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Rubrik denken

Schreiben von Geschehen zu Geschehen, „zwischen Sein und Sein“

Von Dorothee Markert

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Dass im Mittelpunkt des ersten Kapitels eines Buchs zum Thema „Natur“ die Stadt Berlin und der Mauerbau stehen, hat mich so sehr befremdet, dass ich erst einmal darüber nachdenken musste, was ich eigentlich unter „Natur“ verstehe. Obwohl ich natürlich weiß, dass Natur mir auch in der Stadt begegnet, ja sogar im Haus, wo sie ständig Care-Arbeit erforderlich macht (z.B. Fruchtfliegen und Spinnweben), denke ich Natur hauptsächlich als etwas, das außerhalb der Stadt, „draußen“ ist. Als ich andere nach ihren Assoziationen zum Begriff „Natur“ fragte, wurde ebenfalls das „Rausgehen“, das „Draußen“ betont, das Unbebaute, das Ursprüngliche ohne menschliche Eingriffe, die Schönheit, Flüsse, Seen, das Meer, Berge, Bäume, Pflanzen, Tiere. Auffallend war, mit welcher Begeisterung die Worte aus den Befragten heraussprudelten: „Schmetterlinge, Blumen, Steine, am Fluss entlanggehen oder am Meer, Seevögel beobachten, …“ Meine Naturfotos zeigen Landschaften, möglichst ohne Straßen und Häuser, oder Blumen, manchmal mit Schmetterlingen, Hummeln oder Bienen. Ich weiß zwar – das hab ich erst vor noch gar nicht so langer Zeit begriffen –, dass die von mir fotografierten Landschaften Natur sind, die immer auch von Menschen gestaltet worden ist, „Kulturlandschaft“ genannt, und dass all die kahlen Berge Schottlands, Irlands und der griechischen Inseln, die mir so gut gefallen, eine Folge menschlicher Abholzung vor langer Zeit sind. 

Die Vorstellung, Natur sei das, was nicht von Menschen geschaffen wurde, im Gegensatz zur Kultur, dem von Menschen Geschaffenen und Gestalteten (so steht es bei Wikipedia), hilft mir also nicht weiter, wenn ich mich auf Chiara Zambonis Text einlassen will.

Sie bleibt ihrem roten Faden treu, dem „mit den fünf Sinnen spazieren gehen“, und geht weiter auf ihrem experimentellen Weg, um unsere Beziehung zu den Dingen zu erkunden und herauszufinden, an welcher Stelle und auf welche Weise die Sprache dabei ins Spiel kommt. 

Ein Text von Ingeborg Bachmann hilft Chiara Zamboni, über Themen wie Natur, Geschichte, unbewusstes Spüren und die Sprache nachzudenken, weniger wegen seines Inhalts, sondern weil sie daran zeigen kann, auf welche Weise die Autorin hierbei die Schrift einsetzt. Es ist eine Rede, die Ingeborg Bachmann beim Entgegennehmen des Georg-Büchner-Preises 1964 gehalten hat. Der Text wurde danach in etwas veränderter Form unter der Überschrift „Ein Ort für Zufälle“ veröffentlicht.

Ingeborg Bachmann lässt uns darin ein angeschlagenes Berlin erfahren, das ganz durcheinander ist. Es ist die Zeit nach dem Krieg, gerade wurde die Mauer gebaut. Alle möchten nur ein ganz normales Leben führen. Doch der Bau der Mauer schneidet den Osten der Stadt vom Westen ab mit einer erschütternden Gewalttätigkeit. Die Berliner:innen sind jedoch „wie in Ölpapier gewickelt“, sie schützen sich vor dem, was da passiert. Sie wollen jene Verletzung nicht wahrhaben, sie wollen sie nicht sehen. Es ist nicht so, dass sie vorgeben, es gäbe sie nicht, das würde ja eine bewusste Entscheidung voraussetzen. Sie wenden unbewusst den Blick ab, denn sie wollen vor allem von dem Gedanken erfüllt sein, dass der so zerstörerische, schreckliche Krieg endlich vorbei und abgeschlossen sei. Sie wollen jetzt einfach nur zufrieden sein und im Frieden leben. Auf der einen Seite ist da also eine illusorische Harmonie, auf der anderen eine Stadt, die durch die Wunde des Mauerbaus erschüttert ist. Es geschieht an einem bestimmten Tag, einem Sonntag im Mai. 

Nur einige wenige nehmen wahr, dass da etwas geschieht, dass eine Art Disharmonie entstanden ist. Doch das dringt nicht an die Öffentlichkeit. Die meisten Menschen sind in einer Art Halbschlaf. Aber wer intensiver spürt, kann merken, „dass die Teile der durch die Mauer auseinandergeschnittenen Stadt sich neigen und aufeinander zu gleiten“ (S. 17).

Bachmann lässt uns durch ihren Text erkennen, dass ein historisch-politisches Ereignis wie der Mauerbau in seiner Tiefe nicht vom Ich erfasst wird, sondern von einer ganz feinen Wahrnehmung, durch die wir diese Realität Berlins als krank, als ein Durcheinander erleben. Dadurch hat der emotionale, moralische und politische Riss, der durch den Einschnitt der Mauer entstand, konkrete körperliche, deutlich wahrnehmbare Auswirkungen. Und damit sind wir beim wichtigsten philosophischen Kern des Textes: Wir spüren die Auswirkungen von historischen Ereignissen mit dem ganzen Körper. 

Das Spüren, das zwischen Unbewusstem und Bewusstem liegt, zeigt uns unterschiedliche Ebenen der Realität, die gleichzeitig in einer Stadt präsent sind: Gleichzeitig mit der Verletzung durch den Mauerbau 1961 hören wir die Schüsse der Rechtsextremisten, die 1922 Walter Rathenau ermordeten. Die Ereignisse der Vergangenheit drängen sich uns in der Wahrnehmung von heute auf. In Plötzensee werden die Verschwörer gegen Hitler von 1944 hingerichtet, jetzt wie damals. Nichts wird vergessen, alles ist in der Wahrnehmung vorhanden. „Was gestern war, ist heute und wird morgen sein: Die Stadt ist etwas Organisches und führt ein Leben, das die historischen Ereignisse und die Ebenen aus ferner Zeit als Teil ihres intensiven, unförmigen, sich windenden Seins miteinschließt“ (S. 18).

Eine Art hin und her wogende Aufmerksamkeit ist nötig, um zwischen Bewusstem und Unbewusstem zu spüren, eine Sensibilität, die sich zur Wahrnehmung der Traumebene der Realität hin öffnet. Denn diese ist nicht nur Traum, sondern die traumhafte Seite des Realen. So ist der Traum auch mit dem Wachsein verknüpft und das Wachsein holt sich Wahrheit aus dem Traum. Das geschieht aber nur, wenn der Übergang vom einen zum anderen nicht blockiert oder geleugnet wird. 

Bachmanns Text hilft Chiara Zamboni, etwas Wesentliches hervorzuheben: „Wir nehmen die Dinge wahr, die Bäume, die Straßen, die Tiere, die Geschäfte, die Personen, die Autos, eine Stadt und das Grün, das sie umgibt, den Sand von heute und den vor langer Zeit. In unserer Wahrnehmung ist sowohl die Natur präsent (die Spree, die Linden, die Tiere im Zoo) als auch die Geschichte (die Mauer, die Ermordung Rathenaus, die Hinrichtung der Verschwörer gegen Hitler). Die Wahrnehmung trägt die Vergangenheit und die Gegenwart in sich, das Sichtbare und das Unsichtbare“ (S. 19/20). Und noch eine weitere Erfahrung fügt Chiara Zamboni hinzu: „Wenn etwas geschieht, das gleichzeitig von Einzelnen und der Gemeinschaft als zutiefst ungerecht erlebt wird, dann zeichnet sich das nicht nur in den Gesichtern und Blicken ab, sondern auch darin, wie sich die Dinge zeigen. Die Sonne wird metallisch, die Luft kann man nicht mehr atmen, das Licht wirkt feindselig“ (S.20).

Nicht alle Formen des Schreibens seien geeignet, um dem Sich-Entfalten der wahrgenommenen Fakten in ihrer Fülle aus Traumhaftem und Unbewusstem folgen zu können, schreibt Chiara Zamboni gleich zu Beginn des Kapitels. Ingeborg Bachmann wählt ein Schreiben, das von Geschehen zu Geschehen fortschreitet und das keinen erkennbaren Anfang oder Abschluss kennt. Bachmann schreibt sehr genau, sehr durchdacht, so dass der Text im Einklang mit dem Sinn steht, den sie ihm geben will. Es ist kein Zufall, dass sie aus dem schließlich veröffentlichten Text genau die Teile entfernte, mit denen sie ihr Vorhaben in ihrer Rede erklärt hatte. Auch die Metapher von Verletzung und Wunde durch den Mauerbau kommt nicht mehr vor, denn das wäre ja schon eine Interpretation. Die Leser:innen sollen zu einem Blick auf Berlin geführt werden, der wie von selbst entsteht, ohne dass die Autorin erkennbar wird. Der Schreibstil folgt also dem, was heraussticht, darauf wird gezeigt, indem eine Tatsache nach der anderen und ein Bild nach dem anderen aufgeführt wird. Bachmann vermeidet damit einen interpretativen Diskurs, der nach einer Erklärung für die verstörenden Ereignisse sucht. Die Geschehnisse werden miteinander verbunden, aber nicht nach der Logik von Ursache und Wirkung, sondern so nebeneinandergestellt, wie sie nacheinander in ihrer Zufälligkeit sichtbar werden. Bachmann schreibt sehr genau, experimentell, und sie tut dies mit der Absicht, den Eindruck von Subjektivität sowie jegliche interpretative Symbolisierung zu vermeiden.

Chiara Zamboni schreibt nun, die Stadt, die Welt, die Natur zeigten sich in einer Unmenge von Tatsachen. Jede einzelne davon sei es wert, dass ihr Aufmerksamkeit geschenkt würde. Um die Wahrheit der Welt, so wie sie sich gerade gibt, zu erfassen, sei ein Abstand nötig, ein Sich-Loslösen von einer Normalität, die nicht wirklich sehen will, sondern sich in Illusionen und Gleichgültigkeit flüchtet. Notwendig sei ein Schritt zurück, weg von einer Unmittelbarkeit, die voll beladen sei mit vorgegebenen Interpretationen. Ebenso notwendig sei das Vertrauen in die eigene Sichtweise, die innerlich und äußerlich gleichzeitig Wahrgenommenes bezeuge.

Bachmanns Sichtweise bringt den Gedanken mit sich, dass die Welt nicht in ihrer Existenz vorgeführt werden kann. Sie kann nur von einem Ich aus gezeigt werden, das sich zum Spiegel eines Außen macht, das im Werden ist, und dessen Kräfte durch das Ich hindurchgehen. Das Ich wird dann zu einer Art Haken des Diskurses, an dem die Ereignisse aufgehängt werden. Wenn das gelingt, tritt im Erzählen von unseren Erfahrungen die unbewusste Seite unseres Erlebens hervor. 

Das Ich ist in diesem Fall ohne Repräsentationen. Es ist nur ein sprachlicher Haken, nur das Personalpronomen. Doch wir wissen natürlich genau, dass das Ich viel mehr ist als ein Personalpronomen. Es trägt einen Glauben in sich, ein Vertrauen in andere und in die Möglichkeit, etwas zu sagen, um an einem gemeinsamen Gespräch teilzunehmen.

Wir haben es hier mit einem Paradox zu tun. Auf der einen Seite haben wir ein Ich, das zu einem sprachlichen Haken schrumpft, zu einem Nichts, um sich in die Immanenz dessen hineingleiten zu lassen, in dem sich die Realität und die Welt gibt, wobei es ihm gelingt, in unbekannte Gebiete vorzudringen. Aber auf der anderen Seite sehen wir das Vertrauen, mit dem das Ich im Austausch mit anderen das Wort ergreift, wobei das Subjekt sich als Träger von Bedeutungen, Zweifeln und Fragen empfindet, ausgehend von der einzigartigen Perspektive, aus der es spricht.

Dieses Paradox ist typisch für die mystische Sprache, doch wir erleben es auch, wenn wir von der Natur sprechen wollen. Die Seele weitet sich, um empfindsam für jedes Naturgeschehen zu werden, und wird dabei zu etwas, das der Natur immanent ist. Aber gleichzeitig sprechen wir über die Natur von dem Ort aus, an dem wir sind, und wir hören währenddessen auf die spürbare Verbindung zwischen Seele und Natur. Wo der Schreibstil gewählt wird, der sich horizontal, also seitwärts von Ereignis zu Ereignis weiterbewegt und einfach bezeugt, was wahrgenommen wird, wird eine Seite jenes Paradoxes bevorzugt, nämlich diejenige, bei der das Ich sich zum Spiegel der Realität macht und sich von deren Kräften durchdringen lässt, so dass die Seele sich weitet hin zu allem, was gefühlt werden kann. Während die Sprache sich dann nacheinander an das ankoppelt, was jeweils in den Vordergrund tritt, und nichts davon bevorzugt, zeigt sie während dieser Tätigkeit, wie unbewusste Elemente auftauchen und sich in den Diskurs einschreiben. Sie lässt dabei miteinander verbundene leere Räume offen, ohne sie mit konventionellen Worten zu füllen. Dies ist der Stil, der am deutlichsten Zeugnis ablegt von der Gegenwart des Unbewussten in der Naturwahrnehmung.

Chiara Zamboni forscht nun nach den philosophischen Wurzeln, durch die Ingeborg Bachmann zu jenem Schreibstil gefunden hat, denn sie will besser verstehen, wie dieses Denken sich zur Erfahrung in Beziehung setzt, und besonders zur Erfahrung der Natur. Sie findet heraus, dass Bachmann über einen Text von Ludwig Wittgenstein zu Pascal und schließlich zu Simone Weil kam, die sie als Lehrmeisterin betrachtete. Bachmann schreibt über Simone Weil, das Schreiben sei für diese vor allem eine Übung gewesen, um irgendwann dahin zu kommen, die Distanz zwischen „Wissen“ und „Wissen mit ganzer Seele“ zu überwinden. Sie sei eine Fanatikerin der Genauigkeit im Denken und im Leben gewesen, Genauigkeit, bezogen auf die kleinsten und die größten Dinge (vgl. Bachmann, zitiert S. 28). 

Ingeborg Bachmann ist es wichtig, dass das Wissen durch ihr Schreiben zu einem Wissen mit ganzer Seele wird. Da die Seele kein Objekt ist, von dem man sprechen kann, bedarf es dafür einer Übung des Denkens, durch die die Seele sich in den Körper, die Vorstellungskraft und das Unbewusste hineinziehen lässt. Auch mit der Genauigkeit des Sprechens und Handelns verbindet sie sich. 

Den Abstand zwischen Wissen und Wissen mit ganzer Seele möchte Ingeborg Bachmann also mit ihrem Schreiben überwinden. Für sie hat das Schreiben keinen eigenen Wert, hat nichts mit einem Beruf oder dem Produkt zu tun, sondern es soll Veränderung bewirken. Dies ist für sie existenziell wichtig. Wo Transformation durch ihr Schreiben nicht möglich ist, verzichtet sie lieber darauf.

Chiara Zamboni fasst die Erkenntnisse dieses Kapitels zusammen und geht noch weiter: „Die Liebe zur Realität, zu allem, was an Schmerzlichem oder Erfreulichem geschieht, zur konkreten Erfahrung, die wir machen, wenn wir von den Tatsachen ausgehen, scheint auf den ersten Blick zu einem empirischen Wissen von Dingen und Situationen zu führen. Doch in Wirklichkeit bringt sie uns dazu, die Erfahrung und die Bedeutung der Welt auszuweiten, indem sie das Tatsachenwissen mit dem Wissen der Seele zusammenfallen lässt. Die Sprache begleitet diese Erfahrungen, heißt sie willkommen, bezeugt sie und zeigt die präzisen und tiefgehenden Verbindungen zwischen beidem auf, die der gesunde Menschenverstand normalerweise nicht sieht, da er sich gegen den Zusammenstoß mit der Wahrheit des Realen wehrt. Wenn wir diese Wahrheit einmal empfangen haben, verpflichtet sie uns, in der Realität neue, unvorhergesehene Wege zu gehen. Sie verändert das Begehren. Wenn empirisches Wissen zu einem Wissen der Seele wird, stimmt sich die Sprache in die unendliche Bewegung ein, die von Sein zu Sein fortschreitet“ (S. 29).

Am Ende des Kapitels fügt Chiara Zamboni noch einen Abschnitt über die „Bewegung von Sein zu Sein in den Figuren Meister Eckharts“ hinzu (S. 30-35), da sein Schreiben ein bestimmtes fächerförmiges Vorgehen zeigt, das im Einklang damit steht, wie das Sein sich entfaltet. Beim Studium von Meister Eckhart verstehe man noch besser, was es bedeute, so zu schreiben, dass Erfahrungen metonymisch und durchdrungen von der unbewussten und traumhaften Dimension dargestellt werden können. (Hier hat Antje Schrupp den Unterschied zwischen Metapher und Metonymie gut erklärt, der auch für die weiteren Kapitel wichtig ist).

Einen Gedanken aus dem, was sie von Meister Eckhart gelernt hat und am Ende des Kapitels darstellt, findet Chiara Zamboni ganz besonders schön: Wenn Menschen die Sprache und die Rhetorik zu ihrem eigenen Wohlbefinden und Nutzen gebrauchen, verlieren sie die Verbindung zum Sein. Wenn Worte und Gedanken dagegen nicht vom Sein getrennt werden, das uns existenziell berührt, dann nehmen sie einen bestimmten Klang an, einen Geschmack, einen Geruch. Worte haben also dort eine besondere Würze, wo das Sein sich mit dem Subjekt verbindet und das Subjekt sich mit ihm. „Dann wird das Wissen zu einem Wissen mit der ganzen Seele, wie Ingeborg Bachmann schrieb“ (S. 34).

Chiara Zamboni, Sentire e scrivere la natura. Mimesis Edizioni (Milano – Udine) 2020, 217 S., 20 €

Autorin: Dorothee Markert
Redakteurin: Dorothee Markert
Eingestellt am: 11.12.2021
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Kommentare zu diesem Beitrag

  • Anne Newball Duke sagt:

    Liebe Dorothee, vielen vielen Dank für dieses erste Kapitel!! Ich muss das noch in mir wirken lassen, aber gestolpert bin ich über diesen Satz: “Sie lässt dabei miteinander verbundene leere Räume offen, ohne sie mit konventionellen Worten zu füllen.” Der ganze Absatz befremdet mich etwas… Wenn also miteinander verbundene leere Räume nicht in Worte gefasst werden, was ist dann .. sagen wir… was ist dann das “Mehr”, das sie anbietet? Allein ihr Blick auf diese Raumverbindungen, die sie selbst wortlos lässt? Oder ist hier erstmal nur im Mittelpunkt, die Auswirkungen (hier u.a. des Mauerbaus) ohne Worte zu spüren?: “Wir spüren die Auswirkungen von historischen Ereignissen mit dem ganzen Körper.” Dann schreibt sie von “konventionellen Worten”… aber geht es ihr nun nicht eigentlich genau immer darum, diese Worte wiederzubeleben, in gewissem Sinne “unverbrauchte Worte” aus ihnen zu machen? Und wenn diese Verbindungen also weiterhin nur im Körper wirken und “lediglich” aufgezeigt werden sollen, ohne Worte für diese Verbindungen anzubieten… also, ja, ich bin noch nicht ganz angekommen im Text, aber jetzt bin ich sehr gespannt, wie es weitergeht. Bis dahin lese ich den Text von Bachmann, vielleicht wird mir da einiges klarer. Momentan habe ich das Gefühl, sie will aus der Sprache heraus zurück… oder noch einmal einen Schritt zurück machen hinter die Sprache in das noch Unbewusste, noch Wortlose… also zum reinen Fühlen, zum Geschmack, zu Klang, Geruch… Ich nehme an, von dort soll dann wieder zurück in die Sprache gefunden werden? Also das ist ja wirklich spannend!!! Bitte lass mich nicht so lange warten, liebe Dorothee! Spannender als jede Netflix-Serie! ;)

  • Dorothee Markert sagt:

    Liebe Anne, vielleicht hilft dir fürs Erste weiter, dass sich das „sie“ in dem von dir zitierten Satz auf die Sprache bezieht und nicht auf Ingeborg Bachmann. Und ja, es geht um ein Schreiben, das dem Unbewussten, so wie Chiara Zamboni es versteht, ermöglicht, beim Lesen über das Spüren aufzutauchen. Dieses Unbewusste hat nichts mit Verdrängung zu tun wie bei Freud, es ist irgendwie näher, gehört zum Realen, wenn ich das richtig verstanden habe, und es hat viel zu tun mit unserer Bindung an Dinge und an die Natur. Ich würde gern was erfahren darüber, wie es dir ging beim Lesen des Bachmann-Textes!

  • Bettina Schmitz sagt:

    Vielen Dank für diesen wunderbar spannenden Lektürehinweis bzw. zuerst einmal Lektürebericht, auf dessen weitere Folgen ich mich schon freue! Das berührt mich und manches ist mir als Sprachliebende und auch Sprachphilosophin sehr nah. – “Ein Wissen mit der ganzen Seele”, das ist so schön! Was für eine schöne Entdeckung zum Jahresbeginn, kurz vor dem Königinnentag.

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