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Rubrik handeln

Für Frauen*bewegungsFreiheit in Wald und Parks

Von Susann Tracht

Nach Vergewaltigung in Kleinmachnow bei Berlin: „Ich würde dort nicht mehr hingehen – erst recht nicht alleine“

„Ich gehe seit Jahren hier spazieren – und werde das auch weiterhin tun. Natürlich muss man immer vorsichtig sein. Aber ich denke, die Joggerin hat riesiges Pech gehabt.[…].”

Alleine gehen wir nicht mehr joggen!
“Einmal die Woche gehen Mia (19) und Marisa (21) hier gemeinsam in den Wald, um zu joggen. Diesmal haben sie Verstärkung mitgebracht, ihr Sport findet mit Security statt: Mias Freund Paul (21) begleitet die beiden Läuferinnen auf dem Mountain-Bike. „Ich bin der Bodyguard“, sagt der Mathematikstudent aus Spandau. (…) Und noch immer haben nicht alle hier von den Verbrechen gehört. Viele, die unterwegs sind, wissen nichts von den Vergewaltigungen: „Wir sind gerade mit dem Fahrrad durch den Wald gefahren“, sagt Ulrike (47) aus Neukölln, die gemeinsam mit einer Freundin einen Ausflug macht. „Zurück nehmen wir dann wohl besser die größeren Straßen.“

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Foto: Lea Böhm/unsplash.com

Nach den brutalen Vergewaltigungen von Frauen und Mädchen in den Wäldern rund um Berlin – und zwar am hellichten Tag – war und ist die Angst groß.

Eine Reaktion in den Medien-Schlagzeilen sowie seitens einiger Bürger*Innen war jene, dass Frauen nicht (mehr) alleine im Wald joggen bzw. sonst wie unterwegs sein sollten. Hier stellt sich die Frage, für wen das eigentlich die Lösung des Problems ist. Ich sehe in solchen gut gemeinten Empfehlungen die Gefahr eines Einschnitts in hart errungene Frauen*rechte für die gesellschaftlich-politische Bewegungsfreiheit von Frauen*. Zudem stellt es für jede einzelne Frau* eine große persönliche Gefahr dar.

Den meisten Frauen* ist es schon längst in Fleisch und Blut übergegangen, sich in Wald und Park abends und nachts überhaupt nicht oder nur sehr, sehr vorsichtig zu bewegen. Es ist noch immer – trotz aller Errungenschaften der Frauenbewegungen – verhaltensbestimmend, denn welche Frau* kennt dieses Gefühl nicht: Ich laufe allein in der sommerlichen Dämmerung durch einen Park, den ich kenne und mag. Plötzlich höre ich Schritte hinter mir. Die Atmung und der Herzschlag werden schneller. Die Augen scannen bewusst – unbewusst (?) die Umgebung ab. Wonach eigentlich? Fluchtmöglichkeiten? Andere Menschen? … Noch einmal tief durchatmen. Ich drehe mich um. Puhhh … ich sehe eine Frau*.

Dieses reptilienhirnmäßig verkörperlichte Schutzprogramm möge – und das ist mein Anliegen – nicht auch noch als verkörpertes No-Go bei Tag in der Gesamtheit der Frauen* verinnerlicht werden, wir Frauen* brauchen nicht noch eine No-Go-Area mehr.

Wenn wir Frauen* aus Angst vor einer möglichen Vergewaltigung unseren Bewegungsrahmen eingrenzen, wird nicht nur unsere sportliche  Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Unser Dabei-Sein in der Welt engt sich immer weiter ein.

Als vergewaltigte Frau* weiß ich, wie die Spirale der Angst wirkt. Ich weiß aus gelebter Erfahrung, dass  das Sicherheitsempfinden durch die Einschränkung der Bewegung im öffentlichen Raum nur eine kurzfristig beruhigende Illusion ist, die eine immer größere Einschränkung der Bewegungsfreiheit nach sich zieht, ja regelrecht einfordert. Dies kann so weit gehen, dass frau* aus Angst ihre Wohnung nicht mehr verlässt. Dieses Unsichtbarmachen im öffentlichen Raum ist auch durchaus das Ziel der Angst, da sie die Frau* vor einer potentiell ja immer möglichen neuen Gewalttat/ Gefahr schützen will.

Ein solches Vermeidungsverhalten wirkt kurzfristig vielleicht sinnvoll und schützend. Mittel- und langfristig jedoch dehnt sich die Angst auf alle möglichen Lebenssituationen aus und schränkt den Alltag und die Teilhabe am Leben grundlegend ein.

Ist der Ratschlag, dass Frauen* jetzt bitte auch tagsüber nicht (mehr) alleine im Wald joggen bzw. sonst wie im Wald unterwegs sein sollen, nur eine Strategie der Ratgebenden, um sich nicht mit dem wirklichen Problem, das noch immer weit in patriarchale Gesellschaftsstrukturen hineinreicht, zu beschäftigen?

Wie weit also ist der Ratschlag entfernt von dem, dem fast kein Mann* heutzutage mehr zustimmt, der besagt, dass Frauen* keine Miniröcke tragen sollten, um die Gefahr einer möglichen Vergewaltigung zu reduzieren? Sie trägt „provokante“ Kleidung, besucht „gefährliche“ Orte wie Parks, Wälder zu „gefährlichen“ Uhrzeiten und dies möglicherweise in „riskanter“ Art und Weise, z.B. allein und beschwipst.

Allen Ratschlägen zugrunde liegt die Annahme, dass es die Frau* ist, die die Verantwortung dafür zu tragen hat, ob sie Opfer von sexueller Gewalt wird oder nicht. Und auch jetzt nach den schrecklichen Vergewaltigungen rund um Berlin sind es – mal wieder – Frauen*, die präventiv waldvermeidend darauf achten sollen, kein Vergewaltigungsopfer zu werden.

Es ist den patriarchalen Gesellschaftsstrukturen inhärent, dass selbst wir Frauen* uns am Ende vielleicht gut gemeinte, aber doch sehr unreflektierte No-Go-Ratschläge erteilen. Was können wir dagegen tun? Gibt es hier bereits in Gang gesetzte Öffentlichkeitsarbeit bezüglich solcher Awareness-Prozesse bei uns Frauen*, aber natürlich auch bei Männern*, die genau dieses Dilemma thematisieren; und gibt es eventuell sogar bereits bewährte Lösungsansätze?

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Bari sagt:

    Ja es reicht! ich habe mich im Wald meist sicherer gefühlt als in der Stadt und nachts unsicherer als bei tag. aber das Gefühl sicher zu sein in meiner Stadt habe ich eigentlich nie völlig. Ich scanne immer alles automatisch nach Gefahren. Meine Freundin ist da anders, die macht sich da keinen Kopf. Jetzt finde ich , dass mal Zeit wird, dass die Männer sich ändern. Mit rigorosen Strafen ohne Bewährung für Gewaltdelikte. keine Entschuldigungen mit schwerer Kindheit. ich hatte auch ne scheißkindheit und bin nicht gewalttätig geworden. Das sollen Männer gefälligst auch. Soll es doch mal ein Ausgehverbot für junge gewaltbereite Männer geben.
    so das war jetzt jahrzehntelanger Frust, der mal raus wollte.
    Bari

  • Ulrich Wilke sagt:

    Solange es schlechterzogene, kriminelle Männer gibt, ist das Problem
    nicht anders lösbar als 1.) gefährliche Orte zu meiden, 2.) mit
    “Leibwächter*innen” zusammen zu sein, 3.) sich zu bewaffnen.

    Mir missfällt die Überschrift: “Frauen*bewegungsFreiheit”.
    Was unterscheidet “Frau*” von “Frau” und “Mann*” von “Mann”?
    (Ich vermute: nichts.) Warum schreibt Susann Tracht “Freiheit” groß?
    Bin ich der einzige, der das nicht versteht? Gemeint ist laut Inhalt: “Frauenbewegungsfreiheit” oder “Die Würde einer Frau sei
    unantastbar”.

  • Claudia sagt:

    Gegen die konkrete Gefahr hilft keine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Männergewalt, sondern einzig die persönliche Konsequenz: als “gefährlich” eingestufte Orte meiden, nicht alleine dorthin gehen, bzw. auch: sich bewaffnen, Kampfsport/Selbstverteidigung lernen, stets aufmerksam bleiben (und nicht mit Kopfhörern wegträumen).

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