beziehungsweise – weiterdenken

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Übergänge

Von Anne Newball Duke

“Und was das Denken angeht, unseren Verstandesapparat, unseren Rationalismus, unsere Logik, unsere Deduktionen und so weiter, so lässt sich mit absoluter Bestimmtheit sagen, dass Hunde und Katzen und Affen keine Raketen zum Mond schicken und synthetische Stoffe aus den Nebenprodukten von Erdöl weben können, aber nun, da wir auf den Trümmern dieser Spielart von Intelligenz sitzen, fällt es uns schwer, ihr großen Wert beizumessen; ich hege den Verdacht, dass wir sie heute ebenso unterschätzen, wie wir sie früher überschätzt haben. Sie wird den ihr angemessenen Platz finden müssen, der freilich recht bescheiden sein wird.”

Doris Lessing, Memoiren einer Überlebenden (14. Auflage 2007), S. 96f.

Wie geht es uns? Nach einem Jahr Corona? Horten wir noch Klopapier? Ist es uns schon egal, ob noch immer jeden Tag Hunderte Menschen in Deutschland im Zusammenhang mit dem Virus sterben? Bedeutet diese Ignoranz und Gleichgültigkeit nicht, dass sich schon ziemlich viel verändert hat, dass wir tatsächlich bereits weit hineingeraten sind in ein Übergangsstadium, in eine wie auch immer geartete Übergangsform? Und wohin gehen wir über? Und was sind so die Dimensionen, in denen wir die Veränderung denken? Und kehren wir danach zurück? Wohin? Werden wir je wieder unschuldig Händeschütteln?

Doris Lessing stößt mit ihrem furiosen Roman von 1974 so viele Gedanken an, die wir in den letzten Monaten entweder schon hier und da mal still und leise vor uns hingedacht haben, oder aber sie bewegt uns dazu, dass wir diesen Gedanken in uns genauer nachlauschen und vielleicht – so jedenfalls mit unserem Gespräch geschehen – in Sprache und Kommunikation bringen. Einige Gedanken der “Überlebenden”, und viele Zustände dieser zerfallenden Gesellschaft im Roman sind auf unsere heutige reale Welt übertragbar, oder… ja… – und das ist ziemlich unheimlich – auch in gewisser Weise vorausahnbar, wenn… ja wenn wir denn weiter dem Pfad folgen, auf dem wir gerade unterwegs sind.

Wer hat im letzten Jahr nicht darüber nachgedacht, doch ganz heimlich mit dem Preppen anzufangen? Oder überlegt, an einem Seminar zur profunden Waldkräuterkunde teilzunehmen? Ich jedenfalls erwische mich des Öfteren beim Lesen, dass ich dachte, ‘wow, Emily (die junge Protagonistin) macht’s richtig, die ist vorbereitet, die weiß, wie Essbares angebaut wird’. Ich wühle zwar ganz gern mal ein paar Stunden in der Erde rum im Frühjahrsgarten, aber ganz ehrlich: ich möchte genau wie Antje weiter in den Laden gehen können und Nudeln kaufen. So. Und nun bin ich schon mitten in unser Gespräch gerutscht, in welchem wir diesmal Julia Fritzsche (Autorin von Tiefrot und radikal bunt, unbedingt lesen!!!) als special Gästin begrüßen durften.

Viel Spaß!

Autorin: Anne Newball Duke
Eingestellt am: 24.02.2021
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