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Rubrik denken, Ingeborg Bachmann

Irritationen und Gedanken zu Chiara Zambonis erstem Kapitel von “Sentire e Scrivere la Natura”

Von Anne Newball Duke

Ich habe über Weihnachten das Büchlein “Ein Ort für Zufälle” von Ingeborg Bachmann gelesen, da ich nach dem ersten, eher flüchtigen Lesen des ersten Kapitels von Chiara Zamboni “Sentire e Scrivere la Natura”, hier zu lesen (und hier der Beginn der Reihe) einige Irritationen hatte, denen ich auf die Spur kommen wollte, aber auch, weil ich sehr neugierig auf den Text geworden war. Danach las ich das Kapitel erneut und hatte noch mehr Irritationen. Nach zwei Stunden vertieften Schreibens las ich das Kapitel noch ein drittes Mal, und merkte, dass sich beim vorherigen Lesen wieder Lesefehler eingeschlichen hatten. Auch jetzt gibt es die Gefahr, dass ich mich wieder irre oder etwas übersehen habe. Aber auch dafür, hoffe ich, ist unser Forum da: wenn mir eine auf die Schliche kommt, auf die ich selbst noch nicht gekommen bin, bitte sehr gern darauf hinweisen.

Foto: Anne Newball Duke

Ein Text fesselt mich normalerweise, wenn er Fragen aufwirft und nachgeht, die ich mir selbst stelle. An Chiara Zambonis erstem Kapitel blieb ich u.a. deswegen hängen, weil sie ebenfalls der Meinung ist – so wie ich –, dass “der Traum mit dem Wachsein verknüpft ist und das Wachsein sich die Wahrheit aus dem Traum holt”, und dass dies aber nur “geschieht, wenn der Übergang vom einen zum anderen nicht blockiert oder geleugnet wird”. Ich frage mich in Hinblick auf die menschliche Wahrnehmung der Klimakrise seit über zwei Jahren, warum es zu diesen Blockaden überhaupt kommt. Ich teile mit ihr die Ansicht, dass “um die Wahrheit der Welt (…) zu erfassen, ein Abstand nötig sei, ein Sich-Loslösen von einer Normalität, die nicht wirklich sehen will, sondern sich in Illusionen und Gleichgültigkeit flüchtet”.

Mich interessiert also genau das: wann und warum blockiert bei einigen der Übergang, und wann und warum gelingt anderen hingegen das Sich-Loslösen von der Normalität; sei es ganz automatisch oder durch Aufbringen einiger Mühen? Ich denke, dass dieses Sich-Loslösen ein wesentliches Moment ist, um Welt zu erkennen; und wir brauchen diese Welterkennung von möglichst vielen Menschen, um die notwendige Veränderung zu bewirken.

Ich beginne da, wo auch meine Irritationen begannen; am Ende wird der Sinn hoffentlich deutlich.

Mich haben gleich zu Beginn die vielen Passivformulierungen in Chiara Zambonis Text irritiert, aber auch Formulierungen wie diese: “nur einige wenige nehmen wahr, dass da etwas geschieht, dass eine Art Disharmonie entstanden ist”: Ich fragte mich: Wer sind “einige wenige”? Chiara Zamboni meint hier – und ich hoffe, jetzt richtig gelesen zu haben – “einige wenige” Bewohner*innen von Berlin. Nach dem Lesen von Ingeborg Bachmanns Text bin ich aber der Meinung, dass nicht “einige wenige” das wahrnehmen, sondern dass es die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann ist, die das wahrnimmt. Ich halte das für entscheidend, deswegen führe ich das etwas genauer an weiteren Textbeispielen aus.

Wenn Chiara Zamboni schreibt, “wir spüren die Auswirkungen von historischen Ereignissen mit dem ganzen Körper”, dann frage ich mich unweigerlich: wer ist für sie in Ingeborg Bachmanns Text – denn auf den bezieht sie sich hier ausdrücklich – “wir”? Ich bin der Meinung, im Text ist es “nur” Ingeborg Bachmann, die das spürt. Sie schreibt den Text “Ein Ort für Zufälle”; es sind ihre Gedanken, es ist ihr Weltgefühl, ihr Stadtgefühl. Das, was Ingeborg Bachmann spürt und wofür sie eine so großartige Sprache findet, ist in meiner Lesart nichts, was alle Menschen an diesem geschichtsträchtigen Tag im Mai 1961 gleichermaßen wahrnehmen. Es ist ihre Wahrnehmung als Schriftstellerin, und was da aus dem Unbewussten und Gewussten nach oben in ihre Wahrnehmung spült, ist eben genau das: ihre ganz spezifische Wahrnehmung. Sie bietet also ihr Wortefinden für diese Wahrnehmungen, für diese Wahrheiten an und greift damit in den Wahrnehmungshaushalt der Leser*innen ein – möglicherweise/idealerweise, denn das würde die Veränderung bringen, die sie anstrebt. Sie lässt sie also teilhaben an ihrer Sichtweise und stellt sie zur Übernahme frei. Texte wie der ihre sind also ein Veränderungsmotor, wenn die Lesenden sich darauf einlassen, sich durch den Text angeregt loszulösen von der Normalität, wieder mehr in die eigene Sichtweise zu vertrauen usw.

Ich verstehe daher nicht, warum Chiara Zamboni anhand von “Ein Ort für Zufälle” schreibt, dass “ein politisch-historisches Ereignis wie der Mauerbau in seiner Tiefe nicht vom Ich erfasst wird”. Denn Ingeborg Bachmann hat es ja gerade erfasst. Für mich ist es wichtig, welche Subjekte sich hinter dieser Passivkonstruktion verbergen. Es ist nicht irgendeine “ganz feine Wahrnehmung, durch die wir diese Realität Berlins als krank, als ein Durcheinander erleben”, es ist die “ganz feine Wahrnehmung” von Ingeborg Bachmann. Oder wessen Wahrnehmung meint Chiara Zamboni?

Ich finde diesen Punkt sehr wichtig. Denn wenn sie weiter schreibt: “Wir spüren diese Auswirkungen von historischen Ereignissen mit dem ganzen Körper”, so stimmt das natürlich, aber es ist doch die entscheidende Frage, was wer daraus macht, aus diesem Körpergefühl und -einschreibungen. Ingeborg Bachmann macht daraus Texte wie diesen. Aber was machen andere Menschen, was machen “wir” damit? Sie/”wir” verdrängen, leugnen möglicherweise (Bei Chiara Zamboni – oder in der Übersetzung? – kurz darauf im Passiv formuliert: “…, wenn der Übergang vom einen zum anderen nicht blockiert oder geleugnet wird.” ), das heißt also, nicht jedes körperliche Erkennen oder Sehen führt in eine so tiefe Auseinandersetzung mit der Welt oder der Stadt, wie Ingeborg Bachmann sie sich zumutet. Sie ist die Schriftstellerin, die zu dieser besonderen Wahrnehmung fähig ist. Sicherlich haben manche Menschen eine besondere Gabe zu einer solchen Wahrnehmung; und nicht selten werden solche Menschen Schriftsteller*innen oder Musiker*innen oder andere Formen von Künstler*innen. Eine solche Wahrnehmung ist meines Erachtens aber erlernbar (der Schreibstil sicher auch, aber um den geht’s hier noch nicht); jeder Mensch kann sie sich in einem je individuellem Maße aneignen. Ich persönlich entwickle daraus gern einen Imperativ: Leute, eignet euch doch bitte diese Wahrnehmung an – ich meine immer vor allem jene Wahrnehmung, welche einer jeden die Verbundenheit mit der Welt aufzeigt –, denn aus dieser heraus entsteht überhaupt intrinsischer, nachhaltiger Veränderungswille.

Ich würde also behaupten, nicht jeder Mensch in Berlin sieht den Mord an Walter Rathenau an diesem Maitag, und falls ihn viele sehen/wahrnehmen können, dann nicht auf dieselbe Art. Ich würde meinen, ein solcher Mord schreibt sich doch sehr unterschiedlich in die Menschen ein; je nachdem, ob dieser Mensch eine Kommunist*in ist, eine Zeug*in war, eine Rechtextremist*in usw.

Da das Vergessen in Chiara Zambonis Text eine nicht unbedeutende Rolle spielt und ich mich in der Theorie des Vergessens gut auskenne, argumentiere ich im Folgenden von ihr ausgehend. In Robin Wall Kimmerers Buch Geflochtenes Süßgras las ich gestern – zugegebenermaßen ein bisschen aus dem Zusammenhang gerissen: “Doch die Menschen sind nicht immer so achtsam wie das Wasser – wir können vergessen.” (S. 359) Chiara Zamboni hingegen schreibt: “Nichts wird vergessen, alles ist in der Wahrnehmung vorhanden.” Was stimmt nun? Für Umberto Eco ist die Ars Oblivionalis ein Oxymoron, denn es ist ihm zufolge unmöglich, einen Ausdruck zu gebrauchen und dessen Inhalt dann verschwinden zu lassen. Es könne daher nur ein Vergessen “aus Versehen” geben, “as a consequence of repression, drunkenness, drugs, cerebral lesions, an account of degeneration, decline (owing to old age or illness), and the removal of cerebral organs” (1988, S. 254). Vergessen sei also kaum möglich, aber es könne Verwirrung geschaffen werden, z.B. durch “excess”: “one forgets not by cancellation but by superimposition, not by producing absence but by multiplying presences”. (S. 260) Sein Fazit ist also, dass sich Vergessen nicht durch ein Defizit, sondern durch ein Zuviel an Information einstellt. Es gibt also durchaus Vergessensstrategien. Wenn beispielsweise Gewalt angewendet wird, kann es bei Menschen zu temporären Löschungen kommen oder zu Überblendungen, Überlagerungen, Multiplikationen, Projektionen, Verzerrungen und Verschiebungen in den jeweiligen Erinnerungen von Ereignissen (vereinfacht ausgedrückt). Zumindest temporäre Vergessenstechniken sind ebenfalls das Leugnen und Verdrängen. (Der Kapitalismus ist by the way einer der raffiniertesten Vergessenskünstler weltweit, er kennt alle Strategien des Vergessens und wendet sie unentwegt bei den Menschen an. ;)

Den je eigenen Mix aus Erinnerungs- und Vergessenstechniken gestaltet also jeder Mensch selbst, und natürlich nicht frei schwebend in einem geselllschafts- und geschichtslosen Raum; es werden also bestimmte Techniken und Inhalte von der jeweiligen Gesellschaft nahegelegt. In kapitalistisch organisierten Gesellschaften ist das Erinnern an die eigene menschliche Verbundenheit mit der Welt keine Fähigkeit, die in irgendeiner Form gewünscht oder gebraucht wird; deswegen verkümmert sie.

Dieser Argumentation folgend frage ich mich also: Ist der Mord an Walter Rathenau wirklich etwas, das in der Wahrnehmung aller Berliner*innen oder auch nur “einiger weniger” auf dieselbe Art präsent ist an diesem Maitag 1961?

Ich stimme Chiara Zamboni zu, dass “die Stadt etwas Organisches” ist, aber dieses Leben einer Stadt, “die historischen Ereignisse und die Ebenen aus ferner Zeit” zu erkennen, sie also nicht zu vergessen, das vermag nicht jeder Mensch. Und wenn wir alle es wieder erlernen würden, und dazu auch noch diesen Schreibstil erlernen würden, dann würden bei jeder Einzelnen je nach Moment und Wahrnehmungsfokus immer noch andere Wahrnehmungen an die Oberfläche gespült und sodann von dieser in Sprache und Diskurs gebracht werden. Denn die Geschehnisse sitzen bei jedem Menschen woanders und unterschiedlich tief, werden je unterschiedlich in den jeweiligen Körpern verarbeitet.

Wenn ich von der “Oberfläche” spreche, dann, weil Chiara Zamboni vom horizontalen Schreibstil spricht, also einem seitwärts-gerichteten, der sich “von Ereignis zu Ereignis weiterbewegt”. Für mich ist das ein Schreibstil, deren Aufmerksamkeit auf der Oberfläche ruht, also auf allem, was aus dem verborgenen Tiefen des (Bachmann’schen) Selbst nach oben ploppt. Das, was Ingeborg Bachmann in den Text bringt, schwimmt meines Erachtens nicht die ganze Zeit an der Oberfläche. Der Tod von Walter Rathenau schlummert sicherlich die meiste Zeit auch bei ihr in ihrem Gewussten, und zwar “normalerweise” in tieferen Sphären ihres Körpers. Ihre ganz spezifische Sichtweise, ihr Loslassen und Einlassen auf die Stadt (, die gerade entzweit wird,) hinter der Normalität bringt diesen Mord nach oben in ihre Wahrnehmung; sie verbindet ihn mit dieser neuerlichen Gewalterfahrung.

Ingeborg Bachmanns Schreibweise erinnert mich stark an das automatische Schreiben (“Écriture automatique” ;) der Surrealist*innen (tatsächlich habe ich mich – wie im Studium damals üblich – nur mit Männern beschäftigt…).

Was ich dann wieder nicht verstehe – und das hängt wahrscheinlich mit der obigen Irritation zusammen… oder es ist ein logischer Schluss aus diesem “wir”/”einige wenige”/Passivkonstruktionen usw. usf. – ist, wie und warum Chiara Zamboni dann in der Beschreibung des Bachmann’schen Schreibstils das “Subjekt als Träger von Bedeutungen, Zweifeln und Fragen” trennt von “einem Ich, das sich zum Spiegel eines Außen macht” das “ohne Repräsentationen” ist, nur “ein sprachlicher Haken, nur das Personalpronomen”. Für mich hat diese Trennung etwas Künstliches, was ja okay wäre, wenn ich dahinter einen Sinn sehen würde. Sie sagt dann, das sei ein Paradox, das typisch für die mystische Sprache sei. Nun kenne ich mich in mystischer Sprache leider kaum aus.

Ingeborg Bachmann nimmt wahr, und zwar mit all ihrem “Wissen mit ganzer Seele”. Sie ist es, die  die Verletzungen und Wunden bei ihren Mitmenschen, den Berliner*innen erkennt, weil sie ein Gespür für das Organische der Stadt hat, weil sie in dem Moment ein (Organ-)Teil von ihm ist. Und sie kann das nur erkennen, weil sie über eine riesige Breite und Tiefe geschichtlicher Erfahrung und über ebensolches immenses (geschichtliches) Wissen verfügt, und dies unentwegt im Körper arbeiten lässt (es eben nicht verdrängt und leugnet wie so viele andere, die nicht nur sich selbst in Fettpapier einwickeln, sondern auch solche Ereignisse irgendwo in ihren Körpern mit Steinen beschwert und in Fettpapier gewickelt haben und sich wünschen, es möge nie mehr in der Wahrnehmungsebene aufploppen). Nur weil sie das hat und macht und kann, ergibt das in der Kombination mit dem von ihr gewählten Schreibstil ein solch intensives wahrhaftiges Bild. Ihre Wahrnehmungsfähigkeiten sind also erst einmal die Voraussetzung für einen solchen künstlerischen Ausdruck. Diesen sucht sie sich ganz bewusst aus; sie wählt einen Schreibstil, der – wie Chiara Zamboni schreibt – “am deutlichsten Zeugnis ablegt von der Gegenwart des Unbewussten in der Naturwahrnehmung”.

Sie ist es also, die in ihrer Schreibtechnik “das Ich zu einem Spiegel eines Außen” macht usw. So gesehen braucht es dann auch nicht die Passivkonstruktion, die mich in diesem Abschnitt wieder so verwirrt hat (So u.a.: “Bachmanns Sichtweise bringt den Gedanken mit sich, dass die Welt nicht in ihrer Existenz vorgeführt werden kann. Sie kann nur von einem Ich aus gezeigt werden, …”).

Meines Erachtens gibt es also das Paradox (das aus der Trennung zwischen Ich und Selbst entsteht; siehe weiter oben) nicht, von dem Chiara Zamboni spricht. Denn es handelt sich nicht um eine Wahrnehmungstechnik – hier entstünde tatsächlich das Paradox –, sondern um eine Schreibtechnik.

Und in meiner Lesart ist Ingeborg Bachmann auch als Autorin im Text erkennbar. Ich sehe sie, auch wenn sie nicht “ich” sagt und nicht von sich selbst spricht. Ich fühle ihre Gefühle in jedem einzelnen Satz, so viel Schmerz und Zerbrechen, Angst, Gewalt und Unsicherheit in jeder Formulierung, auch wenn diese nicht unmittelbar sie selbst betreffen: “Alles ist versehrt, nicht durch Geschosse, sondern inwendig, die Körper sind durcheinander, sie sind oben oder unten zu kurz, das Fleisch ist ganz stumpf und gelähmt in den Gesichtern, ganze Mund- und Augenwinkel sind schief, und der unsichere Bahnhofsschatten macht alles noch ärger. Die Schaffnerin am Schalter muss die Decke mitsamt der S-Bahn stemmen, denn es dröhnt wieder. Die Frau hat zum Glück diese riesigen Muskeln und Hände, sie stützt, während sie gleichzeitig Fahrkarten ausgeben muss, schon wieder die S-Bahn, weil der Gegenzug zur Friedrichstraße drüber hinwegrollt. Da fällt noch ein Teil der Decke herunter, aber sie hebt ihn wieder auf, dann kommt der andere Teil herunter, auf dem auch die Siegessäule steht, dann rattert wieder die Bahn, Richtung Wannsee. Es ist eine Katastrophe. Die Leute suchen Zuflucht im Restaurant nebenan, sie hocken unter den Tischen, sie wollen den Angriff abwarten, aber die Schaffnerin kommt und sagt, es sei kein Angriff. Es gehe weiter, das werde nicht mehr vorkommen.” (S. 14f.) (Ich zitiere auch so lang, weil ich finde, die Parallelen zu heute werden so eklatant sichtbar… und mir kommen Bilder des Films “Don’t look up” in den Sinn, und ich sehe Luisa Madrigal – ach überhaupt alle Madrigals außer Maribel ;) – vor mir aus Disneys neuem Film “Encanto”…)

Wenn wir (übrigen Menschen außer Ingeborg Bachmann ;) diese Fähigkeit des Loslassens von der Normalität wichtig fänden und ernst nehmen und wieder ausbauen und nutzen würden, dann würden wir uns nicht momentan die Lebensgrundlage unter den Füßen wegzerstören. Ich habe Ingeborg Bachmanns Text vor dem Hintergrund der Klimakrise und auch der Corona-Krise gelesen. Auch hier laufen die Menschen jammernd durch die Straßen und Gassen, humpeln die Versehrten die Stiegen runter, die Körper sind durcheinander, usw. usf. Aber wer sieht das? Die jammernden und humpelnden Menschen selbst? Sie fühlen es, da bin ich sicher, aber auf welche Weise bringen sie das von ihren je eigenen Körpern verarbeitete Wissen in den Diskurs? Blockieren sie die Übergänge und werden zu Corona-oder Klimaleugner*innen und sprühen Hass in die Straßen und Gassen?

Und wer bringt das Geschehen, die Zusammenhänge, die Ereignisse, die Wahrnehmungen, “die Liebe zur Realität” (so schöne Formulierung von Chiara Zamboni) überhaupt so in den Diskurs, dass in diesem nicht mehr die Verhandlung der Normalität, sondern das Sprechen über die “Wahrheit des Realen” (Chiara Zamboni) das Ziel ist? Wissenschaftler*innen sprechen eine bestimmte Sprache, Klimaaktivisti* wiederum sprechen diese teils nach und suchen und suchen aber auch immer wieder und weiter nach Worten und Beschreibungen, um die bereits existierende Realität einer Welt in Klimakrise in den Diskurs zu bekommen. Normalität und Realität könnten nicht weiter voneinander entfernt liegen. Auch deshalb habe ich Ingeborg Bachmanns Text als so aktuell wahrgenommen. Der Chefarzt erwartet jede Minute das Flugzeug, er verspricht sich alles davon. Dann sagt er, um Ruhe zu schaffen, alle können nächste Woche nachhause. Alle husten und hoffen und haben die Fieberthermometer in der Achselhöhle, unter der Zunge, im After, und die zehn Zentimeter langen Nadeln im Fleisch. Die dunklen Balkone sind abbruchreif, keiner traut sich, heute nacht aufs Geländer zu steigen und der Nachtschwester zu drohen, die für den Nachtarzt wieder Kaffee kocht; alle machen die Pläne allein, der Plan ist ein Tunnel, oder man müsste direkt hinaus in die Wüste, müsste das Kamel aus dem Zoo befreien, (…) (Ingeborg Bachmann, “Ein Ort für Zufälle”, S. 13)

Ich finde es also wichtig, wer spricht und wer was fühlt, wer warum verdrängt und leugnet; hier ist für mich kein Passiv angebracht, denn das ist es genau, was ich herausfinden möchte, bzw. wo ich direkt in die Wunden und Fragen und Zweifel und Sprachlosigkeiten stechen möchte, weil ich es wichtig finde, Wege aus ihnen heraus zu finden.

Und natürlich: im Grunde ist es kein Rätsel mehr, warum Menschen die Fähigkeit des Loslassens nicht beherrschen (wollen, sollen). Erklärungen für die Klimakrise beispielsweise wurden genug gegeben. Wissenschaftliche Sprache, Übersetzung in einfache Sprache, Diagramme, Fakten, Tatsachen, alles auf dem Tisch. Wie gelangen sie in die Körper? Fehlen dafür andere Ausdrucksformen, andere Schreibstile? Und wenn ja, wer kann das leisten? Künstler*innen vor! Oder gibt es sie längst? Filme, Bücher, Gedichte, Musik, “ein Ort für Zufälle” von Ingeborg Bachmann, Science Fiction (vor allem feministische)… eigentlich ist alles da.

Welche Sprache müssen Klimaaktivist*innen sprechen, damit das von ihnen Gesagte in den Körpern anderer Menschen zur Bearbeitung freigegeben wird?
Foto: Angelina Haug

Im eben schon erwähnten Netflix-Film “Don’t look up” – in diesem Sinne ebenso wie Bachmanns Text  ein Angebot für Veränderungswillige, nur mit ganz anderem “Schreibstil” – wird die Frage gestellt: Wieso verstehen die Menschen nicht, wenn eine Wissenschaftlerin sagt: “In sechs Monaten geht die Welt unter, wenn wir nicht sofort etwas dagegen tun”? Warum sagen sie/”wir” der Wissenschaftlerin dann, sie soll in ein Medien-Training oder zur Therapie gehen, weil… halt wegen zuviel Hysterie und Weinen? Warum sagen “wir” ihr, sie sei zu direkt gewesen, das schockiere uns Menschen, mit so klaren direkten, wahren Worten könnten wir nicht umgehen, wir wollen es soft verpackt, unterhaltsam, dosiert, wegschwemmbar, relativierbar, manipulierbar? Warum hört niemand, wenn sie sagt, so oder ähnlich: “Wieso soll ich eine Therapie und Medien-Training machen, weil ich weine, dass die Welt untergeht und wir alle sterben werden? Sollte es nicht genau anders herum sein? Warum weint ihr nicht mit mir und kommt ins Handeln??” Wie kann es sein, dass wir alle eigentlich dasselbe sehen und hören, weil wir zur gleichen Zeit am gleichen Ort sind und dieselbe Sprache sprechen, und trotz haargenau demselben Hör-, Seh- und Fühl-Angebot dann so unterschiedlich fühlen und reagieren? Warum entscheiden sich also die einen zu weinen und zu handeln, und die anderen für das Schweigen und/oder Verdrängen und/oder Leugnen? Warum muss ich Seminare besuchen, in denen ich lerne, wie ich Leute dazu bringen kann, dass sie das Gesehene und Gehörte über die Klimakrise in ihren Körpern in einen Verarbeitungsprozess schicken? Warum hören und fühlen und spüren und sehen sie nicht die Dinge, die für das gute Leben, die für das Überleben wichtig sind? Hat der Kapitalismus alles zugekleistert? Oder wieso wickeln sie sich in Fettpapier, obwohl genau dieses Einwickeln (gewaltsamen) Tod bedeutet?

Was nun das eigentliche Thema “Natur” angeht, so kann ich dazu noch nicht viel sagen, da warte ich lieber noch ab. Ich halte fest, dass für Chiara Zamboni Ingeborg Bachmanns Schreibstil “am deutlichsten Zeugnis ablegt von der Gegenwart des Unbewussten in der Naturwahrnehmung”. Ich habe den Satz schon zig mal gelesen… ich glaube, weil auch in ihm Wahrnehmungs- und Schreibtechnik verwoben sind, geht er mir nicht ganz auf. Ich würde beide Techniken voneinander trennen. In Chiara Zambonis Lesart würde ich sagen: “Natur” entsteht zum einen als Ergebnis der Wahrnehmungsfähigkeit, welche die Aufmerksamkeit dahin lenkt, um zwischen und Bewusstem und Unbewusstem zu spüren, sowie eine Sensibilität in sich trägt, die Traum und Realität miteinander verknüpft. Und dann gibt es Menschen, die u.a. mit ihrer künstlerischen Ausdrucksform zeigen können, dass diese Wahrnehmungsfähigkeit möglich ist, und zwar für jede*. In eine solche Form gießt uns, ein solches Geschenk macht uns Lesenden Ingeborg Bachmann. Wenn wir das Geschenk annehmen, dann hat es das Potenzial, uns zu verändern. Das heißt: Nicht jeder Mensch muss den Schreibstil erlernen und Schriftsteller*in oder Künstler*in werden. Aber die Wahrnehmungsfähigkeit ist meines Erachtens wichtig, um mit ihr im besten Falle die eigene Weltverbundenheit erkennen zu können. Um sozusagen unser (menschliches) eigenes Natur-Sein, unser Von-der-Welt-Sein zu erkennen. Es ist eine der wesentlichen Voraussetzungen für ein gutes Leben für alle Würdeträger*innen dieser Welt.

Es bleibt spannend. Ich freue mich auf die nächsten Kapitel.

Kommentare zu diesem Beitrag

  • Sandra Divina Laupper sagt:

    Hallo Anne,
    Chiara Zamboni lehnt sich in diesem Text, denke ich, an den Text von Ingeborg Bachmann an, um aufzuzeigen, wie mächtig es sich auf unsere Fähigkeit zur Veränderung auswirken kann, wenn wir bereit sind, uns auf ein Wissen mit der ganzen Seele einzulassen. Was mir auffällt, wenn ich diesen deinen Kommentar lese, ist, dass du dich immer wieder so ausdrückst, als spreche Chiara davon, dass es auf der einen Seite Menschen gebe, die zu einer derartigen “horizontalen” Form von Aufmerksamkeit und somit Wahrnehmung und somit Sprache fähig sind, und auf der anderen Seite hingegen Menschen, die dazu nicht fähig oder nicht bereit sind. Aber ich verstehe Chiara nicht so. Ich denke, jede und jeder ist zu einer solchen Aufmerksamkeit fähig – grundsätzlich. Aber jeder und jedem kann diese Aufmerksamkeit unter bestimmten Umständen auch abhanden kommen. Auf keinen Fall handelt es sich um eine Fähigkeit oder auch um eine Bereitschaft, die sich von allein einstellt oder die ich forcieren kann, wenn mir dafür die Voraussetzungen fehlen. Das Verdienst einer Ingeborg Bachmann oder auch einer Chiara Zamboni besteht darin, uns dank diesen ihren Texten in dieser Fähigkeit zu bestärken. Ich glaube, du solltest auch nicht unterschätzen, dass Chiara (Ingeborg?) von der Wichtigkeit des Vertrauens spricht – sprich von der Wichtigkeit starker und verbindlicher menschlicher Beziehungen. Ohne die geht keine Veränderung voran!
    Ehrlich gesagt: Ich würde mich nie getrauen, an irgendjemanden irgendwelche Aufforderungen zu richten, zu dem ich nicht eine Vertrauensbeziehung pflege! Du tust das aber, wenn du solche Sätze sagst wie “Leute, eignet euch doch bitte mal eine solche Wahrnehmung an”. Damit fällst du selbst aber aus einer solchen “horizontalen” Wahrnehmungsperspektive heraus, stellst dich auf einen Sockel – und wirkst unvermeidlich ganz unglaubwürdig, weil du dich selbst in Gegensatz stellst zu dem, was du sagst. Du selbst personifizierte in solchen Sätzen eben jene Normalität, der du zu entkommen versuchst! Eben die Normalität der Macht, die versucht, möglichst viele Leute auf ihre Seite zu bringen, um einen möglichst großen Einfluss zu gewinnen.
    Du predigst auch in den letzten Zeilen deines Kommentars von der Wichtigkeit einer Wahrnehmungsfähigkeit, die es schafft, Realität und Reales in einem fließenden Übergang zueinander zu sehen. Wir brauchen alle keine Künstlerinnen oder Philosophinnen zu sein, um sie zu erwerben, schreibst du. Freilich nicht. Aber es reicht auch nicht allein ein Willensakt dazu. Das, was es dazu braucht, um zu einer effektiven symbolischen Revolution zu finden, sind konkrete politische Praktiken, die von Kontext zu Kontext neu zu erfinden sind. Auch hier verweise ich auf den Text zum philosophischen und politischen Streit um die Bedeutung von Praxis, den Chiara Zamboni verfasst und Dorothee Markert für bzw. weiterdenken übersetzt hat! Alles Liebe – und viel Erfolg beim Lesen!

  • Anne Newball Duke sagt:

    Liebe Sandra, danke für deinen ausführlichen Kommentar!
    Tatsächlich habe ich das Gefühl, dass wir in vielem einer Meinung sind, wo du einen Unterschied ausmachen willst, z.B. wenn du schreibst, dass “jeder und jedem diese Aufmerksamkeit unter bestimmten Umständen auch abhanden kommen kann”. Davon und von vielen mehr schreibe ich ja den ganzen Artikel lang, mit dem Ausflug ins Vergessen usw. usf.

    Den Imperativ meine ich natürlich überspitzt. Natürlich haue ich den Satz niemandem in der Art um die Ohren, und wenn, dann nur nach ausführlichen, auf Vertrauen basierenden Gesprächen. Ich meine, es müsste möglich sein, auch einmal etwas “heftiger” darzustellen, um eine Brisanz zu verdeutlichen. Ich glaube nämlich, dass die meisten Menschen noch nicht im Klaren darüber sind, wo wir momentan in der Weltgeschichte stehen. Ich habe diese Artikel schon so oft hier verlinkt… ich tue es auch jetzt wieder: https://utopia.de/zusammenbruch-zivilisation-klimakrise-prognose-klimawandel-193842/

    Face the Facts: Es ist doch so, dass wenn wir uns – in der genügenden Anzahl für gesellschaftliche Kipppunkte – nicht umorientieren und unser Begehren MÖGLICHST BALD neu ausrichten, wir sehr bald keine Chance mehr haben werden, noch irgendetwas auszurichten. Das hat nichts mit Moral zu tun, oder dass ich so gemein und egozentrisch bin, weil ich andere Leute unbedingt auf meine Seite ziehen möchte. Es geht um alles mittlerweile. Und die Zeit läuft uns zudem davon. Sonst würde ich ganz anders reden, glaub mir. Dann würde ich mich in meinen Schaukelstuhl setzen, mir eine Pfeife anzünden und sagen, “Well well, in ein paar Jahrhunderten und nach ein paar heftigen Backlashs werden wir das mit der Klimakrise und dem Artensterben schon auf die Reihe kriegen; wenn nicht meine Generation, dann die meiner Kinder und Kindes- oder Kindeskindeskindeskinder. No pressure at all.” Ich glaube, dass jetzt so viele feministische und indigene Philosoph*innen gerade aus der Biologie und Geologie usw. kommen und das Verhältnis der Menschen zur Welt in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen rücken, ist, weil sie die Zusammenhänge begreifen und begreiflich machen wollen, WEIL die Uhr tickt, und WEIL es in weniger als 10 Jahren UNWIEDERBRINGLICH zu spät sein wird dafür, dass möglichst viele Menschen ein gutes Leben haben können. Hinter ihrem Schreiben steht ein fetter Imperativ!
    Alle Philosoph*innen, die ich bisher dazu gelesen habe, haben ihren je eigenen Stil und Methode. Und egal, ob sie darin tatsächlich einen Imperativ verwenden oder nicht: Ich lese und fühle den Imperativ in jedem einzelnen ihrer Worte. Meine Art der Übersetzung dieser Texte ist es, den Imperativ zu verdeutlichen, indem ich ihn nutze. Ich denke, viele verschiedene Arten des Ausdrucks erreicht insgesamt vielleicht mehr Menschen. Ich würde mir wünschen, ich müsste nicht derartig ungeduldig sein und könnte mir den Imperativ sparen. Ich wünschte, Freiheit könnte immer noch die Freiheit bedeuten, unendlich viel Zeit für Entwicklung zu haben. Ich bin aber der Meinung, dass die Menschen, die die Zeit und Energie aufbringen können, diese Bücher lesen, auch den Imperativ in den Texten erkennen und auf die Straßen springen sollten (wegen der Kippunkte ;) .
    Ich meine, ist das verständlich, was die Klimaforscher*innen da sagen? Kommt das an? Dass in etwa 80 Jahren die Anzahl der Menschen auf eine Milliarde reduziert sein wird, wenn wir so weitermachen wie bisher? Und dass meine Kinder zu den wenigen lucky ones zählen würden, wenn sie keinen gewaltsamen Tod erleben? Und dass sie dann aber dennoch auf schlimmste Art und Weise ganze Gesellschaften zusammenbrechen sehen werden, Teil des Zusammenbruchs sein werden? Und dass ich darauf lieber nicht wetten möchte und lieber alles jetzt in die Waagschale schmeiße, um am Ende zumindest sagen zu können: Ich habs zumindest versucht, wenn auch mit ein paar Imperativen zuviel? Und dann werde ich auf meinem Sterbebett sagen: “Aber wisst ihr Kinder, die Leute damals vertrugen keine Imperative… das verstand man damals unter Freiheit…” Ich finde, es ist schon an der Zeit, sich nicht mehr so über Imperative zu ärgern, sondern zu überlegen, warum wer Imperative nutzt. In der Sache könnte mir ja auch vertraut werden, oder nicht? Vielleicht haben die Leute, die gerade Imperative benutzen (Klimaforscher*innen vor allem), ja recht? Vielleicht macht ihr Imperativ Sinn? Und vielleicht übersetzen Philosoph*innen wie Donna Haraway, Robin Wall Kimmerer, Chiara Zamboni, Tyson Yunkaporta, Teresa Brennan, Richard Powers, Isabelle Stengers, Bayo Akomolafe, Emanuele Coccia, Lynn Margulis und so viele mehr ja nur die Imperative, die sie in ihrer Forschung und Wahrnehmung als Erkenntnis herausgearbeitet haben, und zwar möglichst verdaulich, damit die Leute, die keine Imperative mögen, doch noch dazu kommen, eventuell auch mal einen Imperativ in Erwägung zu ziehen? Vielleicht ist es an der Zeit, die Imperative mehr zu erkennen und sich nicht mehr so darüber aufzuregen, dass es Imperative gibt? Es gibt sie, sofern das (gute) Weiterleben der Menschheit ein Interesse ist. Das Überlegen, ob es Imperative geben darf oder nicht, ob man Leute damit konfrontieren darf oder nicht, ist für mich irgendwie mittlerweile echt verlorene Zeit. Du kannst sagen: okay, Imperative sprechen mich nicht an, rede mit mir. Dann sage ich dir: ich habe 6 Seiten lang meine Sichtweise dargelegt, mich mit einem Text auseinandergesetzt und am Ende dieser 6 Seiten einen Imperativ formuliert: ausführlich zuvor hergeleitet und besprochen. Ist er dennoch so unverdaulich? Hat der Text kein Vertrauen gelegt, habe ich nicht genug von mir preisgegeben, dass ich das am Ende tun kann, ohne dass du dich angegriffen fühlst? Und noch eine Frage: Fühlst DU dich von meinen Worten angegriffen, oder wen oder was fühlst du angegriffen?
    Ansonsten habe ich das Gefühl, dass Chiara Zamboni unter “horizontale Wahrnehmungsperspektive” hier etwas anderes versteht als was du meinst. Ich habe teils das Gefühl – nicht böse sein – dass du meinen Text nicht wirklich durchdrungen hast.
    Die spannende Frage ist doch, für mich zumindest: Warum schreibt Chiara Zamboni genau jetzt ein Buch über “Natur”? Welchem Begehren folgt sie? Welche Dringlichkeit (welchem Imperativ ;) dafür sieht sie, folgt sie in sich?

  • Fidi Bogdahn sagt:

    Mit größtem Interesse lese ich eure Beiträge bzw. diese Kommentare.
    Und nicht zum ersten Mal, auch dieses Mal komme ich mir vor
    wie ein Maulwurf, der sich durch die wortmächtigen Texte buddelt;
    meine Erdhaufen sind einzelne Sätze, die ich mir rauskopiere,
    um diese anschließend maulwurfuntypisch im Sonnenlicht zu zersätzen,
    in der Hoffnung, dann alles in weniger Worten einfacher zu verstehen.
    Ich möchte nichts weniger als “am Mehr anderer Frauen zu wachsen“!

  • Johanna Helen Schier sagt:

    Hallo liebe Fidi. “… sich wie ein Maulwurf durch wortmächtige Texte buddeln…”
    Ich erinnere mich an die Seminare und Texte meiner Studienzeit in den
    achtziger Jahren. Je unverständlicher der Text, desto größer der Respekt
    der Studentinnen. Heute weiß ich: Je mehr die Autorin ihre Gedanken ausschmückt,
    umso weniger hat sie zu sagen.

  • Anne Newball Duke sagt:

    Na ich glaube, eine unverständliche Sprache zu nutzen und darüber größtmögliche Distinktion zu erreichen/ sich nur unter “seines/ihresgleichen” bewegen zu wollen bzw. kein Interesse daran zu haben, dass andere die Gedanken nachvollziehen können, ist etwas ganz anderes, als Gedanken auszuschmücken, um den Kerngedanken anderen vielleicht durch die Ausschmückung verständlicher zu machen. Klar kann das egozentrisch motiviert sein, aber ich erkenne meist schon, ob hier eine Autor*in versucht, mir ihre Gedanken zu verdeutlichen, oder ob sie nur um sich selbst und wenige andere kreist.
    Falls an meinem Text etwas unverständlich ist, bin ich hier, um etwas zu erklären, um noch einmal andere Worte zu finden als die, die mir nahelagen. Manche Texte sind einfacher zu verstehen, das ist ja auch individuell verschieden und natürlich total abhängig vom Thema. Und manche Texte kosten eben etwas mehr Zeit und Energie. Kann jede ja zum Glück frei und selbst entscheiden, ob sie sich dem aussetzen mag, weil sie ein “Mehr” für sich erhofft, oder nicht.

  • Fidi Bogdahn sagt:

    (Anne, ich wollte doch vor dir da sein… :-) )
    *
    …und wenn ich meinen Maulwurf jetzt nochmals, diagnostisch einsaetze,
    um den einen letzten Satz zu fressen:
    „Je mehr die Autorin ihre Gedanken ausschmückt,
    umso weniger hat sie zu sagen“
    dann… „schmeckt gut!“ mault er vielleicht
    und wirft mir doch mit blinden Augen seinen Hunger
    auf weiteres, sättigendes Fressen in meine Gedankenwelt. –
    Was also tun? Ich will ihn ja nicht verhungern lassen.
    Aber ich werde mich hüten, ihm Regenwürmer zu kommentieren!
    Ich weise es doch, dass für ihn gilt: „Sich regen bringt Würmer“.
    Und für uns alle in unserer Verschiedenheit gilt hier
    beziehungsweise weiterhin: “Sich regen bringt Segen!“
    Na dann mal zu!

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