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Rubrik denken

Vom rationalen Umgang mit unzivilisierten Gefühlen

Von Anja Boltin

Wie kann man miteinander sprechen, wenn man sich nicht einmal auf grundlegende Fakten einigen kann? Wie tritt man Menschen gegenüber, auf die man stark emotional reagiert, weil das, was sie sagen, einfach falsch ist? Darüber hat sich Anja Boltin aus aktuellem Anlass Gedanken gemacht.

Wie diskutiert man mit Menschen sprechen, deren Meinungen man für komplett falsch hält?

Eine Frau, die zu meinen Lieblingsmenschen auf Facebook gehört, brachte kürzlich die Rede auf den Begriff „zivilisierte Verachtung“, um sich angemessen auf die Menschen beziehen zu können, die kein Problem darin erkennen können, mit Rechten mitzulaufen beziehungsweise Rechte auf ihren Demos mitlaufen zu lassen. Ich finde den Begriff recht gut, zeigt er doch, dass wir mehr und mehr beginnen können, auch den bewussten Blick – den Metablick – auf unsere komplexeren Emotionen zu richten und präzise in die gesellschaftliche Debatte einzubringen.

Noch besser als „zivilisierte Verachtung“ gefiele mir allerdings die Bezeichnung „begründete Verachtung“, weil sie zum einen den bildungsbürgerlichen Zungenschlag der Überlegenheit durch Zivilisiertheit vermeidet und zum anderen schon direkt zum Gespräch einlädt: „Ich habe gute Gründe, dich aufgrund deiner Taten oder deiner Worte zu verachten und nenne sie dir gern, falls du dialogbereit bist – kannst du meine Gründe entkräften? Das würde mich ehrlich freuen.“ Das wäre für mich eine rational beziehungsorientierte Haltung.

Ich glaube, wenn wir mehr und mehr einüben würden, entspannt auf diese Art unser reichhaltiges Repertoire an Gefühlen einander gegenseitig zu kommunizieren, mit Gründen, mit Respekt, dann könnten wir auf große Teile der zur Zeit so anstrengend gewordenen Hass- und Hetzkommunikation im Netz verzichten.

Ich glaube, die Verachtung ist immer dann eine spontan auftretende Empfindung, wenn wir ganz genau wissen, dass das Gegenüber falsch liegt. Ich halte dieses Wissen für wertvoll. Problematisch scheint mir nur der spontane Impuls, diese Verachtung dann in respektloser Art und Weise kundzutun. Das ist zwar sehr verständlich, aber kommunikativ zumindest ungeschickt und in der Regel nicht zielführend.

Kürzlich habe ich mir ein bisschen Zeit genommen, detaillierter auf den Vorwurf eines Menschen auf Facebook einzugehen, der – in meinen Augen zurecht – beklagte, dass die Corona-Kritiker*innen so sehr verächtlich gemacht werden. Ich schrieb als Antwort:

„… Ich kann gut nachvollziehen, dass Sie es so empfinden, und Ihre Kritik ist berechtigt und ich würde gern ein paar Worte dazu sagen. Ich stehe voll und ganz auf der Seite der kompetenten Wissenschaftler, auf die sich auch die Regierung bei ihren Entscheidungen beruft. Ich habe mir die Bakhdis und Wodargs angesehen und habe verstanden, wo deren Denkfehler liegen. Es gibt dazu ausreichend Faktenchecker-Videos im Netz. Die Fehler dieser Leute liegen häufig in einem Mangel an Sorgfalt und komplexem Denken. Durch Vereinfachungen, Auslassungen etc. wird Falsches behauptet und massenhaft verbreitet. Ich kann aber verstehen, dass diese Infos für viele Menschen plausibel oder auch nur wünschenswert sind, also vertraut man ihnen. Das ist doch gar nicht verwerflich.

Und es ist, wie Sie sagen, verwerflich, wenn Menschen, die etwas falsch verstehen, pauschal abgewertet werden. Bitte haben Sie aber auch dafür Verständnis. Ich selbst habe die enorme Wut über Tage an mir erlebt und beobachtet (nach der ersten Berlin-Demo), die es in mir ausgelöst hat, dass Menschen mit wenig komplexem Verständnis plötzlich viel Einfluss bekommen. Zu Lasten der Gemeinschaft.

Wir alle sollten stolz sein auf die wissenschaftlichen Errungenschaften unserer komplexen Gemeinschaft. Und jede/r sollte sich (mehr als bisher) anstrengen, mehr als bisher zu verstehen. Und wir sollten uns dazu gegenseitig um Hilfe und Unterstützung bitten, anstatt Unwissenheit oder Fehleinschätzungen zu verlachen oder gar zu verachten.

Die DDR, in der ich aufgewachsen bin, hatte quasi das genau gegenteilige Problem des Westens. Im Westen herrscht zum Teil bis heute noch immer deutlicher „Bildungsdünkel“ vor. Man bildet sich etwas auf Wissen und Bildung ein und stabilisiert das Ego gern, indem man auf sogenannte „Ungebildetere“ herabschaut.

In der DDR gab es, wie mir scheint tief verankert und systemisch wirksam, das gegenteilige Phänomen: Dort hat eine eher ungebildete Arbeiterschicht die Führung (gewaltsam) übernommen und nun systematisch und mit heftigem Sadismus Intellektuellenverachtung betrieben. Diesbezüglich gab es eine gewisse Kontinuität nach 1945 (die Judenverachtung hat auch einen Aspekt der Intellektuellenverachtung beinhaltet … man sprach in diesem Zusammenhang von „Intelligenzbestien“!)

Warum ich das erzähle? Weil ich inzwischen glaube, dass das ganze Chaos da draußen sich aus einer tragischen Melange dieser beiden Teil-Deutschländer ergibt.

Die rechte Szene ist offen intelligenzverachtend, während die „Coronakritiker“ eher aus dem Milieu der Verlachten und Verachteten kommen. Und nun (endlich!) ihre lange gelähmte Wut aktivieren können. (Was eigentlich super ist).

Aber halt leider auf das falsche Ziel gerichtet und nicht erkennend, dass sie durch ihre Solidarisierung oder blind-naive Tolerierung der Rechten unbemerkt den Bock zum Gärtner machen. Bemerken würden die auf diese Art seelisch verletzten „Wutbürger“ das Übel erst, wenn es zu spät ist und ihre „geliehene Energie“ den Rechten die Macht verliehen hat, die diese niemals (!!) bekommen sollten. Dann wird es aber zu spät sein!

Deshalb werden sie (ungünstigerweise) „Covidioten“ genannt, weil die entsetzte Mehrheit dieser Gesellschaft Gott sei Dank nicht so blind und bedürftig-naiv ist. Und die Gefahr ganz klar erkennt.“

Ich plädiere hier also für einen rational begründenden Umgang mit unseren Gefühlen und Emotionen – den zivilisierten ebenso wie den sogenannt unzivilisierten, den einfacheren ebenso wie den komplexen.

Zum Menschsein gehört die ganze Palette.

Autorin: Anja Boltin
Redakteurin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 03.09.2020

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Antje Schrupp sagt:

    Liebe Anja, danke für diesen Text, der mich herausfordert, aber auch einen Ausweg aus einem Dilemma weist. Ich war bisher immer der Meinung, dass ein Dialog nur möglich ist, wenn man theoretisch die Möglichkeit einräumt, dass man selbst falsch liegt und das Gegenüber recht haben könnte. In der Tat ist mir das bei rechtspopulistischen Verschwörungsmythiker*innen aber nicht mehr möglich, weil ich einfach ganz sicher weiß, dass Bill Gates kleine keinen Kinder frisst und der Coronavirus nicht von Angela Merkel in die Welt gesetzt wurde, um das deutsche Volk zu unterjochen. Tatsächlich ist mein spontanes Gefühl bei so etwas “Verachtung” und ich war bisher der Meinung, dass deshalb ein Gespräch gar nicht möglich ist. Der Gedanke, dass über die Gründe für diese Verachtung ein Dialog möglich sein könnte, ist sehr spannend. Vor allem weil man das auch andersrum “anwenden” könnte. Ich weiß, dass es Leute gibt, die einiges von dem, was ich sage, für absolut auf einer emotionalen Ebene falsch und verachtenswert finden (Männer, die es inakzeptabel finden, wenn ich in Bezug auf Reproduktion von “Spermagebern” spreche zum Beispiel), und ich überlege, ob es sinnvoll sein könnte, mich für die Gründe ihrer Verachtung zu interessieren. Spannend.

  • Anja Boltin sagt:

    Liebe Antje,

    danke für deinen Kommentar. Im Grunde steckt ja in dem Wort Verachtung der Prozess oder die Handlung des “ich entziehe dir meine Achtung” (die dir grundsätzlich ja gebührt). Man kann sich Zeiten und Gemeinschaftsformen vorstellen, in denen es noch höchst relevant war, wenn das jemand zu einem Mitmenschen gesagt hat. Es hatte Bedeutung und konnte nicht einfach schulterzuckend ignoriert werden. Zum Beispiel, weil man beidseitig voneinander abhängig war und das auch genau wusste. Oder weil ein Rufmord einem Todesurteil gleichgekommen wäre, ein Geschäft ruiniert hätte etc. Heute sind wir – objektiv und/oder subjektiv – nicht mehr so abhängig voneinander, vielleicht haben wir deshalb so manche sozial-emotionalen und kommunikativen Grundkompetenzen verlernt?

    Eine meiner festen Überzeugungen ist die, dass unsere Gefühle einen wertvollen Informationsgehalt haben und dass es sich lohnt, diesen zu entschlüsseln. Eben gern auch vernünftig-rational.

    Anja

  • Dagmar Gruß sagt:

    Liebe Anja Boltin,
    deine Analyse der beiden Deutschländer mit ihrer Melange von Bildungsbürgertum und Wutbürgertum ist sicher nicht von der Hand zu weisen.
    Hinter der Analyse ist aber auch deine unbekümmerte Selbstgewissheit zu erkennen, mit der Mehrheit der Vernünftigen auf der richtigen Seite zu stehen.
    Die rechten Demokratiefeinde, deren Vorgehen ich indiskutabel finde, mal ausgeklammert, wäre ich aber nicht so sicher, wer am Ende als Covidiot_in dasteht.
    Mit Virologie allein lässt sich keine Politik machen. An einem viralen Infekt zu sterben, ist kein wirklich neues Phänomen. Das bloße Am-Leben-Bleiben als höchsten Wert anzusehen, ist mindestens theologisch problematisch. Die körperliche Unversehrtheit von Kindern diesem Wert unterzuordnen (durch Grippeimpfung), ebenso …
    Also hier zu behaupten, die Mehrheit wisse, wo’s langgeht, wenn sie nur denen folgt, die ein kleines Forschungsgebiet wie die Virologie beackern, ist doch auch ein bisschen naiv.
    Ich geselle mich lieber zu denen, die nicht so selbstgewiss in der Mitte der Mehrheit stehen, sondern sich ganz bescheiden mit Sokrates (ich weiß, dass ich nichts weiß) am Nachdenken der Vordenkenden beteiligen.
    Nicht nur der NS-Zeit folgte eine Kritische Theorie, sie wird auch der Pandemie folgen.
    Trotzdem danke für deine Ost-West-Analyse.
    Viele Grüße,
    Dagmar Gruß

  • Anja sagt:

    Liebe Dagmar,

    danke für deine Bemerkung. Ich mag dazu nur eines sagen: Ich stehe letztendlich einzig und allein an meiner eigenen Seite (auch wenn ich von dort aus zum Beispiel dem Handeln der Regierung im Großen und Ganzen zustimme) und halte die Vorstellung vom Vorhandensein “richtiger” oder “falscher” Seiten für insgesamt unsinnig. Tut mir leid, wenn der Eindruck so entstanden ist, das war nicht meine Absicht. Eigentlich geht es mir ja geradezu darum, das fürchterliche Schwarzweiß-Denken und die simplifizierende Rede von den zwei Fronten ein bisschen ins Wanken zu bringen.

  • Antje Schrupp sagt:

    @dDagmar – Ich glaube, dass niemand behauptet, irgendjemand wisse, wo es langgeht, aber man kann nun wirklich auch nicht alle möglichen Meinungen als gleichberechtigt nebeneinander stehen lassen. Thema des Beitrags hier war ja auch nicht der Streit über unterschiedliche Einschätzungen zur Corona-Politik, sondern zu politischen Aktionen wie gemeinsame Demonstrationen mit Nazis oder die Verbreitung antisemitischer Verschwörungsmythen als legitime “Meinungen”.

    Mich hat noch dein Verweis auf die Theologie stutzig gemacht, also dass es problematisch sei, “das bloße Am-Leben-Bleiben” als höchsten Wert anzusehen. Ich finde gerade die christliche Tradition an diesem Punkt sehr problematisch, denn sie hat schon sehr oft das “bloße am Leben Bleiben” als Wert kleingeredet gegenüber “höheren Werten” wie dem Seelenheil oder dem Sieg über die Ketzer. Ich denke an die vielen Frauen, die ertränkt wurden, um herauszufinden, ob sie Hexen waren – die Unschuldigen waren hinterher tot, aber ihre Seele war gerettet. Oder, um ins Heute zu gehen, christliche Länder, in denen Abtreibung auch dann verboten ist, wenn die Schwangere dafür stirbt. Auch sie wird wohl aufs Jenseits vertröstet. Angesichts dieser Geschichte müsse die allzu große Leichtfertigkeit, mit der christliche Theologie in der Vergangenheit mit dem Leben anderer umgegangen ist, dringend einmal selbstkritisch reflektiert werden, jedenfalls hat sie für mich keine moralische Autorität, dieses Argument in einer Situation wie einer Pandemie anzubringen. Was anderes ist natürlich die Frage, wie man mit dem eigenen Leben umgeht: Da sehe ich es wie du, dass alle selbst entscheiden sollen, wie sie das handhaben, zum Beispiel ob sie das Risiko einer Infektion eingehen möchten oder nicht. Aber gerade was den selbstbestimmten Umgang mit dem eigenen Leben betrifft, ist die christliche Theologie da ja keineswegs so offen, wenn man ihre weitgehend sture Haltung beim Thema Sterbehilfe anschaut. Also, ganz schwieriges Terrain, würde ich sagen.

    Ansonsten ist das Problem beim Thema Corona ja gerade, dass gehandelt werden muss, obwohl man vieles noch nicht wissen konnte. Zumindest war das im März und April der Fall, inzwicshen sieht die Situation ja ganz anders aus, weil wir mehr Wissen haben, und entsprechend gezielter agiert ja die Politik jetzt. Ich denke auch, man kann durchaus schon eine erste Bilanz ziehen: In Deutschland gibt es bisher fast keine Übersterblichkeit, d.h. die 9000 Covid-Todesfälle stehen etwa ebenso vielen verhinderten Toden (weniger Verkehrsunfälle, weniger Grippe usw.) gegenüber. In den USA hingegen sind allein in den Monaten März bis Mai 122.300 Menschen mehr gestorben als normalerweise in diesem Zeitraum. https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/114349/USA-Uebersterblichkeit-uebertrifft-die-Zahl-der-gemeldeten-Todesfaelle-an-COVID-19 Seither sind die Zahlen kaum gesunken, was vermuten lässt, dass die Größenordnung Juni-August nicht viel anders ist. In Brasilien sieht es ähnlich aus. Ich finde es schon ziemlich eindeutig, dass diese vielen Toten auf das Konto einer Politik gehen, die die Gefährlichkeit des Virus in den ersten Wochen geleugnet hat und jegliche Maßnahmen abwehrte. Ich kann mir nicht vorstellen, wie wir das in Deutschland in den nächsten Monaten noch “nachholen”, egal wie viele negative Folgen der Maßnahmen es möglicherweise geben wird.

  • Ute Plass sagt:

    ” Und jede/r sollte sich (mehr als bisher) anstrengen, mehr als bisher zu verstehen. Und wir sollten uns dazu gegenseitig um Hilfe und Unterstützung bitten, anstatt Unwissenheit oder Fehleinschätzungen zu verlachen oder gar zu verachten.”

    Schließe mich dem an. Dazu braucht es, was den Umgang mit der Corona-Krise betrifft, offene Debatten über die unterschiedlichen, interdisziplinären Sichtweisen aus Forschung und Wissenschaft.

    Diese Debatten vermisse ich in den hiesigen Leitmedien, auch öffentlich-rechtlichen.
    Stattdessen gab es sehr früh eine Fokussierung auf eine virologische Sichtweise, ohne zu hinterfragen, ob die daraufhin erfolgten beispiellosen Beschränkungen im Verhältnis zur Virus-Gefährdung standen und noch stehen?

    Die einseitige Berichterstattung dürfte mit zur Polarisierung und Verhärtung
    der Debatte über den Umgang mit der Corona-Krise beigetragen haben.

    Hoffe sehr, dass diese notwendigen Diskussionen in gegenseitigem Respekt endlich auch hierzulande geführt werden.

  • Juliane Brumberg sagt:

    Liebe Anja Boltin,
    ich finde, Du hast eine interessante Debatte angestoßen. Ich bin voll bei Dir und Deinem vorletzten Satz: “Ich plädiere hier also für einen rational begründenden Umgang mit unseren Gefühlen und Emotionen – den zivilisierten ebenso wie den sogenannt unzivilisierten, den einfacheren ebenso wie den komplexen.” Probleme habe ich aber damit, wie Du den Gebrauch des Wortes “Verachtung” vorschlägst. Mir ist es im Umgang mit anderen Menschen, selbst wenn ich Verachtung spüre, weil sie sich nicht gegen rechte Demos abgrenzen oder erwieswenermaßen falsche Dinge behaupten, die Achtung zu bewahren. Nur mit Menschen, denen ich Achtung entgegenbringe, kann ich in ein sinnvolles Gespräch kommen. Bei Wikipedia steht zu Verachtung Folgendes: ” Verachtung entsteht durch die Bewertung einer anderen Person als minderwertig. (…) Wirkungen von Verachtung sind die Entwürdigung der Person oder Entwertung einer Institution unter Umständen einer damit einhergehenden Nicht-Beachtung der entsprechenden Person oder sozialen Gruppe,[3] sowie Pein, Distanzierung, Stress, Wut, Zorn, Aggressivität bei der verachteten Person und in dessen Folge Leid und Krankheit – auch mit volkswirtschaftlichen Schäden.” Insofern finde ich es wichtig, nicht nur an unseren eigenen verachtenden Emotionen zu arbeiten (wie Du vorschlägst), sondern auch bei der Wortwahl vorsichtig – und nicht verachtend – zu sein. Also lieber von “zivilisierter Kritik” oder “begündeter Kritik” sprechen.

  • Ute Plass sagt:

    @Juliane Brumberg – “Also lieber von “zivilisierter Kritik” oder “begründeter Kritik” sprechen.

    Ja, unbedingt. Ich kann mit “Verachtung” nichts anfangen, aber viel mit der ablehnenden Haltung
    gegenüber jeglicher Menschenfeindlichkeit, die sicht- und hörbar werden muss – nicht nur auf Demos.

    Was nun die Bewertung hier zu den Demonstrationen betrifft, interessiert mich zu wissen,
    wer mit Menschen im Gespräch ist, die an Demonstrationen teilgenommen haben zur Grundrechte-Wahrung und gegen unverhältnismäßige regierungsamtliche Corona-Verordnungen?

    Woher wird hier gewusst, dass diese sich nicht gegen rechts, Nazis, Antisemitismus…. abgrenzen?

    Auf ‘querdenken711’ heißt es ausdrücklich:
    ” Rechtsextremes, linksextremes, faschistisches, menschenverachtendes Gedankengut hat in unserer Bewegung keinen Platz. Gleiches gilt für jede Art von Gewalt.”

    Und Uli Gellermann schreibt in seinem Beitrag ” Die Reichtags-Sturm-Inszenierung”:

    “Leute wie die „ Reichsbürger“, die das wilhelminische Reich mit seinem Militarismus, seiner Aggressivität gegen seine Nachbarn und seinem Kadavergehorsam nach innen, zurück haben wollen, sind gefährlich für die Demokratie. Im konkreten Fall waren sie, offenkundig von V-Leuten des Geheimdienstes geführt, allerdings nur nützlich: Für den Senator einer Rot-Rot-Grünen Koalition, der sie prima als Komparsen für eine Inszenierung vor dem Bundestag zur bewussten Täuschung der deutschen Öffentlichkeit hat verwenden können. ”

    Ich kann mich gut an Demonstrationen gegen den Nato-Doppelbeschluss erinnern. Abgrenzungsforderungen und Kontaktschuldvorwürfe von KritikerInnen lauteten damals:
    “Dann geht doch nach drüben” oder “Lieber tot als rot”.

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Also, für mein denkendes Empfinden hat die Art zu definieren, wie sie bei Wikipedia geschieht, nicht viel mit den Wortversuchen von Anja in ihrem Eingangsbeitrag gemein.

  • Anja Boltin sagt:

    @Juliane Brumberg

    Warum ist es uns unangenehm oder fühlt sich geradezu tabu an, einen echten qualitativen Unterschied zwischen mir und einem anderen Menschen zu behaupten/definieren aufgrund meiner Empfindungen, der es rechtfertigt, ihm jegliche Achtung/Respekt (eine zeitlang!) offensiv zu entziehen und das auch zu kommunizieren?

    Das wüsste ich wirklich gern. Bzw. eure Antwort darauf interessiert mich.

  • Juliane Brumberg sagt:

    Ich kann mir nicht vorstellen, wie ich einen oder eine, die ich verachte, im Gespräch den nötigen Respekt/ die nötige Achtung entgegenbringen kann. Wen ich verachte, nehme ich doch gar nicht für voll. Wie kann ich dann mit diesem Menschen angemessen kommunizieren?

  • Antje Schrupp sagt:

    @Juliane – ja, genau das ist doch die Frage. Wie kann ich mit einem Menschen angemessen kommunizieren, den ich nicht für voll nehme? Denn: Es gibt Menschen, die ich nicht für voll nehme, das ist eine schmerzliche, aber ehrliche Erkenntnis. Nicht nur jetzt bei den Corona-Leugnern. Auch mansplainende Männer ohne jedes Sensorium für ihre Umgebung oder die Frauen darin. Oder arrogante Wirtschaftsbonzen, die vor lauter Geld platzen, aber finden, dass ihnen das zusteht. Diese Verachtung ist tatsächlich ein unmittelbares Gefühl, und ich bin mir nicht sicher, ob es eine Verpflichtung für mich gibt, jeden dieser Menschen für voll nehmen zu müssen. Normalerweise meide ich die Beziehung zu diesen Menschen (Hannah Arndt gab uns den Ratschlag, Beziehungen mit dem Bösen zu verweigern), aber das ist natürlich nicht immer möglich. Eventuell ist es auch politisch nciht mehr möglich, wenn im Gefolge von Trump und Consorten solche Menschen massenhaft in Ämter und Entscheidungspositionen kommen. Das heißt, ich muss mich mit ihnen auseinandersetzen, ich muss ihnen begegnen, aber ehrlich, ich weiß nicht, wie ich aufhören könnte, sie (Menschen mit einer bestimmten toxischen Vermishchung aus Boshaftigkeit, Egoismus und Dummheit) zu verachten. Ich weiß auch nicht, ob ich damit aufhören SOLLTE, denn wie gesagt, laut Hannah Arendt ist die Banalität des Bösen durchaus ansteckend, wenn man sich zu lange in seine Gesellschaft begibt.

  • Ute Plass sagt:

    @Anja Boltin – “Warum ist es uns unangenehm oder fühlt sich geradezu tabu an, einen echten qualitativen Unterschied zwischen mir und einem anderen Menschen zu behaupten/definieren aufgrund meiner Empfindungen, der es rechtfertigt, ihm jegliche Achtung/Respekt (eine zeitlang!) offensiv zu entziehen und das auch zu kommunizieren?

    Ist es das Empfinden oder das Denken (welches ja meist Empfinden vorausgeht ) auf welches sich dein Verhalten gründet?

    Kannst du deine obige Äußerung an einem ‘Fall-Beispiel’ konkretisieren?

  • Liss sagt:

    würde mich hier der Sichtweise von Ute Plass anschliessen.

    Bundestagspräsident Schäuble hatte im Interview mit der Neuen Westfälischen gesagt: „Die Corona-Krise ist eine große Chance. Der Widerstand gegen Veränderung wird in der Krise geringer. Wir können die Wirtschafts- und Finanzunion, die wir politisch bisher nicht zustande gebracht haben, jetzt hinbekommen auf der Grundlage der Überzeugung, daß derjenige, der entscheidet, auch die Verantwortung dafür übernimmt.“

    Und hat mal jemand das Youtube der Rede von JF Kennedy (Neffe) in Berlin aufgerufen?

    Sorry. Ich gehöre längst nicht mehr zu den eindeutigen Recht-s/Link-s-HaberInnen, die vehement DIE EINE SEITE verteidigen. Aufgrund meiner Erfahrungen sehe und denke ich oft die andere mit und informiere mich entsprechend. Nicht gleichgeschaltet in einem Chorgeist, wird man (Frau) so allerdings leicht zu “jedermanns” Feindbild. Von daher würde ich mich gewiss nicht mehr links verorten und finde es andererseits abscheulich, wenn in jener (bis neoliberal kaltherzigen) “Genuss-Rechten” z.B. einer Claudia Roth immer wieder dieselbe falsche Aussage (auf einer Demo hinterher laufend) angehaftet und in den Mund geschoben wird. (Es schadet auch nicht, mal auf gewisse “Vergangenheiten” etwa von Steinmeier oder die Lobbygeschäfte von Scholz zu schauen. Da bekommt “Rot” plötzlich eine andere Dimension)

    Ich selber habe reichlich mein “Minderheiten-und Nischen-Thema” prozessiert. :- ( Als kinderreiche Mutter bzw. Nur-Hausfrau Anfang 80er Jahre, spätgebärend, ohne Ideologie im Hindergrund durchaus in der kirchlich-christlich-feministischen Szene dafür aber VER-achtet, natürlich nicht nur dort, sondern allgemein gesellschaftlich, stehe ich heute – im Alter – keineswegs mehr so unaufgeklärt und nur naiv da bei dem, was vorgegaukelt wird und aufs Tablett kommt.

  • Anja sagt:

    Liebe Antje,

    vielen Dank!!! genau darum geht es mir. Ich bin froh, dass du das so klar aussprichst.

    @Ute Ich meine, das Empfinden kann – rein hirnphysiologisch – dem Denken niemals vorausgehen. Zumindest nicht das Instinktive, das ich hier meine. Diese unwillkürliche Ablehnung, der wie Ekel ganz spontan ist und aus der eigenen Tiefe, der eigenen “wesensmäßigen Substanz” kommt. Natürlich können wir anfangen, über etwas nachzudenken und infolgedessen wird es wieder neue Empfindungen bzw. Gefühle geben und die erlauben uns dann zum Beispiel mitfühlend, verständnisvoll oder eben such strategisch auf das Gegenüber zu reagieren.

    Ich glaube, wir machen das sowieso ständig, aber wir machen es uns nicht bewusst und viele Kommunikationsprobleme haben ihren Ursprung genau dort. Es wird uns wahrscheinlich v.a. dann nicht bewusst, wenn es unserem Selbstbild (bzw. unserem Gewissen) widerspricht.

    Und ich meine halt “du sollst nicht verachten” ist so ein zief verwurzeltes christiches Gebot, das – zugespitzt formuliert – nicht im Rinklang mit unserer Natur steht. Es ist/war eine kulturelle Leistung damals und es hat Vor- und Nachteile. Und ich meine, es lohnt – gerade jetzt und heute und unter den gegebenen Umständen – über diese Nachteile nachzudenken.

    In dem Zusammenhang zum Beispiel auch darüber, warum bestimmte christliche Milieus den Rechten und Konservativen – ihrer Kommunikationskultur und Denkweise – so ähnlich und anverwandt sind.

    Beispiel ist schwierig. Ich selbst habe bis zur völligen Erschöpfung darunter gelitten, immer wieder darüber *nachzudenken* bzw. mich innerlich auf “meiner Seite” damit zu beschäftigen, warum ein Gegenüber nicht erreichbar bzw. kontaktfähig oder dialogbereit ist. Für mich war es irgendwann eine Art “Überlebensnotwendigkeit” anzunehmen, dass der andere “falsch” ist, dass ich ein Recht darauf habe, ihm meine Achtung zu entziehen, wenn alle Kommunikationversuche, die mir denkbar und möglich sind, scheitern.

    Und das geht genau in die Richtung, die Antje beschreibt: “Auch mansplainende Männer ohne jedes Sensorium für ihre Umgebung oder die Frauen darin. Oder arrogante Wirtschaftsbonzen, die vor lauter Geld platzen, aber finden, dass ihnen das zusteht. Diese Verachtung ist tatsächlich ein unmittelbares Gefühl, und ich bin mir nicht sicher, ob es eine Verpflichtung für mich gibt, jeden dieser Menschen für voll nehmen zu müssen. Normalerweise meide ich die Beziehung zu diesen Menschen (Hannah Arndt gab uns den Ratschlag, Beziehungen mit dem Bösen zu verweigern), aber das ist natürlich nicht immer möglich. Eventuell ist es auch politisch nciht mehr möglich, wenn im Gefolge von Trump und Consorten solche Menschen massenhaft in Ämter und Entscheidungspositionen kommen. Das heißt, ich muss mich mit ihnen auseinandersetzen, ich muss ihnen begegnen, aber ehrlich, ich weiß nicht, wie ich aufhören könnte, sie (Menschen mit einer bestimmten toxischen Vermishchung aus Boshaftigkeit, Egoismus und Dummheit) zu verachten. Ich weiß auch nicht, ob ich damit aufhören SOLLTE, denn wie gesagt, laut Hannah Arendt ist die Banalität des Bösen durchaus ansteckend, wenn man sich zu lange in seine Gesellschaft begibt.”

    Ich würde mit euch gern genau diese Frage nach der Verpflichtung, nach dem “Anteilhaben am Bösen” ausloten, wenn man nicht aufsteht und ehrlich benennt, dass der/die andere eine Grenze der Zivilisiertheit überschreitet. Egal ob im Kleinen oder im großen, politischen Rahmen.

    Und ich meine, diese Diskussion beinhaltet einen Austausch über das Maß zumutbarer Selbstgefährdung und um berechtigte Schutzbedürfnisse.

  • Anja sagt:

    Und ich gebe noch zu bedenken, dass es eine Form von Respekt sein könnte, (auch!) Verachtung ehrlich und in Beziehung bleibend mitzuteilen. Es gibt kaum etwas, das mich in meinem Leben mehr verletzt hat als (für mich spürbare) falsche, aufgesetzte, bemühte Freundlichkeit ohne echtes Interesse. Sicher gut gemeint, aber nie gut angekommen.

  • Liss sagt:

    ff
    und das war doch vorhersehbar, oder nicht? :
    https://www.zeit.de/kultur/2020-09/care-arbeit-migration-frauen-jobs-gefluechtete-deutschland

    — die andere Seite:
    meine “weisse, biodeutsche” Tochter, Tochter einer kinderreichen Familie, die allerdings nie arm war, aber dafür ohne Vitamin B (im ausgeprägten Klassismus dieses Landes) arbeitet nach Studienabschluß in einem besch. Schichtjob für Mindestlohn, absolut unterste Stufe der Hierarchie, ohne Perspektive, ausbeutend und krankmachend. Fachkräfte gesucht? Freie Stellen?

  • Antje Schrupp sagt:

    @Liss – das ist ein interessanter Artikel, aber er hat mit dem Thema dieses Posts hier nichts mehr zu tun. Dies nur als Hinweis, normalerweise schalten wir Kommentare, die nicht beim Thema bleiben, nicht frei…

  • Liss sagt:

    @ Antje…
    bin stets etwas “ganzheitlich” unterwegs

    es spiegelt sich mE die allseits gegenwärtige kollektive Verachtung im alltäglichen Schubladendenken

  • Anja sagt:

    Für mich ist es so: Wer “zivilisierte Kritik” oder “begründete Kritik” sagt, bleibt in dem Modus der rationalisierenden Distanziertheit, die ich zwar wirklich gut verstehen, aber menschlich nicht immer gutheißen kann. Wenn man (nur) von Kritik spricht, dann will man etwas versachlichen, bleibt im (“wohltemperierten”) Diskursraum, den man jederzeit mit einem “ist ja nur Diskurs”, “wir tauschen ja hier nur Meinungen aus” wieder verlassen kann (was durchaus seinen Reiz hat).

    Wenn man “Verachtung” sagt, dann bringt man sich selbst als fühlendes Wesen mit ins Gespräch und das macht natürlich angreifbarer. Deshalb schrieb ich, bei der Diskussion müssen wir die zumutbare Selbstgefährdung und die berechtigten Schutzbedürfnisse mitdenken.

    Es hat gute Gründe, warum wir in Konflikten gern auf die reine Diskursebene ausweichen. Und uns notfalls so problemlos gesichtswahrend zurückziehen können.

    Aber meine These ist, dass diese Strategie, die ja sonst sehr weit führt, an ihre Grenzen stößt, wenn das Gegenüber so geartet ist, dass sein Denken und Handeln an meine eigene Substanz geht (die Grundlagen der Demokratie) und es offensichtlich an dem Ast sägt, auf dem ich (oder wir alle!?) sitze.

  • Anja sagt:

    Man kann das noch weiterdenken, was den Einfluß Natur/Kultur betrifft, wie ich es oben ja schon angedeutet habe:

    ***Und ich meine halt “du sollst nicht verachten” ist so ein tief verwurzeltes christiches Gebot, das – zugespitzt formuliert – nicht im Einklang mit unserer Natur steht. Es ist/war eine kulturelle Leistung damals und es hat Vor- und Nachteile. Und ich meine, es lohnt – gerade jetzt und heute und unter den gegebenen Umständen – über diese Nachteile nachzudenken.***

    Es liegt in unserer Natur, dass wir etwas, das uns existentiell bedroht (oder zu bedrohen scheint) “wegmachen /weghaben/vernichten” wollen. Und reflexhaft tun wir das ja dann auch. Heute eben meist nicht mehr durch reale Vernichtung, Kriegsführung oder ähnliches, sondern “nur” durch Entwertung, Entsolidarisierung oder Maßnahmen der Marginalisierung und eben auch mittels Verachtung (Entzug von Achtung) … in der Hoffnung, dass sich die Gefahr so verkleinert. Das äußert sich dann z.B. politisch in einem als absolut gesetzten Nichtzusammenarbeitsbeschluß gegenüber der AfD. Man hält das auch für richtig und notwendig und doch spürt man die “offene Flanke”, die darin besteht, dass einem das vom Gegner als “undemokratisch”, “diktatorisch”, gar “rechtswidrig” um die Ohren gehauen wird. Und das geschieht ja auch. Und verhärtet die Fronten.

    Wenn wir nun unsere tiefen, instinktiven Gefühle als wertvolle Informationshilfe nutzen, und die/unsere Not der existentiellen Gefährdung mit ins Gespräch bringen können … das wäre schon eine Hoffnung oder einen Versuch wert. Aber eben begründet (“wir verachten euch und müssen euch unsere “normale” Achtung, unseren Respekt entziehen, weil wir wahrnehmen, dass ihr unsere Existenzgrundlagen bedroht) und nicht als bloßen, hilflosen, emotionsgesteuerten Abwehrreflex (“ihr seid doof und kein Gespräch wert, weil ihr doof seid!”, ganz platt gesagt).

  • Susann Tracht sagt:

    Hallo Anja Boltin.
    Schon im Rahmen der metoo- Debatte ging es um das Anerkennen und Aussprechen empfundener Gefühle. Und ja, ich denk_fühle, dass das Zulassen von Gefühlen und aus ihnen heraus zu handeln, ganz neue Wege – individuell und gesellschaftlich – eröffnet. Wo und wie geben wir eigenen und fremden Gefühlen Raum? Geben wir ihnen den Raum, um daraus etwas entstehen zu lassen?

    Ich denk_fühle, das es insb. für „zivilisierte Menschen“ eine bedeutsame Erfahrung ist, sich dem Gefühl der Verachtung hinzugeben. Die Verachtung „einfach“ zulassen – und ja, das einfach ist bewusst in Anführungsstriche gesetzt- und schauen was daraus erwächst. Ein Gefühl, ein unangenehmes Gefühl, zuzulassen ohne etwas dagegen zu tun, ohne es abändern zu wollen, ohne einzugreifen, ohne zu bewerten. Die Verachtung aufsteigen lassen, fühlen wie sich Verachtung anfühlt. Was ist da noch? Und dabei auch nicht gleich in Lösungen und Erklärungen, Rationalisierungen aller Art zu flüchten.

    Und ich kann mir vorstellen, dass dieser Weg über das Gefühl der Verachtung brückenbauend wirken kann, hin zu echter Begegnung und damit Austausch mit „dem_der Verachteten“, da auch diese in ihrem Gefühl berührt werden.

    Und dies denke ich, da Verachtung wie du beschreibst einer existenziellen Erfahrungen entspringt. Gerade diese Erfahrungen werden als Körpererinnerungen im Körper verarbeitet und gespeichert. Dabei ist es egal, ob diese erinnerbar ist oder nicht. (So kommt es auch dazu, dass sich Menschen an sehr frühe Kindheitserlebnisse erinnern. Erlebnisse aus einer Zeit in der das Gehirn entwicklungsbedingt dazu nicht in der Lage ist.) Und genau diese Körpererinnerungseben braucht das Fühlen, da die kognitiv- rationale Ebene diese nicht erreicht.

    „Die Wissenschaft“ übrigens kennt keine Körpererinnerungen. (Ledoux, Joseph: Das Netz der Gefühle) ;).

    Liebe Grüße,
    Susann

  • Anja sagt:

    Danke, Susanne!

    Ja, so sehe ich es auch. Gefühle, die nun mal da sind, nicht rationalisierend “wegzumachen” (und an ihre Stelle Pflichten, Tugenden oder andere starre Handlungsschemata zu setzen), kann etwas verändern, das insgesamt dann wieder gut und nützlich sein wird.

    Zum Beispiel kann ich mir vorstellen, dass wenn ich es vollkommen zulasse, zu fühlen, was Verachtung mit mir macht, dann komme ich ganz tief am Grunde dieses erschreckenden Gefühles auf die Erkenntnis, dass auch ich voller Hass und Rachegedanken bin und dass ich selbst es bin, die auch den anderen (weil er so “völlig falsch” ist) existentiell bedrohen und “wegmachen/vernichten” will. Und DARAUS könnte dann vielleicht wieder das (echte) Mitgefühl erwachsen (“Feindesliebe”), ohne das ein Dialog ja tatsächlich nicht möglich ist. Da hat Antje schon Recht mit ihrer ursprünglichen Bemerkung, dass wenn ich nicht mehr glaube, dass der andere irgendwie Recht haben *könnte* (und sei es nur sein Recht auf eine eigene Meinung!), gibt es keine Beziehung, keine Hinwendung, keinen Dialog.

  • Ute Plass sagt:

    @Anja –“Ich weiß auch nicht, ob ich damit aufhören SOLLTE, denn wie gesagt, laut Hannah Arendt ist die Banalität des Bösen durchaus ansteckend, wenn man sich zu lange in seine Gesellschaft begibt.”

    “Die Banalität des Bösen” verstehe ich nicht nur als das ‘personifizierte, individuelle Böse’ , sondern gesellschaftliche (Macht)Strukturen, Institutionen, Wirtschaft, Kultur, Familie……die Angepasstheit, Gehorsam, Denkverbote …. einfordern. Gerade die Erfahrungen eines Nazi-Regimes zeigen, was dazu führen kann zu MittäterInnen/ MitläuferInnen zu werden. Das beschreibt H.Arendt ja eindrücklich in ‘Eichmann in Jerusalem’, den sie als ‘normalen Menschen’ bezeichnet, dem sie allerdings so etwas wie Unvermögen im Selberdenken attestiert. Dieses Unvermögen dürfte sehr viel damit zu tun haben, dass sich Menschen, wie Eichmann, in ihrem Denken und Fühlen aufgespaltet haben. Nun, ein weites Feld, welches Persönlichkeiten
    wie Fromm, Adorno, Marcuse …. mit beackert haben.

    Verstehe ich dein Anliegen auch dahin gehend, dass du anregen und ermutigen willst, dem Eigenen (auch bösen) auf den Grund zu gehen, und das dazu die Beachtung ‘aller’ Emotionen, gehört, da diese ‘Selbsterkenntnis’ lehren?

    D.h. Gefühle gehören dann auch be-dacht, sprich reflektiert, um sie nicht ‘auf andere’ zu projizieren.
    Ist natürlich nichts Neues (Freud lässt grüßen), aber gut sich immer wieder darauf zu besinnen.

    Was die Angst vor ‘böser-Menschen-Ansteckung’ betrifft, diese hat ja durch Corona derzeit Hochkonjunktur.

    So wünsche ich mir sehr, dass dieser Angst, und den vielleicht noch nicht sichtbaren Gründen,
    nachgespürt wird.

  • Antje Schrupp sagt:

    @Ute – Arendt bescheinigt Eichmann nicht ein Unvermögen im Selberdenken, sondern ein Unvermögen, sich in das Schicksal anderer hineinzuversetzen. Ich glaube nicht, dass Arendt die Banalität in staatlichen Machtstrukturen und Institutionen sah, sie hielt Regierungen und Institutionen im Gegenteil für wichtig. Die Banalität bestand darin, dass Menschen wie Eichmann schulterzuckend bekundeten, dass sie sich für das von ihnen selbst mitverursachte Leid anderer Menschen weder interessierten noch zuständig fühlten, und über ihre eigene Rolle dabei weder groß nachdachten noch irgendwie ein Problem darin sahen, Befehle auszuführen, die für alle wissbar darin bestanden, Menschen zu ermorden. Eichmann hatte sich gerade NICHT zwischen Denken und Fühlen aufgespalten, denn der DACHTE sich die Legitimiät des Bösen zurecht und FÜHLTE dann auch genauso.

  • Anja sagt:

    Liebe @Ute,

    ja, genau. Selbsterkenntnis um unbewusste Projektion zu vermeiden oder wenigstens sich davon (im Nachhinein wieder) distanzieren zu können, falls es passiert. Genau darum geht es mir. Damit sich keine Feindbilder verfestigen.

    Und @Antje, den Satz von dir finde ich auch sehr zutreffend: ***Eichmann hatte sich gerade NICHT zwischen Denken und Fühlen aufgespalten, denn der DACHTE sich die Legitimiät des Bösen zurecht und FÜHLTE dann auch genauso.***
    Wenn wir das nämlich zur Kenntnis nehmen, dass diese Leute genau so fühlen, wie sie reden und denken, dann gelingt es uns besser, die Gefahr, die von ihnen ausgeht, ernst zu nehmen und über diese Gefahr vernünftig nachzudenken, anstatt unsere Zeit damit zu verschwenden, nach Gründen zu suchen, die z.B. psychologisierend oder pathologisierend “erklären”, warum die das “nicht so gemeint haben” oder was für “Hilfe” die brauchen oder irgendwelche anderen Gedanken, die v.a. die Funktion haben, uns zu beruhigen, zu entängstigen, moralisch zu überhöhen oder sonstwie zu entlasten.

    Um @Antje zu kolportieren: Vielleicht kann es uns – im Gegensatz zu Eichmann – gelingen, die *Legitimität des Bösen zu FÜHLEN*, damit wir besser und sachgerechter über das Böse NACHDENKEN können?!

    Und @Ute, wenn ich meine eigenen Schatten und Abgründe realistisch kenne, bin ich wohl auch realistischer in der Einschätzung anderer, die diese Abgründe gerade (aus)leben.

  • Ute Plass sagt:

    Mir leuchtet weiterhin das ein, was der israelische Historiker Moshe Zuckermann u.a. zur ‘Banalität des Bösen’ schreibt:
    “Man braucht keine großen Hasser und blutrünstigen Mörder, man muß die perfekt arbeitenden Bürokraten haben, die dann beschließen, hunderttausend in diesem Zug und die nächsten hunderttausend mit jenem Zug zu deportieren.”

  • Rava Katz sagt:

    Ich denke schon, dass es Verhaltensweisen von Menschen gibt, wo es wichtig ist, dass eine sich ganz klar positioniert. Dass wir als Frauen unserem Bedürfnis, der Intension und Intuition nach einer ich nenne es mal ‘weiblichen Ordnung’ nachgeben und nachgehen. Kommunikation und Kompromissbereitschaft sind sicherlich auch wichtige ( weibliche) Qualitäten, aber genauso wichtig finde ich es in bestimmten Situtionen Stellung zu beziehen, kompromisslos zu sein, Grenzen zu ziehen.
    Aber, da gebe ich Juliane Blumberg recht, das geht nicht durch Verachtung. Andererseits das Wort : ‘Kritik’ , und die Haltung die damit signalisiert wird, finde ich für bestimmte Situationen nicht klar genug.
    Ich würde an dieser Stelle den Begriff : “MISS-ACHTUNG” vorschlagen. Weil ich finde der macht es möglich, mich klar von einem bestimmten Verhalten eines Menschen abzugrenzen ohne die Achtung von ihm als Menschen zu verlieren.
    Und das was Antje Schrupp schreibt, dass sie es wichtig findet, die ‘Verachtung” auch zuzulassen, dass diese instinktiv ( einer weiblichen Ordnung entspingt) und unter Umständen überlebenswichtig ist, das denke ich auch. Aber ich würde das lieber den “heiligen Zorn” nennen, dieses instinktive Wissen, wann es – um das Leben, das Lebendige zu erhalten, not-wendig ist sich abzugrenzen, im Zweifesfall auch zu ‘zerstören’, oder gar zu’ töten’, und das meine ich jetzt eher im übertragenen Sinne. Ich glaube das haben wir Frauen verlernt. Uns fehlt das Vorbild der zornigen Göttin, die auch zerstörerische Kräfte besitzt, nicht gegen, sondern aus Achtung vor dem Leben.
    Von Ute Schiran habe ich mal den Satz gehört : Die Frauen müssen wieder lernen zu töten, damit das Morden endlich aufhört.
    Aber das ist sehr dünnes Eis!! Also insgesamt ein Terrain, das nur mit sehr viel Sorgfalt, Achtung und Achtsamkeit betreten werden sollte!
    Ich finde den Ausdruck “heiliger Zorn” geeigneter, weil er ent-personifiziert ist, sich also nicht gegen eine Person richtet, sondern gegen ein bestimmtes Verhalten, z.B. die Anwendung von Rücksichtslosigkeit, von Macht und Gewalt usw.

Weiterdenken