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Rubrik erinnern

Mitten aus dem Leben

Von Eva Köppl

Für meinen Bruder, gestorben an der Corona-Covid-19 Infektion, mit 53 Jahren, angesteckt bei der Arbeit.

Versuch einer Aufarbeitung

An welchem Ort nun soll ich dich denn suchen, lieber Bruder?

Foto: Huang Hui-ling Jessie

Deine Art ist nice und du bist ruhesanft. Im Halbschlaf überkommt mich, trauernd, eine Vision. Ein See wie in Asien, pastellfarben das Wasser, Felsen wie gemalt, und traumtief alles, Frieden. Homer, die Reise über Wasser, doch dies ist keine Fahrt, und du weilst hier, die Ruhe legt sich auf den See und eine Tiefe, die dir nah ist, Glück, dir zu begegnen, in dem Traum.  Glück, dich hier zu wissen. Froh bin ich um diesen Trost.

1970er Jahre, als wir 15 und 17 waren. Du bist nicht mehr mein kleiner Bruder, schon größer bist du als ich. Wir wollten allesamt viel bewegen in dieser Zeit, als könnte alles ohne Ende sein. Rebellisch warst du, so früh schon, wilder Glanz in deinen Augen, und viel Lachen, Frieden deine Vision, du eigenwilliger kluger Bruder. Vertrieben bist du aus dem Isarleben hier.

Die Zeit, unsre Zeit, ist immer hier, ist immer in der Gegenwart verankert. Unsere geschwisterliche Freundschaft, für garantiert genommen, Glanz und Frieden, wir zusammen.

Warum nur bist du fort, warum nur bist du blass geworden?

Foto: Robert Fischer

Ich habe ein altes Foto hervorgekramt. Wir zwei, entschlossen und fröhlich auf unserem Weg, die Übereinkunft der braunen Schals, deiner mit Streifen in orange, die Haare werden länger, ich sehr filigran im Lodenmantel, wilde Locken.  Aufbruch der 1970er Jahre, eine kurze Zeitlang warst du glücklich, fröhlich und du selbst. Und was geschieht mit den besonderen Menschen?? Das Unverständnis, Gift für Junge. Lass sie ausprobieren. Auf einmal spielen wir zerrüttete Familie. Ruhig bleiben? Wenn einer eintaucht in die Wellen der Zeit. Aufgegriffen in Wackersdorf, bei der Anti-Atom-Demo. Ausgerückt. Rebellisch. Mein Gott, Protest war lebenswert und wichtig. Ihr brauchtet keine Angst zu haben, liebe Eltern, ihr gabt das Beste, das war viel.

Mein lieber Bruder, ich kenne dich aus allen Zeiten. Die Bäume rauschen himmelwärts. Wer warst du und wer wolltest du denn sein?

Du bist so reizend, lieber Bruder, du verdienst das Leben.

Auf den Fahrradladen Steiner gibt es während der Corona-Epidemie einen Riesen-Run.  Am Wochenende baut ihr noch Räder zusammen. Der Zuschlag hat sich nicht gelohnt, denn dieser Tag ist eine Coronaparty geworden. Das hektische Rädermontieren im Juni legt den Keim, lässt dich verblassen und macht die meisten anderen für ziemlich lange oder gar lebenslang krank. Coronaregeln nicht eingehalten. So kollegial, so krank, so nah.

Deine letzte Abrechnung habe ich noch gesehen. Wenig war drauf, 588 Euro war dein Lohn für vierzehn Tage. Die Krone hat dich erwischt, an diesem Ort der Montage und für diesen Stundenlohn, der so knapp war. Plus Zulage, ja.

Mein lieber Bruder, bitter warst du manchmal schon. Und mittellos. Und doch so reich. Und jene Viren waren weit. Sie lehren uns, jetzt an den Tod zu denken, sie trafen schon dein Herz, Corona traf dein Herz. Es bleiben Bilder. Unvergessen. Reich, und weit.

Autorin: Eva Köppl
Redakteurin: Juliane Brumberg
Eingestellt am: 03.11.2020
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Dr. Gisela Forster sagt:

    Ich bin zutiefst bewegt über diesen Text, über diese Gefühle gegenüber dem Bruder, der nun tot ist. Corona ist um uns, auch wenn wir diese mikrokleinen Pünktchen nicht sehen können und nicht sehen dürfen. Wir sollten es trotzdem ernst nehmen, wissen, dass es da ist, und wir sollten in unserem Bewusstsein erkennen, dass auch das existent ist, was wir nicht bildlich definieren und nur über Umwege wahrnehmen können, weil direkt neben uns plötzlich ein toter Mensch liegt.

  • Stefan Duschl sagt:

    Danke für diesen ganz besonderen Nachruf! Leider durfte ich ihn immer nur kurz kennenlernen, und doch habe ich ihn in dieser kurzen Zeit sehr zu schätzen gelernt. Meine Gedanken wandern noch oft zu ihm.

  • Dorothee Markert sagt:

    So schön, diese Liebe zum verstorbenen Bruder. Ich weine mit.

  • So viel Schmerz, so viel Leid. Mein herzliches Beileid.

    Wenn Geschwister sterben, dann stirbt so viel Liebe mit.

  • N. Aunyn sagt:

    Meine herzliche Anteilnahme. Ich bin sehr berührt von diesem liebevollen Nachruf.

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