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Bohnenstange. Ein Film über das Leben.

Von Antje Schrupp

Szenenfoto: eksystent Filmverleih

Das ist ein merkwürdiger Film: Am Anfang dachte ich, ich bin in einem Gemälde von Vermeer, eine bleiche hagere Frau macht merkwürdige Dinge, wo führt das hin. Auch die Szenerie der Handlung machte mich skeptisch – Leningrad im Herbst 1945, nach Ende des Krieges, überall Leid, Verletzte, Matsch und Kälte.

Aber dann zog mich der Film immer mehr rein, vor allem, weil es laufend überraschende Wendungen gibt. Deshalb möchte ich gar nicht so viel von der Handlung erzählen, und ich würde euch empfehlen, in den Film möglichst rein zu gehen, ohne vorher viel darüber zu lesen. Lasst dieses Kunstwerk auf euch wirken.

Nur so viel: Es geht um Beziehungen, Schwangerwerdenkönnen, Alltagsleben, Vertrauen, Tod und Krankheit, Freundschaft, Verletzlichkeit und Queerness im besten Sinn des Wortes. Denn neben der Handlung und den Ereignissen, neben dem, was getan und unterlassen wird, geht es vor allem darum, dass Menschen sein dürfen, wie sie sind, und seien sie auch noch so merkwürdig und „unnormal“.

Im Mittelpunkt steht die Freundschaft und Liebe zwischen zwei Frauen, der großen und hageren Iya (gespielt von Victoria Miroshnichenko), die von allen „Bohnenstange“ genannt wird, und der kleinen, gewitzten Masha (Vasilisa Perelygina). Die beiden haben sich als Soldatinnen im Krieg kennengelernt, jetzt geht es darum, wie mit den Scherben danach zurechtgekommen werden kann, und woraus vielleicht neues Leben entsteht.

Der Regisseur des Films, Kantemir Balagov, ist erst 29 Jahre alt. Dass er im heutigen Russland, wo lesbische und queere Beziehungen verfolgt und geächtet werden, einen solchen Film dreht, ist für sich genommen schon erstaunlich genug. Doch auch die künstlerische Qualität ist enorm, und so war „Bohnenstange“ ganz zu Recht in diesem Jahr für den Oscar als bester internationaler Film nominiert.

In kunstvoll arrangierten Bildern und Einstellungen zeigt Balagov, wie sich Ereignisse in Körper einschreiben, wie Traumata Leben prägen, wie Menschen sich gegenseitig verletzen, aber auch stützen können. Und so erstaunlich das klingt: Trotz des düsteren Settings und des geschilderten Elends ist der Film nicht anstrengend, nie wollte ich aufstehen, hinauslaufen, nie hatte ich den Eindruck: Das will ich mir jetzt nicht weiter anschauen.

Das liegt daran, dass das eigentliche Zentrum des Films Beziehungen sind, gelingende Beziehungen. Und wo es gelingende Beziehungen gibt, da geht es immer weiter mit der Welt.

Der Film kommt in Deutschland am 22. Oktober in die Kinos. Hier der Link zum Trailer.

Autorin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 18.10.2020

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Heike Brunner sagt:

    Hallo Antje, Danke für Deine Rezension! Ich freue mich schon auf den Film und bin froh, dass er trotz allem wohl nicht nur “schrecklich” ist, was bei so einer Themenlage natürlich schnell passieren kann. Ich hab zu dem gelesen, dass sich der Regisseur auch an dem Buch von Swetlana Alexijewitsch: “Der Krieg hat kein weibliches Gesicht” orientiert / inspiriert hat. Ein ebenfalls sehr zu empfehlendes Buch, was mich sehr bewegt hat und wirklich noch mal ganz neue Perspektiven zu diesem geschichtlichem Kapitel eröffnete. LG Heike

  • Antje Schrupp sagt:

    @Heike, danke für die Info zu dem Buch, das wusste ich noch gar nicht!

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