beziehungsweise – weiterdenken

Forum für Philosophie und Politik

Rubrik denken

Plädoyer gegen das Unpolitischsein

Von Anne Newball Duke

“Im Unpolitischsein zeigt sich der Wille zum Verbleib in einem sich als Elfenland entpuppenden Happyland.”

(aus dem folgendem Text)

Dieses Foto und alle folgenden: Anne Newball Duke

In meinen letzten zwei Artikeln habe ich mit meinem eigenen Politischsein beschäftigt. Ich wollte mir klar darüber werden, was Politischsein eigentlich (für mich) bedeutet, wo es beginnt, ob “ein politisch denkender Mensch” das gleiche ist wie “ein politisch handelnder Mensch”, und ab wann ich mich selbst als politisch handelnden Menschen begriffen habe, und wie es dazu gekommen ist. In diesem Artikel möchte ich mich mit dem Unpolitischsein beschäftigen. Zwei Aufhänger in meinem Nachdenken gibt es dafür: zum einen habe ich lange über meine Wut über die #allesdichtmachen-Kampagne im Frühling diesen Jahres nachgedacht. Und der andere Aufhänger ist die Flutkatastrophe in Deutschland. In den Reaktionen auf diese ist mir klar geworden, dass die Klimakrise für sehr viele Menschen auch weiterhin undenkbar ist. Ich überlege, warum viele Menschen in dieser Undenkbarkeit und damit in gewissem Sinne auch in ihrem Unpolitischsein verharren.

“Unpolitischsein” bei Amazon eingegeben, spuckt nicht ein Buch aus, das dieses Wort im Titel trägt. Auch bei meiner Ecosia-Suche erscheinen wenige Artikel mit dem Wort im Titel. In zwei der wenigen Artikel, die ich gefunden habe, sprechen die Autoren Nils Hipp und Kris Wagenseil davon, dass mensch Privilegienbesitzer*in sein muss, um sich Unpolitischsein leisten zu können. Was Kris Wagenseil als Anekdote an den Anfang seines Artikels stellt, ist auch mir bereits in den vielfältigsten Formen begegnet:

“‘Ich beschäftige mich nicht mehr mit Politik’, sagte sie. ‘Das hat mir nicht gut getan. Immer diese negativen Nachrichten. Da wurde ich richtig depressiv’. Wenn, müsse man sich ‘voll und ganz der Politik’ zuwenden. Aber so sei es besser, keine Nachrichten zu schauen, für die innere Ausgeglichenheit. Die Leute, die sich andauernd mit Politik beschäftigen, seien ja unglücklich, man merke das sofort. Besser Yoga machen, das eigene Glück jenseits dessen suchen. Gesundwerden an und in sich selbst, anstatt die Lösung in der Politik, d.h. außerhalb von einem selbst, zu suchen.”

Und auch mir wird immer mal wieder nahegelegt, das mit dem Politischsein doch wieder zu lassen, und zwar immer dann, wenn mich die Klima-Arbeit emotional sehr mitnimmt. Es erscheint dann meinem Gegenüber eine hilfreiche Unterstützung, wenn es sagt: “Warum tust du dir das an? Hör lieber auf damit, sonst wirst du noch krank.”

Kris Wagenseil kommt dann aber – so wie auch ich – zu dem Schluss: “Eine solche unpolitische Haltung ist gerade nicht ‘neutral’, sondern gefährlich.” Und deswegen ist ein Zurück in einen wie auch immer gearteten unpolitischen Zustand für mich nicht mehr denkbar.

Ich bin mittlerweile der Meinung, dass Unpolitischsein deswegen gefährlich ist, weil es nahezu überall auf der Welt innerhalb eines europatriachalen Wissenssystems kultiviert und in gewissem Sinne auch gefördert wird (den Begriff “Europatriarchat” entnehme ich Minna Salamis wunderbarem Buch Sinnliches Wissen. Eine schwarze Perspektive für alle, 2021). So spricht beispielsweise Rutger Bregmann (in: Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit, 2020) bei Betrachtung der amerikanischen Demokratie (und unter Berufung auf verschiedene Historiker*innen-Studien) davon, dass es sich eher um eine “elektive Aristokratie” handelt, in der die Bürger lediglich ihre Herrscher wählen dürfen. Und dass dieses Modell ursprünglich “zur Eindämmung demokratischer Tendenzen” konzipiert war, also dazu gedacht war, “die breite Masse auf Abstand zu halten”: “Die Gründerväter der Vereinigten Staaten wollten nicht, dass sich der Bürger allzu viel mit Politik abgibt.” (S.266)

Manchmal überkommt mich ein ähnliches Gefühl, wenn mir Menschen sagen, dass ihr politischer Gestaltungswille nicht über das Kreuzchenmachen bei der Bundestagswahl und vielleicht noch bei der Landtagswahl alle vier/fünf Jahre hinausgeht.

Ein unpolitischer Mensch kümmert sich in meiner ersten groben Einordnung – die erweitere ich aber gleich noch – vor allem um sich selbst und seine Lieben und lässt die “Politik” mal machen. Das heißt, er schwimmt lautlos in deren Fahrwasser mit, ob er diese “Politik” nun komplett gut findet oder nicht. Vielleicht schimpft er dann ab und zu mal vom Sofa den Fernseher, das Handy oder die Zeitung an, aber außerhalb der eigenen vier Wände und außerhalb des Kreises der eigenen Lieben verhält er sich ruhig. Das heißt, ganz automatisch gibt er sein “Go” auch einer politischen Ausrichtung, mit welchem wir aktuell das Ende der Zivilisation ansteuern. Das vom “Ende der Zivilisation” sage nicht ich, sondern u.a. Australiens führender Klimaforscher Will Steffens.

Rechtes Denken schleicht sich ein über viele kleine Schritte

Mir ist das mit dem Mitschwimmen erst so richtig aufgegangen, als ich mich maßlos über die unsägliche Kampagne #allesdichtmachen im April diesen Jahres aufregte. Erst dachte ich, meine Wut über diese Kampagne sei übertrieben, und ich müsse mal runterkommen, aber je mehr ich mich damit beschäftigte, desto wütender wurde ich. Ich war vor allem wütend darüber, wie viele Menschen mir sagten, das sei doch nicht schlimm, man dürfe doch nochmal eine andere Meinung haben. Und sie sagten es auch noch, als ich ihnen bereits erklärt hatte, dass die meisten (Vor-)Denker*innen der Querdenkerbewegung aus der rechten Szene kommen. Wieso? Warum schrie es nicht auch aus ihrem Bauchgefühl heraus, dass es sich hier nicht einfach nur um eine andere Meinung handelt, sondern um einen weiteren Diskursentfacher, der mit vielen weiteren dieser Art zu einem realen Rechtsruck im Lande führt?

Vielleicht reicht der Satz, “Hitler ist auch nicht über Nacht zum Reichskanzler geworden”, um zu verstehen, dass es nicht egal ist, was bekannte Schauspieler*innen und sonstwie Kunstschaffende des Landes da in aufwendig produzierten Filmchen von sich gegeben haben. Auch damals hat sich das ganze Nazi-Ideologiegerüst über Jahrzehnte aufgebaut, hat ein Steinchen das nächstgrößere Steinchen ins Rollen gebracht. Und in dieser Zeit gab es neben den großen Brocken auch immer viele viele kleine, vielleicht in Realzeit und für Nichtbetroffene (“Puh, ein Glück bin ich keine Jüd*in oder Kommunist*in oder so.”) unscheinbar wirkende Schritte hin zu Hitler und seiner “Machtergreifung”, hin zu ihm und unter seiner Herrschaft handelnden Menschen, deren Schrecken und Zweifel (“Wo sind denn unsere Nachbarn hin?”) sehr schnell in pragmatischen Realitätssinn schwappen konnten und – da gesellschaftlich und von Seiten des Staates nicht sanktioniert – auch durften (“Ach die Nachbarn… kommen die wieder? Nee, oder? Schaun wir doch mal, obs da was zu holen gibt bei denen zu Haus? Die andern machens doch auch… Ändern kann man ja eh jetzt nix mehr…”).

Sind das “Schauspieler*innen”?

Ich nenne die an der #allesdichtmachen-Kampagne vor der Kamera Mitwirkenden von nun an “Schauspieler*innen”, und zwar mit Absicht in Anführungszeichen gesetzt, weil ich beim faszinierten und zunehmend angeekelten Schauen der Videos immer denke: wow, ist das jetzt Schauspielkunst – und zwar überlegte ich das auch, wenn es besonders schlecht und unprofessionell rüberkam – oder kann das weg? Leider geht es nicht mehr weg, denn es ist ja nun in der Welt, auch wenn einige “Schauspieler*innen” danach ihr Video entfernt haben: die ganze Kampagne ist mit all diesen Lösch-, halbherzigen Entschuldigungs- und Talkshow-Geschichten in der Welt und somit ein weiteres nicht sehr kleines rechtes Steinchen, das wieder andere ins Rollen gebracht hat und noch bringen wird.

Für mich gibt es drei Varianten, wie jene “Schauspieler*innen “ja” zu diesem Projekt gesagt haben.

Variante eins:

Die “Schauspieler*in” ist ganz Schauspieler*in; will heißen, sie spielt eine (wenig komplexe) Rolle wie im Theater, zum Beispiel “die zynische Mutter”, “den erschöpften Zyniker” usw. usf. Sie kann sich so vom Inhalt der Rolle abtrennen, stellt das eigene Können in den Dienst einer Sache, welcher auch immer, das ist ihr egal. Nach dem Motto, wer einen Serienmörder spielt, ist natürlich keiner in real life, und promotet natürlich auch nicht das Serienmörderleben. Hier hat also eine Abspaltung stattgefunden zwischen Person und der von ihr verlangten Rolle.

Sie werden wohl in etwa folgendes gedacht haben: Oha, der Soundso und die Soundso machen auch mit, das sind berühmte Kolleg*innen, da lass ich mich nicht zweimal bitten, da krieg ich ein bisschen Berühmtheit und Aufmerksamkeit ab. Auch wenn ich meinen eigenen Beitrag vielleicht eher semi finde: sicher ergibt er erst im großen Ganzen Sinn. Und inhaltlich vertraue ich den Macher*innen total, denn sind wir nicht alle links-mitte-liberales künstlerisches Bürgertum, die werden mich schon nicht in die Kacke reiten.

In Variante eins geht es der “Schauspieler*in” zudem nicht um die Message und auch nicht ums “große Ganze”; das ist ihr sogar letzten Endes egal; es geht ihr lediglich ums eigene Dabeisein bei einer irgendwie “coolen/großen Sache”.

Variante zwei:

Hier nutzt die Person ihre schauspielerischen Fähigkeiten, um “eine zynische Ausgabe der eigenen Meinung” zu inszenieren. Sie trennt also den Inhalt der Inszenierung nicht von ihrem eigenen politischen Selbstverständnis. (Im Selbstverständnis hält sich der unpolitische Mensch übrigens oft für politisch.)

Die “Schauspieler*in” weiß um die politische Brisanz des Themas und ist gerade deswegen “voll dabei”, nach dem Motto, “endlich mal Bewegung in die Debatte bringen”, “die Zeit war nicht nur für andere kacke, sondern echt auch für mich, das muss mal gesagt werden”, usw.

Das Unpolitischsein zeigt sich hier in der Ausblendung anderen Lebens und Leidens und Sterbens. Es geht der “Schauspieler*in” nur um ihr eigenes Leid und dessen Darstellung. Vielleicht denkt sie noch, sie spricht ja auch für andere, in purer Selbstüberschätzung vielleicht sogar für “den Rest der erschöpften, genervten Nation”. In diesem Sinne versteht sie die eigene Performance als politisches, vielleicht sogar solidarisches Statement, oder zumindest als Beitrag zur Debattenkultur, zur Anheizung des Diskurses.

Die unpolitische Einstellung zeigt sich, indem keinem der “Schauspieler*innen” der Variante eins und zwei vorher klar ist, dass sie hier querdenkerische Thesen auf bravouröse Weise inszenieren und mit ihrem schauspielerischen Können verlebendigen. Es gibt hier kein Bewusstsein für die Auswirkungen und den Wirkungsgrad des eigenen politischen Handelns. Denn klar: sich dafür zur Verfügung zu stellen, ist ein politischer Akt, der aber aus einem Unpolitischsein heraus überhaupt erst entstehen konnte. Und dieser Akt hat dann natürlich auch Auswirkungen auf den politischen Diskurs. Das weiß die “Schauspieler*in”; lediglich der Wirkungsradius ist vorher nicht so richtig abzuschätzen vielleicht.

Unpolitischsein bedeutet somit auch, dass sich keine der “Schauspieler*innen” der Konsequenzen ihres Tuns bewusst ist. Und die Konsequenzen wiederum kennen sie nicht, weil sie in Happyland leben – ich erkläre den Begriff gleich nochmal – und dadurch die Konsequenzen auch nicht selber tragen müssen. Die Konsequenzen ergeben sich für andere, und zwar nicht nur für die, die noch immer an Corona sterben und leiden und die an den Betten um ihr Überleben kämpfen, sondern auch für jene, deren Freiheiten wegen der sich überall verbreitenden rechten Perspektiven und “Meinungsfreiheiten” schleichend, aber massiv eingeschränkt werden.

Die Vordenker*innen der aktuellen Corona-Querdenker-Bewegung kommen nahezu alle aus der rechten Szene. Die “Schauspieler*innen” unterstützen somit rechtes Denken, geben ihm einen ordentlichen Schups nach vorne. Und das hat natürlich konkrete Auswirkungen auf das Leben von Jüd*innen in Deutschland, auf das Leben schwarzer Menschen, Menschen mit migrantischer Geschichte usw. usf. Aber das sieht der unpolitische Mensch nicht, weil er nur sich und das Leiden seiner Lieben sehen kann und will. Er stellt diese Verbindung einfach nicht her. Diese Verbindung nicht herstellen zu wollen – aus Faulheit, Lustlosigkeit, und vor allem, weil sie es in der ihr gegebenen privilegierten Position nicht muss –, darin manifestiert sich für mich das Unpolitischsein. Und gefährlich ist es dann, dass er mit seiner Ausübung der “Meinungsfreiheit” gleichsam die Freiheit anderer beschneidet. Wenn mensch von der Bedrohung anderer Menschen durch das eigene Tun nichts weiß und nichts wissen muss, dann bewohnt mensch das schöne Happyland.

Es ist dann auch egal, ob die “Schauspieler*innen” es aus Variante eins heraus gemacht haben oder aus Variante zwei (bei manchen gab es sicher eine leicht schizophrene Mischung aus beidem); es ist auch egal, ob sie irgendwelche Manager*innen oder Agent*innen für sich haben denken und entscheiden lassen; das Resultat – die Konsequenzen für andere und somit für die ganze Gesellschaft – sind dieselben.

Und das ist jetzt die Erweiterung meiner anfänglichen groben Einordnung, was ich unter Unpolitischsein verstehe: von diesen Konsequenzen (eines Einmischens in einen politischen Diskurs) im Vorhinein nichts wissen zu wollen – zumal wie im Falle der “Schauspieler*innen” ausgestattet mit nicht unerheblichem kulturellen Kapital –, sich nicht zu informieren und die Zusammenhänge nicht herstellen zu wollen, das ist für mich der Inbegriff des Unpolitischseins.

Variante drei:

Es gibt den kleinen Rest, der nicht in eins oder zwei passt. Das sind die, die genau wussten, was sie da tun, die diese Kampagne initiiert und umgesetzt haben. Ein möglichst großer Wirkungsradius war intendiert; je größer, desto besser. Aber die Initiator*innen brauchten für die Kampagne möglichst viele unpolitische “Schauspieler*innen”; ohne die – also nur mit den aus echter politischer Überzeugung agierenden Schauspieler*innen (diese mit Absicht ohne Anführungsstriche, weil die genau wussten, was sie tun) – wäre die Kampagne nicht so ein Erfolg geworden. Zum Glück also trafen sie auf ein paar Dutzend “Schauspieler*innen”, die sich wegen ihres Unpolitischseins vor den rechten Karren haben spannen lassen.

Unpolitischsein hat einige “Schauspieler*innen” der Variante eins und zwei dazu gebracht, etwas zu tun, worüber sie danach erschrocken die Hände über den Kopf schmeißen. Sie ziehen panisch Videos zurück und werfen mit Entschuldigungen um sich, in denen deutlich wird, dass sie noch immer nicht verstanden haben, was sie da eigentlich angerichtet haben. Heike Makatsch: “Wenn ich damit rechten Demagogen in die Hände gespielt habe, so bereue ich das zutiefst. “Wenn, nicht dass“, so kommentiert schon der Spiegel-Journalist Peter Maxwill. Oder Ulrike Folkerts: “Die Videos, die entstanden sind, wurden falsch verstanden, sind vielleicht falsch zu verstehen”. Vielleicht. Und: Nicht ich habe etwas Falsches getan, sondern die andern sind schuld, wenn sie es falsch verstehen, weil ich weiß ja, was ich eigentlich sagen wollte, auch wenn ich das nicht gesagt habe. Sie haben es einfach immer. noch. nicht. verstanden. Oder sie wollen es immer noch nicht verstehen. Denn sie wollen einfach verdammt nochmal auf Teufel komm raus in Happyland wohnen bleiben.

Happyland

Unpolitische Menschen sind Bewohner*innen von Happyland. Als Happyland bezeichnet Tupoka Ogette in ihrem Buch exit RACISM. Rassismukritisch denken lernen (2020) folgendes: “Happyland ist eine Welt, in der Rassismus das Vergehen der Anderen ist. In Happyland wissen alle Bewohner*innen, dass Rassismus etwas Grundschlechtes ist. Etwas, das es zu verachten gilt. (…) Der Begriff ist nicht ambivalent, denn rassistisch ist, wer schlecht ist. Darüber gibt es in Happyland einen Konsens. (…) Hinzu kommt, dass man in Happyland davon ausgeht, dass Rassismus etwas mit Vorsatz zu tun hat. Damit man etwas rassistisch nennen kann, muss es mit Absicht gesagt oder getan worden sein. Des Rassismus bezichtigt werden kann also nur jemand, der oder die* vorsätzlich beschließt, dass die nun folgende Handlung oder das im Folgenden Gesagte rassistisch sein soll. Die Wirkung, die der Verursachende derselben nicht beabsichtigt hat, liegt entsprechend nur im Auge des Betrachters und der Verursachende trägt keinerlei Verantwortung dafür. Auch Absicht und Wirkung bilden in Happyland keine kausale Kette und haben – wenn überhaupt – nur sehr wenig miteinander zu tun. Die*der Happyländer*in entscheidet, wann und wie das Gesagte beim Empfangenden ankommt, wie es sich anfühlt und anzufühlen hat. ‘Ich habe es nicht so gemeint, also musst du nicht so beleidigt tun.'” (S. 21f.)

Seit Tupoka Ogettes Konzept vom Happyland in mir arbeitet, sehe ich auch diese unpolitischen “Schauspieler*innen” als Bewohner*innen von Happyland, ersichtlich ja auch an haargenau derselben Argumentations- und Rechtfertigungslinie, siehe Makatsch und Folkerts.

Natürlich erschüttert es einige, auf die rechte Seite gestellt zu werden, ich nehme es einigen sogar ab. Ich nehme es sogar auch jenen ab, die sich – wie ich über Twitter mitbekommen habe – aktuell nach Benutzung des Wahl-O-Maten ebenso verwundert die Augen reiben, weil ihnen aufgrund ihrer Eingaben rechte Parteien zur Wahl vorgeschlagen werden. Denn bisher haben sie sich vielleicht genau wie die “Schauspieler*innen” irgendwo zumindest liberal-mittig verstanden. Wie konnte der eigene, noch nicht selbst eingestandene (Ich bin nicht schuld, wenn der Wahl-O-Mat meine Antworten und Eingaben als rechts versteht, weil ich mich selbst nicht als rechts einstufe, et basta.) Rechtsruck passieren?

Die Intellektuellen und deren Sicherung ihrer Sicherheiten

Kommen wir vor der Beantwortung dieser Frage noch zu den Intellektuellen. Die kann ich nicht in Anführungsstriche setzen, denn sie SIND es, und da gibt es nichts Ambivalentes und Schimmerndes. Ich kann sagen, das, was die Soundso und der Soundso sagt, ist für mich kein sinnvolles Einbringen von derundder Philosophie, das ist eher Bullshit, trägt nix zur Lösung bei, aber die Person bleibt Intellektuelle, weil Intellektuelle soundso definiert werden, und punkt. Thea Dorn ist demnach eine Intellektuelle und Schriftstellerin, Daniel Kehlmann ein Schriftsteller und Juli Zeh ebenfalls eine Schriftstellerin, beide wie Thea Dorn mit zutiefst verinnerlichtem bürgerlichen Wertekanon und intellektuellen Ambitionen – zumindest pusht sie die ZEIT (aber auch andere Medien) da gerne hin, indem sie sie auf die Coverseite der ZEIT und dann auch nochmal auf der ersten Seite im Feuilleton platzieren (ZEIT vom 29.04.2021, Nr. 18, S.47f.). Die Sehnsucht nach dem oder der Intellektuellen, die unsere Zeit zu deuten weiß, so wie früher zu Dreyfus-Affären-Zeiten, hach, sie ist einfach immens im bildungsbürgerlichen Happyland.

In meiner Lesart deckt sich der Inhalt, aber vor allem das Ziel dieses intellektuellen Triells über weite Strecken mit denen der #allesdichtmachen-Kampagne. Gerade die ganz bestimmte Auslegung von Konzepten wie Freiheit hat bei den dreien einen klaren Nutzen für die aufgeklärten, liberal eingestellten Bürger*innen (wie sie selbst). Ihre Deutungsperspektive, dargelegt auf hohem sprachlichem Niveau – bläst sich dabei wie ein Ballon über die Häupter der Leser*innen auf, welche sich nicht in den Ballon zu pieksen wagen, wegen seiner so hohen intellektuellen Flughöhe. Dabei ist es doch egal, ob “schauspielerin” sich zynisch darüber beschwert, dass ihre Kinder eingesperrt oder geschlagen werden müssen, um den Coronaregeln zu gehorchen, oder ob Frau Dorn argumentiert, dass durch die Opferung der Freiheitsrechte eine Armut entsteht, mit der ebenfalls Menschenleben auf’s Spiel gesetzt werden. (Ich verweise hier nochmal ganz unbescheiden auf meinen Artikel “Tod und Rose”, in welchem ich versuche, diese Argumentation zu demontieren.) Und wenn sie dann noch am Ende Freiheit als Gegensatz zur Fürsorge implementiert, dann sehen wir eine Frau, die wie verrückt um ihre Freiheit in Unabhängigkeit strampelt, die nichts davon wissen will, dass auch sie nur in Abhängigkeit von anderen, zumindest jedenfalls von ihren 60 größtenteils unbekannten Sklav*innen weltweit lebt (darüber nachzuhören z.B. hier), aber sie will und muss es ja nicht sehen. Am Ende will auch sie nur – wie Makatsch und Liefers und Folkerts – ihr schönes idyllisches Happyintellektuellenland sichern.

Wir sehen also – egal ob in diesem Falle von “Schauspieler*in” oder Intellektueller – es kommt dasselbe bei rum. Es werden lediglich andere Menschengruppen abgeholt. Das Feuilleton der ZEIT liest ja nicht jede Person, die Tatort o.ä. sieht oder bei Twitter unterwegs ist. In beiden Fällen geht es darum, nicht das Wohle aller im Kopf zu haben, sondern nur das Wohl der eigenen Gruppe, die Verdichtung und Zementierung des eigenen Selbstverständnisses und die Sicherung der eigenen Sicherheit.

Aber sichert die Sicherung des eigenen Verständnisses von der Welt noch die eigene Sicherheit? Welche Sicherheit wird denn gesichert? Was passiert, wenn Makatsch, Kehlmann, Liefers, Dorn, Proll, Zeh und wie sie alle heißen, bemerken, dass ihre Definition von Sicherheit, auf der sie ihr Leben aufbauen, der sie ja auch vertrauen, nur noch pure Illusion ist? Zerpieksen sie dann den von ihnen selbst zum Fliegen gebrachten Ballon der (rechts-)liberalen Diskurse, die den Rechten und Neoliberalen natürlich extrem gut ins machtstrategische Konzept passt? (Julia Fritzsche hat auf sehr eindrückliche Weise in Tiefrot und radikal bunt verdeutlicht, wo rechte und neoliberale Diskurse sich treffen und sich gemeinsam gut in Schwung bringen können und voneinander profitieren, da sie nicht selten die gleichen politischen Ziele verfolgen.) Oder ist diese Form der politischen Äußerung im rechten Meinungsspektrum von “Schauspieler*innen” und Intellektuellen bereits die je eigene bewusste oder auch unbewusste Entscheidung, zur Not auch mit Gewalt in Happyland verbleiben zu wollen?

Wer unpolitisch ist, möchte Vieles nicht sehen: weder, dass jeder Mensch der wohlhabenden westlichen Welt etwa 60 Sklav*innen weltweit an sich kleben hat (ist deren Freiheit weniger wert als deine, Thea?); noch will er realisieren, dass das eigene Leben durch das eigene Tun nicht mehr gesichert wird. Denn das ist ja – wie wahrscheinlich in jeder anderen Gesellschaftsform – auch der Antrieb des Handelns im Europatriarchat: die eigene Existenz sichern, ein gutes Leben haben. Und wie kann nun von diesen Menschen verstanden werden, dass dieses Tun, Machen, Denken plötzlich nicht mehr Sicherheit gibt; ja wie kann das denn überhaupt plötzlich sein, dass diese Sicherheit in den Fluten von Ahrweiler untergeht?

In der bürgerlichen Auslegung der Welt ist Klimakrise nicht denkbar

Rassismus kann eine weiße Person im europatriarchalen System ein Leben lang nicht betreffen; Rassismus muss für sie nicht denkbar sein. Misogynie kann eine männliche Person in ebendiesem System ein Leben lang nicht tangieren; Misogynie muss für sie nicht denkbar sein. Antisemitismus kann in diesem System das Problem der Anderen, der Betroffenen bleiben; Antisemitismus muss für Happylandbewohner*innen nicht denkbar sein. Dies zumindest, solange all diese -ismen fein brav eingezäunt bleiben und diese “Minderheitenprobleme” nicht zu Happylandbewohner*innenproblemen werden. Tricky daran ist natürlich, dass immer weiter zunehmendes, in die sogenannte Mitte schwappendes rechtes Denken (und hier ist auch rechtspopulistisches, rechtskonservatives und rechtsliberales Denken gemeint) – und zwar genau durch solche Formen wie die #allesdichtmachen-Kampagne – das traute eigene Happyland dann doch irgendwann tangiert, siehe Drittes Reich, aber zu diesem unserem jetzigen Zeitpunkt der Geschichte scheinen diese -ismen vorgeblich (noch) nicht das Problem der Happylandbewohner*innen.

Mit der Klimakrise verhält es sich aber anders. Die tangiert das Leben der Happylandbewohner*innen sehr wohl, wie die Flutkatastrophe zeigt.

Amitav Ghosh schreibt in Die große Verblendung. Der Klimawandel als das Undenkbare (2017) über ebendiese bürgerlichen Sicherheiten, dass das bürgerliche Leben auch hierzulande nur noch eine Illusion, also gar nicht mehr wirklich vorhanden sei. “Es gibt keinen Ort, in dem noch unangefochten das erwartete geordnete bürgerliche Leben herrscht.” (S. 42). Es kann weggespült werden von der Klimakrise im Hier und Jetzt vor Ort. Das Monster ist im Lande, nicht mehr nur im Keller, einfach so auf unheimliche Weise plötzlich mitten unter uns, wie kann das sein, es war doch bisher nur fiktiv, in der Science Fiction, im Kino, im Horrorfilm, oder auch real, aber dann halt irgendwo weit weg auf der Welt, und zwar im eigenen Weltbild completely disconnected vom eigenen Leben. Und wie kann dieser Klimakriseneinbruch real sein, wenn bezüglich Klima im Wahlprogramm der CDU alles easypeasy und machbar und nicht weltbewegend erscheint? Was soll ich davon als unpolitische Wähler*in halten? Sind 183 Tote in einer Flutkatastrophe in Deutschland nicht viel? Keine Krise? Wenn im Wahlprogramm von dieser Krise nicht die Rede ist, ist sie dann einfach auch nicht existent, diese Krise? Oder hat die CDU – schrecklicher, unheimlicher Gedanke – etwa ein Programm für ein (klimakrisenloses) Elfenland (Begriff siehe Artikel von Bernd Ulrich) geschrieben?

Die Klimakrise ändert hier was in den Formen der Betroffenheit. Denn von der Klimakrise kann ja auch die Happylandbewohner*in unmittelbar betroffen sein. Wenn die Person dann weiterhin die Klimakrise und ihre Auswirkungen negiert und verdrängt und nicht sehen möchte, dann ist die Person nicht mehr nur Happylandbewohner*in, sondern auch Elfenlandbewohner*in. Denn das so scharf verteidigte und gesicherte bürgerliche Leben im bestenfalls abgezahlten und somit den eigenen Kindern in Zukunft das Dach über den Kopf sichernde Eigenheim, es ist ja nun ganz real und vor den eigenen entsetzten Augen einfach so zerbrochen und davongeschwommen.

Amitav Ghosh schreibt: “Je höher der Rang eines Offiziers, desto näher stand sein Haus am Wasser und desto romantischer war die Aussicht, die er und seine Familie genossen. (…) Der Anblick der zerschmetterte Häuser war verstörend. Und das aus Gründen, die über die unmittelbare Tragödie des Tsunamis und des Verlusts so vieler Menschenleben in dieser Siedlung hinausgingen. In dem Design des Stützpunkts kam eine Selbstgefälligkeit zum Ausdruck, die an Wahnsinn grenzte. Die Wahl des Standortes war auch nicht einfach dem üblichen improvisatorischen Pfusch indischer Siedlungsmuster zuzuschreiben, denn dieser Stützpunkt muss von einer staatlichen Behörde entworfen und errichtet und der Standort von nüchternen Militärs und staatlichen Bauingenieuren ausgesucht und für gut befunden worden sein. Hier war der vom Staat adaptierte bürgerliche Glaube an die Gesetzmäßigkeiten der bürgerlichen Welt an den Punkt geistiger Umnachtung getrieben worden.” (ebd., S.54f.)

Wer jetzt kurz irritiert war: Nein, Ghosh schreibt hier nicht über die Flutkatastrophe in Deutschland Mitte Juli, sondern über den verheerenden Tsunami, ausgelöst durch ein gewaltiges Seebeben im Indischen Ozean am 25.12.2005, das tausenden Menschen zwischen der nördlichsten Spitze von Sumatra und den südlichsten Inseln der Andamanen- und Nikobaren-Kette das Leben kostete.

Und wenn ich nun in den Nachkatastrophentagen der Flut in Deutschland die Zeitung aufschlug, so taten sich merkwürdige Parallelen auf, z.B. hier in der ZEIT in dem Artikel “Vor uns die Sintflut”. Da heißt es zum Beispiel: “‘Schauen Sie hier’, sagt der Professor und zeigt auf eine Karte der Bezirksregierung – Gefahren durch Hochwasser. ‘Es ist genauso gekommen, wie es die Hydrologen berechnet haben.’ In verschiedenen Blautönen sind auf der Karte die Gefahrenstufen bei extremem Hochwasser eingezeichnet. Das überschwemmte Gebiet in Inden ist so eindeutig blau markiert, dass auch ein Laie die Gefahr erkennt. ‘Wer weist einem Areal mit Hochwassergefahr ein Baugebiet aus?’, fragt der Professor. ‘Da sind doch die Probleme programmiert!’ (…) Am Wasser wohnen ist reizvoll. Oft liegen dort die teuersten Grundstücke.” (ZEIT vom 22.07.21, S.5)

Aber die Illusion stirbt zuletzt, noch sind genügend Spiegel aufgestellt, sodass die Selbstbetrachtung mit Meerblick noch immer stattfinden kann. Aber die Konstrukte werden aufwendiger. Mehr Spiegel sind notwendig, die Spiegelhersteller*innen freuts, dann werden auch sie die letzten sein, die untergehen, zumal die in Fluten zersplitternden und hinweggleitenden und in Dürren feuerzündelnden Spiegel auch gern in den Phasen der nachlassenden Flut und der nachlassenden Dürre nachbestellt werden.

Ich schweife ab, ich werde zu metaphorisch, zu zynisch, das will ich nicht, das tut mir leid, aber irgendwie hängt ja alles mit allem zusammen; meine Metaphernlust, mein anscheinend auch leicht entzündbarer Zynismus, meine schlechte Laune, die Nazis und ihre unpolitischen Lakaien, die Klimakatastrophe und der Unwille vieler Menschen, diese real existierende Katastrophe in ihr Weltbild zu integrieren.

Von der Notwendigkeit des Auszugs aus dem Happyland

Vielleicht lehne ich mich weit aus dem Fenster, aber diese “Mich-erwischt-es-nicht,-und -wenn-doch,-dann-als-Letzte”-Untergangsmentalität haben Nazi-Ideologie und Klimakrisenverleugnung und -verdrängung gemeinsam. Auch hier geht es um Privilegien der Happylandbewohner*innen, die es noch! vereinfachen, der längst angekommenen postbürgerlichen Klimakrisen-Realität denkerisch aus dem Wege zu gehen. Postbürgertum! Was für ein versnobtes intellektuelles, postmodernes Wort, meinen jetzt vielleicht einige Leser*innen, und ich kann es ihnen nicht verdenken. Aber nix mit Postmoderne, ich spreche von einer zutiefst in unserem Gesellschaftsentwurf wurzelnden Krise, der das Ende eingeschrieben ist und bei der die Frage nur ist, ob wir sie erstens bereit sind anzuerkennen, und ob wir zweitens den Schritt ins Unbekannte wagen mit Fragen, die in eine neue Gesellschaft weisen. Also ist die erste Frage: Wer hat Angst vor neuen Fragen? Selbsternannte Adorno-Thea, du? Til, du? (Gerade vor ein paar Tagen spülte mir ein neues Video der #allesdichtmachen-Art in meine twitterige Wahrnehmung. Ach ja, die armen Rechten, haben “nur” Corona und Flüchtlinge als Thema, also hübsch weiter bedienen und dieselben Suppen nochmal aufwärmen, bloß nicht einen dieser kostbaren und immer noch so fruchtbaren Diskurse einschlafen lassen.)

Weil würdet ihr, Thea und Til, mit mir die Notwendigkeit eines Auszugs aus Happyland anerkennen, dann würde uns gemeinsam die Frage beschäftigen: Ja, wohin denn nur ausziehen und wie nicht das Fürchten lernen? Wie wollen wir denn jetzt leben, wenn uns das Bürgertum, das uns einige Generationen lang in Sicherheit gewogen hat, unterm Arsch wegbricht? Sicher ist jedenfalls, dass das Ende selbst (sowie aber auch das bewusste Anerkennen dieses Endes) nur noch mit Gewalt und unter Inkaufnahme der Zunahme von Katastrophen hinausgezögert werden kann. Und das ist – wie ich es schon öfter anmerkte, keine Zukunftsmusik: Wir tun es schon, siehe EU-Außengrenze, siehe Afghanistan, wir haben es schon, siehe Flutkatastrophe usw. usf. Wollen wir mit dieser Gewalt fortfahren und sie erhöhen, wieder erhöhen und nochmal erhöhen, abgesichert durch Freiheitsinterpretationen, die keinen Pfifferling mehr wert sind, aber immer noch gut verkaufbar, Thea und Til, Heike, Juli und Ulrike? Oder wollen wir aufhören, das Ende hinauszuzögern und alle Kraft dafür verwenden, uns vor dem Neuen und Unbekannten nicht mehr zu ängstigen?

Was ein erster Schritt sein könnte? Ich empfehle euch, euch ohne bürgerliches Denkkorsett an die Ränder des Systems zu wagen und dort den rauen Gegenwind zu spüren. Wer ganz mutig ist und immer noch Kraft hat, sich dem Wind entgegenzustellen, der streckt jetzt noch seinen kleinen Zeh und vielleicht auch die Nasenspitze mal ganz vorsichtig aus Happyland hinaus. Na? Welcher Wind weht da so? Wie fühlt sich das an? Sagt bescheid, wenn wir uns noch weiter vorwagen können; gerne in einer Video-Kampagne, beispielsweise mit den Titel #vonwelchendieauszogenumdasundenkbarezudenken.

Eine kleine Zusammenfassung

Weiter vorne hatte ich behauptet, die Antwort zu wissen, wie dieser Rechtsruck zum einen im Lande und zum anderen in den Personen selbst zustande gekommen ist. Ich habe keine allumfassende Antwort, aber für mich Erklärungen gefunden: 1. eine so erfolgreiche Kampagne wie #allesdichtmachen trägt zu einem Rechtsruck im Land bei. 2. Ein Rechtsruck kann in den Personen – von den Personen selbst sogar unbemerkt – durch Unpolitischsein entstehen. Das Gefährliche daran ist, sich nicht für die weltlichen Zusammenhänge und die Zusammenhänge in einem bestimmten Gesellschaftssystem zu interessieren und sodann auch nicht ein eigenes Denken und Begehren daraus zu entwickeln, sondern dieses eigentlich so notwendige eigene Denken anderen zu überlassen/anzuvertrauen, wobei diese “Anderen” nicht selten Wächter*innen der europatriarchalen Ordnung oder sogar rechte Demagog*innen sein können. Diese Form des Anvertrauens kann in einer europatriarchalen Ordnung nicht nur enttäuscht, sondern eben auch gefährlich werden.

Es ist aber nicht so, dass unpolitischen Menschen nicht auch eigentlich das gute Leben für alle Würderträger*innen dieser Welt am Herzen liegt. Ganz im Gegenteil; es liegt vielen am Herzen, und sie verstehen dann nicht, warum das, was sie tun, rechts ist oder rechtes oder klimaleugnerisches Denken fördert. Deshalb ist es so wichtig, diese Zusammenhänge im eigenen Denken herzustellen. Wir werden das gute Leben für alle nicht innerhalb dieser Ordnung finden, die zudem sowieso gerade am Zerbrechen ist, siehe Klimakrise. Auf die Klimakrise weiß uns die bürgerliche Auslegung der Welt keine Antworten zu geben, weil die Klimakrise bzw. unsere weltliche Verbundenheit in dieser nicht einbedacht wurde und sich die Klimakrise auch dadurch bis heute so unbeschwert entfalten konnte. Umso dringlicher und wichtiger finde ich es, dass jede unpolitische Person ihre politische Ader im Körper findet, mit der sie sich – am besten ab sofort, denn viel Zeit bleibt nicht mehr – aktiv für das gute Leben aller Würdeträger*innen dieser Welt einsetzt und sich somit ein stückweit aus Happyland hinausbewegt.

Ein bisschen Klugscheißerei am Ende

Ans Ende möchte ich heute lauter Sätze setzen, die mir unzusammenhängend während des Schreibens an dem Artikel durch den Kopf spukten; teils sind es Wiederholungen und Überspitzungen aus dem Text.

Unpolitischsein können sich nur Happylandbewohner*innen leisten. Ihre im System verankerten Privilegien ermöglichen ihnen zum einen Diskurshoheit und wirkmächtige Aufmerksamkeit, und zum anderen Verdrängung, Verzerrung, Ignoranz und Gleichgültigkeit, z.B. gegenüber Menschen, die systembedingt nicht mit beiden Beinen in Happyland wohnen können.

Unpolitischsein ist ein Luxus, den wir uns nicht mehr leisten können.

Unpolitischsein von sich selbst als mitte-links-grün-verortenden Menschen kommt im europatriarchalen System immer rechter und neoliberaler Politik zugute.

Unpolitischsein ist die Verweigerung der Auseinandersetzung mit der Selbstzerstörungsfunktion in unserem europatriarchalen Gesellschaftssystem. Diese Verweigerung trägt somit automatisch zur Zerstörung des Planeten, wie wir ihn kennen, bei. Die Welt “nur” wahrzunehmen und die Verbundenheit mit ihr zu spüren, “nur” privat Gutes und dezidiert Richtiges zu tun, ist nicht mehr genug.

Unpolitische Menschen tragen daher Mitschuld an der Klimakrise, auch wenn sie sich vegan ernähren und nicht mehr fliegen usw., also ihren persönlichen fossilen Fußabdruck so weit wie möglich reduzieren.

Wer unpolitisch im Europatriarchat ist, nutzt das eigene Auf-der-Welt-Sein nicht für ein gutes Leben für alle Würdeträger*innen dieser Welt.

Ein unpolitischer Mensch nutzt weder seine Empathie noch sein sinnliches Wissen im Sinne des guten Lebens für alle. Im Umkehrschluss: Für ein gutes Leben für alle Würdeträger*innen dieser Welt einzustehen, ist per sé politisch.

Ein unpolitischer Mensch muss notgedrungen viel Vertrauen in die parlamentarische (Parteien-)Politik haben und kann konsequenterweise von dieser auch heftigst enttäuscht werden. Ein leicht aus dem Munde kommendes Politik-Bashing ist daher logische Konsequenz. Denn ein unpolitischer Mensch vertraut den Berufspolitiker*innen auch das eigene Denken an. Gründe hierfür sind für Happylandbewohner*innen Denkfaulheit, Lustlosigkeit und zu wenig Zeit. Gründe dafür sind aber auch wiederum systeminhärent, denn die (vorrangig) parlamentarische, repräsentative Demokratie fördert das Unpolitischsein. Alles ist inakzeptabel und muss grundsätzlich neu gedacht werden im jetzigen krisenhaften Zustand der Welt.

Wer Zeitnot als Argument für Unpolitischsein anführt und trotzdem nicht will, dass die Welt für die Menschen unbewohnbar wird, der sollte nur die Parteien wählen, die sich unmissverständlich für ein BGE und Arbeitszeitverkürzung bei akzeptablem Lohnausgleich einsetzen.

Unpolitischsein schränkt die dem Menschen möglichen Wissensmöglichkeiten und -fähigkeiten ein. Dieses Wissen fehlt uns aktuell, um neue Gesellschaftssystem denkbar und gangbar zu machen.

Wenn wir ein einigermaßen gutes Leben für nachfolgende Generationen weitestgehend sichern wollen, ist Unpolitischsein, also der bewusste Verbleib in einem sich als Elfenland entpuppenden Happyland, keine Option mehr.

Unpolitische Menschen im Europatriarchat schränken die Freiheit anderer ein.

Unpolitische Menschen sollen weniger ihr ganz persönliches Happyland und Elfenland konstruieren als vielmehr die weltverbundene Realität (mit all den sich daraus ergebenden Konsequenzen) anerkennen, auf die sie fahrlässigerweise und zum Schaden aller jetzigen und späteren Generationen ihr zerstörerisches Happy-Elfenlandkonstrukt stellen.

Wer Angst als Argument für Unpolitischsein anführt, sollte sich (gern professionelle) Hilfe suchen, um diese zerstörerische Kraft zu bekämpfen.

Rechte und Neoliberale brauchen unpolitische Menschen für das Durchsetzen ihrer politischen Agenda. Deswegen sind sie Förderer*innen des Unpolitischseins. Deswegen schreiben nur Linke darüber, dass Unpolitischsein gefährlich ist.

Die kapitalistische, patriarchale und imperiale Gesellschaftsordnung kann der Klimakrise – wenn überhaupt – nur mit Gewalt begegnen, denn nur das enthält ihr Handwerkskoffer. Es ist der Ordnung egal, ob sie dabei die Menschen, die ihr zur Existenz verhelfen und am Laufen halten, vernichtet. Es ist der Ordnung auch total egal, ob mit ihr überhaupt die Mehrheit der Menschen untergehen. Sollten beispielsweise die Rechten wieder an Macht gewinnen, so fressen sie mit jedem Machtgewinn zuerst die politischen Gegner*innen auf, und sodann aber auch die ganzen unpolitischen Helferlein, die sich teils noch während des Gefressenwerdens verwundert die Augen reiben und sagen: Wie konnte es nur so weit kommen, wo ich das doch alles nicht wollte? Ich habe doch nichts Böses gemacht. Oftmals wissen diese bis zum Verschlucken nicht, was sie eigentlich falsch gemacht oder was ihr Vergehen war. Ich sage es nochmal: Das Vergehen ist, sich nicht für die weltlichen Zusammenhänge und die Zusammenhänge in einem bestimmten Gesellschaftssystem zu interessieren und kein eigenes Denken daraus zu entwickeln.

Unpolitischsein können wir uns in einer kapitalistischen, patriarchalen, imperialen Ordnung nicht leisten, denn es spielt immer dieser Ordnung zu. Deswegen ist es auch kein Wunder, dass bei weniger politischem Druck gegen diese Ordnung Errungenschaften (z.B. durch die Frauenbewegungen) einfach so wieder verloren gehen können. Siehe aktuell Abtreibungsrechte in Polen und Texas, Frauen in Afghanistan usw. usf.

Wer unpolitisch ist, ist nicht erwachsen und nicht verantwortungsbewusst, auch nicht gegenüber seinen Lieben, auch wenn er das selbst aus tiefstem Herzen glaubt.

Wer Gleichgültigkeit und Unwissen als Gründe für Unpolitischsein anführt, der sollte den eigenen Kopf einmal in den verseuchten Flutkatastrophenschlamm in Erftstadt stecken. Ganz freiwillig und gewaltlos, meinetwegen auch nur rein imaginär. Damit nicht genug. Die Person sollte die Aufgabe bekommen, in drei Monaten (Verlängerung möglich) ein Konzept vorzulegen, wie Erftstadt in eine lebenswerte Stadt wiederaufgebaut werden könnte, die auch 2070 noch existiert.

Unpolitischsein von vielen Menschen führt zu einer Politik für Unpolitische, die nie links und grün (“grün” hier verstanden als wirklich wirksame Klimapolitik) sein kann. Politischsein im Sinne eines Eintretens für das gute Leben für alle Würdeträger*innen auf dieser Welt ist nicht gemütlich, ist nicht einfach, ist immer komplex, ist im Europatriarchat immer gegen den Strom schwimmen, ist angesichts der Dringlichkeit der Notwendigkeit wirkungsvoller Klimapolitik größtenteils Pionierarbeit und erfordert daher enorm viel Kreativität, kann – ist erstmal Strom drauf – spannend, sinnstiftend und erfüllend sein. Deshalb: Wer irgendwie will, aber nicht weiß, wie er seinem Unpolitischsein entkommen kann: einfach starten, ausprobieren, wechseln, wechseln, ausprobieren, fühlen, bis es funkt, bis Strom drauf ist.

Kein Mensch sollte unpolitisch sein. Nie.

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Maria Coors sagt:

    Liebe Anne,
    wow. Wie immer umfassend und tiefgreifend analysiert. Danke! Die Wut kenne ich so gut. Manchmal wünsche ich mir geradezu echte, also politische Gegner*innen, da kann ich mit umgehen. Aber dieses unpolitisch-selbsgefällig-denkfaule Böse in intellektuell-spirituell-aufdergutenseiteseienden unerträglich trivialen Sprachspielen, was sagt man*frau dazu…Vielleicht nix. Vielleicht einfach mit deinem Text bewaffnet die Unpolitischen schnell erkennen, rumdrehen, weggehen und Politik machen.

  • Anne Lehnert sagt:

    Liebe Anne, in Vielem stimme ich mit dir überein. Auch die Wut verstehe ich gut.
    Wie scho früher fühle ich mich von deinem Text herausgefordert und auch angegriffen, und vielleicht ist das gut so, um mir klarer zu werden, ob und wie ich politischer werden kann.
    Trotzdem denke ich, es gibt verschiedene Arten, politisch zu sein. Ich suche mir sehr genau aus, wofür ich meine Kräfte einsetze. Neben der Familie habe ich nicht so viele übrig. Vielleicht habe ich das Engagement noch nicht gefunden, das nicht über meine Kräfte geht. Und doch denke ich, dass es auch ein rudimentäres Politischsein im Alltag gibt, das besser ist als gar keines.

    Eine Kleinigkeit wunderte mich: Du meinst Erftstadt, oder?

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Noch bevor ich das alles lesen und von dieser WortFlut mitgerissen werde,
    mein kurzes Rettungsvorwort: unpolitisch sein geht überhaupt nicht!
    So, und jetzt dankend rein in Annes Politicum…

  • Anne Newball Duke sagt:

    Liebe Anne, ich finde es ganz toll, dass du sagst, dass du dich angegriffen fühlst. Ich weiß, dass ich das tue, in gewisser Hinsicht. Wie auch schon bei anderen Texten: es ist ein bisschen meine Absicht, aber ich würde gern auch lieber sanfter schreiben, hehe, aber… ich habe keine Sanftheit in mir gerade. Das ist so, weil… wie soll ich sagen… ich nehme Gespräche auf, die ich geführt habe, und denke dann, ok… haben solche Gespräche vielleicht in ähnlicher Form gerade auch andere? Und wie erklären sie sich die Meinungen der anderen, wie reagieren sie? Ich überlege danach lange lange, wie ich anders oder was ich besser hätte machen können, damit vielleicht das ein oder andere unangenehme Gefühl nicht entstehen hätte müssen während des Redens und Argumentierens. Aber dann denke ich wieder… immerhin waren die Gespräche am Ende dann doch gut und intensiv, alle haben etwas mitgenommen für sich, ich natürlich auch… ja… und wie Maria schon sagt (Danke, Maria! ;), es macht mich dann doch manchmal ratlos, wenn dieses Unpolitische so… ja wie soll ich sagen… da/präsent ist, weil… was soll ich damit in der Diskussion machen? Ich bin ja dann quasi gezwungen “aufzuklären”, und ich finde da den Weg manchmal recht schmal zwischen… “von oben herab Belehren” und wirklichem Vermitteln. Und da werde ich manchmal ärgerlich an der Stelle, weil ich will ja wirklich nicht belehren. Und deswegen… ich glaube, der Text entstand auch aus dem inneren Bedürfnis, “später”, also manchmal dann doch auf einer anderen Reflexionsebene in eine Diskussion starten zu können. Basics wie “Es ist niemals, unter keinsten Umständen, richtig und rechtfertigungsmöglich, mit Rechten gemeinsam zu demonstrieren/zu argumentieren” zum Beispiel. (Achtung: ein Unterschied dazu ist, darüber zu sinnieren, warum viele, die sich nicht rechts sehen, mitlaufen. Das tue ich ja oben auch. Weil nur wenn wir das besprechen, können wir überlegen, wie wir die Leute da wieder rauskriegen.)

    Und was die Klimakrise angeht, da glaube ich, dass wirklich noch nicht begriffen wurde, wo wir da aktuell stehen und was uns bevorsteht. Und ich finde es doof, dass ich gerade WIEDER klinge – weil so etwas einfach noch so klingt in einer bürgerlichen Sprach- und Wertewelt ;) – wie eine Apokalyptikerin und Verschwörungstheoretikerin. Auch hier gilt: in 10 bis 20 Jahren spätestens – ich glaube früher – werden wir uns verwundert die Augen reiben, wie wir 2021 mit allen Fakten auf dem Tisch noch so lange weiter ruhig und gelassen bleiben konnten als Einzelne, als Gesellschaft. Unsere Prioritätensetzung werden wir dann einfach in keinster Weise mehr nachvollziehen können. Es gibt ja zum Beispiel immer noch viele Menschen (gerade letzte Woche wieder gehört am Stand auf der Straße), die denken, sie “dürfen” keine Klima-Arbeit machen, weil sie diese sonst den Fridays wegnehmen oder sich einmischen oder es eventuell “falsch” machen könnten oder so. Als wenn wir nicht längst alleallealle bräuchten, als wenn Fehler nicht tausendmal besser sind als Nichtstun!! Als wenn nicht einfach alle jetzt alles tun müssten, auf allen Ebenen! Was sagen wir unseren Kindern in 10-20 Jahren? Mit welchen Erklärungen kommen wir dann? Mich macht das fertig, wirklich. Ich möchte diese Erklärungen nicht hören, aber sie klingen schon in meinem Ohr, PLUS die dazugehörigen Entschuldigungen. Und JETZT sage ich: Tut doch JETZT bitte alles, damit ihr euch nie entschuldigen müsst!!! Ich frage: ist begriffen worden, was es bedeutet, über die 1,5 Grad zu kommen? Weil: wenn es begriffen wurde, dann müssen GERADE die Happylandbewohner*innen, die immer noch hier und da Zeitkapazitäten haben und sich nehmen können, jetzt gaaaanz fett ranklotzen. Gerade auch für die, die noch auf ganz anderen politischen “Partys” tanzen müssen oder tagtäglich um die bloße Existenz kämpfen. Und wer das mit den 1,5 Grad noch nicht verstanden hat, ja der muss alles tun, damit ersiees es versteht. Und meine Attacke – jetzt schließe ich, hehehe – ist im Grunde die, genau das zu verlangen. Eben weil ich diese Entschuldigungen in ein paar Jahren wirklich nicht hören will. Weil wir klingen die dann? “Ja sry Schatz, ich wusste nicht, dass es so schlimm kommt. Doch… du hast recht… ja… also.. eigentlich hätte ich es wissen müssen, aber… naja, ihr wart klein und ich habe gearbeitet… es war stressig, wann sollte ich das tun? Ich hätte weniger DIE Arbeit machen sollen, eher ANDERE Arbeit Richtung Rettung des Planeten? Ja , aber ich wusste nicht, wie, und abends war ich müde. Und dann hätten wir kein Geld gehabt, um Urlaub zu machen, um das Haus/die Wohnung zu kaufen… Das hättest du verstanden? Das Haus ist eh längst kaputt/die Dachgeschosswohnung eh ca 70 Tage im Jahr nicht bewohnbar? Ja, aber wir… sieh mal, wie gesagt, uns war nicht klar, wie schlimm es kommen würde. Es tut mir ja leid! Wir hätten es besser machen müssen, wir hätten andere Prioritäten setzen müssen, du hast ja recht!” Wie das singende klingende Bäumchen höre ich diese Entschuldigungen jetzt schon… ich habe momentan wirklich teils mehr Angst vor diesen bedröppelten Zukunftsgesichtern und Sprachentschuldigungsschuldsuchakrobatiken als vor der Klimakrise selbst. Weil NOCH können wir was tun. Mal als Beispiel: Bei uns Parents in Esslingen sind im letzten Jahr drei Menschen dazugekommen, die aktiv dabei sind und mitdenken und Aktionen mit durchführen (Arbeitszeit allerdings wirklich bei etwa 10 Stunden die Woche schätzungsweise). Damit konnten wir unsere Aktionenkreativität und -menge und -inhalte fast verdoppeln (weil hier gibts ja bei jeder/m auch viele unterschiedliche Ansätze und Prios). Wirklich, es zählt einfach jede Person. Und wer nur fünf Stunden kann, oder nur 2, auch das hilft sehrsehrsehr. Das mindeste aber ist, am 24.9. zum globalen Klimastreik zu gehen. ;) Nicht unterschätzen (“Die Politik reagiert ja darauf eh nicht!”), denn wir, die wir das ganze Jahr rumwuseln, wir brauchen diese Energie von den Teilnehmer*innen, wir tanken hier fürs ganze kommende Jahr oder zumindest bis zum nächsten Streik auf.

  • Anne Newball Duke sagt:

    Achso, und klar, ich meinte natürlich ERftstadt. Da war ich entweder schluderig oder es war ein Freud’scher (Elfenland ;). Danke dir sehr für diesen Hinweis, ich hab’s jetzt im Text oben korrigiert.

  • Kathleen Oehlke sagt:

    Liebe Anne,
    oh, wie spüre ich deine Wut in deinem Text. Und kann sie so gut nachvollziehen. Als würdest du die unpolitischen Menschen schütteln wollen, damit sie endlich, endlich auch mitmachen. So gut ich das nachvollziehen kann, spüre ich aber auch etwas Unbehagen. Denn aus deinem Text lese ich ein bisschen die Hoffnung oder sogar Erwartung heraus, dass die Leute sich dann in eine aus unserer Sicht wünschenswerte Richtung bewegen bzw. ihrem Handeln diese Richtung geben. Hier bin ich nicht ganz so optimistisch. Denn der Aufruf „Werdet politisch!“ enthält auch die Möglichkeit, dass Menschen sich dann ganz bewusst nach rechts orientieren. Vielleicht sind es sogar diejenigen, die sich selbst eigentlich in der Mitte verortet haben und dann ganz verwundert über das Wahl-O-Mat-Ergebnis sind. Vielleicht sind sie im ersten Moment erstaunt oder sogar erschrocken. Vielleicht finden sie dann aber auch rechtes Denken als Kategorie gar nicht mehr so schlimm. So nach dem Motto „Also wenn das schon rechts sein soll, ok, dann geht’s ja eigentlich noch.“ Davor hab ich im Moment ziemliche Angst. Vielleicht ist die Haltung dann nur eine weitere Ausprägung des Unpolitischseins, was es natürlich nicht besser machen würde. In welche Richtung sich Leute entwickeln, die plötzlich ihr Politischsein entdecken, haben wir ja nicht in der Hand. Wir können nur vermitteln. Und ich verstehe auch so so gut, was Du, Maria damit meinst. dass du lieber mit politischen Gegner*innen streitest als mit unpolitischen Menschen. Die sind wenigstens greifbar. Da weiß ich, dass die Leute sich zumindest einen Standpunkt gebildet haben und Argumente dafür und dagegen haben und nicht einfach irgendwo aufgeschnappte Phrasen reproduzieren. Wie ermüdend das ist! Auch hier heißt es vermitteln. Immer wieder. Die Phrasen auseinander nehmen. Argumente anbieten. Und auch wichtig: Zuhören. Nur gibt es leider keine Garantie dafür, dass frau auch wirklich durchdringt zu den Leuten. Ob die Leute das wirklich interessiert, oder ob sie nur Gesprächsteilnehmer*innen-Darsteller*innen sind, merkt frau wohl häufig erst hinterher. Und doch, vielleicht bleibt der eine oder andere Denkansatz hängen. Das wäre dann ja schon ein Erfolg.

  • Sandra Divina Laupper sagt:

    Liebe Anne!
    Gerade habe ich mit geradezu ehrführchtiger Begeisterung Deinen Artikel fertig gelesen. Ich möchte nur einen kleinen Zusatz schreiben. Im Buch “Le terre del sacramento” von Francesco Jovine, das ich noch zu Oberschulzeiten (also vor ca. 35 Jahren; es war wohl in der Maturaklasse 1985/86) gelesen habe, weil es unser Italienischprofessor als Schullektüre vorgesehen hatte, ist eine Szene beschrieben, die sich mir auf offensichtlich unvergessliche Weise eingeprägt hat. Das Buch spielt in Süditalien zur Zeit des Faschismus. In der besagten Szene besucht der Protagonist, ein Antifaschist, ein Gasthaus, in dem der Wirt ein Schild an die Wand genagelt hat, auf dem zu lesen ist: “In dieser Ausschenke ist es verboten, von Politik zu reden”. Der Wirt wollte wohl keinen Ärger mit der Obrigkeit riskieren. Der Protagonist – ich glaube, er hieß Luca – steigt auf einen Stuhl und überschmiert die Schrift mit dem Satz: “In dieser Ausschenke ist es verboten zu denken.”
    Ich habe aus dieser Lektüre die wertvolle Lehre mitgenommen, dass der Faschismus die Politik fürchtet. Politik zu einem wichtigen Inhalt des eigenen Lebens, der Gespräche mit den Menschen, denen ich begegne, zu machen, ist schon der Anfang eines jeden Antifaschismus. Oder besser: ist schon der Anfang, den Faschismus das Fürchten zu lehren – anstatt ihn selber zu fürchten!
    Umgekehrt habe ich im Laufe meines Lebens, immer diese Lehre im Herzen, gemerkt, das es tatsächlich notwendig ist, Leuten, die sich bewusst “unpolitisch” geben, zu misstrauen. Es brauchte meistens nicht mehr als drei Sätze, um sie bei irgendeiner faschistoiden Aussage zu ertappen…
    Liebe Güße,
    Sandra

  • Anne Newball Duke sagt:

    Liebe Sandra, danke dir sehr für deine Ergänzung! Und vielleicht steckt hier auch schon ein Teil der Beantwortung deiner Frage drin, liebe Kathleen: also zum einen habe ich mich während des Schreibens auch genau das gefragt: kann nicht dann auch rechtes Denken zunehmen? Aber dann habe ich gedacht, dass viele bei näherem Beschauen (wie gesagt, es ist komplex; es würde schon Zeit in Anspruch nehmen, sich mit den weltlichen und gesellschaftlichen Zusammenhängen auseinanderzusetzen) eben nicht nach rechts rücken würden, wie sie es mit ihrem Unpolitischsein aber tun. Also meine gewagte These – aber die wurde sicher schonmal irgendwo vertreten, bin ich mir sicher – ist, dass sich rechtes Denken erst im Nichtnachdenken und im Mitlaufen von Vielen so richtig entfalten kann. Rechtes Denken bringt mensch sozusagen – durch kluge rechte (Vor-)Denker*innen, die immer einen machtstrategischen Nutzen aus ihrem Denkertum haben und dabei weltliche und gesellschaftliche Zusammenhänge absichtlich verzerren und ihrer Ideologie, ihren Zielen gemäß passgenau neu schneidern – auf die durchaus (Gewissen) erleichternde Spur des Nicht-mehr-Zusammenhänge-herstellen-Müssens. Andere sind schuld, Klimaveränderungen gabs ständig seit Weltenbeginn usw. usf., ich muss/brauch nichts tun, ich kann nichts tun, und ich werde dafür immer Erklärungen haben/bekommen. Hier steckt dieses Anvertrauen drin, was ich oben beschrieb.
    Aber ja, kann auch sein, dass ich zu sehr in/an das gute im Menschen glaube, dass er – hat er einmal verstanden – keinen Bock auf Krieg und Gewalt und Feindschaft und Zerstörung hat, sondern dann weiterhin eigenes Denken als Lösungsweg für sich ansieht. Und ja, ich glaube, das wäre ein sehr viel geringerer Teil, der sich dann nach ordentlicher Prüfung des Gedachten weiter nach rechts bewegt.
    In gewissem Sinne stellt Unpolitischsein nach meiner Definition eine “false balance” her. ;) Rechte wird es wohl dann auch immer geben, aber alle anderen wären “politisiert” weit in Überzahl. So mutig, das zu sagen, bin ich, weil ich gerade Rutger Bregman gelesen habe und mit ihm die Hoffnung teile, dass wir Menschen doch im Grunde gut sind.

  • Sandra Divina Laupper sagt:

    Hallo Kathleen!
    Mit folgendem Zitat von Luisa Muraro, einer politischen Denkerin, von der du auch einige Texte hier auf bzw. weiterdenken finden kannst, möchte ich noch einmal unterstreichen, wie Recht Anne in meinen Augen hat, wenn sie meint, dass politische Partizipation unmöglich mit einem Rechtsruck einhergehen kann. Luisa betont immer wieder: “Mit allem lässt sich Politik machen, nur nicht mit der Gleichgültigkeit.” Politische Partizipation bedeutet eben Überwindung jeglicher Gleichgültigkeit, bedeutet Annahme der eigenen Eingebundenheit in den gesellschaftlichen Kontext, in dem wir alle leben – mit all dem, was dies einerseits an Abhängigkeiten, andererseits an Verantwortlichkeiten mit sich zieht. Politik ist v.a. eine Frage des politischen Bewusstseins – und das kann ich nicht allein für mich im stillen Kämmerlein erwerben, sondern kann es mir nur in der Auseinandersetzung mit den Problemen, die die anderen, aber auch mich selbst bewegen, erarbeiten. Die Politik ist die Politik der Frauen – und: Die Politik der Frauen ist die Politik. Heutzutage, denke ich, bedeutet politische Partizipation v.a. die Bereitschaft, mich mit Leib und Seele auf die Suche nach dem Unsagbaren, dem Undenkbaren, einzulassen, das es uns ermöglichen kann, über die bisherigen, immer machtpolitisch orientierten Paradigmen unserer Demokratie hinauszugehen. Es braucht ein neues Bewusstsein, das wir uns nur gemeinschaftlich erarbeiten können, genauso, wie das neue Bewusstsein der weiblichen Freiheit nur aus der Arbeit der Selbsterfahrungsgruppen der Anfänge der Frauenbewegung in den 60er Jahren entstehen konnte. In dieser Hinsicht verweise ich auf das Buch “Al mercato della felicità”/”Auf dem Markt des Gücks”, immer von Luisa Muraro, das Dorothee Markert hier auf diesen Seiten von bzw. weiterdenken so wunderbar zusammengefasst hat. Viel Spaß beim Lesen! Sandra

  • Sandra Divina Laupper sagt:

    Siehe “Die alte Frau mit den Wollknäueln” von Dorothee Markert!

  • Kathleen Oehlke sagt:

    Liebe Sandra, vielen Dank für deine Anmerkungen und Lektüretipps. Die gucke mir sehr gern an. Viele Grüße
    Kathleen

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