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Rubrik denken, handeln

Arbeit am Weltinnenraum

Von Anne Lehnert

Eva von Redecker: Revolution für das Leben. Philosophie der neuen Protestformen in Verbindung mit dem ABC des guten Lebens

Feminismus, Antikolonialismus, Klimagerechtigkeit, nachhaltige Landwirtschaft, Solidarität in Beziehungen, Reproduktion und Arbeitsorganisation ‒ in ihrem Buch Philosophie für das Leben verbindet Eva von Redecker viele Themen, die mir wichtig sind. Sie analysiert die herrschenden kapitalistischen Machtverhältnisse als Ursache vieler Ungerechtigkeiten und stellt ihnen die Utopie einer sozialistischen Gesellschaftsordnung gegenüber, die das gute Leben aller Lebewesen ermöglicht. Diese sieht sie anfanghaft verwirklicht in den Protesten gegen die Unterdrückung und Ausbeutung von Menschen und Umwelt wie Black Lives MatterNi una menos und Ende Gelände.

Die Kapitalismuskritik im ersten Teil des Buches möchte ich hier nicht wiedergeben. Mehr als die Kritik der bestehenden Ungerechtigkeiten interessieren mich die Praktiken zu ihrer Überwindung und das, was sich darin schon an Veränderung zeigt. Dabei möchte ich mich auf zwei Dinge konzentrieren: Erstens faszinieren mich die Bilder, die von Redecker übernimmt und weiterspinnt, wenn sie im zweiten Teil des Buches beschreibt, wie wir vom jetzigen, in vieler Hinsicht kritikwürdigen Zustand zum gewünschten guten Leben kommen und wo das erhoffte und ersehnte gute Leben für alle heute schon da ist. Unverbrauchte Bilder und neue Begriffe lassen das Neue überhaupt erst sichtbar werden.
Zweitens sehe ich im Ziel eines guten Lebens für alle wie auch in den Praktiken, die Eva von Redecker als Überwindung der herrschenden Verhältnisse beschreibt, Parallelen zum ABC des guten Lebens. Daher möchte ich das Buch dazu in Beziehung setzen.

1. Übersprudelndes Leben

Im Kampf der Black Lives Matter-Bewegung dafür, dass alle leben und atmen können, sieht Eva von Redecker das „übersprudelnde, unvergitterte Leben“, das sich Bahn bricht. Mit dem von Alicia Garza übernommenen Begriff der „effervescence“ beschreibt sie die Entstehung von Freiheit: Sie sei kein Gut, das sich von oben nach unten umverteilen lassen, sondern jeder Verbesserungsversuch müsse bei den Leben mit den größten Schwierigkeiten beginnen. „Befreiung riesele nicht hinab, sie steige auf.“ Dieses Bild verbindet von Redecker mit dem Ausspruch von Ruth W. Gilmore, „Where life is precious, life is precious.“ Sie übersetzt ihn als „Wo das Leben heißgeliebt ist, ist es kostbar,“ und führt den Gedanken weiter: „Wo das Leben kostbar ist, ist es köstlich.“ (S. 169)

Mich lässt dieses Bild einerseits an etwas Organisches und Lebendiges denken, an Gasblasen, die aus dem Schlamm eines Teiches aufsteigen, und auch an die Luftblasen, die beim Tauchen aufsteigen ‒ und andererseits an die Kohlensäure, die im Sekt perlt und schäumt. Es drückt also sowohl die Rettung des Lebens, das Atmen aus, wie auch die Feier des Lebens.

Im ABC des guten Lebens finde ich dazu als Entsprechung, dass sowohl körperliche Bedürfnisse und die generelle Bedürftigkeit der menschlichen Existenz ernst genommen als auch Fülle, Genuss und Schönheit und die Kostbarkeit des Lebens gefeiert werden. „Ein körperliches Wesen, jeder Mensch also, braucht Luft zum Atmen, Wasser zum Trinken, Früchte zum Essen, Sonne und Feuer, um sich zu wärmen.“ (S. 91)

2. Weltverwobenheit

Eva von Redecker bezieht sich auf Hannah Arendts Vita activa und beschreibt, dass menschliche Freiheit darin liege, gemeinsam mehr zu vermögen als alle Einzelnen zusammen, nämlich zu Neuanfängen fähig zu sein. (S. 140) Das Wunder des Handelns bedeute keine Wiederverzauberung der Welt, sondern deren Wiederannahme. (S. 155) „Dass niemand ohne die Arbeit von anderen leben kann, wird zur Grundlage einer Freiheit, die viel weiter reicht als jede ‚wirtschaftliche Unabhängigkeit.‛ [Meine Gegenüber] erleben das menschliche Vermögen, umeinander wissend zu schaffen und zu genießen. Das macht uns gemeinsam frei.“ (S. 218)

Mit Olga Tokarczuk teilt von Redecker die Hoffnung auf neuartige Erzählkünste, in der Vorstellung, uns auf neue Art den lebendigen Kreisläufen widmen zu können und die Geschichte unserer speziellen „Weltverwobenheit“ erzählen zu können. (S. 153-156)

Dass das Anfangen und das Einweben eigener, neuer Fäden in das Gewebe menschlicher Beziehungen immer möglich ist, jeden Tag und jeden Moment, und dass das menschliche Leben immer Freiheit in Bezogenheit ist, dass also Abhängigkeit immer zum Menschsein dazu gehört, diesen Gedanken von Hannah Arendt greift auch das ABC des guten Lebens auf. Statt von Weltverwobenheit spricht es von der Matrix, in die hinein wir geboren werden.

3. Streikend forschen

Frauen*streiks wie die argentinische Bewegung Ni una menos beschreibt von Redecker als befreiende Praxis, und als Forschungsinstrument.

„Jede Einzelne wird mit der Frage konfrontiert: ‚Wie streikst Du?‛ Welche herrschaftsdurchsetzten Tätigkeiten kannst Du Dich zumindest einen Tag lang weigern auszuführen, welchen Erwartungen trotzt Du, welche Selbstverständlichkeiten durchbrichst Du?“ (S. 206)

Dass die Frage nach dem „Wie“ offen gehalten werde, erlaube die Einsicht, dass gerade das, was man am liebsten bestreiken würde, vielleicht einfach nicht ausgesetzt werden kann, zum Beispiel die Kinderbetreuung oder die Arbeit auf der Intensivstation. Indem die Frauen sich den Wunsch zu streiken eingestehen, sei es möglich, eine gesellschaftliche Veränderung einzufordern, die die Bedürfnisse der Arbeitenden und die der auf die Arbeit Angewiesenen gemeinsam an die erste Stelle setze. So öffne gerade der unmögliche Streik die Frage, wie die gesellschaftliche Sorge für das Leben aussehen solle. (S. 206/207)  Von Redecker spricht von einer „Ökonomie der Fülle,“ einer Unerschöpflichkeit, dadurch, dass Geben und Nehmen ineinander aufgehen, von Überfluss statt Mangelwirtschaft. (S. 219)

Den Blick auf die Notwendigkeit und Konfliktbeladenheit von Care-Tätigkeit wie auch auf die Betonung der Fülle statt des Mangels finde ich auch im ABC des guten Lebens. Ebenso auch die positive Sicht auf den Konflikt als Möglichkeit, Lösungen zu finden, die bisher nicht sichtbar waren. Der Begriff der Daseinskompetenz verweist darauf, dass „Grundkenntnisse der Muttersprache, der Moral, der Hauswirtschaft und des geordneten Zusammenlebens“ keine Selbstverständlichkeit sind, sondern von Müttern und anderen, vor allem Frauen, vermittelt werden. (S. 43-45)
Das Negative ist ebenso wichtig: im richtigen Moment auch Nein zu sagen.

4. Sich spiegelnde Bedürfnisse – Verwurzelung

Simone Weils Verankerung der Pflichten des Menschen in den menschlichen Bedürfnissen greift Eva von Redecker auf, möchte sie aber nicht als überzeitliche Gegebenheiten sehen. Stattdessen beschreibt sie eine dynamischere, irdischere Solidarität, die

„nicht auf eine externe Quelle unendlicher Güte [rekurriert], sondern auf die unerschöpfliche Wechselseitigkeit, die sich ergibt, wenn die Erfüllung deiner Bedürfnisse mir selbst zum Bedürfnis wird, sich Bedürfnisse also ineinander spiegeln, anstatt Pflichten zu begründen.“(S. 245)

Eine solche Vorstellung von Solidarität erkennt von Redecker in Simone Weils Beschreibung eines „über alles andere hinausreichenden Bedürfnisses nach Verwurzelung, als Teilhabe eines Menschen an einer Gemeinschaft.“ Dieses Bild der Verwurzelung findet sie wieder in einer Broschüre der Bewegung Ende Gelände, die die Organisation als Wurzelwerk beschreibt, das die Aktionen als Blüten der Bewegung möglich macht und zugleich ein Bild dafür ist, wie die Mitglieder der Bewegung in Zukunft miteinander leben wollen. (S. 246)

Eine solche Wechselseitigkeit wird im ABC des guten Lebens in verschiedenen Kontexten angesprochen: im Bedürfnis nach Zugehörigkeit und gemeinsamen Engagement für ein gutes Leben, in der Unverzichtbarkeit, das Notwendige zu tun und auch der, das Notwendige öffentlich sichtbar zu machen – und in der Differenz und im Dazwischen, die Personen ebenso trennen wie verbinden, sowie der Aufmerksamkeit für verschiedene Arten und Dimensionen der Liebe, als Anziehung zwischen Menschen, die gepflegt und kultiviert werden kann.

5. Einander zur Welt bringen: Gabentausch und „anonyme Liebe“

Beim Nachdenken über Alternativen zum Markt jenseits von staatlicher Planung betrachtet von Redecker zunächst das Schenken und den Gabentausch. Hier arbeitet sie heraus, unter welchen Bedingungen sich die Gefahr einer Überbietungsspirale oder Äquivalenzlogik vermeiden lässt. Dafür sei eine Haltung nötig, die eine Gegengabe immer als Neubeginn sieht, statt als Bezahlung. Diese betrachte nach dem französischen Phänomenologen Paul Ricoeur das zweite Geschenk als „zweite erste Gabe“ und begleiche somit nicht eine Schuld, sondern bestätige eine Beziehung. Sie beschreibt es als notwendig, sich in einer „Selbstprüfung der Freigebigkeit“ ehrlich zu fragen:

„Kann ich mich von diesem Ding wirklich trennen? Kann ich es vorbehaltlos aufgeben? Nicht in Erwartung von Gegenleistung, nicht um meinen Geschmack bestätigt zu sehen, nicht mal darauf spekulierend, meinem Gegenüber definitiv eine Freude zu machen? Kann ich dieses Gut, diesen Zeitaufwand als wahren Überfluss ansehen, den ich ohne Vorbehalt freisetze?“ (S. 254)

Um gleich selbst eine negative Antwort zu geben, jedenfalls in einer Welt der Ausbeutung und Verwertung. Nicht frei geben zu können, offenbare jedoch keine mangelnde Großzügigkeit, sondern „einen Mangel an wirklich solidarisch geteilten Ressourcen in der Welt.“ (S. 254) Es gehe nämlich nicht darum, Opfer zu bringen, sondern wirklich etwas übrig zu haben, und erst in diesem Überfluss zeige sich wahrer Reichtum. 

In einem zweiten Schritt erkennt von Redecker einerseits den „Genuss und Gestaltungsspielraum solidarischer Beziehungsweisen“ an, gibt aber andererseits zu bedenken, dass die „reziproke, persönliche Form des bedürfnisorientierten Güterverkehrs“ ein hohes Maß an Kommunikation und Zuwendung erfordert und fragt: „Wollen wir wirklich in jedem Arbeits- und Verteilungsvorgang so viel Wärme aufbringen?“ (S. 255)

Als Lösung für das Problem fordert sie die „Ermöglichung solidarischer Abstandnahme“ durch eine „Infrastruktur, die dem individuellen Distanzbedürfnis gerecht wird.“ (S. 256) Überschrieben ist dieses Kapitel mit „Anonyme Liebe“, und Eva von Redecker beendet die Beschreibung dieser technischen Lösung mit den Sätzen: „Wir könnten einander zur Welt bringen. Wir könnten einander die Welt bringen.“ (S. 259) Das Pathos dieser grundsätzlich wahren Formulierung überrascht mich etwas, wenn es um Waren- und Güterströme geht und von Redecker letztlich, so scheint es mir, für einen cleveren Versandhandel wirbt, der digitale Möglichkeiten und Algorithmen nicht zur Profitmaximierung, sondern zur passgenauen (und datenschutzkonformen, da anonymisierten) Erfüllung individueller Bedürfnisse nutzt. (S. 259-262) 

Ihre Suche nach einem größeren Maßstab und größeren Linien und der Versuch, die Bedürfnisbefriedigung von persönlichen Beziehungen zu trennen und durch technische Möglichkeiten und Algorithmen zu lösen, hat ein utopisches Moment, das ich sehr spannend finde. Allerdings sehe ich eher die Gefahr, dass es in Dystopie umschlägt, und auch die Gefahr von Kontrolle, Verfügbarkeit und Fremdbestimmung. Vielleicht bin ich zu skeptisch, stelle mir unter Bedürfnissen nur Konsumwünsche vor und sehe die Nutzung von Algorithmen und Datenmengen nur als Gefahr für persönliche Freiheit und Unabhängigkeit. Vielleicht liegt das daran, dass ich „warme“, kommunikative Bezüge im Kleinen positiv bewerte und Konflikte dabei in Kauf nehme. Notwendig ist vermutlich eine Kombination, da sich alle Bedürfnisse gar nicht im Nahbereich erfüllen lassen – und Politik und Wirtschaft diese größeren Zusammenhänge immer schon im Blick haben.

Im ABC des guten Lebens wird ein ähnlicher Unterschied gemacht zwischen der Welt der Gabe und der Welt des Tausches und des Verhandelns als unterschiedliche Arten, das Geben und Nehmen zwischen Menschen zu gestalten. Betont wird die Freiheit des Aktes des Gebens und die freie Wahl zwischen Schenken und Tauschen. Zwar legen die Autorinnen Wert darauf, den Tausch nicht einseitig negativ zu werten und der Welt der Männer zuzuordnen, doch stellen sie die Bedeutung des Schenkens und Gebens heraus, gerade auch in Politik und Wirtschaft. Eine Parallele zu von Redeckers Bedürfnis nach anonymeren Beziehungen zeigt sich in der Hervorhebung der Freiheit des Tauschens und Verhandelns, das größere Unabhängigkeit gewähre.

„Zur Welt zu bringen“ bedeutet wörtlich, wie es der Artikel zu Geburt/Geburtlichkeit im ABC des guten Lebens beschreibt, ein Kind zu gebären und in das Bezugsgewebe einzubinden, wo es Zugehörigkeit, Behausung, Care und Freiheit in Bezogenheit erfährt. Daneben ist dieses Bild natürlich offen für weitere Akte des gegenseitigen Einbindens in die Welt. Einen etwas anderen Akzent setzt die Betrachtung des Unvorhersehbaren, das dem menschlichen Dasein zwar eine gewisse Angst beschert, aber auch zum kühnen Handeln befreien kann: auch ungewöhnliches Begehren in die Welt zu bringen, dabei allerdings Vorsicht walten zu lassen in Bezug auf neue Technologien. (S. 136)

6. Karte und Atlas: Weltwahrende Zwischenräume und Beziehung zu den Dingen
Eine neue Beziehungsweise auch den Dingen gegenüber sieht Eva von Redecker in den Worten der kanadischen Schriftstellerin Leanne Betasamosake Simpson darüber, was es für sie als Nishnaabekwe bedeute, in Freiheit zu leben: „dass es [ihrem] Urenkel möglich sein wird, sich in jedes Stück [ihres] Territoriums zu verlieben.“ (S. 264) Der indigene Widerstand gegen Öl-Pipelines habe eine aufschlussreiche Perspektive wegen der langen Erfahrung an der Schnittstelle von konstanter Enteignung und kollektiver Erinnerung alternativer Praktiken. (S. 269)

Simpson spricht von der Aufgabe, alle Verluste in eine Karte einzutragen als Verpflichtung gegenüber der kommenden Generation. Diesen erzählenden Nachvollzug, der über die koloniale Logik hinausweist, führt Eva von Redecker weiter mit dem Bild von Atlas, dem aufgegeben ist, das Himmelsgewölbe zu stützen: Er trägt die Verantwortung der „Weltwahrung“ zwischen den Generationen. Eine solche Haltung der Weltwahrung brauche kein Eigentum, sondern benötige „einen Standort, von dem aus sie ihrer Verpflichtung gegenüber anderem Lebendigen gerecht werden kann“. Diese sorgende Einstellung sei keine Aufopferung und brauche auch keinen Altruismus. Weltwahrung sei vielmehr, aufgrund der Abhängigkeit von den planetaren Lebensgrundlagen „eine Form der Selbsterhaltung […], die die Abhängigkeit von anderem Leben offen zugeben kann und deshalb keiner Herrschaft bedarf“. „Weltwahrende Zwischenräume“ gebe es in nahezu jedem Leben.(S. 274)
Was das konkret bedeuten kann, zeigt von Redecker am Gedicht der englischen Dichterin U. A. Fanthorpe:


Atlas

There is a kind of love called maintenance
Which stores the WD40 and knows when to use it;

Which checks the insurance, and doesn’t forget
The milkman; which remembers to plant bulbs;

Which answers letters; which knows the way
The money goes; which deals with dentists

And Road Fund Tax and meeting trains,
And postcards to the lonely; which upholds

The permanently rickety elaborate
Structures of living, which is Atlas.

And maintenance is the sensible side of love,
Which knows what time and weather are doing
To my brickwork; insulates my faulty wiring;
Laughs at my dryrotten jokes; remembers
My need for gloss and grouting; which keeps
My suspect edifice upright in air,
As Atlas did the sky.
(U. A. Fanthorpe: Collected Poems, Norwich 2015, S. 340, zit. nach Eva von Redecker)

Das Gedicht zeige die „herrliche profane und nüchterne Liebe die nichtsdestotrotz die Welt zusammenhält“ und „was es heißt, wenn Sorge und Solidarität den Umweg über die Dinge nehmen.“ Man bejahe sich nicht nur wechselseitig und in seinem menschlichen Wesen, sondern als Teil einer Welt. Von Redecker stellt diese Sorge – wie sicher auch vom Gedicht intendiert – in einen größeren Zusammenhang, der von der Sorge für ein altes Haus zur Sorge für einen angeschlagenen Planeten reicht. „In den Zwischenräumen der bestehenden Herrschaft der ausstehenden Revolution entgegen zu ackern“, sie eine „Aufgabe für umsichtige Experimente.“ (S. 276-279). Es gehe darum, einen Standort zu finden, der Leben aufrechterhält. Atlas sein hieße dann, 

„so sicher in wechselseitiger Regeneration und umsichtiger Instandhaltung stehen, dass alles ineinandergreift, ohne dass man den Gezeiten Gewalt antun müsste. Das befreite Leben trägt sich selbst.“ (S. 284)

Im ABC des guten Lebens findet sich die Bedeutung von Orten, die Zugehörigkeit und Heimat bieten und von Orten im Dazwischen, wo gemeinsame Beiträge zur Gestaltung der Welt und zum Sinn verhandelt werden, als Orte des Politischen, die ebenso Küchentisch wie Stammtisch, runder Tisch, öffentlicher Platz sowie soziale Medien sein können. (S. 105-106) Der Erinnerung an Verluste ähnelt die im ABC angeführte Kraft des Negativen und des fruchtbaren Nein. Der Öffnung der Haushalts-Perspektive auf den Kosmos hin entspricht die Sicht der Ökonomie als Lehre vom guten Welt-Haushalten: Der Haushalt ist „geeignet als Modell für das Ganze als Behausung, die allen Menschen in Geburtlichkeit, Sterblichkeit, Bedürftigkeit und Verletzlichkeit gewisse Grenzen auferlegt und ihnen gleichzeitig eine Fülle von Möglichkeiten eröffnet, in Abhängigkeit frei tätig zu werden“. (S. 79)
Auch das Handlungsmodell der Wirtinschaft klingt an, als einer Sorge für das Wohlergehen der Einkehrenden und die Entscheidung, was dafür notwendig ist. (S. 146-147)

7. Arbeit am Weltinnenraum – Sehnsucht nach etwas, das man nicht kennt

„[A]lles, was lebt, ist jetzt anwesend. Und vieles, das nicht lebt, auch. Die Gegenwart ist der Raum, in dem alles, was es gibt, zusammenkommt.“ (S. 285)

Diesen Raum nennt von Redecker nach der Strophe eines Gedichtes von Rilke den „Weltinnenraum“:

Durch alle Wesen reicht der eine Raum: 
Weltinnenraum. Die Vögel fliegen still 
durch uns hindurch. O, der ich wachsen will, 
ich seh hinaus, und in mir wächst der Baum. 
(Rainer Maria Rilke, Es winkt zur Fühlung fast aus allen Dingen…, S. 878-879 in: ders. Die Gedichte, Leipzig 1998, zit. nach Eva von Redecker.)

Statt romantisch als „abstrakte Beschwörung unendlicher Verbundenheit“ möchte von Redecker die Strophe lieber materialistisch lesen: den Weltinnenraum als „Gegenwart, in der sich alle Stoffwechsel kreuzen,“ auch ganz wörtlich. (S. 285)

„Die Revolution für das Leben hat viele Namen: Abolition. Aktiver Streik. Vergesellschaftung. Weltwahrung. Sie sind allesamt Arbeit am Weltinnenraum.“ (S. 285-286)

und diese Arbeit geschehe „an der Kreuzung zweier Sehnsüchte“, des unbändigen Drangs nach Befreiung aus der kapitalistischen Herrschaft und der „Sehnsucht nach solidarischen Beziehungen und Weltliebe.“ (S. 286) 

Diese Sehnsucht vermisse, was sie noch nicht kennen kann. (S. 287) Eva von Redecker greift eine Kindheitsanekdote Olga Tokarczuks aus ihrer Rede zur Verleihung des Nobelpreises auf: Es gab ein Bild ihrer schwangeren Mutter, in dem sie melancholisch aus dem Fenster sah. Auf die Frage der Tochter, warum die Mutter traurig sei, antwortete die Mutter, sie vermisse sie und sei traurig, dass sie noch nicht da sei. Tokarczuk und von Redecker folgern, dass man sehr wohl etwas vermissen kann, was man noch gar nicht kennt: wenn es in Umrissen bereits zu ahnen ist und man es herbeisehnt:

„Wie kann man etwas vermissen, das noch gar nicht da ist? Vielleicht weil es sich schon in Umrissen abzeichnet. Vielleicht weil diese Umrisse eine Form erkennen lassen, in der die Gewalt der Vergangenheit überwunden wäre. Vielleicht weil jedes Leben, das an die Grenzen der Sachherrschaft rührt, eine Ahnung größerer Freiheit und Verbundenheit weckt.
  Die zweite Sehnsucht, die die Revolution für das Leben leitet, vermisst also, was sie noch gar nicht kennen kann: eine Welt, in der wir pflegen, statt zu beherrschen, teilen, statt zu verwerten, regenerieren, statt zu erschöpfen, und retten, statt zu zerstören.
  Alles, was wir brauchen, ist da.“  (S. 286-287)

Diesem affirmativen Satz entspricht das Vertrauen auf die Fülle, die gutes Leben für alle ermöglicht.

Das ABC des guten Lebens trägt im Titel das Ziel, das gute Leben für alle, das es noch nicht gibt und das daher auch Gegenstand einer Art Sehnsucht ist. Gleichzeitig irritiert es mich, das so zu nennen, da die Autorinnen eher das Diesseitige und das Hier und Jetzt als Ort des Handelns betonen.
Die beiden Texte treffen sich darin, dass sie bestehende Praxen guten Lebens sichtbar machen.

Gemeinsam ist auch das Augenmerk auf die Bedeutung der Sprache: Die Bedeutung der Arbeit am Symbolischen ist der Ausgangspunkt des ABC des guten Lebens, daher ist die Sprache und das Finden neuer Begriffe und Bilder ganz zentral:

„Durch das Nachdenken über Begriffe und die Verbreitung neuer und eigener Benennungen können wir das Sprechen über die Welt und damit die Welt beeinflussen. […] Wenn wir nun beginnen, neue, andere Wörter in die Welt zu setzen […], dann verändern wir auch unsere Wahrnehmungen und diejenigen der anderen. […] Mit der Zeit verändert sich dann auch das Denken und damit die Welt.“ (S. 123-124)

Eva von Redecker: Revolution für das Leben. Philosophie der neuen Protestformen
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2020, ISBN 978-3-10-397048-7.

Ursula Knecht, Caroline Krüger, Dorothee Markert, Michaela Moser, Anne-Claire Mulder, Ina Prätorius, Cornelia Roth, Antje Schrupp, Andrea Trenkwalder-Egger: ABC des guten Lebens. Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim 2012, ISBN 978-3-939623-40-3.


Ein Brief von Eva von Redecker auf der Website der Fischer Verlage.

Rezension des Buches bei Palais F*luxx.

Autorin: Anne Lehnert
Redakteurin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 20.09.2021
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Anne Newball Duke sagt:

    Wow, was für eine wunderschöne Buchbesprechung samt Bezug zum “ABC des guten Lebens”. Danke dir, liebe Anne.

  • Anne Lehnert sagt:

    Danke, liebe Anne, für deinen Zuspruch.
    Mir haben die Bilder und der affirmative Charakter des Buches von Eva von Redecker gut gefallen, gerade weil ich selbst oft sehr skeptisch bin.
    Die Bezüge zum ABC fand ich so offensichtlich, dass ich sie aufzählen wollte.

    Was fehlt und weswegen dieser Text lang in der Schublade lag, ist das Weiterdenken daran, die beiden Texte und Denkansätze durch eigene, neue Gedanken miteinander in Beziehung zu bringen.
    Das überfordert mich gerade. Vielleicht kann eine andere das tun. :-)

  • Antje Schrupp sagt:

    Liebe Anne, vielen Dank für die Rezension und den Hinweis auf Redeckers Buch.

    Sehr spannend nochmal der Aspekt des Tauschens und Gebens. Genau diese Frage, wie viel “Recht auf Distanz” es in einer Gesellschaft des guten Lebens geben muss, haben wir sehr lange diskutiert, und ich bin eher Team “Distanz”, deshalb freut es mich, dass Redecker dieses Thema explizit behandelt.

    Zwei weitere Anmerkungen, die mir dazu gekommen sind, da darin wirklich viele Bezüge zu “unserem” Denken sind, nicht nur im ABC: Zur Frage des Anfangens passt zum Beispiel sehr gut das, was Wanda Tommasi in ihrem Buch “Heute ist ein anderer Tag” schreibt, ich habe es hier rezensiert: https://www.bzw-weiterdenken.de/2015/10/fuer-eine-politik-des-alltaeglichen/

    Zu Olga Tokarczuk natürlich unser Zoom-Gepräch über “Gesang der Fledermäuse”, wo es ebenfalls um verwandte Themen geht: https://www.bzw-weiterdenken.de/2020/11/aus-der-zeit-gefallen-3-wir-sprechen-ueber-gesang-der-fledermaeuse-von-olga-tokarczuk/

  • Anne Lehnert sagt:

    Danke, liebe Antje, für deinen Gedanken und die Bezüge zu Wanda Tommasi und eurem Gespräch über Tokarczuk.
    Das Buch von Tommasi gibt es nicht auf deutsch, oder? Deine Rezension hat mir Lust gemacht, es zu lesen, aber Italienisch kann ich nicht, leider.

    Ich finde den Gedanken von “anonymer Liebe” und Bedürfnisbefriedigung jenseits persönlicher Beziehungen einerseits spannend, andererseits erscheint er mir utopisch, wenn nicht dystopisch… Datenkraken zugunsten der passgenauen Warenströme: Das erscheint mir noch nicht so wahrscheinlich, dass das statt Profit angestrebt werden könnte – und da gruselt es mich auch etwas. Wie geht es euch damit?

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