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Rubrik erinnern

Die Unbeugsamen

Von Antje Schrupp

Voriges Jahr schon hat Brigitte Leyh in diesem Forum das Buch „In der Männer-Republik“ von Torsten Körner vorgestellt, in dem er auf der Grundlage von zahlreichen Interviews schildert, was Politikerinnen in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik Deutschland erlebt haben. Am 26. August kommt nun, basierend auf demselben Material, sein Dokumentarfilm „Die Unbeugsamen“ ins Kino.

Zahlreiche Pionierinnen der Bonner Republik erinnern sich an ihre Jahre in der Parteipolitik: Zu Wort kommen Herta Däubler-Gmelin (SPD), Marie-Elisabeth Klee (CDU), Ursula Männle (CSU), Christa Nickels (Die Grünen), Ingrid Matthäus-Maier (FDP/SPD), Renate Schmidt (SPD) und Rita Süssmuth (CDU). Historische Aufnahmen erinnern darüber hinaus an weitere Politikerinnen wie Aenne Brauksiepe (CDU), Hildegard Hamm-Brücher (FDP), Waltraud Schoppe und Petra Kelly (Die Grünen). 

Wenn es darum geht, frauenpolitische Entwicklungen zu beurteilen, wird meist die Frage gestellt, ob es denn im fraglichen Zeitraum „Fortschritte“ gegeben hat oder nicht. Die Protagonistinnen vergangener Zeiten werden dabei häufig zwar mit Bewunderung betrachtet, jedoch klingt das häufig so, als wären sie irgendwie noch auf einer vergangenen Stufe des Feminismus, zwar aufgrund der ungünstigeren Umstände, aber doch. Beim Anschauen des Films wird klar, wie ungenügend diese Perspektive ist. Viel interessanter ist die Frage, was sich verändert hat, was aber auch nicht. Denn es gibt in Belangen der Freiheit der Frauen nicht einfach stetigen Fortschritt, sondern abrupte Veränderungen ebenso wie langsame, Verbesserungen, aber immer auch die Gefahr von Verschlechterungen, Erfolge werden errungen und manchmal auch vereinnahmt und in ihr Gegenteil gewendet.

Sicher ist seit den Anfangsjahren der Bundesrepublik manches, sogar vieles besser geworden. Abgesehen von konkreten, erkämpften Gesetzesänderungen ist da vor allem ist die Tatsache zu nennen, dass offensichtliche Häme und sexualisierte Herabwürdigung von Politikerinnen heute nicht mehr so häufig unwidersprochen bleibt wie damals. Politikerinnen müssen heute auch nicht mehr prinzipiell beweisen, „dass sie es auch können“, was nach 16 Jahren Regierungszeit Merkel ja einfach nur lächerlich wäre.

Andererseits werden Konflikte heute zuweilen sogar mit härteren Bandagen ausgetragen. Und gerade was die Parteipolitik betrifft, so ist doch die feministische Radikalität früherer Jahrzehnte weitgehend aus dem Bundestag verschwunden. Dabei sind tatsächlich besonders die Grünen hervorzuheben, deren Einzug in die Parlamente tatsächlich einen Kulturwechsel bedeutet hat – und deren herausragende Persönlichkeiten in ihren Anfangsjahren Frauen waren. Man denke nur an die Radikalität einer Petra Kelly, aber auch an die Wahnsinns-Rede von Waltraud Schoppe über Vergewaltigung in der Ehe im Jahre 1983 (aus der Ausschnitte gezeigt werden). Im Film ist erzählt Christa Nickels, die Mitglied im so genannten „Grünen Feminat“ von 1984 war, dem ersten rein weiblichen Fraktionsvorstand, von dieser Zeit.

Gerade am Beispiel der Grünen lässt sich aber auch sehen, wie Parlamentarismus den Effekt haben kann, feministische Radikalität einzufangen. Hier zeigen sich auch die größten Differenzen zu den Frauen in den anderen Parteien, in denen Politikerinnen sich eher behutsam und in kleinen Schritten zunehmend feministisch positioniert haben. Was natürlich auch daran liegt, dass es sich hier um historisch ältere Parteien handelt, zu denen Frauen gewissermaßen nachträglich hinzugekommen sind, während die Grünen sich von Anfang an als feministische Partei verstanden.

Dass sich Dinge in der Tat nicht nur durch Provokation und Skandal, sondern auch durch vermeintliche Unscheinbarkeit und Unauffälligkeit ändern lassen, zeigen die großen Erfolge von Rita Süßmuth in der CDU. Sie wurde 1985 von Helmut Kohl zur Familienministerin gemacht, der damals unter Druck stand, endlich eine „zweite“ Frau ins Kabinett zu holen (neben Bildungsministerin Dorothee Wilms). Denn bis dahin hatte es als ungeschriebenes Gesetz gegolten, dass ein Kabinett höchstens eine Frau verkraftet. Eine Frau kann als Ausnahme gelten, zwei sind schon fast ein Muster. Und dass Frauen genauso normal wie Männer politische Ämter innehaben, war vor sechzig Jahren tatsächlich für die bundesdeutsche Mentalität noch unvorstellbar.

Auch die erste Bundesministerin, Elisabeth Schwarzhaupt, war 1961 nur auf Druck der CDU-Frauen (vor allem Aenne Brauksiepes) und gegen den ausdrücklichen Willen von Bundeskanzler Konrad Adenauer ins Amt gekommen. Ein wesentliches Merkmal der Frauenpolitik zumindest in den Anfangsjahren der BRD war es denn auch, dass die Frauen in den verschiedenen Parteien sich gegenseitig wenn auch nicht immer unterstützten, so doch beeinflussten. Die Wahl von Rita Süßmuth war insofern auch eine Reaktion auf die vielen Frauen bei den Grünen.

Alles in allem also ein sehr sehenswerter Film, der sich ganz auf die Erzählungen und Rückblicke der interviewten Frauen stützt und so einen wichtigen Aspekt der frühen Bundesrepublik dokumentiert. Dass sich die Recherche auf Westdeutschland beschränkt, ist allerdings etwas schade. Mich hätte es auch interessiert, die entsprechenden Entwicklungen in den beiden Teilen Deutschlands miteinander zu vergleichen. Tatsächlich wirkt eine rein westdeutsche Herangehensweise an dieses Thema über 40 Jahre nach der Vereinigung beider Deutschlands schon ein bisschen anachronistisch.

Trotzdem eignet sich der Film gut, auch für Bildungsveranstaltungen oder den Schulunterricht, wofür der Verleih viele Materialien zur Verfügung stellt.

Autorin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 25.08.2021
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • So wichtig, merci und tatsächlich wäre die Entwicklung in der DDR und dann im vereinigten Deutschland – die Wiedervereinigung ist allerdings erst knappe 32 Jahre her – interessant. Kommt vielleicht noch. Wir bleiben dran!

  • Dorothee Markert sagt:

    Nun hab ich den Film endlich auch gesehen und bin hellauf begeistert. Noch nie hab ich einen so guten Dokumentarfilm gesehen, der auf mich wirkt, als hätte ich einen Spielfilm angeschaut. Wunderbar komponiert ist er, mit den vielen Männerköpfen am Anfang, den männlichen Straßennamen und dem Orchester, das nur aus Männern besteht. Und dann am Ende eine Reihe von weiblichen Straßennamen und ein Orchester mit männlichen und weiblichen Musizierenden und einer sehr lebendigen jungen Dirigentin.
    Ich war voller Hochachtung vor dem, was die Frauen, vor allem die der Grünen, im Parlament gewagt und ausgehalten haben. Und ohne ihre Überschreitungen des Gewohnten und Erwarteten, die ihnen Spott und Verachtung eingebracht haben aus den geschlossenen Männerreihen, und auch Abneigung von sicher nicht wenigen Frauen, wären wir heute nicht da, wo wir sind. Und eine Kanzlerin wäre vielleicht immer noch undenkbar.
    Was mir zu denken gab, als ich den Film anschaute: Wie wenig ich mich in den Jahrzehnten, in denen ich selbst – auf ganz andere Weise – politisch aktiv war, für das interessiert habe, was in der “etablierten Politik” geschah, und wie wenig Wertschätzung ich für die Leistungen der Frauen dort aufbrachte. Davon hat mich der Film auf jeden Fall geheilt!

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