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Rubrik denken

Nachdenken über Arrival I (von III): Zukunft als Ankunft

Von Anne Newball Duke

Dieser und die folgenden zwei Artikel greifen noch einmal wesentliche Ideen auf, die wir teilweise schon in unserem ersten Videopodcast zum Film “Arrival” und der Kurzgeschichte “Story of your Life” diskutiert haben. Es gibt aber auch einige neue Ideenzusammenfügungen und Gedanken, die in dem Podcast aus Zeitgründen keinen Platz mehr gefunden haben.

Foto: Anne Newball Duke

Was wäre, wenn uns unsere “westliche”, oder “westostnordsüdliche” – wie Sascha Mamczak sie in Zukunft – Eine Einführung (2014) nennt – Form des Denkens, dazu gebracht hat, dass das zukünftige menschliche Leben auf dieser Erde nicht mehr gesichert ist; also nicht mehr weit in die Zukunft ragen wird? Müssten wir dann nicht das ganze Fundament unseres Denkens und Strebens von Grund auf neu ausrichten, um noch eine Chance zu haben?

Nehmen wir einmal an, das wäre so. Wie sollte sich das Zukunftsdenken dann gestalten? Ich plädiere für eine radikale Zukunftsverplanung. Das klingt unrealistisch? Beschauen wir doch einmal kurz anhand einiger Beispiele unser momentanes, eher schizophrenes, um nicht zu sagen, antagonistisches Zukunftsdenken:

Wir sind einerseits fähig, die Abzahlung eines Kredites in die Zukunft zu planen. Wir stellen uns – während wir die Kreditvereinbarungen in der Bank unseres Vertrauens unterschreiben – vor, wie es sein wird, wenn wir – dann kurz vor der Rente stehend – das erste Mal ohne Schulden in der Hängematte hinterm Haus liegen, Enkelkinder spielen lachend um uns herum. Dieser Zukunftsblick beinhaltet natürlich nicht die gesellschaftlichen oder klimatischen Zustände bei Abzahlung des Kredites. Nein, der Zukunftsblick ist kurz und flüchtig. Außer dass wir irgendwie physisch älter geworden sind, hat sich nichts um unser gerade erworbenes Haus geändert.

Das nur flüchtige Hineinimaginieren in einen glücklichen zukünftigen Moment ist gewollt. Mehr erwarten wir nicht von unserem Zukunftsdenken. Denn wir lieben die Vorstellung, dass “die Zukunft wie ein unbeschriebenes Blatt vor uns liegt”. Obwohl wir gerade das Gegenteil unterschrieben haben; denn mit dieser Unterschrift haben wir uns in krasser Weise beinahe über das ganze Leben – zumindest doch über die nächsten Lebensjahre – festgelegt: oftmals über die Art der Familienplanung und -erweiterung und die Art der Aufteilung dessen, wer in dieser Partnerschaft, die das Haus bewohnen wird, wie viel lohnarbeitet/lohnarbeiten muss und wie viel Geld verdient/verdienen muss usw. usf.

“Die Zukunft liegt wie ein unbeschriebenes Blatt vor uns.” Bei genauerem Hinsehen würden wir jedenfalls bemerken, dass die Zukunft das gar nicht tut. In unseren je singulären Zukünften planen wir schon heute besonders sehnsüchtig den Sommerlaub 2021, da unsere diesjährige Flugreise auf die Malediven (“Damit wir sie noch gesehen haben, bevor sie untergehen!”) ja ins Corona-Wasser gefallen ist.

Und in unserem “westostnordsüdlichem Wachstumsmodell, das den Planeten fest im Griff hat”, bezieht sich “praktisch alles, worüber wir eine Aussage treffen, […] auf einen zukünftigen Zeitpunkt. Unser Gesellschaftssystem – ganz abgesehen von unserem Wirtschaftssystem, das an den Börsen im Sekundentakt ‘futures’, also noch gar nicht realisierte Gewinne, handelt und Dividenden auf Geld auszahlt, das noch gar nicht eingenommen wurde – funktioniert nur, weil weite Teile der Zukunft bereits verplant, eingepreist, vorweggenommen sind.” (Mamczak, S. 29) Wir verbrauchen Zukunft (ebd., S. 97), indem wir die Zukunft längst zu einem politischen und wirtschaftlichen Projekt gemacht haben.

Und noch ein Beispiel für das in uns angelegte Zukunftsdenken führe ich an: Wann begann das, dass in irgendwelchen Science-Fiction-Romanen ein Zukunftsbild entworfen wurde, in dem die Hauptprotagonist*innen Videophone, Flugautos, Mondstationen und unbegrenzte Energie waren? Und über was reden wir heute, in der realen Welt von 2020, wenn wir von “naher Zukunft” sprechen? Genau: von Flugtaxis. Sagen wir also nicht, irgendwelche versponnenen fiktiven Zukunftsentwürfe von vor mehr als hundert Jahren würden nicht wirklich manchmal angestrebt und realisiert werden (wollen). In den neueren Sci-Fi-Blockbustern fliegen Flugautos meist in Dystopien rum, in denen zwei Agent*innen versuchen, die je andere von ihrem Flugauto aus zu erschießen. Brave new world. Und das ist also die Ausstattung des Menschen, die wir dann zum Flugtaxi dazugeliefert bekommen: heißes Lederoutfit, scharfe Waffen und Muskelarme. Oh Göttin, gähn, mein Brustkorb wird ganz eng, we have a lot of bodywork to do here.

Hey, aufwachen! Das Interessante an all den obigen Beispielen nun ist, dass wir Menschen ganz grundsätzlich dazu befähigt sind, ZUKUNFT ZU SEHEN und ZUKUNFT ZU (VER-)PLANEN. Ich würde mich daher schon jetzt korrigieren und nicht mehr von “Zukunftsverplanung” sprechen, sondern von “Zukunftsneuverplanung”.

Im grandiosen Science-Fiction-Film Arrival von 2016, basierend auf Ted Chiangs Kurzgeschichte Story of your Life von 2002, wird folgende, sehr viel radikalere Idee von Zukunftswissen durchgespielt: Was wäre, wenn wir unsere Zukunft kennen würden, und zwar bis zu unserem Tod, und, why not, auch darüber hinaus? Wäre ein solches “vorher gewusstes” Leben für uns lebenswert?

In der Kurzgeschichte ist es die Linguistin Louise Banks, die diese zukunftsseherischen Fähigkeiten erhält, als sie eine Alien-Sprache lernt. Denn dieser Spracherwerb hat bald Folgen für ihr Bewusstsein: Es wird ihr möglich, in die Alien-like Bewusstseinsform einzutreten, in die “simultaneous mode of awareness”: “They [die Aliens] experienced all events at once, and perceived a purpose underlying them all.” (Ted Chiang: Story of Your Life, Picador [2002] 2015, S.159) Wir Menschen hingegen haben einen “sequential mode of awareness” entwickelt: “We experienced events in an order, and perceived their relationship as cause and effect.” (ebd.) Und so, wie unser Bewusstsein funktioniert, so sprechen und schreiben wir auch, und so denken wir zumeist auch: hintereinander, nacheinander, immer fein linear ordentlich von der Vergangenheit ins Jetzt und selten hinein in die möglichen Zukünfte.

Nur unsere nächtlichen Träume wirbeln da manchmal so einiges durcheinander. Einer der Gründe, by the way, warum nicht nur die Surrealist*innen der Meinung waren, den Träumen müsse sehr viel mehr Aufmerksamkeit eingeräumt werden. Denn wenn wir dem, was wir fühlen und im Körper wahrnehmen, keine Aufmerksamkeit schenken, dann können wir das logischerweise auch nicht übersetzen ins Denken; wir können es uns also nicht vorstellen, geschweige denn versprachlichen. Das ist auch im weitesten Sinne der Inhalt der Sapir-Whorf-Hypothese, die ebenfalls in der Kurzgeschichte von Louise und Gary diskutiert wird. In Louises Worten besagt diese Hypothese, dass die Sprache, die man spricht, das Denken prägt. Und Ian/Gary (im Film heißt die Figur des Physikers, die mit Louise herausfinden soll, warum die Aliens gekommen sind, Ian. Ich nutze i.F. beide Namen und setze jeweils den nach vorn, auf den ich mich gerade beziehe) fasst es so: Wenn man in eine neue Sprache eintaucht, vernetzt sich das Gehirn neu. Und er fragt Louise, ob sie bereits in der Heptapod-Sprache träume. (Heptapods ist der Oberbegriff, den Gary/Ian den Aliens aufgrund ihrer sieben Gliedmaßen gibt, die – wie auch die sieben Augen – symmetrisch um den ebenfalls symmetrischen Körper herum angeordnet sind und als Arme sowie als Beine verwendet werden können.) Sodann wird ein solcher Traum Louises dargestellt. Die Heptapods bringen also Louise eine neue Sprache bei und ermöglichen ihr eine solche bewusstseinserweiternde Wahrnehmung. Ihr eröffnen sich nun Zeitfenster, oder vielleicht kann ich es auch als Erinnerungen bezeichnen, die in die Vergangenheit und in die Zukunft gleichermaßen reichen. Louise muss dafür allerdings den “freien Willen” zugunsten dieser simultanen Wahrnehmung opfern, denn diese beiden Konzepte schließen sich grundsätzlich aus: “[…] knowledge of the future was incompatible with free will. What made it possible for me to exercise freedom of choice also made it impossible for me to know the future.” (Chiang, S.163)

Es gibt einen Moment in der Kurzgeschichte, in welchem Louise und Gary/Ian angeregt über das Fermatsche Prinzip philosophieren: Kennt der Lichtstrahl bereits seinen Zielpunkt, bevor er auf die Reise geht? Kennt er also sein Ziel, das Ende seiner Reise, um so den schnellsten Weg dahin zu wählen? Und warum ist es das einzige physikalische Gesetz, auf das die Heptapods überhaupt reagieren? Es hat mit ihrer Weltsicht (“world view”) zu tun, vermutet Louise. Sie können zukünftige Dinge genauso sehen wie vergangene; einem Navi ähnlich, das vor Beginn der Reise bereits die Ankunftszeit bestimmen kann. Die Heptapods inkludieren also in ihrem Denken und in ihrer Schriftsprache den Zielpunkt ihres Denkens (oder auch: den Sinn, den Zweck); das bedeutet – in übertragenem Sinne –, sie kennen den Zielpunkt des Lichts.

Mit diesem teleologischen Blick (“teleological formulation”, S.148) auf das Fermatsche Prinzip bin ich nun der Meinung, dass auch wir realen Menschen es uns nicht mehr leisten können, uns einfach keine Vorstellung von der Zukunft zu machen; und zwar gerade angesichts der Klimaforschungsberichte einerseits und der davon völlig unbeeindruckten, einfach weitergeführten Weltverplanung durch neoliberales Wirtschaften andererseits.

Tun wir das nicht, gehen wir also weiter den Weg, den wir momentan gehen, werden wir in fünfzig bis achtzig Jahren in weiten Teilen der Erde keine Luft zum Atmen mehr haben. (Das denke ich mir nicht gerade in apokalyptischer Manier aus oder so; so steht es mehr oder weniger in nahezu allen Klimaforschungsberichten, z.B. hier.)

Was lässt uns denn aktuell ruhig und frei atmen? Luft, Wasser, Nahrung, Zugehörigkeit, Zuwendung, Sinn, Schutz, ein Dach über dem Kopf, ein Klo, ein Bett. Okay. Wenn wir organisiert haben, sodass wir das also einigermaßen sicher haben – und das haben wir doch bereits, oder? – können wir dann nicht Zeit und Lust und Kreativität aufbringen, um unseren Blick in die Zukunft zu werfen, um unser menschliches Atmen auch da zu sichern? Wir müssten die Zukunft also nicht nur klar sehen wollen, sondern wir müssten sie verändern, indem wir in diese Zukunft hinein ein “neues” Ziel pflanzen. Wir müssen dieses Ziel zudem auf einem “neuen” Weg einpflanzen, den alten Weg der Zerstörung also verlassen. Ich setze “neu” in Anführungsstriche, weil die Einsicht oder die Erkenntnis oder das Ziel ja gar nicht neu ist oder sein sollte, dass wir unser menschliches Leben und das vieler anderer Lebewesen auf der Welt erhalten und nicht zerstören sollten. Die weltlichen Verbindungen auf dieser Erde, die wir gerade dabei sind aufzutrennen, sind komplex, aber dieser Gedanke ist es nicht; er sollte unser Gehirn nicht überfordern, auch wenn das Zulassen und Wirkenlassen und Nicht-Verdrängen und Nicht-Verzerren dieses Gedankens natürlich nach sich ziehen würde, unser Leben von der Pike auf ändern zu müssen. Das ist natürlich anstrengend, und ich verstehe ja so gut, warum wir lieber verdrängen. Aber es gibt nun mal keine andere Möglichkeit.

Angenommen also, wir lassen den Gedanken zu: dann nehmen wir jetzt – um das etwas zu verbildlichen – eine Fahne und schreiben unser Ziel da drauf, und dann rammen wir sie heute in, sagen wir, 50 Jahren in die Erde. Und dieses Ziel lautet: Wir Menschen wollen überleben. Und wir wollen nicht nur irgendwie überleben, in Chaos, nach dem millionen- oder gar milliardenfachen Tod von Menschen und anderen Lebewesen durch Krieg, Umweltzerstörung usw. usf., sondern wir wollen als menschliche Spezies so überleben, dass WIR ALLE ein gutes Leben haben und unsere Lebensgrundlage nicht zerstören, sie im Idealfall liebevoll hegen und pflegen, sie erhalten und auch mal machen lassen, weil wir – und zwar WIR ALLE – erkennen, dass wir auch nur ein Teil dieses zerbrechlichen Ökosystems, ein Teil der komplexen weltlichen Verbindungen auf diesem Planeten sind. Vielleicht, wenn wir zulassen, diese Verbundenheit wieder so zu spüren, dass sie uns nicht mehr egal ist oder sie auf dem Weg zur (hoffentlich nicht allzu bullshittigen) Lohnarbeit weggewischt werden kann, geht sie ein in unser Bewusstsein, und wir erhalten so etwas wie ein “gutes Gefühl” für die Zukunft, das wir dann nach und nach in unser Denken und Sprechen aufnehmen.

Stellen wir uns also vor, diese Fahne, auf der genau das mehr oder weniger inhaltlich draufsteht (“gutes Leben für alle”), ist nun gehisst. Das heißt auch, dass wir dieses Ziel nicht mehr diskutieren. Keine anderen Meinungen, keine kompromissbeladene Entscheidungsfindung das Ziel betreffend. Kein “freier Wille”; soll heißen: kein “anderer Wille” als dieses Ziel. Kein Einbringen, kein Ausspielen, kein Ins-Feld-Werfen von jetzt noch bestehenden Hierarchie- und Machtpositionen. Einfach nur: Wir ALLE wollen (über-)leben. Und das gut. Punkt. Und das ist von nun an das, was wir sehen, wenn wir die Zukunft sehen: diese Fahne mit diesem Ziel.

Was müssen wir nun tun, damit das, was auf der Fahne steht, Realität wird? Wir müssen Pläne entwerfen. Pläne, die heute beginnen und die wir währenddessen immer weiter entwickeln, mit Hilfe von wirtschaftlichem und politischem und sozialem und kulturellem Andersdenken, von Forschung – und ich meine jegliche Forschung –, die voll und ganz auf dieses Ziel ausgerichtet wird, nicht zuletzt durch Ausprobieren, try and error usw. usf.

Wir werfen all unsere Erinnerungen nach vorne in die Zukunft. Alle unsere Fähigkeiten und Fertigkeiten der Vergangenheit werden befragt danach, welche Tätigkeiten jetzt und zukünftig sinnvoll sind, um dieses Ziel zu erreichen. Alles andere wird verworfen. Was müssen wir ab sofort bewahren, damit es auch in 50 Jahren noch allen Menschen und Lebewesen zur Verfügung steht, einfach weil es für die Zukunftsmenschen lebensnotwendig sein wird? Wie sichern wir die Grundbedürfnisse, also die Grundlage unseres menschlichen Lebens in 50 Jahren? Was müssen wir jetzt beginnen zu tun? Was baut dann darauf auf, muss parallel dazu anlaufen oder einsetzen usw. usf.?

Louise möchte am Ende die Einsicht in ihre Zukunft nicht mehr missen, auch wenn sie nun so unfassbar Schlimmes wie den Tod ihrer Tochter mit 25 Jahren (im Film mit etwa 12 Jahren) voraussehen kann. Durch die Kenntnis der Zukunft, indem sie also um die Effekte ihres jetzigen Handelns weiß, erhält genau dieses jetzige Handeln Bedeutung. Sie vollführt alles, was vor ihr liegt, Schritt für Schritt. Sie weiß, was sie tut und warum sie es tut, sie kennt alle zukünftigen Konsequenzen ihres jetzigen Handelns und Tuns, und möchte dennoch nicht mehr zum freien Willen – so wie wir ihn heute verstehen – wechseln. Ihr zukünftiges Leben bis hin zu ihrem Lebensende bereits jetzt sehen zu können, scheint ihr den Lebenssinn nicht zu nehmen, ganz im Gegenteil.

Vielleicht beruhigt das alle jene, die sich jetzt ängstlich fragen, wo sie denn da in so einem “engen Zukunftsrahmen” ihre Individual- und Selbstverwirklichungstriebe hinstecken sollen: Keine Bange, wir werden so viele Möglichkeiten haben, uns selbst zu verwirklichen, halt nur nicht mehr auf dem Rücken von 60 Sklav*innen und unter Inkaufnahme der Zerstörung unserer Lebensgrundlage. Aren’t these good news?

Verwirklichen wir uns, indem wir unsere Fähigkeiten und Fertigkeiten, unsere ganze Kreativität und Schaffenskraft in das Projekt “gutes Leben für alle in 50 Jahren” stecken! So viele sinnvolle Tätigkeiten, die schon jetzt getan und erst noch erfunden werden müssen! Werden wir kreativ, wenn wir kreativ sein wollen! Seien wir fleißig oder faul, wenn wir fleißig oder faul sein wollen! Kochen wir Spaghetti mit Tomatensoße, schmeißen wir Saatkörner auf’s Feld, bürsten wir Haare, entwerfen wir voll kompostierbare oder zumindest voll recyclebare Solar- und Windkraftanlagen, heulen wir den Mond an, lassen wir endlich Flugzeuge ohne fossilen Brennstoffantrieb in die Luft steigen, überführen wir all das fast noch gar nicht Erfasste und Gedachte in Gedichte, in Kunst, in Musik, in ein neuartiges Wissenschaftsverständnis, whatever! Machen wir nur eine Sache davon oder machen wir sie alle! Heute, morgen, oder gleichzeitig! So viele Möglichkeiten! Nur begrenzt davon, dass wir dabei die Erde nicht kaputtmachen dürfen und mit diesem 50-Jahres-Ziel vor Augen. Das ist doch drin, oder? Und mal ganz ehrlich: Welchen größeren Sinn könnte unser aller Leben denn haben, ja sollte es denn überhaupt einen anderen haben, als das gute Leben auf der Erde für die Menschheit zu sichern? Stellen wir uns mal einen Moment lang vor, wir hätten das schon internalisiert, also: Wir würden mit unserem Denken und Sprechen und Handeln nicht mehr unsere Lebensgrundlage zerstören, sondern wir würden gut leben. Nicht konfliktfrei! Aber gut. Und alle anderen auf der Welt auch. Kein Verhungern, kein Sterben im Krieg usw. usf. Wie fühlt sich das an? Wäre das nicht… käme das nicht einem Gefühl von wahrhaftiger Freiheit ziemlich nahe?

“The ray of light has to know where it will ultimately end up before it can choose the direction to begin moving in.” Louises Nachdenken über das Fermatsche Prinzip erinnerte mich an folgende Fragen von Kate Raworth (in ihrem Buch Die Donut-Ökonomie von 2017, und zitiert in der Wirtschaft ist Care-Broschüre von der Frauen*synode 2020):

“Wie sieht eine Welt aus, wenn wir an den Anfang der Ökonomie die langfristigen Ziele der Menschheit stellen? Und ein ökonomisches Denken entwickeln, das uns in die Lage versetzt, diese Ziele zu erreichen?”

Science Fiction spielt weniger mögliche Zukunftsszenarien (Was wäre, wenn das wahr wäre?) als vielmehr mögliche Denkszenarien durch (vgl. Dietmar Dath in Niegeschichte von 2019, S.42). Möglich, also machbar ist nur, was einmal ins Denken aufgenommen wurde. Zukunft sehen können, indem wir alle gemeinsam ein Ziel anstreben: wäre das nicht denkbar und möglich und machbar und wünschenswert? Was geben wir dafür auf? Entscheidungsfreiheit, also den Glauben an den freien Willen? Tun wir das wirklich? Das Zukunftsziel, wie ich es hier exemplarisch formuliert habe, ist ein weltgesellschaftliches, also kollektives; es lässt so viel singuläre Spielräume, so viel Wahlfreiheit, und das dann für alle Menschen, nicht nur für wenige Privilegierte, die viel zu oft ihrer der Privilegiertheit inhärenten Verantwortung nicht gerecht werden, ja noch nicht einmal von ihr wissen oder es als “ihre persönliche” Freiheit interpretieren, diese verdrängen zu dürfen. Bei diesem Missbrauch des Freiheitsbegriffs dreht sich mir der Magen um.

Responsabilität – so schreibt Donna Haraway – bedeutet, das Muster eines Fadenspiels in der Hand zu halten, um das man nicht gebeten hat. (vgl. Donna Haraway in Unruhig bleiben [2016] 2018, S. 23) “Es sind Zeiten von Massensterben und Ausrottung; von hereinbrechenden Katastrophen, deren unvorhersehbare Besonderheiten törichterweise für das schlechthin Nichtwissbare gehalten werden; einer Verweigerung von Wissen und der Kultivierung von Responsabilität; einer Weigerung, sich die kommende Katastrophe rechtzeitig präsent zu machen; Zeiten eines nie dagewesenen Wegschauens.” (ebd., S.54) Nötig sei vielmehr ein Handeln und ein Denken, die nicht mit der dominanten kapitalistischen Kultur zusammengehen. Und das – so zitiert Donna Haraway den “Ingenieur für komplexe Systeme” Brad Werner – “sei nicht eine Frage der Meinung, sondern geophysikalischer Dynamiken” (ebd., S.69). Gedankenlosigkeit können wir uns nicht mehr leisten. “Denken müssen wir. Wir müssen denken!” (ebd., S.54) Und wir brauchen dann eine Sprache, der wir keine Pathetik oder Rührseligjkeit attestieren, nur weil wir mit ihr im dialektischen Sinne die Worte wieder näher an die Dinge bringen wollen, indem wir unser Denken und unsere Sprache zwischen Wort und Ding unermüdlich hin- und herreisen lassen.

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Antje Schrupp sagt:

    Liebe Anne,

    danke fürs Aufschreiben dieser sehr interessanten Gedanken. Mir sind beim Lesen spontan zwei Fragen gekommen.

    Erstens – ich frage mich, ob dein Vorschlag zur “Übernahme” der teleologischen Weltsicht wirklich analog ist zu dem, was Louise macht. Ich meine: Sie rammt eben keine neue Fahne in die Zukunft (auf der steht, dass ihre Tochter gesund alt wird), sondern da sie die Zukunft kennt, bekommt ihr Handeln einen Sinn. Wenn ich das analog auf deine Argumentation anwende: Wenn man die Zukunft sieht – also die Klimakatastrophe – während andere wegschauen und ignorieren, wäre die analoge Reaktion im Sinne der Heptapods nicht, jetzt entsprechend zu handeln, ohne diese Zukunft ändern zu wollen (z.B. keine Kinder mehr kriegen, Vorkerhrungen treffen, etc) – also nicht, dass das etwas wäre, wofür ich plädieren, sondern einfach nur deine Logik der Argumentation hinterfragen. Also: Warum, wenn du dir ein Beispiel an Louise nimmst, pflanzt du eine neue Fahne, während sie das bei ebenso schlimmer Voraussicht nicht tut?

    Zweiter Punkt: Bei deiner Schilderung der verplanten Zukunft – was ich übrigens einen sehr wichtigen Punkt finde, gerade auch um die falsche Vorstellung zu entlarven, die Zukunft sei ein “leeres Blatt”, was sie natürlich nicht ist und was immer Machtverhältnisse verschleidern soll.. Also bei diesem Punkt dachte ich an Hannah Arendt, für die der Weg zu einer Veränderung dieses Weges der verplanten Zukunft ja das Neuanfangen ist. Während Weitermachen also das Default ist, erfahrungsgemäß, zeigt sich menschliche Freiheit in der Möglichkeit des Neuanfangs, sowohl in Form von neu geborenen Kindern (durch die ständig “anderes” in die Welt kommt), also auch in der Möglichkeit, durch Handeln “neu anzufangen”, indem man eben nicht das tut, was man normalerweise jetzt tun würde. Also im Prinzip ist das eine genau entgegengesetzte Hoffnung zu deiner. Beim “Neuanfangen” habe ich keine genaue Zukunft vor Augen, es ist nur das Nein zum bisher Verplanten bzw. zum Erwartbaren. Das Besondere am freien menschlichen Handeln ist eben, laut Arendt, dass man seine Folgen gerade nicht vorhersehen kann, weil es auch darauf ankommt, wie andere Menschen das aufgreifen und weiter spinnen. Ich glaube, ich halte mich weiter an dieses Modell, weil ich nicht glaube, dass die Menschen – deren grundsätzliches Wesen die Pluralität ist – sich auf eine gemeinsame Fahne einigen werden. Wir sind eben keine Heptapods. Und selbst wenn wir jetzt Lebenden uns einigen würden, könnten wir nicht verhindern, dass Kinder geboren werden, die dann trotzdem wieder was ganz anderes machen. Oder, mit anderen Worten: Wir können als Menschen auf unsere Freiheit genauso wenig verzichten wie auf das Atmen. Nicht, weil wir nicht wollten, sondern weil es einfach nicht geht.

  • Anne Newball Duke sagt:

    Liebe Antje,
    wow, das war schnell geantwortet :)
    Zum ersten Punkt: Ich gehe hier vom Film aus (ich sagte ja schon im Podcast, dass ich den Film in der Beziehung viel interessanter finde als die Kurzgeschichte ;): Die Heptapods kommen auf die Erde, weil sie wollen, dass die Erdenmenschen ihre Sprache lernen, weil sie in 3000 Jahren einmal Hilfe von den (Zukunfts-)Menschen brauchen. Das nenne ich mal Zukunftsvorausplanung! ;) Und genauso verhält es sich mit dem Tod der Tochter: Im Film stirbt sie an einer unaufhaltbaren Krankheit, so habe ich das verstanden. Sie kann also an dieser Zukunft nichts ändern. Nur an ihrem Umgang mit diesem Ereignis. In der Kurzgeschichte wiederum… klar, da hätte sie dann ihre Tochter vom Bergsteigen abhalten können. Aber das ist ja nicht die Idee der Kurzgeschichte, die ja darauf aus ist zu sagen, auf die Zukunft ist nicht einwirkbar. Sie haben diese “Philosophie” im Film tatsächlich komplett verändert.

    Zu deinem zweiten Punkt: Was ist Freiheit wert, wenn es klimabedingt in sehr absehbarer Zukunft nicht mehr allzuviele Freiheiten, wie wir sie jetzt kennen und für uns so und nicht anders definieren, geben wird? Müssen wir dann nicht Freiheit in einem anderen Licht definieren? Ich finde sowieso, dass viele Freiheitsdefinitionen noch zu patriarchal-kapitalistisch geprägt sind.
    Ein neugeborenes Kind, welchen Wunsch wird es haben? Welchen Wunsch haben wir für das Kind, als Eltern, als Gesellschaft? Ein gutes Leben, oder nicht? Ich stelle eben in Frage, ob es zwingend so ist, dass zukünftige neue Erdenmenschen auch weiterhin die Freiheit haben wollen, die Erde zu zerstören. (Und die “Jugend” ist ja gerade auf der Straße mit FFF usw. usf.) Das klingt reißerisch, ich weiß, aber muss das nicht langsam wirklich in unser Denken integriert werden? Dass unsere jetzige (westostnordsüdliche ;) Freiheitsdefinition etcpp. nicht das zukünftige Leben auf der Welt inkludiert? Was machen wir damit, mit diesem “Rest”, der vielleicht bisher nicht so sichtbar war und für abwendbar befunden wurde, der sich jetzt aber immer deutlicher und immer unabwendbarer in den zerbrechenden weltlichen Verbindungen zeigt?
    Und wie genau ist das, was auf meiner Zukunftsfahne steht, schon? Ist es denn auch unsere Freiheit, uns mit unserer jetzigen Freiheitsdefinition (auf der Fahne ;) als Spezies selbst zu zerstören, nur weil wir so an unserem Freiheitsbegriff hängen? Ich finde ein Nein zum Verplanten und Erwartbaren einfach zu wenig. Also ich fände es okay, wenn es uns (weiterhin) egal ist, ob wir in 80 Jahre noch existieren oder nicht.
    Man kann vielleicht nicht vorhersehen, wie andere Menschen etwas aufgreifen und weiterspinnen. Aber eine Richtung ist doch dann vorgegeben; ich glaube, da sind wir uns einig, oder nicht? Wenn das, was wir für gut und lebenswert und freiheitlich usw. usf. halten, auch in einer gewissen Form vermittelt wird, sodass es in tief im Körper ankommt.
    Ich finde Pluralität durch diese Fahne eben nicht eingeschränkt, sondern ich sehe, dass diese Fahne Pluralität eben erst ermöglicht.
    Das jetzt erstmal in etwas eiliger Kürze…
    Danke für deinen Kommentar!! Spannend…

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Mich überfordert es, wenn zum Denken so viele Worte gebraucht werden…
    (und mir kommt da Simone Weils Aussage in Erinnerung: “Lass mich schweigend von Gott reden”.)

  • Antje Schrupp sagt:

    @Anne – Ja, selbstverständlich müssen wir Freiheit neu und anders verstehen, der traditionelle Begriff von Freiheit ist nichts, allein schon weil er ohne die Freiheit der Frauen auskommt. Aber das haben wir ja schon gemacht, zum Beispiel hier: https://abcdesgutenlebens.wordpress.com/category/freiheit/ oder hier http://www.antjeschrupp.de/bezogenheit

    Wenn ich sage: “Wir können als Menschen auf unsere Freiheit genauso wenig verzichten wie auf das Atmen. Nicht, weil wir nicht wollten, sondern weil es einfach nicht geht.” dann meine ich tatsächlich, dass wir diese Wahl nicht haben. Also auch wenn wir uns darauf einigen können, dass diese Freiheit nichts wert ist, wenn sie zur Zerstörung der Erde führt, bleibt uns aber doch nichts anderes übrig, weil ich behaupte, dass der von dir vorgeschlagene Weg uns als Menschen nicht zur Verfügung steht. Das ist keine Wahl, das ist so, eine Tatsache, die sich aus der conditio humana ergibt. Aber diese Diskussion hatten wir schon bei dem Zoom-Gespräch – dass wir halt nicht wie Heptapods ticken können, selbst wenn wir es wollten.

    Von daher: Ich bin mit dir der Meinung, dass wir uns nicht mit einer Philosophie zufrieden geben können, an deren Ende die sichere Zerstörung der Erde steht. Ich bin aber skeptisch, dass das über die “Fahne in 50 Jahren” geht, sondern ich denke, es geht nur über Kursänderung jetzt, so Motto: “Der Weg ist das Ziel”.

    In beiden Fällen ist ja die große Frage, wie wir unsere Mitmenschen dazu bringen können, dabei mitzumachen. Die ist in deinem Wie in meinem Modell ja noch offen, oder`?

  • Anne Newball Duke sagt:

    Liebe Antje,
    ich denke sehr viel über die conditio humana nach, und auch hier glaube ich nicht, dass wir Menschen irgendwie festgeschrieben sind, dass es eine bestimmte condition humana gibt, irgendeinen “letzten Grund”, und danach können wir nicht tiefer tauchen. Ich glaube an viel flexiblere Systeme, gerade im (Körper-)Gehirn.
    Ich meine, wen schränkt es in der je eigenen Freiheit ein, wenn ich auf eine Fahne “gutes Leben für alle” schreibe? Wo siehst du da eine Freiheitseinschränkung für wen? Wenn ich das Ziel beispielsweise nicht selbst auf meiner inneren Fahne stehen habe, also wenn ich sage, “der Rest der Welt ist mir egal”, oder “ich kann so weit nicht sehen, meine Empathie reicht nicht über meine Bande hinaus”, so wäre ich doch aber schon d’accord damit, wenn ich mich an Regeln halten müsste, die das gute Leben für alle im Sinn haben. Oder? Wir halten uns ja jetzt auch an Regeln, die weit weniger Freiheiten versprechen; uns und anderen. Ich verstehe das mit der Wahl nicht. Wahl zwischen was?
    Und warum das Menschsein nicht wirklich versuchen, anders zu fassen zu bekommen? Wir machen das doch ständig hier; wir versuchen zum Beispiel, den Blick auf die patriarchalen Gesellschaftsstrukturen zu lenken und Dinge dadurch zu erklären. Das verändert nicht nur uns, sondern auch jene, die diese Erklärungen oder Vermittlungen ;) in sich zulassen. Wir Menschen verändern uns. Die conditio humana verändert sich auch, sie tut es schon immer. Und deswegen macht es mir so viel Spaß, neue Konzepte und Ideen anzuprobieren, und ich wundere mich manchmal sehr, wie gut sie mir passen; viel besser als alles, was mir zuvor angeboten wurde.
    Ich bin eben mehr und mehr der Meinung, dass wir Menschen unser Gehirn wieder für die wirklich wichtigen Dinge einsetzen und flexibilisieren und weiten sollten, also solange wir nicht mit dem nackten Überleben beschäftigt sind natürlich. Da ist noch viel rauszuholen. Du sagst, wir sind keine Heptapods. Aber genau das ist ja das Interessante an dem Film: Er macht uns Zuschauer*innen das Angebot, sich über Louise in Heptapod-Denkwelten zu begeben. Wir sind deswegen noch keine Heptapods, und die Film-Louise ist eine fiktive Figur in einem Science-Fiction-Film. Ich verwechsle das nicht. Aber mit ihr können wir uns einen Moment lang (ich schon mehrere Jahre, hahaaa) vorstellen, wir hätten diese Fähigkeiten. Und alleine das ändert unser Denken ein kleines bisschen, wenn wir uns darauf einlassen. Das Angebot macht gute feministische Science Fiction übrigens immer. Und ich bin mittlerweile eben der provokanten Meinung ;), dass da mehr rauszuholen ist, wenn wir nicht immer glauben, wir bleiben immer dieselben. Woher nehmen wir sonst das kleine Fünkchen Hoffnung, dass noch alles gut werden kann? Warum also schreiben wir hier beispielsweise weiter, wenn eine nicht näher benannte conditio-humana-“Eigenschaft” uns dann doch immer – wohin auch immer – wieder zurückpfeift? Das schöne am Denken ist doch, dass es frei ist. Ich meine, wir sollten dieser Freiheit ein bisschen mehr (ver-)trauen und ihr in unbekannte Welten folgen, wenn sie uns dahin mitnimmt. Es gibt bereits so viele geniale Denker*innen – Donna Haraway und Audre Lorde oder die Macher*innen von Arrival sind nur einige davon, deren Vorwärtsdenken ich jetzt in diesen drei Artikeln nutze; und Vorwärtsdenken bedeutet nicht nur “Richtung Zukunft”, sondern auch innerhalb unserer uns möglichen Denkwelten vorwärtskommen, das heißt, Neues beginnen, in unseren Denkwelten zu pflanzen und dann schauen, was es uns an Ernte bringt und ermöglicht.

  • Anne Newball Duke sagt:

    Ach, und wie wir dahinkommen: ich denke, es gibt viele Wege, bzw. viele Wege müssen sich ergänzen. Der Weg, der mir persönlich momentan am meisten liegt, ist halt, über die Möglichkeiten des Denkens nachzudenken, Denktabus aufzuheben etcpp. Andere wiederum sind dabei, reale neue Welten entstehen zu lassen; teilweise und partikulär schon gelebt in commons u.ä.; oder wenn wir darüber nachdenken und diskutieren, wie so eine commonistische, geldlose usw. usf. Gesellschaft aussehen könnte. Es gibt dabei keine eine fertige Utopie am Horizont, und die wird es auch nie geben, ist meine Meinung. Wir können nur ganz viele entwerfen und ausmalen und uns vorstellen und anpeilen, und dafür bauen wir Denkgerüste. Wir können uns nur Schritt für Schritt vorwagen, und im Ausprobieren merken wir, was uns dann doch besser passt und was nicht. Vieles wissen wir schon. Wir wissen es, aber wir haben noch kein Vertrauen in dieses Wissen, das ist so mein Gefühl. Und diesem Gefühl folge ich zum Beispiel in meinem Denken und Schreiben, und versuche es zugänglicher zu machen. Dafür bedarf es halt “neuer” (und alter) Worte und Begriffe; und ich weiß, dass das anstrengend sein kann. Also kurz und knapp: anderen Menschen neue Gesellschaftsentwürfe schmackhaft zu machen, das muss meines Erachtens auf allen nur erdenklichen Wegen geschehen. Eine Utopie ist für mich kein fertiges Gesellschaftskonstrukt. Der Anfang einer Utopie oder von utopischem Denken ist für mich zuallererst einmal, ein Gefühl dafür zu bekommen, was gutes Leben eigentlich ist, was es beinhalten sollte. (Und da gibt es ja schon viele Vorschläge und Denkansätze.) Und während ich diesem Gefühl folge und nachspüre, verändere ich mich schon in Richtung Utopie.
    Deine letzte Frage also… nochmal anders gedacht: ja ich denke ja, das kann jede/r nur für sich selbst beantworten. Viele Utopist*innen sagen ja, es müsse das Angebot einer offenen und weiterdenkbaren Gesellschaftsform bereits bestehen, damit andere sich hineindenken können und dann sagen und entscheiden können, “Oh ja, das ist nett, da mach ich mit.”
    Ich denke, je mehr Menschen darüber nachdenken, was die richtigen Wege wären und wie sie aussehen könnten, desto besser. Also versuche ich das Denken in “neuen Dimensionen”, raus aus dem Kapitalozän, anzuregen. Ich versuche das also mit meinen Texten… indem ich auf die Straße gehe… indem ich lerne, wie und wo und wann Menschen erreichbar sind… das ist also mein ganz persönlicher Weg und Versuch, andere Menschen mitzunehmen. Das ist momentan mein Wie. :)

  • Antje Schrupp sagt:

    @Anne – Es schränkt natürlich niemanden in der Freiheit ein, wenn du “gutes Leben für alle” auf die Fahne schreibst, aber es bewirkt dann auch nichts. Da sind wir an dem Punkt, den Sandra in irgendeinem früheren Kommentar zu deinem anderen Text angemerkt hat, nämlich deine Verwendung des “Wir”*. Ich kann nachvollziehen, warum du es rhetorisch einsetzt, aber es verleitet dann eben auch leicht dazu, nicht mehr zu differenzieren zwischen “ich” “wir, die wir hier gleichgesinnt sind” und “wir alle Menschen”. Dein vorgeschlagenes Projekt ist ja nur erfolgversprechend, wenn das Fahne aufstellende Subjekt “wir (fast) alle Menschen sind”. Die Freiheit, auf die wir (=alle Menschen) nicht verzichten können, im Sinne der Conditio humana, ist die Freiheit, einander zu widersprechen. Ja, mag sein, wir (=alle Menschen) können uns auf eine Fahne “Gutes Leben für alle” einigen, aber dann geht der Streit halt darum, was das ist. Zum Beispiel deine Begeisterung für Louise und Arrival und Donna Haraway – die ist so groß, aber andere teilen sie nicht. Das heißt, jetzt käme eben die politische Strategie des Vermittelns. Du fragst: “Woher nehmen wir noch das kleine Fünkchen Hoffnung, das noch alles gut werden kann?” – Ich zum Beispiel nehme sie aus der Religion. Andere haben sie vielleicht gar nicht.

    Mein Eindruck ist, dass du von deinen Gedanken so ergriffen bist, dass du dir kaum vorstellen kannst, dass andere es anders empfinden und nicht so ähnlich denken (daher auch deine Verwendung von “wir” im Sinne eines “erweiterten Ich”). Aber so ist es ja nicht, und so ist es nie. Das meine ich mit Pluralismus. Die Wahrheit der Conditio Humana ist, dass es dieses “wir” nicht gibt (außer in dem banalen Sinne von “wir sind alle Menschen”. Damit hat es sich dann aber auch schon.)

  • Anne Newball Duke sagt:

    Liebe Antje,
    ja, im Grunde gefällt mir schon, dass wir, also wir drei (du, ich, Sandra ;), über das “Wir” reden. Ich werde meinetwegen auch nochmal darüber nachdenken, warum es mir so wichtig ist. Es ist auf keinen Fall nur rhetorisch, und wie ich schon unter Sandras Kommentar schrieb, soll das Wir uneinheitlich sein und verunsichern, sodass Leser*innen eben stolpern. Wenn Unklarheiten bestehen, dann sprechen wir drüber, ist doch super, und so wird vielleicht deutlicher, was jede/r mit einem “Wir” meint, kann es dann vielleicht auch für sich selber bewusster fassen. Darüber nachzudenken, finde ich ganz wichtig.

    Ja genau, es muss einen Streit darüber geben, was das gute Leben für alle ist. Ganz genau. Dieser Streit muss endlich allumfassend und radikal beginnen. Denn bisher reicht den meisten viel zu oft das gute Leben für sich selbst, auch wenn es andere Leben kostet.

    Naja, und meine Begeisterung ist natürlich da, ohne sie könnte ich nicht vermitteln. ;) Ohne sie hätte ich gar nicht das Bedürfnis, darüber zu schreiben. Klar, ich versuche, über Begeisterung zu vermitteln (wenn ich jetzt hier schon alle meine didaktischen Tricks offenlege, hehe), vorerst. Vielleicht erreiche ich damit drei Menschen. Gern würde ich noch drei weitere erreichen, ok. Aber die erreichst du ja dann vielleicht auf deine Weise. Klar… das tricky Ding ist ja: Um viele zu werden, müssen wir eigentlich schon viele sein. Denn je mehr Menschen das gute Leben wollen, desto mehr Vermittlungsarten und Vorstellungswelten dafür wird es auch geben, und dann erst kann es ja in einen produktiven Streit gehen, können wir uns widersprechen, einigen etcpp.
    Ich habe meine Stärken, und auch für mich gibt es bestimmte Vermittlungsformen, auf die ich mehr anspringe. Donna Haraway, Audre Lorde, Arrival treffen es derart, dass ich sofort fähig bin, mir ihre Begriffe als meine eigenen anzueignen. Andere, die mir auch angeboten wurden, berühren mich nicht. Das ist doch normal, oder? Mein Versuch war/ist beispielsweise auch, die “Berührungsangst” vor Donna Haraways Denken etwas abzumildern und vielleicht doch bei der ein oder anderen die Lust zu wecken, sich mit ihrem Denken zu beschäftigen. Ich bin immer noch nicht fertig mit ihrem Buch (aber fast!), und ich verknüpfe ihr Denken mit anderen Denkwelten, die ich eben für anknüpfbar halte, bzw die sich mir einfach ergeben (Arrival, Audre Lorde etcpp). Auch so versuche ich zu vermitteln.
    Na gut. Ich kann wieder ewig weiterschreiben. Ich mache jetzt erstmal wieder einen Punkt.

  • Maria Coors sagt:

    ich denk_lese einfach weiter mit. vielen dank anne fürs schreiben und antje und anne fürs weiterkommentieren!

  • @alle

    Anne schrieb in den Kommentaren:

    “..es muss einen Streit darüber geben, was das gute Leben für alle ist. Ganz genau. Dieser Streit muss endlich allumfassend und radikal beginnen. Denn bisher reicht den meisten viel zu oft das gute Leben für sich selbst, auch wenn es andere Leben kostet.”

    und:

    “Um viele zu werden, müssen wir eigentlich schon viele sein. Denn je mehr Menschen das gute Leben wollen, desto mehr Vermittlungsarten und Vorstellungswelten dafür wird es auch geben, und dann erst kann es ja in einen produktiven Streit gehen, können wir uns widersprechen, einigen etcpp.”

    Aus meiner Sicht ist das Problem, dass “wir” im Sinne der vielen hierzulande das “gute Leben” bereits haben. Zwar nicht in dem “optimierten” Sinn, der in diesem kleinen Kreis hier angestrebt wird, aber in einem, der es der Mehrheit ermöglicht, ein ganz angenehmes Leben zu führen.

    “ganz angenehm” meint in diesem Fall ein Leben, in dem es nicht schwer ist, die Grundbedürfnisse befriedigt zu bekommen – und auch nicht mega-schwer, einiges darüber hinaus zu organisieren, um Spaß zu haben und das Leben zu genießen.
    (Das gilt durchaus auch für einen Teil der Hartz4-Beziehenden, die mit ihrer Situation nicht wirklich hadern.)

    Die ganze Bewusstwerdung darüber, auf was dieser Wohlstand basiert, was er für furchtbare Schäden und Leiden anrichtet und welche Zukunft immer wahrscheinlicher wird – dieser “globalisierte Blick aufs Ganze” führt aus meiner Sicht eher in eine hintergründige kollektive Depression, auf deren Vorderseite steigende Aggressivität, angestrengte Ignoranz/Verleugnung, verstärkte Egozentrik und verschiedene Formen des Eskapismus sichtbar werden.

    Früher war Zukunft etwas, worauf man hoffen konnte: dass es besser wird, zumindest für die Kinder.
    Das ist weg! Die Zukunft erscheint uns heute als alles verschlingendes schwarzes Loch, aus dem es kein Entrinnen gibt und dessen Randphänomene sich bereits zeigen.

    (Ich beneide Antje um ihre Fähigkeit, aus Religion Hoffnung zu schöpfen!)

    Aber zurück zum Faden, an dem ich grade war: Mit wem sollten wir also über das “gute Leben für alle” streiten? Doch allenfalls mit den Geflüchteten, die es aus der Südhalbkugel zu uns geschafft haben. Wobei das auch wieder absurd ist, denn sie haben ihr Votum für ein besseres Leben bereits abgegeben, wollen leben wie wir. Es können aber nicht “alle” zu uns kommen, wobei es ja gerade dieser unser Ressourcen-fressende Lebensstil ist, der alles in den Untergang reisst! Den hätten allerdings die meisten auf dem Globus sehr gerne…

    Die Corona-Krise hat die Lage noch verschlimmert, und zwar NICHT, weil viele schlimm erkrankt und viele gestorben sind. Sondern weil der “LockDown” klar gezeigt hat, was passiert, wenn nurmehr “das Nötigste” konsumiert wird. Der Untergang der Wirtschaft ist dann doch schneller als die Klimakatastrophe, was vielen ganz real im eigenen Leben gezeigt hat, welche Verluste drohen – und das wird dann übertragen auf die Verzichte, die uns ein drastisch nachhaltiger Lebensstil zumutet. Blöd sind die meisten ja nicht…

    Insofern wundert mich heute nicht mehr, dass auf der Titanic das Orchester noch bis in den Untergang gespielt haben soll. Ich rechne auch hier und heute mit dieser Geisteshaltung: noch mitnehmen und genießen, was (noch) da ist, weil ja bald das Ende kommt.

    Ich rechne jedenfalls eher mit Bacchanalien als mit Änderung durch ein “anderes Denken über Zukunft” (jedenfall nicht mit einem, das intellektuell/sprachphilosophisch so viel abverlangt wie Teil 3 dieser Artikelserie).

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