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Rubrik denken

Wie die Denkumenta 2019 mein Politischsein beeinflusst hat

Von Anne Newball Duke

Zeichnung und Fotos: Anne Newball Duke

Nach meinem letzten Artikel hatte mich Antje im Kommentarbereich direkt gefragt, ob auch die Erfahrungen auf der Denkumenta 2.0 im August 2019 etwas mit meinem politischen Aktivwerden zu tun gehabt haben. Diese Frage verwirrte mich anfangs sehr. Denn sie zwang mich in gewisser Weise, Ebenen meines inneren Politischseins zu verbinden, die zwar irgendwie zusammengehörten, die ich aber bewusst in dem Artikel nicht zusammengedacht hatte. Das Politischsein, das aus den Erfahrungen rund um die Denkumenta resultierte, war tatsächlich relativ einfach aus meinem Artikel herauszufiltern, eben weil es dafür doch einer irgendwie anderen Form des Reflektierens bedarf. Welche Form dies auch immer war, so wirkte diese “andere Form des Politischseins” der Denkumenta natürlich, und sie hatte auch irgendetwas ausgelöst, denn nicht von ungefähr ging ich einen Monat nach der Denkumenta – gestärkt durch die Denkumenta – das erste Mal auf einen globalen Klimastreik der FFFs. Die Denkumenta-Erfahrungen hatten mir anscheinend auch ermöglicht, mich überhaupt mit meinem Begehren in die Öffentlichkeit zu wagen und mich hier für das gute Leben für alle mehr einzusetzen. Und trotzdem fand ich die Denkumenta in dem Artikel über meine “Politischwerdung” nicht erwähnenswert. Ich denke schon, dass es auch daran liegt, was Antje in einem weiteren Kommentar schrieb, den ich hier noch einmal leicht gekürzt wiedergebe:

“Es berührt ja auch ein wenig die Frage, welche Art von Politik beschreibbar und erzählbar ist, weil sie von Leuten, die in unserer Kultur geprägt sind, ‘wiedererkannt’ wird, und welche Art des politischen Handelns und Sprechens ‘unsichtbar’ bleibt, weil sie zwar wirkt, aber schwer in ein Narrativ passt. Es ist ja auch spannend, wie wenig wir alle hinterher über die zweite Denkumenta geschrieben haben, fast so, als würde etwas verlorengehen, indem man es in Worte fasst.”

Tja, wie kann ich diese Form des “unsichtbaren politischen Handelns” nun in Worte fassen, sodass diese Erfahrungen im besten Falle auch für andere Menschen – zumindest lesend – erfahrbar werden? Und ist es dann nicht wieder nur eine Rückübersetzung? Denn ich hatte ja auf der Denkumenta einige Wiedererkennenungsmomente: das, was ich erlebte, hatte ich schon einmal gelesen, und zwar in Büchern wie Wie weibliche Freiheit entsteht. Eine neue politische Praxis oder im ABC des guten Lebens (die Bücher und ihre Inhalte sind immer wieder Ausgangspunkt von Überlegungen, z.B. hier und hier). Gerade in ersterem wurde über diese Art der Erfahrungen gerade in von den italienischen Philosophinnen um Luisa Muraro und Chiara Zamboni u.v.a. bereits einiges geschrieben. Sie haben in gewissem Sinne eine ganze philosophische Praxis erfahrend erarbeitet und gießen sie seitdem in Worte und Philosophien. Und im Grunde haben wir ja bei der Denkumenta “lediglich” diese Erfahrungsformen aufgenommen und wiederum in eine Praxis rückübersetzt. Oder? Was ist Neues entstanden, was könnte ich da noch Interessantes hinzusetzen? Oder wie kann ich vermitteln, dass da knapp vier Tage eine Art praktische Utopie gelebt wurde, die aus dem Patriarchat hinaus und weit hinein ins Postpatriarchat weist?

Vor ein paar Wochen dann hatte ich eine Art Erscheinung; eine Art Versinnbildlichung meiner Denkumenta-Erfahrungen. Ich sehe eine Art trockenen Springbrunnen. Ich setze mich in dessen Mitte, das Wasser wird angedreht und beginnt unter meinem Körper zu arbeiten. Es hat so viel Druck und Kraft, dass es mich langsam in die Höhe hebt. Nach ungefähr einem Tag Denkumenta bin ich etwa drei bis vier Meter über dem Boden angekommen und schaue hinab; hinab auf die patriarchal-kapitalistische Welt da unten. Aber damit nicht genug. Der Wasserstrahl verlängert sich nun parallel zum Erdboden derart, dass ich mich darauf weiter fortbewegen kann. Wie kann das sein, wer oder was hält den Strahl derart kräftig in der Höhe? Ich kann nun in meiner Versinnbildlichung auch die Perspektive wechseln, denn ich will wissen, wer oder was mich auf dem Wasser trägt, und sehe nun unter dem Strahl lauter Frauen. (Auch sie berühren den Boden nicht; keine ist ja vier Meter groß. Sie stehen irgendwie “fest in der Luft”. (Wer hier nach physikalischen Gesetzen sucht, ist fehl am Platz.) Es sind die Denkumenta-Frauen und überhaupt alle Frauen – auch aus anderen Zeiten – die/deren Denken ich bisher kennenlernen durfte, die an einem guten Leben für alle auf verschiedenste Weise herumgedacht und gearbeitet haben, und denen ich somit meinen aktuellen Wissens- und Verstehens- und Gefühlsstand verdanke. Nur weil es sie gibt, ist es mir möglich, mich auf dem Wasserstrahl zu halten. Wären sie nicht, würde das Wasser wieder in der Quelle versiegen, und ich würde wieder auf dem harten Boden des Patriarchats landen; nicht mehr direkt an der Springbrunnenquelle, aber ob die paar Meter Vorwärtskommen für irgendwas gut sind, wird in diesem Bild erstmal nicht deutlich.

Natürlich lande ich da noch immer oft. Ich bin ja nicht weniger verstrickt in diese jetzige gesellschaftliche Realität als viele andere. Aber ich weiß um die Kraft, die wir Frauen haben können, wenn wir uns in einem Denkumenta-Zustand befinden. Und natürlich kann auch ich den Wasserstrahl für andere Frauen oben halten. Es ist gar nicht schwer, das Wasser ist nicht schwer zu halten, und wir lachen viel, es fühlt sich gut und leicht und genau richtig an; und zwar beides: oberhalb wie unterhalb des Wasserstrahls zu sein. Das Oben und Unten hier hat nichts mit Hierarchie oder so zu tun. Ich kann über und unter dem Wasserstrahl gleichermaßen sinnvoll wirksam sein. Vielleicht kann ich es so interpretieren: über dem Wasser geht es eher um mich und meine persönliche Entwicklung, und unter dem Wasser spielt sich die beste aller gesellschaftlichen Praktiken für eine solche persönliche Entwicklung ab, z.B. durch das Insprachebringen meines, unseres Begehrens.

Dieses Springbrunnenbild hat sicher seine Macken, aber das war es nun mal, was sich mir “offenbarte”. Und es ist auch das Bild, das es mir jetzt ermöglicht, die Erfahrungen der Denkumenta zu vergegenwärtigen. Und damit konnte ich auch das erste Mal “plastisch” verstehen, was Ina Praetorius, Antje Schrupp und viele andere meinen, wenn sie sagen: “Das Patriarchat ist zu Ende”. Ich verstehe es manchmal immer noch nicht, ehrlich gesagt. Aber wenn ich unter dem Wasser stehe, fest in der Luft verankert, dann weiß ich es, dann fühle ich es. Und das außergewöhnliche Gefühl war, dass ich anscheinend wirklich real unter oder über Wasser mitten in der Luft stehen kann; und dieses Gefühl würde ich das utopische Moment der Denkumenta nennen.

— EINSCHUB: Ich arbeite in dem Text mit den Begriffen “Realität und “real”, wie Chiara Zamboni sie in Franςoise Doltos Denken findet. In unverbrauchte worte. frauen und männer in der sprache (übersetzt von Dorothee Markert, erschienen im Christel Göttert-Verlag) auf S. 91f. zitiert Zamboni Dolto und erläutert daraufhin die begrifflichen Unterschiede:

“In La foi au risque de la psychoanlayse schreibt Dolto: ‘In Wirklichkeit sind wir in der Realität und ihren Wiederholungen wie in einer Falle gefangen. Über diese Realität spricht unsere logische Vernunft, die das Reale verdeckt, das unvorhergesehen auftritt.’ Die Realität drängt sich uns über Gesetze auf, die demonstrieren, dass sich alles wiederholt. Was mit dem Begehren zu tun hat, findet dagegen auf der Ebene des Realen statt. Die Realität ist eine Vorstellung, die den meisten wissenschaftstheoretischen Konzepten zugrunde liegt. (…) Ein Experiment wird dann als wissenschaftlich anerkannt, wenn es in anderen Kontexten reproduziert werden kann. Und natürlich gehen auch wir in unserem täglichen Leben davon aus, dass die Stühle, die wir auf den Boden stellen, nicht plötzlich zu fliegen beginnen und dass die Sonne jeden Morgen aufgeht. Dass die Realität sich wiederholt, ist ein Teil der zentralen Sicherheiten, auf die sich unser Leben stützt. (…) Für Dolto drehen sich die Worte des Begehrens um einen unvorhergesehenen Anziehungspunkt. Dabei handelt es sich um etwas Reales, das den Anfang einer neuen Bewegung in der Welt einfängt. Die Gesetze, die die Tatsachen der Realität beschreiben, können es nicht erfassen. Wenn die Diskontinuität des Realen nicht erfasst wird, bleibt die Realität mit ihrer Gleichförmigkeit vorherrschend. Die Stärke der Argumentation Doltos liegt darin, dass sie den Weg, der durch die Worte des Begehrens eröffnet wird, das ‘Reale’ nennt. Der Begriff ‘real’ hat eine gewichtigere Bedeutung als Begriffe wie ‘Phantasie’ oder ‘Utopie’, die oft mit dem Begehren in Verbindung gebracht werden. Dass das Begehren zum Bereich des Realen gehört, bedeutet, dass es Welt eröffnet.” ENDE EINSCHUB —

Was hat mir die Denkumenta gegeben? Was bringt mir das Springbrunnenbild? Die Denkumenta hat mir gezeigt, dass ich und wie ich mein Denken aus den Verstrickungen der Realität manövrieren kann, um dann mit anderen Frauen nach Worten zu suchen, indem wir das Reale aus der Realität herausschälen, um so eine Art Verbindungsraum für die Sprache und das Reale entstehen zu lassen. Die Denkumenta stellt im Grunde die Frauen, diesen Raum und diese Zeit zur Verfügung.

Vielleicht ist es das, was Antje im Kommentar “unsichtbares politisches Handeln” genannt hat. Das Handeln wird möglich, indem in einer Denkumenta eine real existierende Utopie entsteht, in der Normen, Werte etcpp. der uns umgebenden Gesellschaft einfach abgeschaltet werden und dafür jene Gesetzmäßigkeiten zum Zuge kommen, die wir uns “im Verborgenen” – also unterhalb der existierenden Ordnung – schon erarbeitet haben, und die plötzlich innerhalb dieses Denkumenta-Rahmens aufblühen und in einer ungeahnten Größe oder auch Gänze hervortreten können. Vier Tage in diesem Zustand öffnet natürlich das Begehren nach “Mehr davon” auch in der Realität. Als die Denkumenta vorbei war, hieß das auch nicht, dass diese Form des Abtastens des Realen nicht mehr möglich war. Einmal in der Welt gewesen, weiß ich, dass es da sein kann, und dass ich es auch selbst entstehen lassen kann. Das war sogar Thema am Ende; ich erinnere mich, dass – ich glaube Ina Praetorius war es – meinte, wir sollten von nun an Veranstaltungen – seien es unsere oder andere –subversiv denkumenta-mäßig unterwandern; oder vielleicht sagte sie es auch eher so: Wenn zu einer Veranstaltung einer Denkumenta-Frau auch nur eine weitere Denkumenta-Frau kommt, dann kann schon eine kleine Denkumenta entstehen; wir könnten dann also mitten in der Realität ein kleines Stück vom Boden der Realität abheben und uns unter dem Wasserstrahl treffen.

Die Denkumenta hat mir somit auch dafür Selbstbewusstsein gegeben, dass ich solche Momente entstehen lassen kann. Und es ist seitdem nicht nur einige wenige Male passiert. Nicht ganz so magisch vielleicht, aber es gab so Momente. Zu wissen, dass es geht, das gibt ganz viel Ruhe und Kraft. Ich kann also getrost weitergehen und versuchen, mehr Denkumentas in die Welt zu bringen.

Natürlich wünsche ich mir, dass es auch mal wieder eine “echte” Denkumenta gibt. Aber ich kann auch gut mit der Idee leben, überall ein bisschen Denkumenta entstehen zu lassen; möglichst mit anderen Denkumenta-Frauen; einfach “weil die wissen, wie es geht”, dann ist es einfacher, und ich fühle mich nicht allein. Auch die in Coronazeiten entstandenen Video-Gespräche sind für mich so eine kleine Denkumenta. Eine Denkumenta allerdings in Kontexte zu tragen, in der außer mir noch niemand diesen Denkumenta-Zustand kennt, ist nicht immer einfach. Immer wieder muss ich überlegen, ob es all die Anstrengungen wert ist. Aber nur, wenn ich es versuche, gibt es überhaupt die Chance, dass sich ein zartes Denkumenta-Pflänzchen entwickelt. Es kann zugrunde gehen, es kann gar nicht erst keimen, alles ist möglich. Manchmal gebe ich auf. Dann denke ich, ich muss es woanders probieren, ich habe hier keinen Strom mehr drauf. Manchmal aber begegne ich dann später einem Menschen aus diesem “aufgebenen” Denkumenta-Versuch, und es wird klar, dass auch hier irgendetwas zurückgeblieben ist, und sei es nur ein kleiner Denkumenta-Gedanke, der sich irgendwo im Körper festhaken konnte.

Ich bin mir dessen bewusst, dass meine Gedanken etwas holprig sind. Ich bin auch dessen bewusst, dass das Springbrunnenbild etwas schräg ist, denn stehen nicht wir in der Denkumenta viel mehr mit beiden Füßen fest auf dem Boden, dem Realen viel näher? Nun, das ist aktuell die mir mögliche Form, um diesem “unsichtbaren politischen Handeln” ein bisschen mehr auf die Spur zu kommen… Und vielleicht regen das Bild und meine Gedanken dazu doch Andere an, nochmal über die Denkumenta und ihr Wirken auf das je eigene Verständnis vom politischen Sein nachzudenken. Denn ich glaube, es bedarf noch vieler anderer Eindrücke und Bilder, um hier ein etwas größeres Bild entstehen zu lassen.

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Als ich für diesen Artikel in meinem eigenen Archiv nach Aufzeichnungen von damals zur Denkumenta suchte, fand ich einen Brief an meine Freundinnen. Wahrscheinlich redete ich nach meiner Rückkehr ständig von der Denkumenta, und sie fragten mich daraufhin, was es denn so Außergewöhnliches war, was ich da erlebt hatte. Ich entschied mich für eine Sammelmail an alle, aus der ich jetzt einige teils verbundene, teils unverbundene Fetzen zitiere; teils habe ich sie auch etwas nachbearbeitet:

“Heute ist ein merkwürdiger Tag, ein bisschen so, als wenn eine neue Ära beginnt, und meine emotionalen Schleusen sind noch nicht geschlossen, und ich dachte mir, dass das vielleicht genau der richtige Zeitpunkt ist, um euch zu schreiben, um das für mich denkerisch zu verarbeiten, was da auf der Denkumenta passiert ist, und das für mich auch so ein bisschen zu protokollieren, um in schwierigen Phasen wieder darauf zurückgreifen zu können.”

“Einen Anfang zu finden ist schwer… es hat viele Ebenen…”

“Dieses Denken bringt eben zutiefst politischen und ganzheitlich gedachten Feminismus zusammen, der nicht nur schaut, wie es einzelnen Frauen besser geht, oder wie es mir persönlich in einer immer noch patriarchalen Ordnung besser geht (das auch!), sondern er ist immer darauf ausgerichtet, das gute Leben für alle zu wollen, und für dieses Bestreben jeder Einzelnen Kraft zu geben.”

“Die Inhalte des Buches Wie weibliche Freiheit entsteht. Eine neue politische Praxis. (1988), das ich gerade erst gelesen hatte, war dann für mich auch das gelebte Herzstück der Denkumenta. Warum? Weil es in dem Buch um eine Praxis unter Frauen geht, die auf dem affidamento gründet, auf einem grundsätzlichen gegenseitigen Anvertrauen. Frauen schildern bzw. reflektieren in dem Buch (ich hatte das Buch aus der Bib ausgeliehen, habe es also nicht mehr und kann nur wiedergeben, was bei mir hängengeblieben ist), wie es war in Frauengruppen der 1970er Jahre, warum diese ersten feministischen Frauengruppen teils funktioniert, teils nicht funktioniert haben, und wie sie dann aus den gemachten Erfahrungen und Reflexionen das Sprechen unter Frauen immer weiter entwickelt haben, oder… wie soll ich sagen… sie haben überlegt, wie es grundsätzlich möglich ist, dass Frauen von unterschiedlichster Herkunft, Lebensmoment, Arbeit, finanzieller (Un-)Besorgtheit etcpp. doch miteinander sprechen und trotz oder gerade durch ihre jeweiligen Erfahrungen an- und miteinander wachsen können. Und genau aus dieser Praxis heraus hat sich dann eine politische Praxis vorbei am patriarchalen Diskurs entwickelt. Im Mittelpunkt steht das Begehren einer jeden Frau, sie wird gefragt: Was willst du? Wohin zieht es dich? Warum bist du hier? Was fehlt, was ist zuviel in deinem jetzigen Leben? Wo knirscht es bei dir? Und wenn du noch keine Worte für deine Erfahrungen und Gefühle hast, vielleicht können wir sie zusammen suchen?”

“Nun fahre ich zur Denkumenta mit all meinen Ängsten: Werden die anderen Frauen mich mögen? Passt mein Vortrag? Wird mir irgendeine was klauen? Ihr wisst, dass das ein Thema war für mich, und zwar ein riesiges. Ich sitze also im Zug, und plötzlich überfällt mich eine Art bleierne Müdigkeit. Es ist, als sei ich müde von anstrengenden Erlebnissen, die mich bereits überfordern, bevor sie überhaupt begonnen haben: so viele neue Frauen; Frauen auch, die ich schon von ihren Schriften her kenne und verehre. Wer bin ich schon? Wer oder wie muss ich sein, damit sie mich mögen? Mögen sie mein Denken? Hat es Mehrwert für sie? Halten sie es für bedeutsam, haben sie Lust, es mit mir weiter zu entwickeln? Wird es die Möglichkeiten, den Raum dafür geben? Was nun alle meine Zweifel und meine Angst angeht, ist nun folgendes passiert: dadurch, dass es dort bei der Denkumenta in dem Umgang miteinander nichts Patriarchales gab, und auch nix Kapitalistisches – wenn ich das mal so platt sagen darf –, es also tatsächlich eine andere Ordnung gab, in der alle so gerne von den anderen lernen und hören wollten, gab es keine Konkurrenz zwischen den Frauen, keine Machtspielchen, kein ‘Diemagmichnicht’, was es sonst doch immer gibt, das alles war GAR KEIN THEMA: es war alles ganz und gar anders.”

“Es gab einfach ein grundsätzliches Grundvertrauen und einen riesigen Vertrauensvorschuss von allen Frauen in jede einzelne, nach dem Motto: ‘Wir wollen alle eine bessere Welt, und wir haben alle schon unsere Erfahrungen gemacht, wir kennen die meisten Hindernisse und Mauern, wir wissen um die angebliche Unmöglichkeit, sie wird uns auch ständig unter die Nase gerieben. Und wir halten es dennoch für möglich, einfach auch, weil es notwendig ist, und deswegen gehen wir trotzdem weiter, weil das Streben nach einem guten Leben für alle Würderträger*innen dieser Welt einer unserer Grundantriebe und Energiespender ist.'”

“Bisher, also vor der Denkumenta, hatte ich auch immer das Gefühl in Diskussionen, ich gehe zu weit, persönlich oder denkerisch, ich werde danach nicht mehr gemocht, und deswegen immer rote Flecken im Gesicht, die Suche nach verwirrten oder verärgerten Gesichtern, mit denen ich danach Aussprachen führen muss, und die daraus immer resultierende grundsätzliche Verunsicherung: ticke ich richtig? All das war bei der Denkumenta nicht vorhanden. Allerdings habe ich dennoch bis zum Ende diese Angst gespürt. Es ist so tief drinnen, das alte Muster. Und was passiert da bei der Denkumenta? Frauen sagen stattdessen: ‘Ja! So ist es!’ Sie klatschen spontan los, sie nicken, sie kommen danach zu mir und sagen so Sachen wie: ‘Das war sehr bewegend, ich danke dir für deinen Kommentar’. Dasselbe bei anderen tun zu können… wie tief das mir verwurzelt ist, ich wusste das gar nicht. Warum war das so? Vielleicht, weil alle die Erfahrung und den Energieverlust kennen, wenn das eigene Denken und Streben und sogar Sein als unmöglich abgestempelt wird. Wer denkt sich und lebt sich denn heutzutage schon raus aus dieser patriarchal-kapitalistischen Ordnung, und wer weiß denn dann nicht, wie schwierig und anstrengend genau das ist?

“Das heißt ja nun nicht, dass wir immer alle einer Meinung waren in den vier Tagen, das wäre ja langweilig. Nein, aber das Denken setzte einfach schon mal ganz woanders an [eben “fest in der Luft” unter dem Wasser, würde ich jetzt sagen, und nie fiel eine runter]. Und es war eben dieses Geben und Nehmen, das einfach so aus einem heraus- und hereinpurzelte, von und nach ganz tief drinnen.”

“Das Vertrauen kam auch daher, dass generell gilt: jedes Zitat, alles Wissen und Verstehen, das ich einer anderen Frau zu verdanken habe, muss zurück an diese Frau gekoppelt werden. Denn indem ich sie zitiere, hole ich sie auch in gewisser Weise in den Kreis der jetzt lebenden und denkenden Frauen zurück. Durch diese Praxis gerät das Wissen dieser Frau nicht in Vergessenheit, und ich schreibe sie so auch wieder und wieder in die Geschichte ein; und so verändere ich auch ein ganz klitzekleines bisschen die Weltgeschichtsschreibung. Außerdem kann ich so auch über dieses geschenkte Wissen weiterdenken und vergebe keine sinnlose Energie, um mich auf falschen Lorbeeren auszuruhen. Das ist ja auch gar nicht in meinem Sinne, wenn ich das gute Leben für alle will. Dann bin ich ja in gewisser Weise gezwungen, immer weiter daran rumzudenken, wie das denn gehen kann und was mein Beitrag sein könnte. Klauen bringt also gar nix, schon gar keine Energie. Wenn ich aber tolle Denker*innen zitiere und mit ihrem Denken weiterarbeite, dann entsteht eine bestimmte Art von Energie. Es ist dann, als säße ich mit ihnen zusammen und wir denken zusammen. Das geht nicht, wenn ich ‘klaue’, denn dann verbanne ich ja die Andere aus dem Raum und verpasse die Chance eines intervitalen Gesprächs.”

“Egal, an welchem Tisch ich beim Essen saß; es ging immer ungefähr so: ‘Heute morgen sagte die und die blablablabla, und das hat mich stark zum Nachdenken angeregt’. Es wurde so offen diese Philosophie praktiziert, (…). Man fühlt dadurch irgendwann eine unglaubliche Wärme, und das Vertrauen wächst und wächst; es zeigt sich so, wie viel der Vertrauensvorschuss, den alle sich am Anfang gegenseitig gegeben haben, wert ist und zu was ein solcher fähig ist.”

“Und klar gibt es ein Geborgenheitsgefühl, wenn meine Idee von einem guten Leben plötzlich einfach da ist, einfach so um mich herum praktiziert wird.”

“Aber auch das Alter war scheißegal, Alter löst sich auf, alle sind schön, und es ist ein solches Geschenk: Frauen, die so viel Wissen und Erfahrung haben und es nicht nur mit dir teilen, sondern auch deine Erfahrung für wichtig und bedeutsam halten. Eben weil alle wissen, dass jede Erfahrung für das Ziel eines guten Lebens für alle wichtig ist.”

“Einmal saßen wir so zusammen abends beim Feuer, und da sagte meine Nachbarin (ich glaube, es war Juliane Brumberg) zu mir: ‘Tja. Wenn jetzt alle Menschen so miteinander umgehen würden wie wir das gerade tun?’ ‘Dann hätten wir es geschafft, dann hätten wir eine andere Ordnung’, habe ich dann überlegt.”

“Ich kenne jetzt beinahe fünfzig neue, komplett unterschiedliche Frauen. Und wir sind relativ gut vernetzt jetzt. Das war auch alles so einfach. Seitdem weiß ich: wer Lust hat, vernetzt sich einfach, kein langes Rumgedenke und Machtgetue. Wer alleine weiterdenken will, bitte sehr, aber ich frage mich dann nicht mehr masochistisch, was der Grund oder ob ich der Grund für die Vernetzungsunlust bin.”

Zwei Dinge würde ich jetzt noch gerne festhalten, die mein Denken seit der Denkumenta sehr prägen: Zum Einen hat mir die Praxis gezeigt, dass ich daran glauben kann, dass wenn ALLE Menschen das Ziel eines guten Lebens für alle Würdeträger*innen auf der Welt hätten und zudem um die Bedrohung und die bereits massiv vorangeschrittene Beschädigung, teils sogar Irreparabilität der verletzlichen Welt wissen, dass wir dann relativ zügig die patriarchal-kapitalistische Gesellschaftsordnung hinter uns lassen könnten. Und zweitens, dass wenn ALLE dieses Ziel hätten, ich in JEDEN einzelnen Menschen Vertrauen hätte. Dann wäre im Übrigen auch kein Vertrauensvorschuss mehr nötig. Es wäre mir dann auch egal, welche Wege andere gehen und ob die ganz anders aussehen als meiner: ich wüsste, sie arbeiten auf dasselbe Ziel zu wie ich, und sie tun es mit all ihrem Wissen und all ihrer Erfahrung: das ist es, was sie wollen und können, genau da und nicht woanders haben sie  “Strom drauf”, und deswegen ist es gut so. Wäre dieses Ziel also gesteckt, würden viele viele viele Wege zu einem guten Leben für alle Würderträger*innen auf dieser Erde führen.

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Maria Coors sagt:

    Liebe Anne,
    so schöne Bilder. Ich habe ein paar andere, z.B. das von mir selbst als Maus oder Bär (mal so mal so), die_der sich in den 4 Tagen so vollgefressen hat, dass der Vorrat an Menschen, Beziehungen und Gedanken durch sehr viele sehr karge Monate getragen hat und ich auch nach fast 2 Jahren noch dick bin. Z.B. mit dir. :) Danke!

  • Anne Newball Duke sagt:

    Uuuh, liebe Maria, da heul ich gleich. Schönes Bild auch… heute bin ich eher Mäuschen ;), aber auch noch ganz voll. Danke dir! <3!!!

  • Anne Lehnert sagt:

    Liebe Anne, danke für deinen Text. Ich habe ihn eher überflogen – mir fehlt wie so oft die Zeit, gründlicher zu lesen, oder ich nehme sie mir nicht. Trotzdem will ich schon einmal kurz darauf reagieren: Es ist für mich sehr schön und ermutigend, was du schreibst. Ich war bei der ersten Denkumenta 2013 und bin, nachdem das, was ich da erlebt hatte, lange in der Versenkung verschwunden war oder im Untergrund weiterwirkte, gerade dabei, wieder an Gedanken, Erfahrungen und Beziehungen anzuknüpfen. Das macht mir viel Freude.
    Deine Texte hier über Utopien gehören auch zu dem, wofür ich mir gern mal mehr Zeit nehmen würde. :-)

  • Antje Schrupp sagt:

    Liebe Anne, danke für deinen Text, das Bild vom Springbrunnen finde ich sehr schön! Ich denke darüber nach, was du über das Vertrauen schreibst. Das ist ein Aspekt von politischem Aktivismus, der glaub ich oft übersehen wird, gerade dann, wenn auch verschiedene “Fraktionen” aufeinander losgehen. Ich merke das an mir selbst, dass der Grad meiner Aggressivität/Genervtheit gegenüber politischen Gegner:innen, wenn man das überhaupt so nennen will, nicht unbedingt daran bemisst, wie nah oder fern sie inhaltlich von mir selber sind, sondern wie sehr oder eben nicht ich ihnen darin vertraue, dass sie eigentlich das Richtige wollen oder guter Absicht sind. Wenn dieses Vertrauen fehlt, dann ist ein so produktiver und konstruktiver Austausch/Streit, wie wir es u.a. auf den Denkumentas praktizieren, nicht möglich. Leider ist aber ein Großteil der öffentlich geführten Debatte inzwischen von einem Grund-Misstrauen unterlagert, weil man nie weiß, wer grade für wen Lobbyismus macht usw.

    Andererseits erlebe ich auch manchmal, dass gerade der Schmerz, wenn man sich trotz diesem eigentlichen Grundvertrauen nicht einigen kann, umso größer ist, wenn man sich eigentlich diese prinzipielle Grundvertrauen entgegen bringt. Deshalb sind vermutlich auch Differenzen unter Feminist*innen so schwierig, weil dann zur politischen Differenz noch das Gefühl hinzukommt, dass ein Vertrauen gebrochen wurde. Und da wird es dann halt nochmal besonders schwierig, wenn man nur über ein Medium kommuniziert und nicht “in Echt”. Deshalb ist es vermutlich wirklich eine ganz wichtige Sache auch für jegliche Art von politischer Arbeit, sich ausführlich Zeit für solche Treffen und Konferenzen zu nehmen. Denn auf einem gewissen Niveau geht Denken dann halt doch nur “in Präsenz”.

  • Anne Newball Duke sagt:

    Liebe Antje, genau, und ich finde, wenn es also um teils lobbyistische Interessensvertretungen geht (das kann ja sogar – vorgeblich? – “unschuldig” geschehen wie bei #allesdichtmachen, worüber ich gerade sehr nachdenke… Ich bin einfach noch sehr gespannt auf Äußerungen von Schauspieler*innen dazu, wie sie rechtfertigen, da “reingerutscht” zu sein… aber anderes dickes Fass, das ich glaube in einem Extra Artikel mal aufmachen muss…)… also ich habe mich immer gefragt, warum mir alle sagen, ich solle rhetorisch mehr “aufrüsten”. Um die Argumente der Gegner*in durch strategische Sprach-/Kommunikationszüge lahmzulegen? Das kann ja nur mein Interesse sein, wenn Vermittlung nicht das Ziel ist, sondern in gewissem Sinne “Gewinnen”, oder? Ich denke oft über Rhetorik nach und ob ich das mal machen muss und warum es in mir Unbehagen auslöst… und gerade kam es mir wieder, dass es daran liegen könnte: weil ich lieber lerne, Sprache zur Vermittlung zu nutzen.

    Dem zweiten Absatz stimme ich auch total zu. Ich habe sogar teils das Gefühl, irre zu werden, wenn ich mit mir wichtigen Menschen nur noch über Medien welcher Art auch immer kommuniziere. Es gibt viel mehr Missverständnisse, und gewisse unterschiedliche Auffassungsweisen, die anscheinend auch in nicht einfach zu deutenden Zeiten entstehen können, sind irgendwie plötzlich bedrohlicher. Und noch mehr Beziehungsarbeit wäre nun vonnöten, aber immer noch haben wir Corona. Ich freue mich auf viele Dinge nicht, schaue dem sogar mit Angst entgegen “nach Corona”: auf das endgültige Hochfahren der Wirtschaft, das “Klimakrise-Bekämpfen-muss-jetzt-halt-doch-noch-warten”, das “back to business as usual”, auf das konsumorientierte “endlich-dürfen-wir-wieder”. Aber auf das “Denken in Präsenz”, darauf freue ich mich auch schon riesig.

    Liebe Anne, danke für deine Worte, das ist so schön zu hören; beides: dass du meine Texte ermutigend findest, und dass du aus der Versenkung langsam wieder hervorkommen magst. :)

  • Regina sagt:

    Das hast du schön gesagt: durch das Zitieren der anderen Frau bleibt sie, ist sie im Raum und wir teilen, denken weiter und sind in einem Kontinuum unseres Wissens und unserer Geschichte der Zukunft.

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