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Rubrik denken, handeln

Der Kopf muss an den Körper ran (und in ein unbequemes Bett?)

Von Anne Newball Duke

Der Unterschied zwischen Dichtung und Rhetorik/ ist die Bereitschaft/ dich selbst/ zu töten/ statt deine Kinder.

erste Zeilen aus dem Gedicht “Macht” von Audre Lorde; in: Macht und Sinnlichkeit ([1983] 1986), S. 109

Abbildung: rawpixel.com

Auf der Denkumenta 2019 gab es in der PowerPoint-Präsentation eines Vortrags symbolische Abbildungen von Menschen. Nach dem Vortrag wurde angemerkt, dass zum einen viel mehr Männersymbole genutzt worden waren, obwohl Frauen gleichermaßen oder sogar mehr gemeint waren. In dem dabei entstehenden lachenden Meinungsgewühl rief plötzlich eine Teilnehmerin: “Und der Kopf muss an den Körper ran!” Sie bezog sich darauf, dass Symbole in der Präsentation verwendet wurden, bei welchen der Kopf ein paar Millimeter über dem restlichen Körper schwebt. Der Einwurf wurde mit viel Zustimmung und weiterem Lachen quittiert. Er ist für mich zu einer Art Symbol geworden immer dann, wenn ich über das Verhältnis zwischen Wissen und Verstehen und Handeln nachdenke. Wir wird Wissen in Verstehen umgewandelt, entsteht Letzteres überhaupt notwendigerweise aus Ersterem, und welches Wissen bringt Menschen ins Handeln?

Ich fühle, also kann ich frei sein (Audre Lorde)

Ich erinnerte mich an einige interessante Aussagen zu Wissen und Verstehen von Audre Lorde, die ich in dem kleinen Büchlein Macht und Sinnlichkeit (1983) vor einiger Zeit gelesen hatte. Und ich las ergänzend dazu noch ihren Artikel “Vom Nutzen der Erotik: Erotik als Macht” (In: Sister Outsider 2021). Sie unterscheidet zwischen “Belege”-Wissen einerseits und einem “echten” oder auch “intuitiven” und “spontanen” Wissen andererseits. Letzteres zeige sich beispielsweise “in der Aussage, etwas fühle sich ‘richtig an’; dieses Gefühl ist das erste und hellste Licht auf dem Weg zum Verstehen.” (“Vom Nutzen der Erotik”, S. 55)

Das “spontane”, “intuitive”, oder auch das “echte” Wissen ist der Wahrnehmung nahe. Über diese Art von Wissen schreibt sie weiter: “[Das Denken] war wirklich ein mysteriöser Vorgang für mich. Und letztlich einer, dem ich misstraute, weil ich gesehen hatte, wie viele Irrtümer in seinem Namen begangen wurden – und so hatte ich den Respekt dafür verloren. Auf der anderen Seite macht mir das Denken aber auch Angst, denn inzwischen war ich zu einigen unausweichlichen Schlussfolgerungen oder Überzeugungen über mein eigenes Leben und meine Gefühle gelangt, die dem Denken spotteten. Und ich war nicht bereit, sie aufzugeben. Sie waren zu kostbar für mich. Sie waren mein Leben. Nur dass ich sie nicht analysieren und verstehen konnte, weil sie nicht die Art und Logik ergaben, die ich – nach allem, was man mich gelehrt hatte – vom Verstehen erwarten durfte. Es gab Dinge, die ich wusste und nicht ausdrücken konnte – ich konnte über sie nichts sagen, aber ich wusste sie. Nur verstehen konnte ich sie nicht. ” (Macht und Sinnlichkeit, S.34)

Ich denke, auch Peter Levine, Biologe, Physiker, Psychologe und Traumaforscher, bezieht sich auf dieses Wissen, wenn er schreibt: “Wenn wir Kinder fröhlich miteinander spielen oder morgens Tautropfen auf einem Grashalm funkeln sehen, wissen wir […] auch ohne Erläuterungen eines Nobelpreisträgers, dass das Leben mehr ist als lediglich die Summe seiner chemischen und physikalischen Teile. Doch woher wissen wir das? Wir wissen es, weil wir es fühlen. Wir fühlen in einem vitalen, empfindenden, pulsierenden, wissenden Körper, was es heißt, lebendig und real zu sein. Wir erfahren uns als lebendige Organismen.” (Sprache ohne Worte, S. 347; Hervorh.i.O.)

Dieses “echte”, “spontane” oder auch “gefühlte” Wissen würde ich im ganzen Körper verorten; so wie auch das entsprechende Verstehen keinen richtigen Sitz hat; es sind vielmehr Körper-Nomaden, unruhig, immer auf der Suche, ein dynamischer, fluider, immer in Bewegung befindlicher Strom an Empfindungen und Gedanken von der Kopfdecke bis zur Fußsohle. Um etwas verstehen zu können, muss in meinem Verständnis der ganze Körper befragt werden; Wissen muss also auf die Reise durch den Körper geschickt werden.

“Echtes” Wissen und Verstehen brauchen Intuition und das vielgerühmte Bauchgefühl. Intuition aber wiederum bildet sich unter anderem aus vorgänglich durch den Körper geschickten Verstehensprozessen und merkt sich unter anderem auch Körperbeschlüsse, die von vielen Körperorten über die gesamte bisherige Lebensdauer als “gut und richtig” befunden wurden.

Peter Levine schreibt zu Intuition und Bauchgefühl: “Wir alle haben in unserem Leben schon einmal die Erfahrung gemacht, dass wir etwas ‘aus dem Bauch heraus wussten’. Ohne dass die Dinge einen ‘logischen’ Sinn ergaben, ja, oft sogar jeder Logik widersprachen, wusste wir einfach, dass sie richtig waren. Wenn wir diesem Bauchinstinkt nicht folgten, hatte das oft unangenehme Folgen. Wir bezeichnen diese Form der Vorahnung als ‘Intuition’. Ich glaube, Intuition beruht auf der nahtlosen Verbindung von instinktiven Körperreaktionen und Gedanken, inneren Bildern und Wahrnehmungen. Wie dieses ganzheitliche ‘Denken’ funktioniert, bleibt (obwohl es darüber viele Spekulationen gibt) ein Mysterium, was auch in den Schriften des homöopathischen Arztes Dr. Rajan Sankaran deutlich wird: ‘Empfindung ist der Verbindungspunkt zwischen Geist und Körper, der Punkt, an dem physische und mentale Phänomene dieselbe Sprache sprechen, wo die Grenzen zwischen diesen beiden Reichen fallen und man tatsächlich wahrnehmen kann, was für das ganze Wesen wahr ist.’ Das ist die Essenz tiefer Intuition.” (Sprache ohne Worte (2010), S. 340)

Ich denke, also bin ich

Abbildung: flaticon

Mit dem “Belege”-Wissen verhält es sich anders. In einer meiner sehr einfachen und sicher pauschalisierten Vorstellung ist der Sitz des “Belege”-Wissens zunächst einmal ausschließlich der Kopf. Auch Wissensaneignung spielt sich im Kopf ab. Und “Belege”-Wissen ist auch nicht immer “gut und richtig”; Wissenschaft unterliegt Mythos und Ideologisierung, das hat u.a. Evelyn Fox Keller in Liebe, Macht und Erkenntnis (1985) eindrücklich herausgearbeitet. Wahrscheinlich meinen wir auch eher dieses “Belege”-Wissen, wenn wir sagen, “Wissen ist Macht”, denn es sind gerade diese Wissensformen, das als kulturelles Kapital und (machtvolles) Distinktionsmittel genutzt werden.

Und deswegen möchten die meisten Menschen gern viel wissen. Die Klimakrise, um die es mir – wie schon öfter zuvor in meinen Texten und sicherlich auch nicht das letzte Mal – gehen wird, ist von einer so motivierten Wissensaneignung nicht ausgeschlossen. Meine Unruhe resultiert aus einem Nichtverstehen folgenden Moments: Wenn ich an Ver- und Bekannte und Freund*innen, die nicht in irgendeiner Form klimaaktiv sind, Informationen, Texte, News, wasauchimmer zur Klimakrise weiterleite oder sich im Verlaufe einer Unterhaltung ein Klimathema ergibt, dann bekomme ich oft eine Rückmeldung dieser Art: “Ja, das habe ich schon gelesen” oder “Ja, das weiß ich schon”. Und interessanterweise ist es dann oft so, dass jene, die am meisten über die Klimakrise wissen – oft mehr als ich – am wenigsten mit mir über die Möglichkeiten eines eigenen politischen Handelns und somit körperlichen Involviertwerdens nachdenken wollen.

Das Gespräch verläuft sich zumeist dann, wenn alles Wissen erschöpfend ausgetauscht wurde. Manchmal frage ich in diese Stille am Ende hinein, warum dieses Wissen die Person nicht aktiviert. Dann kommt meistens – oft im Rechtfertigungsmodus – eine lange Auflistung all der Dinge, die die Person im Privaten schon macht; oder warum es gar nichts (mehr) bringt, etwas zu tun; oder warum es der Person nicht möglich ist, aktiv zu werden; oder warum es nicht ihre Aufgabe, sondern “Aufgabe der Politik” sei, etwas zu tun. Symptomatisch hierfür ist folgendes Erlebnis: Einmal fragte ich zwei mir bekannte Jungs im Alter von etwa 10 und 12 Jahren, ob sie mit zum globalen Klimastreik am Freitag kämen. Sie hatten eigentlich leuchtende Augen, aber sie drucksten herum, bis ihre Mutter hinzukam und meinte, sie müssten erstmal lernen, den Müll ordentlich zu trennen, bis sie auf eine FFF-Demo gehen dürften.

“Ich bin links/grün” versus “Ich kämpfe für …”

Dazu passt, was Dietmar Dath über sich politisch “links” (und “grün”, würde ich ergänzen) einordnende Menschen schreibt:

“Die eigentlich öffentlichen Belange, etwa die politischen, aber werden zu Fragen des Innenlebens, der Einstellung, des Gefühls etc. umgebogen, sodass die vom Syndrom betroffenen Menschen auch gegenüber politisch tätigen Leuten, etwa Entscheidungsträgern und Machthabern, die Sorte Verhältnis pflegen, die bei Freud zwischen Introjektionen und Ich-Instanzen, Projektionen, Übertragungen, Fantasien und libidinösen Energien waltet. Es kommt also etwa darauf an, dass ich mein ökologisches Bewusstsein durch das Auswaschen meines Joghurtbechers demonstriere, und der Einwand, dass niemand so viele Joghurtbecher auswaschen kann, dass es nicht mehr nötig wäre, große Chemiefirmen daran zu hindern, den Planeten in einem Ausmaß zu versauen, das keine individuelle Ökobußübung ausgleichen kann (und wären alle Kleinbürgerinnen und Kleinbürger damit beschäftigt), erreicht mich gar nicht mehr. Eine Partei wie die GRÜNEN ist zunächst ein Gefühl, die Stimmung eines Milieus, keine Organisation zur Durchsetzung eines Programms, sonst hätte sie spätestens nach ihrer ersten bundesdeutschen Regierungsbeteiligung bei ihrer Stammwählerschaft erledigt sein müssen, als aus ‘ökologisch, sozial, gewaltfrei’ geworden war: Dosenpfand, Hartz IV, erster Kriegseinsatz der Bundeswehr. Was diese Leute tun, ist egal, solange sie das bleiben, was sie sind – die Zustimmungsempfangseinrichtungen anderer, die ‘links sind’, müssen auch ‘links sein’, mehr und anderes ist nicht verlangt, […].” (Niegeschichte, S. 460)

Zuvor beschreibt er, was heute “links sein” bedeutet:

“Man sagt […], ‘ich bin links’ statt ‘ich kämpfe für den Sozialismus’, und auch wenn Letzteres nicht unbedingt klüger oder wirklichkeitshaltiger war, weil es zum Beispiel oft nicht mehr bedeutete, als dass jemand Zeitungsartikel oder Flugblätter schreibt, Demonstrationen besucht und an Diskussionen teilnimmt, so kennt es doch noch einen Unterschied zwischen einer Person, einem sachlichen Ziel (‘Sozialismus’), während ‘ich bin links’ das alles loslässt und sich die Erlösung vom irdischen Übel nach dem Muster der buddhistischen Auflösung der leidenden Person im Nirwana zu denken scheint, im ‘Sein’ eben, wie der Nazibuddhist Martin Heidegger seine eigene Gouache aus ineinander verschmierten Inner und Outer Space nannte.” Dath spricht bei dieser “Verwandlung” von “für den Sozialismus kämpfen” zu “Linkssein” von einem “Zusammenbruch der Vermittlung”; Ziel dieses Zusammenbruchs sei “Leidensablass, Überwindung dessen, was man kaum aushält, nämlich, dass man sehr viel weiß, aber nichts tun kann – Aufklärung wird Mythos, sagen Adorno und Horkheimer dazu” (Niegeschichte, S. 459).

Und auch Dietmar Dath bringt sodann noch die psychologische Ebene rein, indem er mit Leon Festinger von “kognitiven Dissonanzen” spricht, “die reduziert werden müssen, wenn eine Vermittlung von Außen und Innen, Handeln und Wissen nicht mehr gelingt.” (Niegeschichte, S. 462)

Peter Levine befasst sich auch mit der Unfähigkeit von Menschen, tief ins Innere ihres Körpers hineinzuspüren, was zu einer Entkörperung führt, wodurch wiederum die Grundinstinkte verzerrt werden können (vgl. Sprache ohne Worte, S. 343). Wenn er davon spricht, dass die (betroffenen) Menschen dann zu einer Verkörperung zurückfinden müssen, muss ich spontan an Donna Haraways Aufruf zur (Wieder-)Verweltlichung denken (hier schrieb ich u.a. darüber). Das Ganze sehen und fühlen zu können, betrifft eben nicht nur die Welt, sondern auch den eigenen Körper.

Für mich zeigt sich diese Form des Zusammenbruchs der Vermittlung in dem schulterzuckenden Endes des Gesprächs zur Klimakrise. Denn meinem Empfinden nach müsste der Inhalt des Besprochenen einen Sturm auslösen, heiß und unruhig müsste es werden im Körper, unter den Füßen, in eine Aufbruchstimmung führen.

Allerdings ist sicher richtig – aber das betrachte ich in diesem Artikel nicht –, dass viele Ausreden keine Ausreden sind. Woher sollen z.B. Mütter von Klein- und mittelgroßen Kindern neben Lohnarbeit; Hausarbeit und Pflege der Partner*innen- und Freund*innenschaften noch die Zeit und Kraft hernehmen, um in der Klimabewegung aktiv zu werden? Ich habe in den letzten zwei Jahren viele daran scheitern sehen; es lag oft nicht am Willen, sondern daran, keine Superwoman zu sein. Jeder Versuch – egal wie lang er manchmal gut geht – wird irgendwann mit Burnout-Formen quittiert. Das Problem ist längst erkannt; zuletzt hat Gabriele Winker den Zusammenhang zwischen Care und Klima verdeutlicht (hier habe ich eine Zusammenfassung ihres Buches geschrieben).

Das Fehlen von Zeit und Energie sind aber eben nicht die einzigen Gründe, warum nicht in den Aktivmodus gewechselt wird. Immerhin gibt es ja auch viele Menschen im Rentenalter, die durchaus Zeit und Energie aufbringen könnten. Und wenn junge oder mittelalte Menschen – durchaus auch in der beruflichen und familiären Rush Hour des Lebens – erleben würden, dass Klimaaktivismus für sie möglicherweise mehr self care- Gefühle weckt als eine kerzenreiche Badewannensession, dann könnten auch sie Wege ins politische Aktivsein finden. Ich will beides aber nicht gegeneinander ausspielen (viel lieber würde ich dann ja einige bullshittige Lohnarbeiten in Frage stellen wollen), nur möchte ich darauf hinweisen, dass derartiges politisches Engagement nicht nur Energie kostet und noch eine Badewannensession extra vonnöten macht, sondern dass bei richtiger Tätigkeit und netter Gruppe so viel Liebe und Glück fühlbar wird, dass es die Glücksgefühle von self care-Momenten sogar übertrumpfen kann.

Als könnte man das Leben auf die eine Art betrachten und auf die andere Weise leben (Audre Lorde)

Ich nähere mich noch einmal dieser “zusammengebrochenen Vermittlung zwischen Wissen und Handeln”, die mich interessiert: wie lässt sie sich thematisieren? Oder erstmal so gefragt: Wozu dient den Menschen eigentlich die Aneignung von Faktenwissen zur Klimakrise, wenn es nichts direkt mit ihrer Lohnarbeit zu tun hat? Mein Eindruck ist, dass sich viele Menschen ein oftmals dezidiertes Detailwissen wie eine Art kulturelles, intellektuelles Schutzschild umlegen, das sie vor tieferen Tauchgängen in von ihnen wirklich wahrgenommenen, also gefühlten Sphären des Politischen schützt, so kommt es mir vor, á la “Ich weiß das alles, also do not touch me!”

Audre Lorde sagt in dem Interview mit Adrienne Rich in Macht und Sinnlichkeit: “[…] Belege helfen nicht wahrnehmen. Sie helfen dir bestenfalls, Wahrnehmungen zu analysieren. Und schlimmstenfalls schirmen sie dich davor ab, dich auf deine eigentliche Eingebung zu konzentrieren und ihr in die Tiefe zu folgen, um zu sehen, wie sie sich wirklich anfühlt. Wieder einmal Wissen und Verstehen! Sie können Hand in Hand gehen, aber sie ersetzen sich nicht.” (S. 53) Dieses Wissen könne zu Scheuklappen führen und nutzlos sein. Braucht es also ein detailliertes Faktenwissen zur Klimakrise gar nicht, um Prozesse des Verstehens und Handelns im Körper auszulösen?, wäre dann die provokative Frage. Und was dann?

Ich gehe noch einmal von mir aus: Ich eigne mir Wissen aus unterschiedlichen Motivationen heraus an. Manches eigne ich mir mit Leidenschaft und Liebe und aus einem inneren Drang heraus an, und dieses Wissen bereichert mich dann in der Art, dass es mein emotionales und mentales und kognitives Fundament vergrößert und zumeist mein “echtes”, “intuitives” Wissen stützt. Und anderes Wissen eigne ich mir an, weil ich es für die Arbeit brauche, weil es gerade aktuell ist, weil alle Freund*innen eine Meinung dazu haben, also muss/will ich das auch; oder weil ich up to date sein will oder sein muss; oder weil ich auch wirklich das Thema “ganz generell” wichtig finde, auch wenn es mich nicht im Innersten berührt.

So gesehen gehen übrigens auch das faktenbasierte Klimakrisenwissen und ich eine sehr ungünstige Allianz ein: ich möchte mir das Wissen eigentlich nicht aneignen. Zum einen belastet mich das Wissen um die Zerstörung sehr und lässt mich oft eher in depressive, passive als in aktivierende Moods und Modi fallen. Zum anderen mag ich es einfach nicht, Sachen, Fakten, aber auch Argumente, Rhetorik, Regeln auswendig zu lernen. Ich habe dann immer das (an Schule und die nervigen Seiten vom Studium erinnernde) Gefühl, ich müsste für eine Klausur lernen, und die Lerninhalte interessieren mich nur für eine gute Note oder für’s Bestehen, darüber hinaus – etwa “für’s ganze Leben” – sicher nicht. Da ich als eine Parents for Future im September auf einer Podiumsdiskussion eingeladen bin, überlege ich mal wieder, ob ich einen von den For-Future-Bewegungen angebotenen Workshop besuche, in welchen Aktivisti lernen, mit Politiker*innen zu sprechen. Manchmal darf ich nicht genauer darüber nachdenken, wie absurd mir das eigentlich vorkommt. Ich schrieb schon einmal in einem anderen Zusammenhang über “die Sprache als Waffe”, und sehr viel in mir rebelliert gegen diese Art von Sprachverwendung.

Und ich habe mich auch schon öfter gefragt, was das denn eigentlich für meine Wissensvermittlung auf der Straße zum Beispiel zu bedeuten hat, wenn ich dort mit Wissen hantiere, das schon ich mir ungern aneigne, und wie ich denn dann wirksam und “von Herzen” die Inhalte anderen Menschen so vermitteln soll, dass sie im besten Falle aktiv werden.

Die Mobilmachung der Happyland-Systemgrenzen

Was passiert, wenn “Belege”-Wissen und “echtes” Wissen im Sinne Audre Lordes aufeinandertreffen? Zum einen kann es sein, dass das Fakten- oder “Belege”-Wissen diesem meinem “echten” Wissen attestiert, dass es “falsch” ist. Audre Lorde sagt, dass genau dieses Attest, dieses Sich-nicht-Wiederfinden in der sie umgebenden Realität zu einer jahrelangen Sprachlosigkeit geführt hat. In “Vom Nutzen der Erotik” schreibt sie, dass wir gelernt haben, “das Tiefste in uns mit Misstrauen zu betrachten. Genau auf diese Weise lernen wir, uns gegen uns selbst zu stellen – gegen unsere Gefühle.” (S.50)

Das “Belege”-Wissen um die Klimakrise widerspricht aber nun meinem “echten” Wissen nicht; es bestätigt dieses vielmehr. Es sagt laut und deutlich: Die Klimakrise ist mitten unter uns. Es sagt mir, dass unsere Art zu leben unsere Lebensgrundlagen zerstört. Nun frage ich mich, wie das “intuitive”, “echte” Wissen anderer Menschen auf das “Belege”-Wissen reagiert. Ich habe das Gefühl, die kognitive Dissonanz entsteht dadurch, dass viele ihr “echtes” Wissen nicht gern zu diesem Faktenwissen in Beziehung setzen möchten; sie müssten das Faktenwissen dafür ja auf die Reise durch den Körper schicken – u.a. auch zum “echten” Wissen. Das gibt ihnen das Gefühl, dass Kopf und Körper überfordert würden. Das wäre wahrscheinlich auch nicht nur ein Gefühl, sondern diese Wissensreise könnte tatsächlich zu Übelkeit usw., aber dann auch zu einer Mobilisierung und zu Veränderungswillen führen. Damit genau das nicht passiert, geschieht hier die ungesunde Aufspaltung; der Kopf wird also fein säuberlich vom Körper getrennt. Das Wissen – sollte es einmal aus Versehen den Weg in den Körper gefunden haben – wird wieder relativ gewaltvoll aus dem Körper gezerrt und zurück in die hinterste Kopfschublade gestopft und einmal mehr mit einem Zettelchen versehen: “Bitte zukünftig nicht mehr durch den Körper schicken, bitte jegliche womöglich wiederauftretenden Sende-Informationen ignorieren, verzerren, vergleichgültigen, relativieren, … Im Namen der Gesundheit und des Willens zum Verbleib in Happyland (ich entlehne den Begriff von Tupoka Ogette aus Exit Racism).”

Entscheiden sie sich dann doch anders und wollen das Faktenwissen mit ihrem echten Wissen in Einklang bringen, so stoßen sie nun plötzlich an bisher nie erfahrene und wahrgenommene, aber weiterbestehende Happyland-Systemgrenzen. Und diese Grenzen machen massiv mobil: sie versuchen von nun an, die Sich-verändern-Wollenden immer wieder hübsch in ihre althergebrachte Systemlaufbahn zurück in der Systemmitte zu bringen. Wer hat die Energie und den Mut und die (auch finanziellen) Ressourcen und dazu noch einen Ideenkatalog, auf dem “Strom drauf” ist (siehe “Begehren” im ABC des guten Lebens, hier eine Rezension von Chiara Zamboni), um gegen diese sich in allen Lebensbereichen abspielende Mobilmachung anzugehen?

Das echte und das metaphorische (un-)bequeme Bett

Seit ich vor etwa zwei Jahren ein paar Bücher von und über Alexandra Kollontai gelesen habe, muss ich ständig über folgende Aussage einer ihrer Protagonistinnen – sicher hieß sie Wadja – nachdenken (ich habe lange in meinen Büchern von ihr gesucht; leider habe ich diese Stelle nicht wiedergefunden; ich nehme daher an, es war ein ausgeliehenes Buch): diese sagt bei Betrachtung ihres unbequemen, Schmerzen verursachenden Bettes, dass sie sich dennoch kein bequemes Bett wünscht, weil sie sonst nicht davon hochkäme und nicht kämpfen würde für den Sozialismus. “Sozialismus” bedeutete für sie, für ein gutes Leben für alle Würdeträger*innen dieser Welt zu kämpfen. Das hatte mich nicht nur deshalb so stark berührt und zwickt und knapst seitdem ständig an mir, weil ich just, als ich das Buch las, mit meinem Mann ein wahnsinnig großes und bequemes Bett gekauft hatte. Schon allein deswegen habe ich ihr in den letzten zwei Jahren widersprochen: “Nein Wadja, der Mensch braucht ein bequemes Bett, denn nur mit gutem Schlaf und tiefen, mir so wichtigen Träumen sind gute energiegeladene Taten und Tätigkeiten am Tag möglich! Und außerdem, bei mir ist das so: je bequemer das Bett, desto länger kann ich darin umso unbequemere Bücher lesen und seltsame Gedanken denken!” Und dann sehe ich aber im wohlhabenden, westlichen Teil der Welt all die bequemen Betten, Sofas, Autositze, Flugzeugsitze, Bürostühle, Bürobälle, bequeme Sitzgelegenheiten… überall!! Sitzen und schlafen wir vielleicht doch viel zu bequem, um uns die weltbewegenden Fragen von dort aus wirklich nicht mehr stellen und bearbeiten zu können? Hat Wadja recht?

Wie um mir für diesen Artikel noch einen Gefallen zu tun, hat auch Audre Lorde in “Vom Nutzen der Erotik” das Bett erwähnt, sie schreibt: “Unser gesamtes Tun zielt darauf ab, unser Leben und das unserer Kinder zu erleichtern und zu bereichern. Indem ich das Erotische in all meinen Bemühungen feiere, wird meine Arbeit zu einer bewussten Erfahrung, zu einem langersehnten Bett, in das ich mich dankbar hineinlege und aus dem ich ermächtigt wieder aufstehe.” (S. 53) Die Arbeit an der bewussten Erfahrung, am echten Wissen, wird also zu einem metaphorischen Bett. Die harte Arbeit, von der Alexandra Kollontai Wadja sprechen lässt, ist bei Audre das Bett. Und diese Arbeit ist zwar sicher auch für Wadja voller Erotik, aber sie kann eben auch unbequem und ungemütlich sein, so wie ihr echtes Bett. So gesehen ergänzen sich die beiden Denker- und Versteher- und Handlerinnen: es ist zunächst einmal unbequem, Körpererfahrungen und “echtes” Wissen zuzulassen und dann aktiv zu werden. Aber wenn diese Hürde genommen ist, werden wir das Zulassen der Verbindung zwischen den beiden Wissensformen, zwischen “Geist und Körper”, wie es Peter Levine und Rajan Sankaran ausdrücken, und die daraus entstehenden Erfahrungen als “langersehntes Bett” empfinden.

Peter Levine schreibt passend hierzu: “Wenn wir unserem Körper Aufmerksamkeit schenken, wenden wir das beste Werkzeug an, das uns für die Auflösung verschiedenster körperlicher, emotionaler und psychischer Symptome zur Verfügung steht. Solche eine ‘Kur’ ist jedoch keine Behandlung im traditionellen Sinne. Es geht hier nicht um die bloße Linderung von Beschwerden, sondern vielmehr um das Einlassen auf Bereiche unseres Seins, die uns fremd sind und mit denen wir uns lieber nicht beschäftigen wollen – Teile von uns, von denen wir uns abgeschnitten haben und die wir an irgendeinem Punkt unseres Lebens ‘beschlossen’ haben, aus unserer Sicht zu verbannen und nicht mehr daran zu rühren. Sie verbergen sich in der Welt der ‘Nicht-Erfahrung.” (Sprache ohne Worte, S. 352)

Klimakatastrophe ok, aber bitte mit Sahne

Viele sagen, es müsse erst wieder ein Katastrophe kommen, dann würde es wieder mehr Menschen in der satten, westlichen Welt geben, die ihre bequemen Betten für die Arbeit an “echtem”, “spontanem”, “intuitivem” Wissen nutzen. Wenn ihr Haus in den Fluten versinkt oder die Wohnung im Dachgeschoss wegen Hitze nicht mehr bewohnbar ist (2050 wird es in der Region um Stuttgart ca. siebzig Tage im Jahr wärmer als 30 Grad werden, hier nachzuhören – der Beitragstitel ist passenderweise “Es wird bald sehr ungemütlich werden” –; gut geeignet, um das “Belege”-Wissen zur Klimakrise weiter auszubauen), dann nutzt auch kein bequemes Bett darin, dann wird es ganz unmetaphorisch richtig unbequem und ungemütlich. Gibt es keine Möglichkeit, dass es uns in unseren gemütlichen, weich ausstaffierten Wohn-, Arbeits- und sonstigen Wirkstätten schon vor irgendwelchen Katastrophen piekst und knapst und zwickt und stößt und drückt und quetscht, sodass wir uns stöhnend erheben und sagen: “Na gut! Okay! Dann lasst uns die Transformation halt aktiv gestalten, statt dass uns die Katastrophe überrollt und wir in Chaos, Krieg und Not geraten.”

Dann denke ich an Doris Lessings Memoiren einer Überlebenden und dass die Protagonistin dort jeden Zustand, und wurde er auch noch so unerträglich, “einfach so” weiter ertragen hat, und gegen keine Verschlimmerung der Situation je aufbegehrt hat, sondern sie sehr schnell als “neue Normalität” akzeptiert hat, in ihr kognitives Dissonanznetz hineinweben konnte, bis es plötzlich wirklich nur noch um das nackte Überleben ging. Das stimmt mich nicht gerade optimistisch. Auch weil ich genau das aktuell beobachte, wenn ich mir anschaue, wie die Corona-Krise zwar im weiten Feld des “Belege”-Wissens schon mit der Umwelt- und Klimakrise verbunden wurde, aber dies bisher trotzdem nicht zum Wendemanöver führt. Lieber glaubt die kognitive Dissonanz in unseren Körpern, dass wo Klimapolitik draufsteht, auch Klimapolitik drin sein wird, aber doch bitte mit Sahne, also äh vereinbar mit meinem business as usual vor Corona please. Das kann ich doch haben, oder? Und wenn nicht, dann bist du Schuld, Politiker*in, Partei, weroderwasauchimmerichjedenfallsnicht, weil du hast “Klimapolitik” gesagt und es dann nicht gemacht. Der Schuss, er wird nicht gehört, er ertönt nicht im Körper. Wir sind in Doris Lessings Roman, wir sind längst die Frau, um uns herum das sichtbar zerfallende Reale; aber unser Bett ist immer noch zu bequem, und ganz plötzlich, schleichend, dunkel war’s, der Mond schien helle, für die einen heute und für die anderen morgen, wird es von gestern an über die nächsten Jahrzehnte ums nackte Überleben gehen.

Ich wünsche mir, dass es vorbeigeht mit der kognitiven-Dissonanz-Manager*in, der “Ich-bin-links”-Kopfträger*in. Der Kopf soll bei allen an den Körper, endlich verbunden, endlich in Bewegung, Schubladen fallen auf und zu, bis dato fein säuberlich voneinander getrennt aufbewahrte Denkbereiche purzeln durcheinander, zersplittern, Türen ziehen sich zusammen, das entstehende Chaos und das wieder Neu-Zusammensetzen ist produktiv und sinnvoll usw. usf. Hier beginnt Politik, hier entsteht sie, das ist ihre Quelle.

Das Bild (von) der Frau

Gekritzel fragezeichen Kostenlosen Vektoren
Abbildung: rocketpixel

Eine Anmerkung zu einer (kostenlosen) Grafik, die ich gerne an dieser Stelle gehabt hätte, die ich aber in über neunzig Minuten im www nicht gefunden habe: Ich wollte eine weibliche Person, die “den Kopf am Körper hat”, zudem keinem Klischee oder sonst einem Bild entspricht, das ich nicht will (also: keine Hackenschuhe, nicht im BH oder nackig, keine Businessfrau, nicht romantisch verliebt, keine curvysexy Posen, nix zu Gesundheit oder Diät, nix mit Yoga oder Meditation, nicht zu kitschig, ….), aber ich bin NICHT fündig geworden; keine hat meinen Ansprüchen genügt, und mehr Zeit wollte ich für die Suche nicht aufbringen. Deswegen habe ich mich an dieser Stelle für simple Fragezeichen entschieden; und weil ich zum Abschluss – schöne Überleitung – noch Fragen habe an euch Leser*innen.

Ich bin mir dabei bewusst, dass bei den Fragen der Eindruck entstehen könnte, dass es so klingt wie: Meine Aktivseinsformen = richtig und gut; alle anderen = dösig und joghurtbecherisch. Aber die Fragen sind teils in Präteritum und Präsenz formuliert; mich interessieren einfach eure Erfahrungen dazu sehr, und momentan finde ich keine andere Form als die, diese Fragen zu stellen, ich hoffe, ihr verzeiht. Wenn ihr sie als zu aufdringlich und lehrerinnenmäßig empfindet, dann einfach überspringen und noch das Ende lesen.

Wie hältst du es insgesamt mit dem Klimakrisenwissen? Gibt es verschiedene Orte zum Klimakrisenwissen bei dir im Körper?/ Wie läuft bei dir körperliches Verstehen der Klimakrise ab?

Brauchst/bräuchtest du körperliches Erleben, um aktiv werden zu können? Oder reicht/e dir das “Belege”-Wissen im Kopf, um aktiv zu werden/geworden zu sein?

Was fehlt dir aktuell, oder was müsste geschehen, damit die Klimakrisenfrage in aller Konsequenz von dir bearbeitet würde? “In aller Konsequenz” bedeutet für mich: Sie so weit verstanden zu haben, dass dir klar geworden ist, dass auch du politische (und nicht nur joghurtbecherauswaschende) Aktivseinswege finden musst? Und welche Aktivseinsformen hast du/könntest du dir vorstellen?

Und an Klimaaktivist*innen habe ich noch speziell folgende Frage: Die Klimabewegung fährt in ihrem Versuch, Menschen zu überzeugen/Menschen die Klimakrise zu vermitteln, immer noch so auf Wissenschaft und Technokratie ab; fokussiert sich also sehr darauf, die Menschen durch “Belege” und machbare technische Lösungen abzuholen. Aber wie Audre schon sagte: “Belege helfen nicht wahrnehmen.” Was machen wir mit dieser Erkenntnis?

Ich überlasse Aurde Lorde die letzten Worte:

“Diese archaische Angst vor der totalen Realität einer Macht, die gegen dich ist… […] Wie lässt du dich auf eine zutiefst bedrohliche Andersartigkeit ein, ohne getötet zu werden oder zu töten? Wie gehst du um mit Dingen, an die du glaubst – wie lebst du sie nicht als Theorie, nicht einmal als Emotion, sondern auf der direkten Linie von Handeln, etwas bewirken, Veränderung schaffen? […] [Es ist] absolut schwierig, aber absolut entscheidend, sich zu stellen, zu tun, was getan werden musste, immer und überall – und dass es den schlimmsten Tod bedeutete, es nicht zu tun! Sich zu stellen, ist, als würdest du ein Stück deiner selbst töten, in dem Sinn, dass du etwas Vertrautes und Verlässliches töten, beenden, zerstören musst, damit etwas Neues in dir selbst und in unserer Welt entstehen kann. […] Wenn du erst einmal irgendeinen Teil deiner Vision auslebst, setzt es dich fortwährenden Übergriffen aus – von Notwendigkeiten, von Horrorgefühlen, aber auch von Wunderbarem, […] von wirklich Wunderbarem und von Möglichkeiten! Wie Meteorschauer, ständig ein Bombardement – das Aufgehen immer neuer Zusammenhänge… Und dann der Versuch, das, was für dich zum Überleben nützlich ist, von dem zu trennen, was eine Verfälschung und für dein eigentliches Selbst zerstörerisch ist.” (Macht und Sinnlichkeit, S. 57f.)

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Als ich den Titel las, wusste ich, das kann nur von Dir sein. Du spannst einen weiten tiefen Bogen, lässt Spielraum und fixierst uns in eine Klemme ( die wahrscheinlich noch nicht weh genug macht). Holst Audre und andere in das „intervitale Gespräch „ (ich zitiere Dich damit) und legst einzelne Worte auf den Tisch, wie Karten, von denen Du jeweils die eine und andere Seite mit in den Tag und/oder ins Bett nehmen kannst. Um etwas mit mir werden zu können und zu wollen. Radikal könnten Eltern hineinfühlen, gefragt werden, ob sie das bequeme Bett mehr lieben als ihre Kinder und deren körperliche Zukunft. Wer traut sich in diese Sprachlosigkeit, wie Audre ( ich kenne sie) , wenn Du Deine wirkliche Macht (Power), dessen wer Du bist, wie Du fühlst und liebst, so empfindest, als seist Du die Schöpfung selbst und voller vitaler Ideen. Und alles abprallt und die schönsten Worte und Wahr- Gebungen ins Leere laufen, in diese graue Masse von „Belegten“. Es gab einen Tag wo ich nicht mehr ins Auto steigen wollte und weinte, weil mir körperlich bewusst wurde, was der Abrieb der Autoreifen, als Feinstaub mit unseren Grundwasser macht und unserer Luft.
    Ich musste wieder den Schleier davorziehen, um zu starten.

    Täte ich all das, was ich wahrnehme und empfinde und weiß, könnte ich nicht mehr arbeiten gehen und den ganzen Tag so leben (das braucht viel Zeit) der Erde nichts mehr wegzunehmen, sondern konsequent zur Gebenden Regeneration werden. Wie geht das? Dann würde ich keine Rentenpunkte mehr sammeln und suchte nach dem Weg, diese auch nicht mehr zu brauchen, weil Leben mit der Erde und Tieren, Natur, Menschengemeinschaften funktioniert und für alle gesorgt ist.
    Jeder Mensch bringt so eine unverwechselbare Seele mit, deren Ausdruck zu sein, für mich der Sinn ist , auf diesem Planeten zu sein und daraus sprechen zu können. Und unser Club hier, der des Weiterdenkens und von sich selbst ausgehen , von anderen und der weiblichen Freiheit und Souveränität muss, darf, kann gefährliche Fragen stellen, irritierende Antworten anbieten und den ewig gleichen Download derselben Gedanken horizontal der Verstörung auszusetzen, bis Schweigen und Stille einsetzen. Ich hatte mit 16 in einem unbequemen Bett klare Ansagen ( von Oben) , mehrmals ( meine Schwester war ausgezogen und ich hatte endlich Raum) wie alles zusammenhängt, was das Patriarchat bedeutet, Muttersein darin und welcher Weg mir bevorstünde, wenn ich Kinder bekäme, vorallem Jungs.
    Dass ich einen anderen Weg vor mir habe und mich nicht rumschlagen will auf der Ebene, so hab ich entschieden nicht schwanger zu werden, so früh. Ich habe das für als 100 % wahr genommen. Und so schwieg ich viele Jahre, bis ich mit 20 zur Uni ging und Bücher von Audre und vielen anderen fand.

    Was würden wir Kollektiv tun , wenn wir für wahr halten was wir schon wissen? Hören, innen? Fang an bei Dir , was weißt Du und wie radikal verstörend ist es?

    Du sagst es. Danke, dass Du schreibst wie Du schreibst. Und wir entscheiden können, wie wir es hinbekommen in Strukturen zu leben, die unsere Tugenden fördern und abrufen.

  • Anne Newball Duke sagt:

    Wow, liebe Regina, was für eine Energie und Kraft und Tiefe in deiner Antwort, das haut mich gerade voll um. Ich danke dir sehr… sehr sehr sehr. Ich werde sie noch oft lesen.

  • Christel Pellmann sagt:

    Mit deinem Beitrag sprichst du das brennende und ewig aktuelle Problem an: Warum führt Wissen nicht zu echt wirkungsvollem Handeln.
    Weil das Handeln „mein“ Leben verändern würde, sehr deutlich. Aktivität erzeugt ein gutes Gefühl, doch oft gefolgt von Verzweiflung, Ohnmacht, Enttäuschung bis hin zur persönlichen Befeindung durch Andersdenkende. Das ist gut zu antizipieren und deshalb die ohnmächtige Frage: will ich das fast täglich, ein Verdrängen ist dann kaum noch möglich, man wird zum(r) Aktivist(-in) auf welcher politischen Ebene auch immer, gegen Hunger, Krieg, Klimawandel. Könnte das jeder Mensch, der das Wissen dazu hat? Und außerdem: wenn die Wissensaneignung für die Allgemeinheit so einfach wäre bei so vielen Quellen, die verlockende Verharmlosungen/Verfälschungen beinhalten (scheinbar gut bewiesen…) und geschickt verpackt werden, um Aktivitäten zu behindern, dagegenzuwirken.
    Die Glücksgefühle bei größeren und auch bei bescheideneren Erfolgen in einer politisch organisierten Gruppe sind nicht zu unterschätzen, wie du auch schreibst und diese Organisation ist ein wichtiger Punkt, sie gibt Halt und Kraft. Die Aktiven brauchen die aktuelle Unterstützung der Gleichgesinnten, die, warum auch immer, gleich denken aufgrund ihrer Wissensaneignung, jedoch keine Initiatoren sind, d.h. Gleichgesinnte, die an Demonstrationen teilnehmen, sich für die Ziele in Diskussionen einsetzen und die durch eigenes Handeln ausstrahlen. In sehr kurzer Zeit hat sich hier schon ein Wandel im Denken der Allgemeinheit ergeben. Doch die Zeit drängt, es braucht mehr Aktive, deshalb deine Fragen gegen Ende deines Beitrages, die den Kern treffen. Ich versuche, sie zu beantworten:
    Das Verstehen der Klimakrise mündet bei mir körperlich in tiefsitzender Angst, Schlaflosigkeit, Hoffnung auf den Verstand der Menschen, auf das Gute in ihnen, das sie teilnehmen lassen soll an Veranstaltungen zum Thema. Außerdem, dass sie die „richtige“ Partei wählen und nach außen ihre Meinung vertreten und die wissenschaftlichen Erkenntnisse weitergeben.
    Für mich besteht eigenes Aktivsein darin, mit meiner Auffassung auszustrahlen, mit meinem Wissen aus Kopf und Bauch. Aktivisten wünsche ich mir und unterstütze sie.
    Es mag banal klingen, aber Aktivsein kann jeder dort am besten, wo er arbeitet, diskutiert, sich vergnügt. Wort und Tun in Einheit, einfach und deutlich, so, wie ich es schon mehrfach erlebt habe.
    Ich denke, dass körperliches Erleben nicht unbedingt für das Aktivsein erforderlich ist, ich bräuchte dieses Erleben nicht, allerdings würde es eine Verstärkung erfahren. Aktive Kriegsgegner vor den Weltkriegen benötigten nicht das Kriegserlebnis, um zu handeln. Deren Handeln führte oft in die Verfolgung durch die Kriegsbefürworter und den eigenen Tod. Hier ergibt sich für mich die Frage: warum gab es so wenige Unterstützer? Gibt es gegen den Klimawandel schon genug Unterstützer? Haben die vorhandenen Belege die Menschen erreicht? Wie kann das verbessert werden.
    Der Erkenntnis von Aurde Lorde „Belege helfen nicht wahrnehmen“ kann ich so isoliert gesehen nicht zustimmen, vielleicht liegt es an dem Wort „helfen“, da Belege die absolute Voraussetzung sind, wenn man in einem Land relativ ohne Not lebt. Woher will ich sonst mein Wissen beziehen?
    Wichtig ist, dass die Gegner des Wissens zum Klimawandel nicht stärker werden und ausstrahlen. Deren Motivationen müssen deutlicher bewiesen und dargestellt werden, die in Kapitalsucht, persönlicher Vorteilsnahme irgendeiner Art oder auch Verblendung (manipuliertes, scheinbares Wissen) bestehen. Hier werden noch weit mehr Belege benötigt. Besonders gegen Letzteres kann „jeder“ aktiv etwas unternehmen, überzeugen mit guten Argumenten im eigenen Umfeld.

  • Anne Newball Duke sagt:

    Liebe Christel, vielen vielen Dank für deine Antworten. Es ist komisch zu sagen, aber es tut gut, aus so persönlicher Sicht – nicht etwa aus psychologischen Studien usw. – heraus zu LESEN (mündlich höre ich es oft, aber nicht so ausführlich dargelegt), warum du meinst, dass Menschen das verdrängen.
    Zum Zitat Von Audre Lorde: Es ist natürlich aus einem umfänglichen Kontext gezogen, in welchem sie beschreibt, wie sie zu dem Schluss gekommen ist. Und in dem Artikel schaue ich diesmal nicht auf die, die zu wenig “Belege”-Wissen haben – davon gibt es natürlich wahrscheinlich noch weit mehr – sondern auf jene, die dieses Wissen bereits haben. Wir hatten letztens am Stand eine Person, die meinte, aber CO2 Bräuchte es doch in der Luft, warum wir denn hier stünden und so einen Heckmeck deswegen veranstalten würden. Um diese Menschen ging es mir hier nicht. Denn klar, um Wissen anzulegen, ja, auch um aufzuklären und das Problem zu vermitteln, und in die Köpfe sowie in die Körper zu bringen, dafür stehen wir ja hauptsächlich da. Das Problem ist natürlich da, dass viele “Starkregen” nicht mit “Klimakatastrophe” zusammensetzen KÖNNEN, weil sie das “Belege”-Wissen nicht haben, aber es gibt ja die, die das Wissen haben, und es aber aus verschiedenen Gründen nicht in die Köpfe und Körper bringen wollen und selber auch nicht in ihrem haben wollen. Nur… bleibt halt die Frage… wenn wir Letzteres weiter betreiben, dann werden wir immer weiter in die Katastrophe rutschen. Und vielleicht ist das meine Frage: wie auch ein Armin Laschet z.B. dazu bewegt werden kann, Klimaforschungsergebnisse anzuerkennen, Starkregen direkt mit Klimakatastrophe in Verbindung zu bringen und dann aus diesem Anerkennen uns Aussprechen heraus die Konsequenzen im politischen Handeln zu tragen. Denn in welcher Welt würde er denn gern 2050 oder 2100 leben wollen, in welcher würde er gern Politik machen, Kanzler werden? Wie sickert so ein Denken durch? Wie erreichen wir sie? Denn dieses Durchsickern brauchen wir jetzt so so dringend…

Weiterdenken