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Rubrik Blitzlicht

Wenn traditionelle Religionen gesellschaftlich immer mehr an Bedeutung verlieren

Von Dorothee Markert

Angesichts des Schneckentempos, in dem dringend notwendige Veränderungen bei den Kirchen vorangehen, und besonders wenn mal wieder ein wichtiger Vorstoß, z.B. von Maria 2.0, einfach nur abgeschmettert wird, denke ich öfter: „Geht sterben! Ihr habt es nicht besser verdient, als dass ihr gesellschaftlich und politisch immer mehr an Bedeutung verliert und eure Mitgliederzahlen rapide zurückgehen!“

Nun gut, immerhin gibt es jetzt nach dem kurzen Zwischenspiel von Margot Kässmann schon die zweite Frau im höchsten Amt der Evangelischen Kirche Deutschlands. Und die Präsidentschaft des Zentralkomitees der deutschen Katholiken wird ebenfalls zum zweiten Mal durch eine Frau ausgeübt. Ich wünsche Annette Kurschus und Irme Stetter-Karp von Herzen alles Gute für ihr zukünftiges Wirken. Dass sie viel bewegen können, wage ich allerdings nicht zu hoffen. 

Eine Aussage, die Ina Praetorius dieser Tage ihren Facebook-Followern hingeworfen hat, bringt mich nun dazu, meine resignative, ja manchmal fast schadenfrohe Haltung gegenüber den Kirchen nochmals zu überdenken. Sie schrieb: „Solange wir als Gesellschaft keinen tragfähigen Ersatz für die Matrix der traditionellen Religionen gefunden haben, sollten wir vorsichtig sein mit allgemeinem Religions-Bashing.“

Ein solcher Ersatz war früher beispielsweise die Arbeiterbewegung mit ihrer Hoffnung auf den Sozialismus und ihrem Eintreten für Solidarität und ein besseres Leben aller.

Dass da wirklich etwas fehlt, zeigt sich z.B. an der zunehmenden Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal anderer wie beim lockeren In-Kauf-Nehmen von wieder mehr Todesfällen durch und wegen Covid, an böswilligen Verleumdungen und Hassbotschaften im Netz und daran, wie oft Menschen, die einen Unfall verursacht haben, einfach weiterfahren, ohne sich um mögliche Verletzte zu kümmern. Vielleicht hat ja auch die Gläubigkeit gegenüber Verschwörungstheorien etwas damit zu tun, dass etwas Tragfähigeres fehlt.

Autorin: Dorothee Markert
Redakteurin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 26.11.2021
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Esther Gisler Fischer sagt:

    Aber tragen denn diese Konstrukte wirklich noch? Wurde der Himmel wirklich entrümpelt? Wo finde ich die Erkenntnisse und Desiderste feministischer Theologien verwirklicht? Auch die evang. Kirchen sind für mich in diesem Sinne ‚messianische Wüsten‘ und ich weiterhin auf der Suche.

  • Claudia Lodders sagt:

    Liebe Dorothee Markert,
    Ich kann dir da wirklich nicht folgen!
    Was wir brauchen ist nicht die Vaterreligion, sondern ein Hinwenden auf die Erde, die Panchamama, Frau Holle, die die uns trägt und unser aller Mutter ist.
    Hier können wir unsere Liebe und Spiritualitätbedürfnisse lassen und lenken. AUCH hier können Gemeinsamkeiten entstehen, indem wir die Erde sehen und schützen, damit wir alle leben können. Und der alte Grundsatz: was du nicht willst, das man dir tu, das füg’ auch keiner/er anderen/em zu, ist immer noch wirkmächtig.
    Dazu brauchen wir keine Kirche, die uns alle nicht vor Missbrauch geschützt hat, und deren Mitglieder wegschauen, teilweise bis heute.
    Also auf zu neuen Sichtweisen !
    Und lasst nicht zu dass die Väterreligionen wieder erstarken, nur weil wir Gemeinschaftssinn brauchen.
    Claudia von der Tauber

  • Esther Gisler Fischer sagt:

    Eben: Ist nicht eben die Matrix vielmehr eine Patrix?

  • Niemals die Freude am Leben verlieren. Nicht dulden, dass übergangen, missbraucht, entwürdigt und verachtet wird. Noch immer steckt im christlichen Glauben genug Stoff, um andere Denk- und Verhaltensweisen einzuüben und pure Wertschöpfung in Wertschätzung zu verwandeln. Hinter sich lassen, was nicht mehr trägt und wagen, was tragen könnte. Gemeinsam feiern, gemeinsam scheitern, gemeinsam lernen. Dazu gehört für mich auch diese Webseite. Vielen Dank für all die Anstösse und weiter so! (Ein Anstoss von meiner Seite, das Buch «Das Zeitalter des Nichts» nur als E-Book erhältlich – habe zumindest kein Druckexemplar gefunden).

  • Spangler Karin sagt:

    Ich habe mich entschieden in der evangelischen Kirche weiter mitzuwirken und lege ebenfalls großen Wert darauf, dass das eliminierte Weibliche wieder lebendig und sichtbar wird. Vieles ist möglich, wenn auch der Weg noch weit ist.
    Zum Thema Missbrauch ist gerade, wie ich finde etwas konkret geworden (Synode in Bayern). Ich hoffe der Link funktioniert.

    https://www.instagram.com/p/CWqixV0qAMm/?utm_medium=copy_link
    Karin Spangler

  • Juliane Brumberg sagt:

    Liebe Dorothee, da hast Du ein wichtiges Thema angesprochen, danke für diesen Denkanstoß. Ich kann Deine Ambivalenz nachvollziehen. Auch mir geht es so, dass ich die Kirche als Institution UND ihre Botschaft als große Enttäuschung erlebe. Ich bin gut evangelisch sozialisiert, habe als Jugendliche keine Gewalt, sondern viel Positives in meiner Kirchengemeinde erfahren. Erst als Erwachsene musste ich erkennen, dass die Gottesdienste mir wenig spirituelle Nahrung bieten und die Botschaft das Männliche erhöht und ganz subtil zur weiblichen Selbstabwertung beiträgt, ganz zu schweigen von den vielen internen Fehlentscheidungen der Kirchenbürokratie, insbesondere auch wenn es um Feministische Theologie etc. geht. Aber die Leerstelle, die die vor sich hinsterbenden großen Kirchen hinterlassen werden, macht auch mir Sorgen. Immerhin stehen die Kirchen für Nächstenliebe sowie mahnende und mäßigende Worte, über die die Politik – noch – nicht hinweggehen kann. Andererseits, das Alte muss sterben, damit etwas Neues wachsen kann. Das ist letztendlich auch eine religiöse Weisheit.

  • Vielen Dank für die interessanten Beiträge. Ich bin katholisch aufgewachsen und habe mich immer gewundert, dass ich all die Geschichten nicht glauben kann! Nach meiner Heirat, reformiert, habe ich mit 4 andern Frauen beim ref. Pfarrer unserer Gemeinde die Bibel zerpflücken dürfen. Immer noch bin ich Zweiflerin. Allerdings fühle ich mich auch ohne Gottesdienst und Religion nicht verloren, sondern irgendwie aufgehoben.
    Leider haben Frauen noch immer zu wenig Gewicht, obwohl ich mit Pfarrerinnen sehr gute Erfahrungen gemacht habe.
    Frau Kässmann hat an einem Dies academicus enorm begeistert. Ich denke, es kommt halt alles auch auf die Persönlichkeit an, die uns begegnet.

    Ich bin dankbar für weitere gute Beiträge. Lichtvolle Advents-und Weihnachtszeit und ein feminines 2022.

  • Ulrich Wilke sagt:

    Ohne Religion kann man sehr gut leben, viel freier. Nächstenliebe ist ebenso machbar ohne
    religiöse Vorschriften. Wissen ist wertvoller als Glauben: “Die Wahrheit wird euch frei machen.”
    (Joh. 8:32) Und das “Leben” nach dem Tod ist auch schon geregelt: “Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis dass du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist; denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.” (1.Mose 3:19)
    Wer den Sinn des Lebens sucht, wisse: das Leben hat keinen, es sei denn man gibt ihm einen.

  • Ich finde es enttäuschend, die Verantwortung für den Religionszerfall bei Verschwörungstheorien oder anderem zu suchen. – Durch die Reaktionen der Kirchen auf die ganze Vergewaltigungswelle habe ich erkannt, dass dieses “Institut” wirklich nicht meinen Glauben vertreten kann. Heute frage ich mich, wieso das nicht schon längst geschehen ist, wenn doch die Machtstrukturen hier allein patriarchal sind. Mich beschämt das Verhalten der Kirche. Seither beginne ich zu erkennen, dass wir mit ihrer Hilfe, durch Schürung von Angst vor der Hölle, schon immer nur beherrscht wurden, und dass es hier wohl um 2000 Jahre alte patriarchale Macht geht. Natürlich kommt erst einmal eine Leere, ich denke, die werden wir in noch so manchen erleben, was zusammenfällt. – Auf keinen Fall bin ich dafür, das alte missbräuchliche System zu halten, aus Angst vor der Veränderung.

  • Dr. Gisela Forster sagt:

    Die Beiträge sind sehr interessant und ich habe sie mit großer Aufmerksamkeit gelesen.

    Mein Gedanke ist: Wir leben gerade in einer Übergangsgeneration: Viele von uns haben in der Kindheit oder Jugend noch das Schöne von Kirche, von Mystik, von wunderbaren Gebäuden und tief berührenden Momenten erlebt. Die Sehnsucht nach diesem Positiven ist weiter da.

    Aber Kirche zeigt sich immer mehr nicht als dieser Menschen und besonders nicht als Frauen liebender und Frauen achtender Ort. Kirche in evangelischer und katholischer Form ist eine von Männern geführte und von Männern autoritär diktierte und sehr rücksichtslose und uneinsichtige Herrschergemeinschaft, die sich nur mit angeblich menschenliebendem Zierrat schmückt und ihre geld- und machtgierige und unterdrückende Grundform verschleiert.

    Das ist sehr übel und es ist gut, wenn Frauen das merken und ihr Nein zu dieser Herrschaftsform sagen.

    Allerdings zeigt sich nirgends ein Weg für all das was verloren gegangen ist und verloren geht. Wohin mit den tief verankerten Gefühlen und Sehnsüchten nach einer akzeptierbaren weltumspannenden und alle Menschen und besonders Frauen achtenden und Kinder schützenden Heimat?

    Müssen oder sollen wir noch durchhalten oder ist es Zeit, sich ganz und entschieden von diesen Kirchen abzuwenden?

    Ich weiß es leider auch nicht.

  • Dorothee Markert sagt:

    Danke für die interessanten Kommentare. Einige haben mich wohl missverstanden oder nicht genau gelesen: Ich bin weit davon entfernt, Verschwörungstheorien für den Zerfall der Kirchen verantwortlich zu machen. Dass zu viele Menschen an sie glauben, könnte ein Hinweis sein, dass etwas anderes, Tragfähigeres, fehlt. Auch habe ich nicht geschrieben, wir müssten zu den traditionellen Religionen zurückkehren, sondern nur beschrieben, woran man m. E. merkt, dass etwas fehlt, vor allem auch, seit die Hoffnung auf den Sozialismus keine Alternative mehr ist und noch kein anderer “Ersatz” erfunden worden ist. Und, lieber Uli, mir geht es nicht um die individuelle Frage, ob ich ohne Religion leben kann, sondern um die gesellschaftliche Situation. Um mit Dr. Gisela Forster zu sprechen: Auch ich bin da eher ratlos. Und wenn ich dann höre, wie sich beide neuen Kirchenvorsitzenden gleich bei den ersten Interviews vom Feminismus abgrenzen mussten, dann denke ich, dass das Desaster der Kirchen noch schlimmer ist, als ich befürchtet habe. Dass die eine meint, es gebe keinen Bedarf, das Wort “Gott” zu gendern, zeigt ja das ganze Ausmaß ihrer Unwissenheit. Denn was tun diese Kirchen denn anderes, als Gott zu gendern, indem sie ihn/sie/es alternativlos vermännlichen?

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Ich wäre sehr dankbar,
    wenn eine der geschätzten KommentarWeiterdenkerinnen
    hierzu klärend erläutern würde, was den Unterschied
    zwischen “traditioneller Religion” und der Kirche ausmacht.

  • Anne Newball Duke sagt:

    Liebe Dorothee, danke für den Denkansatz. Ich habe den Satz auch bei Ina Praetorius auf Twitter gelesen, und konnte tatsächlich gar nichts mit ihm anfangen. Ich fand ihn irgendwie kontraintuitiv zu dem, was sie ja eigentlich mit “Wirtschaft ist Care” zB macht: nämlich eine komplett “neue” (indigene Forscher*innen usw. seufzen hier wohl nur mal wieder, denn “neu” ist es wahrlich nicht, die menschlichen Bedürfnisse und das Wirtschaften ab Geburt in den Mittelpunkt zu stellen; und sie würden sicher ergänzen, dass wir uns noch viel mehr in (der real vorhandenen, aber nicht gespürten) Verbundenheit mit anderen Lebewesen dieser Welt sehen sollten, um das Überleben für unsere Spezies zu sichern) Matrix des Wirtschaftens und somit auch der gesellschaftlichen Beziehungsweisen voranzutreiben, und zwar mit einer Vehemenz und Sturheit, die mir so imponiert. Es wird nichts anderes am Horizont erscheinen, wenn wir uns nicht gleichzeitig dahin aufmachen und im Laufen und Bewegen schauen, was sich da im Laufen und Tun und Bewegen tut und es zu formen und zu reflektieren und es besser zu machen, und zwar in der Bewegung, usw usf. Ich finde die Aufspaltung in “hier Religion” oder auch “hier Kapitalismus” und dort “Kommunismus, der nicht funkioniert hat” (sei es der “Gute” oder der “Böse”), einfach so wahnsinnig statisch und unproduktiv und lähmend. Wir bauen doch gerade schon so viel! Warum setzen wir uns immer wieder in die Ecke und verharren im Glauben an eine Dichotomie zwischen Kapitalismus und Kommunismus/Sozialismus, oder zwischen angeblich haltgebender Religion und einer wie auch immer gearteten (spirituellen?) “Leere”? Wir hier zB bei bzw-weiterdenken versuchen doch schon, die Sprache mehr ans Leben zurück/heranzuführen, unsere Bedürfnisse nach Luft, Wasser, Nahrung, DachüberdemKopf usw. in Worte und Denken und auch Tat zu überführen; und noch einmal: es gibt doch schon so viele tolle Ansätze! Ich jedenfalls hocke mich in keine Ecke, in der ich eh noch nie saß (kulturell und historisch vielleicht bin ich darin unweigerlich verwoben, aber anfangen kann ich mit den ganzen Angeboten der Religionen nix), und starre in die Ferne. Und das tut hier auch keine, oder? Wieso denn an einer patriarchalen Institution rumdoktorn und versuchen, da ein bisschen feministische Luft reinzubekommen, eventuell gar Risse ins patriachale Gemäuer zu klopfen? Ich meine, klar kann das was bringen, bloß der Prozess ist eine Schnecke, und woanders kommen wir vielleicht schneller voran. Ich belasse es jetzt mal so abstrakt… ;) …
    Mich würde noch interessieren, liebe Dorothee: Welche Ratlosigkeit genau meinst du? Ich meine, du und dein Denken, deine Übersetzungen usw. holen mich so oft aus der Ratlosigkeit heraus und geben mir so so viele Ideen zum Weiterdenken.
    Und ich muss unweigerlich an den Roman-Dilogie von Suzette Haden Elgin denken: “Amerika der Männer” und “Judasrose”. Hier sind die Frauen derartig unterdrückt, dass sie nur über viele Generationen hinweg unter Frauen eine Sprache entwickeln können, die ihre Lebenswelten widerspiegeln, und die aber bis zum Ende vor den Männern geheim gehalten werden muss. Sie stürzen also nicht das patriarchale System, sondern sie setzen ihm eine eigene Sprache entgegen. Klar, alles dauert usw. aber… ich weiß es ja auch nicht, aber ratlos bin ich deswegen nicht, deswegen interessiert mich dein Gefühl der Ratlosigkeit sehr.

  • Dorothee Markert sagt:

    Doch, liebe Anne, mir ist Religion wichtig. Und Musik und Literatur und Kunst und Sprache und die Natur. Zu der Kirche, die in meiner Sozialisation mehr positiv als negativ gewirkt hat, habe ich trotz Enttäuschung und Kritik immer noch eine Bindung.
    Mit Anfang 20 gehörte ich für knapp 2 Jahre der extremen Linken an. Ich bemühte mich wirklich, mich von meinen „kleinbürgerlichen Interessen“ zu lösen, um mein Leben in den Dienst des Klassenkampfs und der Revolution zu stellen. Als einigen von uns ihr Frausein zu einem politischen Thema wurde, wurde uns ein Engagement in dieser Richtung untersagt, und weil wir daran festhielten, wurden wir ausgeschlossen.
    Seither gehe ich Menschen und Bewegungen, die mir sagen, wofür ich mich engagieren soll und was sekundär, verzichtbar oder schädlich ist, weiträumig aus dem Weg.

  • Jutta Pivecka sagt:

    Liebe Dorothee, ich kann diese Position auf einer persönlichen Ebene, nämlich der von dir angesprochenen eigenen Bindung an die Kirche und die Religion, nachvollziehen. Gesellschaftlich, so finde ich, spricht gar nichts, wirklich gar nichts, dafür, dass traditionelle Religionen und Kirchen einen positiven Einfluss auf Verhaltensweisen und Einstellungen haben. Seit Jahren kann nachgewiesen werden, dass weltweit und auch in Europa die Gewaltbereitschaft unter Religiösen deutlich höher ist als unter Nichtgläubigen. In der Corona-Pandemie haben die Religionen und religiösen Institutionen bestenfalls keinen Schaden angerichtet, in vielen Gemeinden, in den USA und in Südeuropa stehen sie jedoch an der Spitze der Corona-Leugner und Querdenker.
    Ich verstehe durchaus, dass ein kulturell gebildeter Mensch mit einer bestimmten Sozialisation diese nicht aufgeben will. Aber ich kann nicht nachvollziehen, wie aus dieser persönlichen Bindung ein gesellschaftliches Bedürfnis abgeleitet werden soll, für das ausgerechnet die traditionellen Religionen mit der in ihren “heiligen Schriften” verbürgten Gewaltaffinität und Frauenfeindlichkeit und der in ihrer Geschichte immer wieder vollzogenen Gewalt gegen Andersdenkende in Zukunft noch ein (überindividuell Geltung beanspruchendes) Angebot machen könnten.
    Vielleicht wäre es viel sinnvoller, mehr Menschen zu lehren, die “Leere”, von der Du schreibst, auszuhalten, darauf zu verzichten, immer diesen umfassenden “Sinn” stiften zu wollen. Vielleicht könnte sogar aus einer solchen “spirituellen Resignation” viel mehr Demut, Friede – und zuletzt sogar – ein wenig Hoffnung entstehen, darauf, dass wir uns bescheiden als das, was wir sind: Menschen, intelligente Tiere (statt “Gottesebenbilder”, mit dieser Hybris fängt es ja an), statt wieder und wieder faustisch nach dem Himmel zu greifen, – um nicht selten einen schrecklichen Preis.
    Persönlich bin ich mit der “Leere” versöhnt. Ich hoffe nicht mehr, dass alles “gut” wird, aber ich kann daran arbeiten, dass es ein wenig besser wird. Ja, der Abschied hat weh getan, aber es geht mir jetzt besser als zu jener Zeit, als ich mich immer wieder so verzweifelt bemüht habe, die christliche Religion gegen mein Wissen und meine Erfahrungen zu verteidigen. (Ein schöner Nebeneffekt ist, dass ich die “herr”liche Architektur von Kirchenbauten oder die Choräle mit den fürchterlichen Texten jetzt einfach genießen kann, als Erinnerungen an eine Heimat, die ich verloren habe und mir nun doch als puren Klang, als pures Bild, als Kunst bewahre. Das wurde mir erst möglich, als ich nicht mehr “geglaubt” habe. )

  • Johanna Helen Schier sagt:

    “Persönlich bin ich mit der Leere versöhnt”. DANKE Jutta Pivecka für Deinen Beitrag. Ich fühle mich im Innersten verstanden.

  • Anne Newball Duke sagt:

    Liebe Dorothee, aber es gibt ja nicht nur die Bewegungen, denen man mit gutem Grund aus dem Weg gehen muss? Das meine ich. Ich zum Beispiel versuche mich seit zwei Jahren in der Klimabewegung wiederzufinden. Das ist unglaublich schwer: viele Ansätze finde ich zumeist in der Umsetzung gut und richtig (auf die Straße gehen, mit Menschen ins Gespräch kommen, Streik, Mahnwachen, laut sein, also den Alltag von Menschen stören, indem sie ungewollt auf das Thema gestoßen werden), und auch der Inhalt ist ja ok und richtig, aber es sind oft nicht meine Themen; es geht mir viel zu wenig um die wahren Ursachen der Klimakrise, also besser gesagt, jene, die ich als fundamental wichtig erachte; sprich der Wirtschaft und der europatriarchalen Philosophie, und es ist außerordentlich schwer bis unmöglich, diese Themen in die Klimabewegung reinzubekommen, weil die bisher Klimabewegten einfach größtenteils andere Interessen haben als ich. Dennoch sagt mir niemand, wofür ich mich engagieren soll. Ich sehe das einfach als unabdingbare Notwendigkeit an, und deswegen gibt es für mich nur ein Weiterringen und ein Immer-wieder-Versuchen, “meine” Themen reinzubringen und so mein Begehren hier auszurichten. Übrigens auch andersrum: dass ich nicht durchkomme mit den Themen hat ja auch damit zu tun, dass sich viele Menschen aus anderen Kontexten als jetzt den Naheliegenden wie Naturwissenschaften oder Ingenieurswesen (welche die Bewegung, also die Lösungsansätze halt stark technokratisieren und Vermittlungsarbeit noch immer größtenteils in der Übermittlung von wissenschafltichen Ergebnissen u.ä. sehen) nicht zur Klimapolitik “berufen” fühlen. Daher bleibe ich da in der Minderheit, und da fühle ich mich oft ziemlich einsam. Auch der Feminismus wird in der Klimabewegung zwar skandiert, aber inhaltlich – außer so Gendersternchen- und Inklusionsthemen, alles wichtig aber… – ist er noch gar nicht angekommen, genausowenig wie die soziale Gerechtigkeit. Aber vielleicht gibt es einfach zu wenige Feminist*innen in der Klimabewegung? Wo sind sie? Ich frage mich dann: bin ich hier falsch? Sollte ich lieber woanders “kämpfen”? Aber dann: wo? Was ist dringender, als hier endlich neue Vermittlungsformen zu finden? Jedenfalls: eine gedankliche “Leere” wird es hier wohl nie mehr geben; hier gibt es noch so viel zu denken. Ich habe Lust auf eine wenig durchdachte, ein bisschen provokative Frage: Warum kann das Nachdenken über ein gutes Leben mit Klimakrise bei gleichzeitigem radikalem Versuch des Abminderns der Klimakrise nicht eine neue “Religion” sein? Wäre es nicht für jeden Menschen sinnvoll und unverzichtbar, sollte es das nicht sein, und warum sucht mensch sich nicht hier sein Begehren? Oder so rum gefragt: Warum gibt es hier so wenig Begehren bei den (deutschen) Feminist*innen? Oder gibt es das und es ist schon im Prozess, und ich sehe es gerade nicht? Ja ok, ich sehe es schon ansatzweise, aber es ist so ein kleines Flämmchen erst. Wenn wir ein gutes Leben für alle wollen, dann gehört da eben Klimaarbeit dazu. Warum ist “der Kommunismus” gescheitert? Genau, weil die “Sekundärthemen” wie Care usw. unter den Teppich gekehrt wurden. Können wir uns das jetzt nochmal leisten? Uns nur um Solaranlagen und Windparkausbau kümmern (provokativ gesprochen), ohne unser feministisches Begehren sofort mit ins Spiel zu bringen, und zwar nicht abseits der Klimabewegung á la “jede Gruppe kocht ihr Süppchen”, sondern mitten da rein?

    Entschuldigung, jetzt habe ich das Thema ganz schön zu mir umgebogen. Aber vielleicht ist es eben das, was mich triggert: es gibt so viel zu tun, zu denken. Warum dann an alten europatriarchalen Gerüsten (da bin ich ganz bei Jutta) festhalten, wenn uns genau diese in die Misere geführt haben? Oder was ist/war denn gut daran? Was ist erhaltens- und ausbauenswert? Wir können uns doch auch das Gute nehmen und damit weiterbauen, und zwar an einem guten Leben für alle mit einbedachter (katastrophaler und/oder irgendwie abgemilderter) Klimakrise.

  • Dorothee Markert sagt:

    Liebe Jutta, mag sein, dass Religionen sich insgesamt gesellschaftlich mehr negativ als positiv auswirken, ich weiß es nicht. Ich sehe da immer noch einiges Positive, zumindest im Nahbereich, der ja auch Gesellschaft ist. Auf jeden Fall gefällt mir, was du über den Wunsch schreibst, die Welt ein bisschen besser zu machen, und über den Abschied vom Größenwahn.

    Und, liebe Anne, mir gefällt die Idee, dass das Nachdenken über ein gutes Leben unter Einbeziehen der Klimakrise, ja “auch so eine Art Religion” sein könnte, also genau so ein “tragfähiger Ersatz”, von dem in Inas Zitat die Rede ist und auf den kein einziger Kommentar bisher eingegangen ist. Da haben wir wieder das Phänomen, dass es viel leichter ist, am Gegenwärtigen rumzukritisieren als was Neues zu entwerfen, wie wir es schon bei der Denkumenta erlebt haben in den beiden Workshops über Zukunftsentwürfe. Danke für deinen Kommentar, durch den nun zum ersten Mal bei mir angekommen bist, woher deine periodische Verzweiflung kommt, wenn es um deine Klimaarbeit geht. (Bisher hab ich Vieles, was du in dieser Richtung geschrieben hast, als moralischen Druck empfunden, und auf den reagiere ich halt mit Abwehr seit meiner Zeit in der Linken). Ich habe verstanden, dass dir dort Mitstreiterinnen fehlen, mit denen du genau solche Zukunftsentwürfe zum Guten Leben ausarbeiten könntest. Nur so ‘ne Idee: Vielleicht ist dort (noch) nicht der Ort dafür? Vielleicht müsstest du dort hingehen, wo schon feministisch über das Gute Leben nachgedacht wird und dann mit dem dort Erarbeiteten in einem zweiten Schritt zu einer Vortragsreise in verschiedene Klimagruppen aufbrechen, um dieses Denken dort einzubringen? So ähnlich, wie wir mal (und Antje immer noch) das Italienerinnendenken in unterschiedliche Frauenzusammenhänge hineingetragen haben?

  • Anne Newball Duke sagt:

    Liebe Dorothee, ja, das habe ich auch schon angefangen; ich hatte vor einem Monat Gabriele Winker zu den Parents eingeladen zu einem Online-Vortrag und einer anschließenden Diskussion. Ich komme hoffentlich im Januar dazu, darüber einen kleinen Artikel zu schreiben. Und jein, weil ich meine es auch in die andere Richtung, und das ist der Druck, den du, den die anderen hier vielleicht auch spüren: ich habe oft eben auch nicht das Gefühl, dass die Klimakrise HIER, also unter Feminist*innen, richtig angekommen ist und also integriert wird ins (feministische) Denken und Handeln. Das ist wie gesagt mein Gefühl und meine Wahrnehmung. Also beide Seiten weigern sich, irgendwie, das jeweils Andere ins Denken zu integrieren. Meine Artikel sind da eine Annäherung und lauter Versuche, und irgendwann werde ich vielleicht den richtigen Ton treffen, dass ich mehr Menschen anspreche, ohne Druck auszuüben… we will see, ich taste mich da weiter voran.

  • Anne Newball Duke sagt:

    kleine Ergänzung: mein Druck ist nicht moralisch. Ich appelliere auch an keine Moral. Das ist dann vielleicht das, was auf der anderen Seite ankommt, wenn es für die Person, also z.B. dich, eine Möglichkeit der Entscheidung gibt. Moralisch handeln oder eben nicht handeln oder so in der Art. Dass ich mich also für das moralisch Korrekte entscheiden kann oder eben nicht. Bei der Lösung der Klimakrise geht es aber nicht um Moral. Da geht es ums pure Überleben. Es geht um die Frage, wollen wir ein gutes Leben, und wenn ja, dann sind ganz bestimmte (und keine anderen) Entscheidungen notwendig. Es wäre schön, wenn ich mir Moral leisten könnte, aber die interessiert mich überhaupt gar nicht, denn die löst die Klimakrise nicht, auch nicht der Appell an sie in den Menschen. Ich will an ihr vorbei, woanders hin, ganz woanders hin treffen. Gut zu wissen, dass mir das noch nicht gelingt. Leider fehlt mir gerade die Zeit, das weiter auszudenken, aber das mache ich noch, das gärt eh schon lange in mir.

  • Sandra Divina Laupper sagt:

    Hallo Fidi!
    Den Unterschied zwischen “traditionellen Religionen” und “Kirchen” sehe ich darin, dass es viele traditionelle Religionen gibt, während man nur beim Christentum von “Kirchen” spricht.
    Lg

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