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Rubrik handeln

Parität am Theater

Von Heike Brunner

Machtverhältnisse mit Mut und Freundlichkeit ändern

Aschenputtels Strategie neu betrachtet

Eröffnungsbild der Preisübergabe

Während das Parlament im Bundestag noch zum internationalen Frauentag das Pro und Contra zur Parität diskutierte, zeigte die Jury des Berliner Frauenpreises 2020 salopp: Voilà, schaut her, so geht’s mit der Einführung der Quote. Die Preisträgerin Yvonne Büdenhölzer, Theaterintendantin der Berliner Festspiele, hat neue Strukturen am Theater geschaffen. Diese Auszeichnung gilt als Signal. Als Signal, dass es funktioniert und notwendig ist, Gleichberechtigung und Quotenfrage nicht mehr nur auf freiwilliger Basis anzugehen. Von Yvonne Büdenhölzer kann das Thema: „Machtverhältnisse sanft umstrukturieren“ gelernt werden. Sie ist außerdem ein Beispiel dafür, dass es von Vorteil sein kann, eine feministische Großmutter zu haben.

Der Oma-Erna-Preis?

Als Yvonne Büdenhölzer auf die Bühne trat, erklärte sie, dass sie zunächst verwundert gewesen sei, „dafür!?“ ausgezeichnet zu werden. Sie berichtete, dass sie sich persönlich gar nicht als besonders feministisch empfinde. Da sei ihre Großmutter eher eine Feministin gewesen, eine wahre Kämpferin. Diese Großmutter war nicht nur Feministin, sondern eine sehr wichtige Bezugsperson für sie. Ausgerechnet am Tag, als Yvonne Büdenhölzer erfuhr, dass sie Frauenpreisträgerin werden würde, erfuhr sie auch, dass ihre Großmutter, mit 96 Jahren, aus dem Leben geschieden war. Für sie stünde daher der Preis mit Oma Erna in Verbindung, die sicherlich ganz stolz auf sie gewesen wäre. Ihr selbst würde eine Quote am Theater, eingeführt aus pragmatischen Gründen, eher als etwas Selbstverständliches erscheinen, weniger als etwas Preiswürdiges.

Nach dieser kleinen Einführung erklärte sie dem Publikum, dass sie einfach keine Lust mehr gehabt habe, sich die Frage der Jury: „Wie viele (Frauen) seien es denn diesmal?“, stellen zu lassen. Dies sei einer der Beweggründe gewesen, die Verhältnisse in der Theaterlandschaft neu zu gestalten. Aber sie sah auch, dass „die Zeit für die Quote mehr als reif war, Gleichstellungsfragen erhalten eine breite mediale Öffentlichkeit und werden vielerorts heftig diskutiert. “ Also schritt sie mutig voran, damit endlich das absurde Argument, es gäbe ja gar nicht genügend Frauen, die sich bewerben würden, vom Tisch gefegt werden konnte. Gut vorbereitet führte sie einen mittleren Staatsstreich in der Theaterwelt durch: Die Quote, 50 Prozent Frauen, bei der Auswahl der RegisseurInnen für die „10er Auswahl“ für das Berliner Theatertreffen zu berücksichtigen.

„Wenn wir über Fragen der Gleichstellung sprechen, implizieren diese den Kampf gegen strukturelle Ungerechtigkeiten und die Auflösung alter Ordnungssysteme.“ Y. Büdenhölzer

Yvonne Büdenhölzers Feminismus kommt besonders freundlich und sanft daher. Nicht mit großem Tamtam, sondern leise und ernst, auf Augenhöhe, das bezeugen die, die sie kennen. Die richtigen Partner zur Umsetzung der Mission Quoteneinführung hatte sie sich gesucht, der Intendant der Berliner Festspiele stand ihr zu hundert Prozent an der Seite. Den richtigen Partner zu Hause hat sie als Mutter von zwei Kleinkindern zum Glück ebenfalls: Ohne die paritätisch aufgeteilte Arbeit zu Hause könnte sie diesen Job gar nicht machen, erklärte sie in der Dankesrede.

Yvonne Büdenhölzer und andere Berliner Frauenpreisträgerinnen

„Wie macht die das, dass die nicht zornig wird, sondern eher freundlich?“ Sonja Andres

Sie schaffte neue Strukturen. Dafür wird sie nicht nur von Schauspielerinnen in einer extra inszenierten Video-Botschaft für ihren Mut gelobt, bewundert und gefeiert, sondern auch von anderen Intendantinnen, wie Sonja Anders vom Schauspiel Hannover. Sonja Anders zog in der Laudatio den Vergleich zum Aschenputtel: „Sei mutig und freundlich“, sagte die Mutter am Sterbebett zu diesem. Und diese speziellen Zutaten sind es, die typisch für die Preisträgerin seien, die ohne großes Lamentieren „die Segnungen der Emanzipation derart weitergeben könne“.

Kulturbetriebe, eine männliche Domäne?

Die Theaterwelt ist noch immer eine von Männern besetzte Domäne, zumindest in den Führungsetagen und bei der Regie. Frauen sind dafür im Publikum zu Zweidrittel vertreten und gehäuft als Schauspielerinnen oder Theaterpädagoginnen anzutreffen. Es geht um viel Macht und Machtverhältnisse, weibliche Karrieren bremst die bekannte gläserne Decke.

Der männlich dominierte Kulturbetrieb schreibt sich in Zahlen folgendermaßen:
76 Prozent der Theater-Leitungsstellen in Deutschland sind männlich besetzt;
70 Prozent der Stücke werden von Männern produziert.

Yvonne Büdenhölzer schaffte also Tatsachen, indem sie die Quote an den Berliner Festspielen einführte. Heute lächelt sie über die anfänglichen Unkenrufe und Weltuntergangsszenarien, die gleichermaßen sowohl von Männern als auch von Frauen kamen. Sie formuliert es ganz klar:

„Quoten dienen nicht dazu, Menschen in Positionen zu bringen, die da nicht hingehören, sondern Menschen dahin zu bringen, wo sie längst hätten sein sollen.“

Für Yvonne Büdenhölzer geht es noch weiter, die Quote ist nicht alles, was ihr in den Sinn geschrieben steht. Da sei noch einiges zu bewerkstelligen, wie z. B. das längst überfällige Engagement für mehr Gendergerechtigkeit in den Künsten. „Ein Sinneswandel ist im Theater von Nöten, ein generelles Umdenken, wenn Theater relevant bleiben will“, erklärt sie, „und um Strukturen zu schaffen, brauche es Entscheidungen“. Sie hat vorgemacht, wie es geht.

Der Berliner Frauenpreis wurde anfangs an Projekte, später auch an einzelne Frauen, die sich mit ihrem Engagement für die Gleichberechtigung von Frauen in Berlin stark gemacht haben, verliehen. So erhielt ihn 1989 die Frauenzeitschrift Ypsilon der Ostfrauen unter dem Berliner Verlag, 2019 die Frauengesundheits-Netzwerkerin Karin Bergdoll

Autorin: Heike Brunner
Eingestellt am: 02.04.2020
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