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Mit Frau Holle ins Neue Jahr

Von Bettina Schmitz

Göttinnenaltar zum Morgenritual.
Foto: Susanne Schumacher

Es ist schon eine liebe Tradition geworden, während der Zeit der Rauhnächte mit der Akademie Polythea das Hollefest zu feiern. Das erste Fest fand im Januar 2012 bei den Helfensteinen in der Nähe von Kassel statt. Und dann ging es jährlich an wechselnden Orten weiter. Holle ist die Große Göttin unserer Landstriche und unserer Kultur, die immer noch vernachlässigt wird, auch wenn über das Märchen von Frau Holle die meisten zumindest ihren Namen schon gehört haben. Manche wissen auch, dass ihre Pflanze, der Holunder, besonders zu ehren ist. Die Männer zogen früher vor dem Hollerbusch den Hut. Man darf ihn nicht einfach ausreißen, wenn er sich wo angesiedelt hat.

Die Rauhnächte sind eine besondere Zeit. Sie dauern von der Wintersonnenwende bis zum 6. Januar, dem früheren heiligen Fest der Göttin Holle. Der 5. Januar wurde Altjahresabend genannt. In dieser Nacht brachte die Holle traditionell – mit Glöckchengeläut – Geschenke zu den Menschen.  Rein rechnerisch handelt es sich um den Ausgleich zwischen Sonnen- und Mondjahr. Bestenfalls wird daraus eine Zeit der Ruhe, der Besinnung und des Orakelns. Die Träume sind besonders luzide in dieser Zeit, so heißt es, die Schleier zwischen den Welten dünn. Eine kann Vorschau auf das ganze Jahr halten: jede Nacht steht für einen Monat.

Ich bin keine besonders intensive Träumerin, doch zu Beginn dieser Zeit hatte ich einen Traum, der sich mit der Schöpferinnenkraft der Frauen und gleichzeitig mit dem Problem ihres Ausschlusses beschäftigte: ich nahm als Zuschauerin an einer Aufführung teil, deren Choreographie nach dem Vorbild des werdenden Lebens, des Geschehens im Mutterleib gestaltet war. Mit dem Unterschied, dass es sich nicht nur um ein Kind handelte, sondern es viele waren, eine ganze Welt. Was für ein wundervoll bewegender Fruchtwassertanz, ein harmonisches Zusammenspiel für das Wachsen und Werden. Doch später stellte sich heraus, dass schwangere Frauen im Publikum nicht zugelassen waren. Die Aufführung dauere angeblich zu lange und das sei zu anstrengend für sie.

Ist das nicht sinnbildlich für unsere Welt? Ein wesentlicher Teil, alles menschliche Leben ist aus uns Frauen entstanden. Doch immer noch werden wir mit faulen Ausreden ausgeschlossen. Und wenn wir nicht herausgehalten werden, dann wird als Preis häufig die Anpassung an veraltete patriarchale Strukturen gefordert. Ich nehme wahr, dass sich viel geändert hat, doch die alten Muster sitzen tief. Dieser Traum regte mich an, die Rauhnächte in diesem Jahr unter das Motto der Verwirklichung von Frauenkraft und Frauenmacht zu stellen. Damit dies gelingt, braucht es das Zusammenwirken mit anderen Frauen. Ich gebe zu, dass mir das manchmal ein bisschen lästig ist. Zum Wirken brauche ich auch Ruhe und Alleinsein, Rückzug und Schweigen. Doch ebenso wichtig sind Austausch, Kontakt, Inspiration. Also meldete ich mich zum Hollefest an.

Diesmal waren wir eine Gruppe von etwa zwanzig Frauen. Vera Zingsem ist die Begründerin und somit Kopf und Herz von Polythea. Das Fest eröffnete sie mit ihrer Pfeife, mit der sie Himmel und Erde verbindet, die Kräfte und die Richtungen anruft, und auch wir gaben unsere Themen und Wünsche in den Kreis. Danach legten wir aus den Köstlichkeiten des Jahres ein Despacho zu Ehren der Holle, das wegen seines Aussehens mittlerweile auch „Hollepizza“ genannt wird. Später wurde es feierlich verbrannt.

Während des Frau-Holle-Festes leitete Vera Zingsem immer wieder Kreistänze an und erzählte Geschichten aus der nordischen Mythologie, die zur Jahreszeit passen. Aufgrund unserer deutschen Vergangenheit ist es etwas schwierig, sich mit dieser Tradition zu befassen. Doch wir haben beispielsweise erfahren, dass der legendäre Hammer des Thor weniger Kriegsgerät ist als vielmehr Eispickel, um die Vegetation für den Frühling zu befreien. Noch spannender sind all die mächtigen Frauengestalten, allen voran natürlich die weiße Holle, doch wir hören auch von Freya, Iduna, Gerda und vielen anderen mehr. Die nordische Tradition kennt viele starke Frauen und die meisten von ihnen leben sogar in glücklichen Beziehungen.

Im Verlauf des Tages mischten sich Tänze, Rituale, Meditation, Vorträge und sogar Handarbeit. In diesem Jahr wurden wir in die alte Kunst des Nadelbindens eingewiesen. Das ist eine lange Zeit ins Vergessen geratene Kunst, Wolle zu verarbeiten, die viel älter ist als das Stricken. Funde zeigen nadelgebundene Stücke, die tausende von Jahre alt sind. In der Morgensequenz begegnete mir ein Bild aus meinem Traum als eine Darstellung der mit der Welt schwangeren Göttin Gaia. Auch, gemeinsam über Unterschied und Verbindung von Wirklichkeit und Realität nachzudenken, war anregend. Was sind das für Kräfte, mit denen wir es zu tun haben, wurde in einem Vortrag aus der Erfahrung des Umgangs mit der Geomantie gefragt. Für Rituale, jedweden Umgang mit Energien gilt ähnliches. Ich musste zwar zuerst über den Schatten meiner Univergangenheit springen, die sich mit der Frage meldete: haben wir das im Seminar nicht schon tausendmal diskutiert, doch dann tat es gut, mit den Begriffen unvoreingenommen spielen zu können.

Ich liebe Frauenkreise, in denen wir uns einigermaßen frei von Geschlechterstereotypen erforschen und einander bestärken können. Doch zu Polythea gehört zentral der Begriff der Vielfalt, und so passt es, dass der Kreis auch für Männer offen ist, falls sich welche trauen mitzumachen. Unter all den wundervollen, in sich vielfältigen und auf ihre je eigene Weise weisen Frauen fanden sich auch drei Männer: ein Teilnehmer, ein Referent und der väterliche Betreuer eines kleinen Mädchens. Was diesen Austausch zwischen Männern und Frauen betrifft, stecken wir beim allerbesten Willen tatsächlich noch in den Kinderschuhen. Und wenn ich auch gestehen muss, dass ich es nicht immer angenehm finde, so halte ich es doch für lehrreich und wichtig, die Kommunikation zwischen den Geschlechtern immer wieder zu wagen, und, so lange es nicht allzuviel Raum einnimmt, genau hinzuschauen, was für eine Dynamik sich entfaltet.

Der zweite Abend war dem Jul-Eber-Ritual gewidmet. Wie die alten German*innen legten wir auf dieses machtvolle Tier unseren Schwur ab, was uns das Neue Jahr bringen soll. Zusätzlich gab jede auf einem Kärtchen einen Wunsch in die Runde, den sich eine andere zog, und der dann laut vorgelesen wurde. Inzwischen hat sich für die Mitte schon eine ganze Schar von mehr oder weniger wilden Schweinen angesammelt. Immer noch sagen wir „Schwein gehabt“ und das Glücksschwein zu Silvester ist weit verbreitet. Doch woher das kommt, wissen die wenigsten. Über die alte Schweinegöttin habe ich vor Jahren zum ersten Mal bei Jutta Voss gelesen. Vera Zingsem erzählte von Freyas Eber Hildeswin und von Gullinbursti, dem Goldborstigen, und stellte vielfache Verbindungen her.

Das alles geschah mit reichlich Humor und keine der Geschichten soll die alleinseligmachende sein, ‚poly‘ eben, so wie Polythea. Dass Vera Zingsem seit Erscheinen ihres Buches über die Göttinnen der großen Kulturen „Der Himmel ist mein, die Erde ist mein“ eine Kapazität in Sachen Mythologie der Göttinnen ist, will auch noch gesagt werden. Das Hollefest gibt es allerdings erst, seit sie den Mut hatte, sich in einem späteren Buch ausdrücklich mit dem „Charme der germanischen Göttermythen“ zu befassen. Für mich war es ein kraftvoller Start ins Neue Jahr. Zuhause empfing mich dann die Nachricht, dass Lisa Kuttner und ich nach fünf Jahren Pause wieder eine Jahreskreisgruppe in unserer Akademie „Sapphos Garten“ beginnen können. Ein Jahr der Frauenkraft, das kündigte doch bereits mein Traum an!

Mehr Infos:

Polythea

Die neue Jahreskreisgruppe in Würzburg ist offen für Teilnehmerinnen. Sie findet im TANZRAUM statt. Fragen dazu bitte an Bettina Schmitz.

Autorin: Bettina Schmitz
Redakteurin: Juliane Brumberg
Eingestellt am: 19.01.2020
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Marie-Dorothee Herder sagt:

    Hallo Bettina, dass die Anbetung angeblicher “germanischer Gottheiten” dem seit dem Jahr 1000 lebendigen Christentum und dem lebendigen christlichen Glauben komplett ins Hesicht schlägt, kommt Ihnen nicht in den Sinn? Die christliche Botschaft von Liebe, Nächstenliebe und Feindesliebe ist allen “germanischen Gottheiten” turmhoch überlegen, die keinerlei tiefgehende Botschaft haben!

  • Gabriele Menzendorf sagt:

    Herzlichen Dank für den warmen und interessanten Bericht, der mich bereichert und anregt, mal wieder in Vera Zingsems Buch zu lesen.

    Schade, Marie-Dorothee, daß Sie andere Erfahrungen anscheinend sofort ausschließen.

  • @ Marie-Dorothee: Sorge und Fürsorge sind nicht dem Xtum vorbehalten. Wie die germanische Religion so wurden weltweit auch andere frauenfreundliche Weisheitstraditionen marginalisiert. Es ist Zeit, dass sie wiederentdeckt und -belebt werden!

  • Ju Sp-St sagt:

    @Marie-Dorothee: wenn die ‘christliche Botschaft von Liebe, Nächstenliebe und Feindesliebe (…)allen „germanischen Gottheiten“ turmhoch überlegen’ ist, dann sollte sie erfreut darüber sein, Bereicherung zu erfahren, von so viel älteren und naturverbundenen Erzählungen, Mythen und Religionserfahrungen unserer Vorfahren. Schade, dass Sie sich so angegriffen fühlen …

  • Bettina Schmitz sagt:

    Danke für die Reaktionen auf meinen Bericht! Die Empörung der ersten Nachricht hat mich schon überrascht. Ich bin mit einigen christlichen Menschen befreundet und diese empfinden mein Suchen und Finden des weiblichen Göttlichen keineswegs als Provokation, sondern sogar häufig als Bereicherung. Auf der institutionellen Ebene und historisch gesehen sind die meisten christlichen Kirchen leider keineswegs immer so friedlich wie die frohe Botschaft, die sie verkünden. Auf dem Holle-Fest sind auch Christ*innen herzlich willkommen.

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