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Ein Jahrhundertleben in Geschichten

Von Adelheid Ohlig

Eine Freundin schenkte mir ein Buch, dreifach wohl verpackt, hübsch anzuschauendes Geschenkpapier mit grossen in verschiedenen Farben und Formen auf weiss platzierten Tupfen, dämmende Hülle, Tüte – vielleicht damit ich es ja nicht vor meinem Geburtstag auspacke, wie sie mir lächelnd nahelegte. Nun, der Geburtstag ist Ende des Monats, jetzt habe ich Zeit und Lust zu lesen, nehme das von ihr beigelegte Gedicht von Hilde Domin mit der Rose als Stütze.

Helga Schubert bei einer Lesung in Ansbach im Juni 2021. Foto: Juliane Brumberg

Und so lese ich drauf los: ‘Vom Aufstehen’ schreibt Helga Schubert, ein Leben in Geschichten. Diese ziehen mich in Bann. Auch wenn die Autorin um einige Jahre älter ist als ich, im Gegensatz zu mir in der DDR aufwuchs, so ist doch vieles vertraut, rührt an die eigene Vergangenheit. Die knappe, kurze, lakonische Sprache enthält Liebe, wurzelt in tiefen Emotionen, Erfahrungen. Vielleicht macht es diese Verdichtung, dass so vieles mitschwingen kann.

Im Altweibersommer enthüllt sich Schubert einer ihrer Gründe fürs Schreiben: die Arbeit draussen ist getan, jetzt kann sie sich zurückziehen, den «Versuchungen der Welt» widerstehen und darauf vertrauen, dass «sich etwas Wichtiges zu einer Geschichte verdichtet».

«Die Geschichte hat etwas herausgehoben aus dem Lebensfluss, das ich nun betrachten kann, mit Freundlichkeit oder Trauer, mit Bewunderung oder Abscheu» (S. 128) Schreiben und sich damit herauswagen ist ein Geschenk, gibt Hoffnung, lässt erkennen, macht verständlich. «Nichts ist klar so oder so, erfahre ich beim Schreiben oder spätestens beim Lesen».

Ja, so ist es, wie gern hätten wir Eindeutigkeiten, doch sind die selten zu haben und welchen Preis tragen sie?

Helga Schubert zeigt einen Teil ihrer inneren, unveräusserlichen Schätze, gesammelt in einem langen Leben (Jahrgang 1940). «Ich komme beim Älterwerden auch langsam aus der Zukunft an, ich nehme Abschied von den Aussichtstürmen, die ich nie besteigen, den warmen Meeren, in denen ich nie baden werden, den Opernhäusern, den Museen in fernen Hauptstädten, der Transsibirischen Eisenbahn, in der ich nicht schlafen werde.»

Dieses Ankommen, zurück kehren aus der Zukunft lernen wir beim Älterwerden. Das Alter präsentiert viele Abschiede: reale, wenn Menschen in der Umgebung sterben, gedachte, wenn Sehnsüchte und Pläne nicht mehr in die verbleibende Zeit passen.

Mit der letzten Geschichte ‘Vom Aufstehen’, die dem Buch den Titel lieh und in der sie über die problematische Beziehung zwischen Mutter und Tochter schrieb, gewann Helga Schubert im vergangenen Jahr den Ingeborg Bachmann Preis in Klagenfurt – im Alter von 80 Jahren!

Helga Schubert: Vom Aufstehen – Ein Leben in Geschichten, dtv München 9. Auflage 2021, 221 Seiten, 22 €.

Autorin: Adelheid Ohlig
Redakteurin: Juliane Brumberg
Eingestellt am: 25.07.2021
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Juliane Brumberg sagt:

    Auch mich hat ‘Vom Aufstehen’ so angesprochen, dass ich das Buch gleich zweimal gelesen habe. Und dann hatte ich das Glück, dass Helga Schubert zu einer ihrer ersten Live-Lesungen, die nach dem Corona-Lockdown möglich waren, in meine Heimatstadt kam. Es war ein Genuss, diese warmherzige und trotz ihrer 81 Jahre so unverbrauchte Autorin persönlich zu erleben. Was für ein Gewinn für die Literaturszene und uns Leserinnen, dass sie im letzten Jahr den Ingeborg-Bachmann-Preis bekommen hat und dadurch als Autorin wieder entdeckt wurde. – Besonders berührend ist es, wie sie von der höchst problematischen Beziehung zu ihrer Mutter erzählt. Schließlich holte sie sich Rat, weil sie ihre Mutter nicht lieben könne, wie es doch das 4. Gebot vorschreibe. «Irrtum sagte die Pastorin. Von Liebe ist im Gebot nicht die Rede. Gott verlangt von uns nicht, dass wir unsere Eltern lieben. Wir brauchen sie nur zu ehren.» Da habe ich mich natürlich sofort gefragt, ob Gott oder die Pastorin wohl ‘Die symbolische Ordnung der Mutter’ von Luisa Muraro gelesen haben? Ein Buch, das in diesem Forum (https://www.bzw-weiterdenken.de/2013/05/der-steinige-weg-zu-dankbarkeit-respekt-und-freiheit-zwischen-tochtern-und-muttern/) immer wieder zitiert wird und dafür plädiert, die Unterschiede, Abhängigkeiten und Hierarchien in den Beziehungen unter Frauen neu zu thematisieren und der Mutter als erster Frau und Lehrerin im Leben zu danken. Ich denke, genau das ist Helga Schubert mit der Erzählung ‘Vom Aufstehen’, in der sie ungeschönt die verschiedenen Facetten ihrer Mutter schildert, gelungen.

  • Wie mich doch dieser Satz berührt – und obwohl 10 Jahre jünger als Helga Schubert, hat es doch bereits mit meinem eigenen Älterwerden und der Auseinandersetzung damit zu tun:
    «Ich komme beim Älterwerden auch langsam aus der Zukunft an, ich nehme Abschied von den Aussichtstürmen, die ich nie besteigen, den warmen Meeren, in denen ich nie baden werden, den Opernhäusern, den Museen in fernen Hauptstädten, der Transsibirischen Eisenbahn, in der ich nicht schlafen werde.»

    Das nachstehende habe ich vor ein paar Tagen im Hinblick auf Corona geschrieben. Ich denke, Corona hat bei denjenigen die sich mit den Veränderungen (was macht das mit dem eigenen Leben?) beschäftigt haben, alles fokussiert und komprimiert:

    Die letzten Jahre / meine Vorbereitung (auf das Altwerden und Corona):

    • ich hab mein Hab und Gut reduziert – habe vieles weggegeben, von dem ich dachte, ich kann ohne dem nicht leben – ich kann – das gibt Sicherheit
    • ich habe mich hier an diesem, meinem neuen/alten Wohnort eingewurzelt und mich mit meinen Sehnsüchten nach der Ferne auseinandergesetzt – bis ich wusste, woher sie kommen und jetzt bin ich froh und dankbar hier zu sein und nicht immer weg zu wollen – auch – weil es sowieso nicht geht – Dankbarkeit für das was ist
    • mein Sohn wohnt neben mir – Zufall? Nein. War mir diese unmittelbare Nähe bis dahin nicht wichtig, bin ich heute sehr froh und dankbar dafür, weil es das Einzige ist was zählt – liebevolle Beziehungen und Gemeinschaft – das stärkt
    • ich habe mich gefragt – wer bin ich, wenn ich das alles, was ich bis jetzt war, nicht mehr bin – und weiter, wer bin ich, wenn ich das alles, wie ich bis jetzt gelebt, habe nicht mehr leben kann – nun, auch hier hat mir eine Reduktion – ein Ankommen in der Genügsamkeit – sehr gut getan
    • ich habe mich zurückgezogen, lebe in wohltuender Stille gut mir mit allein, mit wenigen HerzensfreundInnen, mit denen ich eine so große Herzensverbindung habe, dass wir uns nicht dauernd sehen müssen, um mich in dieser Verbindung aufgehoben zu fühlen – Ruhe in sich selbst
    • bin ich bis jetzt schon wenig bis gar nicht mehr geflogen – werde ich jetzt aus Umweltschutzgründen und weil ich der Meinung bin, dass uns Corona und Klimakatastrophen in Zukunft nicht mehr – oder nur sehr wenig – fliegen lassen werden – nicht mehr in ein Flugzeug steigen – Entscheidungen bringen Erleichterungen – Loslassen

    Den Spagat schaffen – das Leben gut zu leben und das Undenkbare denken …
    Die Verbundenheit von beidem – weil alles zusammengehört …

    Danke für die Buch-Info!

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