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Aus der Zeit gefallen (7) – Von Klassen, Generationen und anderen Frauen

Von Maria Coors

Die Berliner Autorin Anke Stelling, Jahrgang 1971, geboren und aufgewachsen im Schwäbischen lässt in “Bodentiefe Fenster” und “Schäfchen im Trockenen” gleich zwei Alter Egos am erwachsenen Frauen-Leben mit Kindern, politischem und privatem Anspruch und künstlerischem Beruf verzweifeln. Sie thematisiert Geschlechter- und Besitzverhältnisse und trifft damit auch unsere Nerven – aber unterschiedliche.

Auf Einladung von Maria diskutieren Antje, Anne und Kathleen aus der bzw-Redaktion.

Autorin: Maria Coors
Eingestellt am: 04.06.2021
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Inge sagt:

    Ihr lieben Frauen,
    euer podcast hat mir viel Freude gemacht. Danke euch! Obwohl ich beide Bücher nicht gelesen habe, habe ich viel von dem was ihr gesagt habt, besonders von dem was Antje gesagt hat, mit mir und meinem eigenen Leben in Verbindung bringen können. Ich bin jetzt fast 70 Jahre alt, verheiratet, meine Eltern kommen aus dem Arbeitermillieu, ich habe zwei Töchter groß gezogen, war 34 Jahre lang berufstätig als Sozialpädagogin, und ich lebe mit bodentiefen Fenstern in einem der besseren Vororte von Frankfurt. Alles aus eigener Arbeit finanziert, bzw. durch Verzicht zusammengespart.
    Kinder und Berufstätigkeit verlangen einem sehr viel Zeit und Energie ab. Mit mehr Geld im Hintergrund ist das Leben leichter (Putzfrau, Babysitter, Urlaub mit Vollpension, öfter mal Essengehen, Nachhilfe für die Kinder, kein Streit ums Geld usw). Da kann man schon neidisch werden, wenn man sich mit der Nachbarin, die das alles hat, vergleicht. Von Müttern wird rund um die Uhr in hohem Maß Verantwortung und Funktionieren verlangt. Eine Zwangslage aus dem es kaum ein Entweichen und in der es auch nur wenige Spielräume gibt. Die Protagonistinnen der Bücher befanden sich offenbar in dieser nicht beneidenswerten Lage. Es ging ihnen schlecht. Sicherlich hatten sie in ihrer Lebensplanung nicht alles “richtig gemacht “, nicht alles “richtig entschieden” und im Vergleich zu ihren Möglichkeiten zu hohe Ansprüche. Weder im richtigen Leben noch als Leserin macht es Vergnügen mit Frauen die nur jammern, depressiv und ausgebrannt sind in Kontakt zu sein. Da sind die Männer oft angenehmer. Sie haben sich ihre Selbstbestimmtheit nicht nehmen lassen und können deshalb entspannter sein. In diesem Szenario treffen die Frauen auf gesellschaftliche Unterschiede in denen sie jeweils den Kürzeren ziehen: die der Klassen, des Geldes und der Geschlechtergerechtigkeit. Diese Zusammenhänge habt ihr in euerem Gespräch treffend benannt. Aber noch bleibt jeder einzelnen Frau nichts anderes übrig, als ihren persönlichen Weg da durch zu finden. Ohne zu verzweifeln.

  • Anne sagt:

    Vorgestern habe ich euren Podcast gesehen und seitdem beschäftigt er mich.
    Ihr habt mir einen neuen Blick auf die Nöte der Protagonistinnen und meine eigenen eröffnet. Das Wundern über sich bietende Chancen, die Neugier und Dankbarkeit dafür sind etwas, das ich in dieser Form tatsächlich nicht kenne. Dafür das beschriebene Gefühl des Versagens und Zukurzkommens, und auch die Larmoyanz und Depression, die daraus folgt.

    Auf die Gefahr hin, als nervige, unsympathische, langweilige, arrogante höhere Tochter zu erscheinen, möchte ich etwas anfügen, was ich in Hinblick auf die Ausrichtung “nach oben”, zu den Bessergestellten wichtig finde: Das sind keine fremden, anonymen Menschen, sondern es ist eben das persönliche Beziehungsgewebe.
    Mit meinen Eltern ringe ich seit Langem darum, dass sie anerkennen, dass ihr Lebensstandard nicht einfach “normal” oder “durch harte Arbeit errungen” und also “verdient” ist, sondern dass es viele gibt, die das eben nicht haben (auch trotz ebenfalls harter Arbeit). Es gibt dabei regelmäßig Streit, mit dem Vorwurf der Undankbarkeit und der Drohung, mich zu enterben.
    Meine Berufswahl, Buchhändlerin, war für eine Apotheker*innentochter natürlich ein Abstieg. Neue Brisanz gewann das dadurch, dass mein Bruder, kinderlos und mit einem renommiertern und lukrativeren Beruf gesegnet, den Erwartungen der Eltern mehr entspricht und mich damit konfrontiert, was ich sozusagen ausgeschlagen habe.
    Was es heißt, Kinder zu haben und dadurch viel mehr Geld zu brauchen als ohne, habt ihr ja gesagt. Es war blauäugig von mir, vier davon zu bekommen und dann zu merken, was alles schwierig (oder zumindest schwieriger) ist – trotz vermögender Eltern und besser verdienendem Ehemann.
    In der Abiturzeit hatte ich einen Freund, der vom Bauernhof kam und besser kapierte, wie die Welt ist. Er diagnostizierte mir damals, dass ich immer denke, wenn ich alles richtig mache, bekäme ich irgendwann eine Belohnung – dass die Welt so aber nicht funktioniere.
    Er wohnt heute übrigens längst nicht mehr in seinem kleinen Dorf an der Grenze zu Frankreich, sondern, ihr ahnt es: in Prenzlauer Berg, allerdings bislang ohne bodentiefe Fenster.

  • Anne sagt:

    Das klingt so negativ. Natürlich habe ich, durch meine Herkunft sowie durch alles, was sich seitdem ergeben hat, eine Fülle an Möglichkeiten und bin dafür dankbar. Auch für die Kinder. :-)

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