und die nicht aufgehalten werden können. 

Wir stehen am Rande des Jahrtausends – Verfall und Verderben hinter uns, keine Karte vor uns, den Geschmack der Angst scharf auf unseren Zungen.

Und doch werden wir springen.

Sich in der Imagination zu üben, ist ein Schöpfungsakt.

Der Schöpfungsakt ist eine Willensübung.

All dies ist politisch. Und möglich. 

Brot. Ein klarer Himmel. Aktiver Frieden. Eine Frauenstimme, die irgendwo singt, wie Rauch steigt die Melodie aus dem Kochfeuer auf. Die Armee aufgelöst, Ernte im Überfluss. Die Wunde verheilt, das Kind gewollt, der Gefangene befreit, die körperliche Integrität geehrt, der Liebhaber zurückgekehrt. Die magische Fertigkeit, Zeichen in Bedeutung zu übertragen. Die Arbeit gleich, fair und wertgeschätzt. Freude an der Herausforderung, einen Konsens zu finden, um Probleme zu lösen. 

Keine Hand erhoben zu einer anderen Geste als einem Gruß. 

Sichere Innenräume – im Herzen, in den Häusern, im Land – so stark, dass sichere Grenzen schließlich überflüssig werden. Und überall Lachen, Fürsorge, Feiern, Tanzen, Zufriedenheit. Ein bescheidenes anfängliches Paradies, im Jetzt. 

Wir lassen es Wirklichkeit werden, machen es zu unserer eigenen Sache, machen Politik, Geschichte, Frieden, machen es erreichbar, machen Dummheiten, machen einen Unterschied, schaffen Liebe, Verbindung, Wunder, wir schaffen es.

Glaubt daran.

Wir sind die Frauen, die die Welt verändern werden.

Geschrieben von Robin Morgan, in Zusammenarbeit mit Perdita Huston, Sunetra Puri, Mahnaz Afkhami, Diane Faulkner, Corrine Kumar, Simla Wali und Paola Melchiori.

Der Text entstand beim globalen Frauen-Strategie-Treffen im November 1994, das von der Women Environment and Development Organization (WEDO) organisiert wurde148 Frauen aus 50 Ländern nahmen teil. Ein Jahr später wurde er als „Pamphlet“ bei der UNO-Frauenkonferenz in Beijing, China, eingebracht.

Autorin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 02.11.2019
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