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Rubrik erzählen

Der Polizist und der Tanz der Getränkedose

Von Dorothee Markert

An einem Sonntagmorgen stand ein Polizist auf der Strandpromenade, dort, wo ich jeden Morgen meine Flipflops ausziehe, um zum Strand hinunterzugehen. Er sah ausgesprochen gut aus in seiner blaugrauen Uniform, groß und stattlich stand er da, die Pistole hing offen am Gürtel, auf der anderen Seite das Handy. Von Weitem erinnerte er an einen Westernhelden mit je einer Pistole rechts und links. Ich wunderte mich, dass er so allein da stand, sonst sitzen sie immer zu zweit in ihrem Polizeiauto, das hinter einer Ecke lauert, oder sie fahren langsam die Strandpromenade entlang. 

Der Polizist hatte wichtige Aufgaben, und das sah man ihm auch an: Er musste kontrollieren, ob die Leute eine Maske trugen, und die Radfahrer und Radfahrerinnen verwarnen, die trotz Verbot auf der Promenade fuhren. Ich war froh, dass er da stand, denn in letzter Zeit waren mir von Tag zu Tag mehr Leute ohne Maske begegnet, auch hatte ich mich mehrmals vor Fahrrädern durch einen Sprung zur Seite in Sicherheit bringen müssen.

Es war ein windiger Tag, und ich sah, als ich den Polizisten schon fast erreicht hatte, dass der Wind eine leere Getränkedose vor sich her trieb. Sie tanzte genau auf den Polizisten zu. Da ich normalerweise herumrollende Plastikflaschen oder Dosen aufhebe und entsorge, damit sie nicht ins Meer geweht werden, hielt ich automatisch nach einem Abfalleimer Ausschau. Gleich schräg gegenüber stand einer, fünf oder sechs Schritte entfernt.

Gerade wollte ich loslaufen, um die Getränkedose einzufangen, da hatte ich ein Bild vor Augen, das mich innehalten ließ. Ich sah die Situation aus der Sicht des Polizisten: Eine alte Frau, die sich vor seinen Füßen nach einem Stück Abfall bückt und ihn zum Abfalleimer trägt. Der Gedanke, dass das für ihn völlig normal und in Ordnung sein könnte, war mir unerträglich.

Ich lief also weiter, schaute den Polizisten aber mit Blick auf die Dose auffordernd an. Als ich die Treppe hinunterstieg, hörte ich es hinter mir krachen. Mit ein paar kräftigen Tritten beendete der Polizist den Tanz der Dose, trat sie vollständig platt … und ließ sie liegen. „So wird das nichts“, sagte ich laut, wusste aber dann nicht mehr so genau, worauf sich das eigentlich bezog. Die Rettung der Meere? Der Erde?

Ich spürte den Sand unter meinen Füßen, die warme Sonne auf meinem Rücken, zog die Maske etwas herunter und konnte das Meer riechen. Schmunzelnd dachte ich an die Lösung, die der Polizist für sich gefunden hatte. Ins Meer geweht konnte die Dose nun immerhin nicht mehr werden.

Als ich zurückkam, war der Polizist verschwunden. Die Getränkedose lag an der Mauer, klein und verschrumpelt, halb zugedeckt mit Sand und Schmutz. Ich hob sie auf und trug sie zum Abfalleimer. Hinterher fiel mir ein, dass auch das eigentlich nicht nötig gewesen wäre: Am Montagmorgen würde die von der Gemeinde angestellte Straßenfegerin die Strandpromenade ja wieder gründlich saubermachen.

Autorin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 07.02.2021

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Juliane Brumberg sagt:

    Liebe Dorothee, danke für diese Impression. Wenn sich doch mehr Frauen und Männer für herumrollende Getränkedosen und alles, was sonst noch so herumfliegt und -liegt verantwortlich fühlen würden! Oder es gar nicht erst fallen lassen würden!

  • Antje Schrupp sagt:

    Wunderbar erzählt!

  • Barbara Lansen sagt:

    Liebe Dorothee Markert,
    >….Eine alte Frau, die sich vor seinen Füßen nach einem Stück Abfall bückt …. Der Gedanke, dass das für ihn völlig normal und in Ordnung sein könnte, war mir unerträglich. <

    Diesen Gedanken kann ich nachvollziehen. Da stecken sehr viele althergebrachte und immer noch funktionierende Konditionen darin: Machtgefüge, Männer-Frauen, alt-jung – wie Sie schon schrieben: unerträglich!

  • Fidi Bogdahn sagt:

    “Leere Dosen platt treten…!”- das ist wichtig bzgl. Abfallmenge. Das lernte ich schon vor vielen Jahrzehnten in einer Jugendherberge.

  • Schirez, Hana sagt:

    Hallo Fidi! Das Bild “Polizist tritt Getränkedose platt” lässt viele Deutungen zu.
    Hana Schirez, mit herzlichem Gruß.

  • Petra Kirste sagt:

    Wer ist eigentlich die alte Frau? So sehe ich die Erzählerin gar nicht. Eine schöne Geschichte wunderbar bildlich erzählt.

  • Gesa Ebert sagt:

    Sehr gut, liebe Dorothee Markert, das Liegenlassen der Dose. Ich mache das seit Jahren auch so. Wenn wir immer aufräumen etc., dann bleibt es so wie es ist. Es geht einem als denkendem Menschen ja nicht in den Kopf, wieso andere Leute ihren Müll einfach fallen lassen – ganz abgesehen davon, dass sie so viel Müll produzieren.

  • Dorothee Markert sagt:

    Liebe @Gesa Ebert, da haben Sie mich aber komplett missverstanden. Es bleibt zwar ein Ärgernis, dass fast nur die aufräumen, die ihren eigenen Müll immer ordentlich entsorgen, aber wenn die auch noch aufhören, sich darum zu kümmern, wie sieht unsere Erde dann aus? Und da wir nicht wissen, ob unser – ordentlich entsorgter und getrennter – Reiche-Länder-Müll nicht irgendwo anders auf der Erde im Meer landet, sind wir insgesamt alle an der Vermüllung beteiligt, weil wir ja gar nicht anders können, als Müll zu produzieren, wenn wir etwas kaufen. Ich sammle beispielsweise täglich die Glasscherben auf meinem Barfußweg am Strand auf, die mit der Flut angespült werden, obwohl ich noch nie im Leben ein zerbrochenes Glas nicht weggeräumt habe. Aber die Möglichkeit, barfuß zu gehen, möchte ich mir und anderen nicht nehmen lassen, solange das noch möglich ist.

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