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Queere Auslegungen von Gesetzestexten der Hebräischen Bibel und der Halacha

Von Karin Hügel

Wie lassen sich die Hebräische Bibel (das „Alte Testament“) und ihre späteren jüdischen und christlichen Auslegungen queer interpretieren? Mit diesem Thema beschäftigt sich Karin Hügel in ihrem Dissertationsprojekt. Einige Ergebnisse ihrer Forschung stellt sie hier vor.

Rabbi Hillel lehrt die Goldene Regel, Knesset-Menora, Jerusalem.

Sogenannte „Homosexualität“ – ein problematischer Begriff, der nicht anachronistisch auf biblische und halachische (jüdisch rechtliche) Texte der Antike angewendet werden sollte – ist nicht mehr länger nur reines Objekt wissenschaftlicher Forschung, wie etwa in Abhandlungen zu den Gesetzen über Sex zwischen Männern (in Levitikus 18,22 und Levitikus 20,13). Es sind inzwischen auch queere Lesarten der Bibel und weiterer jüdischer und christlicher Schriften entstanden. Dementsprechend haben sich die diskursiven Machtverhältnisse umgekehrt: Unterschiedliche queere Personen, Lesben, Schwule, bisexuelle Leute, Transgenderpersonen, intersexuelle und andere, die ihre sexuelle Orientierung oder ihre Identifizierung mit dem soziokulturellen Geschlecht hinterfragen, haben begonnen, alte religiöse Quellen wie die Bibel und andere selbst aus ihren jeweiligen Sichtweisen wissenschaftlich zu untersuchen.

Im Zuge queerer bibelwissenschaftlicher und judaistischer Forschung hat sich das Feld der zu analysierenden religiösen Schriften geweitet. Je nach eigener Fragestellung können viel mehr biblische Texte und deren spätere Auslegungen (also auch die Liebesgebote aus Levitikus und jüdische und christliche Interpretationen im Anschluss daran) queer gelesen werden, letztendlich auch von Personen, die sich selbst nicht einer der unter dem Sammelbegriff „queer“ subsumierten Gruppen zuordnen, aber – zum Beispiel aus politischen Gründen – einen queeren Ansatz verfolgen.

Queere Lesarten der Hebräischen Bibel und ihrer jüdischen und christlichen Auslegungen und Rezeptionen nehmen nichtnormative Sexualitäten ins Blickfeld. Heteronormativität wird dabei unterlaufen mit dem Ziel, unterschiedliche queere Lebensweisen zu fördern und somit queere Personen zu stärken. Im Folgenden möchte ich die Thesen von zwei meiner Artikel vorstellen, nämlich queere Auslegungen der Liebesgebote aus Levitikus (auch als „drittes Buch Mose“ bekannt), sowie jüdische gesetzliche Auslegungen zu weiblicher Homoerotik. Beide sind Teile meiner in Entstehung begriffenen Dissertation mit dem Titel „Queere Lesarten der Hebräischen Bibel“.

Queere Auslegungen der Liebesgebote aus Levitikus

Die Liebesgebote aus Levitikus – im Hebräischen nach den ersten Worten dieser biblischen Schrift „Wa-yiqra“ („Er rief“) – lauten: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Lev 19,18) und „Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll wie ein Einheimischer bei euch gelten, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid Fremde in Ägypten gewesen“ (Lev 19,34). 

Diese Stellen des sogenannten Heiligkeitsgesetzes (Levitikus 17-26) werden von mir nach dem babylonischen Exil der Bevölkerung Judas (597-539 vor der Zeitenwende) in die Perserzeit datiert, in welcher nicht das jüdische Volk, sondern das Geschlecht der Achämeniden das Sagen hatte. Daher betrachte ich das Nächsten- und Fremdenliebegebot aus Levitikus – ähnlich wie die Verbote in Bezug auf Sex zwischen Männern in Lev 18,22 und Lev 20,13 – als Teile spezifischer jüdischer Utopien. Sie könnten antiken Wunschvorstellungen entsprochen haben, eine religiöse, rechtliche Weltanschauung zu erschaffen, die allerdings nie realisiert werden konnte. Diese Liebesgebote aus Levitikus will ich nun im Anschluss an drei traditionelle Interpretationsvarianten des Nächstenliebegebots aus dem Heiligkeitsgesetz queer auslegen.

Das Nächstenliebegebot kann erstens folgendermaßen übersetzt werden: „Du sollst deinen Nächsten lieben, wie du dich selbst liebst (bzw. lieben sollst)“. Der oder die Nächste soll in dem Maß geliebt werden, wie jemand sich selbst liebt. Ein solches Verständnis dieses Gebots setzt Selbstliebe voraus. Das Nächstenliebegebot könnte aber auch als Gebot zur Selbstliebe betrachtet werden: Einzelnen queeren Menschen etwa mangelnde Selbstliebe vorzuwerfen, könnte von den Betroffenen als Zynismus aufgefasst werden, wenn ein selbstbestimmtes sexuelles Leben für sie nicht möglich ist. Dieses Gebot könnte als Aufforderung verstanden werden, diesen Leuten Selbstliebe leichter zu machen, indem ein Umfeld geschaffen wird, welches ihre Lebens- und Liebesweisen fördert. Ein liebevoller Umgang diverser queerer Leute mit sich selbst wiederum wirkt sich auf ihren Umgang mit anderen Mitmenschen positiv aus.

Zweitens kann das Nächstenliebegebot Folgendes bedeuten: „Du sollst deinen Nächsten lieben, denn er ist ein Mensch wie du“. In der jüdischen Aufklärung schuf der Dichter, Sprachwissenschaftler und Exeget Naftali Herz Wessely (1725-1805) eine neue jüdische Auslegungstradition des Nächstenliebegebots aus Levitikus, indem er die Gleichheit aller Menschen durch Rekurs auf die Schöpfung theologisch begründete. Aus heutiger feministischer und queerer Sicht gilt es jedoch, eine inklusive Neuinterpretation des biblischen Nächsten- und Fremdenliebesgebots einzufordern, sodass die Liebesgebote als Aufruf zum respektvollem Handeln auch und besonders gegenüber Frauen und diversen Minderheiten wie queeren Personen verstanden werden können.

Drittens und letztens kann das Nächstenliebegebot im Sinne der negativen Goldenen Regel auf folgende Weise verstanden werden: „Du sollst deinen Nächsten lieben, sodass, was dir verhasst ist, du ihm nicht tun sollst“. Diese Interpretationsvariante im Zuge einer aramäischen Übersetzung (des „Targums Pseudo-Jonathan“) ist erst viele Jahrhunderte später als der althebräische Text entstanden. Mit der Zeit galten die Liebesgebote aus Levitikus somit als auslegungsbedürftig, sodass die negative Goldene Regel „sodass, was dir verhasst ist, du ihm nicht tun sollst“ eingeflochten wurde. Nicht nur bedeutsamen Rabbinen wie Hillel oder Akiba, sondern auch Jesus von Nazareth wurde die Goldene Regel zugeschrieben. Sie sollte heute – anders als in der Antike – inklusiv verstanden werden und unter Einbezug nicht nur von Männern, sondern auch von Frauen und queeren Personen im Sinne einer Ethik des guten Miteinanders aller Menschen dieser Welt angewendet werden.

Jüdische gesetzliche Auslegungen zu weiblicher Homoerotik

Lesbische Sexualität, wie sie heute seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verstanden wird, existierte nicht in antiken biblischen oder rabbinischen Texten. Sie dort zu suchen, würde einen Anachronismus darstellen. In der Hebräischen Bibel gibt es kein Verbot weiblicher Homoerotik. Auch in den ältesten rabbinischen Quellen, Mischna (das bis etwa 200 n. d. Z. ausgebildete traditionelle jüdische Religionsgesetz) und Tosefta (deren „Ergänzung“), befinden sich keine gesetzlichen Aussagen zu weiblicher Homoerotik. In anderen halachischen Texten des späteren Judentums werden Aussagen gegen weibliche Homoerotik nachträglich aus der Hebräischen Bibel abgeleitet, indem sexuelle Lust oder sogar Heirat zwischen Frauen mit dem „Brauch des Landes Ägypten“ in einer Ermahnung aus Lev 18,3 assoziiert werden, wo es heißt: „Weder den Brauch des Landes Ägypten, in welchem ihr gewohnt habt, noch den Brauch des Landes Kanaan, in welches ich euch hineinführe, sollt ihr nachahmen. Nach ihren Satzungen sollt ihr nicht wandeln“.

Jüdisch-rechtliche Positionen zu weiblicher Homoerotik behandle ich in drei Punkten:

Erstens kommt in Sifra (aramäisch „Buch“), einem halachischen Midrasch zu Levitikus, eine parallel konzipierte Vorstellung von gleichgeschlechtlichen Ehen zwischen Männern oder Frauen vor – eine Ausnahme in jüdischer Literatur: „Ein Mann würde einen Mann heiraten, und eine Frau [würde] eine Frau [heiraten]. Ein Mann würde eine Frau samt ihrer Tochter heiraten, und eine Frau würde an zwei [Personen] verheiratet werden“ (Sifra Achare Mot 9,8 (85c-d) zu Lev 18,3,). Nicht Sex zwischen Frauen, sondern die Heirat unter Frauen – sowie unter Männern und bestimmte Formen der Polygamie – werden darin abgelehnt. Im Umkehrschluss ergibt sich daraus, dass aus der Sicht von Sifra die Ehe zwischen Mann und Frau und prinzipiell auch Polygynie, bei der ein Mann mehrere Frauen hat, die Regel waren. Sifra zu Lev 18,3 ist vermutlich der älteste jüdische Quellentext aus der Zeit der Antike, welcher üblicherweise zum Thema „Weibliche Homoerotik“ herangezogen wird. Sifras Grundstock wird in das 3. Jahrhundert datiert.

Zweitens diskutiere ich drei talmudische Texte, welche Belege für weibliches Begehren unter Frauen darstellen. Talmud (hebräisch „Lehre“) bezeichnet die beiden großen jüdischen Kommentare zur Mischna. Die beiden wichtigsten Zentren des jüdischen Lebens in der damaligen antiken Welt waren Palästina und Babylonien, aus welchen der palästinische Talmud (Redaktion frühes 5. Jahrhundert) und der babylonische Talmud (Redaktion des Kerns im 6. Jahrhundert, doch Fortschreibung und Erweiterung bis in das 8. oder 9. Jahrhundert) hervorgegangen sind.

Im palästinischen Talmud Gittin („Scheidebriefe“) 8,10,49c sind Frauen, die „miteinander herumtollen“, aus Sichtweisen, welche den Schulen Schammais und Hillels des 1. Jahrhunderts zugeschrieben werden, aber höchstwahrscheinlich erst aus amoräischer Zeit, also aus dem 3. Jahrhundert (oder noch später) stammen, ein kontroverses Thema: Die Schule Hillels ist – im Unterschied zur Schule Schammais – der Ansicht, dass „miteinander herumtollende“ Frauen kein sexuelles Vergehen begehen. Der entscheidende Punkt für diese Anschauung dürfte vermutlich sein, dass Frauen dabei nicht durch einen männlichen Penis penetriert werden.

Im babylonischen Talmud Yevamot („Schwägerinnen“) 76a wird eine recht ähnliche Position Rabbi Eleazar zugeschrieben. Dieser behauptet nämlich implizit, dass eine Frau beim Sex mit einer anderen Frau diese nicht zu einer Hure macht. Die jüdische Tradition siedelt Rabbi Eleazar in Palästina in der dritten Generation der Amoräer an. Als gebürtiger Babylonier kam er nach Palästina, wo er als Schulleiter in Tiberias in Galiläa im Jahr 279 starb.

Im palästinischen Talmud Gittin 8,10,49c wird das Verb salad/סלד im Piʿel im Sinne von „herumtollen“ euphemistisch als Vollzug sexueller Handlungen zwischen Frauen verstanden. Diese Übersetzung eines Verbs, dessen exakte Bedeutung grundsätzlich unklar ist, beruht auf einem Analogieschluss der Bedeutung von salal/סלל in der Tosefta Sota („die des Ehebruchs verdächtige Frau“) 5,7 auf salad/סלד im palästinischen Talmud Gittin 8,10,49c im Zusammenhang mit einer halachischen Behauptung zu Sex zwischen Mutter und Sohn.

In den babylonischen Talmudtraktaten Yevamot 76a und Schabbat 65a wird das Verb salal/סלל im Piʿel hingegen auch im Zusammenhang mit Frauen verwendet, die „von sexueller Lust aneinander erfüllt sind“. In diesen babylonischen Talmudtraktaten wird Rav Huna, einem Gelehrten, welcher – gemäß der traditionellen jüdischen Chronologie – im 3. Jahrhundert n. d. Z. in Sura am Euphrat lebte, der Ausspruch in den Mund gelegt, dass Frauen, die „von sexueller Lust aneinander erfüllt sind“, aus der priesterlichen Gemeinschaft ausgeschlossen werden. Das könnte den Verlust eines priesterlichen Vorrechts (nämlich der Verweigerung der Teilhabe am Mahl der Abgaben an die Priester) oder das Heiratsverbot mit einem jüdischen Priester bedeutet haben. Beides ist heute nicht mehr aktuell. Aus gegenwärtiger, queerer Sicht sind gleichgeschlechtliche Handlungen zwischen Frauen auch nicht unanständig, wie lesbophobe Leute heute im Anschluss an Rabbi Eleazars Behauptung im babylonischen Talmud Yevamot 76a eventuell noch denken mögen.

Drittens werden im Mittelalter diese rabbinischen Texte wieder aufgegriffen und zitiert. In Mischne Tora, Sefer Keduscha, Hilchot Issure Bia 21,8 (Wiederholung der Thora, Buch der Heiligkeit, Gesetze zu verbotenen sexuellen Beziehungen“ 21,8), einer systematischen Sammlung jüdischer Gesetze, verbindet der jüdische Rechtsgelehrte Maimonides (1135-1204) Rav Hunas Behauptung in den babylonischen Talmudtraktaten Yevamot 76a und Schabbat 65a als Erster mit der Aussage zu Heirat unter Frauen, Heirat unter Männern und zu bestimmten Formen der Polygamie in Sifra Achare Mot 9,8 (85c-d), indem er sie alle auf Lev 18,3 bezieht. Maimonides Äußerungen in dieser Schrift rufen heute Entrüstung hervor, weil er eine gerichtliche Bestrafung für Frauen, „die füreinander Lust empfinden“, mit Schlägen wegen ihrer „Rebellion“ für legitim hält. Mit seiner Forderung nach männlicher Kontrolle der weiblichen Sexualität ist er ein Vertreter typisch patriarchalen Gedankenguts. Eine solche respektlose Vorstellung, nämlich Schläge als angemessene Strafe für Frauen, die andere Frauen begehren, steht heute im Widerspruch zu fundamentalen Prinzipien der Menschenrechte und sollte in orthodoxen Kreisen des Judentums nicht länger heraufbeschworen werden.

In seinem Kommentar zur Mischna Sanhedrin („Gerichtshof“) 7,4 – wo geschrieben steht, der penetrierende männliche Partner beim Geschlechtsverkehr unter Männern solle durch Steinigung geahndet werden – stellt Maimonides jedoch auch fest, dass sowohl nach dem biblischen als auch nach dem rabbinischen Gesetz keine Strafe für weibliche Homoerotik vorgesehen ist. Somit bezeugt auch er die wesentliche Tatsache, dass es weder in der Hebräischen Bibel noch in der Mischna und der Tosefta ein Verbot weiblicher Homoerotik gibt.

Anmerkungen:

Der Abschnitt „Queere Auslegungen der Liebesgebote aus Levitikus“ wurde auf der 18. Internationalen Konferenz der Europäischen Gesellschaft für theologische Forschung von Frauen „Geschlecht, Rasse, Religion, De/Konstruieren von Regimen der Un/Sichtbarkeit“ an der Katholischen Universität Löwen 2019 und auf der 7. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Geschlechterforschung „Geschlecht und Geschlechterverhältnisse in Transformation: Räume – Relationen – Repräsentationen“ an der Universität Innsbruck 2019 vorgestellt.

Der Abschnitt „Jüdische gesetzliche Auslegungen zu weiblicher Homoerotik“ wurde auf Englisch auf der Europäischen Lesben*konferenz „Lesben* in Europa. Verbinden, Reflektieren, Handeln, Transformieren“ in Wien 2017, auf dem internationalen Treffen der Society of Biblical Literature in Rom 2019 und auf der Jahrestagung der European Association of Biblical Studies in Warschau 2019 vorgetragen.

Zum Weiterlesen:

„Queere Auslegungen der Liebesgebote aus Levitikus“, in: Anne-Claire Mulder/Clara Carbonell Ortiz/Agnethe Siquans (Hg.), Gender, Rasse, Religion: De/Konstruieren von Regimen der Un/Sichtbarkeit, Jahrbuch der Europäischen Gesellschaft für theologische Forschung von Frauen, Band 28, Peeters, Leuven 2020, 201-236. (Link)

„Jüdische gesetzliche Auslegungen zu weiblicher Homoerotik“, in: Journal of Ancient Judaism, Band 10, Nummer 3, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2019, 416-454. (Link)

Autorin: Karin Hügel
Eingestellt am: 01.11.2020
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