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„Dich kriegen wir auch noch klein“

Von Brigitte Leyh

Aus heutiger Sicht ist es fast nicht mehr vorstellbar, mit wie viel Sexismus, Häme und Widerstand Politikerinnen zu kämpfen hatten, die in den ersten Jahren der Bundesrepublik im Bundestag oder in Ministerien aktiv waren. Dazu eine Buchempfehlung von Brigitte Leyh.

Torsten Körner: In der Männer-Republik. Wie Frauen die Politik eroberten, 2020, Kiepenheuer & Witsch, 368 Seiten, 22 €.

Wenn ein Mann über Frauen schreibt, bin ich meist erst einmal misstrauisch. Aber in dem kürzlich erschienenen Buch „In der Männer-Republik. Wie Frauen die Politik eroberten“ von Torsten Körner wird uns das Ausmaß der Frauendiskriminierung in der parlamentarischen Geschichte der Bundesrepublik vor Augen geführt.

Schon die vier Mütter des Grundgesetzes Elisabeth Selbert, Friederike Nadig, Helene Weber und Helene Wessel begegneten der unverhohlenen Geringschätzung vieler männlicher Kollegen. Auch später lösen die berechtigten Anliegen von Politikerinnen bei vielen Männern im Parlament lediglich Heiterkeit aus. In der Presse ihrer Zeit wurden sie, ihre Anliegen und Leistungen allzu häufig ignoriert und ausgeblendet.

Bundeskanzler Konrad Adenauer zum Beispiel äußerte sich ganz unverblümt besorgt, als mit Elisabeth Schwarzhaupt 1961 erstmals eine Frau Bundesministerin wurde: Dann könne man nicht mehr so offen reden, klagte er, außerdem sei sie nicht trinkfest. Obwohl Schwarzhaupt promovierte Juristin war, wurde sie nicht nur von ihm zum „Fräulein“ geschrumpft und auf das Gesundheitsministerium verwiesen, das Adenauer als unwichtig genug einstufte, um es einer Frau anzuvertrauen. Dass die CDU-Politikerin darauf drängte, den Gleichberechtigungsgrundsatz in deutsches Recht umzusetzen und zum Beispiel gegen den damals immer noch existierenden „Gehorsamsparagraphen“ (§1354) im Bürgerlichen Gesetzbuch anging, der Ehemännern die Entscheidung über das gemeinschaftliche eheliche Leben zusprach, fanden viele männliche Politiker unnötig und lästig.

Immer wieder kam es vor, dass Politiker weibliche Abgeordnete durch Gelächter, Schenkelklatschen, höhnische Zwischenrufe störten. Frauenverachtende Witze und Sprüche wie „Dich kriegen wir auch noch klein“ waren an der Tagesordnung. Der Bundestagspräsident ließ dieses rüpelhafte Verhalten in aller Regel durchgehen, wie Waltraud Schoppe (Die Grünen) später bemerkte. In fast allen Parteien wurden Kandidatinnen zudem regelrecht auseinandergenommen, wie Körner schreibt: „Ist sie nicht zu alt? Oder zu jung? Ist sie nicht zu hübsch? Ist sie hübsch genug? Warum ist sie nicht bei den Kindern? Ist sie klug? Ist sie vielleicht zu klug? Ist sie unverheiratet? Geht sie auf Männerfang aus? Ist sie so frustriert, dass sie in die Politik gehen muss? Welche Qualifikationen bringt sie überhaupt mit? Nimmt sie nicht dem verdienten Genossen Müller Huber Schmidt den Platz weg?“

Das Buch zählt all die Steine und Minenfelder auf, die den Frauen in patriarchalischer Solidarität im Parlament in den Weg gelegt wurden, während sie für die Abschaffung des Gehorsams in der Ehe, gegen den Abtreibungsparagraphen, gegen Vergewaltigung, sexuelle Gewalt, für gleiche Bezahlung, gegen Kernkraft und für Kindergärten eintraten. Statt sich mit den Anliegen ihrer Kolleginnen ernsthaft auseinanderzusetzen, waren viele Politiker damit beschäftigt, herauszufinden, ob die Frau einen BH trug oder ob sie im Bett nicht besser aufgehoben wäre als im Parlament. Während die Frauen sich dafür einsetzten, dass die Gleichberechtigungsverpflichtung von 1949 mit den entsprechenden Konsequenzen real umgesetzt wurde, haben sie es mit einem Plenarsaal zu tun voller „Gelächter und Grinsen, man wirft einander vielsagende Blicke zu, haut sich auf die Pulte und die eigenen Schenkel.“

Torsten Körner ruft bemerkenswerte und oft heute schon wieder vergessene Politikerinnen in Erinnerung wie Renate Schmidt (SPD), Käte Strobel (SPD), Petra Kelly (Die Grünen), Hildegard Hamm-Brücher (FDP), Ingrid Matthäus-Maier (erst FDP, dann SPD), Antje Vollmer (Die Grünen), Annemarie Renger (SPD) und Rita Süssmuth (CDU). Und natürlich Heide Simonis (SPD), die 1993 die erste Ministerpräsidentin wurde. Die Grünen haben mit ihrer radikalen Forderung nach 50-Prozent-Parität weitere Frauen von Format ins ungewohnte Rampenlicht gebracht, obwohl auch sie es in ihrer Partei nicht immer leicht hatten. Die von ihnen vorgeführte – und von ihrem Parteikollegen Joschka Fischer belächelte – Gleichberechtigung hat auch dazu beigetragen, dass Kohls „Mädel“ Angela Merkel (CDU) erste Bundeskanzlerin werden konnte.

Auf allen 362 Seiten des Buches kann man den Respekt spüren, den der Autor seinen Protagonistinnen entgegenbringt. Wenn Männer so über Frauen schreiben, ist das okay für mich.

Torsten Körner: In der Männer-Republik. Wie Frauen die Politik eroberten, Kiepenheuer & Witsch 2020, mit Bildern und Quellen, 368 Seiten, 22 Euro.

Autorin: Brigitte Leyh
Eingestellt am: 26.07.2020

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Dr. Gisela Forster sagt:

    Klingt sehr spannend und interessant.

    Mit schwebt vor, dass versuchsweise eine Woche der ganze Bundestag ausgewechselt wird: Auf jeden Männerplatz kommt eine Frau und auf jeden Frauenplatz ein Mann.

    Dann wären auf einen Schlag (ja es wäre ein Schlag) etwa 400 Frauen im Saal, auf dem Gängen, am Rednerinnenplut, in den Ausschüssen, in dem Beschlussorganen.

    …ein schönes Bild und vielleicht so schön und effektiv, dass man diese Frauenherrschaft (besser: Frauenfrauschaft) beibehalten würde.

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