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Rubrik Blitzlicht

Meine Heldin des Corona-Alltags

Von Anne Newball Duke

Illustration von Valerio Vidali im ZEIT-Magazin Nr. 14

In den Medien lese und höre ich momentan oft, die Menschen hätte wieder Langeweile. Sie wüssten nicht, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen. Hazel Brugger zum Beispiel ordnet einen Tag lang ihre Bücher nach Farbe sortiert ins Regal. Herrlich. Irgendwann gegen 23 Uhr, wenn ich müde ins Bett taumle, kichere und gluckse ich mich durch ihr Video und bin so dankbar für diesen kurzen Einblick in ganz fremde Galaxien.

Es wurden schon einige Erwiderungen auf die angebliche Corona-Langeweile geschrieben und gesungen; am allerliebsten ist mir dieses Video von Victoria Emes, das mich seit Wochen regelmäßig zum Lachen bringt.

Jetzt zu Corona-Zeiten könnte ich mich komplett in mein plötzlich wieder über mich hereingebrochenes Hausfrauendasein fallen lassen und mich in mehr Daseinskompetenz üben – bis zu einem gewissen Grad gefällt mir das auch gut – aber das reicht nicht; ich würde buchstäblich durchdrehen, wenn ich keine Zeitfenster finden würde, um mein Fühlen und Denken in die Zukunft zu richten.

Im letzten Oktober gründeten drei eigentlich so schon mit genug Arbeit ausgestattete Frauen Anfang bis Mitte vierzig (zwei davon dreifache Mütter und eine davon noch Vollzeit arbeitend) die Parents for Future in Esslingen am Neckar. Und auf unserem ersten Treffen erschien sie: Waltraud. Mit ihrer ganzen Energie und Entschlossenheit eroberte sie mein Herz.

Auf einer Demo in Schwäbisch Hall im Februar 2020 (Waltraud rechts)
auf Tagesschau.de am 24.04.2020

Seitdem stapfen wir gemeinsam von einem Workshop über Klimagerechtigkeit und von einer FFF-Demo im Umkreis von etwa 20 Kilometern zur nächsten. Waltraud ist 70 Jahre alt und scheint mit schier unendlicher Schaffenslust und -kraft ausgestattet zu sein.

Bereits nach einer Woche Corona-Shut Down beschwerte sie sich im Parents-Verteiler über unser Nichtstun: Was denn los sei, ob wir eingeschlafen seien, jetzt sei doch die Zeit, in der wir die Leute aufrütteln und zu neuem Denken anregen müssten. Also suchten und fanden wir neue Formen des Protestes: kein Spaziergang mehr ohne Kreide in der Tasche, um damit Straßen, Fußgängerwege und Bäume mit Fragen zu beschreiben. Und am 24.04., dem fünften Globalen Klimastreik, gelang uns hier in Esslingen gemeinsam mit dem Klimagerechtigkeitsbündnis eine kleine aber feine Streikform, die es sogar in die bundesweiten Medien schaffte.

Von Waltraud bemalte Steine, die sie u.a. an vielbelaufenen Spazierwegen ablegt.

Waltraud war über 30 Jahre lang Altenpflegerin. Ich habe ihr schon viel von dem Denkansatz “Wirtschaft ist Care” erzählt. Gestern schickte ich ihr per WhatsApp folgenden Artikel und schrieb darunter: “Typisch ZEIT: macht eine gute Analyse, nennt alles beim Namen, aber gibt dann einfach keine Anregungen zum Weiterdenken oder Hinweise, wo diese Care-‘Misere’ bereits weitergedacht wird.” Darauf antwortete Waltraud: “Danke für den Artikel. Gestern spät abends rief mich noch ein Ex-Kollege an. ‘Sie sollen aufhören zu schwadronieren über Systemrelevanz, aufhören zu klatschen, sie sollen ENDLICH einfach nur unsere Arbeit GERECHT entlohnen, unser Tun auch nachher nicht abtun als ‘Hinternputzerjob’ und geringschätzigem Lächeln. Und sie sollen aufhören sich zu empören, dass die Alten ‘weggesperrt’ werden, sondern lieber Briefe schreiben, Blumen schicken, vor den Zimmern musizieren und – ja – ein Vaterunser laut MIT IHNEN sprechen. DANN würde es leichter für alle.’ Ja, wie das da abgeht, weiß nur, wer da je gearbeitet hat. Und das für wenig Geld, später wenig Rente, wenig Anerkennung…. Wirtschaft ist Care – JA, SO IST ES”.

Unermüdlich schreibt sie nun Briefe in Kranken- und Pflegeheime und ruft Bewohner*innen an, die sie kennt, um ihnen einen Anruf lang die Zeit mit Lachen und neuen Eindrücken zu füllen. “Brutal” sei die Einsamkeit bei vielen, sagt sie. Das hat mich dazu motiviert, zu Ostern auch ein paar Briefe in Pflegeheime und Seniorenresidenzen zu schreiben; meine Töchter haben bunte Osterbilder dazu geliefert.

Wahrscheinlich brauche ich nicht zu erwähnen, dass sich Waltraud auch noch bei “Omas gegen rechts” engagiert. Langeweile? Leider das Gegenteil. Vor drei Wochen hörte ich einige Tage nichts von ihr. Endlich antwortete sie mir: “Mit den Pausen – das klappt schon mein Leben lang nicht so gut. Aber ich übe! Atemnot und gepresste Brust ist nicht so lustig, da kommen Pausen gezwungenermaßen allein. Abgeben und loslassen, bei sich sein und glauben (wissen!), dass andere das noch besser können… daran hapert es noch.”

Handstand üben ist keine dumme Sache. Frau/man sieht die Welt dann aus einer ungewohnten Perspektive. Nur diese Perspektive dann auch zu nutzen… das Gefühl der Brustenge nehmen wir Menschen wie Waltraud nur, wenn wir mehr werden, die aktiv und laut für ein gutes Leben für alle einstehen und jenen Menschen, denen es gerade nicht so gut geht, das Gefühl geben, nicht allein zu sein. Daran hapert es noch.

Gestern hatte ich einen schwarzen Tag. Alles, was ich las und dachte, gab mir Anlass zu deprimierenden Gedanken. Waltraud fühlte das wohl aufgrund meiner etwas negativen Kommentare und Links, die ich ihr schickte, zündete eine Kerze für mich an und schrieb dazu: “Wir müssen das GUTE, ZUKÜNFTIGE, RICHTIGE anschauen, sonst werden wir verrückt.”

Danke, liebe Waltraud, dass es dich für mich und so viele andere Menschen gibt, und wir uns gegenseitig Mut machen und motivieren können.

Engagement für das Klima, auch in Corona-Zeiten. Fotos Anne Newball-Duke und Waltraud Jäger

Autorin: Anne Newball Duke
Eingestellt am: 04.05.2020

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