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Rubrik denken, heilen

Sexuelle Gewalt: Wi(e)der das Schweigen. Wider die Diktatur der Heilung

Von Rava Katz

Es gab eine Zeit, die nannte sich Feminismus, da wurden die Frauen, die (in ihrer Kindheit) sexuelle Gewalt erfahren haben, dazu aufgefordert, das Schweigen zu brechen! 

Diese Zeit ist vorbei. Die Tatsache, dass viele Frauen in ihrer Kindheit sexuelle Gewalt erfahren, ist inzwischen in das gesellschaftliche Bewusstsein gedrungen, aber heute werden die Frauen, wenn sie über ihre Gewalterfahrung sprechen, dazu aufgefordert, eine Therapie zu machen: Wenn sie ‚darüber’ reden wollen, – bzw. ‚müssen’ – dann doch bitte hinter den verschlossenen Türen einer Therapiepraxis – schließlich gibt es genug bestens ausgebildete TherapeutInnen, die bestens dafür bezahlt werden, dass sie zuhören und der Patientin zur ‚Heilung‘ verhelfen.

Die Trauma-Forschung hat Frauen, die sexuelle Gewalt erfahren haben, geholfen, sich selbst besser zu verstehen, aber leider hat sie auch dazu beigetragen, die Frauen als ‚traumatisiert‘ zu pathologisieren und ihnen eine neue Bürde aufzulasten: heutzutage werden sie zwar nicht mehr zwangsläufig für das verantwortlich gemacht, was ihnen passiert ist, aber  sie sind dafür verantwortlich, ‚heil‘ zu werden, – denn dank der Trauma-forschung und all den guten Trauma-TherapeutInnen ist dies ja nun möglich.

Es gibt nur zwei mögliche Identitäten, die die patriarchale Gesellschaft einer Frau anbietet, die sexuelle Gewalt erfahren hat : 

1. Die Traumatisierte, die Kranke, dafür bekommt sie Mitleid und, wenn sie Glück oder genug Geld hat, eine therapeutische Behandlung.

2. Die Geheilte, die es geschafft hat, das Schreckliche hinter sich zu lassen, die es geschafft hat, sich wieder einzureihen in die patriarchale gesellschaftliche Ordnung, in der es nun mal (sexuelle) Gewalt, aber dafür auch gut ausgebildete TherapeutInnen gibt.

Undenkbar, ein System ohne sexuelle Gewalt??

Die TherapeutInnen „heilen“ die Frauen, die sexuelle Gewalt erfahren haben, aber sie „heilen“ nicht das System. Im Gegenteil: Diese angebliche „Heilung“ trägt dazu bei, dieses System zu erhalten. (Denn wenn die Folgen der Gewalt heilbar sind, kann ja alles so bleiben).

Ich habe in meiner Kindheit sexuelle Gewalt erfahren. Ich bin sehr tief verletzt und erschüttert worden, aber ich fühle mich nicht krank. (Doch ich habe inzwischen eine „Heilungs-Allergie“).

Das System, das mich umgibt, ist krank. Die Menschen, die Gewalt ausüben, sind krank. Das wird bei all dem Gerede um die ‚Heilung‘ und dem großen Angebot an Trauma-Therapie-Formen völlig aus dem Bewusstsein verdrängt.

Von Heilung zu sprechen, ist einfach nur der Versuch, das gesellschaftliche Trauma zu personalisieren – und es zu verdrängen.

Die sogenannte ‚Heilung‘ ist ein Teil dieses kapitalistischen Systems, das ja gut daran verdient.

Durch das, was ich erlebt habe, bin ich wie auf einem Schleudersitz aus dem bestehenden kollektiven Gesellschaftssystem rausgeflogen, das uns (angeblich) eine unverletzbare Integrität zusichert: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“  Für mich gab es diese Integrität nicht, es gab keinen sicheren Ort. Die Regeln, die Sicherheiten des Systems, galten für mich nicht, und ich konnte mich nie als einen Teil dieses Systems erfahren.

Das birgt aber auch eine Chance:                                                                              

Durch diesen ‚Rausschmiss‘ bin ich nicht an dieses System gebunden. Da  das ‚alte‘ System nicht greift, muss ein neues gefunden werden. D.h., ich war und bin immer wieder gezwungen, eine ganz eigene Selbst-Sicherheit, ein Selbst-Bewusst-Sein zu finden, das außerhalb und unabhängig ist von dem herr-schenden System. Das empfinde ich weder als ‚krank‘ noch als Schwäche.

Warum sollte ich „heil“ werden, und wer bitteschön definiert, was heil ist? 

In dem Wohnprojekt für Mädchen, in dem ich als Pädagogin gearbeitet habe, gab es eine Zielsetzung: Aus Mädchen, die sexuelle Gewalt erfahren haben, ganz normale Mädchen zu machen. (Wenn von außen Bemerkungen kamen wie: „Die sind ja ganz normal“, dann war das das höchste Lob für die pädagogische Arbeit der Heimleiterin) 

Also bedeutet ‚heil‘, normal zu sein? Ist eine Einbeinige ‚heil‘, wenn sie genauso gut gehen kann wie eine Zweibeinige?

Warum sollte ich eine Therapie machen, die mir hilft, mich wieder in genau das System zu integrieren, das mir keinerlei Sicherheiten bietet? Ein System, das mir weismachen will, ich hätte einfach nur p.P., persönliches Pech, gehabt? Ich sei einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen?  

Sexuelle Gewalt ist kein persönliches Trauma! Es ist ein kollektives Trauma, und es betrifft uns alle. 

Aber rausgeflogen zu sein, bedeutet auf der anderen Seite eben auch ausgeschlossen zu sein, einsam zu sein, nicht ‚gesellschaftsfähig’, nicht kompatibel, nicht ‚systemrelevant‘ zu sein. Ich kann und will nichts dazu beitragen, dieses System zu erhalten. Aus meiner Perspektive, von außerhalb,  sehe ich all das, was falsch läuft, was krank macht. Für mich gibt es immer noch eine andere Wahrnehmung, eine andere Wahrheit, eine andere Dimension.

In psychologischer, philosophischer und spiritueller Hinsicht macht alles, was passiert, Sinn. Und Erfahrungen sind dazu da, dass wir daraus lernen. Die buddhistische Lehre geht sogar so weit, dass sie sagt, wir brauchen das Leid, um uns weiterzuentwickeln. Was würde es für einen Sinn machen, aus dem System rauszufliegen (wozu ja eine enorme Energie notwendig ist), wenn es einfach nur darum ginge, unter einem enorm großen Energieaufwand wieder in das System zurückzukehren und alles zu vergessen, was ich da außerhalb des Systems erlebt habe, wert-volles Erfahrungs-Wissen (und sei es noch so traumatisch)?

Für mich sind die Frauen, die sexuelle Gewalt erlebt haben, Botschafterinnen,  Wegbereiterinnen, ‚Lehrerinnen‘, die den Weg aus der Gewalt kennen, weil sie bereits Räume kennen, die außerhalb des Systems liegen. Räume voller Möglichkeiten, größer und weiter als die, die  innerhalb des Systems vorstellbar sind.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich habe nichts gegen Therapeutinnen, ich habe sehr viel Respekt und Wertschätzung für Therapeutinnen. Ich habe selbst immer wieder sehr wertvolle therapeutische Hilfe bekommen. Nur finde ich halt: Therapeutinnen sind keine politische Lösung. Und die Trauma-Forschung hat sicherlich auch Erkenntnisse hervorgebracht, die hilfreich sind, um Muster und Zusammenhänge in der eigenen Psyche zu erkennen und die eigene Geschichte besser verarbeiten zu können. Ich habe nichts dagegen, dass Therapeutinnen ihr psychologisches Wissen über die Zusammenhänge und Folgen eines Traumas verkaufen.  Mir haben Therapeutinnen geholfen, ‚innerpsychisch Ordnung zu schaffen‘. Aber von ‚Heilung‘ kann keine Rede sein. Heilung kann nur über Beziehung und Verbundenheit stattfinden. Und diese Verbundenheit entsteht nicht in Therapiepraxen, wo die sogenannte professionelle Distanz herrscht, die dafür sorgt, eine klare hierarchische Ordnung einzuhalten, hier die Helfende und dort die Hilfe-Suchende. Hier die Gesunde, dort die Kranke. Hier die im System integrierte, dort die, die mit dem System nicht klarkommt. Die Gebende und die Nehmende. Die, die das Geld kriegt, und die, die bezahlt – (wenn es gut läuft,) für das Verständnis und die Zuwendung auf Zeit.

Ich glaube nicht, dass es (nur) darum geht, eine persönliche ‚Heilung‘ zu erfahren, sondern darum, aus unseren Erfahrungen zu lernen und Konsequenzen zu ziehen, damit das System, damit unsere zwischenmenschlichen Beziehungen ‚heil‘ werden können.

Dafür brauchen wir einen Macht-freien Raum außerhalb der Therapiepraxen, in dem wir diese Erfahrungen mit-Teilen und aus-Tauschen können, einen Raum, in dem wir Verbunden-Sein können. 

Die Entdeckung der Ohn-macht als Macht-freier Raum

Ich leide längst nicht mehr an dem, was mir in der Kindheit angetan worden ist. Ich habe Wege gefunden, aus diesem Leiden eine ganz eigene Kraft zu entwickeln. 

Foto: Rava Katz
Positive Ohnmachtserfahrung in einer Höhle

Ich leide unter der Ausgrenzung, die die Frauen bewusst oder unbewusst, aktiv oder passiv vollziehen, leide unter der Nicht-Zugehörigkeit, der Nicht-Mit-Teilbarkeit. 

Und ich denke, da bin ich sicherlich nicht die Einzige. Die Frauen, die sexuelle Gewalt erlebt haben, schweigen – wieder – aus Angst vor Ausgrenzung, aus Angst, als Traumatisierte, als Kranke wahrgenommen zu werden.  

Ich habe sehr selten Frauen getroffen, die über ihre Gewalterfahrung sprechen. Und wenn ich es erlebt habe, dass Frauen ihre Gewalterfahrung erwähnen, dann nie, ohne dass sie gleichzeitig beteuern (müssen), wie viel Heilung sie schon erfahren haben oder welch eine tolle Therapeutin sie haben. 

Oder anders herum, wenn ich in einem bestimmten Zusammenhang die sexuelle Gewalterfahrung erwähnt habe, wurden mir gleich – stillschweigend – Visitenkarten von guten TherapeutInnen zugesteckt oder Buchtipps gegeben – oder ich musste mir Geschichten von glücklichen Kindheiten und ganz tollen Vätern anhören. Und beim nächsten Frühstück (Seminarsituation) saß ich dann alleine am Tisch.

Ich habe mein Leben lang Ausgrenzung erfahren, spätestens seit dem Augenblick, in dem ich begonnen habe, die sexuelle Gewalt zu erinnern und bewusst aufzuarbeiten. Ausgrenzung in der Familie, in der Gesellschaft, im Studium, im Beruf, unter Kolleginnen. Und ganz besonders schmerzhaft waren bzw. sind die Ausgrenzungen und Abgrenzungen unter Freundinnen und in Frauenkreisen, bei Frauen-Seminaren.

Genauso lange, wie ich unter dieser Ausgrenzung leide, versuche ich herauszufinden: Warum? Warum haben Frauen so sehr das Bedürfnis, sich abzugrenzen, wenn sie mit der sexuellen Gewalterfahrung konfrontiert werden? 

(Ich weiß, einige werden mir nun die „me-too-Bewegung“ entgegenhalten, aber die hat ja in einem recht anonymen, beziehungslosen virtuellen Raum stattgefunden) 

Ich habe nun eine Antwort gefunden: 

Es ist die Ohnmacht. Mit dem Sprechen über die sexuelle Gewalterfahrung steht unvermittelt immer auch die Ohnmacht im Raum. Ohnmacht, die jede Frau kennt. Ob mit oder ohne sexueller Gewalterfahrung in der Kindheit. Und keine Frau will an ihre Ohnmacht erinnert werden.

Ich habe mich auf den Weg gemacht, die Ohnmacht zu erkunden. Entgegen den Ratschlägen aller Therapeutinnen, die sagen: ‚Geh nicht in die Ohnmacht!‘. Manche sagen dir einen Satz, den du nachsprechen sollst: ‚Es ist vorbei. Ich werde nie wieder so ohnmächtig sein‘.  Ich konnte das nicht nachsprechen. Weil es ja nicht der Wahrheit entspricht. Natürlich kann und könnte es passieren, dass ich wieder so ohnmächtig sein werde. Ohne Macht zu sein, ist eine Seite des Lebens, des Mensch-Seins.

In Südfrankreich habe ich zusammen mit einer Freundin eine Höhle entdeckt. Gewappnet mit Kerzen und Taschenlampe haben wir uns hineingetraut. Tief hinein in Mutter Erde. Teilweise enge Gänge, dann sind wir in einer Halle angekommen. Dort wollte die Freundin die Taschenlampe ausmachen, wollte wissen, wie es so ist, in völliger Dunkelheit. Ich war sehr ängstlich, wollte erst nicht, aber dann hat sie mich überredet. Und das, was ich dann erlebt habe, war sehr beeindruckend : Ich habe zur  gleichen Zeit eine Weite und eine Geborgenheit von einer solchen Intensität erfahren, die ich nie wieder vergessen habe. 

Und genau dasselbe habe ich erlebt, als ich mich getraut habe, mich  meinen Ängsten zu stellen und die Ohnmacht zuzulassen:

Ein unendlich weiter Raum und eine tiefe Geborgenheit, die aus der Verbundenheit mit allem Sein entsteht. 

Macht-losigkeit als Geborgenheit!? In unserem Macht-System unvorstellbar!

Da-Sein ohne Macht haben zu müssen, eine Wohltat!!

Seit die Männer die Herr-schaft übernommen haben, versuchen sie die Ohn-macht zu bekämpfen. Es existiert ein unausgesprochenes Gesetz: Ohn-macht ist schlecht. Ohn-macht ist das Gegenteil von Macht – auch das Gegenteil von Eigen-Macht. Wer ohn-mächtig ist, geht unter, hat keine Überlebenschance. Im Zweifelsfall müssen wir Macht ausüben, um nicht ohn-mächtig zu sein.  

Und deshalb grenzen sich Frauen von Frauen ab, die sexuelle Gewalt erfahren haben. Durch Frauen, die offen mit ihrer Gewalterfahrung umgehen, werden Frauen an ihre eigenen Ohne-Macht-Erfahrungen erinnert. Und das wollen sie nicht. Weil sie die Gehirnwäsche des Patriarchats durchlaufen haben : Ohnmächtig zu sein bedeutet, Opfer zu sein, Verliererin zu sein. Also wollen Frauen sich von den Frauen abgrenzen, die die Ohn-macht verkörpern, denn durch die Abgrenzung spüren sie ihre Entscheidungs-Macht. Die Entscheidung, bei den Gewinnerinnen zu sein, nicht bei den Opfern.

Der Ohne-Macht-Raum wird geschlossen. Die Chance, sich zu verbinden, wird nicht wahr-genommen.  Jede bleibt für sich alleine. Kämpft weiter gegen die Ohnmacht. Macht mit im großen Macht-Gefüge, das Heilung von Ohn-macht verspricht. Verbundenheit und Spiritualität als Wohlfühlprogramm oder zur Selbstoptimierung,  ja gerne. Aber bei der Ohn-macht hört die Verbundenheit auf!

Dabei ist das Ohne-Macht-Sein das, was uns verbindet. Ein weiter weiblicher Raum, aus dem die Männer-Herr-schaft  uns vertrieben hat. 

In den Religionen gibt es so etwas wie diesen Ohn-machts-Raum, im Christentum nennen sie ihn Demut, im Buddhismus nennen sie ihn Erleuchtung. Aber in allen Religionen gibt es ein patriarchalisches hierarchisches Machtgefüge, mit einem Mann an der Spitze, der entscheidet, wer in diesen Raum darf, und was eine dafür tun muss. Also nicht wirklich geeignet für das Verbunden-Sein.

Wenn ich etwas aus diesen schmerzhaften Erfahrungen gelernt habe, dann ist es genau das: Wir sollen die Ohnmacht nicht verdammen. Ohnmacht ist nichts Schlechtes und Ohnmacht ist nicht das Gegenteil von Macht. Es ist nicht die Macht, die die Ohnmacht hervorruft. Ohnmacht gibt es ganz unabhängig von Macht. Will sagen, zuerst gab es die Ohnmacht, dann kam die Macht. 

Nur in einem Ohne-Macht-Raum können wir uns wirklich verbinden, nur da wissen wir, dass wir alle gleich sind, dass wir alle Eins sind, dass es nur ein Miteinander gibt. In der Sprache unserer Gesellschaftsordnung würde es heißen, dass wir alle voneinander abhängig sind, ich nenne es Miteinander-Verbunden-Sein.

Wenn wir es annehmen können, ohne Macht zu Sein, dann ist da ein weiter weiblicher Raum, der uns die Möglichkeit bietet, die Herr-schaft zu beenden, uns zu verbinden und unser Leben friedvoll und sinnvoll zu gestalten.

Während des Corona-Lock-downs habe ich genau das empfunden. Einen tiefen Frieden, eine Verbundenheit, eine Chance, das System neu zu gestalten.

Ich denke, es war die (kollektive) Ohnmacht, die sich alle eingestehen mussten. Und es gab keinen Feind, keine Macht, die wir dafür verantwortlich machen konnten, um die Ohnmacht nicht zu spüren. Im Gegenteil, die Ohnmacht hat uns – für eine gewisse Zeit – alle verbunden.

Ich schreibe in der Vergangenheitsform, auch wenn die Corona Krise noch nicht vorbei ist, aber die Stimmung ist inzwischen – leider – wieder eine andere. Die Ohnmacht ist wieder ‚verdrängbarer‘ – scheinbar kontrollierbarer – geworden. 

Autorin: Rava Katz
Redakteurin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 07.09.2020
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • an sagt:

    Das spricht mir aus der Seele. Vielen Dank für den Text

  • Brigitte Leyh sagt:

    Mich macht der großartige Text sehr betroffen. Seit immer mehr Frauen “zugeben” (!), dass sie mißbraucht und/oder vergewaltigt worden sind (wozu MeToo meiner Meinung nach einen Beitrag geleistet hat), steigt die politische Brisanz.
    Wie oft habe ich gehört “Kennst du vielleicht eine Frau, die vergewaltigt worden ist?” und ich habe nicht ehrlich geantwortet und auf weit Entfernte verwiesen, um der Pathologisierung zu entkommen.
    Ihre Zeilen, Frau Katz, haben mich überzeugt, wie wichtig es ist, dass wir Frauen dieses Spiel nicht mehr mitmachen: Ich wurde vergewaltigt und werde in Zukunft dazu stehen! Sie sind nicht allein.

  • Danke, genau da gehts lang. Das pathologische System, die kranken Herrschafts- und Macht-über-Systeme benennen. Den 8.3.2021 nicht zu einem Forderungskatalog machen, was Frauen noch brauchen, wollen, können…, Klin(i) kenputzen, sondern anprangern, was wirklich der Heilung bedarf.

    Dorothea Walter schreibt in ihrem Buch über die Ankunft der Zärtlichkeit, „dass in Wahrheit mit der Schändung an Frauen das heilige sakrale Zentrum der Menschheit geschändet wird”.

    Und die Frauen der Syrischen Revolution, die Frauenarmee der Rose, die sich selbst verteidigt im
    Krieg, weil es sonst niemand tut, weiten den Begriff der Selbstverteidigung der Frau auf alle Bereiche aus. Ökologie, Ökonomie und gründen eine Soziologie der Frau.

    Ich kann da mal etwas zu schreiben.

  • Mieke Hartmann sagt:

    Danke für diesen Text.
    Ich bin auch als Kind vergewaltigt worden. Jetzt bin ich 50, bald 51. In den letzten Monaten, in denen ich mich auch mit all den Schwankungen der Wechseljahre auseinandersetze, schält sich mir mehr und mehr heraus, in welchen Zusammenhängen ich mich wohl fühle, und in welchen nicht. Und ich stelle zu meinem Leidwesen fest, dass die Orte und Zusammenhänge, in denen ich mich nicht wohl fühle, in der großen Mehrheit sind.
    All mein Leben habe ich versucht mich anzupassen. Warum? Um mich in Sicherheit zu fühlen. Aber das hat natürlich nie geklappt. Nach und nach habe ich all diese Räume verlassen, Familie, Arbeitsstellen, politische Gruppen…
    Jetzt fühle ich starke Einsamkeit und Unsicherheit, die mich sehr ängstigen, denn es sind noch keine Strukturen an die Stelle der alten getreten. Aber ich weiß jetzt besser wonach ich suchen muss, und ich bin zuversichtlich, dass ich die Orte und Zusammenhänge, in denen ich mich wohl fühle, finden kann. Ich denke, dass ich diese Strukturen auch selber schaffen kann, und auch mit Menschen, die mir schon nahestehen.
    Es fällt mir nur schwer, diese “guten” Strukturen zu beschreiben. Der Begriff Ohnmacht war mir bisher nicht so in den Sinn gekommen, aber er trifft auf gute Resonanz in mir. Vielen Dank dafür.
    Und auch: immer wieder habe ich Zweifel und falle wieder in das Denken zurück, dass ich mich anpassen muss, dass ich falsch bin und “richtig” werden muss – Heile werden muss.
    Dieser Text hilft mir, meinen Weg weiterzugehen, indem er mir Zuversicht gibt, andere unterwegs treffen zu können, denn alleine werde ich ihn nicht lange gehen können.

  • Mechthild Auf dem Berge sagt:

    Vielen Dank für diesen berührenden Text, Rava!
    Deine Erfahrungen kann ich total nachempfinden und merke, dass auch ich dieses “Nichtteilenwollen” meiner Erlebnisse durch andere Frauen nur zu gut kenne.
    Auch ich fühle mich fremd im “gültigen System”.
    Das Schwierigste war es lange Zeit für mich, meine “Schwester Einsamkeit” als ständige Wegbegleiterin zu akzeptieren. Es gelingt mir allerdings immer besser!
    Deine Beschreibung des “Ohne-Macht-Seins” als weiten weiblicher Raum, als Teil des menschlichen Daseins, finde ich schön. Auch wie du beschreibst, dass genau in diesem Raum Verbundenheit und Geborgenheit auffängt und trägt.
    Ganz großartig und zukunftsweisend finde ich folgende Sichtweise, die du aus deinen Erfahrungen extrahierst:
    “Für mich sind die Frauen, die sexuelle Gewalt erlebt haben, Botschafterinnen, Wegbereiterinnen, ‚Lehrerinnen‘, die den Weg aus der Gewalt kennen, weil sie bereits Räume kennen, die außerhalb des Systems liegen. Räume voller Möglichkeiten, größer und weiter als die, die innerhalb des Systems vorstellbar sind.”
    Diese prophetischen Funktionen werden von betoffenen Frauen wahrscheinlich aus einem inneren Drang heraus wahrgenommen. Denn nur Schweigen geht ja einfach gar nicht mehr mit all dem Erlebten, oder?
    Für mich jedenfalls nicht!
    Jedesmal, wenn ich versuchsweise bei geeigneten Anlässen meine eigenen Gewalt-/Missbrauchserlebnisse oder ähnliche heikle Themen aufgreife, gibt es unterschiedliche Reaktionen:
    Manchmal gibt es plötzlich Totenstille und offene Ablehnung,
    manchmal in unterschiedlichem Umfang Nachfragen,
    manchmal sogar ein Danke.
    Ich jedenfalls will NICHT schweigen, wenn ich von den schrecklichen Dimensionen aktueller Sexueller Gewalt gegen Kinder vom Säuglingsalter an lese oder höre.
    Und wenn ich von den belastenden Ermittlungen der Polizeibeamt*innen zur Befreiung dieser Kinder erfahre.
    Oder wenn ich von Frauen in der Prostitution erfahre, die durch frühen erlebten sexuellen Missbrauch nichts anderes gelernt haben, als dass ihr Körper für andere zur Benutzung da ist.
    Oder wenn ich von Manipulation und Einschüchterung in hierarchischen Verhältnissen beispielsweise in medizinischen Behandlungen höre, die zu sexuellen Übergrifen führen.
    Es kann gut sein, Rava, dass die Ablehnung anderer Frauen darauf beruht, wie du es herleitest, dass sie nicht an ihre eigene “Ohnmacht” erinnert werden wollen.
    Bislang hatte ich vermutet, es könne fehlende Sprachfähigkeit zu Sexuellen Themen sein, vielleicht weil diese als Tabu empfunden werden.
    Deine Vermutung finde ich noch schlüssiger, weil tiefgehender und umfassender.
    Ich bin froh über deinen Artikel.
    Er zeigt mir, ich bin gar so nicht allein mit meinen Empfindungen und Themen und mit meinem drängenden Begehren, an den frauen- und kinderfeindlichen Zuständen etwas zu ändern!

  • Judith sagt:

    mir gefällt die auseinandersetzung von dir mit diesem thema auch sehr!
    aber ich merke auch, wie es mich ängstigt, auch weil bei mir diese ängste aus einer zeit her rühren,
    die ich nicht wirklich abrufen kann, da möglicherweise und wahrscheinlicherweise sie ein sehr frühes stadium meines lebens betreffen.
    und ich tappe da immer noch im dunklen von: war da was?, wahrscheinlich schon!, fühlt sich so an!, aber auch eine verdrängung dieser überflutenden gefühlen, die ich so gerade nicht zulassen möchte, weil ich mich dann nicht selber auffangen kann, eben eine enorme ohnmacht spürbar wird, die mich bedrückend ängstigt.
    all die jahre habe ich mir immer gewünscht auf menschen zu treffen, die nicht gleich mit vorgefertigtem daherkommen, wie man zu fühlen und zu denken hätte, und einen neuen druck in mir ausgelösen, so ähnlich wie du es beschreibst mit der heilung.
    so hat ein heilungsprozeß auszusehen, sonst ist er keiner, sonst macht man wieder etwas falsch, und nicht richtig, bemüht sich zu wenig und und und…
    im moment denke ich mir das diese heilung wahrscheinlich so individuell ist wie unsere leben.
    ich habe mir immer eine ehrliche auseinandersetzung gewünscht, auch mit anderen frauen, wo auch dieser bereich eben nicht von konkurrenz geprägt ist, und jede das benennen kann wo sie gerade steht, und was ist, ohne relation zu irgend etwas, und ohne gleich eine bewertung aufgebrezelt zu bekommen.
    ich muß sagen ich bin ein bisschen müde geworden dabei…
    aber wenn ich solche beiträge lese, dann macht mir das schon auch mut, und ich spüre auch ein bisschen eine zärtlichkeit bei der auseinandersetzung mit diesem thema für mich selber, und ich spüre wie es zu mir dringt, und mit mut macht ganz behutsam und zärtlich mit mir zu sein in diesem heilungsprozeß, in diesem leben.
    also dein text hat in mir ein zärtliches gefühl im umgang mit mir selber ausgelöst, transportiert und dafür wollte ich mich bedanken!

  • Rava Katz sagt:

    Liebe Frauen,

    liebe An, Brigitte, Regine, Mieke, Mechthild, Judith
    Danke für eure Rückmeldungen. Es macht mich sehr froh, dass ich mich mit-teilen konnte, dass meine Erfahrungen und Gedanken teil-bar sind.
    Bin erstmal so ein bisschen sprachlos, – vor Freude – aber ‘es spinnt’ weiter in mir. Ich würde diesen Raum gerne offen halten, erweitern …. habe da so ‘analoge’ Visionen … so etwas wie einen Kongress …

    Liebe Judith,

    Was du schreibst, berührt mich.
    Ich, und ich denke wir alle, die wir sexuelle Gewalt erfahren haben, kennen diese überflutenden Gefühle. Und klar hilft es, sie in der Vergangenheit zu verorten. Aber trotz allem wollen sie ja erinnert und ‘verarbeitet’ werden, und mit dieser Flut von Gefühlen kommt dann auch sozusagen die doppelte Ohnmacht. Die Ohnmacht aus der Vergangenheit und die Ohnmacht der Gegenwart, weil die Gefühle so überflutend da sind, und eine sich dann auch in dem Moment der Erinnerung, der ja aber in der Gegenwart liegt, so handlungsunfähig fühlt.
    Ich kenne dieses Bedürfnis, dagegen anzukämpfen, irgendetwas zu tun, um handlungsfähig zu bleiben, oder irgendetwas zu tun, um diese Gefühle, die mich so handlungsunfähig machen, wieder zu verdrängen, weil ich sie nur stückchenweise erinnern und verdauen kann.
    Irgendwann kam dieser Moment, so etwas wie eine Kehrtwende, da war so etwas wie eine innere Stimme, die gesagt hat : lass die Ohnmacht doch einfach da sein, du musst im Hier und Jetzt gar nicht handlungsfähig sein, DU DARFST ohnmächtig sein, lass dich ohnmächtig SEIN.
    Und das war so erleichternd! So wie du das auch beschreibst, ein zärtliches und zugleich stärkendes Gefühl für mich selbst. Ich freu mich sehr, dass das bei dir angekommen ist!

    Rava

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Rava (du) schrieb(st) die Tage:
    „ .. lass die Ohnmacht doch einfach da sein, du musst im Hier und Jetzt gar nicht handlungsfähig sein, DU DARFST ohnmächtig sein, lass dich ohnmächtig SEIN.“
    DAS ist dann genau die Ohnmacht, die alle Lebenskraft in sich birgt und in Dankbarkeit zu ganz eigener Handlungs- d.h. für mich auch Bewegungsfähigkeit ermächtigt. –
    Ich möchte mit meinem kleinen Kommentar den Blick bzgl. Ravas Erfahrung erweitern und von mir erzählen: diese „Ohnmacht“ habe ich z.B., die ich in fortschreitend, chronischer Krankheit(MS) lebe, zunehmend und seit Jahren als Kraftquelle freigelegt. Will euch nur sagen: diese Lebens“macht „ lässt sich überall finden… (-und wohl auch ohne Gewalterfahrung oder Krankheit)

Weiterdenken