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Verschenkekultur als Beitrag zum Klimaschutz

Von Dorothee Markert

Überraschend etwas geschenkt zu bekommen, löst – zumindest bei mir – ein ganz besonderes Gefühl aus, das sich seit der Kindheit kaum verändert hat. Das sei ja wie an Weihnachten, wird dann manchmal gesagt. Denn wir erinnern uns an das kindliche Gefühl der Vorfreude, das mit der Hoffnung verbunden war, diesmal etwas zu bekommen, was wir uns wirklich gewünscht haben. Auch wenn diese Hoffnung oft enttäuscht wurde – in meiner Familie wurden wir Kinder nicht ermutigt, Wünsche zu äußern – hat sich das positive Vorgefühl erstaunlicherweise bis heute erhalten.

Ein Gefühl „wie Weihnachten“ hatte ich auch als Studentin, wenn wir bei jedem Sperrmülltermin spät abends durch das entsprechende Viertel streiften und ungeheure Schätze mit nach Hause nahmen. Wir wohnten damals zu sechst in einer Baracke, die wir mit dem Gefundenen ausstatteten, mit Isoliermaterial, Bettrosten, Teppichen, Öfen, Ofenrohren und vielen Brettern und Kisten, aus denen wir unsere Betten, Regale und Schreibtische bauten. Einmal im Jahr gab es damals auch noch den großen Städtischen Flohmarkt, bei dem weder Standgebühr noch Eintritt bezahlt werden musste, das war jedes Mal ein Fest. 

Dass es verboten wurde, sich etwas vom Sperrmüll zu holen, und dass es Flohmärkte heute fast nur noch mit Anmeldung, Standgebühr und oft sogar mit Eintrittsgeld gibt, ist wahrscheinlich unter anderem die Folge der fehlenden Achtsamkeit im öffentlichen Raum, die wiederum mit der Ignoranz und Verachtung gegenüber bestimmten Care-Tätigkeiten zusammenhängt, dem Aufräumen und Saubermachen:  Der Flohmarktplatz sah am Abend aus wie eine Müllhalde, und ebenso war es oft mit dem Sperrmüll, den die Leute ursprünglich ordentlich vor ihrem Haus aufgeschichtet hatten: In ihrer Gier rissen manche Sperrmüllsammler:innen alles auseinander, kehrten das Unterste zuoberst und hatten auch kein Problem damit, wenn etwas zu Bruch ging und schließlich die halbe Straße mit Scherben übersät war. Ich verstand die städtische Reaktion darauf, aber ich bedaure bis heute, dass diese niederschwelligen Möglichkeiten, wie gut erhaltene Dinge die Besitzer:innen wechseln und damit weiterleben konnten, verloren gingen bzw. nur noch reduziert und in dem Bewusstsein möglich sind, etwas Illegales zu tun.

Irgendwann wurden dann die Verschenkekisten erfunden, wahrscheinlich auch deshalb, weil die Hürden für Flohmarktverkäufe immer höher wurden. Ich weiß noch, wie ich zum ersten Mal ein Buch aus einer solchen Kiste nahm, ich schaute zu den Fenstern des Hauses hinauf und bedankte mich mit einer Geste, obwohl da wahrscheinlich gar niemand war.

Wenn ich zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs bin und Zeit dafür habe, schaue ich in jede Kiste, obwohl ich ja eigentlich kaum etwas brauche, nur weil das Vorfreude-Gefühl so schön ist. Und immer mal wieder finde ich ein Buch, das mich interessiert oder das ich meiner Nachbarin mitbringen kann. Das ist dann jedes Mal „wie Weihnachten“. Ab und zu habe ich auch schon Bücher gefunden, die mir ganz neue Welten eröffneten.

Immer wichtiger ist mir in den letzten Jahren die Möglichkeit geworden, über Verschenkekisten Dinge loszuwerden, die mir mal etwas bedeutet haben, die ich aber nicht mehr brauche. Bei den beiden Wohnungsauflösungen unter Pandemie-Bedingungen, an denen ich in letzter Zeit beteiligt war, wollten wir unbedingt vermeiden, dass gut erhaltene Dinge, die von den Vorbesitzer:innen ein Leben lang gepflegt worden waren, einfach auf den Müll geworfen wurden. Denn in dieser Zeit waren die Lager der Wohlfahrtsorganisationen voll, weil sie ja ihre Läden nicht öffnen durften. Ich freute mich über jedes einzelne Stück, das an einem Platz mit viel Publikumsverkehr mitgenommen wurde oder das Menschen bei uns abholten, aufgrund unserer Annoncen oder weil ich sie angesprochen hatte, als sie unseren Sperrmüll durchsuchten. Bei der Suche nach weiteren Möglichkeiten, Geschirr und Gläser weiterzuschenken, begegnete mir eine Art Riesen-Verschenkekiste („Givebox“), die von einer Berufsschulklasse gebaut worden war und von der Kirchengemeinde betreut wurde. Eine Hütte in der Größe eines Gartenhäuschens war innen rundherum mit tiefen Regalbrettern bestückt, auf denen viel Platz war für Gläser, Geschirr, Töpfe und Pfannen, kleine Elektrogeräte, Kinderbücher und Spiele. Zu bestimmten Zeiten konnten Dinge gebracht oder geholt werden, es gab eine Zeitschaltuhr für den Türöffner. 

Bei all diesen Verschenkeaktionen war mir keine Mühe zu viel: Ich transportierte die Kisten dorthin, wo die Wahrscheinlichkeit groß war, dass jemand die Dinge darin brauchen konnte, und „betreute“ sie mehrmals am Tag, denn auch hier gab es Leute, die achtlos alles durcheinanderwarfen und dabei sogar manchmal Dinge kaputtmachten. Abends und bei Regen holte ich meine Kisten wieder ab. Denn wenn Verschenkekisten nass werden, sehen sie sehr schnell wie Müll aus. Ohne Betreuung funktionieren übrigens auch öffentliche Bücherregale oder Bücherschubladen nicht. Denn leider gibt es auch hier Leute, die einfach wahllos das, was sie loswerden wollen, in die Regale stopfen.

Weil nicht alle, die Verschenkekisten in den öffentlichen Raum stellen, sie so „betreuen“ wie ich ­­– als Rentnerin kann ich mir ja gut die Zeit dafür nehmen –, sehen die Reste davon tatsächlich manchmal wie „versteckter Sperrmüll“ aus. Unter dieser Überschrift stand im Mitteilungsblatt meiner Gemeinde vor drei Monaten eine Notiz, in der das Abstellen von Verschenkekisten vom Ordnungsamt als „unerwünscht“ bezeichnet wurde, verbunden mit der Drohung, dass es als „unerlaubte Müllablagerung“ zur Anzeige gebracht werden könnte.

Meine Empörung darüber brachte ich bei einer Befragung zum Klimaschutz zum Ausdruck, die etwa zeitgleich in meiner Gemeinde durchgeführt wurde.

Denn Verschenkekisten tragen auf mehrfache Weise zum Klimaschutz bei:

  • Sie machen das Zu-Fuß-Gehen oder das langsame Radfahren attraktiver, weil dabei immer wieder Überraschungen auf einen warten
  • Sie wirken der Verschwendung von Ressourcen und Energie entgegen, weil Dinge länger benutzt anstatt neu gekauft werden 
  • Durch sie kann ein achtsamer Umgang mit Dingen demonstriert werden sowie Dankbarkeit für Dinge und Liebe zu den Dingen. Damit wirken solche Kisten der Wegwerfmentalität entgegen
  • Durch Verschenkekisten muss weniger Müll wegtransportiert und weniger neue Dinge müssen hertransportiert werden
  • Sie machen Schenkenden und Empfangenden Freude, was die Notwendigkeit von Ersatzbefriedigungen reduziert

Als ich nach einer längeren Regenperiode endlich wieder zwei Verschenkekisten an einen Platz gestellt hatte, an dem viele Menschen vorbeikommen, mit Geschirr und Töpfen in der einen und einigen guten Kinderbüchern in der anderen, erlebte ich am Abend eine böse Überraschung: Gemeindemitarbeiter hatten meine Kisten mitgenommen und in ihren Müllcontainer geworfen. Da dieser Container außerhalb des eingezäunten Bauhofs stand, konnte ich hineinschauen: Das Geschirr – darunter eine Suppenschüssel aus meiner Kindheit – war zerbrochen, die Bücher verschmutzt, nur wenige konnte ich noch retten. Das zeigte mir nachdrücklich, dass ich von nun an beim Aufstellen von Verschenkekisten bereits etwas Illegales tat, zumindest in meiner Gemeinde.

Offensichtlich hatte mein Eintreten für Verschenkekisten in der Klimaschutzumfrage keine Einstellungsänderung bei der Gemeindeverwaltung bewirkt. In dem zusammenfassenden Bericht über die Umfrage im Mitteilungsblatt kam meine Stellungnahme dann auch nicht vor, denn hier interessierten nur die Bildung einer Arbeitsgruppe und die Bereitschaft zur Investition in erneuerbare Energien. Beides ist sicher wichtig, aber der ignorante Umgang mit den aus der Bevölkerung kommenden niederschwelligen Beiträgen zum Klimaschutz, die langfristig eine Einstellungs- und Verhaltensänderung unterstützen können, weil sie Freude machen und zu einem leichteren Leben beitragen, hat mich schon sehr verstört. Leider entspricht es aber ziemlich genau dem, was die etablierte Politik für Klimaschutz tun will und wozu sie eher nicht bereit ist: Technische Lösungen, die die Wirtschaft ankurbeln, ja, Unterstützung von Verhaltensänderungen, die den Konsum und die Verschwendung reduzieren, nein.

Wir sollten das nicht akzeptieren, sondern die niederschwellige Verschenkekultur propagieren und ausbauen: Mit großen „giveboxes“ in jedem Dorf und jedem Stadtviertel, mit der Rücknahme des Verbots, sich etwas vom Sperrmüll zu holen, und mit absoluter Freiheit für Verschenkekisten!

Autorin: Dorothee Markert
Redakteurin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 16.08.2021
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Ja, so wichtig und einfach dran bleiben. Immer wieder. merci und Glückauf für solche Aktionen.

  • Gertrud sagt:

    Oh, so passend! Gerade hatte ich eine Kleinanzeige für die “Gute-Tat”-Rubrik in der Tageszeitung aufgegeben, kurz davor hatte eine Freundin angerufen, ob sie wieder Sachen bringen könne, die ich vor unsere Haustür in der Innenstadt stellen möge… Ein einziges Mal in den letzten Jahren hatte ich ein Zettelchen mit dem Wort DANKE gefunden. Aber egal, es ist unser winziges Zeichen gegen den Trend. Danke für die gut geschriebene Unterstützung, liebe Frau Markert!

  • Brigitte Leyh sagt:

    Ihr Beitrag spricht mir aus der Seele! Allerdings ist es m. E. sehr wichtig, die Botschaft “Zu verschenken” deutlich sichtbar dazu zu legen, denn viele Leute genieren sich etwas zu entnehmen.

    Und bitte nicht lockerlassen, wir müssen noch lernen mit unseren Ressourcen auch auf diesem Wege achtsamer umzugehen.

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Ja ja ja, alles schön und gut…
    Aber machen wir uns nichts vor!
    Jedenfalls für mich sind in dem Zusammenhang Begriffe wie „schenken” oder gar “gute Tat“ fehl am Platz und geradezu ein Hohn.
    Denn es geht hier doch nicht darum etwas vom Eigenen zu teilen,
    sondern etwas los zu werden aus dem Überfluss,
    gleich woher der auch stammen mag.

  • Anne Lehnert sagt:

    Verschenkekisten finde ich auch immer schön, oder einfach Mauern, auf denen Dinge zum Mitnehmen sehe. Ich praktiziere das in beide Richtungen. Einmal habe ich genau die Teile zum neuen Mixer gefunden, die ich zu bestellen überlegte. Und ich selbst habe viele Kinderbücher, Kinderspielzeug, einige Kindersitze, Räder… so verschenkt.
    Soweit ich weiß, ist es dann rechtlich in Ordnung, wenn es auf einem Privatgrundstück steht. Daher stelle ich die Kisten selbst immer in unsere Einfahrt, nicht auf den Bürgersteig, der öffentlicher Raum ist.
    Meiner Meinung nach ist es, obwohl es darum geht, etwas vom Überfluss loszuwerden, trotzdem ein Verschenken. Es gibt ja stattdessen auch die Möglichkeit, die Sachen zu verkaufen, über Kleinanzeigen oder ggf. auch entsprechende Plattformen. Auch das ist gut gegen Verschwendung, und es bringt ein bisschen Geld. Ich überlege immer, was ich wie anbiete. Oder probiere erst das Verkaufen und verschenke dann, was sich da nicht lohnt.

  • Dorothee Markert sagt:

    Liebe Fidi, ich habe hier nicht über Schenken geschrieben und schon gar nicht über gute Taten, sondern über das Verschenken von Dingen, die man nicht mehr braucht. Damit sie nicht im Müll landen. Um der Verschwendung entgegen zu wirken, zumindest ein bisschen. Und darüber, dass staatliches Handeln die niederschwelligen Möglichkeiten dafür bis jetzt eher behindert als fördert.

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