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Kinder und Frauen sind am meisten betroffen

Von Juliane Brumberg

Mariam Wahed erläutert die Situation in Afghanistan

Im Spätsommer gab es eine kurze und emotionale Aufmerksamkeit für die Verhältnisse und die Menschen in Afghanistan, doch ist das Thema bereits wieder in den medialen Hintergrund gerückt. Eine, für die die Menschen in Afghanistan nie, nie, nie in den Hintergrund rücken, ist Mariam Wahed. Sie musste 1995 selber aus ihrem Heimatland fliehen und ihre Geburtsstadt Kabul verlassen. Als junge Pädagogin, die in Russland studiert und sich in Kabul für Frauenrechte eingesetzt hatte, war sie nicht erst unter den Taliban sondern auch vorher unter den Mudschahedin höchst gefährdet. Obwohl sie aus einer aufgeklärten Familie stammt, litt sie an der durch und durch patriarchalen Struktur ihres Landes, in dem der Aufrechterhaltung der ‚Familienehre‘ alles Andere untergeordnet ist.

Mariam Wahed lebt heute in der Nähe von Frankfurt und engagiert sich für Flüchtlinge aus ihrem Heimatland Afghanistan. Fotos: Juliane Brumberg

So aufregend und schwierig wie in Afghanistan war und ist auch ihr Leben in Deutschland. Sie wurde zunächst nicht als Flüchtling anerkannt, bekam keine Sprachkurse und kaum Unterstützung zur Integration. Auf eigene Faust brachte sie sich die deutsche Sprache bei, indem sie auf Kinderspielplätzen andere Mütter ansprach und sich ein Wörterbuch kaufte. Außerdem organisierte sie sich Praktika in pädagogischen Einrichtungen und hatte zunächst die Möglichkeit, als Erzieherin zu arbeiten. Nachdem ihr Pädagogik-Diplom schließlich anerkannt wurde, war sie ab 2015 in einem Jugendhaus für unbegleitete jugendliche Flüchtlinge tätig. Doch es gab Konflikte mit den Strukturen und den Betreibern der Einrichtung, sodass alte Traumatisierungen sie wieder einholten. Das hindert sie nicht daran, sich weiterhin für ihre Landsleute zu engagieren.

Obwohl Mariam Wahed mittlerweile sehr gut Deutsch spricht, haben wir ihre Antworten sprachlich überarbeitet, um deren Inhalt noch besser verständlich zu machen.

Mariam, Anfang der 2000er Jahre hast Du zunächst versucht, Dich in Deiner alten Heimat vor Ort zu engagieren. War das erfolgreich?

Bevor ich über mein Engagement spreche, ist es sinnvoll, darüber zu sprechen, wie es war, bevor die Taliban in Afghanistan erneut die Macht übernahmen. In der Zeit meines Engagements in Afghanistan hat sich – neben der teilweise positiven Entwicklung – die Gewalt empörend verbreitet und ist zu einem großen Problem in den Familien, in staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen und innerhalb der Gesellschaft geworden.

In Afghanistan geschahen und geschehen jeden Tag zahlreiche unangenehme Vorfälle und Ereignisse, täglich werden die Menschenwürde und die Menschenrechte verletzt, besonders in ländlichen Gebieten.

Selbstverbrennung, Selbstmord, Zwangsheirat, unfreiwilliges Verlassen des Zuhauses, Folterung im Gefängnis, Gefangene ohne Rechte, Zwangskinderarbeit, sexuelle Übergriffe und Verkauf von Kindern, besonders von minderjährigen Mädchen – das sind alles Menschenrechtsverletzungen, die in Afghanistan leider an der Tagesordnung waren.

Politiker haben dem wenig entgegengesetzt, innerhalb Ihrer Möglichkeiten sperren sie sich gegen die eingebrachten Gesetzesvorlagen und bestehenden Gesetze. In den letzten Jahrzehnten ist es des Öfteren vorgekommen, dass Verstöße zwar gehört wurden, die Regierung jedoch nichts dagegen gesagt noch unternommen hat. Die Vorschläge sind meist in den Schubladen verschwunden.

Die Geschichte Afghanistans ist geprägt von Kriegen, von innerer Zersplitterung und von Bedrohung von außen. Besonders in den letzten 15 Jahren wurde das Land durch Angriffe von außen und durch Bürgerkriege zerstört. Die Hauptleidtragenden waren neben den Frauen immer die Kinder, die vielfach über lange Zeiträume ihrer Menschenrechte und ihrer Menschenwürde beraubt wurden. Es herrscht ein autoritärer Erziehungsstil, der von Gewalt geprägt ist. Die bestehende Kinderschutzkonvention kann aufgrund der geringen Bildungsmöglichkeiten nicht ins Bewusstsein der Bevölkerung übertragen werden. Die Kinder werden in ein korruptes und gewalttätiges Land geboren und ihre Sozialisation ist davon geprägt. Eine normale Kindheit, wie sie in zivilisierten Ländern herrscht, ist nicht möglich. Wenn diese Kinder erwachsen werden, rächen sie sich für das, was ihnen angetan wurde. So beginnt eine Spirale von Gewalt, Hass, und Lust am Töten als Folge der Missachtung ihrer kindlichen Bedürfnisse. 40 Jahre kalte und heiße Kriege haben ganze Generationen traumatisiert.

In dieser Situation habe ich angefangen, mich für Menschenrechte zu engagieren.

2004 bin ich erstmals nach Pakistan gereist und habe dort ein großes Flüchtlingslager (“Jalosai”) besucht. In diesem Lager habe ich Interviews mit verwitweten Frauen, mit jugendlichen Flüchtlingen, mit den Lehrerinnen und Lehrern der Schule im Lager und mit der Lagerleitung geführt. Somit konnte ich während und nach dieser Reise einerseits die Situation afghanischer Flüchtlinge und Frauen in Pakistan dokumentieren und andererseits damit beginnen, ein Netzwerk von Menschenrechtsaktivistinnen und -aktivisten in Pakistan aufzubauen.

Nach dem, was ich in diesem Lager gesehen habe – wie 22 Menschen mit unterschiedlicher ethnischer Zugehörigkeit in einem Zimmer untergebracht waren und in Elend, aber dennoch in friedlichen Verhältnissen zusammenlebten – habe ich entschieden, mich von nun an für die Rechte von afghanischen Jugendlichen und Frauen, für Frieden in Afghanistan und für die Verbesserung der Lebensbedingungen afghanischer Flüchtlinge einzusetzen.

Mein Engagement ist sowohl direkt als auch indirekt, ich versuche konkret, von Unrecht und Gewalt betroffenen Menschen zu helfen.

Seit 2005 reiste ich mehrfach nach Afghanistan und besuchte das zentrale Frauengefängnis, um mit den inhaftierten Frauen zu sprechen. Ich war in Gefängnissen in Kabul, in Mazare-Sharif und in Parwan. Dazu gibt es kleine You-Tube-Filme.

Anschließend versuchte ich herauszufinden, ob es rechtliche Möglichkeiten und Wege gibt, die Frauen aus dem Gefängnis zu holen und diese in einem Frauenhaus unterzubringen.

2007 habe ich, gemeinsam mit sieben weiteren MenschenrechtsaktivistInnen, den Verein „Frauenhilfe Afghanistan – Schutz und Bildung e.V.” in München gegründet, um in konkreten Problemsituationen die betroffenen Frauen in Afghanistan besser unterstützen zu können. Von Anfang an haben wir großen Wert darauf gelegt, Kontakt zu helfenden Organisationen in Afghanistan zu pflegen. Als Vorsitzende des Vereins und gebürtige Afghanin bin ich immer noch eng mit dem Schicksal der Frauen verbunden. So konnte ich durch persönliche Kontakte zu engagierten Menschen von Terre des Femmes und Amnestie International diese für die Gründung eines neuen Vereins gewinnen und sie von der Notwendigkeit überzeugen, die Beratung finanziell zu unterstützen.

Der Verein hat inzwischen ein Netzwerk von diversen Organisationen und mehreren ehrenamtlich engagierten Kommunikations-Beraterinnen aufgebaut. Sie leben über die ganze Provinz Parwan verteilt in kleinen Dörfern und stellen für Frauen ihrer Umgebung, die aufgrund akuter Notsituationen (körperliche Gewalt, bevorstehende Zwangsverheiratung) von ihrem Zuhause fliehen müssen, den Kontakt zu der Beratungsstelle im Zentrum der Provinz her. In der Beratungsstelle werden Frauen aufgefangen und zum Frauenhaus begleitet. Ein Youtube-Film illustriert das Engagement vor Ort.

Nach 10 Jahren intensiver Arbeit in Afghanistan habe ich die Frauenhilfe Afghanistan im Jahr 2018 aufgelöst, weil sie von einigen Extremisten bedroht wurde.

Gibt es jetzt, nach dem Sommer 2021, überhaupt noch eine Möglichkeit, in Afghanistan selbst etwas für die Frauen zu tun?

Die schreckliche Geschichte in Afghanistan wiederholt sich. Mit großer Sorge sahen wir in den letzten Monaten nach Afghanistan. Die Machtübernahme der Taliban ist ein schockierender Rückschritt für das Land, insbesondere für die Rechte und Errungenschaften der Frauen. Schon jetzt dürfen sie nicht mehr mit Männern gemeinsam in die Uni-Hörsäle, Proteste von mutigen Frauen wurden brutal beendet.

Die Machtübernahme der Taliban am 15. August 2021 in Kabul bedeutet für mich und viele Mädchen und Frauen in Afghanistan den Verlust ihres Rechts auf ein freies Leben. Ich bin mir einig mit Internationalen BeobachterInnen und afghanischen Frauen, dass Mädchen und Frauen in Afghanistan die hart erkämpften Fortschritte der letzten Jahre wieder verlieren werden – insbesondere die Rechte auf Bildung, freie Berufsausübung und Selbstbestimmung.

Wir können und wir müssen Menschen in Afghanistan helfen. Vor allem jetzt, weil das Leben von Millionen Kindern durch Armut in Gefahr ist. Frauen verkaufen ihre Kinder, weil sie sie nicht ernähren können.

Hast Du noch Verwandtschaft in Afghanistan? Bist Du mit ihr in Kontakt?

Meine Familie zerbrach während des Bürgerkriegs in Afghanistan. Alle sind überall hin geflohen. Einzig eine verwitwete Schwester blieb mit ihren beiden minderjährigen Töchtern in Kabul. Sie wurde mit einem Taliban zwangsverheiratet. Als sie sich retten wollte, tötete der Taliban sie schließlich und die beiden Töchter wurden von den Taliban entführt. Während der Jahre meines Engagements konnte ich sie ausfindig machen. Sie befinden sich in einer sehr schlechten Situation. Ich stehe mit ihnen in Kontakt und sorge mit meiner Unterstützung für ihren Lebensunterhalt. Aktuell versuche ich, die beiden nach Deutschland zu holen. Der Antrag, den ich dafür bei der Bundesregierung gestellt habe, wurde jedoch leider abgelehnt. Die beiden haben inzwischen selber Kinder und sind in einer wirklich problematischen Situation. Sie sind mit ihren Kindern in einer Wohnung, die ich für sie finanziere, und dürfen dort nicht raus.

Hast Du andere Kontakte zu Menschen in Afghanistan?

Ich habe nach wie vor Kontakt mit Menschenrechtlerinnen und Aktivistinnen, die sich noch in Afghanistan befinden und viel Leid erdulden.

Ich glaube an die Menschen und an die Möglichkeit zur Veränderung. Deshalb möchte ich mit meinem spezifischen Wissen, dem einer Deutschen, die selbst als junge Frau vor Krieg und vor Bedrohungen fliehen musste und die mit der Kultur in Afghanistan sehr vertraut ist, zu dieser Veränderung beitragen. 

Seit Ende November besteht eine Whatsapp-Gruppe aus verschiedenen Aktivistinnen und Journalistinnen zum Austausch, an der ich auch teilnehme. Der Name der Gruppe ist „Freiheit und Gleichheit“.

Seit 2015 hast Du in Deutschland in sogenannten Jugendhäusern mit geflüchteten Jugendlichen gearbeitet. Erzähle ein bisschen von Deiner Arbeit dort.

Meine persönlichen Erfahrungen als Deutsche mit Flüchtlings- und Migrationshintergrund haben meinen Einsatz, mein Engagement für die geflüchteten Frauen, Jugendlichen und Kinder entscheidend geprägt.

2009 habe ich begonnen, als Sozialpädagogin in der stationären Jugendhilfe mit jugendlichen Flüchtlingen zu arbeiten. Ab 2015 arbeitete ich in einer Erstaufnahme-Einrichtung mit mehreren minderjährigen Flüchtlingen aus verschiedenen Ländern. Seitdem habe ich in meiner täglichen Berufspraxis mit über 300 jungen Geflüchteten aus Afghanistan gesprochen. Dabei habe ich immer wieder erlebt, wie sehr viele von ihnen durch den langen Krieg, durch die autoritäre Erziehung und durch den Einfluss fundamentalistischer religiöser Lehren traumatisiert sind.

Durch diese Erfahrung wurde es zu meinem großen Anliegen, immer wieder nach Afghanistan zu reisen, um mich dort verstärkt für die Rechte von Kindern und Jugendlichen einzusetzen. Ich habe versucht, mit afghanischen Politikern über die Notwendigkeit der Liberalisierung und Modernisierung bei der Erziehung afghanischer Kinder und Jugendlicher zu sprechen und sie gefragt, ob sie mich und meine Idee über den Aufbau eines Sozialdienstes auf Landesebene unterstützen werden. Die aktuelle Entwicklung macht solche Initiativen leider unmöglich.

Zurück nach Deutschland. Waren es überwiegend Mädchen und Frauen, für die Du Dich hier engagiert hast?

Im Jahr 2013 arbeitete ich in einem Frauenprojekt mit Frauen, die zwangsverheiratet wurden und von sogenanntem „Ehrenmord“ bedroht waren. Die meisten waren türkische und afghanische junge Frauen, die zwischen 16 und 21 Jahre alt waren.

Außerdem war ich mehrere Jahre engagiert in einer Selbsthilfegruppe in München und in einer Beratungsstelle insbesondere für Migrantinnen. Und auch noch in einem Verein für Muslimische Frauen, die noch nie eine Schule besucht haben. Hier konnten wir deutsche Rentnerinnen gewinnen, die Deutsch- und PC-Kurse angeboten haben.

Ich habe sowohl mit Männern als auch mit Frauen gearbeitet, hauptsächlich aber mit Frauen.

Die Arbeit mit Jungen und Männern ist auch sehr wichtig?

Ich denke, wenn die Männer gebildet und liberaler sind, gerade auch in Bezug auf Rechte der Frauen und überhaupt Menschenrechte, können sie anders handeln. In Ländern wie Afghanistan ist es wichtig, dass Männer die Bedeutung der Menschenrechte verstehen und danach handeln, weil Männer dort nach wie vor mehr zu sagen haben als Frauen. Für die Frauen wäre es sehr wichtig, einen Mann an ihrer Seite zu haben, der sie auf Augenhöhe behandelt, denn dann kann auch sie sich entwickeln.

Die vorherige Regierung Afghanistans war eine ungesunde Regierung, die es versäumt hat, ein transparentes, neues und liebenswertes Afghanistan aufzubauen, obwohl sie mit Millionen von Dollars unterstützt wurde. Afghanistan stand an der Spitze bei Korruption und Bestechung, während die Jugend in Armut, Arbeitslosigkeit und Unwissenheit lebte. So wurde Afghanistan zu einem der unsichersten Länder der Welt. Als Frau mit langjähriger Erfahrung in der Arbeit mit jungen Menschen weiß ich, wie ich mit den jungen Leuten arbeiten kann, indem ich die Gesetze und die Kultur analysiere. Für junge Menschen, die in Deutschland ankommen, ist es ein Muss, Gewalt zu vermeiden.

Siehst Du Ansätze, wie die Menschen dem Druck und auch dem Leid, das durch die Familienehre ausgelöst wird, entkommen könnten?

Ich habe den Krieg und die Gewalt mit meinen eigenen Augen gesehen und erlebt. Ich weiß, was es bedeutet, erniedrigt, eingesperrt und bedroht zu werden. Ich weiß, was es bedeutet, heimatlos zu sein, zu stranden, und ich weiß um die Schwierigkeit der Phasen des Ankommens als Migrantin.
In Afghanistan ist es sehr schwierig, sich aus den Fängen häuslicher Gewalt zu retten, und das Gesetz schützt Frauen nicht. Aber in Deutschland gibt es Rechtsstaatlichkeit und das Gesetz schützt Frauen, obwohl es bei häuslicher Gewalt noch Probleme gibt. Die Menschen müssen die Chance haben, zu lernen sich selbst zu lieben und zu respektieren, anstelle zu Opfern von Gewalt zu werden

Stehen Deine Töchter, die hier aufgewachsen und mittlerweile erwachsen sind, auch noch unter diesem Druck der patriarchalen Familienehre?

Ich habe meine Töchter selbstständig und weise erzogen. Nach dem Menschenrecht haben sie ab dem 18. Lebensjahr den Status eines Menschen, unabhängig von universellen Rechten. Ich bin glücklich, in einem Land zu leben, in dem Rechtsstaatlichkeit herrscht. Wenn Druck auf Mädchen ausgeübt wird, schützt das Gesetz sie. Das ist ein Segen, der den Frauen in Afghanistan vorenthalten wird.

Meine ältere Tochter studiert. Meine jüngste Tochter arbeitet in einer Versicherung. Beide sind emanzipiert.

Du hast mir erzählt, dass Du eine gläubige Muslima bist und dass Du Dich hier in Deutschland sehr mit dem Koran beschäftigt hast. Hilft Dir das für deine Arbeit?

Ich denke, dass mein diesbezügliches Wissen mir in der Arbeit geholfen hat. Da ich viele auf den Koran gestützte, liberalere Antworten geben konnte und gläubigen Menschen damit helfen konnte.

Inkompetente,  Menschen unterdrückende Theologen sind ein großes Unglück für die Religion und für die Menschheit, sowie auch die bösen Taten einiger Muslime Der persische Dichter sagte das vor Jahrhunderten:

Der Islam an sich hat keine Fehler.
Die Fehler sind das falsche Verhalten mancher Muslime (z.B. der Taliban).

‏Glaube ist meiner Meinung nach eine persönliche Angelegenheit, die von der Arbeit und der Regierung getrennt sein sollte. Ich bin in einer liberalen muslimischen Familie aufgewachsen. Ich bin eine Monotheistin. Ich betrachte die Handlungen religiöser Extremisten nicht als islamische Religion, denn der Islam sagt ganz klar, dass das Töten eines Menschen Unrecht ist. Der Islam betrachtet Mord als schwere Sünde, aber dennoch töten Taliban-Extremisten immer wieder im Namen der Religion. Das zeigt mir, dass die Taliban keine wirklich gläubigen Muslime sind, sondern den Islam für ihre Zwecke missbrauchen.

Im Laufe der Zeit hat sich gezeigt, dass Du durch Deine Erfahrungen schwer traumatisiert bist. Du hast das mit Hilfe von Therapeuten bearbeitet. Und jetzt versuchst Du dieses Wissen auch an andere Menschen weiterzugeben.

Ja, Ich habe die bewusste, absichtliche, schädliche, die sichtbare und die unsichtbare Gewalt erlebt. Dadurch war ich psychisch, seelisch und emotional traumatisiert. Glücklicherweise habe ich massiv daran gearbeitet. Sehr geholfen hat mir der Psychotherapeut Franz Ruppert. Er ist seit 1992 als Professor für Psychologie an der Katholischen Stiftungshochschule München tätig und arbeitet in eigener Praxis in München. Sein Konzept ist die Identitätsorientierte Psychotraumatheorie (IoPT).

Mariam Wahed hat zwei Bücher zur Trauma-Therapie in Persisch/Dari übersetzt.

In seinem Buch “Wer bin ich in einer traumatisierten Gesellschaft? Wie Täter-Opfer-Dynamiken unser Leben bestimmen und wie wir uns daraus befreien” konzentriert er sich auf einen Aspekt, der in den Trauma-Debatten oft zu kurz kommt: Es ist die Täter-Opfer-Dynamik, die zu einer Endlosschleife der psychischen Verletzungen führt. Dieses Buch habe ich im Jahr 2020 in Persisch/Dari übersetzt.
Ein weiteres Buch von Franz Ruppert, „Frühes Trauma“ habe ich ebenfalls übersetzt. Bereits durch vorgeburtliche Einflüsse oder Ereignisse rund um die Geburt und unmittelbar danach kann die Psyche eines Kindes schweren Schaden nehmen. Diese und viele andere Störungen der frühen Lebenszeit sind der Erinnerung normalerweise nicht zugänglich. Durch das von Franz Ruppert entwickelte Verfahren “Aufstellen des Anliegens” können auch früheste Traumata rekonstruiert und damit aufgelöst werden. Es geht um das Erlebbar-Machen und damit das Zusammenführen von impliziten und expliziten Gedächtnisinhalten. Gerade durch seine Praxisorientierung empfinde ich das Buch als sehr empfehlenswert für alle, die mit Menschen arbeiten.

Außerdem hast Du vor, ein eigenes Buch zu schreiben. Worum soll es darin gehen?

Ich möchte eine Biografie schreiben, in der es auch viel um meine Erfahrungen in Deutschland gehen soll. Ich möchte die Schwierigkeiten aufzeigen, mit denen ich und viele andere Migrantinnen zu kämpfen hatten, sowie die Auswirkungen der Traumata aus Afghanistan und der weitergeführten Traumatisierung auch in Deutschland. Zum Beispiel die geringe und viel zu späte Unterstützung beim Erlernen der deutschen Sprache, was zu falschen Sprachgewohnheiten führt und so schwer ist, sich wieder abzugewöhnen.

Was wünschst Du Dir von Deutschland für Dein Land und für geflüchtete Menschen aus Afghanistan?

Ich wünsche mir, dass die Bundesregierung Deutschland sich nicht von dem Taliban-Regime täuschen lässt und Frauenrechte nicht als Verhandlungsmasse nutzt.
Ich wünsche mir, dass die deutsche Bundesregierung und die internationale Gemeinschaft die Führung der Taliban nicht als politische Regierung eines Islamischen Emirats Afghanistan anerkennen sowie von jedweder monetären und nicht-monetären direkten Unterstützung der Taliban absehen.
Ich wünsche mir mehr Solidarität mit afghanischen Mädchen und Frauen und wünsche mir weiterhin die unverzügliche Evakuierung akut gefährdeter Frauen, die aufgrund ihrer Arbeit, ihres gesellschaftlichen Engagements, ihres Bekanntheitsgrads oder ihrer Lebensweise in Lebensgefahr schweben. Dazu gehören Menschenrechtsaktivistinnen, Politikerinnen, Journalistinnen, Wissenschaftlerinnen, Künstlerinnen, Repräsentantinnen von ethnischen Minderheiten und der LGBTIQ-Community. Dazu gehören auch meine beiden Nichten, denen ich ein besseres und ungefährdetes Leben wünsche.
Ich wünsche mir, dass auch Frauen, die in Frauenhäusern lebten und jetzt versteckt und gefährdet sind, nach Deutschland evakuiert werden.

Mein Appell: Volle Gleichberechtigung für die afghanischen Frauen! Ohne Gleichberechtigung und Freiheit für afghanische Frauen gibt es kein freies Afghanistan und ohne Bildung keine Entwicklung.

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Vielen Dank für dieses Interview mit Mariam Wahed. Ihre Erfahrungen, Reflexionen und Forderungen vertiefen unsere Pressemitteilung:

    Frauenmissionswerk · Ravensteynstr. 26 · D – 56076 Koblenz

    Koblenz an Rhein und Mosel, im Dezember 2021

    Pressemitteilung
    zur aktuellen Situation in Afghanistan und sich daraus ergebenden Verpflichtungen für die neugewählte deutsche Bundesregierung und alle politisch Verantwortlichen, insbesondere jenen, die mit den Taliban und anderen Akteur*innen in Afghanistan zusammenarbeiten
    Als „Frauenmissionswerk – Frauen für Frauen weltweit“ bringen wir unsere äußerste Sorge über die aktuelle Situation von Frauen und Mädchen in Afghanistan zum Ausdruck.

    Eine ehemalige Staatsanwältin für Korruptionsbekämpfung der Generalstaatsanwaltschaft von Afghanistan, die 32 Jahre alt ist, äußert sich anonym nach dem Abzug der westlichen Truppen im September 2021: „Für die Taliban sind Frauen keine Menschen. Sie erkennen nur Männer als Menschen an und behandeln Frauen als Besitz der Männer. Wie können wir also von den Taliban erwarten, dass sie die Rechte der Frauen anerkennen? Sie sprechen vage über die Rechte der Frauen auf der Grundlage der Scharia, aber wir sind uns nicht sicher, wie sie die Scharia definieren.“

    Die Lebenssituation von Frauen in Afghanistan ist von Provinz zu Provinz gerade sehr unterschiedlich. Viele Frauen und Mädchen in Afghanistan leben seit der Machtergreifung der Taliban in großer Angst und Unsicherheit. Sie trauen sich vielerorts nicht mehr aus den Häusern heraus, da sie Angst haben, zwangsverheiratet zu werden. Ein Kommandant der Taliban versicherte im August 2021, dass Frauen und Mädchen weiterhin zur Schule gehen und ihre Ausbildung abschließen können, aber in islamischer Burka. Am 21.11.2021 hat das Ministerium für die Förderung der Tugend und Verhinderung des Lasters aufgefordert keine Filme mehr mit Frauen zu zeigen.

    Da es eines effektiven staatlichen Schutzes vor geschlechtsspezifischer Gewalt bedarf, hat der Europarat 2011 mit dem Übereinkommen zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt ein umfassendes und verbindliches völkerrechtliches Regelwerk mit nationalen Handlungspflichten vorgelegt: Die Istanbul-Konvention.
    Diese trat am 1. August 2014 völkerrechtlich und für Deutschland am 1. Februar 2018 in Kraft. Seit diesem Tag sind alle politischen und staatlichen Organe in Deutschland verpflichtet, das Übereinkommen umzusetzen.
    Die Verbindung von internationalen Menschenrechtsstandards und konkreten Handlungspflichten bedingt den besonderen Charakter der Istanbul-Konvention. Sie setzt auf Prävention von Gewalt, Schutz vor Gewalt/Opferschutz, Strafverfolgung und eine koordinierte Politik zur Umsetzung der vorgenannten Handlungsfelder.
    Das Abkommen sollte unseres Erachtens auch die Zusammenarbeit mit dem außereuropäischen Ausland wie beispielsweise Afghanistan maßgeblich beeinflussen, nimmt man den Schutz von Frauen und Mädchen wirklich ernst.

    Viele Afghan*innen leiden zur Zeit an Hunger und Vertreibung. Das macht uns betroffen! Als Mitglieder des Frauenmissionswerkes fordern wir die am 26. September 2021 neu gewählte Bundesregierung auf:
     Dafür zu sorgen, dass angesichts des Hungers und der daraus verstärkt resultierenden Zwangsverheiratung von jungen Frauen sichergestellt wird, dass diese geschützt werden. Zwangsverheiratungen mit den Folgen Ausbeutung, sexueller Gewalt und zu früher Mutterschaft sollten verhindert werden.
     Den Ausbau von Netzwerken zum Schutz von gewaltbetroffenen Frauen und Mädchen adäquat mitzuunterstützen und auch Strategien zur Verhinderung zukünftiger Gewalt mitzuentwickeln: Es bedarf neuer Schutzräume für intern vertriebene oder hilfebedürftige Frauen und Mädchen; diese sollten von zuständigen (Regierungs)Stellen und örtlichen Nichtregierungsorganisationen ermöglicht werden können. Jedwede Gewalt gegen Frauen und Mädchen muss unter Strafe stehen und angemessen strafverfolgt werden.
     Mädchen und Frauen haben das Recht auf Bildung und auf politische Partizipation. Der Zugang zu Bildung und zu politischen Ämtern sollte auch in Zukunft gesichert sein.

    Auf allen Ebenen müssen mit den Frauen Voraussetzungen geschaffen werden, damit diese selbstbestimmt leben können. Angesichts der aktuellen Lage ist es notwendig, entsprechende Forderungen zu stellen. Dies sollte insbesondere durch Politiker*Innen unserer deutschen Bundesregierung geschehen, die mit den Taliban und anderen politischen Akteur*innen in Afghanistan zusammenarbeiten.

    Zur Ihrer Information: Das Frauenmissionswerk hat seinen Sitz in Koblenz-Pfaffendorf.
    Schon fast seit 130 Jahren verteidigen wir, die meisten von uns ehrenamtlich, Frauen und Mädchen in der Welt, deren Rechte missachtet werden:
    Wir helfen mit, dass Teenagermütter in Ruanda und der Demokratischen Republik Kongo ihr Leben selbstständig und finanziell abgesichert gestalten können.
    Frauen in Ecuador ermöglichen wir es, an ganzheitlichen Bildungsmaßnahmen zu Themen wie Gesundheit und Erziehung teilzunehmen.
    Aussichtsreiche Zukunftspläne von Frauen unterstützen und dadurch auch Fluchtursachen bekämpfen – das sind zwei unserer Grundanliegen. Wir arbeiten nicht nur direkt mit Frauen vor Ort zusammen, sondern unterstützen sie auch durch unser Gebet. Darin liegt unser Auftrag als verantwortungsbewusste Christ*innen.

    Margret Dieckmann-Nardmann Dr.in. phil. Elisabeth Steffens

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