beziehungsweise – weiterdenken

Forum für Philosophie und Politik

Rubrik anschauen

Mutter! Eine sehenswerte Ausstellung in der Kunsthalle Mannheim

Von Antje Schrupp

Es gibt keine Definition von Mutterschaft und Muttersein, und es kann auch keine geben, weil sich darin biologische, soziale und kulturelle Aspekte unentwirrbar vermischen. Während die biologischen Aspekte kaum und die sozialen Aspekte nur langfristig veränderbar sind, findet auf kultureller Ebene eine viel dynamischere Verständigung statt. Hier werden Geschichten erzählt und Bilder geschaffen, in denen die Einzelperspektive zählt. Kultur wird von Individuen gemacht, die natürlich von ihrer Zeit und ihrem Kontext geprägt, aber nicht davon determiniert sind. Es muss keine Technologie entwickelt, kein Gesetz geändert, kein Schulbuch neu geschrieben werden, Kunst und Kultur können spontan, jederzeit mit Neuem intervenieren.

Cindy Sherman, unititled, 1990

Umso auffälliger ist, wie konventionell die – zumindest als solche tradierte – Kunst das Thema Mutterschaft lange behandelt hat. Das wird deutlich, wenn man die Ausstellung „Mutter!“ besucht, die noch bis zum 6. Februar 2022 in der Kunsthalle Mannheim gezeigt wird. Sie ist unbedingt einen Besuch wert. Erstens sind dort auch großartige neuere und weniger den Konventionen verpflichtete Werke zu sehen, und zweitens ist es eben auch interessant, diese doch stark verengte Perspektive unserer Kulturgeschichte einmal so deutlich vor Augen geführt zu bekommen.

Das Konventionelle besteht darin, dass eigentlich bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts die Darstellung von Mutterschaft sich allergrößtenteils auf Imitationen und Variationen des Motivs „Madonna mit Kind“ beschränkt hat. Die Mutter, die auf das Kind hinabblickt, das sie im Arm hält. Das Kind ist im Zentrum, denn wir wissen ja – es ist nicht einfach nur ein Kind, es ist der Erlöser. Mir war nicht klar, wie dominant diese Ikonografie war und bis heute ist. Und ja, das ist eine männliche Tradition, wie sich auch in der Pressemitteilung der Kunsthalle widerspiegelt, wo die Einführung in die gezeigten Werke mit den Worten beginnt: „In der Ausstellung sind Arbeiten von Egon Schiele, Pablo Picasso, Edvard Munch, René Magritte und Otto Dix zusehen.“

Tatsächlich sind die vielen Variationen von „Mutter mit Kind auf dem Schoß/an der Brust“ dann auch langweilig, vor allem wenn man sie so geballt in einem Raum sieht. Natürlich sind die Bilder gut, sie sind jeweils im typischen Schiele-Picasso-Munch-Magritte-usw.-Stil gehaltene Versionen der Ikone, aber abgesehen davon sind sie (oder wirkten auf mich) eben nicht originell. Irgendwie orientierten sich auch weibliche Künstlerinnen wie Pauls Modersohn-Becker stark an diesem Motiv. Es gibt allerdings fließende Übergänge. Auf die Spitze getrieben wird es schließlich in der Skulptur von Käthe Kollwitz, die eine auf der Erde hockende Mutter zeigt, die ihre beiden kleinen Kinder umklammert: die Symbiose von Mutter und Kind als unzertrennlicher Einheit.

Valie Export, ohne Titel, 1976

Nur schwer scheint in der Kunst die Idee Eingang gefunden zu haben, dass Mutter und Kind sich möglicherweise auch anders zueinander verhalten können. Zum Glück sind auch solche Werke reichlich in der Ausstellung vertreten: Valie Exports Frau, die anstelle eines Kindes ihren Staubsauger umarmt, Chantal Joffes Selbstbildnisse mit ihrer Tochter Esme. Ein schöner Kontrast auch Rineke Dijkstras „Julie“: die Fotografie einer jungen Frau in Krankenhaus-Unterhosen, die ihr Neugeborenes im Arm hält – in der traditionellen Ikonografie ist die Mutter meist ganz auf das Kind bezogen, während das Kind oft ins Publikum schaut, hier ist es andersherum: Die Mutter schaut direkt die Betrachterin an, während sie den Kopf des Kindes schützend mit der Hand abdeckt.

Nicht nur die schützenden und nährenden, auch die „dunklen Seiten“ der Mutter werden thematisiert, etwa in Tracey Moffatts Fotoserie „Scarred for Life“ über das Leid, das Mütter auch über ihre Kinder bringen können. Am spektakulärsten ist sicher die Installation „Mootherr“ von Laure Prouvost, die extra für diese Ausstellung entwickelt wurde: ein begehbares Licht-Klang-Skulpturen-Spektakel mit vielen Brüsten und Inside-Uterus-Feeling.

Laure Prouvost: Mootherr, 2021

Ebenfalls präsent ist das Thema der Nicht-Mutterschaft, allerdings nicht konzeptionell herausgearbeitet, sondern eher verstreut. Da wäre etwa die eindrückliche Fotoserie von Elina Brotherus über ihren vergeblichen Versuch, schwanger zu werden (deren Schluss-Foto den sprechenden Titel „My Dog is Cuter Than Your Ugly Baby“ trägt). Aber auch Jeanne Mammens Bild „Die Kindsmörderin“ von 1910-1915, oder Tracey Emins Installation „Feeling Pregnant“ gehören dazu – und letztlich sogar die berüchtigten Tote-Föten-Fotogafien von Lennart Nilsson, die fast verschämt in einer Ecke platziert wurden, vermutlich weil sie wegen ihrer späteren Instrumentalisierung durch fanatische Abtreibungs-Gegner*innen einen schlechten Ruf haben. Aber letztlich sind auch sie nur künstlerische Zeugnisse der schichten Tatsache, dass eben nicht jede Schwangerschaft in der Geburt eines Kindes mündet.

Elena Brotherus: My Dog is Cuter Than Your Ugly Baby, 2013

Neu war mir, dass es in der Kunstgeschichte neben dem Topos der „Madonna mit Kind“ noch einen weiteren häufig bearbeiteten Aspekt gibt: Viele Künstler*innen haben sich explizit mit dem Tod der/ihrer Mutter auseinandergesetzt. Vielleicht ist das ein Spiegelbild der Madonnen-Erzählung – wo die Mutter-Kind-Symbiose am Anfang des Lebens das größte Glück ist, ist der Tod der Mutter die größte Katastrophe. Es gibt eine ganze Reihe von Arbeiten, die dieses Thema aufgreifen, am eindrücklichsten für mich war „The Orbituary“ von Sophie Calle über den Tod ihrer Mutter, die sich wiederum zuvor mit dem Tod von ihre eigenen Mutter auseinandergesetzt hatte. Unter anderem gehört dazu eine Texttafel, auf der steht:

On December 27, 1986, my mother wrote in her diary: „My mother died today.”
On March 15, 2006, in turn, I wrote in mine: „My mother died today.”
No one will say this about me.
The end.

Kurz mal durchatmen, aber: Ja, so wird es mir auch gehen.

Es gibt noch viele weitere erwähnenswerte Exponate, von Beyonces madonnenhafter Instagram-Selbstinszenierung als Mutter von Zwillingen über Candice Breitz‘ amüsante Filmcollage „Mother“ (feat. u.a. Meryl Streep, Susan Sarandon, Julia Roberts) bis zu Ragnar Kjartanssons großartig skurrilem Videoclip „Me and My Mother“. In Endlosschleife steht er da, während seine Mutter ihn anspuckt, das Rotz-Geräusch begleitet die Besucherin durch die gesamte Ausstellung (in Zeiten von Corona zuckt man dauernd zusammen, weil: die Aerosole!!! )Die Frau in dem Clip ist tatsächlich die Mutter des Künstlers, in dem oben verlinkten Video kommt sie auch selbst zu Wort.

Ein anderes Highlight der Ausstellung war für mich der Kurzfilm „Once Removed on My Mother’s Side“ von Nathalie Djurberg und Hans Berg. Zwei Stoffpuppen im Stil von Horror-Momo sieht man hier in einer extrem körperlichen Pflegebeziehung, bei der die fleischige demente Mutter am Ende die dünne, rückenkranke Tochter erdrückt. Krass!

Was mir in ein wenig gefehlt hat, war abstrakte Kunst zum Thema. Eigentlich würde ich vermuten, wäre das doch ein großartiges Sujet, aber es scheint nicht viel zu geben. Deshalb steuere ich hier selbst etwas bei, denn ich habe mir just diesen Sommer ein Gemälde mit dem Titel „Geburt“ gekauft. Es stammt von der noch wenig berühmten Künstlerin Selamawit Mulugeta – wenn die Mutter!-Ausstellung noch einmal gezeigt wird, stelle ich es gerne als Leihgabe zur Verfügung!

Selamawit Mulugeta: Geburt, 2021 (hängt nicht in Mannheim, sondern über meinem Sofa :))

Kuratiert worden ist „Mutter!“ ursprünglich von Marie Laurberg und Kirsten Degel für das Museum Louisiana in der Nähe von Kopenhagen, für Mannheim wurde sie von Johan Holten kuratiert und um einige Kunstwerke sowie einen historisch-soziologischen Mittelteil erweitert. Das ist da überzeugend, wo ein Bezug zur speziell deutschen Mutterideologie hergestellt wird oder wo Exponate wie ein „Stillassistent für Väter“ aus Plastik gezeigt werden. Verzichtbar fand ich hingegen den Exkurs zur Geschichte der Frauenemanzipation. Was die Einführung des Frauenwahlrechts oder alte Ausgaben der Zeitschrift „Emma“ mit dem Thema der Ausstellung zu tun haben, bleibt schleierhaft. In meiner Wahrnehmung hatten diese Exponate keinen inhaltlichen Sinn, sondern führten lediglich zu einer „Genderisierung“ der Ausstellung. Das war aber gar nicht nötig, und vielleicht konterkarierte es sogar die eigentliche Stärke des Konzepts, nämlich das Phänomen der Mutterschaft als allgemein menschlich relevantes Thema darzustellen. Also als etwas, das zwar offensichtlich von Frauen dominiert und, wenn man so will, größtenteils „betrieben“ wird, aber gerade eben nicht „Frauensache“ ist, sondern „Menschensache“. Die Körperlichkeit von Schwangerschaft, aber auch von nährenden Care-Beziehungen ist in vielen der Werken präsent, da musste man eigentlich nicht noch mit der Nase drauf gestoßen werden, dass das „ein Frauenthema“ ist.  

Alles in allem aber eine wirklich sehenswerte Ausstellung, die ihr nicht verpassen solltet. Vom Mannheimer Hauptbahnhof ist die Kunsthalle nur zehn Minuten zu Fuß entfernt.

Autorin: Antje Schrupp
Eingestellt am: 21.11.2021
Tags: ,

Kommentare zu diesem Beitrag

  • mir ist im vergangenen Jahr besonders aufgefallen, dass es vermehrt Vater-Sohn Geschichten gibt ohne aktive Mütter, dass berühmte Söhne bestenfalls berühmte oder besondere Väter haben, Mütter gar nicht erwähnt werden, oder wenn, ohne Namen, und vor allem ohne Herkunft. Dass mann im Radio erwähnt, wie toll es ist, dass zB. Fanny Mendelssohn wiederentdeckt wird, Vater und Großvater genannt werden, dann aber ein Werk ihres Bruders vorgetragen wird. Dass die “Guten ” immer gute Väter haben , und die” Bösen” immer böse Mütter. Auf’ me too’ die erste AntiWelle. Bei dem anstehenden Prozess gegen einen kath. , seine NIchten missbrauchenden Bischof sollen erst Beweise gefunden werden. …..und wie sollen die dann aussehen,..nach soundsovielen Jahren. Frage: gelten die Aussagen der betroffenen Mutter als Beweise?

Weiterdenken