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Una Primavera

Von Heike Brunner

Foto copyright Valentina Primavera

Ein Dokumentarfilm von Valentina Primavera

Der Biskuitteig ist saftig, gelb, weich und sehr groß, ein langes Messer dringt sanft in ihn ein, schneidet Stück für Stück durch ihn hindurch, bis er in zwei Teile zerlegt ist. Dieses Torten backende „Hausfrauenglück“ könnte appetitanregend wirken, wäre es nicht ein Dokumentarfilm über häusliche Gewalt, und so macht diese Szene es schier dramatisch, fast sarkastisch und schlicht betroffen.

Die aus Italien stammende und in Berlin lebende Filmemacherin Valentina Primavera dokumentiert nichts Geringeres als die Scheidung und Rückkehr ihrer Mutter, Fiorina Primavera, nach einem siebenmonatigen Trennungsversuch aus 40 Jahren häuslicher Gewalt. Sie begleitet sie auf der Reise von ihrer Zuflucht bei ihr in Berlin zurück nach Italien. Dabei immer die Kamera – beim Essen, Nachdenken, Autofahren, beim Gang zum Gericht, beim Gang zurück zum Ehemann, bei den Besuchen der Familienangehörigen. Scheinbar harmlose, in Groß- und Nahaufnahmen eingefangene Szenen einer Alltagswelt von einer mit dem Trauma häuslicher Gewalt geprägten Familiengeschichte, lassen die ZuschauerInnen ganz in diese Realität eintauchen, den Kuchen und Braten förmlich riechen. Die Angst vor einer erneuten Eskalation ist fühlbar, die Suche nach Freiheit, Würde und Lebendigkeit blitzt dazwischen immer wieder auf.

Valentina sagt von sich selbst, dass es die Intimität und Vertrautheit zu den Personen möglich gemacht hatten, die beieindruckende Nähe und damit einhergehende Authentizität der gefilmten Personen im Film enstehen zu lassen, und dass das Filmen für sie ein Stück Verarbeitung beinhaltet. Einen Moment des Mutes ihrer Mutter fest zu halten, sei ihr Antrieb und Wunsch gewesen, erzählte die Filmemacherin nach einer Vorstellung in Berlin.

Der Film klagt nicht an, auch nicht die männlichen Personen, und doch offenbart sich das komplette Drama. Unglaublich feinsinnig beobachtend wird offensichtlich, als welche Hürden bei dem Versuch einer Befreiung die Gesellschaft, die eigenen Wünsche und festgelegte patriarchale Strukturen wirken und solche Zustände Jahrzehnte überdauern lassen.

Ein Film, der in Zeiten von ansteigenden Femizidzahlen und häuslicher Gewalt, sehr wichtig ist und international Beachtung erfährt. Der Film erschien 2018 erstmals auf der Dok Leipzig. Seit Januar 2020 ist er mit deutschen Untertiteln zu sehen und wird in Berlin in verschiedenen Programmkinos gezeigt. Es ist zu hoffen, dass noch weitere Städte in der Republik folgen, eine Zusammenarbeit mit den Berliner Frauenhäusern ist geplant.

Autorin: Heike Brunner
Eingestellt am: 11.01.2020
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