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Ich bin nicht deine Mama! – aber soll ich Mutter sein?

Von Maria Coors

Bild: Antonia Buroh

Heute ist Muttertag.

Muttertag ist bäh, öder Kommerz, faschistisch besetzt, reaktionär etikettiert.

Jedes Jahr findet sich eine neue bodenlos blöde Marketing-Entgleisung – vielleicht muss mensch dieses Jahr ein bisschen tiefer in (Social-)Media danach suchen, weil andere Dinge gerade „wichtiger“ sind. Zugegeben, jedes Jahr finden sich auch eine Menge kluger und kritischer Texte anlässlich des Muttertags. Die vielen Stunden Arbeit, die Menschen (zumeist Frauen) täglich leisten, um ihnen zugeschriebene oder ihnen verbundene Kinder körperlich, emotional und intellektuell zu versorgen sind doch eigentlich jede Anerkennung wert, oder?

Was mache ich mit diesem Feiertag?

Ehrlich gesagt, bislang eigentlich nicht viel. Im Grunde ist er mir schon ziemlich lange ziemlich egal. In meiner Herkunftsfamilie wurde Muttertag nicht begangen. Wegen Hitler und den Nazis und so – eine nicht ganz treffende Verkürzung der historischen Tatsachen, aber trotzdem ok. Mein Bruder und ich durften unsere in Kindergarten und Grundschule gebastelten Geschenke abgeben und die ebenfalls dort auswendig gelernten Gedichte vortragen, dann war der Feiertag vorbei.

Ehrlich gesagt, hatte ich mich auf diesen Teil von Muttertag tatsächlich ein wenig gefreut. Das Kindergartenkind ist ansonsten nämlich nicht sehr freigiebig mit seinen Werken. („Ich mache Kunst, kein Kritzelkratzel. Vielleicht bekommst du etwas zu Weihnachten, aber dieses Bild_Kunstwerk brauche ich noch.“ Und Weihnachten werde ich dann auf Geburtstag vertröstet…) Dieses Jahr also auch (Corona-)Essig. Kein Kindergarten, keine Kindergarten-Muttertags-Bastelei, kein Kunstwerk für mich.

Und damit bin ich emotional beim ersten Teil der Antwort auf die Beziehungsfrage: Muttertag – ich: Easy wegen akuter Hinfälligkeit. Ich hätte gar nichts dagegen, ein Kunstwerk und einen Kuss zu bekommen, weil ich eine geliebte Mama bin. Aber, der einzige Mensch, der mir den Titel „Mama“ rechtmäßig zuerkennen kann, hat im Augenblick keine Außenbeziehungen, die den Bezugskontext „Muttertag“ aufmachen. Deshalb muss ich warten bis einfach mal so „Mamatag“ begangen wird. Und das ist gut so. Denn eigentlich rollen sich mir regelmäßig die Fußnägel hoch, wenn sich jemand anderes auf mich oder irgendeine andere Frau als „Mama“ (alternativ „Mutti“) bezieht.

Warum ich so völlig ok und so völlig nicht ok mit dem Titel „Mama“ bin, ist vielleicht gar nicht so schwer zu verstehen. Ich brauchte dafür trotzdem ein Aha-Erlebnis. Das hatte ich im Chat-Gespräch mit einem Kollegen vor etwa 2 Jahren. Beim Smalltalk (Smallchat?) schrieb er mir, dass er bald „Vater werde“. Ich gratulierte artig und erzählte, dass ich inzwischen ebenfalls ein Kind hätte. Er schrieb zurück, dass er ja gar nicht mitbekommen hätte, dass ich „Mama geworden wäre“. Zack – Fußnägel hoch. In diesem direkten Gegenüber fiel es mir dann auf: Dass dieser Mann seine eigene Elternschaft als „Vater werden“ adressiert, meine Elternschaft jedoch als „Mama werden“, ist m.E. weder absichtsvolle sprachliche Ungleichbehandlung noch eine semantische Lappalie. Vielmehr drückt sich darin eine weithin geteilte meist unreflektierte Ungleichheit von männlicher und weiblicher Elternschaft aus. Während das Verhältnis zwischen einem Mann und seinen Kindern in erster Linie und v.a. in der Öffentlichkeit ein rechtliches ist (er hat gezeugt und ist erziehungsberechtigter Vater), ist das Verhältnis einer Frau zu ihren Kindern ein primär emotionales. „Mama“ ist ein Beziehungsname, ein Kosename, kein juristischer Begriff. Aber die Gestaltung und Adressierung dieser Beziehung ist nicht etwa beschränkt auf die unmittelbaren Beziehungspartner*innen (Mutter und Kinder) sondern ist vielmehr ein öffentlich verfügbarer.

Die Einsicht, dass die Vergemeinschaftung weiblicher Körper und weiblichen Beziehungshandelns durch Elternschaft nicht etwa eingeschränkt und privatisiert sondern im Gegenteil ausgeweitet wird, ist nun nicht gerade neu. Mir hat diese Verknüpfung aber zu einer Begriffsklarheit verholfen: Ich bin keine Mama! Ich bin nur die Mama für eine ganz bestimmte andere Person.

Der Kindergarten, der mich und die andere „Mamas“ auffordert, Plätzchen für die Weihnachtsfeier ranzuschaffen.

Der Biolehrer, der das Verhältnis von Ei zu Körpergröße von Weiß-der-Kuckuck-welchem-Vogel in Richtung unserer Mädchenbank als: „Das ist dann schon unangenehm für euch, wa?“ beschreibt.

Eine Unbekannte auf der Straße, die Bemühungen des Mannes unser Baby zu beruhigen, mir verschwörerisch zublinzelnd, mit: „Da braucht es wohl die Mama“ quittiert.

Reklame, die auf besondere Bedürfnisse von „Mamis“ rekurriert.

Eine Chefin, die keine potentiell zukünftigen „Mamas“ mehr einstellen will.

Journalist*innen, die sich auf Deutschlands wichtigste Politikerin als „Mutti“ beziehen.

Nix da. Übergriffig und total daneben. Alle raus aus anderer Leute Kinder- und Schlafzimmer! Und ist Muttertag nicht genau so eine Übergriffigkeit?

Vielleicht. Vielleicht erfordert dieser und eine Reihe anderer Übergriffe aber genau einen öffentlich begangenen Muttertag. Politik und Öffentlichkeit stehen ja längst drin in meinem Schlaf-, Arbeits-, Kinder- und Wohnzimmer, Vorgarten, Küche und Klo. Vielleicht muss ich mich wohl oder übel als Mutter positionieren, um u.a. meinen „Mama“-Titel zu schützen. Selbst wenn mir das Wort „Mutter“ (wegen Hitler und den Nazis und noch ein paar andern Sachen) tatsächlich auch nicht sooo gefällt, es ist im Augenblick doch das passendste, das mir für meinen öffentlich-politischen Status in dieser Hinsicht einfällt. Und auch wenn die Tatsache, dass ich eine Elternschaft pflege, vielleicht für mich persönlich nicht ständig der wichtigste Identitätsmarker ist, würde ich doch sagen, es gibt mehr als genug Anlass, diesen Umstand nicht komplett zu privatisieren und sich das Fremdprädikat anzueignen um politische Kämpfe situiert austragen zu können. Besteuerung von alleinerziehenden Eltern (meist Müttern), Diskriminierung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt wegen (potentieller) Mutterschaft, Gewaltschutz, Armut, Gesundheitsversorgung vor und während einer Schwangerschaft, am Ende von Schwangerschaften, während Geburten usw. Gerade Corona zeigt, wie mies es eigentlich um den politischen Status von Müttern bestellt ist.

Trotzdem: Reicht das als Grund für einen „Reclaim“ des Muttertages? Der Feiertag hat mit Ann Maria Jarvis ja tatsächlich eine feministische Mutter. Und wie eingangs erwähnt gibt es viele gute Ansätze, den Tag feministisch zu revitalisieren, wie z.B. vor 3 Jahren mit #muttertagswunsch. Funktioniert das? Welchen Wert haben fixe Feiertage für politische Kämpfe? Wenn ich außerdem z.B. Juliane Brumbergs Text zum anderen Muttertag (https://www.bzw-weiterdenken.de/2007/05/von-der-mutter-erzahlen/) und ihre Verweise auf Luisa Muraro lese, überlege ich, ob ich nicht doch noch mal etwas öffentlich freigiebiger über meine Mama-Position nachdenken soll.

So isses. Heute mehr offene Fragen als Einsichten.

Autorin: Maria Coors
Eingestellt am: 10.05.2020

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Anne Newball sagt:

    Danke, liebe Maria! Komischerweise weiß ich noch nicht mal, ob ich dasselbe Unbehagen teile, aber mich überkommt jedenfalls auch jedes Mal irgendwie an diesem Tag ein noch nicht näher definiertes Unbehagen, und ich habe mich und dieses Unbehagen noch nie in irgendeinem Artikel wiedergefunden. Du kommst dem hier aber sehr sehr nahe, und je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr trifft es wahrscheinlich ganz viel! Der Kommentar ist sehr spontan, ich lasse deinen Text nochmal tiefer wirken und werde mir jetzt die von dir oben erwähnten Texte von Juliane Brumberg und Luisa Muraro zu Gemüte führen, ob ich dann meinem eigenen Je-ne-sé-quoi-mich-stört und warum ich es eigentlich auch wieder ganz toll finde, gerade von den zweien gefeiert zu werden, die mich “Mama” nennen, auf die Spur zu kommen. Danke für diesen wichtigen Anschubser zum Tieferdenken!

  • Gudrun Nositschka sagt:

    Wenn Kinder, die ich geboren habe, ihren Geburtstag feiern, ist es auch mein “Mamatag”. Die Silbe MA steht für Leben und der Begriff Mama in der Verdoppelung für die Fähigkeit von Frauen, nach der Geburt dieses Kind auch mit ihrer Milch für eine Weile nähren zu können, am Leben zu erhalten. Mittlerweile wird diese Zuwendung nicht mehr kleingeredet.
    Sollte ich von einem fremden Menschen mit Mama angeredet oder benannt werden, könnte ich daher antworten: “Danke für diese Ehrbezeichnung. Doch die steht nur Ihrer Mutter zu.”

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